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NOTE TÖ" THE READER
FRAGILE
THE PAPER l\ THIS VOLUME IS BRIHLE
PLEASE HANDLE WITH GARE
~ — ^\
GernnistiSGlie Abhandlungen
bcgrändet
Karl V.^einhcld
herausgegeben
Ton
XV. Heft
Der Uebergang
vom Hittelhoehdeotsehen zdid Neohoehdentsehen
io der Sprache der Breslauer Kanzlei
von
Bruno Arndt
Bri'Hlan.
Verlag von M. & H. Marcus.
Der
Dberpng m litteMdeiiUeD m
iwkAUsAm
in der Sprache der Breslauer Kanzlei
von
Bruno Arndt.
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• 4
Breslau.
Verlag von M. & H. Marcus.
1898.
Germanistische Ahhandlungen
begründet
von
Karl Weinhold
herausgegeben
von
XV. Heft.
Der Uebergang
vom Mittelhoehdentsehen zdid NeDhoehdentsehen
io der Sprache der Breslauer Kanzlei
von
Bruno Arndt
Brf*8lau.
Verlag von M. & H. Marcus.
1898.
Der
Sbergaog vom Hittelhoehdeukhen zni
NeuhoeMeDlsehen
in der Sprache der Breslauer Kanzlei
von
Bruno Arndt.
Breslau.
Verlag von M. & H. Marcus.
1898.
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I o591 5
Vorwort.
Die DEchfolgenden Untersachungen über die Entwicklung
der Breslauer Kanzleisprache yom Mittelhochdeutschen zum Neu-
hochdeutschen entstanden 1896/7 und wurden nach Ostern 1897
Yon der Breslauer philosophischen Fakultät als Inaugural*
Dissertation genehmigt. Als solche erschien separat gedruckt
der Abschnitt, der den Vokalismus behandelt (Breslau 1897 bei
M. & U. Marcus).
Die Anregung zu diesen Untersuchungen gab mir Herr
Prof. Ür. Vogt, dessen Ratschläge mir bei der Abfassung der-
selben Yorzttglich von Nutzen waren, und dem ich auch meinen
besonderen Dank für die liebenswürdige Nachsicht ausspreche,
mit der er mir beim Druck dieser Arbeit hilfreich zur Seite stand.
Ausserdem danke ich Herrn Dr. Wendt, Kustos an der
Breslauer Stadtbibliothek, ftlr die schätzenswerten Winke, die
er mir anlässlich der Benutzung des Handschriftenmaterials zu
teil werden Hess, sowie Herrn Oeh. Rat Prof Dr. Orünhagen,
der mir ftlr das Kapitel »Wortschatz« erwünschte Nachweise
aus den handschriftlichen Wortregistern des Königl. Staats-
archivs zu Breslau zukommen Hess.
Ich hoffe, dass meine Arbeit nicht ohne allen Wert für die
Kenntnis der Entwicklung der nhd. Sprache überhaupt sein
wird, insofern sie manche Schlaglichter auf das Gesamtbild
dieser Entwicklung fallen lässt.
Breslau 1898.
Bruno Arndt.
Berichtigungen.
S. 1, Z. 9 u. 5 V. u. 1. Thime st. Thune.
S. 34, Z. 4 V. 0. 1. au st. an.
S. 57, Z. 13 V. 0. 1. marggrafen (2) st. margrafen (2).
S. 69, Z. 12 V. u. ]. iczunt st. iczundt.
S. 71, Z. 11 V. o. 1. dreisig st. dreissig.
S. 82, Z. 13 V. o. 1. umb st. umbe.
S. 94, Z. 3 V. o. 1. fromen st. formen.
• .• • • . .
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••• •
im Folgenden handelt es sieb am eine Untersnchang des
Überganges der Breslauer Kanzleisprache von den md. Dialekt-
formen ans zn der nhd. Schriftsprache. Diese Entwicklang in
ihren einzelnen Phasen festzastellen, ist der Zweck dieser
Arbeit.
Die Quellen, die ich ftlr die Untersuchung benutzt habe,
sind Handschriften aus der Zeit von 1352 — 1560. Sie gliedern
sich nach Zeit und Charakter in 4 Gruppen: A, B, C, D.
Unter A sind 2 Urkunden aus den Jahren 1352, 1359 zu-
sammengefasst.
Sie sind dem Copialbuch (Breslauer Stadtarchiv D 2) ent-
nommen, das um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Breslau
entstand. Es enthält Originalurkunden und deutsche Über-
setzungen von lateinischen Texten, wobei die deutschen und
lateinischen Texte nebeneinander gestellt sind. Das Copialbuch
ist eine Pergamenthandschrifk und zeichnet sich im Gegensatz
zu den Signaturbttchern durch saubere, schöne Schrift aus.
Unter B sind zusammengefasst die streng md. Urkunden
des Thune von Coldicz und der Breslauer SignaturbUcher aus
den Jahren 1389 — 1447, wie sie von Stobbe in der Zeitschrift
fUr Geschichte und Altertum Schlesiens Bd. VI — X heraus-
gegeben sind.
Die Urkunde des Thune von Coldicz, houptman von Breslow
(Breslauer Stadtarchiv N 27 b — h [M 9 c^]), stammt aus dem
Jahre 1370. Über die Signaturbücher vgl. die einleitenden Be-
merkungen Stobbes in der Zeitschr. f. Gesch. u. Alt. Schles. B. VF.
S. 335 ff.
Arndt, Entwicklunfr der BreaUuer Kanzleisprache. 1
• ••
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. • Der Teit," den Stobbe in jenen Bänden von faistorücben
/'•/••VV^^^^^^PU^i^^^Q aus yeröffentlicbt hat, ist jedoch, wie aas einer
!\ :';.,.•'•' Vergleichung mit den Handschriften (Breslauer StadtarchiT G 5)
hervorgeht, Air eine sprachliche Untersuchung sehr fehlerhaft
wiedergegeben. Ich habe daher nicht den Stobbescfaen Text
sondern die entsprechenden handschriftlichen Originale untersacbt
Es erscheiot verlockend, die Entwicklung während des Zeit-
raumes 1389 — 1447 nach den einzelnen Stadtschreibem za ver-
folgen, die jene Urkunden geschrieben haben, znmml da der
weiteren Untersuchung Eschenloers Urkunden vorgelegen hmben.
Dieser Gesichtspunkt lässt sich aber nicht festhalten.
Wie aus der Abhandlung von Alwin Schulz: Die BresUaer
Stadtschreiber im 14. und 15. Jahrhdt. fZeitschr. d. V. £ Gewh.
n. Alt Sehles. B. X, S.158 ff.) hervorgeht, sind stets zwei Stadt«
Schreiber angestellt gewesen. Ausserdem aber folgten sich die
einzelnen Schreiber im Amte nicht so, dass der Nachfolger erst
beim Tode bezw. Amtsaustritt des Ersten eintrat sondern die
Thätigkeit des einen griff in die des andern über.
Um dies deutlich zu machen, will ich im Folgenden die
Parallelreihen der Stadtschreiber nebeneinander stellen.
Die eine Reihe wird ausgefüllt von Paul Lynke 1384 bis
1489 und Jacobus Haselberg 1408—1463.
Die zweite Reihe bilden Erasmus 1370—1391. Von 1391
bis 1400 ist eine Lücke, während der Lynke allein angestellt
gewesen sein mag.
Sodann Nicolaus Hubener 1400—1409.
Jacob Haselberg 1412—1427.
Peter 1417—1424.
Johannes Lozak 1422—1437.
Vincencius Bela 1424-1433.
Peter Heger 1431—1453.
Diese Parallelreihen erklären daher die Unmögliefakeit, die
einzelnen Texte nach den Autoren zu sichten. In den Hand-
schriften stehen auch unvermittelt nebeneinander Texte von
verschiedener Hand, und wir haben keinen Anhalt daf&r, wem
der eine, wem der andre zuzuweisen ist. Auch handelt es sieb
ja bei unserer Untersuchung nicht darum, die Sprache der
einzelnen Schreiber, jede für sich, zu betrachten, sondern es soll
ein Bild der Entwicklung der Breslaaer Kanzleisprache im
grossen nnd ganzen gegeben werden. Anf etwaige fremde Ein-
flüsse, die ihren Omnd in der HerlLunft der Stadtschreiber
haben können, habe ich, soweit sie Überhaupt mit Sicherheit
sich nachweisen lassen, in der Untersuchung selbst aufmerksam
gemacht
Als nächste Etappe der Entwicklung wurden Eschenloers
Urkunden nnterancht, soweit sie in den Script, rer. Silesiac.
B. XII Yon Dr. Kronthaler und Dr. Wendt veröffentlicht sind.
Sie führen in unsrer Untersuchung den Buchstaben C und um-
fassen die Jahre 1470—1477, stammen also aus der letzten
Zeit Yon Esch. Thätigkeit und geben darum ein festes, ab-
geschlossenes Bild seiner Schreibweise.
Eschenloer selbst ist zwar Nürnberger Kind, ist aber schon
in seiner Jugend nach Schlesien gekommen. Sein Vater Nikolaus
Hess sich in Görlitz nieder; Peter, der zweite Sohn, erhielt eine
gelehrte Erziehung, erwarb die Magisterwttrde und wurde wahr-
scheinlich 1453 Rektor der Görlitzer Stadtschule.
1455 übernahm er an Stelle des verstorbenen Peter Heger
das Amt eines Stadtschreibers zu Breslau, das er bis 1481
inne hatte.
Über Esch. Leben nnd Thätigkeit vgl. A. Schultz: Einige
biograph. Nachrichten über den Breslauer Stadtschreiber Peter
Eschenloer (Zeitschr. d. V. f. Gesch. u. Alt. Schles. B. V, S. 57 ff.)
— ganz besohders aber die Einleitung zu der Historia Wratis-
laviensis von Magister Peter Eschenloer, herausgegeben von
Dr. H. Markgraf in Script, rer Silesiac. B. V, Breslau 1872.
Esch. Sprache ist die der Breslauer Kanzlei. Die Unter-
suchung zeigt, dass sie sich ohne weitere Besonderheiten in die
sprachliche Entwicklung glatt einordnet.
Aus der Zeit nach Esch. sind die SignaturbUcher nicht aus
allen Jahren erhalten. Es fehlen die Jahre 1480—1489 und
1495 — 1500. Der sprachlichen Untersuchung wurden daher unter
dem Buchstaben D zu Grunde gelegt die Handschriften aus den
Jahren 1490, 1494, 1507, 1510, 1515, 1520, 1524, 1580, 15/
1640, 1545, 1550, 1655, 1560. — Stadtschreiber ans ^
Zeit sind: Gregorius Morenberg 1494—1518. — S. Pr&fl^
— Laurentius Corvinus t 1528. — Vipertus SA^
I
830. ff
G373
1
12. H. Rückert: Entwarf einer systematischen Darstellung der
schlesischen Mundart im Mittelalter. Mit einem Anhange
von P. Pietsch. Paderborn. (Rück. Entw.)
13. 6. Waniek: Zum Vokalismus der schlesischen Mund-
art. (Wa.)
14. K. Weinhold: Mhd. Grammatik. 2. Aufl. Paderborn 1883.
(W. mhd. Gr.)
15. K. Weinhold: über deutsche Dialektforschung. Wien 1853.
(W. Dial.)
16. Wilmanns: Deutsche Grammatik. 2. Aufl. 1897.
17. Wilmanns: Kommentar zur Preussischen Schulorthographie.
Berlin 1880.
Ich wende mich nun zu der Untersuchung der Gruppen
A, B, C, D.
Vokalismus,
a.
a = mhd. a bietet keine Besonderheiten.
Über umlautloses a vgl. e = mhd. e.
Sehr selten tritt o für a ein. Nur in vorfollen 1437; jormorgt
1476 — verochten 1473.
Ausser diesen 3 Worten ist belegt Olbrechte 1437 —
Olbricht 1520 (2). Doch ist dieser Name in dieser Gestalt auch
ins nhd. übernommen.
Schliesslich ist noch zu nennen dor (in Zusammensetzungen
z. B. doran, dorumbe, dorczu etc.). A 13ö2 (2), 1359 (2).
B 1370, 1389, 1393 (4), 1396, 1399, 1403 (5), 1408 (9), 1410,
1411, 1413(2), 1414(2), 1417(25), 1418(6), 1420(3), 1421(8),
1423(6), 1424(11), 1426(2), 1427, 1428(5), 1429(2), 1431(4),
1433, 1437 (6), 1438 (2), 1440 (3), 1442 (4), 1445, 1447 (8).
C 1470 (10). 1471 (14), 1472 (8), 1473 (3), 1474 (6), 1476 (4),
1477 (9). D 1490, 1507 (3), 1510 (2), 1515 (2), 1524 (5),
1530 (3), 1534 (2), 1540, 1545 (2).
Nach 1545 ist mir dor nicht mehr begegnet. Bei der
Verdunklung des a zu o hat in diesem Falle die Tonlosigkeit
des Wortes, sowie die Analogie von do mitgewirkt, dem mhd.
da und do zu Grunde liegen, vgl. S. 8, 9.
Au allen Beispielen geht betror, dass o nur rot r und I
erscheint Vgl W. mhd. Gr. § 30. - Wa. § 20,3. — Rttck.
Entw. S. 31*.
a = mhd. a.
Neben dieses a tritt als md. Eigentflmliehkeit o, das sieb
sehr zih hält and spit rerschwindet a ist an nnd fbr sich im
l'bergewicbt. doch währt es geraome Zeit, ehe es allein herrscht.
Das Nähere wird die Statistik xeigen. W. mhd. Gr. § 90. —
Rttck. Entw. S. 39. — Bahder S. 50.
Über den Lantwert des d Tor bestimmten Konsonanten vgl.
Wa. § 18.
Beispiele ans schlesiscben Denkmälern späterer Zeit bringt
Drechsl. S. 2ö. — über das heutige Schlesisch Tgl. W. Dial.
S. 28.
hat A 1352. B 1370 (3), 1389 (2), 1392, 1393 (15),
1394 (4), 1396 (3>, 1399 (3), 1403 (2), 1407 ^o), 1408 (14),
1409, 1410 2), 1411(3), 1412(2), 1413(6), 1415(4), 1417(35),
1418 (15), 1419 (6), 1420 (6), 1421 (9), 1422 ^6), 1423 (9),
1424 (35), 1425 (S), 1426 (13), 1428 (2), 1429 (2X 1430 (4),
1431 (8), 1433, 1434, 1436 (7), 1437 (2), 1438 (2), 1439 (3),
1440 ^12), 1442 (24), 1444 (4), 1445 (19), 1446 (17), 1447 (2).
C 1470 (2), 1471 (15), 1472 (25), 1476 (4), 1477 (11). D 1790
aOj, 1494(10), 1507(7), 1510 (8X 1515(7), 1520(4), 1524(14),
1530 (19), 1534 (5), 1540 (2), 1550 (12), 1555 (6), 1560 (10).
bot B 1421, 1430, 1432 (4), 1435, 1437 (3), 1440, 1441 (3),
1443 (4), 1445, 1447 (2). C fehlt. D 1490 (4), 1507. — Seit
1530 ist die gekürzte Form hott belegt: 1530 (5), 1534 (6),
1540 (13), 1545 (2), 1550.
Beachtung verdient, dass in C die o-Form fehlt
Nach 1550 ist mir o nicht mehr begegnet.
rat B 1389 (3), 1407, 1417 (3), 1419, 1420, 1421, 1422 (2),
1423 '4), 1424 (S), 1426, 1428, 1429 (4), 1430, 1447 (2).
C 1471 (2). 0 1494, 1510, 1515, 1524. ratt D 1530.
rath B 1417 (2), 1424 (6), 1436, 1446. C fehlt D 1494
1524, 1534.
rot B 1435. C fehlt. D 1490 (3),
rate A 1352, 1359. B 1389 (4), 1393, 1413 (2), 1417 (2),
1421, 1424 (3), 1428, 1430, 1447. C 1470 (2), 1471 (4),
1477 (2). D 1494, 1515, 1520.
rote nar B 1389.
rates B 1417 (2), 1439, 1447. C fehlt. D 1510 (3),
1515, 1520 (2).
rathis D 1520. ratbman A 1352. ratbmannen A 1352.
rathsfrund D 1494, 1520. ratsfrenndt D 1530. ratbsfrennd
D 1540. ratbe D 1494. raten C 1471, 1472 (2). A 1359.
ratende C 1471. geraten C 1471.
Za all den letzten Formen sind die o- Formen nicbt belegt.
Aber bansrotb D 1520 — ungerotben D 1494.
nach B 1393 (4), 1394, 1396 (2), 1399, 1403 (5), 1414 (3),
1417 (4), 1418 (4), 1419 (2), 1420, 1421 (2), 1422, 1423 (2),
1424 (9), 1426 (3), 1428 (3), 1429 (2), 1430 (3), 1433 (2),
1436, 1437 (5), 1439 (2), 1442 (8), 1445 (3), 1447 (6).
C 1477 (3). D 1490. (6), 1494 (6), 1507 (5), 1510 (9), 1515 (8),
1520 (3), 1524 (20), 1530 (21), 1534 (7), 1540 (9), 1545 (5),
1550, 1555 (11), 1560 (5).
noch B 1370 (3), 1394, 1407, 1408 (6), 1410, 1411 (2),
1413 (2), 1415 (2), 1417 (7), 1418 (3), 1419 (2), 1430 (3),
1432 (5). 1433, 1436 (3), 1440, 1441 (4), 1444 (2), 1446 (5),
1447. C 1470 (2), 1471 (16), 1472 (5), 1473 (3), 1477 (5).
D 1490 (2), 1507, 1510 (2), 1515 (2), 1520 (9), 1630 (3), 1550.
Bemerkenswert ist die Häufigkeit von noch in C. Im
Übrigen ist das Zorücktreten in D auch ersichtlich.
lassen (lasen, lazin) B 1370, 1393, 1396, 1399, 1403 (3),
1408, 1412, 1413, 1414, 1421, 1422 (2), 1423 (5), 1424 (4),
1425 (2). 1426 (3), 1428, 1431, 1433 (3), 1437 (4), 1438,
1439 (3), 1442 (2), 1444 (4), 1445, 1447 (3). C 1471, 1477.
D 1490, 1494, 1515 (2), 1524, 1530 (6), 1560.
lossen A 1352. B 1417 (3), 1419, 1421, 1425, 1530 (2),
1433, 1436 (2), 1441 (3), 1445, 1446. C 1470, 1471 (5),
1472 (2), 1476, 1477 (2). D 1490, 1494, 1515, 1524 (2),
1530, 1534, 1540, 1555.
gelassen B 1418, 1424, 1433, 1445 (3). C fehlt. D 1494 (2),
1515 (5), 1520, 1524 (7), 1530 (8), 1534 (8), 1540 (2), 1545 (4),
1550, 1555 (3), 1560 (5).
geloBsen B 1430, 1431 (2), 1436, 1440 (3), 1443, 1444,
1447 (2). C 1470, 1472, 1476. D 1490 (2), 1510, 1515 (3),
1520 (4), 1530 (3), 1534 (2), 1540 (5), 1550, 1555.
Das Anwachsen der a- Formen in D im Gegensatz zu B, C
verdient Beachtung.
lasset C 1476, 1477. losset C 1471, 1477. losse C 1471.
gefraget B 1393 (2). aber: frogen B 1413 (2). frogeten
B 1413. froge B 1427.
abende B 1393 (2), 1396, 1417 (2), 1408, 1409, 1424,
1429, 1437. C fehlt. D 1490. abnnde B 1393 (3), 1396,
1397, 1446. abnnd B 1399, 1433.
owande B 1399. obinde B 1419, 1420, 1421, 1426, 1431,
1434 (2), 1442, 1446 (5). C 1470, 1476 (2). D 1515, 1524.
Ein abschliessendes Urteil Über diese Fälle lässt sich nicht
geben. Es sind zn wenig Beispiele belegt, besonders aas der
späteren Zeit.
jar B 1370, 1407, 1408 (2), 1415, 1418, 1426 (2), 1428,
1435, 1443, 1447. C fehlt. D 1490, 1494 (2), 1510, 1620 (2),
1524 (4), 1530 (5), 1534, 1540 (2), 1545 (3), 1555 (4), 1560 (2).
ior B fehlt. C 1472, 1476 (3). 0 1515 (2), 1530.
Bemerkenswert ist, dass Eschenloer nur die o- Formen kennt.
Im Übrigen ist das Verhältnis klar.
iare A 1352. B 1370, 1408 (3), 1421, 1423, 1436 (2)»
1445. C fehlt. D 1510, 1524.
iore B fehlt. C 1471 (3), 1472, 1477. 0 fehlt.
jares B 1417, 1426 (2). C fehlt. D 1530, 1534 (2), 1540.
iores B fehlt. C 1472. 0 fehlt. Vgl. oben.
Auch hier also ist nur die o-Form in C vertreten.
iaren B fehlt. C 1477. D 1530, 1534, 1540.
ioren B fehlt. C 1472. D 1530 (2). Das Verhältnis
ist klar.
da B 1399, 1413, 1446. C 1471, 1473. D 1490 (4),
1494, 1507 (5), 1510, 1515 (2), 1520 (2), 1524 (8), 1530 (22),
1534 (5), 1540 (4), 1545 (5), 1550 (6), 1560 (3).
do A 1352. B 1370, 1389, 1393 (7), 1399 (2), 1403 (5),
1407, 1408 (5), 1409 (3), 1410, 1411 (3), 1413 (3), 1414,
1417 (8), 1418 (10), 1419 (2), 1420, 1421 (7), 1423 (6),
1424 (10), 1426 (4), 1427 (6), 1428 (6), 1429 (4), 1430,
1431 (3J, 1433 (6), 1434 (4), 1437, 1438 (3), 1441 (4), 1443,
1446 (4). C 1479 (8), 1471 (12), 1472 (26), 1473 (14),
1474 (6), 1476 (6), 1477 (7). D 1490 (4), 1494 (2), 1510,
1515 (5), 1520, 1524 (3), 1530 (5), 1524 (4), 1540 (2).
Das Zurückgehen von do, sowie das Anwachsen von da
ist aogenscheinlich. Der Charakter von do ist insofern nicht
ganz klar, als es nicht nnr mhd. da laaUich vertreten, sondern
aach dnrcb das temporale dd beeinflusst sein kann.
getan B 1418, 1421, 1424 (5). 1428, 1433, 1442, 1446.
C. 1470 (3), 1471 (4), 1472 (4), 1473 (3), 1476, 1477- (3).
D 1560. gethan B 1476. C fehlt. D 1490 (4), 1494 (2),
1515, 1530, 1540, 1555 (7), 1560. gethanen D 1540, 1560.
gethaner D 1550.
geton B 1417, 1418, 1434, 1446. C fehlt. D fehlt, gethon
B fehlt. C fehlt. D 1534. gethoner 0 1520. gethoncn D 1530.
Die o-Formen erlöschen vor der Mitte des 16. Jahrhdts.
genaden A 1352 (2), 1359 (2). B 1370, 1421. C fehlt.
D fehlt gnaden B 1421 (3), 1424 (11), 1426, 1433, 1434,
1437, 1443, 1446. C 1471 (5), 1477 (4). D 1530, 1534.
gnoden B 1408. C fehlt. D fehlt.
gnade B 1421, 1424 (2), 1439, 1446. C 1470, 1471 (3),
1477 (5). D 1510, 1524. gnode B 1412. C fehlt. D fehlt.
Das Verhältnis ist also auch hier klar.
gedachte D 1515 (2). gedachter D 1524, 1530 (5),
1534 (2), 1550. gedachten D 1530, 1534, 1540, 1545. ge-
dachtem D 1530 (4), 1534 (2). nnverdacht B 1424. obgedacht
D 1530. gedacht D 1534. unbedachten 0 1550.
gedocht C 1472. gedochte D 1490, 1507 (4), 1515 (3).
gedochten D 1530. unbedocht D 1540, 1550. A 1352. ge-
dochter D 1540 (2). wolbedochtem B 1417. A 1352, 1359.
Die a- Formen überwiegen.
bracht B 1397 1424 (2). C fehlt. 0 1530. furbrachten
D 1550.
brecht B 1408, 1417, 1424, 1427, 1433 (2), 1436, 1443 (4),
1447 (2). C 1470 (2), 1471 (3), 1472 (2). D fehlt, brochten
D 1490, 1515, 1520.
Die 0- Formen werden also von den a- Formen abgelöst.
10
masse B 1399 (2), 1403, 1408, 1409, 1414, 1417, 1419,
1423 (2). moBse B 1419, 1421, 1432, 1436, 1445. D 1490, 1510.
mala (in Komposition z. B. vormals etc.) A 1352. B 1418,
1424, 1426, 1432, 1444. C fehlt. D 1494 (2), 1515, 1520.
mols A 1359. B fehlt. C 1471, 1476, 1477. D 1490,
1520. mol B fehlt. C 1470 (2), 1473, 1476. D 1534, 1540.^
Hervorzuheben ist, dass C nur die o- Formen aufweist.
waren B 1417, 1429. C 1470. D fehlt, aber: wahr 1534.
woren B 1417, 1424 (2), 1437, 1444. C 1470 (2), 1471,
1477. (4). D fehlt.
Nur in C ist belegt worheit 1470 (2); worhaftiglich 1477;
worhaftiglichen 1471. Dagegen: warlich 1477; worlioh 1471.
Die 0- Formen reichen über das 15. Jabrhdt. nicht hinaus.
gaben D 1534. goben B fehlt. C 1472. D fehlt gobe
D 1510.
strafen B fehlt. C fehlt. D 1534. straffe. D 1545.
strofen B 1421, 1435 (2). bestrofe B 1411. C 1471,
1477 (3). D fehlt.
Das Verhältnis ist auch hier deutlich ersichtlich.
Es schliessen sich hier die Fälle an,* wo a- Formen und
0- Formen ohne Korrelate vertreten sind.
a- Formen: bla 1313 — saffran 1393 — undirtanen
1471 (4), 1473 (2), 1477 (3) — undirtanig 1477 — undirtani-
keit 1472 — taten 1472 — tat 1472 (2) — gehat 1424 (2),
1426 — goltschlaer 1530 — dromelschlaer 1530.
0- Formen sind: woge 1352 (2) — nedirloge 1359 —
swoger 1408, 1436, 1445 (2), 1490, 1515 (2) — schwoger 1507,
1524 - schwogers 1507 — yo 1393, 1414, 1424 (2), 1471 (4)
— voriochen 1473 — Strosse 1423, Strossen 1436, 1443 —
strosplackerey 1476 — bobist .1470, 1471, 1472 (2) — hobst
1470, 1471, 1472, 1477 — bobistes 1471 (3), 1472 — smocheit
1435, 1470, 1471 — nockborschaft 1471 — nockboren 1471 (2),
1472 — nockweren 1477 — nohen 1472.
Die Mehrheit der Beispiele stammt also aus C. Nur sehr
wenige reichen in den Anfang des 16. Jahrhdts. hinein.
Es zeigt sich also auch hier, was als. Resultat der all-
gemeinen Statistik ausgesprochen werden kann^ dass um die
_ 11
Mitte des 16. Jahrhdts. die a- Formen herrscbeDd geworden sind.
Möglieberweise erscheint noch nach diesem Zeitpankt hier and
da eine yereinzelte o-Form, an der Thatsache an sich kann das
nichts ändern.
Die Länge des a beruht bisweilen auf Kontraktion.
ä < abe: han 1852 (2), 1393; hat (vgl. oben).
ä < ahe: beslan 1393; emphan 1408 etc.
ä < age: betadingen 1507, 1510, 1524 etc. Vgl. W. mhd.
Gr. § 33.
a = mhd. ä, nhd. ö.
ane A 1342. B 1396 (2), 1401, 1403, 1407, 1411,
1413 (2), 1414, 1417 (6), 1418 (3), 1419, 1420 (2), 1423 (3),
1424 (3), 1428 (2), 1429 (2), 1430, 1432 (2), 1436, 1437,
1440 (2), 1440, 1446 (2). C 1471 (7), 1472 (2), 1473 (5),
1476, 1477 (6). D 1490 (2), 1494, 1507, 1510, 1515 (2),
1524 (5), 1530 (2), 1560. ahne D 155ö, 1560.
Daneben erscheinen die o- Formen:
oue B 1421, 1433. C fehlt. D 1507, 1534 (2), 1540 (2).
ohne D 1507.
Nhd. 0 ist durchaus durchgedrungen in wo 1417, 1424,
1427, 1437, 1471 (3), 1476 (2) etc.
Ferner sind belegt montag, monat (in allen Jahren); aber
schon mhd. stehen nebeneinander mäntac, möntac — mänöt,
mönöt.
a = mhd. e.
bekart 1477 — widerkart 1471.
Über diese Erscheinung vgl. Weinhold mhd. Gr. § 101.
— Drechsl. S. 21.
a = mhd. e.
salb 1444 — salbander, salbdritte 1444.
Also nur in B. In der Regel tritt a ein, wenn c vor ge-
decktem 1 (und r) steht. Dieser Vokalwechsel ist selten.
Rück. Entw. S. 24. — W. mhd, Gr. § 49.
a = mhd. o.
gesprachen B 1389, 1393 (2), 1443.
Diese Form stirbt ab. Nach 1443 ist nur noch gesprochen
belegt. Dagegen ist sehr zäh:
12
nach B. 1385, 1393, 1394, 1414, 1421, 1424 (21), 1426 (3),
1428 (4), 1443. C 1476. D 1490 (2), 1494 (5), 1510 (5),
1515, 1520, 1524 (11), 1530 (8), 1534 (6), 1555 (2), 1660 (2).
Nnr 1530 ist noch belegt, doch kann »ach ein Schreibfehler
vorliegen.
adir B 1370, 1399, 1401, 1403, 1413, 1417, 1424 (6),
1426, 1428 (2), 1429, 1431, 1435 (2), 1439, 1441 (3), 1445,
1447 (2). C 1470, 1471 (2), 1472 (3), 1473 (4), 1476. D fehlt.
ader B 1399 (23, 1403 (2), 1407, 1411, 1414, 1420 (3),
1421, 1422, 1424, 1426, 1430, 1435 (2), 1436, 1439, 1441,
1442, 1444. C. 1470 (3), 1471 (8), 1473, 1477. D. 1490, 1494,
1507 (3), 1510 (3), 1515 (3), 1520 (2), 1524, 1534.
Sehr spät erscheint die obd. nnd nbd. Form:
oder 0 1530 (3), 1534, 1540, 1545 etc.
ap B 1399, 1411, 1417 (3), 1418 (2), 1419, 1420 (2),
1421 (2), 1425, 1428 (2), 1430, 1432 (3), 1435, 1436, 1439 (2),
1442, 1447 (3). C 1470, 1471 (11), 1472 (3), 1473 (2), 1476,
1477 (6). D 1490, 1494, 1515, 1520 (3).
ab B 1393, 1396, 1399, 1401, 1403, 1408, 1413, 1417,
1421, 1423, 1424 (2), 1429, 1437, 1445. C 1476. D fehlt.
Auch hier erscheint die o-Form ziemlich spät:
op C 1471. ob D 1534, 1545.
Die a-Formen erlöschen demnach im Beginn des 16. Jahrhdts.
tachter B 1417. C fehlt. D 1490 (2), 1507 (5), 1610 (2),
1515 (3), 1520 (4), 1524 (5), 1555 (2), 1560. tachtere D 1490 (2).
Im 16. Jahrhdt. werden die a -Formen durch die o -Formen
verdrängt:
tochter 0 1530 (4), 1534 (2), 1540 (3), 1555 (2), 1560 (2).
dach B 1421. C fehlt. D 1490 (2), 1494, 1620.
Die gewöhnliche Form ist doch.
mitwachen B 1424, 1426 (2). C fehlt.
mitwach D 1490 (3).
Die o-Form ist das gewöhnliche und ist im 16. Jahrhdt.
allein belegt.
aben B 1396, 1443. C fehlt. D fehlt.
Ausser den 2 Beispielen ist nur die o-Form vertreten.
Über a in den angefahrten Fällen vgl. Rttck. Entw. S. 25,
26. — W. mhd. Gr. § 67. — Bahder S. 50.
13
Noch andere Fälle, in denen a = mhd. o ist, bleiben für
die Besprechung übrig.
sal A 1359 (2). B 1389 (3), 1390, 1393 (2), 1396 (6),
1399 (4), 1403 (9), 1407 (2), 1408 (3), 1409 (4), 1411 (4),
1414, 1417 (10), 1418 (4), 1419 (2), 1421 (2), 1422 (5),
1423 (7), 1424 (7), 1425 (2), 1426 (4), 1428 (2), 1430, 1432 (3),
1433, 1435, 1436 (2), 1439, 1441 (2), 1445, 1447 (3). C 1471 (9),
1472, 1476 (2), 1473 (3). D 1490, 1494, 1507 (3), 1510 (5),
1515 (3), 1520 (2), 1524 (5). salt B 1426.
Seit C erscheint die o-Fonn and wird im 16. Jahrhdt.
herrschend.
sol B fehlt. C 1477. D 1530 (5), 1534 (2). soll
D 1530 (7), 1534 (8).
Seit 1534 ist die o-Forro durchgedrungen.
bevalen B 1-394. C fehlt. D fehlt.
Die o-Form ist herrschend.
derhalen B 1419.
Ebenso: van B 1403, 1426, 1437, 1442. C fehlt. D fehlt.
Die gewöhnliche Form ist von.
Über a in den letztgenannten Fällen (von sal an) vgl. W.
mhd. Gr. § 30. — Wa. § 22, 10. - Bahder S. 50.
Ich schliesse mich in der Trennung bezw. Nebeneinander-
stellung von gesprachen etc. und sal etc. der Auffassung Wein-
holds an, der im ersten Falle in der Schreibung a die Neigung
erkennt, o offener nach a hin auszusprechen, im zweiten Falle
die Abneigung, die gemeindeutsche Senkung des a zu o im md.
wirken zu lassen. Vgl. W. mhd. Gr. a. a. 0.
e.
e = mhd. e ist sehr zahlreich belegt während der ganzen Zeit.
helse, mechtig, gesellen, gefenknis, veter, genczlich, kerling,
eldisten, nemlich, entlichen, veterlichen, spenne, gelestert; schetzer,
mentler etc. etc.
Seit dem Ende des 15. Jahrhdts. erscheint der jüngere Um-
laut, der durch ä bezeichnet wird.
Frangk, S. 98, setzt diese Schreibung als die regelmässiger
an: »Das a | mit dem kleinen e { odder zweien pUnktlin ; wie
obenuermeldt j bezeichnet | wird gebraucht | jnn deriuatiuis <
14
das ist { juD den Worten { so ir ankunfflt von andern nehmen '
als die namen | so jnn die gemehrte zal | oder auch aduerbia
treten und absteigen { darinne das a braucht wird etc.«
väterlich 1494; väterlichen 1494, 1524, 1560 (2); väterliche
1507; tochscbilser 1510.
Oft fehlt der [Tmlani ganz. Im älteren Schlesisch sind
solche Formen verhältnismässig selten. Vgl. Rück. Entw. S. 23,
24. — W. mhd. 6r. §27: Dem Umlaut^ widerstrebt das md. etc.
— Bahder S. 4, 50.
Über den jüngeren Umlaut ä und sein Verhältnis zum
älteren e vgl. Bahder S. 104. - Wilm. Deutsch. Gr. § 192 ff.,
§ 198 flf.
über den Stand im heutigen Schlesisch vgl. Wa. § 21. —
W. Dial. S. 22.
Beispiele: gewartig 1439; geschatzet 1423; harmbalge
1440 (5); harmbalgen 1440; geschanckt 1441; nämlich 1515 (2);
vaterlichs 1520; geschaczt 1520 (2); schaczung 1520; vater-
lichen 1530 (2), 1534; vaterlich 1530; onschadlich 1530;
taglich 1534, 1520; unnlanngst 1545; Unterhändler 1560.
Analogie wirkt Umlaut in stathelder 1429 (4), 1471, 1507
— beheldet 1408 — schumecher 1428 — Stellemecher 1417 —
denne, wenne (sehr zahlreich). Vgl. W, mhd. Gr. § 28.
Als unechten Umlaut bezeichnet dort W. auch erbeit
1424, 1436.
Im Verlaufe des 16. Jahrhdts. erlischt dieser Umlaut und
die a- Formen treten ein; z. B. tuchmacher 1530 — stad-
halters 1530.
Dehnung des e findet sich nur in C.
beere 1470, 1472 (4), 1477 — heeris 1477 — beeren 1477
— gescheege 1477.
Die Doppelschreibung bezeichnet hier die Länge.
Vgl. Rück. Entw. S. 101.
e = mhd. ö.
begern, ledig, recht, gegeben, nemen, vorfechtin, recht, ferre,
vormeser, lebit etc. etc.
16
Über die Verschiedenlieil der Lautwertc von e = nihd. e
and mhd. = (5 vgl. W. mhd. Gr. § 41. — Grdriss. § 26. —
Femer vgl. S. 14. — Über die weitere Entwicklung vgl.
Drecbsl. S. 12.
Darob Eonsonantenausfall and Vokalzasammenziehang er-
giebt sieb e in Formen wie czen, gesen, gescben, gen
« gegen) etc. Vgl. W. mbd. Gr. § 52.
e = mbd. ».
were, weren, teten, ongerete, neme, nebst, nest, sebet (mbd.
ssejen, ssewen), stete , vorreter, kweme, gedecbtnis, begebe,
jerlicb, Tbome, Marie, gesmebit, gnedig, brecbte etc.
Weitere Beispiele bei Drecbsl. S. 22. — Über die 6e-
scbicbte dieses Umlaates vgl. Grdriss. § 32.
md. ist ancb freigrefe 1442; freigrefen 1442. Vgl. bierza
W. mbd. Gr. § 93. (greve < grävio.) In späterer Zeit sind
diese Formen nicbt mebr belegt.
Scbreibang ä nur bawsgerätbe 1515 — jhärigen 1560 -—
neunjärieges 1560.
Dagegen feblt der Umlaut, und zwar aucb nur in der
späteren Zeit (16. Jabrbdt.) in saliges 1515, salige 1524, jarlicbs
1494, 1510, 1515, 1524 — jarlicb 1534 — gnadiger 1634. —
W. mbd. Gr. § 94.
e = mbd. e.
mer, czwene, elicb, stet, get, ewiglicb^ eren, erwirdige,
erbam, ersamen, erste, keren, eb, sere etc. etc.
Vielfacb findet sich die Schreibung ee; vgl. Rück. Entw.
S. 101 — Babder S. 5.
Analogiebildung oder nur graphische Bezeichnung liegt vor
in folgenden Fällen:
steen 1417, 1424, 1447, 1470 (2), 1471 (3), 1472 (3),
1473 (2), 1474 (2), 1476 (5), 1477 (6), 1507, 1530 (2) —
steet 1471, 1477 (2), 1530, 1540 — geen 1424 (2), 1434, 1470,
1471, 1472, 1530, 1534 (2) — geet 1520 ~ gescheen 1433,
1442 (2), 1447 (2), 1470 (3), 1471 (9), 1472 (2), 1473 (6),
1474 (2), 1477 (9), 1490, 1494, 1510, 1515, 1524 (2), 1530,
1550 — gescheenem 1634 — geschee 1473, 1477, 1510 —
eegelde 1445 — eelichen 1524, 1530 — eelich 1540 — meer 1472.
16
In allen diesen Fällen findet sich auch tremiCBdes k
Keftcheben 1490, 1530, 1550 — geh« 1494 2, 1534 -
«tehen 1490 — meher 1494 — ehe 1534, 1555 — eheweibc«
ir>l5, lf)40 (2) - eheweib 1540 2), 1530 - ebewuui 1520,
'•'>24 - Htohet 1530.
Andere Fälle sind: czwec 1494 2, 1507. 1524 — xwe«
\:f:U) (2) — czween 1440, 150L 1510, 1520, 1524 ,2i
fy.f^vn 1494 (2). Vgl. Rück. Entw. S. 102.
Anrli in diesen letzten Fällen ist ee wohl weniger Voka
/^rdfJiniinK, aI** vielmehr Bezeichnnng der Liage darch Do|)
A<'lir#*ihiirif(. Denn neben den ee-Formen stehen die dnCiehe — ^
'■ i^*fffupu\ %. B. czwen 1438 — czwehn 1520 — exwe 1423, 14
»^HM;;;^ f./i.|,n 1417, 1446, 1490, 1510 s\\ 1524 i4> etc.
//Md#«rri jAt in wees 1471 sicher nnr die Länge durch
Drirrh Kontraktion entsteht e in Lenhnrden 1415 ^2)
'ffU^\p \YM), \\?A (nihd. nrvehede .
'• rnhd. i, v^l. i.
^ rnlid. üi.
'hfUfusiuic/'A bewirkt den (bergang Ton ei m e in enande
H \'\%', 2 , 1414, 1417 (2), H24 (2\ 142S .4). 1435, 1436(2)^
A//i 1442 4. 1444^2;, 1415^2), 1446.21. C 1470, 1471(3),
\Vr% Wil f?pj. D 149(J 2;, 1494, 1507 .2>, 1510(3), 1515(2),
r^H ':%,
1/,*: F'/rtii 'einander bricht sich erst spät Bahn nnd ver-
M\^^' m Ifß. Jahrbdt. die geschwächte Form: D 1535 (3),
,'Af/ '♦) 1545, 1555 etc.
* :r #3 iD der Tonsilbe.
w^s^ 1471. — Renold 1540.
Jj» *atw* 1423. 1494, 1510 '3> — czwen 1438 — czwehn
y/jfß — wird aoefa nihd. zwcne eingewirkt haben.
^f0lt0tm:lglfX. betedioget 1423 — betedingt 1534 — bete-
^m^m 14M. 1530. 1550. — Daneben findet sich die Schreibung
hlilffimtlfsi alkrdings^ nnr 1524 6i.
\:h09 e =r »bd. ei rgl. W, mbd, Gr. § 9*. — W. Dial, S. 32.
i ygi vfgtbni in Henrich 1422. 1424 i^) — Henrichen
1414 -* uwcrrii: 13£«6 «T^u
t Diese Formen bleiben demnach auf die früheste Zeit be-
" schränkt. W. mhd. Gr. §§ 102, 124. — Grdriss. § 87.
e = mhd. t.
czwetracht 1477 (2), 1507 — czwetrechte 1471, 1473 (2),
1477 — Swedniez 1424. W. mhd. Gr. § 107 — Rück. Entw. S. 32.
e = mhd. ö.
mechte 1407. W. Dial. S. 33.
Doch kann mechte aach zu mhd. mehte gestellt werden.
e = mhd. ce.
hechste 1477.
Nur dieses eine Beispiel ist belegt. W. mhd. Gr. § 116.
— W. Dial. S. 35.
1.
Die Schreibung ist i, j, y flir kurzes und langes i. j und
y Mrerden im 16. Jahrhdt. seltener. Nach Drechsl. S. 23 setzt
Scherffer y für t; diese Beschränkung trifft flir unsere Denkmäler
niott zu.
i =2 mhd. i.
Dieser Lautwert ist der gewöhnliche und überaus häufig
l^^l^gt Einige Beispiele: sint, wirde, sigel, wider, gerichtet,
^i^%^ diser (dises etc.), frid, spil^ bringen, ligen, geschriben, wirt,
ni^cr, vil etc. etc.
Md. Charakteristikum ist e flir i. Vgl. W. mhd. Gr. § 56.
— Bahder S, 3. — Wilm. Deutsch. Gr. I» § 222, 1.
Das e herrscht yor in B, in C sind mir nur zwei Beispiele
begegnet; in D sind ausser den Formen en, em, er^ ehm etc.
tttkd brengen (vgl. unten), die allein von allen in das 16. Jahrhdt.
hU^überreichen, nur vier andere Beispiele belegt: sebenczig 1490
— bieben 1490 — wedir 1490 — domete 1490. — Zudem
stammen dieselben insgesamt aus einem der ersten Jahre von D.
Das Resultat ist also, dass die i- Formen nach dem 16. Jahr-
bundert zu immer mehr anwachsen, bis sie im 16. Jahrhdt. selbst
die Herrschaft inne haben.
Beispiele für e zunächst in B: weder 1389 (2), 1393 (2),
1401, 1403 (3), 1407, 1408, 1411, 1413, 1414 (3), 1417 (3),
1420, 1423 (2), 1426 (3), 1429 (3), 1431 (2) etc. — geschreben
Arndt, Entwicklung der Breslauer KanzleiBpraehe. 2
18
1359, 1389, 1398, 1408 (4), 1409, 1411 etc. - neder 1359,
1408, 1411, 1417, 1419 (3), 1420, 1426 (2) cic. - mete 1393,
1399 (2), 1403, 1409, 1411 (2; etc. — bieben 1399, 1409, 1415,
1417 (2), 1423 etc. — Ferner: desen, wert, rorewegen, frede,
Hincdc, gcsneteO; speien, gebil, Legnicz, gent, Fredridi, braigeo etc.
C czemet 1470 — brengen 1471 (5), 1473, 1477.
(Zu brengeii lässt sieb *brangjan ansetzen, wozu aaeh
prät. bracbte sehr gut stimmen würde.)
D (vgl. oben).
brengen 1510, 1534, einprengen 1524.
Schliesslicb:
cn B 1403. C feblt D 1490 (2), 1494 (7), 1507,
1510 (Oj, 1515 (7), 1520 (2), 1524.
cm B feblt. C fehlt. D 1490, 1494 (8), 1507 (4),
1510 (3j, 1515 (2), 1520 (2), 1524.
cren D 1507 — er D 1510.
e liegt vor in elim 1520 (2), 1524 (4) — ehn 1507 (9^
1510, 1515 (:m, 1520 (2), 1524 (4), 1530 (2) - ehr 1530 (2).
Die e- Formen nterben also vor der Mitte des 16. Jahrhdta.
Hb. Drccbul. H. 23. — W. Dial. S. 36.
i — mbd. ö.
in i;}59, 1389, 1396, 1403, 1434, 1437, 1471 (6), 1472, 1510.
dinjKit 1471. W. mhd. Gr. § 47. - Rück. Entw. & 34.
i -^ rnbd. ie.
Kellt md. int auch die Monophthongierung von rnbd. ie zn L
Kn nMuui beide Hebreibungen nebeneinander, und es ist der un-
geheuren Anzahl von Beispielen wegen unmöglich, alle Fälle
HtatiMtimib zuiianimcn zu stellen. A hat nur i-Fonnen.
Das Auftreten des i neben ie ist auch fllr die Aussprache des ie
von Wichtigkeit: die ie- Formen, neben denen i- Formen einher
gehen, wurden Mieherlich auch monophthongisch gesprochen. Aus-
drücklich bezeugt ist diese Aussprache schon durch Fab. Frangk.
Das geht aus seiner Kegel (S. 98) hervor: »Desgleichen wie das h |
algo lengt auch das e wenns nach dem i | am End eines Worts
odder Silben | gesatzt wird | als hie | die | diebe ! hiebey
i^ I etat Diese monophthongiseho Aussprache gilt natürlich
1 fllr ie, das fllr mhd. i gesetzt wird. Vgl. unten S. 20
«V mhd« L
19
Dass die MoDopbthongierong in Schlesien schon im 14. Jahrhdt.
▼orhanden war, vgl. Grdriss. § 33. Sodann vgl. Rück. Entw.
S. 37. — Wa. § 34.
Beispiele :
dinen B 1393 (2), 1396, 1408, 1417, 1420. D 1494.
dienen B 1407, 1408 (3), 1409, 1417, 1442 (3), 1446. D 1530,
1545 (2), 1534.
dinst A 1352 (2), 1359. B 1423. C 1471 (3),- 1472 (2),
1476. 0 fehlt, dinstage B 1393, 1394, 1399, 1403, 1413 (5),
1417 (2), 1418, 1419, 1421, 1424. dinetags 0 1530. dienst-
magt 0 1534.
briff B 1393, 1396, 1903, 1407, 1408, 1417, 1424. D 1530.
brieff B 1393 (2), 1403, 1408, 1418 (3), 1422 (3), 1423 (2),
1428, 1436, 1442, 1447. D 1490 (2), 1507, 1515, 1530, 1534 etc.
brife B 1408, 1411, 1417 (3), 1418, 1424 (3). C 1470 (2),
1471 (2), 1471 (2), 1472, 1473 (3), 1476. briffe D 1494. briefe
B 1417, 1418 (2), 1421 (3), 1422, 1423, 1424 (3), 1428 (3),
1428 (2), 1433, 1441.
di (dy) A 1352 (7), 1359 (11). B 1389 (11), 1393 (8),
1394 (4), 1396 (5), 1397, 1399 (2), 1401, 1403 (5), 1424, 1445.
C fehlt. D 1490 (5), 1494 (8), 1515 (4), 1530, 1540 (2).
die B 1389, 1393 (4), 1394, 1399 (5), 1403, 1407 (3),
1408 (16), 1409 (8), 1410, 1411 (6), 1413 (7), 1420 (7), 1421,
1422, 1423 (8), 1424 (19), 1427 (2), 1428 (2) etc. C hat die
ganz durchgeführt. 0 1490 (3), 1494, 1507 (2j, 1515 (3),
1524 (10), 1530 (3), 1534 (5), 1540 (3) etc.
Jedenfalls ist die die weitaus herrschende Form.
si (sy) A 1352 (5), 1359 (3). B 1389 (6), 1390, 1393 (6),
1396, 1401 (3), 1403, 1418 (2), 1429 (2), 1435. C fehlt.
D 1494 (6), 1534 (3), 1540 (4).
sie B 1408 (5), 1409 (3), 1413 (7), 1414 (6), 1415, 1417 (12),
1418 (4), 1419 (6), 1420 (6), 1421, 1422, 1423 (4), 1424 (10),
1426 (3), 1428 (21), 1429 (3). C hat sie durcbgefUlirt.
0 1490 (2), 1507 (6), 1510 (3), 1515 (8), 1520 (4), 1524 (6),
1530 (5), 1545 (3), 1555 (5), 1560 (4).
Es gilt dasselbe wie von die.
20
virde A 1350. C 1477 (2). D 1515. vierde D 1507, 1520.
vir B 1393, 1407, 1408 (2), 1411, 1420 (8). C 1470,
1471, 1476 (2). D 1490.
vier D 1524 (2), 1530 (3), 1534 (4), 1540, 1560 (3). fier
B 1413 (2), 1399 (2), 1417, 1426 (2), 1438, 1445 (2). C fehlt.
0 ebenso.
Die Zahl der Beispiele Hesse sich noch yergrössern. Doch
mag es genügen. Ans der Znsammenstellnng geht heryor, dass
zwar i- Formen noch vereinzelt im 16. Jahrhdt. vertreten sind,
dass aber die ie- Formen entsprechend der nhd. Schreibweise
mehr und mehr in Kraft treten.
Die Länge des i ergiebt sich aus der Doppelschreibnng ij
in hijs 1423. W. mhd. Gr. § 104.
In ny 1426 ist das diakritische Zeichen ohne weitere
Bedeutung. Der einfache i-Laut wird bezeichnet. Ebenso A
sy. Rück. Entw. S. 54.
Ich schliesse an ie = mhd. i.
Sicherlich dient hier e hinter i als Dehnungszeichen, was
schon Fab. Frangk (S. 98) hervorhebt. Es bezeichnet dies den
Übergang zum nhd. Sprachgebrauch.
Doch wird dieser sogar überschritten, da auch in Suffixen
ie fUr i eintritt.
ie in Tonsilben: In A fehlt jede ie-Form. — diesen 1408,
1420, 1433, 1446 — diesem 1421 — dieser 1418, 1420, 1507,
1524 (2), 1530 (6), 1534 (3), 1540, 1545 (2) — diese 1437,
1476, 1510 (2), 1530 — dies 1420 — dieses 1545 — wieder
1417, 1418, 1420 (2), 1421 (4), 1422 (2), 1423, 1424, 1429,
1433, 1442 — wiedir 1445 (2), 1446 - wiederrede 1439 —
wiedirrede 1440, 1446 — geschrieben 1428, 1442 (3), 1524 —
vorgeschrieben 1524 — beschrieben 1560 — vorliehen 1477 —
geblieben 1507, 1524 — viel 1520 — Siegel 1530 — sieben
1555 (2) — siebenden 1530 (2) — siebenczig 1530 ~ schiedt
1515 — entschiedt 1520 (doch stehn mhd. schit, schiet neben
einander).
Andrerseits sind ie- Formen belegt, in denen nhd. einfaches
i zur Herrschaft gelangt ist, z. B. handschriefiUich 1507 — be-
grieflfen 1555, 1560 — wierckliecher 1560.
21
über ie = mhd. i vgl. W. mhd. Gr. § 48. — Rück. Entw. S. 108.
Für sich zu betrachteo ist geschiet 1446.
Hier steht ie für ihe. vgl. W. mhd. Gr. § 53. — Rück.
Entw. S. 108.
ie in Suffixen.
Diese Schreibung tritt sehr spät auf, und es ist zweifelhaft,
ob sie wirklich eine Dehnung bezeichnen soll.
1555: veterliechen, mutterliechen, ehliechen. — 1560: wierck-
liechen, mögliechen. — jhäriegen, vollstenndieg, bewilliegungk^
onmundieger.
ie in selbien 1437, Fenedien 1393, Venedien 1397 (2),
1399, 1409, 1410 (2), 1413, 1445, 1431 (2), 1444 (2). — Vene-
dienynne 1445 — ist kein echter Diphthong. Palatales g ist
zwischen i und e aufgelöst worden. Diese Auflösung bleibt
zudem auf B beschränkt. W. mhd. Gr. § 225.
i = mhd. t.
Der Wandel zu ei tritt schon so stark hervor, dass i nur
als Ausnahme und in verschwindend kleiner Zahl belegt ist. —
W. mhd. Gr. § 108. — Grundriss § 35. — Wa. § 14.
Der Wandlungsprocess schliesst im 16. Jahrhdt. ab. Das
Verhältnis der Zunahme bezw. Abnahme von ei und i wird deut-
lich werden durch den Vergleich der verschiedenen Perioden. A
hat nur i- Formen. B wise 1389 — wys 1399 — obirwiset
1426 — syn (poss.) 1389 - syner 1392 (2), 1394, 1397, 1424 (2)
— syme 1393 (2), 1394, 1424 (3) - synen 1393, 1396 (2),
1424 (7) — syne 1393, 1396 (2), 1399, 1426 - by 1389,
1393 (2), 1397, 1403, 1407 (3), 1408, 1424 (2) — czit 1393 —
frytage 1393, 1403 — yteln, itel 1393 — schriben 1396 —
statschriber 1403 — drier, dry, drysig 1396 — drivaldekeit 1399
— gewist 1403 — bliben 1426 — wynachten 1417, 1436 —
finde 1421 — fint 1423, 1436 — Swydnicz 1396 — Lipczk
1408 — Nyse 1397 — yn (in Komposition z. B. yngenommen
etc.) 1407, 1409, 1417, 1426, 1431, 1432 (3), 1443.
Doch kann in letztem Falle analogischer Einfluss der Prä-
position in vorliegen.
C bliben 1470 — vorczihen 1470 — lichnams 1472 —
ynhalden 1471 — glich 1472 (2) — richs 1477 — Swidnicz
1471, 1474 — Osterrich 1472.
22
D nur yn — (in yngelegit 1490, intragk 1515, yniitrag
1524 (5)). Vgl. dazu yn unter B.
Das Aussterben von i liegt klar zu Tage.
Die Schreibung fUr dieses i ist auch y, i in by, wynachteD
1424 (2). — A. czyten, czit, by.
Der Grund fUr diese Schreibung ist ein rein graphischer,
um das vokalische i, j vom konsonantischen, und wo es BicK
um i handelt, dieses von folgendem n, t zu unterscheiden. Rttck.
Entw. S. 55.
Im Übrigen sind die ei -Formen durchgedrungen. Ihre Zahl
ist Legion. Ich begnüge mich, einige Beispiele summarisch auf-
zuzählen, bey, seyn, weyse, schreiben, czeit, leyd, freitage,
bleiben, treiben, reich, weyns, weisen, queit, frey, bleyes, beidir-
seit, weinachten, fleissige, Sweidnicz, Leipczk, Neysse etc. etc.
i = mhd. e.
irsten 1393 (2), 1403, 1420, 1427, 1433, 1440, 1442, 1447,
1507, 1515 - irstes 1440 — irstlich 1510 — irste 1520.
Aber erstlich 1555 (2).
Ferner hirren 1411, 1424 (3); später ist nur herren belegt
Girdrud 1417.
Über die Verkürzung des i vor r + r und in irste, vgl.
W. mhd. Gr. § 99. Über den heutigen Dialekt vgl. W. Dial. S. 40.
i = mhd. ei.
Diese Erscheinung ist nur in C belegt, hilig 1472 — hiligen
1471 (2), 1472 (2), 1473 (2), 1476 (6) — hiligsten 1470 (2),
1472 — hilikeit 1470 (2), 1471 (2), 1472 (4) — W. mhd. Gr.
§ 99. — Rück. Entw. S. 38 (wo auf Esch. hingewiesen wird).
0.
0 = mhd. a vgl. a.
0 = mhd. ä vgl. a.
0 = mhd. 0. Sehr zahlreich belegt.
Als md. Eigentümlichkeit erscheint u für o vor gedeckter
liquida, ch (ck) und flf. Vgl. Rück. Entw. S. 43, 44. — W. mhd.
Gr. § 63.
Diese Erscheinung nimmt aber nach dem 16. Jahrhdt. zu
stets ab, und um die Mitte des 16. Jahrhdts. ist u ganz ver-
schwunden und der nhd. Lautstand erreicht. A hat nur u -Formen.
snllen A 1352, 1359. B 1389, 1393, 1401, 1411, 1418 (2),
1419, 1420, 1421 (2), 1423 (2), 1424 (8), 1428 (6), 1431, 1433 (3),
1434, 1436 (2), 1439, 1440 (2), 1442 (3), 1445 (2), 1447.
C 1470, 1471 (3), 1472, 1477. D 1490 (3), 1494 (4), 1507,
1510, 1515 (11), 1520.
sollen B 1433 (3), 1435, 1436 (5), 1437 (2), 1438 (2),
1439 (13), 1440 (3), 1444 (6), 1445, 1446 (13), 1447 (3). C 1477.
D 1494, 1515 (2), 1524 (8), 1530 (5), 1534 (6). . .
Von 1534 ab ist nur noch die o-Form belegt
Sülle B 1396, 1417, 1424, 1430. C 1570, 1471(2). D fehlt.
solle B 1442 (2). C fehlt. D 1530 (2), 1545, 1560 (3).
solde B 1394, 1387, 1420, 1423 (2), 1424, 1429 (2), 1431,
1435 (2), 1437, 1440 (2), 1441, 1445 (2), 1447. C 1470, 1472,
1473 (3). D 1490, 1494, 1507, 1515.
solde B 1430, 1442, 1447 (3). C 1473. 0 fehlt, solte C 1476.
solt D 1507. \
soltet C 1476. Die u- Formen sind nicht belegt.
soltest C 1477 (2).
sulden B 1394, 1426, 1443, 1447 (2). C 1470, 1471 (6),
1.472 (4). D fehlt.
solden B 1447 (3). D 1507. snlten C 1471. sollten C
1.472, 1477.
sulchen B 1399, 1414 (2), 1419 (2), 1423 (2), 1424 (2),
1428 (2), 1435, 1443 (2). C 1471 (2). D 1515.
snlchir A 1359. B 1399, 1421, 1428, 1433, 1447. C 1470,
1472. D fehlt.
solcher B 1430, 1435, 1436, 1437 (2), 1439 (2), 1446 (2).
C fehlt. D 1490, 1520 (2), 1524(5), 1530 (4). . . .
Von 1530 ab ist nur die o-Form belegt. Bemerkenswert
ist, dass C nur die u-Form kennt.
snlchen B 1414, 1423, 1427, 1432, 1439, 1444. C 1470,
1471 (2), 1472 (4), 1476. 0 1497, 1510, 1515. 1524.
solchen B 1417, 1418, 1442. C fehlt. D 1490, 1515,
1530 (2), 1545.
Später ist nur o überliefert.
solch B 1417, 1424, 1426, 1432, 1439, 1444. C fehlt.
D 1515 (5), 1524.
24
solch B fehlt C fehlt. D 1490, 1507, 1520, 1530 (3),
1534 (2) Später nur solch.
Snlche A 1359. B 1421 (2), 1424 (3), 1428, 1437, 1441.
C 1470 (5), 1471 (2), 1472 (4), 1476. D fehlt
solche B 1430, 1431, 1436, 1437, 1439, 1442 (2), 1444,
1445 (2). C fehlt D 1490 (2), 1524, 1530 (2), 1534
Das Absterben der u- Formen ist ersichtlich.
halczes B 1403, 1436.
Sonst ist nur die o-Form belegt. — Ebenso bei fardem
B 1409 (2), 1411, 1418 — furderange B. 1417 — ungefqrdert
kl 1409. —
Diese Formen gehen also Über den Anfang des 15. Jahrhdts.
nicht hinaus. Jedoch vereinzelt steht dirfurdert D. 1510.
gehulfen B 1423, 1431, 1437 (2), 1443. C und D nur mit o.
guldcs B 1423. gnlt B 1424 (4). Sonst golt, goldes.
Jedoch vergulden D 1520.
fulgen D 1494, 1510 (3). fulgender D 1510 (2). folget
D 1520 (2).
Ganz vereinzelt ist ful 1515.
Auf C beschränkt ist herczuge 1471 (4). 1474. — herczugen
1477.
uffintlich B 1389, 1370. Sonst nur offintlich, offenlich.
uffte B 1399, 1443 (4). D 1490. offte B 1442. D 1515.
Die o-Form herrscht im 16. Jahrhdt
muchte B 1429, 1447. muchten B 1436, 1446.
In C und D erscheinen nur die o- Formen.
Über das heutige Schlesisch vgl. W. Dial. S. 56.
Bemerkenswert ist, dass mhd. u und o vereinzelt mit
Umlaut erscheinen.
ü : sülde D 1507 (5).
ö : söldenn 1507 — - könndenn 1510 — solchem 1555 —
solche 1560.
Rück, und W. sprechen von diesem Umlaut nicht. — nhd.
ist er nur in könnte erhalten.
ö = mhd. ö.
cöppe B 1437.
mochte C 1477. D 1494 (2). — mochten C 1471, 1477 (2).
D 1560. — Blosser C 1476. — slossern C 1477. — dorfem
25
C 1474. 1477. — rocken D 1524. — geschösser D 1524. —
Görlicz D 1530.
In B ist also nur ein einziges Beispiel vorhanden. Der
Umlaut greift erst in späterer Zeit um sich. Über ihn vgl: W.
mhd. Gr. § 66.
Umlantlose Formen sind demnach natürlich vielfach in den-
selben oder in analogen Beispielen belegt, z. B. : mochtet 1470 —
mochten 1514, 1471(3), 1476 — mochte 1389, 1390, 1471, 1473,
1507 — slosser 1471 — topper 1530 — Gorlicz 1421, 1471,
1530 (2) — Gorlitsche 1426 — Coln 1421 etc. W. mhd. Gr. § 66.
0 = mhd. u.
Dieser Lautwandel bezeichnet den Übergang zum nhd. In
vielen Fällen ist aber dieses md. o im nhd. nicht gewahrt, viel-
mehr ist u geblieben. Zwischen diesen beiden Fällen muss
unterschieden werden.
o = mhd. u, nhd. o.
sunabinde B 1393 (2), 1396. sunabunde B 1397. Da-
gegen: sonnabinde B 1408 (2), 1409, 1411, 1417 (2), 1425.
soDnabund B 1437, 1443. sonneobinde C 1470. sonnobende
C 1476. Sonnabend D 1490.
Im 15. Jahrhdt. sind also nur die o- Formen belegt.
suntage B 1417. sontag C 1471. D 1510. sontage B 1438.
sun C 1477. son B 1418, 1437, 1442 (2), C 1471 (12),
1472 (5), 1474. D 1494, 1510 (3), 1520 etc. — söhn D 1530 (3),
1534 etc.
sunder A 1352. B 1394, 1409, 1413, 1418, 1419, 1423,
1426, 1427, 1428 (2), 1429. .... C. 1470 (4), 1471 (11),
1472 (6), 1476 (4), 1477 (3). D 1524. 1530. ungesundert
B 1408, 1417, 1418 (4), 1421, 1422, 1428, 1430, 1444. C fehlt.
D 1520, 1524, 1534 (2). sunderlichen A 1352. B 1423, 1429,
1435. 1443. C 1471, 1477 (5). D fehlt, sunderlich B 1424.
C 1470 1471, 1472 (2), 1476, 1477 (4). D 1540. besundern
B 1417, 1442, 1444 (2). C und D fehlen, sundern B 1444.
C 1471. D fehlt.
Die 0- Formen zu diesen 6 Beispielen erscheinen erst spät,
verdrängen aber die u- Formen gänzlich.
sonder D 1424, 1534 (2), 1555, 1560. ungesondert D
1530 (2). ongesondert D 1524. sonderlich D 1520, 1560 (2).
26
besonder D 1530, 1555, 1560. besondern D 1530, 1534 (2).
sondern D 1545, 1560.
snst B 1424, 1428, 1429. C 1471 (3), 1477. D 1507,
1524, 1530 (6). 808t B 1422. sonst D 1524, 1534 (6), 1540,
15^, 1555. sonsten D 1524 (4).
Auch hier löst die o-Form die u-Form ab.
frommer, frommen, fromelich ist ohne Korrelat belegt
Das Resaltat ist, dass im 16. Jahrhundert die a-Fonnen
durch die o- Formen ersetzt werden. Die nhd. Laatstnfe ist
erreicht.
Ich wende mich nnn zum zweiten Falle.
0 = mhd. a,^nhd. n.
ons 1393 — orteils 1417, 1494; orteil 1418 (2), 1432,
1443 (2), 1494 — ortil 1446 (3), 1447, 1472, 1507 — ortile
1472 — orteilen 1494 - scholt 1442 (2) — tognntsamen 1507
— tognntsame 1515, 1515 — notcz 1515 — not dorfft 1515 —
on (Präfix in Zusammensetzungen wie onmundig, onbeweglich»
onverbruchlich etc.; erst im 16. Jahrhdt.) 1524 (3), 1530 (3),
1534 (4)
Weitere Beiträge aus dem älteren Schlesisch bringt Bttck.
Entw. S. 41. Vgl. auch Grdriss § 29. — W. mhd. Gr. § 63.
Bahder S. 3.
Über das heutige Schlesisch vgl. W. Dial. S. 49, 50.
In der Regel bleibt dies o noch unnmgelautet:
0 = mhd. U. Sehr zahlreiche Beispiele: widirsproche 1352,
obel 1389, 1435 (2) — obil 1443, 1445 (2), 1470 (2), 1471,
1507 — obir 1352, 1359, 1389, 1393, 1396, 1417, 1418 (4),
1421 (3), 1422 (6), 1423, 1424 (10), 1426 1471 (7),
1472 (6), 1473, 1476 (2), 1477 (3), 1490, 1507, 1510, 1515 (3),
1520 — ober 1357, 1403. 1417, 1418 (3), 1421 (2), 1424. . . ;
bedorfen 1389, 1530 — dürftet 1472 — werde 1389, 1403, 1421
— konige 1396, 1429, 1436 (2), 1470, 1471, 1477 (3) —
konig 1423, 1443, 1470 (10), 1471 (15), 1472 (7), 1473, 1476,
1477 (9) — konigis 1470(7), 1471, 1472 (5), 1473 (2), 1477 (2),
— konigk 1530 — tochtigen 1403. 1423 — obrigen 1411, 1417,
1423 — keiginwortig 1397 — globde 1418 (2), 1419, 1428 (8)
— globden 1419 — mögen 1359 (2), 1418, 1420, 1471 (7),
1472, 1477, 1494, 1616 — möge 1471, 1472 (2), 1530 — mog-
27
Jichen 1471 — vormogen 1471, 1490 — montcz 1471 — un-
Torbrochlich 1494, 1524 (2), 1534 (2) — geboren (1494) -
moncb 1530 (2) — geborlich 1534 .... etc.
Dieses o ist cbarakteristiseb fUr das md. Docb begegnen
aucli omgelantete Formen:
B 5bir 1424 (5), 1437 (2) — broebe 1434 — mögen 1424.
C mögen 1477 (3) — möge 1474, 1477 (2) — konig 1470
— konigreich 1470. D mögen 1510, 1515, 1530 — möge
l&iO — ober 1524 — nnvorbröchlich 1507 — görteil 1510 (2)
— - bedörffen 1510 — bonptkössen 1510 — geboret 1515 —
^möcke 1515 — mögliechen 1560.
Vereinzelt stehu C sone 1476, 1477 (2) — D sönen 1560.
Bahder S. 4.
Der Umlaut ist also im 16. Jabrhdt. besonders stark.
Über den Lautwert vgl. Rück. Entw. S. 61. Femer W.
nalid. Gr. § 66. — Grdriss § 29. — Bahder S. 50.
0 -= mhd. 6.
Ion 1394, 1472 (2) — lone 1411 — gehorsam 1489 . . . ,
1-4=71, 1472, 1472 (2), — so, also (sehr häufig) — gros 1407 . . ;
l^^ 1410, 1413, 1416 . . . , 1490, 1507, 1515, 1580, 1560 —
»Och 1416 ... — not 1470, 1471 (2), 1472, 1477 — trost
^472 - tode 1515, 1520 - Ostern 1507, 1510, 1524 . . .
Über dieses o ist nichts weiter zu bemerken.
0 = mhd. oe: romischir 1352, 1359 — ungehorik 1359 — ■
bozir 1389(2); bosin 1403; böser 1471; böse 1472(2) — böses
1471 - bösen 1472, 1477 — boren 1403, 1518, 1433, 1445,
1507 — gebort 1403, 1417 (2), 1440, 1470 - angehört 1413
— geboren 1352, 1414 — angehöre 1412 — gehörende 1471 —
zttgehorunge 1403, 1477, 1534 — anhoreten 1524 — ohem 1408
- Oheime 1423 — losen 1421, 1423, 1435 (2), 1441, 1507,
1510 — gelost 1418 (2), 1424 — dirlosunge 1477 — hogesten
1428 — getröstet 1471 — noten 1471 — genotiget, genötigt
1472 — vonnothen 1530 — stören, vorstorange 1472 — schon-
gewandt 1515 — schonen 1515 — Schonfeld 1534 etc.
Der Umlaut fehlt also selbst im 16. Jabrhdt. noch.
W. mhd. Gr. § 116. - Rttck. Entw. S. 111. W. Dial.S. 51
bringt nur 2 Fälle, darunter keinen aus dem heutigen Schlesisch.
28
In unsem Denkmälern findet sich aber aach der Umlaut
des 6 bezeichnet, wenn gleich nicht sehr häafig.
B Schön 1437. C trösten 1471 — noten 1714 — groste
1476 — angehorte 1474 — storer 1474 (2), 1477 (2) —
romischen 1477 (3) — angehören 1477 — hören 1477 (2) —
gehören 1477. D schönen 1515 — lösen 1515 — gehören
1524 (2) — hören 1560.
Die Mehrheit der Fälle ist also bei C belegt!
Hierher gehört auch als einziges Beispiel fUr e hechste
1477. W. Dial. S. 35. — W. mhd. Gr. § 116.
0 = mhd. oa.
In A fehlt diese Erscheinung, ebenso in C.
Im Übrigen tritt sie auf
1) in Stammsilben vor einfachen Konsonanten.
B logen 1408 — tog 1442 — erlobet 1443.
D och 1490 (2), 1507. Doch kann diesem Worte auch mhd.
cht zu Grunde liegen.
2) in nebentoniger Stellang.
B ufBofe 1417 — ufflofs 1433 — orlop 1431.
3) vor Konsonantenverbindung.
B kofflnten 1433 (2) — koffmans 1433 — koffslaen 1433
— Bomgarten 1445. D bomgart 1540.
Das Absterben dieses o ist klar.
Vgl. W. mhd. Gr. § 112 — Rück. Entw. S. 53. Über den
heutigen Dialekt handelt W. Dial. S. 53. Über die Kürzung
des 0 vgl. W. mhd. Gr. § 127.
0 = mhd. e.
wollen 1524 (6), 1530 (3), 1534 (2), 1560 (etc.) .... ist
ins nhd. übernommen, w hat hier verdunkelnd gewirkt.
0 = mhd. i, ä.
wost, wosten 1446.
w hat auch hier verdunkelnd gewirkt.
Es finden sich in unsem Denkmälern auch die u- Formen:
wüste 1413, 1445 — gewust 1442 — wüsten 1442 — vorwust
1494 (2) — wüst 1520.
29
Sie überwiegen der Zahl nach und sind ins nhd. übergegangen.
0 = mhd. no.
Diese Erscheinung ist auf ein einziges Beispiel, most 1423,
beschränkt, abgesehen von der allgemein gewordnen Namensform
Conrad.
Conrad 1418, 1419, 1421, 1424 (6), 1427 . . . . , 1471,
1490 (3), 1630 (2) etc. — Conrads 1418 — Conradt 1515 (2)
— Conradth 1620 — Conratswalde 1427 etc. W. mhd. Gr.
§ 140, 141.
0 = mhd. ü.
Nur in nebentoniger Silbe and nur in C: nockboren 1471 (3),
1472 — nockborschaft 1471.
u = mhd. u.
Sehr zahlreich belegt, soweit es nicht durch md. o verdrängt
tat. Vgl. 0 = mhd. u. burger, schult, schuldig, Vormunde,
junge etc. etc,
u SS mhd. ü: vruchten 1352 — dünken 1352 — kunig
1352 (2), 1359, 1389 (2), 1394, 1422, 1423 (2). . . 1471 (3) —
kunige 1352, 1359, 1389, 1421, 1423, 1424 (2) . . . wurde 1399,
1403, 1411, 1417, 1420 (2), 1401 (2) ... 1471 (9), 1472,
1490 (2), 1494, 1507, 1510 (4), 1520 (2) - wurden 1420, 1424,
1426, 1443, 1471 (3) — wurdet 1477 — für . . . 1403, 1407,
1409 (2), 1413, 1415, 1417, 1426, 1428 (2), 1477 (4), 1494,
1615 (2), 1524 (2), 1530 (6), 1334 (3), 1540, 1655 - furder
1411 — furslen 1393 (3), 1418 (6), 1421, 1423, 1428 . . .
1470, 1471 (6), 1472 (4), 1473, 1477 (2) — fürstlichen 1534 —
ffurstentage 1610 — bürgen 1411 (2), 1418 (2) — stucke 1424 (2),
1471, 1520 (2) — hantbuchse 1515 — glubden 1417, 1477,
1515 — glubde 1472 — funflf 1417, 1494, 1507, 1510 -
duncket 1470, 1471 — über 1490, 1494 (6), 1510, 1B15 (3),
1524 (3), 1530, 1665 — schusseln 1515 (2) — schussel 1524
— brücke 1624 — gepurlichen 1524 — übel 1530, 1534 —
kunfitig 1630, 1534 — ansspruche 1534 — nüchtern 1534 —
Murenberg 1393 — Numbergk 1530 — Smidebrucken 1510 —
Schubrucken 1560 etc.
30
über das Fehlen des Umlautes im md. vgl. Grdriss. § 24.
Feroer W. mhd. Gr. § 75. — W. Dial. S. 54.
In nnsem Denkmälern findet sich aber der Umlaut auch be-
zeichnet, nnd zwar besonders seit dem 15. Jahrhdt.: A stücken 1352.
B Günther 1423 — würde 1424 (2) — wfirden 1424 — fursten
1424 — fiffirsten 1436 (2) — borgen 1424 — ffir 1433 — gurtil
1434 — stücke 1437 — steynbüchsen 1438. C wurde 1471,
1474 (3), 1477 — wurden 1474, 1476 — fursten 1474, 1476,
1477 (2) — furste 1474 (3) — furstenthum 1474 — fursten-
thumer 1477 — furstynne 1470 — bedürfen 1471 - kure 1477
— schüczen 1474 — hinfüre 1474 — für 1477 (4) — drücken
1477 (2) — nüczlich 1477. D würde 1507 — über 1507 —
übrige 1507 — ftirste 1534.
Auffallend ist die geringe Anzahl von umgelauteten Formen
in D gegenüber der Fülle von Fällen im 15. Jahrhdt. Über den
Umlaut vgl. Rück. Entw. S. 66. — Bahder S. 4. — Über seine
Schreibung vgl. Rück. Entw. S. 48 ff.
u = mhd. uo.
Ist durchaus durchgeführt; uo ist nie belegt.
Beispiele: czu, zu, tun, thun, gute, gutes, buch, stulfeier,
tuch, mutter, wuchern, bruder, schule, geruch, tut, fru, vorsucht,
fus etc. etc. — Drechsl. S. 18. — W. mhd. Gr. § 108. —
Grdriss. § 33.
Doch zeigt sich neben u auch ue. Vgl. Bahder S. 4, 8.
fueter 1403 — gueter 1408 — guet 1411, 1420, 1433 (2)
— guetlichen 1415 — tuen 1407, 1408, 1437 (3), 1439, 1440,
1441, 1445, 1447, 1494 — thuen 1524 (7), 1530(5), 1555, 1560
— guettem 1524 — guetter 1524 — frue 1417 — zue 1524,
1555 (6), 1560.
Bemerkenswert ist, dass ue bei C sich nicht findet.
tuen (thuen) ist besonders häufig belegt
Der infin. en der andern st. und sw. verb. hat sicherlich
eingewirkt.
Neben czwue 1421 findet sich auch czwu 1408, 1411 (2),
1417, 1418, 1440 — zwu 1408, 1524 (4), das ebenso wie jenes
auf mhd. o zurückgeht. W. mhd. Gr. § 139.
31
u = mhd. tte.
Diese Monophthongierung ist dorehaas dürchgedrongen and
steht während der ganzen Zeit in Kraft.
füren 1394, 1399, 1417 ... 1471 (2), 1472 (2) -^ gefuret
1394 (2), 1421, 1472, 1476 (2) — gefurt 1472, 1476 (3) —
eingefurt 1471, 1472 — gntlich 1394, 1396, 1401, 1515 (2) —
gutlichen 1413 (2), 1415 (2), 1417, 1420, 1424 — gnter 1423,
1471, 1476 (4) - gutter 1534, 1515 (2) — guttern 1534 —
guther 1515 (3) — gathem 1515 — gutikeit 1477 — berurt
1424, 1610, 1515 — berurte 1470, 1471 — obberurter 1530
— obbcrurt 1545 — müssen 1471 (2), 1472 (2), 1476 (2),
1580 — brudem 1520 (2) — gebrudern 1530 (3) — geprudem
1530 — vergnügen 1515 (2) — gnuglich 1520 — altpusser
1520 — etc. etc. Grdriss. § 33 (S. 564). - Rück. Entw. S. 45
— Drcchsl. S. 18.
Ein einziger Fall von ue ist mir begegnet in bruedern
1560. — Bahder S. 4, 8.
Bisweilen erscheint u = üe umgelautet:
B genüge 1424 — gefurt 1433 — fSget 1436 — muste
1436. — C fuge 1470 — muste 1476 -- müssen 1476 —
obberurten 1474 — betrüben 1474 — czuge 1477 — • begnügen
1477 — gebruder 1477 — gutlich 1477. — D gtttter 1494 (2)
— mütterlicher 1494 (2), 1507 — mütterlich 1494 — gebrUdern
1494 — brttdem 1507 — mütterliche 1507 — gnügen 1507 —
früwol 1545.
über den Umlaut vgl. Rück. Entw. S. 67. — IJber ü im
späteren Schlesisch vgl. Drechsl. S. 19.
Ebenso wie bei u = mhd. ü (vgl. oben S. 29 f) wird auch
hier anzunehmen sein, dass die umlautlosen Formen wie die um-
gelauteten gesprochen wurden, sicherlich in den Fällen, wo die
umlautlosen Formen neben den umgelauteten einhergehen.
u = mhd. iu.
Der mhd. Laut ist in unsern Denkmälern wiedergegeben
durch u, u, u, eu (aw nur in bestimmten Fällen). Am seltensten
ist u, das über das 15. Jahrhdt. nicht hinausreicht, und auch
da nur sporadisch auftritt u ist gleichfalls im Aussterben
begriffen and reicht nur in dem Worte frund (und dessen Ab
32
leitungen) in das 16. Jahrhdt hinein. Doch verschwindet auch
dieses Wort in der Mitte des 16. Jahrhdts. Vielleicht erschwerte
die Kürzung des u in frund (vgl. W. mhd. Gr. § 132) den
Obergang zu eu.
Über u vgl. W. mhd. Gr. § 132 — Grdriss § 41,2. Über
den Laut wert des Umlautes ü vgl. Rück. Entw. S. 68 £f.
lute A 1359. B 1389, 1403, 1417 (4). C 1471 (2), 1473 (6),
1474. D fehlt, lute B 1420, 1433, 1446, 1446. lewte B 1424,
1436. C 1471 (6), 1472 (2), 1473 (5), 1476 (2), 1477. D 1607,
1630 (2), 1546 ....
luten A 1352 (2), 1359. B 1403, 1417, 1421. luten C 1477.
lewten C 1471, 1476, 1477. D 1507 (3), 1515 ....
crucz B 1396, 1423. crucz B 1443. crewcze B 1422.
D 1507 (2).
geczuge A 1359. geczug B 1421. geczug B 1370. geczeuge
B 1421, 1433. D 1524.
geczugnisse B 1408, 1313. C 1471. geczugnis C 1474.
geczeugnis B 1424. obirczeugen B 1421. geczeuget D 1507 (3).
getruen A 1352, 1359. luchtenden A 1352. luchtinde A 1369.
hüte B 1433. hewte B 1426. C 1471 (3), 1477. D 1490,
1510, 1520 ....
vrunde B 1392. frunde C 1470, 1471 (4), 1476. D. 1607,
1524. frunden B 1409, 1414. C 1470, 1471, 1477. D 1607,
1516. frunt C 1470 (2). frund D 1494, 1510 (2), 1615 (2),
1620 (2). frundt D 1472. fruntschaft C 1471 (2), 1472. D 1494,
1516. gefrundeten D 1520. fruntliche B 1426. C 1476. D 1615.
fründ D 1494. freund D 1524, 1530 (2), 1445, 1650 (3) . . . .
ratfreundes D 1424 (2). ratfreundes D 1524 (2). ratsfreundt
D 1530. freuntlich D 1530, 1534. freunden D 1530.
Von 1530 ab ist nur eu in diesem Worte belegt.
gebruwen B 1396. brewen B 1421. prewhaws B 1429.
Lubus 1421 (3). — Leubus fehlt.
Es folgen die Fälle, zu denen u (ü)- Korrelate nicht mehr
belegt sind.
rewen 1403 — fewerwerk 1403 — geewssert 1412, 1510
— euch, euer etc. — Preussen 1411 — newns 1418 — vornewet
1472 — newekeit 1428 — deutschen 1471 (2) — czewhet 1471
— gebewt 1477 — bedewtet 1472, 1477 — newhn 1490 —
88
newn 1520 — newnczig 1490 — leachter 1515 — leuchtem
1515 — ewsseraten 1515 etc. Vgl. W. mhd. Gr. § 108.
Der Fall, dass mhd. iu neben fi, ew, aneh durch aw
wiedergegeben wird, betrifft in nnsem Denkmälern nur mhd. triuwe
and dessen Ableitungen.
Zar Herrschaft gelangt auch hier schliesslich eu, doch ist
daneben aw noch im 16. Jahrhdt. vertreten^ wenn auch selten.
fi findet sich nur im Beginn der Periode.
Über aw vgl. W. mhd. Gr. § 133. — Rück. Entw. S. 91.
getrulich 1439 — trtte 1362, 1359 — getrSen 1352 — getrawer
B 1412, 1446 (3). C 1472. D 1507 (2), 1515. getrawir
B 1446. trawen B 1423. C 1471, 1474, 1477 (2). D 1524.
tränen B 1440, 1442, 1444, 1445, getrawen B 1440. C 1471 (2),
1472 (2), 1473. D 1490. getrauen B 1441. ungetrauen B 1430.
getraw B 1439. getrawe D 1510. traw C 1471 (5), 1472.
trawe C 1472. vortrawen D 1510. vortrawet D 1510. — traw-
lich D 1510, 1515.
Nach 1524 ist au (aw) nicht mehr belegt und ew (eu) wird
die alleinherrschende Form.
getrewlich C 1474, 1477 (4). D 1530, 1534. getrewen
C 1471. getrew C 1477. trewlich D 1490, 1507, 1510, 1515,
1524 (2) etc.
a = mhd. fi.
Ist im Aussterben begriffen. In der Zeit nach Esch. ist
kein Beispiel mehr belegt. Fab. Frank (S. 106) fordert die
Diphthongierung des u. Er stellt sie als oberlendisch im Gegen-
satz zum Sprachgebrauch der Döringer und Niderlender hin.
Über die Diphthongierung vgl. W. mhd. Gr. § 118. —
Grdriss. § 35.
hus B 1403 (3), 1408, 1417 (2), 1421, 1423 (2), 1432, 1442.
hase B 1393, 1403. lut B 1418. us B 1403 (2), 1408 (3),
1409, 1414 (2), 1417 (3), 1421, 1422, 1424, 1426, 1428, 1436,
1433. C 1470, 1471 (4), 1476 (3). gebruchin A 1352. B 1403.
tasunt B 1403. tusint B 1445. durchluchtigsten C 1470, 1477
- durchluchtigster C 1471, 1472 (2) — durchluchtikeit C 1471 (2)
— irluchten C 1477. Dumloz B 1389, 1393. Damelos B 1409.
Arndt, Bntwlcklang der Brealaucr Kansleisprache. 3
34
Czudmar 1409 (3) — Czudmars B 1893 — Lusicz C 1471 (3)
— Hugwicz C 1471.
In A ist wegen der geringen Anzahl von Urkunden leider
nur eine Beispiel (gebruehin) belegt; an findet sich in A über-
haupt nicht.
Die Mehrzahl der Beispiele für n = mhd. ü stammt also
ans B. Sie ist aber doch im Verhältnis zu der Fülle von
diphthongirten Formen versehv^indend klein. Diese einzeln auf-
zuzählen ist nicht möglich. Auch genügt ja die Thatsache völlig,
dass in D nur au -Formen noch vorhanden sind. Dadurch tritt
der Übergang zum nhd. Sprachgebrauch ins hellste Licht.
Summarisch mögen einige Beispiele angeführt werden:
aws, haus, hawse, lawte, lauten, awf, lautende, tawsent,
kawme, awssen, gebrauchen, mawer, gedawcht, grawsam,
hawsunge, prawt, irlauchten, hawt, Daumoloz, Hawgwicz,
Czawdmer, Sawpnig, Pawer, Hawnold etc. etc.
u = mhd. ö, i.
hülfe 1471 (8), 1472 (8), 1477 — hulff 1494, 1515 —
hulffe 1524 — hulff lieh 1510.
wüste 1413, 1445 — gewust 1442 — wüsten 1442 —
vorwust 1494 (2) — wüst 1520. — Letztere Formen sind nhd.
W. mhd. Gr. § 50. - W. Dial S. 56.
Zu wüste, gewust etc. vgl. o = mhd. e, i.
u = mhd. i.
czwusschen 1447, 1524 — czwuschen 1510 (2), 1520, 1524,
1530, 1534 (2) — zwuschen 1510, 1534 (2), 1540, 1545 (2),
1555, 1560 (4).
W. mhd. Gr. § 57. — Rück. Entw. S. 47.
w hat verdunkelnd gewirkt. Daneben stehen tiberwiegend
die i- Formen.
u = mhd. e.
wulde 1507, 1515 — wulden 1520.
Auch hier hat w verdunkelnde Kraft geübt.
Über u im Präfix zur — vgl. Präfixe.
35
Dlphthongre.
au.
Belegt sind die SchreibuDgeD au (aw) UDd ou (ow). In
A ist Dar ou (ow) vertreten, an bricht sich im 15. Jahrhdt Bahn.
Das letzte Beispiel für ou ist ouch 1524 (2). Von da ab ist mir
nur an begegnet Also vor der Mitte des 16. Jahrhdts. ist an
<aw) durchgedrungen. Innerhalb des Zeitraumes steht au neben
on, doch nimmt naturgemäss ou nach dem Ende zu ab.
Nur aw steht ftlr mhd. iu in trawen, getrawer, getrawen etc.
vgl. oben S. 32.
Ferner ist nur ou belegt für mhd. o und mhd. n vor b in
glonbten, gloubt, gloubden etc. vgl. unten. Diese Diphthongierung
selbst ist zeitlich beschränkt, wovon weiter unten noch ge-
handelt werden wird.
Vgl. über die Schreibung W. mhd. Gr. § 127. — Rück.
Entw. S. 89, 90.
Die Schreibung an bezw. ihr Vordringen gegenttber ou ist
auf bayr.-östreich. Einfluss zurückzuführen. (Rück. Entw. a. a. 0.).
au = mhd. ou.
Sehr zahlreich belegt die ganze Periode hindurch. Gerade
hier stehen die verschiedenen Schreibungen nebeneinander.
Einige Fälle: frau, frowen, frawen, vorkauflft, vorcouflft,
auch, ouch, owgen, vorlawfen, glauben, berowben etc.
Über das nicht umgelautete ou im Scblesischen vgl. W.
Dial. S. 60.
au = mhd. fi.
vgl. u.
au, ou = mhd. u.
beschauldigte 1389 — gloubden 1428 (mhd. glubde).
W. mhd. Gr. § 64. — Rück. Entw. S. 93.
Diese Erscheinung ist also selten und nur im Anfang belegt.
au = mhd. iu.
vgl. u.
ou = mhd. 0.
gloubte 1424 (3), 1426 (2) — gloubt 1424 (4), 1426 (2),
1428 (6) — gloubende 1424.
3*
86
Diese Erscheinang reicht also nicht ttber die Mitte des
15. Jahrhts. hinaus. Sonst sind nnr die o- Formen belegt.
Rück. Entw. S. 115. — W. mbd. Gr. § 64. — Über diesen
Lant im späteren Schlesisch vgl. DrechsL S. 27. — W. Dial.
S. 61.
ei.
ei = mbd. ei.
Sehr zahlreich belegt
Ober g = mbd. ei vgl. e.
Das alte ei wird gegen Ende der Periode hin stark durch
ai zurückgedrängt. Im 16. Jahrbdt steht fast aasschliesslich ai.
Aach hierin zeigt sich obd. Einflnss. In A ist ai nicht belegt.
B Mayberg 1407. — Schiaispech 1413. C kaiser 1471 (3),
1472 (12), 1477 (4) — kaisers 1471 (4), 1472 (3), 1477 —
kaiserlich 1477 — kaiserliche 1477 (2) — kaiserlicher 1477 —
kaiserlichen 1471, 1472, 1477 — raisigen 1471 — laider 1471,
1477 — laisten 1472 — geraicht 1477 - nflFraichen 1515 —
craissen 1474 (2) — craiscz 1474 — craisses 1477. D kaisers
1515 — entschaiden 1490, 1510, 1515 — beschaid 1507 (2),
1510, 1520 — zageaigent 1507 (2), 1510, 1530 — beschaiden
1507, 1510 — hailigen 1507 (2) — gaistlichen 1507, 1510
1515 — gaistlicb 1530 (8), 1534 (2), 1540 . . . — tail (toyl)
1507, 1515, 1520 (5), 1524 (2), 1530 (2) — tails 1515 (2),
1524 (3), 1530, 1534 — teilen 1515 (2), 1524 — aigen 1515 (2),
1524 — aigenthamb 1524 — aigenen 1530, 1560 — aigener
1530 — vorainigt 1520 — czway 1520 — baide 1520, 1524
baiden 1524 (3) — baider 1524, 1530 (2) — arbait 1510 —
arbaitten 1530 — kayne 1524 (2), 1530 (4) — aine 1514 —
ain 1530 — ainander 1524 — ainen 1524 — angezaigte 1530,
1540 — geraichent 1524 — raichnnge 1524 — forraichen 1524
— gemaine 1524 — pechstein 1530 — klayder 1530 —
maister 1534 — gemaint 1534 — stein 1534 — ailflF 1540 —
claydnngk 1540
Beachtung verdient die Seltenheit des ai in B und das un-
geheure Anwachsen in D.
Freilich ist nhd. ausser in Mayberg, kaiser (und Ableitungen)
sonst ei gewahrt.
87
Auch in den Ableitnngssilben -heit, -keit ist ai belegt.
*hait. D sicherhait 1490 — freihait 1510 — sander-
hait 1515.
kait C gerechtigkait 1477 — berlicbkaiten 1477. D ge-
rechtigkait 1515, 1524, 1534, 1540, 1555 — gerecbtikait 1530
— redlichkait 1530 — darcblaachtigkait 1524.
Über ai vgl W. mbd. Gr. § 124. — Rück. Entw. S. 84.
— Drecbsl. S. 26. — Bahder S. 4, 8.
ei < mbd. — ege ist in nnsern Denkmälern selten and nur
im Anfang belegt (vgl. ai < — age).
weyne 1389, 1392 (2), 1394, 1396, 1397 — wein 1393 —
teidinges 1389 — teydingen 1425 — ümbeteidingt 1437 —
leyt 1440 - getreide 1403, 1445.
Im Übrigen vgl. Rück. Entw. S. 94.
ei = mbd. t
▼gl. i.
ei = mbd. e.
Dieser Dipbtbong entstebt nur vor g nnd nur in dem
Worte keigen.
keigen 1393, 1394, 1447 — keigin 1389 (2), 1394, 1398 (2)
— keigenwertikeit 1424 — keigenwortikeit 1445 — keigin-
wortig 1399. — W. mbd. Qr. § 29. — Rück. Entw. S. 99.
In nnsern Denkmälern ist also dieses ei selten und anf den
Beginn der Periode besebränkt.
ei = mbd. 6.
orfeide 1418, 1428, 1433 — feiden 1418, 1428 — Heylias 1417.
Seltene Erscbeinung. W. mbd. Gr. § 100. Beispiele aus
dem älteren Schlesiscfa bringt Rück. Entw. S. 99. Über ei im
heutigen Schlesiscb vgl. W. Dial. S. 46.
ei = mbd. i.
seint 1413, 1414, 1418. 1436 (2), 1446, 1490 (3) — seind
1437 (2), 1438.
Im 16. Jabrbdt. ist diese Form ausgestorben, welche durch
Analogie zu der 1. nnd 2. p. pl. ind. praes. beeinflusst ist W.
mhd. Gr. § 48. — Rück. Entw. S. 99, 100.
38
ai = mhd. ei vgl. ei.
ai < — mhd. age.
wayne 1389 — waynfard 1417 — besait 1393 — be-
taidingt 1477 — betaidigunge 1477 — Falkenhayn 1413 —
Bergersbayn 1426 (2) — Kirchhayn 1436 — Rosenhayn 1507.
Über die Auflösung des g bezw. seine Vokalisierung zu i
vgl. W. mbd. Gr. § 33. — Rück. Entw. S. 85, wo noch Bei-
spiele gegeben werden. — Bahder S. 50.
Im 16. Jabrhdt. ist dieses ai ausser in — bayn nicht mehr
vertreten. Ausserdem steht schon mhd. hain neben hagen. Auch
ist hain ins nhd. übernommen.
F. Frangk S. 107 tadelt ai: »Auch ist zu merken das
diese duplirte Stimmer ; ay | ay, oy, by ; wenn sie ausserhalb
der eigenen Nahmen befunden | werden sie zu unrecht an stat
des ag I odder age | braucht | wie jnn den Worten yait hail |
erschlain (beim Schlesier) zu verstehenn ist i weil von rechte [
also sehen solt { jagt { hagel I erschlagen.«
Er gesteht dem ai also nur in Eigennamen Berechtigung zu.
eo.
eu = mhd. iu, vgl. u = mhd. iu.
eu = mhd. ou. A vorkeufen, heubtmanne. B teufers 1411,
1413, 1415 — teuflfers 1444, 1445, 1446 — vorkewfen 1418,
1436, 1437 — kewffen 1433, 1444, 1446 (2) — kcwfen 1437
— gleubebriefe 1421 (2) — gleuben 1440, 1441 — dirleubt
1437, 1439 — reuflfen 1444 — heuptman 1436 (2) — heupt-
leute 1436. C heuptman 1473 — heupt 1477. D vorkeuffen
1490, 1507, 1515 — keuffer 1540 (3), 1545, 1560 — vor-
keuflfern 1540, 1545 — vorkeuflfer 1540 — keuflichen 1540 —
erlewbet 1490.
W. mhd. Gr. § 128.
Von diesen Formen sind ins nhd. übernommen die Sub-
stantive auf -er und die Adjektive auf -lieh.
Der Umlaut des ou ist als berechtigt anzusehen, da i ur
sprünglich auf den Diphthong folgte, das im i^aufe der Sprach
entwicklung geschwunden ist. (heupt: got. haubith; gleuben:
got. galaubjan etc.) Vgl. Rück. Entw. S. 63.
39__
Dnrcbans ins nhd. ttbernommen wurde der Umlaot des an,
welchem mbd. fi gegenttberBtebt
rewmen 1403 (2), 1437, 1530, 1534 — entrewmen 1429,
1433, 1530 etc. — eingerewmet 1530 — eingcreunibt 1540 (2)
— sewmen 1471 — vorseumpt 1442 — sewniig 1515.
Die n bezw. an- Formen sind wäbrend der ganzen Zeit mit
keinem Beispiel belegt.
Scbliesslicb ist zu nennen eu als Vertretung von mbd. eu, öu,
wie sie sieb findet in gedrewit 1434 — drewer 1436 — gleubigern
1443 — frewde 1471 — gefrewet 1472 — frewet 1477 —
zustrewt 1476 — lewfe 1477 — czwelewftig 1477.
Dieser Umlaut entspricht durchaus dem nhd. Sprach-
gebrauche.
Er wird stets eu (ew) geschrieben. Nur ein Beispiel flir öu
ist belegt: gedröwbt 1417. Über die Schreibung eu für öu vgl.
Rück. Entw. S. 105.
ie vgl. I.
Dieser Diphthong ist in allen seinen Entwicklungsphasen
unter i schon behandelt, weshalb ich hier nur auf i verweise.
oe.
oe bezeichnet nie den Umlaut, sondern immer langes o
Es entspricht
1. mbd. 6 in Joes 1424. W. mbd. Gr. § 113.
2. mbd. u in soen 1426. Rück. Ent. S. 111.
3. mbd. ä:
a) empfoen 1430, 1437, 1440 — entphoen 1524 — getoen
1507 (2), 1510 (2), 1515 (3), 1520 — getboen 1507.
b) pfoel 1510 — gedoechter 1530.
Bemerkenswert ist, dass diese Bezeichnung in C unbekannt
ist und dass oe für ä im 16. Jabrhdt. zunimmt. W. mhd. Gr. § 91.
— Rück. Entw. S. 111.
Entsprechend findet sich ae für ä, in koffslaen 1433 —
gethaen 1524.
In er.sterem Falle ist ursprüngliches h zwischen a und e
aasgefallen, im zweiten Falle liegt Anlehnung au die Bildung
40
der andern Partizipia anf — en vor. So natürlicb auch bei
oe 3, a. Rück. Entw. S. 83.
Ol.
oi < mhd. oge durch Konsonantenausstossung bezw. Vokali-
sieruDg.
foit 1403, 1439, 1474 (3), 1515 — foyt 1474 (2), 1534 —
voyt 1515, 1545 - voitea 1437 ~ foytis 1474 — foyte 1474
— Foytynne 1446. W. mhd. Gr. 69.
oi = mhd. ö.
grois 1507, 1515, 1524 — groiste 1524 — lois 1507 (4),
1510 (8), 1515 (2), 1520 (4), 1524 (6), 1530 (7), 1534 (4),
1540, 1550.
Beachtung verdient, dass oi erst im 16. Jahrhdt. aufkommt.
Um die Mitte des 16. Jabrhdts. treten die o- Formen neben die
oi- Formen wieder ein. W. mhd. Gr. § 113. — Bück. Entw.
8. 113.
ue.
Vgl. u = mhd. no und mhd. üe S. 30 f.
Sonst ist ne nicht belegt.
Vokallsmus der Nebensliben.
A. Präfixe.
In Betracht kommen ge, be, ver, ent, er, zer.
ge sehr zahlreich vertreten, i findet sich in diesem Präfix
nie. e wird elidiert vor I, m, n, w. z. B. globt, glouben,
glnbde, gloubte, unglouben, glucke, gleite — gmeyne — gnade»
gnode, gnediglich, gnomen, gnug, obgnante — gwicze (nur 1439).
— W. mhd. Gr. § 79. — Grdrss. § 55, 3.
Diese Elision ist noch im 16. Jahrdt. in voller Kraft. —
Vgl. aber Bahder S. 4.
Häufig fehlt das ganze Präfix in part. praet. Wie schon
im ahd. und mhd. findet sich diese Erscheinung bei komen,
worden, bracht, vundin. Sie ist aber, wie überhaupt im md.,
verallgemeinert und auch belegt bei kaufft, abegangen^ wolt,
mocht, czogen etc. Grdriss. § 55, 3.
Im 16. Jahrhdt. nimmt diese Erscheinung ab, doch ist ge
nicht allgemein durcbgeflihrt, worden ist ins nhd. übergegangen.
41
be. i ist nie in dem Präfix belegt
Vor 1 wird e elidiert: bleiben, blebin etc. W. mhd. Gr.
§ 79. — Grdriss. § 55, 8. — Bahder S. 4.
Ter. Dieses Präfix erscheint sowohl als ver, wie in den
speziell md. Formen vor, für.
Yor ist am häufigsten gebraucht, für am seltensten.
Im 16. Jahrhdt wechseln ver nnd vor gleichmässig, so dass
fftr diese beiden Formen ein bestimmtes unterschiedliches Ver-
hältnis nicht anzugeben ist. In A, B und C überwiegt vor.
Grdriss. § 55: Präfix vor ist wohl eine Anlehnung an die
Präposition vor. W. mhd. Gr. §§ 83, 84. — Bahder S. 50. —
Die Ansicht Rück. (Entw. S. 42), dass vor erst aus vur ab-
geleitet sei, erscheint mir unwahrscheinlich.
F. Frangk S. 107 sieht vor als das ursprüngliche und ver
als Kürzung an: »Wenn das o und u im aussprechen kurtz
sein ! werden sie auch ettwan jus e gewandelt | . . . . So sie
aber langk sein im aussprechen ! Odder ein ander Stimmer (das
ettliche wollen) jnn der nehstfolgenden silben nach jaen gehet I
bleiben sie un?erwechselt Also wirds auch verstanden
nnnd gehalten jnn dem wörtlin (vor) wenns für odder an | ein
ander wort gesatzt { und gefuget wirdt { als verbnndenn | ver-
wircken etc. 1 für yorbundenn | vorwircken.«
ver: verlorn, vermachet, verschreiben, versigelt, vememe-
lichen, vergangen, verrichtet, verdencken, verdienen, verbürgen,
versagen, verschulden etc.
vor: verlorn, vorantwort, vorlobt, vorczegen, vorfaliin, vor-
raichen, vormachen, vorkaufft, vorwesem, vorretnis, vorreter, vor-
cziehen, vorsuchen, vordencken, vorsigelt, vorwissen, unvorczoge-
lieh, unvorbruchlich, vorweiset, vorpfendeu^ vorgeben etc.
Weitere Beispiele bei Drechsl. S. 17. — W. Dial. S. 61.
für B furlon — C furnemens, furgibt, furseczet — D fur-
andert, furraichen, furtragen.
für mag auch beeinflusst sein von mhd. vür.
ent. Dieses Präfix ist belegt als ent, en, em. en steht in
der ersten Zeit noch vor Labialis: enpfremden 1389 — en-
pfohen 1407 — eupfabn, enphangen 1408 — enpfangen 1417,
1421. Später nicht mehr.
42
Allmählich wird n > m vor Labialis: empfangen, empfohen,
eraprochen, emperen etc.
ent ist belegt: entwerren, entschulden, entscheid, entrewinen,
entrichten, entwenden, entrittcu, entfuren etc.
ent steht also in den Fällen, wo nicht eine Labialis folgt.
er ist belegt als er, der, ir, dir. W. mhd. Gr. § 81. —
Rück. Entw. S. 34, 35.
Über das euphonische d handelt Rück. Entw. S. 138, 139.
er: erfunden, erczelen, erkennen, erhebin, erfroget, erlobet,
erstatten, erlanget, erbotten, erweckende, ercleret, erkoren, er-
dencken etc. etc. — er ist die weitaus herrschende Form.
ir: jrkente 1421 - irlauchten 1477 (3) — irluchten 1477
— irlauchte 1534 — irkaut 1490 — irdencken 1497 — irwecken,
irgangen 1359. — Im IG. Jahrhdt. ist nur die eine Form ir-
lauchte belegt.
der: derhalen 1419 — derbot 1429 — derfaren 1417 (2).
— dir B dirfordert 1408, 1409 — dirfaren 1414, 1417 (2),
1421 (2) - dirholet 1417 — dirkennen 1424, 1430 (2), 1431,
1436, 1445, 1446 — dirkant 1433 — dirkentnis 1445 — dir-
funden 1433, 1442 — dirlewbt 1437 — dirlewbit 1439 — dir-
lossen 1440 — dirmorden 1440 — dirbietunge 1442 — dir-
gangen 1442 — dirczalt 1442 — dirboten 1442. — C dirbotten
1471 — dirschrecken 1471 — dirschrocken 1472 — dirleschen
1472 — dirloubunge 1476 (2) - dirlosunge 1477. — D dir-
kentnis 1507 — dirlossen 1507.
Das Absterben von dir ist deutlich zu sehen. Im 16. Jahrhdt.
sind mir nur die zwei Formen begegnet.
Falsche Analogie liegt vor in dirniderligt 1476.
zer. Dieses Präfix erscheint mit unbestimmt geschwächtem
Vokal, der n geschrieben wird. W. mhd. Gr. g 84. — Rück.
Entw. S. 47. - Bahder S. 50.
Ausserdem schwindet r. — W. mhd. Gr. § 214.
Grdriss § 55 erklärt zu < zur als Anlehnung an die Prä-
position.
Beispiele: czubrochen 1434 — zuhauen 1440 (2) — zurissen
1472 — zustrewt 1476. — Aus dem 16 Jahrhfit. sind mir keine
l^eispiele bekannt; nur zer ist belegt. Weitere Belege bei
Dreehsl. S. 18. — W. Dial. S. 57.
43
B. Mittel- und Endsilben.
Die md. Schreibung i ftlr e in geschwächten Mittel- und
Endsilben herrscht in B, nimmt in C und D ab. Im 16. Jahrhdt.
ist mir nur obinde 1524 als letzte Form begegnet.
Die Zahl der einzelnen Fälle ist so gross, dass es nicht
möglieh ist, eine Statistik zu geben. Ich beschränke mich daher
auf einzelne Beispiele: kegiu, gebin, blebin, unsir, schreibin,
beczalin^ globit, vorrichtit, stehit, erloubit, lawfin etc. W. mhd.
Gr. § 81. — Rück. Entw. S. 34 — Bahder S. 50.
Ausser durch i wird der tonlose Vokal durch a bezeichnet:
nur in owande 1399. W. mhd. Gr. § 82.
Eine dunklere Färbung des Vokals ist o in den Eigennamen
Hannos 1394 (2), 1409, 1414, 1417 (3), 1423 (2), 1424 (5),
1447 (6) — Andres 1410 — Jawor 1442—1471. Im IG. Jahrhdt.
existieren solche Formen nicht mehr. W. mhd. Gr. § 83.
In den genannten Fällen ist wohl mit Sicherheit polnischer
Einfluss anzuoehmen.
Eine noch dunklere Färbung ist u:
B abund 1399, 1440 — abunde 1393 (3), 1396, 1397, 1447
- obund 1421 — obunde 1419, 1446 — tusunt 1403 — .
tawsund 1440 (3) — jogunt 1440 — toguntliche 1445, 144G
- achczug 1442, 1445 — harnusch 1393 — Willusch (3),
Willuschynnc 1446 — Oppnla 1442. — C Oppuln 1171, 1477.
D toguntsameu 1507 — toguntsame 1510, 1515. - Sodann in
der Ableitungssilbe — nus (schon ahd. — nussi neben — nissi)
gefengknus 1520 — hinderuus 1520 — hindernuss 1524 (4) —
gedechtnuss 1520 — bekentnus 1534 — erkentnus 1545, 1555.
- Vgl. Bahder S. 50.
Im 16. Jahrhdt. tritt demnach die Verdunklung der Ab-
leitungssilbe — nis besonders hervor. W. mhd. Gr. § 268. —
Rück. Entw. S. 47.
mhd. xve > er: dorffer, schuler, tewflfer, wechseler, ritter,
worffeler etc.
Die nhd. Formen sind durchgedrungen.
Ferner: erber 1423, 1424, 1436 (2), 1440, 1444, 1471. -
erbern 1419, 1421, 1423, 1408, 1433, 1437, 1440 (2),
1442, 1442, 1446 (2), 1447. - C: erbern, erberlich.
44
Daneben steht erbar etc. Im 16. Jabrhdt. ist erbar die
herrschende Form.
Die Entwicklmig erbsBre > erber ist analog alwsere > alber(n).
ci > e in nebentonigen Silben.
B ohem 1408, 1423 — erbet 1424 (2) — firtel 1423 —
virtel 1424 — viertel 1426 — ortil 1446 — scholtis 1447. —
C ortil, ortile. - D ortil 1607 - virtel 1524.
Im 16. Jabrhdt. also nnr zwei Formen, die ausserdem ins
nhd. übernommen sind. W. mhd. 6r. § 80. — Grdriss. § 54.
t > i in nebentonigen Silben: C Schewrlin, Fridrichs. —
D Friderich 1520 (2).
Schwächung liegt auch vor in Eigennamen wie Andris,
Andres, Mathis. — So noch im 16. Jabrhdt.
ü > e: nockweren 1477. Dies ist das einzige Beispiel.
Das von des diu aus durch die Mittelform desto hindurch
gegangene destir (C) erklärt sich als falsche Nachbildung des
Komparativ. W. mhd. Gr. § 213.
a > e: amecht 1352 (2), 1426, 1439. — C amechte 1426
— Czawdmer 1426 — achtperkeit 1352.
Zahlreich ist belegt Hungern, Ungern, ungerisch, hnngerisch.
Im 16. Jabrhdt. tritt aber a ein: hungarisch 1530, 1534, 1540
(3) etc.
0 > e: geantwert 1411 (2), 1413, 1417, 1418 (2), 1421 (2),
1424 (3), 1440, 1442 (3) — antwerte 1411, 1442 — antwerten
1411 (2), 1413, 1418, 1421, 1424 (2), 1440 (3), 1442 (2), 1444,
1445, 1446 (7), 1447 — Gregersdorf 1428. — In C und D
fehlen solche Formen.
Die Qualität des Mittelvokals ist bisweilen beeinflnsst durch
die Vokale der Umgebung, saffaran 1393 — Daumoloz 1393.
— Daneben stehen safferan, Dnmeloz.
Im übrigen bleiben diese Fälle auf das 14. Jabrhdt. be-
schränkt
Der Mittelvokal filiit manchmal aus: Dortea 1403 — Yenedgin,
Venedgen 1394 — Margrit 1408 (2), 1417, 1419 — Salmon 1428
— apteke 1422. Daneben stehen die nicht synkopierten Formen,
wie sie im 16. Jabrhdt. allein belegt sind.
45
Über das Abschleifen der Endsilbe -et bezw. die Synkope
Yon e im part. praet. sw. verb. (Dentalstämme) vgl. unter t im
Anslant.
•
Die Endungssilbe -en der Flexion filllt bei part. praet.
st verb. und Adjektiven, die auf -en endigen.
B eigen (dat.) 1408 — seyme eigen holcze 1420 — die
gefangen (pl.) 1423 (2) — von den obgeschreben marken 1428
— des vorgesebrebin geldis 1428 — den vergangen tag 1420
— etc. — des obgeschreben hawses, von gesneten delen 1428.
— C die gefangen — von etlichen gefangen wegen — am
nebst vorgangen tage. — In D treten die vollen Formen wieder
ein. Rflck. Entw. S. 214.
Ebenso ist das Verhältnis im gen. sing, der st. Flexion:
B bekentnys (g.) 1370 — des gefenknis wegen 1417, 1431. —
C dis tages. — D fehlt. Rück. Entw. S. 216.
Konsonantismus.
A. Sonore Konsonanten.
w.
Ober den Wechsel von w und b vgl. b.
w im Anlaut der Relativpronomina und -adverbia findet sich
durchaus, sw ist nur belegt: swi 1352.
Beispiele: wer, welcher, was, wo, wen, wenn etc.
Grdriss. § 83, 4: Dass die relativischen wer, welcher, wo
des nhd. unter Abfall des s aus swer, swelcher, swä des mhd.
entstanden, ist schwerlich richtig; es liegt im nhd. syntaktisehe
Entwicklung aus dem Frageprognomen vor.
enwire, enwern 1436. Nur diese zwei Fälle sind belegt.
Bflck. Entw. S. 130: Der Halbvokal w hat wenigstens eine sehr
leichte, kaum hörbare Aussprache in solchen Fällen angenommen.
Über j im Anlaut und Wechsel mit g vgl. S. 54.
Sonst ist j nicht belegt.
46
2. ILiiquidae.
r.
Auslautendes r vor vokalischem Anlaut des folgenden Wortes
bleibt gewahrt: daran, dorunibe, darin etc. Vgl. Grdriss. § 75.
Sonantisch ist r in donrstages 1418, 1419, 1445. — ewrs,
ewrm 1470.
1.
Bietet nichts Bemerkenswertes. — über 11 vgl. Gemination.
Über 1 in werlt etc. vgl. Konsonantenverbindung.
8. IDTasale.
m.
Im Suffix -em hält sich altes m in besem 143G. — Weitere
Belege bei Drechsl. S. 30.
.. ..
Über mm vgl. Gemination. — Über mb und m < n vor
Labialis vgl. Konsonantenvcrbindug.
n.
n bietet nichts Bemerkenswertes. — Über nn vgl. Gemination,
n > m vgl. Konsonantenverbindung.
B. Geräuschlaute.
1. Xjabiale.
P
p anlautend = mhd. p.
Nur in Fremdworten : pristern. prelaten, papir, probist, paten,
pulver, personen, piper, protestirten, processen, Privilegien, preisen,
Patriarch etc.
p = mhd. b vgl. b.
Auslautend p = mhd. p vgl. b.
pf.
Die Affrikataverschiebung des p ist durchgeführt ausser in
der Gemination, wo unverschobenes pp wie heute in der Mund-
art fortbesteht. Nur vereinzelt zeigt sich hier durch obd.
Einfluss ppf.
Die Labialaffrikata wird geschrieben pf, ph, ppf, pph. Am
liäiifigsten ist pf. Im IG. Jahrhdt. ist ph nur belegt in ver-
plieutleu 1530 — eutphoen 1524. Sonst steht im Anlaut nur pf.
47
ph: phert, phlichtig, yorphenden, gotsphennig, verphenden,
entphoen.
pf: pfund, pfyngsteD, pflager, pfand, pferde, pflicht, pflichtig,
pfiogsten, pfarrer, vorpfenden, pflegen, pfennig etc. etc.
Bemerkenswert ist, dass kein einfaches f im Anlaut wie
jetzt in der Mundart belegt ist. Vielmehr wird nuter Einiinss
von vorangehendem n, im Präfix eu-, altes v zu pf (ph):
CDpfremden 1399 — enpfangen 1417, 1421 — enphangen,
enphan 1408.
n > m vor p: empfangen 1421, 1422, 1424 (3) etc. —
empfnrt 1424.
Weiterhin tritt wieder ent- für en- ein: entpfangen 1417
— entphangen 1426, 1507 — entphoeu 1524. W. mhd. Gr.
§ 171.
Die Verdoppelungen ppf (pph) erscheinen nur inlautend.
ppf: hoppfenhawze 1417 — hoppfen 1417 — hoppfe 1421
— oppfern 1444 (2).
pph: schepphin 1389 — schepphen 1414. — Beispiele für
die Verdoppelung, die schon ahd. häutig war, bringt aus dem
14. Jahrhdt. Rück. Entw. S. 180.
In nnsern Denkmälern reichen sie nicht über die Mitte des
15. Jahrhdts. hinaus.
Im Auslaut ist bemerkenswert scharpif 1530. obd. Einfluss
liegt vor. W. mhd. Gr. § 171. — Bahder S. 50, 52.
Unverschobenes pp ist bezeugt in scheppin 1393, 1447 —
scheppen 1417, 1418, 1441, 1442 (4), 1447 (2), 1494 (2), 1507,
1515 — scheppenbriffe 1446 — scheppeuschreiber 1530, 1560
— stadtscheppen 1540 — freieuscheppen 1442 — scheppe 1447
— copper 1440 — coppers 1440 (2) — coppe 1437.
Auslautend topp 1515.
Über diese echt md. Erscheinung vgl. W. mhd. Gr. g 167.
— Rück. Entw. S. 178.
b.
b entspricht anlautend mhd. b.
b und V (w) wechseln: Vyndoff 1393 — Byndoffynne 1417
nockweren 1477 — nockboreu 1471 (2), 1472. — Über nockweren
48
vgl. Bück. Entw. S. 132. — Im Übrigen siehe Rück. Entw.
S. 123. — W. mhd. Gr. § 161. — Ana dem heutigen Schlesisch
führt W. Dial. S. 72 nur ein Beispiel an. Ebenso Drechsl. S. 28.
Oft wird b dnrch p ersetzt. Die Beispiele hänfen sich
gegen Ende der Periode.
Über die Verhärtung von b zu p vgl. W. mhd. Gr. § 166.
Allgemein md. ist sie unter dem Einflnss eines unmittelbar
vorangehenden Konsonanten, nach dem Präfix en- nnd in Zn-
sammensetzungen.
emperen 1436, 1472 — empor 1438 — emprechen 1445
— emprochen 1445 — Wiltperg 1427 — Hymperger 1440 —
Regenspurg 1471 — Eottenperge 1494 — Schiltperg 1515 —
achtpar 1515 — achtparen 1507, 1510 — altpusser 1510, 1520,
1524 — wiltpannen 1477 — achtperkeit 1352 — weichpildes 1530.
Über p als Anlaut im zweiten Teil eines Kompositum vgl.
Rück. Entw. S. 125.
Speziell hessisch, thüringisch, ostdeutsch ist p flir b vor
dunklen Vokalen und r (1).
B prewhaws 1429. — C praut 1473 — prawt 1476. —
D prüder 1507 (2), 1520 — pruders 1507 — gepruder 1507 (3),
1510, 1520 (2) — gepruders 1507 — prüdem 1524 — ge-
prudem 1530 — geprauchen 1507, 1515 — prauchen 1515 —
einprengen 1524 — pringen 1524 — gepracht 1524 — abpruch
1524 — unverpruchlich 1524.
pleiben 1510, 1515 (2), 1530 — pleibet, plieben 1524.
hochgepomen 1507 — gepurlichen 1507 — ungepurlich
1524 — gepuren 1510 — purger 1510, 1515, 1520 (2), 1530
— mitpurger 1524, 1530 — mitpurgern 1510 (2), 1515 (2) —
gepotten 1510 — Pauer 1540 — gepauer 1515 (2).
Schlesische Schriften haben dieses p im 14. und 15. Jahrhdt.
auch vor hellen Vokalen.
B periin 1418 — Peyer 1440 — par 1440 (2). — C pabst
1477 — panne 1477 — gepieten 1477 — Pehem 1477. -
D parem 1507, 1510, 1515, 1520 — parschaft 1507 — Parch-
witz 1524 — paren 1524 — pechstein 1530 — pestenn 1530
— pillich 1534.
49
Ober den Lautstand im heutigen Schlesisch vgl. W. Dial.
S. 71. — Weitere Beispiele bei Drechsl. 29. - Über die Er-
scbeinung im allgemeinen vgl. Grdriss § 95.
Inlautendes b = mhd. b.
b wechselt mit w: owande 1399.
Der Stadtschreiber, dem diese vereinzelte Form zuzuweisen
sein wird, ist Paul Lynke, der 1391—1400 wahrscheinlich allein
angestellt war (vgl. Einleitung). Er stammt aus Danzig. In
den Signaturen wird er gewöhnlich nur Paulus, der Stadt-
schreiber^ genannt. Im Jahre 1384 trat er sein Amt an und
scheint 1397 vorübergehend seines Amtes entsetzt gewesen zu
sein. Wirklich verabschiedet erscheint er erst 1409. Er starb
1419. Über ihn vgl. A. Schultz: Die Stadtschreiber im 14. und
15. Jahrhdt (Ztschrft. d. V. f. Gesch. u. Alt. Schles. Bd. X,
S. 158.)
Zu der sprachlichen Erscheinung vgl. v. d. Hagens
Germania IX (1850), 153—170: E. Förstemann, Die nd. Mund-
art von Danzig.
Hieran schliesse ich den Eintritt von b flir v (w), wie er
vorliegt in wittbe 1530, 1534, 1550. — vrebelichen 1350. —
In unsern Denkmälern ist diese Erscheinung also nur selten
belegt Sie findet sich nach W. mhd. Gr. § 162 in md. Schriften
des 12. — 15. Jahrhdts. und zwar besonders im stldlichen Franken,
Hessen und Thüringen. — Ferner RUck. Entw. S. 127 b, 133.
Auslaut, b ist noch nicht allgemein durchgeftlhrt. p ist
nebenher belegt, doch schwindet es gegen Ende der Periode.
Über b im Auslaut vgl. W. mhd. Gr. § 163.
ab B 1393, 1396, 1399, 1401, 1403, 1408, 1413, 1417,
1421, 1423, 1424 (2), 1437, 1445, 1446. C 1470, 1473, 1476.
D 1490, 1494, 1507 (2), 1515, 1520, 1524 (2), 1540. ap B 1399,
1411, 1417 (3), 1418, 1420, 1421 (2), 1425, 1428 (2), 1440,
1443, 1446, 1447. C 1470, 1471 (10), 1472 (3), 1473, 1476,
1477. D 1490, 1494, 1515, 1520 (3), 1524.
Von 1524 ist mir ap nicht mehr begegnet.
leib 1408 (2) — leip 1408 — leiplichen D 1524 — weyb
B 1433. D 1530 (6), 1534, 1540, 1550 (2), lö60 (3). — wejp
B 1442. Hier ist das Verhältnis klar.
Arndt, Entwicklang der BresUner Kanzleisprache. 4
50
rowb C 1472, 1473 — raup B 1447.
Die p-Form bleibt auf die erste Hälfte des 15. Jahrbdts.
beschränkt
Ebenso: Hb 1471, 1477 — Lyphart B 1417 (2) — erpberren
B 1433 — erbherre B 1447 — erbherren B 1447 (2).
Nur p -Formen: orlop 1431 — dyep 1432.
Also auch nur in der ersten Hälfte des 15. Jahrbdts.
Nur b- Formen: halb B 1408 (2), 1426, 1429, 1439, 1444
C 1471. D 1530 (2). — gab B 1442 (2), 1446, 1447 (4) -
selbschuldig 1433 — salb 1444 (3).
Das Überwiegen von b geht aas der Statistik heryor.
b ist ausgefallen in undirgehat 1424 — gehat 1426. —
Die herrschende Form ist gehabt.
Vor t ist in der Regel b gewahrt im praet und part pra^
sw. verb: gehabt, gloubt, globte etc.
Ganz vereinzelt ist gehapt, allerdings noch im 16. JahrhdL
1524, 1530 (2).
Nur p ist stets belegt in houpt, haupt.
b bleibt auch gewahrt im Präfix ab-, z. B. abgesnyten,
abgeteilt, abgewant, abgebeten etc. Ursprünglich war b in-
lautend: abe, und trat erst nach Abfall des e in den Anslaat
Ebenso hält sich b in ob-: obberurter, obgenanter, ob-
genanten, obgeschrieben etc. Auch hier war b nrsprttnglich in-
lautend: oben.
f und Y.
f = mhd. V, nhd. f im Anlaut wechselt im Beginn der
Periode noch mit y. Gegen Ende des Zeitraumes wird y
immer spärlicher. Alle Beispiele statistisch anzuflihren, ist an-
möglich. Es mag genügen, anzugeben, dass im letzten Jahrzehnt
vor C nur noch zwei solcher v belegt sind: yolgen, beyolen.
In der Folgezeit ist mir nur vleis 1560 (2) begegnet
Darüber spricht F. Frangk S. 108: »Man findts bei den
alten { das für hundert jähren und knrtz darnach das z fürs s |
b fürs u und v und das Ib für w gemeinlich ist braucht worden
desgleichen das y fürs f wenns 1 odder r jm znnehst
folget I als vleis, yrluntlich etc. { welches mit dem yl bey
unns I und den Nyderlendern mit dem vr nach die ubnng helt«
61
Im Übrigen irt nhd. f fhr y seit C dnrcbgedrangen.
Selbst in der Zeit vor C, als f und y noch wechseln, ist f
stets Yor n geschrieben, z. B. füren, gefnrt, befale, furdem,
fhrder, fhnffczik, Fachsil, fheter, geanfaget, erfunden, iursten,
fiissen etc. etc.
Einzige Ausnahme, noch dazu aus sehr frtlher Zeit, vundin
1393.
y = mbd. y, nhd. y sehr zahlreich yertreten, z. B. yater,
Vetter, yol, yor, yier, viertel etc.
y ist nur andere Schreibung für w in Yyndoff, wo es mit
b wechselt, vgl. b und vgl. F. Frangk S. 107.
In einzelnen Fällen findet sich f auch da, wo in unserer
Schriftsprache mhd. y festgehalten wird.
Fenedien 1393 — folkomen 1422 — folkes 1423 —
firczehen 1437 — fier 1394, 1445, 1447 (2) — firden 1474 —
firtel 1370 — foyt 1393 — Foytynne 1446 — foUem 1442 —
foUen 1524 — fogelweide 1524 — dorfon 1530 — brachfogel
1534 — etc. — F. Frangk S. 107: Darumb das sie (d. i. die
Mitstimmer) einander vast ehnlichenn | aber bei der schwacheit
and sterck | einer für den andern erkant wird | odder an der
gelindheit und scherpff allein unterschieden sein | als | w b p {
d t I y f ph I ch g k ck I Welche die ungeübten jnn
diesenn und andern werten versetzen (folgen Beispiele).«
Über f im Anlaut vgl. noch W. mhd. Gr. § 174. — Bück.
£ntw. S. 128.
ph ist Spirans in Philipp 1442.
Inlautend f = mhd. f, nhd. f.
bedorfen, tewfers, vorkewfen, bestrofen, lawfen, kaufe,
lulfe etc.
Die Schreibung f ist regelmässig durchgeführt.
f = mhd. v, nhd. f. — f und v wechseln im Anfang, all-
mählich schwindet v. B f: briefes 1418, 1422, 1433, 1439, 1442
— brifes 1407, 1416, 1418, 1419(2) — brife 1411, 1417, 1418,
1424(3), 1446 (2) ~ briefe 1418, 1421, 1423, 1424 (12), 1425,
1428 (2), 1431, 1433, 1434, 1440 (3), 1442, 1445, 1446 (2),
1447 - brifen 1409 — briefen 1440 — hofe 1408, 1413, 1417,
1419, 1429 (2), 1437, 1442 (4) — ofen 1417 (3), 1418, 1423,
4*
52
1429, 1433 — ofyn 1417 (2) — freigrefe 1442 — freigrefen
1441 - bischofe 1424 (3) etc.
v: brive 1393 (2), 1396, 1420, 1434 — brives 1393 —
briues 1352 — briuen, grauen, gronen 1359.
C nur f.
D hat f in weitaus überwiegender Zahl belegt; v nur in
briue 1550, 1555. — Spirantisch ist ph in Fremdworten wie
Stephan, Sophia.
über ff vgl. Gemination. — Über f im Inlaut vgl. noch
W. mhd. Gr. § 175. — Rück. Entw. S. 127. — Bahder S. 5.
— Über die stimmhafte Spirans im heutigen Schlesiach vgl.
W. Dial. S. 74.
V = mhd V, nhd. v: frevil, frevillichen etc. Die Beispiele
sind nicht gerade häufig.
Verschärfung des v liegt vor in freffelichen (D). — W. mhd.
Gr. § 175 c.
über das Wort frevel handelt genauer Rttck. Entw, S. 133
und S. 127 b.
Auslautend f = mhd. f. Nichts zu bemerken.
f = mhd. b.
ofgenannte 1428. — Nur dieser Fall ist belegt Die Spirans
ist besonders ripuarisch, aber auch dem fränkischen und thürin-
gischen Dialekt eigen. W. mhd. Gr. § 177.
2. GKitturale.
k.
k. Anlautend ist es belegt als c und k.
c in Fremdworten und vor 1 und r die ganze Periode hindurch.
Über den Gebrauch von c in lateinischen Worten spricht
F. Frangk S. 100: »Das c (und q) haben im deutschen nicht
statt noch rauhm sondernn das k heldt jrre statt inne ....
Ausgenohmen wo latinisch , odder vom latein herschliessend
worter braucht wurden , Als denn bleibets auch jnn den selben
unverwandelt als Clemens Contz caution . contract , . . . c
Beispiele aus unsem Denkmälern: Caspar, cancelley, com-
missarieu, cardinalen etc. Ferner vor 1: clagen deinen, eleinot,
63
ercleren etc. Vor r: craft, crone, cristen, crewcz, crige etc.
Bisweilen vor a: becant.
k = mhd. k. Sehr zahlreich belegt,
konig, kaufen, kaiser, keren, kindt etc.
k = mhd. g vgl. g.
Inlautend k = mhd. k.
Rein graphisch ist ck flir k nach n und r.
nck: gefencknis 1431, 1432 (2), 1433, 1442 (7) — danckte
1437 — gedanckt 1441 — dancke 1445, 1490, 1494, 1520 (2),
1530 (4) — danck 1470, 1530, 1545, 1560 — undancksam
1471 — undancksamkeit 1472 — dancket 1472 — schenckunge
1441 — erczschenckenamecht 1477 — geschanckt 1441 —
trancke 1447 (2) — trincken 1515, 1530 (2), 1555 — duncket
1470, 1471 — beduncken 1477 — junckfrauen 1540 — be-
denckende 1470 — erdencken 1477 (2), 1490 — gedencken
1472 (2), 1474, 1476, 1477 (2) — irdencken 1494 — be-
denckenns 1560 — geczenck 1476, 1515 — orspruncklich 1471
bencken 1520 — fleischbanck 1520 — Franckreich 1473 —
Bancke 1444, 1447 (6) — Bancken 1442 (2), 1445 — Banckau
1446 — Jenckewitcz 1436 — Franck 1534.
rck: marcke 1447 — marck 1530 (7), 1534 (2), 1540, 1545
— merckliche 1471 — merckten 1477 — wercken 1471, 1472
— wercke 1471 — handtwerck 1507, 1530 — werck 1560 —
perckwercken 1477 — sylberwerck 1540 — starck 1472 —
gesterckt 1472, 1477 — stercken 1474 — Turcken 1471,
1472 (4), 1477 (2) - turckischen 1477 (2). — rck ist also in
B selten, tritt erst in C hervor. Rttck. Entw. S. 184.
ck = mhd. ck natürlich auch zahlreich belegt; z. B. ge-
schickt, befleckt, verstockt^ decken, sticken, underdrucken, brücke,
stucke etc.
ck = mhd. h + g-
nockboren 1471 (2), 1472 — nockborschaft 1471 — nock-
weren 1477. Also nur in C; in der späteren Zeit ist dieses
Wort nicht belegt. W. mhd. Gr. § 229. — Rück. Entw. S. 160,
161. — Drechal. S. 39. — Über den heutigen Dialekt vgl.
W. Dial. S. 86.
64
gk = mhd. k«
dangkte 1494, 1507 (3) — dangke 1507, 1510 (2), 1520,
1524 (2). — margkte 1515 — Neuenmargkte 1507, 1530. -
Über diese seltene Erscheinong vgl. Rttck. Entw. S. .200.
gk = mhd. ck.
Schmidebrugken 1555 — Knigkebeyn 1446. — Ebenso im
Anslaut geschigkt 1545.
Auslautend k = mhd. c.
Sehr zahlreich belegt: bank, mark, trank, werk etc.
Über k in ferlikeit, selikeit etc. vgl. g.
gk = mhd. k, nhd. k.
margk 1507 (2), 1510 (6), 1515 (6), 1524, 1530 (2), 1545 (2),
1555 — handtwergk 1507, 1545, 1556 — hantwergk 1524,
1530 — silberwergk 1510 — dangk 1555 — fleischbangk 1520.
— Dieses gk ist nur nach r und n und nur im 16. Jahrhdt.
belegt, es vertritt also das ck. W. mhd. Gr. § 232. — Bück.
Entw. S. 200.
q.
Es findet sich die Schreibang qu, kw. chw, welches auf
obd. Einfluss zurttckzufllhrcn ist, findet sich im Wechsel mit k
nur im Eigennamen Chwal 1440 — Chwalen 1446. — Daneben
Kai; Kaien 1450. — Seit 1446 ist chw nicht mehr belegt.
qu und kw findet sich gleichmässig in Fremdworten: quart,
kwittung etc., in queit, kweit dringt kw im 16. Jahrhdt durch.
— queit 1530 (3), 1550. — kweit 1524 (5), 1550 (8), 1545 (3),
1555 etc.
F. Frangk S. 100 will q nur in lateinischen Worten und
deren Ableitungen gestatten. In unsern Denkmälern findet sich
qu besonders in Präteritalformen von komen: quam 1426, 1440,
1442 — queme 1429, 1471 — quomen 1442 (2), 1472 —
quome 1471 (2), 1472 — aber kweme 1510.
Nur k steht im part. praet. komen.
Schliesslich ist zu nennen bequemer 1472 (2). — Dagegen
bekweme 1510.
Im 16. Jahrhdt. drängt sich kw vor. — Rück. Entw. S. 158.
— W. mhd. Gr. § 229. Im heutigen Dialekt hat sich q vor a
und i erhalten: quimt, quoam. — W. Dial. S. 86.
55
eh.
Im Aul au t ist die obd. Yerschiebong k = ch sehr selten
und nur in einem Namen belegt Ghutten 1471 — Chattenberg
1471, 1473. — Also nur bei Esch; er ist von Haus aus Nürn-
berger. — W. mhd. Gr. § 235. — Rück. Entw. S. 163. —
Bahder S. 5, 8.
Obd. Einfluss ist auch anzunehmen in den folgenden Fällen,
wo kh für md. einfaches k gesetzt wird. Diese Erscheinung
tritt erst gegen die Mitte des 16. Jahrhdts. auf.
bekhannt 1545 — bekhant 1555, 1560 (2) — bekhanntenn
1555 (ö) — bekhentnus 1555 — khauff 1555 - kheuffer 1555
— khumftigen 1555 — gekhornen 1555 — erkbomen 1560 —
khommen 1560.
ch sodann im Fremdwort Christo 1477 (5).
8k.
Ober sk vgl. Konsonantenverbindung.
Anlautend entspricht g reinem mhd. g in sehr vielen
Fällen. Palatalen Charakter zeigt es, wo es mit j wechselt, im
Fremdwort Gorge B 1408, 1413, 1417, 1418, 1426, 1433 -
Gorgen B 1418.
j ist belegt in Jorge B 1433, 1439, 1440 (10), 1442,
1446 (2) — Jörg D 1530 (5), 1534 (3), 1540, 1550 — Jörgen
B 1442, 1446, D 1534.
Über den Wechsel von palatalem g und j vgl. Grdriss.
§ 74, 1. - W. mhd. Gr. §§ 222, 240.
Verhärtung zu k zeigt sich nur in gegen (gen).
keigin B 1389 (2), 1394, 1397, 1399. — keigen B 1393,
1394, 1424, 1447. — kegen B 1411 (2), 1399, 1408 (2), 1417,
1427, 1429, 1444, 1446 (2). C 1470, 1472 (3), 1477. D 1490 (2),
1494, 1507 (2), 1515 (4).
kegin A 1352. B 1370 (3). C 1470 (4), 1471, 1472, 1474,
1477 (4). — ken B 1417, 1418 (2), 1420, 1424, 1430, 1434,
1436, 1440 (2), 1444, 1447 (2). C 1470, 1471 (2), 1472, 1477 (2).
D fehlt
In das 16. Jahrhdt. reicht also nur kegen hinein und auch
diese Form erlischt schon im Anfang des Jahrhdts. Seit 1520
56
ist mir nur gegen begegnet. Ober das k, das aueh obd. beliebt
ist, vgl. W. mhd. Gr. § 229. — Drechsl. S. 36. — Bttck. Entw.
8. 159. — Babder S. 52.
Inlautend g = mhd. g.
Grammatischer Wechsel liegt vor in geschege 1417 (2),
1418, 1442, 1473, 1474, 1476, 1477 (3) — gescheege 1477 —
geschoge 1421 — gelegen 1440 — verczegen 1443. — Hier
ist also g <C h.
Im 16. Jahrhdt. ist demnach keine derartige Form mehr
belegt.
W. mhd. Gr. § 224. — Beispiele aus dem älteren Schlesisch
bringt Bück. Entw. S. 155. — Über den heutigen Dialekt vgl.
W. Dial. S. 84.
g = mhd. h.
hogesten 1428.
Nur diese eine Form aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhdts.
ist belegt. — W. mhd. Gr. § 224.
Über die Palatalisierung des g vgl. ie, oi.
Auslautend g = mhd. c nhd. g.
Diese Schreibung ist in der ganzen Zeit belegt, doch steht
k (c) und gk daneben, k (c) erlischt mit B, in C ist nur noch
g geschrieben, in D steht g und sehr häufig gk. Beispiele itir gk:
A fehlt. B mannedyngk 1445 — Heryngk 1439 (2) —
Schonegesangk 1439. — Crigk 1445 (2). — In B ist also gk
ziemlich selten. C fehlt. D Magdeburgk 1494 — Hartenbergks
1507 — czwenczigk 1507 — Harnigk 1507 — Ludewigk 1507
— willigk 1507 — schuldigk 1510, 1534 — Hedwigk 1510 —
bedingk 1510 — ledigk 1510, 1520, 1534, 1655 — zustendigk
1515 (2) — dreissigk 1515, 1534 — magk 1515 — intragk
1515 — funffezigk 1515 (3), 1560 — pflichtigk 1515 — zu-
gegenwertigk 1515 — mennigklich 1534, 1540 — goltbergk 1534
— scheitnigk 1550 — langk 1555 — irrungk 1560 — be-
williegungk 1560 — narungk 1530 — tagk 1530 — konigk
1530 — claydungk 1540 — etc.
Aus den angeHihrten Beispielen ergiebt sich, dass gk == g,
ebenso wie gk und ck = k besonders nach n, r, aber auch
57
nach a und in der Bildongssilbe -ig steht. — W. mhd. 6r. § 232.
— Bahder S. 52.
Ober das sonstige Vorkommen von gk vgl. k.
g = mhd. c, nhd. k, nach r.
werg B 1403, 1444, 1445. D 1530, 1534 (3) — marg
B 1418, 1423, 1424, 1434, 1438, 1440, 1446 (7), D 1524 (5),
1580, 1540 (2) — fischmargte B 1417 — hnnermargte B 1438,
1446 — rosmargte B 1447 — Nenenmargte C 1471 — Nenmargt
D 1530 — Nenmargtschen D 1524 — iormargto C 1476 —
iormargt C 1476 — iormorgt C 1476 — iarmargt D 1524, 1530
— mergliche B 1441 — marggraffen B 1439 — C marggraf-
thum 1471, 1477 (3) — marggrafe 1473 — marggrafthums (2),
margrafen (2), marggrafschaft, marggrafs 1477.
Ausser nach r nur noch schog 1417. — W. mhd. Gr.
§ 226 — Drechsl. S. 39.
Hier reihe ich an die Bildung der Substantive auf -heit von
Adjektiven auf -ie aus. Schlesisch wird c-h meist zu k ver-
schmolzen.
A stetekeit 1352 — bedechtekeit, umwirdekeit 1359. B
mechtikeit 1413 — dreivaldekeit 1399 — keginwortikeit 1408
— kegenwortikeit 1417, 1427 — gegenwortikeit 1421 (2) —
keigenwertekeit 1424 — selikeit 1423 — newekeit 1428.
C torstikeit, einikeit, wirdikeit, hilikeit etc. D gerechtikeit
1510 (3), 1515, 1524, 1560 — gerechtikait 1530 — gerechti-
keiten 1507.
Beispiele aus späterem Schlesisch giebt Drechsl. S. 37. —
W. Dial. S. 84.
Öfter ist auch schon wie nhd. gk eingetreten und zwar in
den späteren Denkmälern recht häufig.
B gerechtigkeit 1446 (2). C hiligkeit 1471.
D gerechtigkeit 1494(2), 1515, 1530(2), 1555 — gerechtig-
kait 1524, 1534, 1540 (2), 1555 — gegenwortigkeit 1494 -
Seligkeit 1507 — durchlauchtigkeit 1524.
Aus der Statistik geht hervor, dass gk im 16. Jahrhdt. be-
deutend anwächst und k tiberwuchert.
Ähnlich verläuft die Entwicklung von -likeit aus -lichkeit
C ferlikeit neben ferlicbkeit 1470.
58
Sodann aber redlikait D 1530.
Dagegen redligkait 1540 (2).
In letzterem Beispiel ist offenbar eine Analogiebildang zn
jenen erstgenannten Fällen zu sehen.
eh.
Inlautend eh flir g: manchem 1434 — manchirley 1470
Über diese md. Erscheinung vgl. W. mhd. 6r. § 235.
ch = mhd. h vor Vokal.
hocher 1446, 1494. Nach W. mhd. 6r. § 236 schliesst sich
hier die Schreibang der vulgären Aussprache an. Weitere Bei-
spiele bei Drechsl. S. 40.
ch = mhd. h vor t
recht, macht, siecht, richten, nicht, eintracht, furbrocht, ein-
dechtig etc. So auch nhd.
Auslautend ch = mhd. ch.
euch, reich, fluch, buch, tuch etc.
ch = mhd. c, nhd. g.
Hamburch 1423 (5), 1424 (3).
Diese Erscheinung bleibt auf die erste Hälfte des 15. Jahr-
hundert beschränkt.
Weitere Beißpiele für diese md. und obd. Erscheinung bei
Drechsl. S. 39. — W. mhd. Gr. § 237.
Auslautend ch saugt anlautendes h auf: Stricholcz 1393 —
kirchofe 1426 — frecheit 1472 — schwacheit 1530.
b.
Anlautend h = mhd. h.
Inlautend vor Vokalen bleibt h gewahrt, z. B. sweher
1408 — anslahen 14^8 — Behem etc. Hierher gehört auch
nehst, da ursprüngliches e hinter h ausgefallen ist. Neben
nebst ist auch z. B. nehist belegt. Die Belege für nehst sind
sehr zahlreich.
e hinter b ist ferner ausgefallen in czehn B 1417, 1446 —
C fehlt — D 1490, 1510 (4), 1524 (5), 1530, 1534 (2) . . . .
geschehn B 1419 — D 1490, 1504 .... seh C 1471 —
behmische C 1471 — behmischen C 1472 — versehlich C 1471
fehde C 1471, 1472, 1476, 1477 — gefehdet C 1472 —
69
Torsmeht C 1472 — smehliehen C 1477 — Lehnhaws C 1476 (2)
— Lehnschaften C 1477 etc.
Vor Konsonanz steht ch Air mhd. h vgl. eh.
Anslantend ist nar ch belegt
md. Eigentflmlichkeit ist die Voranftigang von h an voka-
lischen Anlaut, namentlich e.
Besonders hänfig ist im 15. Jahrhdt. her — nebenher geht
freilich er, eine Form, die im 16. Jahrhdt. allein herrscht.
Andere Belege sind heischen 1417 — Heylias 1417 —
Helyas, Helye (2) 1417 — Helias 1418 — Helyas 1419.
nhd. hat sich nnr heischen erhalten. Die andern Formen
kommen für das nhd. nicht in Betracht. Sie sind in unsem
Denkmälern auch nur in früher Zeit belegt.
Neben Ungern, angerisch steht Hongam, haDgerisch. Hier
bat sicherlich die lateinische Form Hangaria eingewirkt. Die
h- Formen finden sich noch im 16. Jahrhdt. — Über md. h vgl.
W. mhd. Gr. § 243. — Rück. Entw. S. 166, wo noch andere
Beispiele genannt sind. — Ober das spätere und heutige
Schlesisch vgl. Drechsl. S. 40. — W. Dial. S. 86.
md. Eigentümlichkeit ist es ferner, dass in unsem Denk-
mälern h schwindet vor t, s und nach 1.
h schwindet vor t: geschit 1437.
Nur dieses Beispiel ist belegt, das indessen auch so auf-
gefasst werden kann, dass i fUr ie steht, das in diesem Worte
für — ihe — belegt ist; vgl. oben S. 21.
h schwindet vor s: nest 1396, 1417 (5), 1424 (4), 1433,
1437, 1473, 1494 (4), 1507 (3), 1510 (6), 1515 (4), 1520 (3),
1524 (4), 1530,- 1634, 1540 (2) etc.
Nach 1: bevolen 1394, 1417 (3), 1422, 1424 (2), 1442 —
bevalen 1394 — befolin 1441 — befule 1390 — bevelunge
1408 — bevelen 1424.
Der Ausfall des h nach 1 bezeichnet das Erreichen der
nhd. Sprachstufe; vgl. Grdriss. § 87, 3.
Zwischenvokalig ist h geschwunden: wyenachten 1418 —
Hoenberg 1422 — koffslaen 1433. — Sodann in Fällen, wo
Yokalkontraktion stattfand: empfan, slan etc. Rück. Entw.
S. 169, 267 Anm.
»
Im I5l Jbkr&iL bc^xHit k ab Dfhamgneidien zu wirken.
F. Fraadk S. '^z »Weaa du k kcr odder nach einem
rannt wird do es uekt tekcrpfft und also seins
ks£ ftekc ü» cfieagt «id erkodt es Aett be^gesatzten
ab akm aakm ticfSckBÜdi jkm ' jhn | jhr j
Teraibn oJieni - ,iii Iimi tkva Bikae ete.«
Tfl obett S. >S £e FIDe. wo arepflagiidies e binter h
axsnn&Hes £$t. Doct ickicB k aacik Toraaaxasetzeiider Dehnung
de« ronn^ebeBdem Vokab die FvaktioB eiaes Dehniingszeichen
ttbenowBftem xs kalwB. S»> wiid es dam lediglieh als solches
aagewan^it ao^h 1. bei allem Liagca:
$teht B l44o — sseka B 1424 — C fehlt — D 1490,
1510. 15» 2 . 1524. 1530 i3>. 1554 (3) . . . — Torstehn
D 1510. 1520 — mehr B 1445 — G fehlt — D 1494 (3), 1507,
1510. 1515, 15o0 — eh C 1471, 1472, 1473 (2) — ehlichen
D 1555 — ehweib D 1530 *2 . 1534 (4), 1550 — ehweibes
D 1530 :2> — ehwribe D 1534. 1560 - oimhde C 1477.
2. bei Jungeii Läo^n:
becxalhet B 1413 — czalh D 1530 — cialhgelt D 1515 —
ihr C 1470 — D 1555 5 lofii^ i3*.
Nur D geheuren die folgenden Fälle an: ehn 1507 (4),
1510 .2 . 1515^,21 1520 .3, 1524 4\ 1530(3) — ehm 1520(2),
1524 (4> — ehn 1530. 1555 — yhnenn 1545, 1560 (3) —
yhne 1545 — ihnen 1545. 1555. 1560 — ihmc 1560 — ihrer
1555, 1560 — ihren 1555 — benehmen 1507. 1510, 1524 (2)
— einnehmen 1507 — annehmen 1510, 1524 — nahmen
1515 (2) — annahm 1515 — nehmen 1524 — annohmen 1530
— annahmen 1540 — ohne 1507 — wahr 1515, 1530 —
ahne 1555, 1560 (2> — nabmng 1515, mnhmen 1515 — ge-
wöhnet 1530 — wohnnng 1534 — söhn 1530 (3) — ehren
(kMores) 1534, 1545 — mnhe 1560 — nbnn 1560 — Tohrmunden
lftB5(4).
Die Dehnung ist in B Terhiltnismissig selten, in D da-
schon weit vorgedrungea — W, mhd. Gr. § 245. —
k» Stttw* S. 166. — Wilmanns Kommentar § 18.
HiBttrkenswert ist h in awsgenohmen 141K), 1530 (2).
61
F. FraDgk S. 99: »Wie wol das o (und u) sonst gemein-
lich mehr langk denn knrtz sein { wird jnen dennoch weilunds |
umb Sicherung willen sie zu erlengem | odder auch zierd halb {
das h zngefagt | doch mehr wolstehens denn nothalben | Und
dis geschiet | wo kein erhoben bachstab als b, d^ f etc. | nach
da bey stehet { als vemohmen | etc.c
nhd. ist hier die alte Kürze durchgedrungen.
In th ist h nicht eigentliches Dehnungszeichen. Im all-
gemeinen ist th nur andere Schreibung für t. Doch ist th in
yielen Fällen ins nhd. übergegangen.
thume 1417 — thumherren 1421, 1424 — thum (Ab-
leitungssilbe; sehr zahlreich, z. B. heiligthum, kaiserthum, marg-
grafenthum etc.) — rath (aliein und in Zusammensetzungen)
1427 (2), 1424 (4), 1436, 1446, 1494, 1507, 1520 (2) etc. —
rathsfrund 1494, 1520 — rathe 1494 — rathis 1520 — gerethe
1421, 1423 (2), 1424, 1434, 1447 (3) — hausgeräthe 1515 —
hausroth 1520 — gethan 1426, 1490 (2), 1494 (2), 1524,
1530 (6) — zuthunde 1478 — thun 1471, 1524 (2), 1490,
1494 (3), 1515, 1580 (4), 1540 — thue 1471, 1476 (2) -
genugthuunge 1473 — gethoner 1520 — gethonen 1530 —
thom 1438 (2) — thore 1438, 1439, 1445 — thoren 1440 —
ongerothen 1494.
In allen diesen Fällen entspricht th dem nhd. Gebrauche.
Dagegen ist th dem nhd. fremd geblieben in den folgenden
Fällen:
guth 1507, 1615 — guther 1515 (2), 1530 — guthem 1515
— muther 1515 — borthen 1510 — parth 1515 — warth
1520 — worthe 1520 (2) — antworthen 1520 — bekanth 1494,
1515, 1520, 1524 (3), 1530 — erkanth 1520 - frunth 1515 —
withwe 1530 (2) — steth 1530 — ethwan 1534 (3), 1540 (2)
— mith 1540.
Die Hauptmasse der Beispiele stammt aus dem 16. Jahrhdt.
F. Frangk S. 102 spricht sich hauptsächlich über th am
Wortende aus: »Wenns h ans t jnn der Endung einer silben |
odder worts gesatzt wird | sonderlich | Wenn ein | odder mehr
lang überreichend buchstaben noch dabei stehen | so ists ein
missestant unnd für mussig geacht | als (fürs erst) jnn den
62
obberurten Worten | gansthig | freandthlich | zam andern [ jnn
denen | mith { guth | math | etc. gesehenn wird.€
Doch sieht er h in Rathmann »far ein zierd an | da kein
lang ttberreichend buchstab | im selben wort (odder jhn nicht
nah da bey) stehet.«
Im Übrigen vgl. W. mhd. Gr. a. a. o. — Rflck. Entw.
a. a. 0. — Drecbsl. a. a. o. — Wilmanns Kommentar S. 136 ff.
In Eigennamen vertritt th nicht allein griech. lat. th, sondern
es wird auch gelegentlich für t gesetzt: Anthonins, Thymotens.
Auch hierin zeigt sich die regellose Verwendimg von t
und th, ein Beweis, dass th nar andere Schreibung ftt t ist,
ohne weiteren Einfluss auf die Yokalqnantität.
Ober th in Fremdwörtern vgl. Wilm. Kommentar S. 137, 138.
W. mhd. Gr. § 245: h begegnet als diakritisches Zeichen
zwischen Vokalen seit dem 14. Jahrhdt. nachweislich.
Vgl. e = mhd. 6. S. 16.
Beispiele aus unseren Denkmälern: gehen 1407, 1436, 1439,
1442 (2), 1444 (2), 1474 (2), 1494 (2), 1534 — gehende 1417
— stehen 1428, 1436, 1440, 1442, 1446 (3), 1490 — stehende
1417, 1444 — stehit 1442, 1444 — stehet 1446, 1530 — ehe
1426, 1534, 1555 — ehemann 1520, 1524 — muhe 1442 —
meher 1445, 1446, 1494 — eheweib 1630, 1540 — eheweibes
1515 — freyhen 1418 — gefreyhet 1418 (3) — freyhete 1419,
1423 — czewhet 1530, 1540 — beschawhunge 1445.
Der nhd. Gebrauch dringt also durch.
Über die h losen Formen vgl. e = mhd. 6. S. 15.
Andere Beispiele dieses hiatustilgenden h bringt W. mhd.
Gr. § 245. — Vgl. noch Rück. Entw. S. 166, 167. — Drechsl.
S. 40.
Durch die Analogie von gedröwhet ist zu erklären ge-
dröwht 1417.
Dentale,
t.
Anlautend t == mhd. t.
Sehr häufig belegt, z. B. tuch, tranck, tag, trincken,
tewffer etc.
63
t = mhd. d.
techant 1424 — techand 1411 — techands 1418. — W. mhd.
Gr. § 198.
Diese Erscheinimg bleibt auf den Anfang des 15. Jahrhdts.
beschränkt.
In nottnrft 1555 (2) ist tt durch Assimilation za erklären.
Echt md. ist t in vorterbnis 1470^ 1471 (2) — vorterbt
1471 (2) - vorterben 1430, 1471, 1476 — vorterbten 1472 —
Yorterber 1474 (2). » Ans dem 16. Jahrhdt ist mir kein Bei-
spiel, weder füv t noch ftlr d begegnet W. mhd. Gr. § 198.
— Rück. Entw. S. 140. — Drechsl. S. 31. — W. Dial. S. 75.
Inlautend t = mhd. t, soweit es nicht durch d vertreten
ist Vgl. d.
Im 16. Jahrhdt tritt Air t auch dt ein, z. B. bekhanndte
1555* — benanndten 1555 (2) — furgewandter 1560.
Auch diese Erscheinung ist ein Beleg für den regellosen
Gebrauch yon t und dt.
Auslautend t = mhd. t, nhd. d vgl. d.
t = mhd. t, nhd. t
Sehr zahlreich belegt, z. B. bekant, gesaut, got, stat, gewalt,
not, alt, czeit, solt, prawt, ynnehalt, weltlich etc.
Auch hier steht dt: bekanndt 1555; weldtlich 1545.
Bemerkenswert ist stadbuch 1515, 1530 (2), 1540 — stad
1530, 1540 — stadhalters 1530 — stadgerichten, stadgerichte
1530. —
Diese Formen finden sich nur im 16. Jahrhdt
Die Schreibung d erklärt sich wieder nur aus dem regel-
logen Gebrauch, der bei t, dt, d herrscht.
Denn auch die nhd. Form ist belegt in Stadt 1414, 1471,
1507 (3), 1510 (3), 1515, 1520 (2), 1524 (2), 1530, 1540 -
Stadtbuchs 1515, 1530 — Stadtschreibers 1515 — stadtschreiber
1530, 1560 — Newstadt 1530, 1534.
Aber ebenso wird auch Stadt (fUr mhd. stat, nhd. statt)
gebraucht 1507 (2), 1510, 1515, 1520 (2), 1545.
-et in der Flexion sw verb. wird nach Dentalstämmen ab-
geworfen: Vorantwort 1389 — geantwort 1394 (2), 1408 (2) —
geantwert 1417, 1418 (2), 1421 (2), 1424 (3) - vorricht 1396
64
— gericht 1410, 1419, 1423, 1424, 1446 — osgericht, aus-
gericht 1424 — bewt 1430 — gestat 1442 — uberantwart 1524.
e wird ausgestossen: aasgerichtt 1446 — ausgerott 1472.
d -)- t werden zn t yerschmolzen: wirt 1403, 1408, 1470,
1471 (2), 1472, 1476 (2), 1477, 1494, 1507, 1510 (2), 1515,
1520, 1530, 1545, 1550, 1560 (2) etc. - gerat 1417, 1423 —
innehelt 1427 — verscholt 1442 — behelt 1442 (2) — ver-
melt 1534.
Auch hier erscheint dt: wirdt 1520 — geredt, beredt 1442.
— In C: beredt, vorknndt, entcznndt. — Femer: obgemeldt
1530 — gemeldt 1534 (2), 1540.
Über t im Auslaut der Flexion vgl. Rück. Entw. S. 194,
195. - W. Dial. S. 78. — Drechsl. S. 33.
Im 16. Jabrhdt. hält sich nur wirt bezw. wird, wirdt Diese
verkürzte Form ist auch ins nhd. übergegangen. Die anderen
Formen verschwinden. Die vollen Flexionsendungen treten ein.
t im Auslaut und Anlaut verschmelzen; z. B. acbtage
1417 (2), 1430.
t + d > tt > t: notorflft 1431, 1439.
Enklitisches du > tu in soltestu 1477 (2) — hastu 1477.
Die Beispiele sind also spärlich und reichen nicht in das
16. Jahrhdt. hinein. Rück. Entw. S. 215. — Zahlreiche Bei-
spiele bei Drechsl. S. 33.
z.
Sehr lange hält sich die Schreibung cz. Sie ist in A, B
herrschend, ebenso in C. Dagegen beginnt ihr in D im
16. Jahrhdt. z den Rang streitig zu machen.
F. Fraugk S. 103 eifert gegen cz: »Die weil das z viel
mals bei den altenn am s und auch das c bey jme { zur uber-
mass befunden. Ist zu mercken | das maus jtzunt alleine { on
das 0 im anfang | und das tz am end eines worts | odder
Silben an seiner statt braucht | als jnn den worten und anndern
mehr zu sehen ist | Zimlich | nützlich | unnutz | nicht | czimlich |
nuozlich | etc.«
Diese Forderung F. Frangks ist im 16. Jahrhdt nur erftlllt
^ I in zu, fUr tz am Wortende allgemein. Erst nach 1545 ist
r oz nicht mehr begegnet, vorher noch z. B. czwuschen.
65
ezwUy canse, leczten, czal, czween — 1540: ozwischen, czal,
czins. Ob wie Rück. (Entw. S. 149) meint, cz nach Länge und
Diphthong nur Schreibfehler ist, ist doch recht fraglich, z. B.
Qlocz 1394, 1414 — Gloczinne 1426 (vgl. noch heut Glatz,
Glatze) — Gzeicz 1408 — crewcze 1422 — Crewczburg
1426 etc.
czc ist in nnsem Denkmälern gleich ozk; z. B. Heinczco
1393 — Franczco 1393, 1397 — Cunczco 1393.
Daneben stehen Hanozko 1408 — Franczko 1418 —
Franczke 1424, 1433, 1434, 1436, 1439, 1440, 1445 (3), 1447.
Über die Bildung der Kosenamen mit z und k -|- o vgl.
Stark S. 75.
Hinfällig ist fbr unsere Denkmäler auch die Behauptung
Rfick. (Entw. S. 147), dass z nie vor und nach Vokal erscheint;
z. B. zu (sehr zahlreich; im 16. Jahrhdt allein) — bezalen
1413 — Zeidlicz 1445 — Zynzeberg 1445.
Neben z und tz ist auch tcz belegt Doch ist diese Ver-
bindung auf das 15. Jahrhdt. beschränkt. Im 16. Jahrhdt. ist
mir nur eine Form begegnet 1524 uffsetczet.
c steht in Fremdworten: Laurencien, nacio, recepte,
crucisigneten, recesbriefe etc.
Über die Schreibungen z, tz, tcz, cz, c vgl. W. mhd. Gr.
§ 205. — Rück. Entw. S. 147 flF.
d.
d enspricht anlautend mhd. d: dank, ding, der, das, du,
durch, dencken etc. In diesen Fällen entspricht d altem th.
Altem d entspricht es in dorste 1472.
tr wird zu dr in Girdrud 1417. Vgl. W. mhd. Gr. § 187.
— Drechsl. S. 32.
Über t = mhd. d vgl. t.
Inlautend d = mhd. d.
d hält sich in den Verbindungen Id, ud, rd bis in das
16. Jahrhdt. hinein. Seit Esch. erscheint It, nt.
Id (It):
weiden 1389, 1393, 1399 .... 1470, 1472 (2), 1473,
1510 (2) - weiten C 1471 — weide B 1393, 1421 (2). 1423,
Arndt, Bntwicklang der BreaUner KanileUprache. 5
66
1429 (2), 1434 (3), 1442 (5), 1446. C 1471 (2), 1472 (3),
1473, 1474 (2), 1476. D fehlt. — weite nicht belegt
wolde B 1413, 1418, 1421, 1433, 1443 (3). C fehlt.
D fehlt — wolden B 1433, 1434, 1447 (2). C fehlt D fehlt.
weiten B fehlt C 1472 (3), 1473 (2), 1476 (2), 1474,
1477. D 1534, 1560.
Das Verhältnis liegt klar zu Tage.
snlde B 1394, 1397, 1420, 1423 (2), 1424, 1429 (2),
1440 (2), 1442 (2). C 1470, 1472, 1473 (3). D 1490, 1494,
1507. — sulden B 1394, 1426, 1434, 1443 (4). C 1470,
1471 (4), 1472 (4). D fehlt — sulten C 1471. — solde
B 1403 (2), 1408, 1413, 1430, 1433, 1442, 1447 (3). C 1473.
D fehlt — solte B fehlt C 1476. D 1530. — solden B
1447 (3). C fehlt D 1507. — jsolten C 1472, 1477. D 1530.
soltest C 1477 (2). — soltet C 1477.
Die d-Formen sterben demnach im Beginn des 16. Jahr-
hunderts aus.
eldisten B 1403, 1424, 1433 (3), 1436, 1438, 1442 (5),
1444. C fehlt D 1490, 1507, 1510(3), 1520, 1530, 1534,
1560. — eldesten B 1417. — eldiren C 1477. — eidern D
15U7 (2). — eider D 1530. — alden B 1417 (3), 1418, 1421,
1440, 1442 (2). C 1472, 1474. D 1494, 1515, 1524, 1555 (2).
— alders B 1403, 1417, 1440. — aide B 1417, 1437, 1438.
In diesen Wörtern hält sich d besonders zäh. Nur alten
1534 ist belegt.
halden A 1359. B 1411, 1413, 1417, 1418 (2), 1421 (2),
1423 (2), 1433, 1434, 1436, 1440, 1442 (2), 1444 (2), 1445 (3),
1446 (2), 1447. C 1470 (2), 1471 (11), 1473 (3), 1477 (3).
D 1490 (2), 1494, 1510 (2), 1515 (2), 1520 (4), 1524 (2),
1530, 1534 (2), 1540 (2). — halten B fehlt C 1477 (2).
D IfjOT, 1524 (2), 1530 (3), 1534, 1540 (2), 1560. — gehalden
B 1417, 1424 (2), 1446. C 1471, 1472 (2), 1477. D 1494,
1507, 1510. — gehalten B fehlt C 1472, 1477. D 1524 (3),
1530, 1534, 1545, 1555 (2), 1560 (2). — behalden B 1424 (2),
1440 (2), 1442 (3). C 1474. D 1510 (2), 1524 (2), 1530. —
vorhalten 0 1560.
Im allgemeinen gebt aus der Zusammenstellung hervor,
dass die t- Formen durchdringen.
67
stathelder B 1429 (4). C 1471. D fehlt. — stathalters
B fehlt C fehlt 0 1530.
Das Ergebnis ist hier dasselbe.
Es sind noch einige Fälle von Id belegt, zu denen ent-
sprechende It- Formen nicht vorhanden sind.
behilde 1403 — beheldet 1408 — gelden 1424 (2), 1515 (2)
— scheiden 1428 — kalden 1472 — Kaldenborn 1510 (2) —
vorgeweldiget 1472 — gewalde 1472.
Fassen wir alle Fälle zusammen , so ergiebt sich als
Resultat, dass die Entwicklung von Id zu It fortschreitet, aber
noch nicht völlig abgeschlossen ist
Zäher haftet d hinter n und r.
nd. under B 1408, 1410, 1423, 1424 (2), 1428, 1433,
1436 (2), 1437, 1438, 1442. C 1472, 1476. D 1494, 1507 (2),
1620, 1530, 1534, 1540, 1550.
nndir A 1352. B 1370, 1424, 1428 (2), 1433, 1434, 1444.
C 1471 (9), 1472 (5), 1473, 1476 (3), 1477 (6). D fehlt
unter B 1432. C fehlt D 1560.
nd ist also bei weitem in der Mehrheit
hinder B 1414, 1419, 1437, 1444, 1445, 1447. C 1471.
D 1520, 1530 (2), 1534, 1545. — hinter nicht belegt. —
newnden 1473 — konden 1428 — könden 1510 — künden
1429 — künde 1429.
nd ist demnach noch herrschend.
rd.
fierdehalbhundert B 1423. — virde A 1359. C 1471, 1472,
1477 (2). D 1515. - virden C 1473 (2). — firden C 1477.
— vierde D 1515. — vierdehalb D 1555.
rt ist nicht belegt in diesen Formen.
Über diese Erscheinungen vgl. W. mhd. Gr. § 188. —
Bahder S. 50. — Rück. Entw. S. 193. — Beispiele aus
späterem Schlesisch bringt Drechsl. S. 32. — Über den heutigen
Dialekt vgl. W. Dial. S. 65, 66, 69.
Aus der Analogie der Präsensformen ist zu erklären ge-
leden 1440. W. mhd. Gr. § 188. - Rück. Entw. S. 137, 138.
dt ist inlautend nicht belegt
Auslaut: d = mhd. t, nhd. d.
5*
68
d ist zahlreich belegt und bricht sich im 16. Jahrbdt. Bahn.
Doch stehen daneben t und dt Die einzelnen Perioden ver-
halten sich verschieden. . A hat nur t- Formen.
In B handelt es sich nur am den Wechsel von d und t,
and zwar ist t im Obergewicht dt erscheint erst in C. Aach
hier überwiegt noch t. Den kleinsten Raam nimmt dt ein.
In D tritt t noch nicht zarttck and streitet mit d und dt um
die Vorherrschaft.
F. Frangk S. 105 klagt über den regellosen Gebrauch der
drei Laatzeichen and überlässt es schliesslich resigniert einem
jeden, so zu schreiben, wie er will.
Er sagt a. a. 0.: »Ettliche wollen aach diese und der-
gleichen worter alleine mit dem d schliessen \ als I werd
wild I wird | word. Item { weid \ wird ! werd { wald j weld
wild j feld etc. Welches aber za schwach und anverstendiglich
ist (nach 1538) und wer derhalben not hie einen gewissen
Unterricht znthun ; wie man ein jdlichs (nach dem sie jnn
viel weg mögen verstanden werden) auch schreiben sold | es
will aber hie zu langweilig und weitleufftig werden | der-
halben ich jnn des einen jdern bey seinem danken
bleiben las.
Aus dieser angezeigten Warnung mochte vielleicht jemandes
geursacht werden { (wie denn sonst vorhinn bey ettlichenn
vermerckt wirdt j das sie alleweg das dt am end brauchen
woldten { so doch am d genug weer | als hier und andern
mehr j bald i sund | und | etc. | wo das t darzn gesetzt |
wurds zuviel und überflussig | Und zu den { hart | hart | pfert |
walt I kalt I solt | munt | hunt etc. | setzen sie unrecht und
ubermas das d fürs t | wo also stund | hardt | pferdt | etc.«
Eine Kritik dieser Bemerkungen ist nicht unsere Aufgabe,
sollen sie doch nur die Regellosigkeit kennzeichnen, die in dem
Gebrauche jener Schriftzeichen herrscht.
Auch hier widerstreiten sich phonetische Schreibung und
Systemzwang und verursachen dadurch die Unsicherheit in der
Orthographie.
pfund B 1393, 1445. C fehlt. D fehlt — pfunt B 1438.
D 1515.
69 _
Dagegen abnnd B 1399, 1440. — obend B 1426. C 1470.
D fehlt Die t-Form ist nicht belegt; ebenso nicht dt.
geld B 1412, 1415, 1419, 1421, 1424, 1425, 1426 (4).
C fehlt. D 1490, 1494, 1524 (2), 1555. — gelt B 1394, 1408,
1415, 1417, 1418 (4), 1427 (2), 1428, 1431, 1433 (2), 1434 (3),
1436, 1437 (2), 1438, 1439 (3), 1440 (3), 1442 (6), 1446 (2),
1447. C 1471, 1472. 0 1490 (2), 1507, 1510, 1515 (3),
1530 (2), 1540. — geldt D 1494, 1530, 1534, 1545 (2).
band B 1412, 1417, 1418 (3), 1419, 1420, 1422, 1423 (2),
1424, 1428 (2), 1445. C fehlt. D 1490, 1515, 1524 (2),
1530 (2), 1534. — hant B 1408, 1442, 1446 (2), 1447. C fehlt.
D 1510 (2), 1515, 1520. — handt D 1507 (3), 1510 (3), 1540,
1555 (2), 1560.
land B 1417, 1425, 1426, 1430 (2), 1431, 1435, 1436,
1445, 1446. C fehlt D fehlt. — lant C 1477. — landt
C 1474. D 1540.
schnld B 1418, 1433. C fehlt D 1524 (3), 1530 (6),
1540. — schult B 1430, 1442, 1447. C 1471, 1472, 1477.
D 1490, 1494 (2), 1510, 1515, 1520, 1524, 1534 (3), 1540. —
Bchnldt D 1515, 1530 (5), 1545, 1560.
stund B 1417, 1423, 1433. — stunt B 1429, 1442. —
stnndt D 1515.
frand B 1440, 1445, 1447. C fehlt 0 1494 (2), 1515.
— frnnt C 1470 (2). — frunth D 1515. - frundt C 1472.
D 1515. 1520. — icznnd B 1423 (3), 1428, 1436, 1440, 1442,
1445 (2). C 1477. — iczundt B 1396, 1418, 1421, 1424 (2),
1437, 1445. C 1477. - iczundt C 1477. D 1560. — nymand
D 1515. — nymant C 1477. — nymandt D 1520. — feind
C 1472. — feint C 1477 (2). - feindt C 1472.
wird D 1530. — wirt B 1403, 1408. C 1470, 1471 (2),
1472, 1476 (2), 1477. D 1494, 1507, 1510 (2), 1515, 1520,
1530, 1545. — wirdt D 1520.
brandt 1472. — standt 1477, 1515, 1630 (2). — pfandt
1490. — Schmidt 1510, 1530 (2), 1540 (2). — messegewandt
1510, 1515. — gewandt 1530. — kindt 1515 (3), 1524. —
schiedt 1515. — entschiedt 1520. — abschidt 1560. — goldt
1634 — feldt 1530 (2). — Oonradt 1520 (2) etc.
JO
über d bezw, t vgl. W. mhd. Gr. § 190. — DrechsL S. 31.
— Bahder S. 50. - Über dt vgl. Rück. Entw. S. 194. —
Drechsl. S. 32.
d bleibt im Auslaut natttrlich gewahrt, wenn es ursprünglich
inlautend war und nach Abfall von e in den Auslaut trat,
fnd, gnad etc.
d == mhd. t, nhd. t
becand 1423 (2). - vorsigeld 1423. — wagenfard 1424 (2).
sand (sehr zahlreich; lateinisch sanctus liegt zu Grunde). —
fordan 1534.
Diese Erscheinung lässt sich also nur noch 1, n, r kon-
statieren.
s und seine Nebenformen«
Im Anlaut s = mhd. s.
Naturgemäss sehr zahlreich belegt.
Daneben steht auch z: zenftleben 1408 — zak 1423 (3)
alzo 1352, 1417 — gezellin 1428 (3) ~ zelemessen 1445, 1446
— zelen 1446 — zune 1447 — zaflFrans 1433 (2) — zaffiran
1433 (3). — Vgl. Rück. Entw. S. 153.
Von C ab ist dieser Gebrauch nicht mehr belegt. Weitere
Beispiele bietet der Inlaut.
Im Inlaut s = mhd. s, daneben auch hier z.
Gegen Ende der Periode tritt z immer spärlicher auf.
Esch. kennt es nur noch in Eigennamen und nach Esch. ist es
nicht mehr belegt.
B bozir 1389 — gewezin 1393 — dezin 1403 — lazura
1399 (3) — weize 1417, 1440, 1442, 1445, 1446 — weyze
1446 — Weizen 1419 — hoppfenhawze 1417 — rathawze 1438
— rathuze 1437 — vorwezern 1438 — abeczulozen 1446,
1438 (10) — lozen 1433, 1440 — Pozenow 1408 (3) —
Elyzabeth 1413 — Elizabeth 1419, 1440 — Elizabet 1413 —
Lazan 1415 — Gnizen, Cloze 1417 — Rozenfeld 1417, 1424
— Rozenczweig 1436 — Rozenfang 1445 — Slezia 1443 —
Glazer 1440 — Balthazar 1445 (2). C Kazimirus (2) —
Kazimiri (2) — Kazimiro — Pozen — Gnezen — Baltazar.
Rück. Entw. S. 152 flF : Der Ursprung der Schreibung z
für s ist deutlich in niederrheinischen und niederdeutschen
71
Mastern zu sehen, von wo aus sie sich weit in Mitteldeutsch-
land verbreitet bat. Ein Grund, der dem Laute selbst ent-
nommen, ftr die Schreibung massgebend wäre, lässt sich nicht
angeben. — Vgl. auch F. Frangk S. 108: »Man findts auch bei
den alten | das für hundert jähren und kfirtz darnach das z
fürs 8 . . . . gemeinlich ist braucht worden etc.t
Als Beispiel führt er an erzam.
öfter steht s = mhd. z nach langem Vokal oder Diphthong,
wo SS zn erwarten wäre (s. unter ss = z). lasen 1393, 13v9,
1424, 1434 (6), 1436 — lasin 1396, 1434 — drysig 1396 —
dreissig 1423 (2) — geheise 1408 — grosem 1421 — Grosen
1442 (2) — awsin 1423 — mesiger (C) — geewsert 1510. —
Ins 16. Jahrbdt reicht also nur eine einzige Form hinein.
Über diese ältere Schreibung s vgl. Rück. Entw. S. 141.
— Beispiele bringt Drechsl. S. 34, 35.
SS = mhd. s.
Inlautend: weisse 1424 — schultissey 1417 — speisse
1431 — buchssen. buchsse -- Stuchsse 1426 — wechssil 1444,
1446 — kursse 1421 — bochssen 1440 (2) — hewsser 1510
weifTe 1520.
SS = mhd. SS.
zelemessen, gedechtnisse, gefenknisse, rosse, missetat,
messingsloher, messegewandt etc.
mhd. SS wird auch vereinzelt durch cz wiedergegeben, nur
im Beginn des Zeitraumes.
Broczil 1393 — gwicze 1439.
SS = mhd. z nach langem Vokal und Diphthong: mosse,
Strossen, lossen, lassen, aussen, genossen, stossen, gemessen,
weissen, geheisse, fleisse, fleissig, bussen, hiessen, grossen,
müsse, geewssert, eussertc, blutyorgissen, fussen, dreissig etc. etc.
z ist nicht belegt. Die nhd. Lautstufc ist hierin erreicht.
SS = mhd. zz nach kurzem Vokal.
beslossen, essen, slosser, y orgessen, hassen, gesessen,
wissentlich, Wissenschaft, wasser, besser, fessel, fasse etc.
Auch hier ist die nhd. Schreibweise durchgedrungen.
72
Aaslant.
8 = mhd. 8.
al8, hus, haw8, los, was (praet), vasnacht, es (gen.) etc.
88 = mhd. 8.
hinderniss 1396, 1417 — vorretniss 1413 — gefenkniss
1428 etc. — czinss 1437, 1438 (2), 1440, 1446, 1446 —
Swinssberger 1389. — In C and D stirbt dieses ss ab.
8 == mbd. z.
Diese Schreibung ist in unsern Denkmälern so gut wie
durchgeführt. Nur daz 1389, 1393 (7), 1394 (2), zeigt altes z.
Rück. (Entw. S. 141) macht mit Recht darauf aufmerksam, dass
dieses z seit dem Ende des 14. Jahrdts. zu den grössten Selten-
heiten gehört.
In unsern Denkmälern, freilich auch nur in den letzten
Jahren des 14. Jahrhdts., findet sich auch z => mhd. s.
alz 1352, 1389 (2), 1390, 1393, 1399.
Ober die Gleichheit der Laute vgl. W. mhd. Gr. § 205.
Beispiele fUr s = mhd. z überaus zahlreich: das, was, bis,
es, aws, furbas, fleis, lis, dis, blos etc.
SS = mhd. z.
awss 1393 (2) — gross 1417 — geschoss 1445 — bifs
1524, 1530.
ß für mhd. s.
Anlaut: alßo, ßo 1490, 1507 - ßalige 1420.
Hier steht ß vor Vokal. Weit häufiger vor Konsonanz, wo
es nhd. gesprochnem, teilweise auch geschriebenem seh ent-
spricht.
zußpruch, ßwestern 1507 — ßmidt, ßneider, ßlesischen,
geßnitten, geßtellen, zußtendig, ßtiifvater, vorßtorbener 1520 —
anßprechen, anßpruche, zußpruche, verßtorbenen 1524 etc.
Inlaut: czinße (2), lößen, hawßes, vorweßir, weiße, unßers,
sechße 1490 — dyße, taußent, czinßes 1507.
Auslaut: geczeugniß 1507 — loiß 1507 (6), 1520 (4) —
loß 1607 — alß 1507 — hawß 1507, 1520, 1534, 1555 —
vormalß 1507 — baß 1507 — beweißlich 1607 — faßnacht
1507 - hinderniß 1520, 1524 — hindernuß 1520 (2), 1524 (3)
— gedechtnuß 1520 — anderßwo 1520 — weß 1534.
ß fttr mhd. z.
awß 1490 (4), 1607 (9), 1620 - weiß 1490, 1507 (2) —
biß 1607 (4), 1520, 1524 (4) ~ diß 1507 (6), 1520 — daß
1507 (2), 1534, 1555 — waß 1534 - groß 1560.
IB: lafßen 1507 (3) — grotßen 1507.
8z =: mhd. 8 nur in czinsze 1437.
8z = mhd. z nur in craisz 1474
Drechal. S. 36. — Rück. Entw. S. 164.
z = mhd. z vgl. 8 s mhd. z an8lautend.
Es herrscht also grosse Regellosigkeit im Oebranche der
verschiedenen Schriftzeichen, doch ist es klar, dass ss und ß in
den meisten Fällen den stimmlosen Laut bezeichnen. Die
grOsste Verbreitung hat im 16. Jahrhdt. ß, der Vorläufer des
nhd. ß.
seh.
scb entspricht anlautend mhd. seh: schone, Schreiber,
beschemen, schenken, scheppen, scheiden etc. etc.
sc für seh nur seot 1408 (2). W. mhd. Gr. § 210.
Ober die Verbindungen sl, sm, sn, sw und ihre Korrelate
schl, schm, sehn, schw vgl. unter Konsonantenverbindung.
Inlautend seh = mhd. seh.
zwischen, groschen, bischoffe, hungerische etc. etc.
Daneben findet sich die Schreibung ssch, die in unsern
Denkmälern nur ftlr seh gilt. Rück. (Entw. S. 144) weist ssch
auch flir ss nach.
zwisschen 1396, 1426 (2), 1428, 1490 — czwisschen 1399 (2),
1409, 1418, 1418, 1421, 1423 (3), 1424, 1426, 1427, 1445 (2),
1446, 1447 — czwusschen 1447, 1524 — zwusschen 1510 —
bysschoff 1392 — bisschoflf 1421, 1422 (2), 1423 (2), 1424 (5),
1427 — bisschofs 1417, 1424, 1427 — bisschoflFs 1421, 1423,
1424, 1427 — fisscherynne 1417 — heisschen 1417 — falssche
1433 — falsschen 1442 — fleisscbern, fleissches 1445 — ge-
drasschen 1445 — grosschen 1445 (5), 1446 (8), 1610 (3),
1515 (3), 1624 (3), 1530.
Die gewöhnliche Schreibung ist seh; nur wenige Beispiele
von ssch reichen in das 16. Jahrhdt. hinein.
74
8ch = mbd. 8.
bischtumes 1446 — Mathiasch 1440 — Mathiaschen 1477 (2)
— marschtalle 1534.
Über diese seltene Schreibung vgl. W. mhd. Gr. § 210. —
Rück. (Entw. S. 144) nimmt an, dass bei bischtam auf bischof
zurückgegangen wurde.
tsch gebt zurück auf cz (tcz) in Nymptsch 1433, 1435 —
Gorlitsche 1426 — Proitsch 1441 — pitschil 1408. — Daneben
stehen die cz- (tcz) -Formen: Nympcz 1431 (3) — Gorlicz 1446
— pitczil 1408.
Gemination.
A. Sonore Konsonanten.
Über w und j ist nichts zu bemerken.
1. Xjiq.uldlae.
rr.
rr gegenüber mhd. einfachem r in jrre 1359, 1417, 1423,
1436, 1444 - jrrer 1424, 1426, 1433, 1445 (2), 1446 —
unsirre 1352.
Diese Erscheinung geht also nicht über die Mitte des
15. Jahrhdts. hinaus. Rück. Entw. S. 175. — Viele Beispiele
ftlr diese rr in der Flexion bei W. mhd. Gr. § 213, unter denen
auch irre genannt ist.
rr vor Konsonanten liegt nur vor in DorrmdorflF 1403 (3).
11.
Altes 11 in gesellschaft 1393, 1421 . . . .; daneben gesel-
schaft 1394, 1421.
Im 16. Jahrhdt. erscheinen soll, will in Analogie zu den
Pluralformen.
8. XTasale.
mm.
mm < mb.: dorumme, umme. Sehr zahlreich belegt. —
Weitere Beispiele bei W. mhd. Gr. § 162, § 183. — Vgl. auch
Rück. Entw. S. 177 — Neben dieser Assimilation ist aber
auch, und im 16. Jahrhdt. vorwiegend, mb belegt, besonders
im Auslaut. Vgl. Konsonantenverbindung.
76
mm f&r einfaches m im part. praet. von komen, oemen ist
im Beginn (B) selten. Bei C ist mm schon stark verbreitet.
Im 16. Jahrhdt., von 1520 c. ab, ist nnr mm belegt. — Bahder
S: 8. — Regelmässig steht mm im Fremdwort: snmme, snmmen.
nn.
nn < nd. : ynnewennig 1428 — nswennigen, awswennig (C).
W. mhd. Gr. § 189. — Rück. Entw. S. 178.
Vereinfachung von nn im Anstaut ist nar in der ersten
Zeit zn beobachten: wen, et wen .... — Johan 1392, 1394 etc.
Daneben stehen die nn- Formen.
Seit Esch., aber ganz besonders im 16. Jahrhdt., nimmt nn
stark zn und tritt selbst dort anf, wo niemals eine Gemination
stattgefunden hat.
Dieses Doppel -n zeigt schon A. Im 16. Jahrhdt.: unnd,
nnns — dorann, habenn, entphangenn, groschenn, vonn, inn,
gnldenn, teilenn, werdenn, lannde, bekannth, kynnder etc. etc.
Vgl. Bahder S. 8.
Dass diese Eonsonantenhäufungen wesentlich Sache der
Schreibermode seiner Zeit waren, hat schon F. Frangk bemerkt.
S. 102 erklärt er nn am Wortende Hlr einen Schmuck, der auch
ganz gut fehlen könnte: »Auch wird von ettlichen | als notig
und fnr ein Regel gehalten { das sie die wort | so im n aufs-
gehen mit duplirtem n schreiben | als denn Ersamenn weisenn
Herimn etc. Welches | als zuachtenn mehr schmucks | denn
nothalben geschiet | Weils der gestalt bey denen | die solch
gleissenn nicht ansehenn | mehr als überflüssig | und mit einem |
denn mit zweien geschrieben | gemerckt wird.«
Weiterhin schilt er die »Modisten odder Stuelschreiber«,
die auch in der Mitte von Worten nn (bezw. mm) schreiben,
um ihren Proben und Formularien ein »tapfers ansehen c zu ver-
leihen, >so doch solches on den mussiggang { eine unlesliche
schrifft I dar zu des Schreibers unverstant und gleissnerey
klärlich wird.«
Dagegen will Frangk dem auch in unseren Denkmälern
vielfach belegten Gebrauch des nn vor Konsonanten eine Be-
rechtigung zugestehen: »Wenns aber zwiischen einem styramcr
und mitstymmer gefordert | wirds gemeinlich (die weils starck
76
lautet) daplet gezogen | als | bannden | bennder I Hannfs
flannder etc Aas dem kommets auch das diese wortlinn
(unnd I UDOS | etc.) sampt all jrem anbang and nacbkommlingen
I mit zweyen nn billicher denn mit einem geschrieben werden' '
als I Unns I annser { annserthalben | wegen etc. I Unnd {
annden | unnderthan | unndanck . . . . | Wie wols der brauch
beiderseits heldt | das (unnd) doch mehr mit einem | denn mit
zweien schreibt.«
Letzteres stimmt auch für unsere Denkmäler, und ist häufiger
als unnd. nhd. ist der ausgedehnte Gebrauch von nn zorttck-
gegangen.
B. Geräuschlaute.
1. Xjabiale.
pp.
Vgl. pf. S. 47.
bb.
Ist nicht belegt.
ff.
Diese Schreibung ist überaus häufig und findet sich im
Anlaut und Inlaut und Auslaut nach Kürze, Länge und
Diphthong. Rück. (Entw. S. 179) ist der Ansicht, dass ff
für f nach unzweifelhaften Längen geschrieben wurde, um die
harte und energische Aussprache des f gegen das so häufig bis
zum w herabsinkende y zu markiren.
Ich bin der Ansicht, dass ff nur aus Freude an der Kon-
sonantenhäufung, die das 15. und 16. Jahrhdt besonders
charakterisiert, geschrieben wurde. Darum hat auch ff keinen
Einfluss auf die Vokalqnantität.
Anlautend ff nur in B: ffrawen, ffraw, fiursten. In-
lautend: briffe, kauffe, liffe, Seyffenmacher, Steffan, dorffer,
straffen, helffte, lewffer, greiffen etc. Auslautend: uff, hoff,
brieff, eylff, bedarff, biscboff, funff, Joseff, schriefft, behelff,
warff etc.
Im 16. Jahrhdt. ist diese Gemination noch in voller Kraft.
ff = mhd. ff. Nichts zu bemerken.
77
8. GKutturale.
Ober ck und gk rgl. k.
3. Dentale.
tt.
tt flir einfaches t ist sehr stark vertreten, und zwar nach
nrsprttnglichen Längen and Kürzen. Die Kürzung der ersteren
wird als sicher anzusehen sein. Nur graphisches Zeichen da-
gegen ist tt nach Diphthongen. Rück. Entw. S. 181. — W.
mbd. Gr. § 199. — Ordriss. § 23. — Bahder S. 8.
hatte B 1393, 1394. 1397, 1399, 1408 (3), 1413, 1417 (4),
1418 (4), 1419 (3), 1421 C3), 1422 (2), 1423 (4), 1429, 1431,
1433 (2), 1439 (3), 1440 (2), 1442 (6), 1445, 1446. C 1470,
1472 (4), 1473. D 1490, 1510, 1520 (2), 1524, 1530 (2) . . . .
— hatten B 1417 (3), 1418 (3), 1424 (2), 1433 (2), 1439,
1442 (5), 1444. C 1472 (9), 1477 - hette B 1389 (2),
1393 (4), 1394, 1413 (3), 1417 (4), 1421 (4), 1424 (4), 1429 (2),
1430, 1432, 1434 (3), 1440 (2), 1442 (16), 1446, 1447.
C 1471 (3), 1472 (5), 1473 (4), 1474, 1477. D 1494 (5), 1507,
1524 — hetten B 1389, 1413 (3), 1428, 1442 (6), 1445,
1447 (2). C 1470 (2), 1471, 1472, 1473 (2), 1476, 1477 (2).
0 1490, 1507, 1515, 1524 (2) — hettist C 1471 (2) — hott
D 1530 (3), 1534 (7), 1540 (14), 1545 (2), 1550 — hattet
C 1477 (2).
matter B 1445. D 1515, 1520, 1524 (4), 1540 - gros-
mutter D 1515 — mütterlichen 0 1534.
Zu den bisher genannten Formen sind entsprechende Bei-
spiele mit einfachem t ausser bei hott nicht belegt. Nicht so
bei den folgenden Fällen.
gutter B 1424, 1446. D 1494, 1510, 1515, 1520 (2), 1530,
1534 — gutte B 1425. D 1490 (3), 1494, 1510 — gutt
D 1520, 1530 — guttem D 1490 (2) — gutten 0 1524 —
gnttes D 1494 — guttem D 1494, 1524, 1530, 1534, 1540 —
ratt D 1530.
In C ist also tt ausser in den Formen von haben nicht
belegt Die Beispiele häufen sich in 0.
78
tt nach alten Kürzen:
fetter B 1418, 1424 — vetter B 1399, 1437 — fettem
D 1490 — vettern D 1534 — mitt B 1414, 1424, 1428, 1437,
1442 (2) — mitte B 1421. D 1494 (2). (Vielleicht liegt
Einfluss von mitte: medius vor, neben dem auch mite belegt
ist!) entritten B 1430 - ettliche B 1434 — spittal, spittals
B 1438 — capittels B 1438 — erstatten B 1445 — betteln
B 1446 — gestatten C 1472 — gestatte C 1477 — sendebotten
C 1470, 1471, 1472 (2), 1474 (2) — widerstattunge C 1471,
1472 — bitten C 1471 (3) — gestritten C 1472 (2) — aws-
rottunge C 1472, 1477 — wortt D 1507 — statt D 1507 —
gott D 1530 (2) — vatterlichen D 1534 — abtrettnng D 1540
— wittwe D 1545.
tt nach Konsonanten in rentten D 1490.
tt nach Diphthongen ist selten und erst nach C belegt.
weitter 1490, 1494 (2) — lawttende 1490 — hewtte 1510,
1524 — czeitt 1530 — voitt 1545.
Der Vergleich mit dem nhd. Sprachgebrauch zeigt, dass tt
in zahlreichen Formen, wo es sich nm nrsprtingliche Längen
und Kürzen (Diphthonge sind ausgeschlossen) bandelt, ins nhd.
übernommen wurde.
Über dt s. unter t.
zz.
Über zz und cz vgl. s.
dd.
Für einfaches d wird dd gebraucht nach kurzen Vokalen
in odder 1370 — widderrede 1490 — widder 1494 (2), 1524,
1530. Rück. Entw. S. 180. — W. mhd. Gr. § 188. — Bahder
S. 50.
Diese Gemination ist also ziemlich selten. Die d- Formen
haben die Herrschaft. Über diese Gemination äussert sieb
F. Frangk S. 100: Ettliche brauchen das duplet dd { etwann
wenns zwuschen zwenn Stimmer gesatzt wird j als odder |
Widder | redden etc. \ Welchs on notig und ein überaus sein
mag I Weils nicht stark lautet { darzu das widderspiel mehr
gesehen wird. Doch ich wil umb dis mit niemands zancken | weils
illeicht beiderseits mag gehalten werden.«
79
Konsonanten- Vor blndungen.
Ich handle zunächst von sl^ sm, sn, sw im Anlaut. Diese
Verbindungen reichen bis in das 16. Jahrhdt. hinein. Seit 1524
ist mir aber ausser in Slesien nur seh in jenen Verbindungen
begegnet. Bei Slesien mag lat. Silesia bestimmend gewirkt
haben. Alles Nähere wird die Statistik ergeben.
Zu F. Frangks Zeit wurde noch sl, sw geschrieben, wie aus
dem Passus S. 104 hervorgeht: »Wenns p odder t nach dem
seh I von rechte gefordert | so wirds ch vermieden | und das
p odder t schlechts zunehst ans s gesatzt | wie jtzt gesehen.
Desgleichen haldens ettlich auch { mit dem 1 und w wenn sie
nach dem seh gehen | das sie das h meiden | und schreiben
also Slesier | Sweidnitz { Sweitzer { für Schlesier | Schweidnitz
, Schweitzer etc. | Welches aber nicht so vasst als Jens
jnn ubung ist.«
Ober das Verhältnis von s und seh in diesen Verbindungen
vgl. Rück. Entw. S. 144. — Bahder S. 50.
Noch bei Opitz erscheint slange, vgl. Drechsl. S. 34.
Im heutigen Dialekt herrscht die aspirierte Aussprache,
vgl. W. Dial. S. 80.
Ober die Schreibung ßl, ßm, ßn, ßw vgl. unter ß S. 72.
sl A fehlt. B beslan 1393 — geslagen 1393, 1417 —
nfslag 1417 — totslages 1423 (2) — todesslages 1433 —
todslages 1439 — vorsinge 1436 — siege 1440 (3) — beslossen
1442 (2) — slossil, slussil (4) 1442 — slosser 1418, 1442 -
Blossen, slosse 1442 — Slichting 1417 etc. C beslossen, Slesien,
beslissen^ uffgeslagen, slosser, slos, beslissungen etc. D Slesien
1534 (2), 1555 (2).
schl A fehlt. B Schiaispech 1413. C schlossern 1474.
D beschlossen 1524 — Schlosser 1530 (3) — anscblege 1530
— geschlagen 1530 (3), 1534 — Dromelschlaer 1530 —
goltschlaer 1530 — schlegen 1534 — schütten 1555 (2).
schl gewinnt demnach im 16. Jahrhdt. die Herrschaft.
sni A fehlt. B goltsmed 1417, 1424 — goltsmede 1424 (2)
— grobsmede 1428 (2), 1444 — smedeknechte, smedeknechten
1428 — Helmsmed 1426 — Smylo 1420 — gesmehit 1433,
1442 — smocheit 1534 — gesmeide 1445 etc. C smerczlichen,
80
smeblichen, Yorameher, smocheit, yorsmohen etc. D smid 1507,
1510 — Smidebrucken 1510 — gesmöcke 1515.
8chm A fehlt. B fehlt C fehlt. D Schelnschmydt 1510
— Schmidt 1530 (5) — schmid 1524 (3), 1530 (3), 1540 (4),
1550 — schmehlichen 1550 — Schmidebracke 1524 — Schmide-
brngken 1555.
Auch hier ist das Erreichen der nhd. Lautstafe dentlich.
SQ A fehlt. B Ledersnyder 1389 — sneider 1408, 1440
— besneiden 1434 — gesneten 1438. C abgesnyten, snodiglich.
D nur sneiders 1520.
sehn A fehlt. B fehlt. C fehlt. D Schnabel 1507 —
Schneider 1507 (2), 1510, 1520 (3), 1524 (3), 1530 (9), 1534 (3),
1540, 1545 (2) etc. — Schneiders 1520 — schneiderinn 1520
— geschnitten 1530 — Schueckenbach 1534 — Schnolcz 1490
— Schneweis 1534.
Das Verhältnis ist klar.
sw A swerlich 1352, 1359 — sweren 1359. B swoger
1370, 1408, 1440 — swarcze 1413 — geswisterde 1399,
1446 (9) — Swidnicz 1396 — Sweidnicz 1423 . . ., Swinss-
berger 1389 — Swebischin 1408 — sweren 1423, 1439 —
swere 1439 — geswornen 1424 (2), 1444, 1445, 1447 -
gesworn 1424, 1436, 1438 (2) — gesworen 1433, 1442 —
beswerunge 1425, 1433 (2) — vorswegen 1431, 1442 —
vorswigen 1442 — sweigen 1434 — swestir 1436 — sweger
1436 — vorsweigen 1442 — swertern 1446. C swerheit,
beswerunge, swere, gesworne, Swidnicz, gesweigen, swerlich^
besweret, swerer etc. D geswisterden 1490 (3) — geswisterde
1490 — swoger 1490, 1515 (2) — geswistem 1494, 1515 —
swester 1494, 1510, 1516, 1520 — Sweidnicz 1515 — Swobe
1510, swarczen 1510 — swur 1520 — gesworn 1520 —
besworn 1520.
schw A fehlt. B fehlt. C fehlt. D schweingelt 1494 —
schwoger 1607 (4), 1524 — schwiger 1530 — schwein 1524 (3)
— Schweine 1624 — schwere 1624, 1630 — schwerer 1530 —
schwogers 1507 — geschwisters 1507, 1624 — Schwester 1490,
1507 (2), 1620, 1624 (6), 1630 (3), 1650, 1655 - schwarcze
1607 — schwartzbach 1630 (2) — Schwarcz 1530, 1534 —
81
achweineDem 1510 — geBchwisterden 1507 — Schweidnicz
1520, 1540 — Scbweidnitzen 1524 (2), 1530 — geschworn
1530 — geschworner 1555 — schwacheit 1530.
Ancb hier ist die nhd. Lantstufe erreicht.
Wie schon bemerkt, ist nach 1524 nur noch sl in Slesien
belegt, sonst ist seh darchaus darchgedmugen.
Neben Skopp 1445 (2), 1446 (2) steht Schkoppe 1447. —
k wird in diesem sonst nicht mehr belegten Beispiel yon Einfluss
auf die Entwicklang gewesen sein. Drechsl. S. 34.
ßp, ßt s. unter ß.
tw hat sich erhalten. Beispiele fär kw oder zw sind mir
nicht begegnet.
ebintwer 1393, 1394.
ambetwangen 1417, 1420, 1424 (2), 1440 — nnbetwangen
1418, 1434 — betwungen 1471 (2), 1472 (2), 1477 — betwinget
1472. In D fehlen Beispiele hierftlr.
Ober die Entwicklang dieser Verbindang vgl. Grdriss. § 97.
— Der heatige Dialekt bevorzugt qu vgl. W. Dial. S. 85.
Häufig tritt t hinter n zwischen Kompositionsglieder: uffent-
lich 1370, 1389 — öffentlich 1477, 1540 — öffentlichen 1424
— allinthalben 1473 — allenthalben 1417, 1418, 1421, 1423,
1424, 1425, 1428, 1490, 1524, 1530 (4), 1534 (2), 1540, 1560
— wissentlichen 1421, 1442 — wissentlich 1442 (2), 1472 —
unwissentlichen 1442 — wissentschaft 1471 — eigentlichen
1421, 1440 . . . ; eigentlich 1471 — etc. W. mhd. Gr. § 199.
— Drechsl. S. 33.
Ebenso nach r: anderthalb 1530 (2).
Im Auslaut tritt t bezw. d an n an in ymant (ymand) —
nymant (nymand) — iczunt (iczund) — etc.
Formen ohne t (d) sind nicht belegt. W. mhd. Gr. § 200.
t tritt an s an in: sust 1428 (2), 1429, 1437, 1442, 1445,
1446, 1471 (3), 1477 — sunst 1477, 1524, 1530 (6) — sonst
sonsten . . .; — doselbist 1417, 1426, 1427, 1429 etc. W. mhd.
Gr. § 200.
1 schwindet vor t in wertlich 1409, 1417, 1418, 1424,
1437, 1446, 1471, 1477 (2), 1490, 1494, 1507 (2), 1510,
1515 (3), 1524 (2) — wertlichen 1418, 1424, 1428, 1471 (2),
Arndt, Entwicklung der Breslaaer KanzlelsprAohe. 6
82
1477 (3), 1494 (2), 1515 — wertliche 1424. W. mhd. Gr.
§ 212. — Rück. Entw. S. 194.
n tritt für 1 ein in werntlich 1524 (3). W. mhd. Gr. § 218.
Sehr seltene Erscheinung und erst spät belegt. Ebenso
welntlich 1524, das auf eine Vermischung von weltlich und
werntlich zurückzufllhren ist. — Die nhd. Form weltlich be-
hauptet die letzte Stelle: 1524, 1530 (7), 1534 (4) etc.
mb hält sich neben mm sehr zäh.
umbe 1389 (2), 1394, 1403, 1409, 1417 (2), 1418, 1424(2),
1428, 1432, 1433 (3), 1434 (3), 1437, 1438, 1439, 1440 (4),
1442 (2), 1444, 1445, 1447. — 1471 (9), 1472 (9), 1473,
1476 (2), 1477 (5). — 1490 (3), 1510, 1515 (3), 1520 (4),
1524 (6), 1530 (6), 1534 (5), 1540 (3), 1555 (3). — umbe
(gleichfalls zahlreich vertreten).
p entwickelt sich als Übergangslaut
1. zwischen m und t: mitsampt 1401, 1440, 1470, 1477,
1524 — sampt 1413 (2), 1418, 1421, 1530 — gesampter 1408,
1417, 1418 (4), 1421, 1422, 1423, 1428 (3), 1445, 1507 —
samptlich 1534, 1560 — zusampt 1534 — (In ampt 1352, 1439(3),
1534 — ampte 1524 eigentlich wurzelhaft) — nympt 1471 —
vordampten 1472 — vordampte 1472 — vordamptis 1477 —
Yordampt 1477 — vorseumpt 1442; — 2. zwischen m und n:
sampnunge 1444, 1447, 1470 (2) — Dompnik 1440 — zusampne
1471 (4) — Donipniks 1476; — 3. zwischen m und s: Dompslaw
1445 (2) — Nampslow 1507. Rück. Entw. S. 191; - 4. zwischen
m und 1: samplung 1507.
Auch b erscheint als Übergangslaut
1. zwischen m und t: sambt 1524, 1530, 1540, 1545 —
mitsambt 1524, 1545 — (ambten 1530) — obbestimbter 1534
— eingereumbt 1540 (2); — 2. zwischen m und d: frembden
1507 — frembder 1524; — zwischen m und 1: nemblich 1490.
Über p und b vgl. Rück. Entw. S. 192. — W. mhd. Gr.
§ 162. — Drechsl. S. 29.
In der Ableitungssilbe -thum (tum) tritt im 16. Jahrhdt.
b an: aigenthumb 1524 — heiligthumb 1524, 1534, 1560.
Über die Entwicklung von p, b zwischen Konsonanz und
iLfBgierung von b an m spricht sich F. Frangk S. 105 aus:
83
>Idd diesen werten | Amtmann | samtlich | Heotman , Tamherr \
Tnmprobst j etc. Wie wol sie one mangel scheinen anch sein
mochten j helt doch jtznnt der gemeine branch gleich für ein
gewisse Regel | Wenns m t { odder auch das m ein wort odder
gilben schlicssen | wird das b odder p zwuschen sie ein I odder
hinzugesetzt { Und schreibts also | Amptman | samptlich | Haupt-
man | Tnmbherr { umb | widdemmb | darnmb.«
n > m Yor Labialis.
Kuremberg 1407, 1415, 1426 — Reichembach 1417 (3),
1418 (2), 1424 — umbetwnngen 1417, 1420, 1424 (2), 1440 —
ombeteidingt 1437 — kumfftig 1490 — fumffczig 1494 (3),
1445 (3) — fumffczik 1438 (3) — vornumfft 1437 — fumflf
1441, 1442 (2), 1444 — offembar 1444, 1470 — znkumfftigen
1444. — Rück. Entw. S. 186. — W. mhd. Gr. § 183. — Im
16. Jahrhdt. ist diese Assimilation nicht mehr belegt.
Nasaliert ist sunst 1477, 1507, 1524, 1530 (6) — sunste
1515 (2) ~ sonst 1524, 1534 (6), 1540, 1546, 1555 — sonsten
1524 (4) — doselbinst 1424 (4). — Andere Erweiterungen
mit n: iczunt, iczunder — lichnams 1472 — leichuam 1439 —
leichnams 1447. — Rack. Entw. S. 189.
Interessant ist die Doppelbildung stynkindinge 1417, ein
partizipiales Adjektiv, das durch Einschiebung von n vor g noch
erweitert ist. Nur dieses eine Beispiel ist belegt. — Rück.
Entw. S. 186. — Ober den heutigen Dialekt vgl. W. Dial.
S. 109.
Umstellung von n und r: dornstage 1419. Nur dieses
Beispiel. W. mhd. Gr. § 214. — Rück. Entw. S. 185.
Aus lat. sanctus ist c stets geschwunden, und es stehen
zahlreich nebeneinander sand, sant, sande, sante, in Ton-
schwächung sente, sent.
ch ßillt vor t in nit (C), 1560 (3). Ripuarische Erscheinung.
— W. mhd. Gr. § 238. — Beispiele aus späterem Schlesisch
bei DrechsL S. 39, 40. - Bahder S. 5.
Deklination.
Es sollen hier nicht vollständige Schemata der einzelnen
Wortklassen gegeben werden, sondern nur die Formen sollen
84
henrorgeboben werden, die ftlr die EntwicklaDg der Sprache von
Bedeatang sind.
St. Deklination.
W. mhd. Gr. § 442 ff.
Masculina.
In diese Deklination sind entsprechend dem nhd. getreten
die mbd. sw. herczoge, licbname.
herczogis 1393 — den weissen berczog 1440 — der
berre .... berczog 1440 etc.
leicbnams 1447 — licbnams 1472.
Von berczog sind in B, C ancb sw- Formen nocb vor-
banden, docb erlangen die st. im 16. Jabrdt die Herrschaft.
Umgekehrt sind von son, mhd. sun, allerdings nur in C,
ancb vereinzelte sw- Formen belegt: g-s: sonen — a-s: sonen.
Im 16. Jahrbdt. ist der nhd. Gebrauch dnrchgedrangen.
Feminina.
Die fem. auf -ung wahren zunächst e der Endung in allen
Kasus des Singular: betzalunge, berichtnnge, zugeborange,
winnunge, sperrunge, furdernnge, beswerange, obilhandelunge,
werbnnge, beschirmunge etc. etc.
Die Zahl dieser Beispiele ist sehr gross. In B sind solche
Formen durchaus herrschend. In C finden sich schon Werbung
(n. s.), erwelung (d. s.), awsrichtung (a. s.).
Die nhd. Formen gewinnen immer breiteren Raum. Im
16. Jahrbdt. ist mir in raichunge (n. s.) 1524 die letzte Form
mit e begegnet. Nach diesem Jahre ist der nhd. Gebrauch
herrschend.
Unflektiert ist der nom. acc. pl. von mark.
In den andern cas. pl. tritt Flexion ein. So besonders in B.
Neutra.
Flexionslose Plural-Formen finden sich, auf die erste Hälfte
des 15. Jahrdts. beschränkt, alle unser gebot 1430 — die recht
1442 — tuch 1440 (10).
Die pl-Endnng — er fehlt bei weih nur in: mit iren weihen
und kindem 1431. Später nicht mehr.
86
Bemerkenswert ist der n. pl: gattere 1446 — gatere 1446
— IciDdere 1420 — geswistere 1446.
W. mhd. 6r. § 454.
Diese Formen überschreiten nicht die Mitte des 15. Jahrhdts.
Von den sabstant. Partizipien ist frand in der ersten
Hälfte des 15. Jahrhdts. noch flexionslos gebraucht: gute frnnd
1440 — vor frand nnd erber late 1445. — Daneben greifen
die flektierten Formen Platz, die vom Ende des 15. Jahrhdts.
herrschend sind: lieben frande 1442 — die gekoren frande
1446 etc. etc.
W. mhd. Gr. § 465.
Sw. Deklination.
W. mhd. Gr. § 456.
Mascnlina.
Entsprechend dem nhd. flektieren stets schwach her, farste.
Der mhd. n. s. herre findet sich nicht mehr; überall, als Titel
Yor Eigennamen oder in selbständiger Stellang, ist nar her
belegt.
farste tritt aaf z.B. 1419; in C aber schwindet schon e im
n. 8. dieses Wortes. Im übrigen werden beide Worte nar sw.
flektiert
Yormande, herczoge schwanken schon in B (1418: d. s.
herczog — a. s. herczog). In C tritt dieses Schwanken immer
mehr herYor. Nar sporadische Erscheinungen sind in C wege,
monde, cardinale. In D (16. Jahrhdt.) finden sich keine Ab-
weichangen Yom nhd. Sprachgebrauche mehr.
Feminina.
Stets sw. flektieren in B die Eonkreta Yrauwe, kirche, ecke,
gasse, Sache, summe, z. B. g. s.: der kirchen 1424.
d. 8.: Yon frauwen E. 1422 — in einer summen 1422 etc.
Schwankend ist woche in mitte woche, mitewoche, auch in
Bezug auf das Geschlecht. Schon als msc. ist es belegt in: am
mitwachen 1426. So später öfter, im 16. Jahrhdt. durchaus.
In B ist das Wort sonst nur fem. und Yorwiegend sw. flektiert.
st: d. s. an der mittewoche 1418, 1420. — sw: d. s. an
der mitwochen 1420, 1422, 1424 — an der mittewocben 1421,
1422, 1423, 1427 ... — an der mitwachen 1424, 1426.
86
In C begegnet schon der g. s. kirche — a. s. fraw.
Im 16. Jahrhdt. sind die sw- Formen vereinzelt. 1524: zu
dieser sachen — 1524: der Sachen (g. s.) — 1560: der gassen
(d. s.). — W. mhd. Gr. § 460.
Abstrakta sind mir nicht anfgestossen.
Über die Neatra ist nichts zu bemerken.
Die nhd. Mischdeklination ist in einer Form vertreten:
C des gloubens.
Rück. Entw. S. 234.
Die Eigennamen flektieren st, sw., oder lateinisch. Die
sw. - Deklination herrscht vor.
W. mhd. Gr. § 468.
Der st. d. s. wahrt mit Vorliebe das e der Endung: vom
Brige, von Präge, gen dem Eibinge, herrn Andrisse, zu
Rome etc. md. Erscheinung.
Behem flektiert sw. oder ist flexionslos.
Adjectiva.
Vor dem subst. ohne Artikel tritt die st.- Flexion ein: irstes
kouffes 1440.
In späterer Zeit sind mir Beispiele fUr solche Genetive
nicht aufgefallen.
Im voc. pl. tritt die sw.- Flexion ein während der ganzen
Periode: lieben herren, lieben frunde, liben sone, edilen herrn,
namhaftigen herrn, ersamen herrn, ersamen, liben, getrewen etc.
W. mhd. Gr. § 517.
Erstarrt ist all, alle: all des teils 1393 — mit alle irem
gute 1408 — alle das obgeschreben gelt und silber 1408 —
alle seines gutes farnde und unfarnde 1437 — alle ir gut farnde
und unfarnde, von alle solchem gute 1437 etc.
W. mhd. Gr. § 508.
Adverbia.
Sie endigen 1. auf -e (alte Endung o) — z. B. gerne, neste,
alleyne, dorynne etc. etc. — 2. auf -en (eigtl. dat. pl.): allent-
halben^ eigentlichen, wissentlichen, mechticlichen etc. — 3. auf
den blossen Stamm. — Die Endung e überwiegt.
Adverbiale genetive sind anders, selbis (z. B. doselbist).
87
Pronomina.
Sehr beliebt ist die Kontraktion im d. 8. der Possessiva
nnd ein, kein, z. B, seyme, syme, eyme, keyme etc. So be-
sonders in B. Im 16. Jahrbdt. erscbeinen die nbd.-Formen.
er flektiert das ganze 15. Jabrhdt. hindarch wie mhd. Im
16. Jabrhdt. sind mir die ersten Beispiele für die nbd. Flexion
begegnet in: g. pl. ihrer 1555, 1560 — d. pl. yhnen 1545,
1560 — ihnen 1545, 1555, 1560.
der, das flektieren nach mhd. Regel, also g. s. des —
g. pl. der. So in überaus häufigen Fällen. Erst 1560 ist mir
begegnet: wegen derer. Der d. s. lautet in B vorwiegend deme.
Daneben steht dem. Diese Form ist seit dem Ende des
15. Jahrhdts. herrschend.
W. mhd. Gr. § 483.
Ebenso verhält es sich mit wer, was.
selb in seinen Flexionen wird in B noch vom Artikel ge-
trennt geschrieben. Seit dem Ende des 15. Jahrhdts. sind die
nbd. Formen durchgeführt.
Der st. n. s. selber ist mir nicht begegnet, wohl aber in B
selbis, der eigentlich eine Oenetivform ist, die durch Anfügung
von t zu seibist, selbst erweitert ist. Der st. g. s. steht sogar
in Verbindung mit dem Artikel: desselbis erbis 1442, ferner
dnrcbweg in dem Ortsadverb doselbiste, doselbist.
Eine erstarrte Genetivform ist: ymands, nymands bezw.
ymandes, nymandes. Sie ist in B, C ausserordentlich häufig,
im 16. Jabrhdt. aber verschwindet sie.
W. Älem. Gr. § 322, § 410. - W. B. Gr. § 353.
Das ebenso entstandene nichtis, nichts erhält sich während
der ganzen Zeit und ist ins nbd. übergegangen.
CoDjugratlon.
Vor enklitischem wir ist n gefallen in habe wir 1359 (2),
1396, 1413 — welle wir 1352 — froge wir 1427 — schatzce
wir 1440 (6) — W. mhd. Gr. § 369. — Nach der Mitte des
15. Jahrhdts. sind die nbd. Formen Regel.
St. verba.
Von komen sind die qu- Formen bemerkenswert vgl. S. 54.
88
Merkwürdig ist die 2. p. s. iod. praet. von lassen: liste
du 1470.
Schon mhd. nahm die 2. p. s. ind. praet nach Analogie
des coniunct. und des praes. die Endang es, est an, besonders
im md. — H. Panl § 155, 7. — Danach wäre zu erwarten
lissest, list. Nun wurde in Analogie zu der regulären Form
lisse noch e angefllgt: liste. Vgl. jedoch auch dieselbe Form
bei sw -Verben. W. mhd. Gr. § 402. In unsern Denkmälern
ist von solchen sw- Verben nur hortste 1470 belegt.
Wie schon liste du als merkwürdige Bildung Esch. zu-
gehörte, so auch die Beispiele für die 3. p. s. ind. praet.: lisse
1471 — als Qirsik .... quome 1472 — das .... einquome
1471 — der andir sun hübe sich in Hungern einczuczihen 1472.
W. mhd. Gr. § 374. - H. Paul § 165, 6.
Analogie zu den sw -Verben ist anzunehmen. Sie tritt bis-
weilen schon mhd. in Kraft.
Für die Unterschiede des Ablauts im sg. und pl. praet
sind wenig Beispiele belegt, da diese Zeitform überhaupt in der
Aktensprache selten ist Nur zwei Formen sind belegt, in denen
der nhd. Ausgleich vollzogen ist: blib 1530 — standen 1550.
— Dagegen schreib 1408 — stunt 1442, 1445, 1505, 1520,
1525, 1530 (2) — stunden 1429, 1472 (3) — hülfen 1472.
In entscheiden 1440, 1471 — bescheiden 1442, den part
praet ehemaliger reduplizierender Verba, ist der alte Diphthong
gewahrt Im 16. Jahrhdt aber dringt der nhd. Gebrauch durch:
entschieden 1560.
Sw. verba.
Wie im mhd. so sind auch in unsern Urkunden sw. praet.
der Verben schaffen, rufen belegt: geschaft 1447, 1470 —
ruften 1472 — anrufete 1472 — wiedirruft 1445 — widerrufft
1524. Ebenso kommen auch ftlr unsere Denkmäler, wie im
mhd., die sw. part praet von weisen, preisen in Betracht. —
geweist 1405 — geweiset 1413 — beweist 1410 — vorweist
1417 — gepreiset 1472.
W. Dial. S. 127.
Bttckumlaut liegt vor und hält sich bis ins 16. Jahrhdt.
liinein: gesaozt, erozalt, entsaczt, geschanckt, dirczalt, entwant etc.
89
Im 16. Jahrhdt BtAen nar gescbaczt 1524. — fargestalt
1530. —
Jedenfalls nimmt dieser Vorgang bedeutend ab.
Bück. Ent. S. 263, 264. — W. mhd. Gr. § 392. — W.
Dial. S. 128.
Über das Abschleifen der Endung des part. praet. von
Dentalstämmen vgl. t im Auslaut S. 63.
Das part. praes. von st. und sw. verb. endigt noch auf e,
wenn es flexionslos gebraucht ist.
Beispiele: helfende, ratende, farnde, unfarnde, gebietende,
bekommende, besuchende etc.
Noch im 16. Jahrhdt. stehen farnde, unfarnde 1524.
Rück. Entw. S. 263. — W. mhd. Gr. 373. - W. Dial.
S. 126.
Yerba praet praesentia.
wost, wosten 1446 — wüste 1413, 1445 — wüsten 1442
— wüst 1520 — gewust 1442 — vorwust 1494 (2).
W. mhd. Gr. § 419. — Bahder S. 60.
Die md. u- Formen dringen ins nhd.
gegunst 1437 ist eine spezifisch md. Form für mhd. ge-
gonnen, gegunnen.
W. mhd. Gr. § 412. — Rück. Entw. S. 265.
Über die Einftlhrung des euphonischen s vgl. W. mhd.
Gr. § 208.
Weitere Beispiele sind mir nicht begegnet.
torsten 1447; dorste 1472.
0 steht obd. und md. fest, n ist in unsern Denkmälern im
praet. nicht belegt.
W. mhd. Gr. § 415.
Es sind dies die beiden einzigen Formen.
sal, Salt — solde, sulde.
Vgl. a S. 13. — 0 S. 23. W. mhd. Gr. § 411.
mochte, mochten — muchte, muchteu.
Vgl. S. 24. W. mhd. Gr. § 410.
wellen.
Die Formen wellen, weide sind auf den Beginn des Zeit-
raums beschränkt.
90
Über die verdiukelteii Fonnen #olle&, wolde — walde
vgl. 0 S. 28. — u S. 34.
W. mhd. Gr. § 421.
haben.
Sehr zahlreich sind die kontrahierten Formen, z. B. inf. han
1393. — 2. and 3. p. 8. ind. praea. steta, praet ebenso.
Part, praet.: gehat 1424 ^3), 1426, 1440 (3). — Die ge-
wöhnliche Form ist aber gehabt, die seit der Mitte des 15. Jahr-
hunderts dnrehdringt.
Darchgedrnngen sind anch die verkUnten Formen hatte,
hatten, hette, betten.
Vgl. Gemination S. 77.
über haben vgl W. mhd. Gr. § 394.
sein.
W. mhd. Gr. § 363 ff.
Im praes. sind die Formen von der Wnrzel es abgeleitet
Das pari praes. lautet aber wesende.
Die 3. p. pL ind. praes. ist yorherrschend sint (sind), selten
md. sent, und zwar im Anfange der Periode. Auf das 15. Jahr-
hundert beschränkt ist seint, vgl. ei S. 37.
Die 3. p. s. ind. praet. ist stets was.
Das part. praet. lautet in erdrückender Mehrheit gewest
Noch im 16. Jahrhdt: 1524, 1530 (3), 1540, 1550.
Erst 1560 beginnt gewesen (3) einzudringen.
tun.
In tun ich 1424 (2) ist altes n « m) erhalten. — W. mhd.
Gr. § 362. — H. P. § 174.
Wortschatz.
Bei der Behandlung des Wortschatzes lassen sich zwei
Gruppen von Wörtern unterscheiden.
Die eine setzt sich zusammen aus Wörtern, deren Be-
deutungsveränderung vom mhd. zum nhd. in den einzelnen
Tarloden deutlich ersichtlich ist. Hierher gehören Konjunktionen
HImI Hatzpartikeln (als, wie, so, wann, wenn, dann, denn, ab,
M|i, aclor, aber, da, wo, Negation).
DI« zweite Gruppe besteht aus Subst., Adject. und Verben,
illi« In der lautlichen Gestalt oder Bedeutung, in der sie von
91
mhd. Boden aus in unsern Urkanden noch belegt sind, nhd.
schon yeraltet sind.
Ich wende mich zunächst zu der Behandlung der ersten
Gruppe, d. h. der Konjunktionen und Satzpartikeln.
Von vornherein verweise ich, um Wiederholungen zu er-
sparen, auf Grimms D. W.-B., Lexers mhd. Handwörterbuch,
Stobbes Mitteilungen aus Breslauer Signaturbüchern (B) in
Bd. VI—X der Zeitschr. f. Gesch. u. Alt. Schlesiens, und die
handschriftlichen Wortregister des Kgl. Staatsarchivs zu Breslau.
I.
a) als allein stehend.
als in der Funktion des nhd. wie, mhd. als: Paul mhd. Gr.
§ 317; § 342, 1.
Neben diesem als steht auch so, und daneben bricht sich wie,
das mhd. in dieser Funktion unbekannt ist, Bahn, wie ist im
16. Jahrhdt am häufigsten und lässt darum gleichfalls das Er-
reichen der nhd. Sprachstufe deutlich erkennen. Im 15. Jahrhdt.
ist als herrschend, aus dem 16. Jahrhdt. sind mir nur be-
gegnet: als erbegeldes recht ist 1507, 1510 (2). alß mit dem
iren .... 1520.
Beispiele aus B: alz her selber 1390, 1392 — alz her
yn gebeten hat 1393 — alz abengeschreben stet 1396 — als
vor geschreben stet 1421 — bei seinem namen bliben als her
sich in der Stat buch hat schreiben lassen 1426 — als sich
das geboret 1430 .— als hernoch geschreben stehit 1440 —
und sollen den montag erbeyten als ander werkiltage 1444
— in allirmosse als die gescheen ist 1447 — etc.
Beispiele aus C: als das gancz vor owgen und offembar
was 1471 — als schire .... als andir 1471 — als euch
wissentlich ist 1472 — in sulchir forme als ... . begriffen ist
1473 — glich halten als dieselben lewte 1474 — als er fur-
gibt 1476 — als das vormals .... gewest ist 1477 — sovil
swerer als vil ir seit irrende 1477.
Zum Vergleiche mag so in dieser Funktion folgen. Es er-
scheint erst spät, erst in C.
und so denn unsire meynunge gancz gut ist 1471 — so
adir wenig bedewtet 1472 — so sie sehen 1477.
92
D so em uff hewte nffgereicht ist 1507 — so er em uff
hewte vor unns uffgereicht 1510 — so jerlich beim erwerb
wechselt 1560.
Schliesslich folgen die Beispiele ftar wie.
B in solchirwys wie 1396.
C wie entlich bliben wirt 1471 — wie is uf dem tag ab-
scheidlich bleiben wirt 1471 — wie ir schreibet und claget
1471 — wie wir wellen 1476 — wie euch zustet 1476 —
wie sich das finden mochte 1477 — wie obberurt ist 1477 — etc.
D und suste wie dasselbe 1510 — wie oben 1520, 1560
— wie obberurt 1520 — wie recht ist 1520, 1560 — wie das
alles .... benant oder unbenant sein mag 1520 — solche
rinnen wie die vor alder gewesen sein 1530 — wie sie es ge-
habt und besessen 1540 — sollen do pleyben wie lang sy
wollen 1540 — wie wir es im werck also befunden 1560 —
und wie sie uns berichtet 1560 — wie uns selber zum teil
bewust 1560 — wie erbegeldes recht ist 1560.
Dieses wie ist also erst eine nhd. Erscheinung.
Stets und nur wie ist belegt nach Verben des Sagens und
Denkens und ähnlichen, d. h. dort, wo wie einen indirekten
Fragesatz einleitet.
Hier schliesseu sich an Sätze, die von Verben des Sagens
abhängen und mit wie das eingeleitet werden:
B und haben uns gesaget wie das sie eynen .... betten
gehabit 1413 — und haben becant wie das sie ... . 1414 —
sulch bekenntnis wie das jm wissentlich were 1417 — die
sprechin also, wie das sie nymands ausin lassen wellin 1423
— und hat bekant wie das her ... zu halden geben hatte 1423
— hat umbetwungen bekant wie das her . . . vorrichtit sey 1424.
C wir bekennen, wie das wir .... 1471.
Diese Erscheinung stirbt also gegen Ende des 15. Jahr-
hunderts ab.
b) als in Verbindungen.
1. als ap. = nhd. als ob.
Diese Funktion ist während der ganzen Zeit belegt.
Vereinzelt ist sam 1471: sam sie nicht woste von den
scheden. — Paul mhd. Gr. § 347, 5.
98
Daneben steht glichsam 1473: glichsam sie alle do weren.
Im Übrigen ist als ap darcbgeftlbrt.
2. Bei Adverbien = so.
B als vil als er des doreza bedarf 1403 — als verre jm
got .... beheldet 1408 — als lange bis er ... . 1415.
als lange das das urteil .... die Scheppen .... sehreiben
werden 1418 — als lange als ... . 1430 — als lange als die
1000 gülden .... beczalit werden 1440.
C als ofte der konig zu Behemen .... seine sendebotten
hatte 1470 — als laug er lebet 1471 — als ferre unsir macht
wendet 1472 — als vil an im ist 1473 -- als vil er hat ge-
macht 1477.
D fehlt.
Ins 16. Jahrhdt. reicht diese Bedeutung nicht mehr hinein.
Vgl. so in diesen Fällen:
B fehlt
C wievil der bebstlich stnl . . . arbeit, sovil mer . . . 1477
— sovil swerer als vil ir seit irrende 1477.
B so lange bis gemeldt sein 1507 — so balde got über
mich gebewt 1520 — so lang bis das kyndt mondisch wirf
1540 — so oflft die wandelbar wurde 1540 — so lang wir . . .
1540 ~ doch so fern er solches bey dem hern apt . . . 1540.
Neben so fern steht vereinzelt 1540 wofern.
3. Selten ist als = ebenso in als wol:
her were als wol unser vorreter als her 1413.
als schire als andir 1471.
Diesem als entspricht einfaches so:
so woll auch der unmundiegen Vormunden als den . . . 1560.
so wol auch die vorlegen 1560.
4. Pleonastisch steht als vor Präpositionen, Adverbien,
haben globt .... vor Jungehans vor Orfede als von den
des gefenknis wegen .... als von pferde wegin 1430.
als nemlichen 1444 — als nemlich 1520, 1530, 1540, 1560
— als itczunder obir ein jar 1510 — als dann sol und mag
der herczog ansprechen 1529.
Die Formen ohne als sind bedeutend in der Mehrheit. Die
Verbindung alsdann ist ins nhd. übergegangen.
94
Während der ganzen Zeit steht als wie nhd. gewöhnlich
als Einleitung za einem appositionalen Satzgliede, z. B. als
eigne schult zu czalen — als formen Vormunden — als vor-
keufifer eines teils — als keufferin andern teils etc. etc.
Ebenso ist als in temporaler Funktion in der ganzen Zeit
belegt.
so.
so in relativer Funktion, mit Beziehung auf ein einzelnes
Wort, erscheint erst im 16. Jahrhdt.:
von wegen des hauses, so er em vorkaufft 1507 — die
drei gülden hung., so fraw Hedwig .... schuldig ist 1507 —
in der macht, so sie an nnns beiderseit uffgetragen 1510 —
forderunge, so er gehabt hat 1520 — trew nnd muhe, so
Hedwigis meine eliche hausfraw mit mir gehabt 1520 — bei
den aiden so sie ... . gethan 1530 — den vier kindern so
sie ... . geczeuget hat 1530 — der erben geld so sie in Ver-
waltung gehabt 1540 — bey allen jren rechten nnd gerechtig-
kaiten so sie haben ld40 — alle und jede mengell so darinnen
möchten befunden werden 1560 — wegen derer so die zeit
daher unmündig gewesen 1560 — etc. etc.
Eine bemerkuns werte Verbindung von so als in causaler
Funktion ist Eschenloer eigentümlich; weder in B, noch in D ist
sie mir begegnet:
und so als die nicht bey mir sein 1470 — so als deine
k. gn. villeichte meynet gerechtikeit zu haben 1471 — so als
ir . . . . vorsmehen seit 1471 — so als von den von Breslow
erkannt ist 1471 — darumb so als wir sulche brife . . . haben
suUen brengen 1477 — so als der bebstlich stul dorynnen bette
richten sullen 1477 — so als die beere cz wischen euch wüten 1477.
Die Bedeutung dieses so als wird am besten durch da
wiedergegeben.
wann, md. wenne, wen.
Über die md. Formen vgl. e S. 14. — Paul mhd. Gr. § 348.
— W. mhd. 6r. § 332.
Das kausale wann ist in B selten, am häufigsten in C,
in D fehlt es.
95
B wenne her weide gerne off bindin 1393 — wen her
selber . . . fertigen und entschalden weide 1421 — wen dovon
vil zuschreiben were 1423.
C wann nns dorczn beweget ... die berurte clausula 1470
— wann wie mag der eynikeit machen . . . 1471 — wann wir
können nicht boten bekommen 1471 — wann offenbar ist 1471
— wann den turckischen kaiser haben wir . . . getriben 1472
— wann vil liber wolten wir 1472 — wann durch ire lande
die kouflute czihen 1474 — wann wir ... zu schaden kommen
1476 — wenn ye der groste schade unsir sein muste 1476 —
wann als . . . der bebstlich stui hoffende was 1477 — wann
nymant czweifilt 1477 — etc.
D fehlt.
Schon in C erscheint denn in gleicher Bedeutung.
denn nichtis libers ist, denn . . . 1471 — denn von stat
an derselb furste . . . sal ufsein 1474.
Die gewöhnlichste Konjunktion ist in dieser Bedeutung
do, da.
Nach dem Komparativ ist denn(e), dann gebraucht = als.
Noch niemals erscheint als in dieser Funktion. Nach negiertem
Komparativ und anders sowie nach einfacher Negation erscheint
wenn (Paul mhd. Gr. § 319), nur in Fällen, die auf den Beginn
des 15. Jahrhdts. beschränkt sind.
liffe er aber nicht verrer wenn bis . . . 1411 — anders
nicht wüste wen alles gut 1424 — anders nichtes wenne gut
1442 — er nicht wüste wen alles gut 1424.
In späterer Zeit erscheint auch denn unterschiedslos in
dieser Funktion
ab.
a) ab, ap = mhd. obe, ob — nhd. wenn in konditionaler
Funktion ist dem gesamten 15. Jahrhdt. eigen. Die Beispiele
sind äusserst zahlreich.
Einzelne Fälle: ab her das nicht tete 1396 — ap das nicht
geschege 1417 — ap er mit ymands zu schaffen hat 1425 —
ap es im not tuen wurde 1435 — ap got wil 1470, 1471 (2)
— ap es geschege 1473 — ap er woste 1473 — ap ymandis
ein storer sein . . . weide 1477 — etc. etc.
96
Im 16. Jahrhdts. ist ap in dieser BedeutuDg nicht mehr
belegt. Dafür treten ein wenn nnd so. wenn ist in der ganzen
Zeit belegt:
B nnd wenn die 400 golden . . . beczalt werden, do sal
. . . 1393 — wenn her (sie) doramme gemanet wirt 1417 —
und sprach das wenn er mit jm gerechente 1420 — und wenn
er jn des obirczeugen und obirkomen wurde 1421 — wen er
dorumme gemanet wirt 1423 — auch wenn sie den gezellin
schenken wellin 1428.
C wenn die unsiren die koufen wolten 1476.
D wenn sie der bedorffen wirt 1507 — wenne sie czu
mundigen iaren komen 1507 (2) — wenne sie erwuchsen 1507
— wenne wir sie fordern lossen 1510.
so erscheint in der Bedeutung des nhd. wenn erst in
C und hier hauptsächlich.
B fehlt.
C sunder so wir . . . zusampne kommen 1470 — und so
der Pole stille sitczet 1471 — und so du im bettest geoffem-
baret 1471 — so ir houpte Girsik nicht were gestorben 1472
— so adir sulch roub . . . gescheen wurde 1474 — so es not
wurde tun 1474 — so er . . . vermant wurde 1474 — so es
von dem andern teil erfordert wirt 1477 — so ir fortan wurdet
gehorsam sein 1477.
D und so dis allis . . . ausgericht wirt 1520 — so sie
bekhommen möchten 1560.
so tritt also in D später an die Stelle von wenn.
b) ap = nhd. ob, vgl. als ap.
Ferner: ab dem obgenan. herrn Johannes . . . usgericht und
worden sey 1421 — ader apeuch alle worden sein 1471 — etc. etc.
ap in dieser Bedeutung ist während der ganzen Zeit belegt
und ja auch ins nhd. eingedrungen.
Seltner ist ap . . . wol (stets durch andere Worte getrennt),
und ap wir es wol . . . sulden gesweigen 1472 — der
kaiser ap er wol uns dorczu glucke gewunschet 1472.
Häufiger ist wiewol, das erst in C erscheint.
C wiewol . . . antwort gegeben ist 1471 — wiewol wir
uns dowider vil tage saczten 1472 — wiewol mit smerczlichen
herczen 1472 — die bnrde des bebstlichen stals die wir wiewol
nnwirdiglich tragen 1477.
D nnd wiewol der aide brieff 1510 — und wiewol . . . 1560.
Im 16. Jahrhdt. erscheint ap (op) nar in der Bedeutung ob,
die es auch ins nhd. hinübergerettet hat.
ader und aber.
ader (adir) = nhd. aber.
B ader was jr doran nicht beczait ist 1420.
C adir sulche antwort nicht angesehen 1470 — ader was
die gewest ist, kann ich nicht wissen 1471 — ader ap euch
alle worden sein 1471 — ader der gutige got hat seyne gnad
gegeben 1471 — so adir sulch roub . . . gescheen wurde 1474
— wer ader aus eygenwillen . . . lest ligen 1474 — weide
ader seine kon. gn. . . . anrichten 1476 — geschege adir
ymandis zu kurcz 1477 — adir uns hat unser beduncken ge-
feiet 1477 — adir laider . . . 1477 — ir adir irrende von dem
rechten wege 1477.
D fehlt.
Im 16. Jahrhdt. ist ader = nhd. aber nicht belegt.
aber = nhd. aber.
B behilde er aber das hus 1403 — were aber, das . . .
1412 — queme er aber . . . nicht 1412 — liffe er aber nicht
yerrer wenn bis . . . 1411 — geschoge aber das nicht 1421.
C fehlt.
D hat durchaus aber durchgefllhrt.
Bemerkenswert ist C. — Im Dialekt ist ader für aber heute
noch lebendig. Die der Mundart gleichfalls geläufige Ver-
wendung von aber für oder ist in unseren Quellen nicht belegt,
die Form ader herrscht in dieser Bedeutung allein.
aber = nhd. wieder.
B domach bette her in aber nach Essins gefraget 1393 —
domach hat Patricius abir abekamft 1393 — dornach santten
sie . . . aber zu jm 1413.
C haben wir euch abir . . . wellen vormanen 1477.
D fehlt.
aber stirbt im 15. Jahrhdt. in dieser Bedeutung ab. wider
(wieder) tritt au seine Stelle.
Arndt, Entwicklang der Breslauer Kanslelaprache. 7
Ö6
da, dar und wo, wor.
Belativisch gebranchtes da, dar (do, dor), das im Beginn
der Periode vorherrscht, macht in späterer Zeit wo, wor Platz.
B dorynne ytel safferan were gewest 1393 — doran sie jn
sollen . . . genügen lassen 1394 — dovor er . . . globt hatte
1418 — dorober czwene brife gewest sein 1418 — dovor er
vor Ichel Inden globt hatte 1418 — dovor sie . . . Bargen sein
1419 — dorczQ jn ir vater gekom hat 1420 — doruber sie
den gotsphennig genomen 1421 — dorafif her jm ein Wechsel
gemacht 1422 — dommbe her . . . gehalden ist gewest 1424
— domite . . . begnadet sein 1440 — dovon sie jm jerlich
pflichtig und schuldig ist zageben 1444.
C dowider 1473 — doraff 1473 — dodarch unsir jormorgt
dimiderligt 1476 — dodarch her ans abgewendet 1477 — do-
darch er menniglichen gebewt 1477 — dodarch sie ans er-
manten 1477 — domit wir dich vormanet haben 1477.
D doran em wolgenagte 1507 — dogegin er Barbaran
seyner ßwester geben sal 1507 — dagegen obgemelte Dorothea
. . . hat gantz kweit frei . . . gesagt 1507 — davor er sich
and jnn . . . globte 1510 — doran er im allezeit . . . aus-
gericht habe 1510.
Die Formen mit wo, wor fehlen noch in B.
C wodurch 1474.
D woran die gewest weder dein noch gros 1507 (2) —
woran das alles sey 1507 — woran das sey keinerley aws-
geczogen 1510 — woran die gewesen sein 1530 (2) — woran
es gewest 1540.
Das Verhältnis der Formen sowie die Entwicklung zum
nhd. ist deutlich.
Ich schliesse wo = wenn in konjunktionaler Funktion an.
Der Übergang der lokalen Bedeutung in die konditionale ist
meist noch ersichtlich, besonders in den Beispielen aus dem
15. Jahrhdt.
B das er sie . . . nemen mag ... wo er das bekomen mag 1413.
C wo man bey uns . . . placken solte 1476 — wo es
lenger also sal vorhangen werden 1476.
D und wo er eynen dyßer tage nicht halden wurde 1507
— wo auch ein teil . . . vormeiuet 1507 — und wo ich euch
99
doran zu nohe gewest, bit ich euch 1507 — and wo vater
Wisener . . . nicht hilde 1520 — sal Agatbis Becke, wo sie
• . . wurde nemen 1520 — wo aucb dieselb Ottiiia . . . neme
1520 — wo sy sieb . . . nicbt vortragen 1540 — wo aber
nicht, das ber (so soll . . .) 1540 — wo sy sieb aber . . .
nicbt vortragen 1540 — etc.
Beacbtung verdient, dass wo in dieser Bedeutung im 16. Jabr-
hundert stark verbreitet ist, im Gegensatz zum 15. Jabrbdt.
en und nicbt.
en = nicbt: nicbt ensey 1412, 1413. Nacb 1413 ist en
(ne) nie mehr belegt.
nicbt neben kein und niemand: keine nachrede nicht . . .
1417 — jn noch nymands forbas me nicbt anczusprechen 1421
— keine briefe nicbt mer . . . 1424 — kein . . . nicbt tragen
1433 — keine feier nicbt haben . . . 1436 — kein geleite
. . . noch der stat geleite nicht komen sal 1438. — Paul
mbd. Gr. § 312.
II.
A.
algereit, alsbald 1471, 1472.
alreit, alsbald, schon 1540.
angewinnen, einem abgewinnen: die guter, die uf beiden
teilen anenander sint angewonnen 1471.
anneme, angenehm: die der hobst nicbt alleyne anneme gehabt
hat, sunder die erweler sere gepreiset 1472.
ansehen, in Betracht ziehen: adir sulcbe antwort nicbt an-
gesehen 1470 — ansehende unsire frnntschaft 1472 — an-
gesehen das . . . 1477 etc.
ansprechen noch anlangen eines dinges: wegen eines Dinges
belangen. — Diese Verbindung kehrt stets wieder und ist
überaus häufig in allen Jahren.
anstaut, Waffenstillstand: bestendiger frid und anstaut . . .
1473 — fridlicber anstaut 1473 — gütlichen anstant 1477.
Also nur bei Esch.
antworten: überantworten. — Überaus zahlreich die ganze
Periode hindurch.
7*
100
sieh aneziehen eines dinges: Ansprach machen aof . . .: welcher
macht er sich anesoch 1510, 1530 — der macht sie sich
anezogen 1550.
auflassen f feierlieh anheben: solch hans abzutreten, einfini-
rewmen and an&nlassen 1540.
awsrichten: 1. bezahlen: awsgerichtt and beczalet lOOOgalden
1446 — beczalt, awsgericht and yoi^den habe 1510, 1515
— awsgericht and beczalit 1530. — 2. rersorgen, mit dem
Nötigen rersehen: das wir in der cancelley wol sint aws-
gericht 1471.
awBrichtnngCf Bezahlang, Yergtttigang: rechnang und awß-
richtnnge, es sey an gelt . . . 1507.
awswendigf aosserhalb: awswendig allen behelff nnd Wider-
rede 1530.
B.
becrndenf hindern, stören: die eynikeit becraden nnd czweyen
1470 — niederl. bekroeden. — Vgl md. krot Beschwerde,
Bedrängnis.
begrifen: als oben begriffen ist 1445 (= sapra memoratns).
sich behelfen, als Hfllfe brauchen: sich behelfen mit eyme
forsten, houptman etc. 1474.
beide — und: sowohl — als auch: beide bouptgut and yer-
sessene czinse 1440 — beider clager und antworter wiile
1447. — Später erscheint nur als wol — als oder so wol
— als. Vgl. als, so. — Paul mhd. Gr. § 315.
beyfrid, Waffenstillstand 1473.
beredung, Verabredang 1540.
berichtung, Anstrag, Schlichtung 1399 — das wir eine frunt-
liehe berichtunge gemacht haben 1426 — 1494.
bescheiden, einrichten, bestimmen: j uns erste hat er beschaiden
funff margk 1515.
besem und briefe: Peter Stronichin hat lassen frede schreien
eyme manne, des namen her nicht weis, der im besem und
briefe gehangen hat 1425. Vgl. Ztschrft. f. Gesch. u. Alt.
Schi, Bd. VII, S. 356 Anm.: »Den Besen, als Zeichen, dass
er des Stanpenschlags werth sei; die Briefe waren jedenfalls
Scheltbriefe, Pasquille, wie sie Gläabiger gegen ihre säumigen
101
Scbnldner Teröffentlichen zn dürfen sich häufig ansbedang'en.'t
Vgl. brende nnd besem.
besetczen, festsetsen, abmachen: and haben vor uns becant
und besaczt einen kauff 1445.
bestelniSy Anordnung, Besorgnng: den nachfolgenden erben ane
bestelnisse verlossen 1507.
betadingen, nnterhandeln , vertragsmässig feststellen: 1510,
1515, 1520. — Andere Formen sind: bethadingen 1530 —
betaidingen 1540 — betedingen 1494, 1540 — bethadingen
1507. Vgl. teydingen.
be willen, einwilligen 1507.
brende nnd besem: der do brende nnd besem uff seyme gute
gehangen hat 1431 — der do besem und brende uff dem
gute doselben gehangen bot 1436. Vgl. besem und briefe.
broch (mhd. bruch), Bruch des Gesetzes, Rechtes, Friedens, der
Treue (Tgl. D. W.-B. s. v. 14): solche broche und obirtretunge
bessern und busse dorobir empfoen 1430. — Femer 1434,
1440, 1442, 1444 — vgl. auch 1317 all die bruche nnd werre,
Schles. Beg. 3649 — gesunet um alle broche 1329, Grün-
hagen u. Markgraf, schles. Lehnsurkunden I, 302.
brotesse, Diener, Gesinde: mit iren weihen und kindern und
allen brotessen 1431 — vgl. auch 1399 Jocob zum Brige alle
seyne diner, dyneryn und Schulmeister und alle ere brotessen
(leider aus Versehen das Gitat ausgelassen) — 1499 Schulden
der Glogauer brotessir; Weingarten, fasc. jur. II. Beilagen 77.
C. vgl. K.
D.
dankneme (angenehm, willkommen), dankbar: ich wil alleczeit
dankneme sein 1470.
ding tag, gerichtstag 1447.
dingstorunge, Störung der GerichtssitzuDg 1433.
sieh dirfaren, sich erkundigen^ sich Rats erholen 1413, 1414.
Hierher gehört auch: uff ein dirfaren 1417. Vgl. Ztschrft.
f. Gesch. u. Alt. Schi, Bd. VII, S. 176 Anm.: »uff ein dir-
faren ist eine sehr häufige Klausel; ihr Sinn ist, dass die
Strafe auf den Fall zu bezahlen ist, dass der Angeschuldigte
wirklich das Vergehen begangen hat. Es scheint, dass auf
• •••• * ••
i02'
• •
• •
';• V.*/di^*^i^s<^h^l<lig^i^g hin der Rat als Polizeibehörde sogleich
die Strafe verhängte; erhob der Angeschuldigte keinen
Widerspruch, so erfolgte kein weiteres gerichtliches Ver-
fahren; leugnete er oder protestierte sonst, so ergab erst
das weitere Verfahren, ob er schuldig sei oder nicht; durch
dasselbe erfuhr man erst, ob die Strafe zu erlegen ist. —
Der latein. Ausdruck ist super inquisicione. <
dorfen, bedürfen 1422.
dringen, drängen: gedrungen und genötigt 1472.
droe, Drohung 1471. Nebenform von drowe.
L
eindechtig, erinnerlich: wir wissen, das euch eindechtig ist
1440 — ich meine, das dir eindechtig sey 1470.
sich entreden eines dinges: sich von einer Anklage vor Gericht
durch Beweis frei machen: wo sie sich an geczeigter be-
schuldigung nicht entreden . . . wurde 1510.
entrewmen, befreien, räumen: hat daruff entrewmet und ab-
getreten alle der schuldebriefe . . . 1424. — Ähnlich 1437,
1440.
entrichten, in die bessere Lage bringen, schlichten, bessern:
ap sie die selben (d. i. gebrechen) denne nicht entrichten
konden 1428.
entsagbrif, Fehdebrief: do wider von dem houptman zu Ostro
entsagbrife awsgangen sint 1473.
entscheitlewte, Schiedsleute, Schiedsrichter 1446.
entschichter, Entsoheider: was also durch die entschichter
adir korrichter vorricht ader awsgesprochen wirt . . . 1473.
entschulden, von der Schuld befreien, freisprechen: fertigen
und entschulden 1421.
enttragen, wegtragen: enttragen und entwant 1520.
erbegeldt, Erbschaft 1515, 1530.
erbfall, Anfall einer Erbschaft 1540.
erb Schichtung, hereditatis divisio perpetua 1540.
ergehn, geschehn: waß billich und Recht ist, wir wuUen ergehn
lassen 1515.
erstkumftig: von data dis briiis bis uf sand Bartholomes tag
erstkumftig 1477. — Wörtliche Übersetzung der in Urkunden
103
80 bänfigen Termin - Bezeichnnng : proxime ventarus, wie af
S. Walpnrgis tag nebste anezohebin. Sebirmaeher, Liegnitzer
Urkundenboch 220 (1388).
ertzsteiy Heilkunde 1422.
F.
farnde und unfamde gnt: stereotype, unzäblige Mal wieder-
kebrende Verbindang in A— F.
Dieselbe Bedentnng bat stebende und gebende 1417 —
beweglieh nnd onbeweglieb 1530. — Doeb noeb naeb 1530
erscbeint farnde nnd nnfamde sebr oft.
fertigen, fertig macben, abfertigen, entlassen fertigen and ent-
scbnlden 1421: reebtfertigen and ....
fewerwerk, Brennmaterial 1403.
firdang, Viertel eines Masses oder Gewichtes, namentlicb eines
Pfandes (Geldmass) 1419, 1437, 1445, 1490, 1520 ....
freyenstnl, Freigericbt: in das beymlicbe gericbte vor den
freyenstnl 1441.
freienscbeppen, Beisitzer desselben 1442.
freigrefe, Vorstand des Freigericbtes 1442.
fnrnemen, Vorhaben: von dem löblichen fumemen wider die
angloabigen Tarcken 1477.
G.
geen uff, dazukommen, steigen: so sollen die obgeschr.
530 mark gr. steen bis uflf . . . und das bynnen der selben
czeit 30 mark doruff geen sollen . . . 1417.
geistlich noch wertlich (weltlich). Stehende Bedensart
in A— F.
gerechtikeit, Anrecht, Anspruch: so als deine k. gn. . . .
villeicbte meynet gerechtikeit zu haben zu dem konigreiche
zu Behem 1471 — von wegen aller und ider gerechtikeit,
so an sie khomen ist 1510 — all und ides recht und
gerechtigkait so sy gehabt haben (so er gehapt) 1540 —
bey allen jren rechten und gerechtigkaiten so sie haben
1540 — recht und gerechtikeit so sie gehabt 1560.
gerone (mhd. gerüne), umgehaune Baumstämme 1437.
geschefftiger, Testamentsvollstrecker: testamentarien und ge-
schefftiger 1520.
104
gescbefftnis, testamentariscbe Anordnung: leczten willen and
gescbefftniß 1494 — testament und geschefftniß 1494.
geschos, Abgabe: der sein gescbos nicbt geben bat 1403 —
ber babe denne sein gesebos gegeben 1403 — das er seyn
gesebos der stat Hebten sal 1417 — frey von allem ge-
sebosse nnd von aller beswerunge 1425 — des gesaczten
gesebosses 1445 — 1515.
gewalttrager, Bevollmächtigter 1507.
gewarti-g, dienstbereit: geborsam and gewartig 1439.
gleubebriefe, Beglaabigangsscbreiben 1421.
gotspbennig 1421. — Vgl. Stobbe, Ztscbrft. f. Gescb. n. Alt
Scbles., Bd. VII, S. 346, Anm. 2: »Bei Abscbliessang von Eon-
trakten warde, am die Perfektion des Vertrages reebt deatlicb
zu bezeicbnen, eine Samme an die Armen gegeben, Gottes-
pfennigy denarias sancti spiritas, and ein Mabl aasgerttstet,
an welcbem aacb die Zeagen des Gescbäftes Tbeil nabmen.
Der allgemeine Name flir dieses Mabl oder Gelage ist Wein-
kanf, lit cauf mercipotus, in Schlesien beisst es wissebier.
Diesen Ausdruck finde icb aucb in einigen Scböffenurteilen
in Wasserscbleben, Sammlung deutscb. Recbtsquellen etc. I,
S. 317, 318, 347. — In dem Braunscbweiger Stadtrecbt
Anfang des 15. Jabrbdts. § 518 (Braunscbw. Urkund. Bucb I.
S. 114): myt goddes penningbe unde beerkop.c
H.
bals: undir strecken ire belse dem geborsam 1477 — umb die
belse brengin 1389 — das er sieb an jm und an seyme
balse recbin weide 1434 — ander gefangen, di do eins teils
uf den bals und eins teils umb scbulde sossin 1434.
hals wird also oft in Verbindungen gebraucht, wo es
sich um Leben und Tod bandelt. — D. W.-B. Bd. IV, 247, 248.
baut, zahlreich in Verbindungen wie: mit gesampter baut 1418,
1420, 1422, 1428 etc. — mit getrauer baut 1446 etc., wo der
Begrifif des Adjektiv hervorgehoben werden soll.
hanthaben, schützen, erhalten: schirmen und hanthaben von
allen feintschaften 1474.
hantyrunge, Eaufhandel: koufmanschacz und hantyrunge 1421.
106
harmbalge, Hermelinpelze 1440.
hansen, beherbergen: and wer einen salchen hauset ader hofet
. .. . 1474 — bansen noch hofen 1477.
hofen, in den Hof anfnehmen, beherbergen 1474, 1477. —
Vgl. hausen,
houptbrief, Originalurkunde, Schuldbrief 1520. — Vgl. Grimm,
IV, 609.
huffnitzen, Haubitzen: item czwu Steynbuchsen, die man nennet
huffhitzen 1438. — houfenicze, XV. Jahrhdt. Ss. rer. Siles.
oder Grünhagen, VI, 56, 168. - Vgl. D. W.-B. IV (2), S. 567.
I.
jnne gehalt 1610. — Sonst jnhalt.
innemen, verhören, vernehmen: item als uns sulche Sachen und
breche vormeldet wurden, haben wir jn lasen innemen 1434.
ynnern, erinnern: geynnert und jnne worden 1442.
irne (mhd. iergen), irgend: ime ein laut 1474.
irnisse, Hindernis, Störung 1607.
J.
iowort, Bejahung, Zusage 1470.
K.
kellirhals, vorspringender, gewölbter Eingang eines Kellers 1438.
koffslaen, ein koufslac machen, vom Handschlag, mit dem
der Kauf abgeschlossen wird, Handel treiben: mit unsern
eldisten koffluten, die ken Venedien pflegen czu koffslaen 1433.
kaglichen: ire kuglichen recht rucken 1471: den Kopf zurecht
rücken.
kuglichen < kugel; mhd. gugele, kugel, kogel, bedeutet
die Kapuze, die vom Rock oder Mantel aus über den Kopf
gezogen wird. Also eigentlich: Die Kapuzchen . . . zurecht
rücken.
L.
laube, Erlaubnis 1444. — Vgl. lowbe.
ledig und los: sehr häufige alliterirende Verbindung; z. B. ledig
und los sagen eines dinges.
leymat (mhd. Itnwät, leimbat, leimut), Leinwand: czween baln
leymat 1520.
106
leipgedinge, Leibrente: morgengabe nnd leipgediDge 1408 —
leibgedinge 1540. — vgl. D. W.-B. Bd. VI, S. 600.
Iowbe, Erlaubnis 1429, 1476.
M.
macht, 1. Vollmacht: in macht der Stadt Neisse 1440 etc. —
1446 — 1494 — in macht Dorothee — 1510 — in macht
seines eheweibes 1540, 1550. — 2. macht haben eines
dinges: das ich jrre nymme macht habe 1424 — wen ich
des nicht macht habe 1424 — etc.
machtlute, machtlewte, Bevollmächtigte 1473.
machtman 1507, ebenso.
marter, Kracifix: eine martir setczen 1440, 1445, 1446.
manerczins 1444: Mauerzins für die an die Stadtmauer stossen-
den Grandstttcke.
mechtigen, ermächtigen, Vollmacht geben: den sie dorczu
mechtigen wurden 1426 — 1494.
m echt ig machen eines dinges: ebenso. 1390, 1397, 1407, 1408,
1408, 1418 . . . 1507 etc.
miserisch: ein misrisches leben 1472. — miserich oder mistrich
verkümmert, dürftig von Kindern, Tieren und Pflanzen,
Schlesien und Oberlausitz. Weinhold, Beiträge zu einem
schlesischen Wörterbuche, S. 62.
D. W.-B. und Lexer kennen das Wort nicht.
mitnamen, namentlich 1444.
mitsamkeit: ane mitsamkeit und keginwortikeit 1477 — mit
den sere hesslich ist einirley mitsamkeit zu haben 1477. —
In diesen Beispielen hat das Wort nicht sowohl die bei
Lexer und im D. W.-B. allein belegte Bedeutung: »Umgänglich-
keit, Freundlichkeit« als vielmehr die von: »Beisein, Verkehr,
Gemeinschaft«.
0.
obir: do er . . . obir tische sas: als er bei Tische sass 1471.
obirkomen, überzeugen, überreden: obirczeugen und obir-
komen 1421.
offbindin, im Sinne von: zur Last legen: wenue her weide
gerne offbindin 1393. — D. W.-B. I, 622.
offenbar, öffentlich: die offenbaren Strossen 1474.
107
ODgerete (mhd. UDgeraete) böser Rat: wein ongerete gesehen
wer ezn dem gute 1393.
ort, der vierte Teil von Mass, Gewicht, Münze, besonders von
einem Gulden. — (ort = ferto, vierdung = V4 Mark, Cod.
dipl. Siles. XIII, S. 2 nnd dazu Anm. 1.) — 4 gülden minus
1 ort 1440 — 311 guldin 1 ort 1440 — 6334 guldin 1 ort 1440.
ortilgelt, Gerichtsgeld 1446.
P.
pflichtig, verpflichtet 1474 etc.
pitczil, pitschil, Petschaft 1408. — Ztschrft. f. vgld. Sprach-
forschung I, 429: das Wort ist slavischen Ursprungs.
placken, Strassenraub üben 1476. — D. W.-B. VII, 1873.
strosplackerei, Strassenraub 1476. — D. W.-B. VII, 1875.
possatke: das fortan nymant sulche possatken ader newe
festen sal anrichten 1474. — (vgl. posädka: czechisch Festung,
urkundlich häufiges Vorkommen aus dem XV. Jahrhdt. in
den Ss. rer. Siles. VI ed. Grttnhagen nach dem Sach-
register S. 190.)
provent (mlat. provenda, Nf. z. praebenda — mhd. phrttende,
phruonde), Unterhalt, Einkünfte: 1507 czinse und provent.
Q (kW).
quit, queit ist ein Fremdwort: frz. quitte; mlat. quitus; lat
quietus. Lex.: vielleicht mit Anlehnung an das deutsche
wette. Die Bedeutung ist: ledig, los, frei. — Es erscheint
stets in der Verbindung queit ledig und los; in A — F.
quytbrive, Quittung 1396.
R.
recht haben czu . . .: Anrecht haben auf 1422 ~ als wer
dorczu recht haben wirt ... — Noch im 16. Jahrhdt. belegt,
rechtfertikeit, Gerechtigkeit: das wir in unsir rechtfertikeit
bisher sint bestanden 1471.
reichunge, Schenkung 1442.
richten, 1. in Ordnung bringen, vergüten: richten den schaden
1399, 1401. — 2. bezahlen: gelt richten und beczalen 1413.
- Weitere Beispiele: 1415, 1417, 1418, 1419, 1420, 1421,
1423, 1424 etc. etc.
ricbtunge, Ausgleich 1445,
108
S.
schelunge, Zwist 1436, 1440. — D. W.-B. VIII, 2532.
schid, richterliche Entscheidung: sulchen schid beide pari
lobten 1515.
schuldig: schuldig rechter und redlicher schulde 1413, 1415 etc.
scot, bestimmte Anzahl von Stücken: andirhalb hundert mark
und czwey scot silbirs 1408 — 2 scot guetes Grocawischen
Silbers 1408. — Sodann 1417.
sele warter, TestameütvoUstrecker 1494 — zelwarten 1411. —
Noch im 16. Jahrhdt.
selewarterey, Testamentvollstreckung 1494.
synuig, bei Verstände, verständig: der nicht wol synnig noch
bey guter vornunfft was 1437.
sintemal 1520 = sint dem male,
smocheit, Schmach: schände und smocheit 1471.
sperren, in Beschlag nehmen: als er gesperret hat 50 mark 1407.
sperrnnge, Beschlagnahme 1407.
sticken, heften, pfählen: die sal er sticken mit seime eigen
holcze 1438.
stickeholcz 1438; vgl. sticken,
steyde, Nebenform von stsete; md. stSte, stede, steite: aws vil
und steyder ermanunge 1471.
sunderheit: in sunderheit: besonders. — Sehr zahlreich belegt,
sunder lieh, desgleichen.
sunlewte, Schiedsleute, Schiedsrichter 1446 — suulute 1507.
swerheit, Schwere, Bedeutung: amb swerheit willen der Sachen
1471.
T.
te dingen, verhandeln, Gericht halten 1424.
teiding, Gericht: dy teidingis lute 1389.
teydingen, verhandeln, Gericht halten 1435.
teilen, 1. zuteilen: do wart jn die frist geteilet 1447 — das
wart jn gcteilet 1447. — 2. urteilen, entscheiden: do teilte
der scheppe 1447.
torstikeit, Kühnheit 1471, 1477.
trankgeld, Geldbusse, die nachmals vertruncken wird: Veffler
mit synen gesellen hat besait, Walich der ein elich man ist,
109
das si den vnndin ban bey ejner frawen, unde des habin
si genomen öVt f. ezn trankgelde 1393.
U.
nfbeben: erbeben: snlch geld nfcznhebende 1426.
nflassen, hinterlassen, feierlich aufgeben, in eines andern Hand
übergeben: . . . nffgelassen nnd abegetreten . • . alle die
macht . . . 1437.
ufreichen, darreichen, übergeben 1436, 1439.
nffrichten, bewilligen: . . . hat nffgericht . . . ir bans 1446.
nffslahen: das ein jor ein frid nfgeslagen nnd gemacht wurde
1471. — Grimm kennt » aufschlagen c im Sinne von: be-
ginnen: frid nffslahen nnd machen = Friedensnnterhandlungen
eröffiien und zustande bringen.
nfaein: so snilen beide teile wider dieselben ungehorsamen
nfsein als wider feinde 1473 — denn von stat an derselb
forste ader landt ader creisz sal nfsein ane sewmen 1474.
— Ähnlich 1477.
nfczog, Aufschub, Verzug: ane lengeren ufczog und beswerunge
1473.
nmbslag: item primo 86 stregener tucb zu 47, guldin und
102 gorliczer tuch und 2 umbslege zu 4 guldin minus 1 ort
1440. — Bei Lexer II 1739 eine Stelle vom Jahre 1486,
wo umbschlag ein nicht näher zu bestimmendes Quantum
oder Gewicht von Wolle bezeichnet.
amfangin = entf., annehmen: habe wir umfangin meystir
Niclos . . . czu eyme dyner der stat Breslow 1396.
nndancksamkeit, Undankbarkeit 1472.
nndersessen (mhd. undersäze — sseze — sezze), Untergebenen,
Unterthanen 1424, 1446.
nndirseheit, Unterschied 1472, 1477.
nndirstän, bewirken, erreichen: wir haben es uf dismol undir-
standen, das . . . 1476.
sich undirczihen eines dinges: in Besitz nehmen: sich des
konigreiches u. 1471.
angelt, Zehrsteuer, Accise: item es ist ungelt doruffe ge-
gangen . . . 1440.
nsrichten, bezahlen: her jnn das gelt usrichtet und beczalet 1439.
110
nsrichtunge, Bezahlung; nsrichtünge und recbennnge 1437. —
Im D. W.-B. verschiedene Stellen im Sinne Ton Berichtigung,
Ausgleichung, Bezahlung, z. B. einer Schuld.
V.
verdenken, Übles denken, verargen: nicht hassen, feyden noch
vordenken 1418, 1428.
verhenng, Einwilligung, Erlaubnis: gutten beschaid und ver-
henng gethan 1520.
Verheugen, geschehen lassen, gestatten: einem sulchen sein
eigen willen nicht v. 1477.
vergewissen, mit Gewissheit kund thun 1473.
vergewissunge 1473.
verlassen, zu Ende bringen, vereinbaren: es ist also beredt
und verlossen mit Hans Popplen 1445.
verschreiben, schriftlich abmachen, zuerkennen: andir czinse
keuffen und verschreiben 1446 — seinen erben verschreiben,
das . . . 1446 - 1473.
verschreibung, schriftliche Festsetzung oder Zusicherung: er*
manete uns der fimntschaft, glubde und verschreibunge
zwischen seyner kaiserlichen mai. und uns gestift . . . 1472.
vorander weiten, wiederholen: in Schriften .... vorander-
weitet 1471.
vorantwerten, erklären als, verteidigen: item so bot der selbe
Kussiel lüde . . . di vorantwertet vor eyne ludynne 1434.
vordechtnis, Verdacht: in Ungunst und vordechtnis 1424. —
Ferner 1442.
Vorgang, Fortgang, Fortschritt, Erfolg: so sal dese richtunge
entczwei sein und nicht Vorgang haben 1445. — Femer 1474.
Torhalden, 1. vorenthalten: das er mir mein vatirlich erbe mit
rede vorbilde 1436. — 2. verschliessen, versperren: jm den
weg an czween Strossen vorhalden und vorlegt 1440.
Yoriohen, bejahen 1472.
Torkisen, nicht beachten, verzeihen: solche missetat ist wurden
vorgeben und vorkoren 1434. — Ähnlich 1444.
urolcren, erläutern: noch lawte und usweiannge des reces-
« vorderen 1442.
mgO) Erklärung 1442.
111
*
Torreichen, gerichtlich übergeben, vermacheD: 400 mark vor-
reichen und vormachen 1399. — Ahnlich 1408, 1419.
vorrichten, versöhnen: das er gutlichen sich vorrichtet hat
mit ... 1417. - Zahlreiche Belege, so: 1419, 1423, 1424,
1436, 1439, 1446, 1490.
▼orrichtnnge, Vergleich, Vertrag: vorrichtunge und entscheid
1423. — Femer 1424, 1445, 1473 . . .
▼orricht, Ausgleich: vorricht und schidt 1515.
vorsehen, übersehen, nachsehen: vorkjsen und vorsehen 1444.
sich vorsehen, erwarten, fürchten 1471 — 1472: das wir von
nymandis uf erden uns fehde adir crige dorften vorsehen,
versessen, rückständig: vorsessens czinse 1437. — Femer
1440, 1444.
versitzen, versäumen, ausser Acht lassen: und nu her denne
solche unser gebot frevillichen vorsessin . . . 1439.
versorgen, sicher stellen vor: und bat uns, das wir jn dorumme
Vorsorgen sulden, das . . . 1442.
vorstorunge, Verwirrung, Zerstömng: wie der kaiser unsire
vorstomnge wartende und begerende ist gewest 1472.
sich vortragen, Vertrag schliessen. — Sehr zahlreich in allen
Jahren belegt,
vorwillen, sich freiwillig verpflichten. — Desgl.
vorwissen, fbr unschuldig halten: und sal sy allir bosir dinge
vorwissen 1389. — Ferner 1421, 1442.
vorczeyunge, Verzichtleistung: doran vorczeyunge tun 1446.
W.
waDdilgeld, Strafgeld, Ersatzgeld: so sal her . . . drysig Schock
gr. geben czu wandilgelde 1396. — Vgl. wendilgeld. — wandel-
bnsse 1358 erwähnt Filla, Gesch. v. Striegau, S. 54, auch
blos wandel: die tuchmacher haben das wandel genomen
von den sneidem, von eynem tuche 3 gr. 1471 Laus.
Magazin LXV, 166.
wandeln, 1. ändern: so mag nichts gewandilt werden 1471 —
das sich hat gewandelt 1471. — 2. wechseln, vertauschen:
ire Sendeboten wandiln und andire an ire stelle seczen 1473.
— 3. ändern, ersetzen: sulchen schaden uff ire eigene kost
selbst wandeln wuUen 1510.
113
. I .
^^H^ii <idiM ^Kig«8^ Acht haben auf, sorgen fttr, wahrnehmen:
ar^ rKltlfi«^ warten 1428.
w^^^U^U. Strafgeld: in den 30 Schocken Wendilgeldis 1396.
w^rl^«r|r#% Oewährleister : werbargen desselbin erbis 1419.
w^rf^U. Geldbnsse 1417, 1445.
wi4^rk^rea> ins Gegenteil kehren : das den nnsiren ire scheden
abf<4^ und widerkart werden 1471.
wiU^rkauff, Rttckkanf, Wiedereinlösnng eines Pfandes 1Ö30.
wiU^rrede» Antwort des Beklagten; rechtliche Replik 1446.
wiü^rteU, Gegenpartei 1446.
wiü^rwertig, feindlich, entgegengesetzt: der des yatirlandes
iHd und gemach, des konigreiches zu Behem widerwertig ist
1470 — deiner schrifte und werten gancz widerwertig und
antormelich 1470.
wideraame, nnlieb, verhasst, Feind 1472.
wi**ebyer 1421, 1447. — Vgl. gotsphennig.
w^»t» wast, Wissen: mit irer beider teile wost nnd willen 1446
-^ mit wüst nnd willen der kynder 1520.
Z.
^«ewg, Ausrüstung, Gewaffen: yil raisigen czewgis 1471.
»ii^h oaiehen an, sich berufen auf: und czoch sich des an
Bernhard Skal, der jm das gesagt hett 1442.
»u»pruoh, Anspruch 1446.
osweien, sondern, trennen: die eynikeit becrnden nnd czweien
1470.
oiwelewftig, zwistig, zwieträohtig 1477.
ovwelewftigkeit, Zwietracht 1507.
Schluss.
Indem ich zum Schluss die gewonnenen Resultate zusammen-
tk8«e, sei zugleich die Frage nach dem Einfluss der böhmischen
Kantlei des 14. Jahrhunderts auf die Breslauer wenigstens in
aller Kürze erörtert. Burdach (Vom Mittelalter zur Reformation,
Halle 1893, Heft I, S. 36) hat die Meinung geäussert, dass
Uiethmar y. Meckebach, Notar Karls IV., der 1351 — 57 die
Kantlei der Königl. Landeshauptmannschaft zu Breslau leitete,
diesen Eünfluss yermittelt habe. Aber dem stehen gewichtige
bedenken entgegen. Zunächst sind deutsche Urkunden aus
113
MeckebaehB EaDzlei überhaupt nicht yorhanden, wie ja auch
da« sogenanDte I^andbneh von Breslau, das yod Diethmar yer-
fasst ist, lateinisch ist. Nur die Namen von Dörfern und
Städten sind deutsch. Sie kommen jedoch flir eine Unter-
siiehnog der Sprache im allgemeinen nicht in Betracht. Das
Landbueh ist ediert im Jahresbericht der Schlesischen Oesell-
schaft 1842, S. 47 ff.
Allerdings ist im Breslauer Stadtarchiv Parit. II, 62, 53
eine Übertragung einer lateinischen Urkunde aus dem Jahre 1357
vorhanden, die dem Conrad von Falkenhayn, houptman zu
BreslaWy zuzuweisen ist Aber diese deutsche Übertragung, die
obd. Gepräge hat, stammt der Schrift nach, aus weit späterer
Zeit: aus dem 15. Jahrhdt. Sie kommt daher ftlr unsern
Zweck nicht in Betracht.
Die Breslauer Urkunden des 14. Jahrhdts aber tragen ein
wesentlich anderes Gepräge als die Böhmischen. Wie die Unter-
anehnng gezeigt hat, trägt A streng md. Charakter.
Es fehlt noch die bayr.- österreichische Diphthongierung von
i> ei, u > au, iu > eu; ferner wahrt A altes ei, während erst
das 15. Jahrhdt., besonders in seinem Ausgange, obd. ai dafUr
einsetzt; schliesslich ist in A nur ou, nie au, das erst im
15. Jahrhdt erscheint, belegt.
A weist aber ferner alle spezifisch md. Erscheinungen auf:
u fllr uo, e ftlr ffl, i für ie (M. S. Denkm.» Vorrede XXV). Das
Gleiche gilt von B, soweit diese Gruppe noch nicht ins 15. Jahrhdt
hineinreicht Die Diphthongierung erscheint in B zum ersten
Male in folgenden Fällen: 1. mhd. 1 > ei: 1393 bey, seye —
1396 seyn. — 2. mhd. ü > au (aw): 1393 herausse, aws-
genomen — 1413 aws — 1417 lawte. — 3. mhd. iu > eu
(ew): 1408 prewssisch -— 1411 prewsisch, Prewssen — 1412
geewssert, ewer.
Zum Vergleiche mit dem Lautstande von A mag eine Über-
sicht der charakteristischen Eigentümlichkeiten mehrerer obd.
Urkunden folgen, die aus der Prager Kanzlei Karls IV. stammen.
Sie umfassen die Jahre 1350 — 1377 und befinden sich in dem
Breslauer Stadtarchiv unter den Signaturen: F3, Fn, Hoa, F9,
EG4, E9, EEsa, EEi, EE7, EE9, F4, EE12, Eu, Visr. Ver-
Arndt, Entwicklang der Breslauer Kanzleisprache. 8
siit kt*titaa<:r Urkundenbuch von Kom.
ii»4 «'II ier bayrisch-österreichischen Di-
-^ jiL la > ea.
.>, :ÄiCea :3T2 — Zeiten 1359, 1377 — czeiten
"!>.v o: ,• . I>i0 i3», 1371, 1372, 1373 (2), 1374 ^2
•c -i<?*' 1367.
...> Ä' -<&*. 13«1 — kunigrichs 1370 (2) — kouig-
, ,.-. ^*:tf# 1366, 1367 (2), 1370 (2). 1372 (2), 1373,
,»^ •: * -Tficü« 1363 — kunigreichs 1374.
s.x J&v\ :3S»? — kunigriche 1374 — reiche 1363, 1366,
HS : . li-:«.' ?^ 1371, 1372 (2), 1373, 1374, 1377.
%^« :ä^^ — weis 1363, 1366.
S.U iJ^x' S — »taer 1377 — sein 1359 (3), 1363, 1366,
*;• 57?. U^TT v.ä) — seiner 1363 — seyne 1359 — seynes 1359.
^'jc* L?öS — weyp 1359, weip 1359.
>w:u2itwi 1363, Swidnicz 1373 (2) - Sweidnitcz 1363 —
<^\ritJl:i4CJ 1366.
Sir V Formen sind belegt; wiset 1350, 1359 — bliben 1359
^a\t 1361 i,2), 1371 — quit 1370 - glich 1351).
Sur ei-Formen sind belegt: sey 1363 (4), 1366 (3), 1377
- »d IS66 .2) — bey 1367 — bei 1359 — drei 1359 (2),
;?66. IS72 — drey 1366, 1367 (2), 1370, 1371, 1372 (2),
ISTS, 1374 — dreisigsteu 1363 — fleissige 1363, 1366 —
irt^viÄS« 1367 (2), freytag 1372 — freiheiten 1374 — trey-
heiion 1374 — deinen 1373 — leichnams 1363 — Reichen-
l^Äoh 1367.
Hör obd. Charakter ergiebt sich aus dieser Statistik ohne
weitert*8. Die wenigen i- Formen kommen gegen das bedeutende
Tbergowicht der ei-Formen nicht auf.
2. u = mhd. ü.
uf (w«) 1366, 1367 (2), 1370 (2), 1371, 1372 (3), 1374,
1377 - aufif 1363, 1366.
nzgelegt 1367, ussgegeben 1367 — awß 1366.
Nur u- Formen sind belegt: Budissin 1350 — gebruches
1369 — gebruchen 1373.
115
Nur an ist belegt in Unsent 1372 (2).
Nach den Belegen zu urteilen, scheint au hinter n nach*
znstehen. Indessen sind flir beide Erscheinungen zu wenig Bei-
spiele vorhanden, als dass ein klares Bild über das gegen-
seitige Verhältnis zu gewinnen wäre.
S. n, ü = mhd. in.
getrwen 1350, getruwen 1359 (2), 1366 (2), 1371 — ge-
tr*en 1370 — getrewen 1367 (2), 1370, 1372 (2), 1374 (2),
1377 (2) — getrewn 1372 — getrewlich 1374 — trewen
1373 (2), 1373.
amptlaten 1374 — Ifiten 1350, Ifit 1350 - Batlewten 1370.
unfrantschaft 1359, vrantschaft 1359, yrunden 1359 —
frenntlichen 1372.
Nur eu (ew) ist belegt: neun 1359 — newn 1367, 1374 —
newnden 1363 — newnczenden 1373 — geezeuge 1363 — euch
1377 (2) — Newenmarkt 1367 (3), 1372 — Neunmarkt 1371.
aw ist nur belegt in getrawin 1363 (2).
Die Diphthongierung ist hier in so offenbarer Weise durch-
geftlhrt, dass der obd. Charakter augenscheinlich ist.
Ich wende mich nun zu den Schreibungen der Diphthonge
(alte8> ei und ou, die gleichfalls für das obd. entscheidend sind.
Altes ei wird ai geschrieben schon in 2 Fällen: ain 1367
— ayn 1371. — Daneben ist belegt ai < age: Hayn 1366 (2)
— Hainrich 1367.
ou (ow) bezw. au (aw) ist belegt:
vrouwe 1359, vrouwen 1359 — frawen 1373, 1374 (2).
ouch 1359, 1367, 1370, 1371 — auch 1350 (3), 1363 (3),
1366 (4), 1374.
kouffen 1370, kouffmanschaft 1363 — kauffmanschafft 1366
— kawfmanschafft 1373 -- gekaufft 1370 — vorkauffen 1370.
Breßlow 1363 — Bresslaw 1350 (2), 1359 (3), 1363,
1367 (2), 1372 (4), 1374 (2) — Breslaw 1370 (4), 1377 —
Breczlaw 1359, 1366 (2) — Breßiaw 1313 (2) — Brezlaw 1367
.— Brezslaw 1367 — Bretslaw 1371 (2).
Nur ow ist belegt in Nampslow 1371.
Nur au (aw): hauptman 1350 — hawptmanne 1377 -^
Sittow 1374.
116
Die SchreibuDgen ai (aj) und aa (aw) treten als obd.
Charakteristika genügend hervor.
Von md. Eigentümlichkeiten treten folgende anf:
e = mhd. ae.
Streng durchgeführt.
Ebenso n = mhd. no.
i = mhd. ie.
si (sy) 1350 (8), 1363 (2) — sie 1359 (3), 1366 (2), 1367 (4),
1371 (3), 1372 (3), 1373, 1374, 1377.
dy 1363 (5) — die 1350 (7), 1359 (2), 1357 (6), 1370,
1371 (7), 1372 (6), 1373 (3), 1374 (3), 1377 (3).
vir 1363, 1370, 1372 — vier 1367, 1374 — virden 1357
— vierden 1350.
briue 1363 — briues 1363 (2), 1373 — brife 1370 —
brifes 1370 (2) — brieue 1367, 1372, 1374 — brieues 1370,
1374 - briefe 1359, 1366, 1367, 1371, 1372 — briefes 1359,
1367, 1372 (2) — briefs 1350, 1367, 1371, 1374 — brieflfa
1366 (2) — brief 1350 (2), 1359 — brieff 1366.
(dinstage 1366, dinstag 1372 (2) — dienste 1374.)
liben 1363 (2), 1373, lip 1363 — lieben 1350, 1359,
1366 (2), 1367, 1370, 1371 (2), 1372 (4), 1374 (2), 1877 (2)
— liep 1366.
wy 1363 - wie 1350 (3), 1366.
embiteu 1373 — embieten 1370, 1377 — gebieten 1363,
1366, 1373, 1377 (2) - vorbieten 1374.
Nur i- Formen sind belegt von: krig 1359 — prister 1370
— nymands 1370.
Diese Statistik beweist, dass die nhd. Schreibung ie über-
wiegt, wobei das Nebeneinhergehen der i -Formen die mono-
phthongische Aussprache dieses Diphthonges darlegt.
ie ist sogar vorgedrungen und steht für mhd. i. In A ist
diese Erscheinung unbekannt.
versiegelt 1359 — ingesiegel 1359 — diesem 1366, 1367 (3),
1372 (3) — diesen 1366 — diessis 1366 — dies 1366 —
diese 1367.
Zum Schluss verdient Erwähnung, das i = mhd. i durch-
aus durchgeführt ist md. e ist nie belegt.
117
Ans diesem Vergleiche' des Laatstandes der Urknnden-
grappe ans der böhmiBchen Kanzlei, die ich Ai bezeichnen will,
mit demjenigen von A ergiebt sich die Verschiedenheit des
einen vom andern. A ist darchaas md. nnd ist noch weit yom
nhd. Sprachgebrauch entfernt. Ai zeigt jene Verbindung von
bayr.-öster. und md. Dialekteigenheiten, aus denen die nhd.
Schriftsprache hervorgeht.
Ein Einfluss der böhmischen Kanzlei auf die Breslauer ist
also zur Zeit Diethmars von Meckebach und Karls IV., überhaupt
nicht erkennbar. Die Breslauer Kanzleisprache nimmt erst lange
nach Diethmars Amtszeit allmählich und im Zusammenhang mit
der Entwickelung der Mundart jene Züge an, die für die nhd.
Schriftsprache charakteristisch werden.
B schliesst sich an A an, so zwar, dass stellenweise schon
die Kette der md. Merkmale durchbrochen wird. Die Diphthon-
giemng der alten Längen i, ü, iu beginnt, wird in C fortgesetzt
nnd erlangt in D die Herrschaft. B und C, zum Teil auch D,
können als Gruppen der Übergangsperiode angesehen werden,
d. h. im 15. Jahrhdt. und Beginn des 16. Jahrhdts. geht die
Entwickelung vom mhd.*zum nhd., der Kampf um die Herrschaft
m sich, ein Kampf, der im 16. Jahrhdt. zu Gunsten des nhd.
entschieden wird.
Er lässt sich besonders klar verfolgen an der Entwickelung
der Konsonanten-Verbindungen sl, sm, sn, sw.
In B überwiegen die s- Formen bedeutend, nur zwei seh-
Formen sind belegt. In C ist sogar nur eine seh -Form ver-
treten. In D dagegen wird das, was in BC Ausnahme war,
Begel. Von der Mitte des 16. Jahrhdts. ab herrscht seh in
diesen Verbindungen.
Dass die Diphthongierung zu ei, au, eu in D durch-
gedrungen ist, braucht nicht weiterer Ausführung.
Doch nicht nur die Entwickelung von md. zu obd. Lautformeu
fbbrte den nhd. Sprachgebrauch herauf. In manchen Punkten basiert
die nhd. Lautstufe auf md. Fundamenten. Hierher gehört md.
0 für u, die Monophthongierung von ie zu i, von uo zu u, üe
zu ü (e), und die Dehnung ie ftlr kurz i.
118
Einen Gradmesser fllr den Stand der Entwickelang im
16. Jahrhdt. haben wir in der Orthographie des F. Frangk.
Vgl. S. 4.
Tm allgemeinen deckt sich der Sprachgebrauch unserer
Denkmäler des 16. Jahrhdts. mit den Regeln, die der Magister
aufstellt. Einzelne Besonderheiten fallen nicht weiter schwer
ins Gewicht, herrschte doch damals noch, in so vieler Be-
ziehung Willkür im Schreibgebrauche vor. Wie gross diese war
und wie schwer es gewesen sein mnsste, bestimmten Normen
zu folgen, erhellt daraus, dass F. Frangk oft; selbst seinen
eigenen Regeln zuwider handelt bezw. schreibt.
Deklination und Konjugation zeigen entsprechende Er-
scheinungen. Im Anfang unserer Periode herrscht Schwanken
zwischen Altem und Neuem — im 16. Jahrhdt aber ist der
nhd. Sprachgebranch vorherrschend.
Im Wortschatz ist besonders zu beachten die Entwickelung
von als und wie, die gleichfalls auf der nhd. Sprachstufe an-
gelangt ist. Im übrigen verweise ich auf die einleitenden
Bemerkungen zu den Wortschatzgruppen.
Kurz, auf allen Gebieten des Sprachkomplexes ist um die
Mitte des 16. Jahrhdts. die Entwickelung vom mhd. zum nhd.,
sei es auf obd,, sei es auf md. Grundlage, zum Abschluss ge-
kommen.
^ <;> »•
Druck der Breslauer Oenouenschaftfl-Buehdmekerei, E. Q. m. b. H.
Germanistische Aliliandlongen
begründet
von
Karl Weinhold
heraoBgegeben
von
Friedrioli ^Vogt
XVI. Heft
Die Jakobsbrüder
von
unz JbiLi
herausgegeben
von
Karl £nliiig
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1899
Die Jakobsbrüder
von
Kunz Kistener
herausgegeben
von
Karl Euling
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1899
Freifräulein Clara von Dineklage
zum geburtstag.
Vorwort.
Die romanhafte kleine legende, die hier züiq ersten mal in
wissenschaftlicher bearbeitung erscheint, mag am ende des neun-
zehnten jahrhanderts den leser vielleicht zunächst etwas fremd-
artig anmuten. Doch zweimal schon, als in schwerer zeit das
deutsche volk sich auf sich selbst besann, hat diese rührende
geschichte manches herz getröstet und erhoben: zur zeit der
blute deutscher mystik und der geislerf ahrten , und wiederum
als der deutsche geist seine in der tiefe schlummernden kräfte
za der grossartigen bewegung der reformation zusammenraffte.
Die treue ist es, deren preis auch diese verse eines, aller-
dings beschränktem lebenskreise angehörenden Strassburgers
kfinden wollen, eine treue, die menschensinn und menschen-
geschicke, natur- und weltordnung, himmel und heilige in den
bann ihrer geheimnisvollen idealen macht zwingt, die den tod
überwindet und die toten erweckt. So reiht sich unser gedieht
zahlreichen charakteristischen kundgebungen deutschen geistes
an, der in treue und untreue das edelste und das gemeinste
unsers wesens sieht.
Auch für die geschichte unsrer alten litteratur und beson-
ders für die anfange unsrer modernen bürgerlichen dichtung
ist Kunz Kisteners legende von den Jakobsbrüdern nicht ohne
interesse; sie ist geradezu ein problem geworden.
Der erste herausgeber Kisteners, der treffliche Karl Goedeke,
der das gedieht absichtsvoll Jakob und Wilhelm Grimm zu ihi-em
geburtstage gewidmet, hatte unglücklicherweise und ohne dass
man den methodischen fehler bemerkte, den fragwürdigen Heinrich
vm
Ton Unoawe znm dichter des ursprfinglicheii Werkes gemacht und
damit die forschnng bis heate in falsche bahDen gelenkt. Beein-
flosst TOD Goedekes hjrpothesen nnd der übertriebenen annähme
grandsätzlicher minderwertigkeit aller erzengnisse der spät-
mittelhochdeutschen poesie, hat man dann die Vorzüge, welche
unser gedieht auszeichnen, der spatzeit mittelhochdeutscher poesie
überhaupt absprechen zu müssen geglaubt.
So schwebte das gedieht, noch nicht einmal aus dem rohen
herausgearbeitet, bisher sozusagen in der luft; es mit den mittein
der Überlieferung herzustellen und ihm den in der litteratur-
geschichte gebührenden platz anzuweisen, wird hier Tersucht.
Die arbeit war bereits vor fast 5 jähren fertig, nachtrage
also unvermeidlich. Die wertvollsten verdanke ich dem ver-
ehrten heransgeber dieser Sammlung und der beneidenswerten
gelehrsamkeit Johannes Boltes. Auf herrn prof. Vogts rat habe
ich die negation ne (en), wo ich sie gegen die handschriftliche
Überlieferung in den text gesetzt hatte, überall bis auf vers 741
gestrichen. Was sonst herr prof. Vogt dieser arbeit hat zu gute
kommen lassen, findet sich au den betreffenden stellen bemerkt;
besonders sei auf den nachtrag verwiesen. Die während des
druckes erschienene Publikation Konrad Häblers, Das wallfahrts-
buch des Hermannus Künig von Vach und die pilgerreisen der
Deutschen nach Santiago de Compostela, Strassburg 1899, ver-
mehrt die historischen Zeugnisse namentlich für die spätere zeit
(s. 41 ff.), ohne etwas von unsem ausführungen übei*flüssig zu
machen.
Münster in Westfalen, Juli 1899.
Karl Enllng.
Inhalt.
Seite.
Einleitung XI
I. Stand der frage 1
n. Heimat des gedichtes 13
Zeit ; . . 27
Knnz Kistener . . . . • . 28
ni. Überlieferung und herstellung 30
IV. Der Stoff und seine behandlung 36
Analyse des gedichtes 36
Der Stoff 41
Behandlung des Stoffes 48
V. Charakteristik 62
Text 61
Nachtrag von F. Vogt
Zum WallsBre 126
Septimunt 126
Berichtigungen , 128
Begister 129
Einleitung.
stellen daraus ab; an eine derselben, wo der name des klosters
Gnadau in der form gnode ouwe erwähnt wird, knüpft der
lierausgeber der Germania unter berufung auf HMS 4, 273
einen verfehlten hinweis auf Hartmann von Aue, seinen Armen
Heinrich und dessen ungefähren Zusammenhang mit einigen dich-
tungen verwandten Inhalts.
Die meisten Verdienste um unser gedieht hat sich dann Karl
Goedeke erworben. Er Hess zunächst die handschrift A buch-
stabengetreu, wenn auch nicht ohne versehen (z. b. v. 225 seines
abdrucks fragte für fregete, 1046 von für den u. s. w. sieh
die lesarten) als manuscript in 100 exemplaren abdrucken (Kunz
Kistener, Hannover 1855) und widmete es Jakob und Wilhelm
Grimm zum 4. Januar und 24. Februar 1855. In seiner 1856
erschienenen monographie über Pamphilus Gengenbach wieder-
holte er dann einen teil des Kistenerschen textes und suchte
s. 629 bis 640 Gengenbach durch reichlich ausgehobene stellen
Kisteners und mehrere wertvolle nachweise zu erläutern.
Dabei sind ihm leider manche zum teil folgenschwere Irr-
tümer untergelaufen. Da die Überlieferung des Kistenerschen
gedieh tes in hs. A recht schlecht ist, eine andere handschrift
unbekannt war und Goedeke auch nicht einmal den versuch
einer herstellung oder philologischen bearbeitung machte, da er
ferner mehrfach die bearbeitung Gengenbachs und Kisteners
gedieht verwechselte, so gelang es ihm nicht, von dem stücke
eine richtige Vorstellung zu geben.
Die s. 630 bis 636 gedruckte analyse ist reich an missver-
ständnissen, die ich nicht, wie die seines Vorgängers Hermes
und seiner nachfolger übeigehen darf, weil sie die aufFassung
und beurteilung des ganzen werkchens bis heute nicht wenig
beeinflusst haben. Missverständnisse begegnen ihm auch in den
analysen des Grundrisses, z. b. verlegt er I * 225 in der analyse
der ausgezeichneten novelle Dietrichs von Glezze den Vorgang
in die nacht (vgl. GA XX, 709 ff.), indem er wahrscheinlich den
fehler v. d. Hagens GA 1, 453 kopiert.
So versteht Goedeke lehenbere (124) wie Gengenbach für
lebendig; lässt die Wöchnerin wie eine rose im bett ruhen,
während Kistener von erröten spricht (206); lässt den Schwaben
bei der heinikehr auf der bürg seines freundes hinter der thür
stehen und die arm gewordene rittersfrau s. 637 den söhn im
hemde empfangen (es ist nur das hauskleid gemeint; Heyne im
DWB IV 2, 980. sitzen und spinnen in einem hembdt:
Über spräche und verskunst Heinrich Kaufringers s. 12).
Er verwechselt Kistener mit Gengenbach und hält die beiden
fassungen nicht auseinander. S. 631 sagt er: „freudig beschenkt
ihn der herr mit 10 gülden, die er anlegt und ein biderbe
man wird", Kistener „ein selig man" (158). S. 632 lässt G.
aus, dass der grafensohn sich verirrt (Kist. 372 ff.); seine trauer
und seine thränen entbehren damit der richtigen begrün düng.
Auch bei erzählung der ankunft in Compostella berichtet Goedeke
nach Gengenbach, nicht nach Kistener.
Einen noch lange fortwirkenden fehler beging Goedeke in-
dem er s. 634 und 637 die sache so verstand und darstellte, als
habe der graf sich nach angäbe des einsiedlers längst vermählt
und seine frau habe ihm eben damals einen knaben geschenkt.
Davon steht in den quellen nichts; Kistener lässt den waldbruder
sagen, dass er sich mit einer Jungfrau verlobt habe; gemahelt
nahm Goedeke eben nur für vermählt, was es garnicht vor-
wiegend heisst (Hildebrand im DWB IV, 1 s. 3154 f. Schmeller,
Bayerisches wb. 1^, 1579. Heyne im DWB VI s. 1455); und
daraus ergab sich dann auch das missverständniss in betreff der
zu frühen geburt des kindes *) und in betreff des festes auf der
bürg, das Goedeke s. 635 allerdings nach den vorher begangenen
irrtümern unklar erscheinen musste, von dem aber Kistener
798 deutlich sagt, dass es das hochzeitsfest der braut gewesen
sei. Das kind wird ja dann auch geboren, ehe das erste jähr
nach der Vermählung endet (870).
So sind Unklarheiten und missverständnisse ohne grund in
das gedieht hineingetragen und dem dichter aufgebürdet.
Auch die lokalisierung der sage, wie sie Goedeke gab, war
irrig. Er lässt das gesuchte kloster Gnadau bei Pfaffenhofen
in Bayern liegen und den Theatinernonnen in München gei^
Daraus erschliesst er als grundlage des gedichtes eine bi
') An der stunt (v. 770) heisst alsbald, nicht ^ebenjeti
hier nur von einem Zeitpunkte überhaupt verstanden werden.
nächst ferre und gignere, nicht in lacem edere. 8eki
wb. 1*, 259.
lokalsage : Pampliüus Gengenljach s. 630. So hat denn J. N. Sepp
die erzähiung in seinen Ältbayerischen sagenschatz zur be-
reichernng der indogermanischen mythologie (neue ausgäbe 1896
s. 657) eingereiht und mit mehr partikalar-patriotismus als kritik
für Bayem in anspruch genommen (vergleiche zu Kistener 407).
Nun aber heisst rtas bei Pfaffenbofen in der Obevpfalz gelegene
kloster Gnadenberg, nicht Gnadau — ein solches gibt es in
ganz Bayern, and gab es nach Österleys histoiisch-geographischeni
Wörterbuch auch im ganzen milteialter nirgends — und (Jnaden-
bergist erst 1426 gegründet: Germania 17,56 '). Damit wird auch
dieser ganze versuch, die sage in Bayern zu lokalisieren, hinfällig.
Die grösste Verwirrung hat Goedeke durch seine Waller-
hypotheae veranlasst. Den schiefen, etwas übertriebenen gegen-
satz, den manche, vou Goedeke fein empfundene Vorzüge des
gedichtes mit der anscheinenden roheit und formlosigke,it der
überliefe i'uug bilden, glaubte der forscher am besten durch die
annähme aufzuheben, dass Kunz Kistener sich ein gedieht der
blütezeit mittelhochdeutscher poesie und zwar den Wallaere des
Heinrich von Linonwe mit einigen änsserlichen Veränderungen
angeeignet habe. Geugenbach s. 637 f. ; s. XXIV spricht Goedeke
nur von einer entlehnten episode des Wallaere.
Äbnlicli, wie Goedeke in diesem falle, verfuhr Engelhardt,
der berausgeber des Peter von Staufenberg. als er Hartmann
von Aue für dessen Verfasser nahm und den Widerspruch dieser
annähme mit der überlieferten gestalt des gedichtes, durch die
fiktion einer späteren Umarbeitung heben zu können glaubte;
ein Irrtum, der selbst in Wackernagel - Martins Litteraturge-
schichte 1, 28:-t erwähnung fand und dessen metliudischen fehler
Paul im Grundriss 1, 169 erläutert.
Die hypothese Goedekes sucht folgenden erwägungen ge-
recht zu werden. „Das ältere gedieht", sagt er, „war so fein
und durchdacht motiviert, da.ss es der Verbesserung in wesent-
lichen dingen nicht fähig war. Ich will dem älteren dichter
keine lobrede halten, sein werk gewinnt bei genauerer be-
trachtung mehr und meiir und kann in der feinen seelenmalerei
>) Wülcker gibt hier iiRch unziiTerlilssiger quelle 1486 an; die bericbtignng
r der ßararin II ■ (1863) ,i1D zu cntucbmeu.
J
mit den besseren gedichten der guten zeit wetteifern. Ja eben
die feine behandlnng des Stoffes, die mit dem sichersten geschick
die zartesten raotive zu handhaben weiss und weder dem XV.
noch dem XIV. jh. zugetraut werden kann , dringt eine Ver-
mutung auf, mit welcher ich den manen Kisteners ungern zu
nahe trete" : s. 637 f. Nun folgt die schon oben vorgetragene
hypothese; vgl. Gengenbach s. XXIV. In einer anmerkung wird
zur stütze dieser annähme noch darauf hingewiesen, dass sich
bei Kistener bezüge auf frühere im gedieht selbst nicht weiter
dargestellte begebenheiten fänden: Gengenbach rede vers 622
von einem aufenthalt des Schwaben in Frankreich; dieser komme
aus Lamparten; 20 jähre sei er der heimat fern gewesen; die
guten rate, die der vater dem auf die wallfahrt ziehenden söhne
mitgibt, hätten in der erzählung, die sonst genau zu sein pflege,
nicht ihr entsprechendes correlat, so dass hier wol ein sprung
gemacht sei; der Wolfenbütteler hs. fehle auch nach v. 195 ein
reim (s. 637, a. 12). In der neuen bearbeitung seines Grund-
risses I s. 233 fasst Goedeke diese erwägungen so zusammen:
„Die un verwischte feinheit der darstellung und hindeutung auf
nicht ausgeführte umstände lassen auf benutzung einer älteren
quelle schliessen".
Verfolgen wir den zweiten punkt zuerst, so wird den kom-
binationen Goedekes durch die herstellung des gedichtes der
boden entzogen. Der nach v. 195 der hs. A fehlende reim ist
dadurch ausgefallen, dass zwei zeilen in eine zusammengezogen
wurden, wie andrerseits v. 303/4 der plattesten Verständlichkeit
zuliebe zwei zu dreien ausgeweitet und verballhornt sind. Nach
C Hess sich in v. 195 der wahrscheinlich ursprüngliche Wortlaut
herstellen. Eine lücke in der darstellung aber, die auf andere
nicht ausgeführte umstände deutete, liegt hier dem zusammen-
hange nach in keinem falle vor.
Der in Gengenbachs Überarbeitung v. 622 gegebene hinweis
auf einen aufenthalt des Schwaben in Frankreich und an meh-
reren andren orten erledigt sich durch feststellung folgenden
Sachverhalts.
Im gedichte heisst es nach A:
730. Do woltents ime klagen.
der suon sprach ,lant mich sagen:
6
ir süUent wol gehaben fich.
ich wil fleh wider machen rieh*.
Gengenbach hat dafür folgende verse:
616. Do wolt eins dem andern klagen
Der sun sprach jch will euch sagen
Ir sond euch wol gehaben
Ich mag eüwer armüt nit me vertragen
620. Ich will euch machen wider reich
Darumb hab jch gearbeit meich
In franckreich und wo jch was
Vnd das jch alle zeit ewer not entsass.
Die 3 Schlussverse des Baseler druckes halte ich für unecht. Bei
den erweiterungen Gengenbachs, an denen vielleicht schon seine
(vermutlich handschriftliche) quelle teil hatte, bietet sich zur
entscheidung der echtheit oder unechtheit vor allem als kenn-
zeichen der umstand dar, dass die unechten erweiterungen in
der regel keinen einzigen neuen gedanken und keinen neuen
reim bringen, sondern nur matt die im älteren gedieht vorhan-
denen variieren. Vgl. Gengenbach 101 ff. mit Kistener 163 f.,
Gengenbach 235 f. mit Kistener 299 und 295 f. u. s. w., Zfd.
A. 38, 106 f. So spinnt Gengenbach mit dem bei Kistener völlig
unmöglichen reime gehaben : vertragen 618/9 den vorange-
gangenen echten reim klagen : sagen weiter aus und schliesst
sich in dem reime was : entsass 622/3 an den unmittelbar
folgenden reim was : daz 734/5 des Originals. Dazu kommen
andere zeichen der unechtheit. Gengenbach oder seine quelle
konnte hier, wie 522, den alten reim üch : rieh nicht mehr ge-
brauchen, deshalb griff er zur paraphrase mit dem neuen un-
echten reim reich : meich. Gengenbachs v. 623 ist stark über-
laden, das steht für , deswegen weir, wie sonst nicht bei Kistener.
Der Stil des verses 619 fällt aus dem rahmen des alten gedichtes.
Das hier eingeschwärzte vorgeben des Schwaben, er hätte in
Frankreich und in andern fremden ländern aus besorgnis um
die not seiner eitern seinen reichtum erworben, steht in direktem
widersprach mit der unzweifelhaft echten früheren erzählung,
nach der es der graf ist, der ihn reich macht 652, 688; ferner
im Widerspruch mit dem umstände, dass der rittersohn von der
eingetretenen Verarmung seiner eitern vorher gar nichts weiss,
sondern erst durch einen boten davon benachrichtigt wird (669).
Infolge seines Zusatzes sah sich Gengenbach auch veranlasst,
die 20jährige abwesenheit des Schwaben in eine 30jährige zu
verwandeln, wodurch ein altersunterschied von etwa 14 jähren
(für den Bayern) und 45 bis 50 jähren (für den Schwaben) sich
ergeben würde: ein unding.
Dass nun der aufenthalt des Schwaben in Italien, wovon
zweimal, 397 und 663, die rede ist, an und für sich unwahr-
scheinlich wäre oder einer aufklärung an einer anderen stelle
des gedichtes bedurft hätte, diese annähme ist doch recht will-
kürlich. Der verkehr Süddeutschlands mit Italien, besonders
mit der Lombardei, war im laufe des XIV. Jahrhunderts unge-
mein lebhaft. Riezler, Geschichte Bayerns 3, 771 If. Manfred
Mayer, Bayerns handel s. 19. Italiener zogen häufig nach Deutsch-
land, ja Hessen sich dort germanisieren. Andrä der Zutich von
Venedig wird 1365 als bürger zu Regensburg genannt. Riezler 3,
772. Giovanni Boccaccio kam im Dezember des jahres 1351 selbst
als florentinischer diplomat nach Bayern (Riezler 3, 32). Über
beziehungen Tirols zu Italien spricht Oswald von Zingerle ADB
40, 7. Vgl. Wackernell, Montfort s. XI anmerkung. Schon die
Alpen heissen in den glossen der Metzer hs 203: „Daz lam-
partsche gebirge" (Strassburger Studien III, 21, 141). Der
reichtum der italienischen Staaten war auch im Elsass sprich-
wörtlich. (Colins Parz. 518, 19. Schmidt, Wörterbuch der Strass-
bui^ger mundart s. 54 u. d. w. Idaliäner. StüB V 1086 u. d.
w. Italien).
Dasselbe ist gegen die forderung geltend zu machen, der
rat des vaters 345 tf. hätte in der späteren erzählung kein rechtes
correlat. Zunächst bezieht sich der rat nur auf die wähl eines
treuen freundes. Besondere freundschaftsproben, wie in andern
zweigen der Überlieferung dieses sagenstoifes vorkommen (Paulus
Cassel, Symbolik des blutes s. 77 ff., Reinhold Köhler, Aufsätze
Über märchen und Volkslieder s. 24 ft'., ferner im Dit des trois
pommes p. p. Trebutien. Paris 1837 und in der prosalegende
Pfeiffers, Altdeutsches Übungsbuch s. 191), werden hier nicht
verlangt. Kistener folgte eben einer andern quelle, als den von
Goedeke hierbei ins äuge gefassten.
Demnach können wir nicht anerkennen, dass in Kisteners
gedichte hindeutungpii auf andere, jetzt verloren gegangene
stellen eines älteren ausführlicheren Originals, sei es nun der
Wallaere oder ein anderes epos, vorhanden sind. Eine genauere
analjse, wie sie später hier versucht wird, beweist, dass Kistenei«
gedieht nicht nur ein bruchsttick des Stoffes darbietet (Goedeke,
Gengenbach s. 637, 12), sondern in sich abgerundet ist.
Nimmt man ein älteres gedieht eines ritterlichen dichters
aus der klassischen zeit als original unserer legende an, so ver-
kennt man doch auch Charakter und geist des werkchens völlig.
Inhalt, Schilderung und empfindung sind nichts weniger als böfiach-
ritterlich: der söhn des schwäbischen ritters verdient sich in
einer subalternen Stellung so viel, dass er seine ganz verarmten
eitern unterstützen kann, und wie bürgerlich ehrbar ist der graf
geschildert, seine erziehung, seiue ausröstung zur reise! wie un-
höfisch die feste, wie kleinbürgerlich das idyll der heimkehr in
Heigerloch! Ein ritterlicher dichter hätte sich doch auch die
ritterlichen thaten der Jacobuslegende (Garns, Die kirchenge-
scliichte von Spanien 11 2, 370 ff.) und den ritterorden von
San Jago di Compostella (St. Jacob de Spada, Jakob vom Schwerte)
nicht entgehen lassen, der 1 16! entstand und dessen grossmeisterei
1493 mit der kröne Spaniens vereinigt wurde. In dem ganzen
RUfbau und in der ausfllhruug des gedichtes prägt sich ein mo-
derner bürgerlicher sinn aus, der den ritterlichen feudalismua der
älteren zeit nicht mehr versteht und nicht mehr verstanden weiss.
Was Goedeke ausserdem noch bestimmte, hier an ein älteres
muater zu denken, waren gewisse Vorzüge des gedichtes, die
ihm mit dem häufiger beklagten, als untersuchten verfall der
dichtung im XIV. und XV. jh. nicht vereinbar schienen. Dieser
fllr die litteraturgeschiclite nicht unerhebliche gesichtspunkt ver-
dient in der that volle beaclitung, und er ist es auch, der mich
im zusammenhange mit Studien über die poesie des XIV. Jahr-
hunderts zu einer prüfung unseres gedichtes veranlasst hat.
Nach meiner ansieht beruht Goedekes schluss auf zwei unrich-
tigen oder nur halb richtigen Voraussetzungen : der Voraussetzung
von einer fast idealen vortrefflichkeit des angenommenen Wallaere
und der Voraussetzung von der prinzipiellen minderwertigkeit
der spätmittelhochdentschen poesie. Keine von beiden darf als
zutreffend gelten. Goedeke übeisielit bei starker hervor
hebung J
der licbtseilen des gedichts manche tnängel, nicht blos foruialer
art, deren erkenntnis sieb aiicb editorenvorliebe, wie sieb unten
zeigt, nicbt verschliesst. Dann aber ist auch inbetreff der poesie
mindestens des XIV. jbs. entschieden zu betonen, dass sie viel-
fach besser ist als ihr ruf. Vor allem sind es die kleineren
epopöen. die gattmig der novelle nnd legende, welche iiocb von
den, durch die ejdgoncn der grossen metster vermittelten, er-
rungenschftften der klassischen poesie des XIII. jbs. zehren.
Ich war im stände, dies für Kaufringers verskunst nachzuweisen;
es gilt ebenso für die epische tecbaik und die epische kunst im
allgemeinen. Die kleiukunst der epopiie verfügt noch um die
mitte des XIV. jbs. Über ganz ansehnliche leistungen, wie Der
schtiler von Paris oder Fressants novelle Von den ledigen wiben
beweisen; andrerseits zeugen prosa und lyrik der deutschen
mystiker, sowie Volkslied nnd einige legenden davon, dass tiefe
und feinheit der empKndung keineswegs ausgestorben oder
monopol des XIII. jhs. waren. Auch in der auffassnng des
XIV. jhs. wird es sich darum handeln, die älteren unkritischen
Werturteile durch ein wirkliches Verständnis der geschichtlichen
entwiüklung zu ersetzen. Wenn sicli überdies nun noch heraus-
stellt, dass Kistener von Konrad von Würzburg, Ulrich Boner
und elsässischen dichtem des XIV. jbs. abhängig ist, so kann doch
von einer dichtung ans dem anfang fies XIII. jhs. wohl keine rede
mehr sein. Das nähere wird sich im laufe der Untersuchung ergeben.
Jene.s gesuchte gedieht sollte nach (Joedekes ausicbt kein
anderes, als der Wallaere des Heinrich von Linouwe sein, den
Rudolf von Ems dreimal erwähnt, zweimal im Wilhelm, einmal
im Alexander. Die kontroverse, ob der Waller eine Ecke- oder
Erekdicbtung gewesen sei, bleibt unentschieden, bis ein kritischer
text des Wilhelm von Orlens gewisäheit über die lesart schafft.
Soviel aber ist jetzt schon gesichert, das Rudolf den Waller
mit Ecke oder Krek in Verbindung tiringt, was dann eine pilgfr-
legende als inbalt des verlorenen gedichtes vollkommen aus-
schliesst. Jakob Baechtold, Geschichte der deutschen litteratur
in der Schweiz. Frauenfeld 1892. Af ' " s. 31. Vogt
in Pauls Grundriss 2, 1, S2'i. H *>4t die
gute mich auf seine untersuchall
ZfdPbil. 25, 6 ff. und auf Zeidlw
fl
Ems Wilhelm s. 141 zu verweisen. Vgl. AfdA 21, 242, [S.
den Naclitrag Vogt.]
Zehn jalire nach dem eracUeinen des Pamphilus Geugenbach
von tioedeke behandelte Reinhold Kühler in der Germania 10,
447 ff. die romaniHchen Versionen unserer legende. Bei sonst
gegebenen Übersichten über die formen der frenndschaftssagen
ist unsere überlieferuug regelmässig ausgelasseu oder, wie bei
Cassel, übel weggekommen. Es sind lauter romanische Versionen,
die Köhler vergleicht und denen gegenüber die deutsche er-
zähluug eine ausgesprochene Selbständigkeit behauptet. Köhler
lägst sie ohne genauere Untersuchung aus der Äraicus- und
Ameliusdichtung entstanden sein (s. 455). Übrigens entspricht
dev französischen version im Dil des trois pommes am meisten
die im folgenden jalire 1866 von Pfeiffer im altdeutschen ttbungs-
buche s. 191 abgedruckte prosalegende.
In dei-selbeu Zeitschrift [Germania 17, 55 ff.) veröffentlichte
dann im jähre 1872 Richard Wülcker die Frankfurter fragment«
(B). Sie befinden sich anf dem Stadtarchive zu Frankfurt am
Main, jetzt unter der Signatur Chroniken iir. ^2, im eisernen
schrank der gohlenen bulle, und enthalten 93 zeilen des Kiste-
nerschen getlichtes. Die liaudsclirift, welcher die beiden zu-
sammenhängenden papierblättu' in iguart angehörten, hatte die-
selbe grosse wie A und wird am ende des XIV. oder am anfang
des XV. jhs. entstanden sein. Die bearbeitung ist fränkisch.
Eine nähere bestimmnng ihres dialektes gestatten die spärlichen
bruchstücke kaum, da das stets zu z verschobene auslautende t
und die meisten übrigen sprachlichen erscheinnngen zwar auf
einen (dem oberdeutschen nahestehenden) rheinfränkischen dialekt,
aber die nasalierte endung der 3. sg. in warten (v. 59 der frag-
mente), wenn es nicht verschrieben ist, auf niederfränkischen
oinfluss (Köln) zn deuten scheint (Weiwliold, Mhd. gr. s. 434).
Die verdumpfung des a zu o, wie in noch (v. 71 fragm.), ist
durch zahlreiche Frankfurter belege bezeugt. Weinhold, Mhd.
gr. 8, 33. Dass man sich gerade in Frankfurt a, M. für die
Jacubuslegende interessierte, erklärt schon die auch für deu
pilgerverkehr nach dem sttden wichtige centrale läge der Stadt
und das Vorhandensein einer pilgerherberge , des Compostells
(Kriegk, Deutsches bürgertiiia im mittelaller nach urkundlichen
Einleitung.
12
sein. Nach seiner aiisiclit weist der stil des gedictites auf die
scheide des XIII. und XIV. jhg. Diese annähme ist ja willkürlich,
lä^st aber vielleicht erkenne», dass Bartsch die Abhängigkeit
Kisteners von der epigonendichtung; gefühlt hat. Jedenfalls
kommt seine datiernng der Wahrheit näher als die Gocdekes.
Paulus Cassel, der in seiner schrift über die Symbolik des
blutes (Berlin 1882} s. 184, einen teil von Kisteners dichtung
bespricht, Kühlers ergebnisse aber nicht kennt, stellt nicht
einmal den hergang richtig dar. Zu den alten miss Verständnissen
Goedekes kommen neue, die aufiiuzählen sich nicht der mühe lohnt.
Die ersten versuche einer textkritischeu herstellung machte
Rudolf Hildebraud in den Zitaten des Deutschen Wörterbuches
bd, V, indem er eiuen ins 'gute' mittelhochdeutsch übertragenen
normalisierten text konstruierte. Doch schon die dialektischen
reimeigen hei ton stellen eine solche rekonstruktion völlig in
frage und weisen auf eine spätere epoche hin, wo der dialekt
wieder in seine rechte trat. Alsdann ist wiederholt in seminar-
übungen versucht, das vermutete alte gedieht zu rekonstruieren.
Der letzte, der sich mit Kisteners dichtung beschäftigt hat,
ist Wolfgang Golther in seiner geschichte der deutschen litte-
ratur bis zum ausgange des mittelalters s. 354 (DNL 168, 1).
Er setzt die erzählung in den anfang des XV. jhs , weist aber
zugleich wieder die annähme nicht ab, dass ein verlorenes werk
des XIII. jhs. zugrunde liege. Über die heimat des dichtcrs drückt
er sich unbestimmt aus, er nennt ihn nur eiuen Oberdeutschen ').
So haben bis heute hypothesen fortgewirkt, die eine wirklich
historische aufTassung und Würdigung des kleinen Werkes hin-
derten. Man ist dabei von einem der wichtigsten grundsätze
aller forschuug abgewichen, erst dann hypothesen eintreten zu
la.ssen, wenn die resultate, die sich aus dem wirkHeh vorliegenden
inaterjal gewinnen lassen, erschöpft sind. Im folgenden soll nun
der versuch gemacht werden, die hypothesen durch thatsacheu
zu ersetzen.
') Wenn ich vou der nusgabe in den Erzählenden dichtimgen des spä-
teren mitieUlters {DNL 11; LitMraturblatt für germ. iinrt rom. Phil. 1887,
.508) schweige, ist dem heraiiageber nnd der sache damit ain besten gedient.
Aach von kürsereu erwähnungen nnderswo iat abKeBehen.
13
II
Heimat und Entstehnngszeit des Gedichtes.
Heimat.
Weder auf Bayern, wie Goedeke annahm, noch auf Schwaben,
wie Wülcker meinte, sondern auf das Elsass, und zwar auf
Strassburg als heimat des gedichtes weist die Überlieferung.
Zunächst kommt hierbei als entscheidend der dialekt in
betracht, der durchaus den sprachstand der Strassburger denk-
mäler um die mitte des XIV. jhs. wiedergibt, wie er im allge-
meinen am bequemsten in den Strassburger Chroniken (Städte-
clu'oniken bd. 8 und 9) zu tibersehen ist. Die von Hegel hinzu-
gefügten urkundlichen beilagen und das von Carl Schröder
ausgearbeitete glossar leisten hierftir gute dienste, obgleich in
Schröders glossar der unverkennbare wichtige unterschied ver-
wischt ist, welcher im Sprachstande der einzelnen gattungen
von dcnkmälern obwaltet. Und zwar ist nicht nur, wie schon
Schulte und Haendcke fttr die Urkunden hervorgehoben haben,
hinsichtlich der Zulassung von mundartlichen Vulgarismen zwischen
politischen und privaten beurkundungen ein unterschied wahr-
zunehmen, sondern die spräche des Strassburger rathauses
verhält sicli der mundart gegentiber bei ihren offiziellen auf-
zeichnungen auch weit zurückhaltender, als in den ratsprotokollen
und dem teils hieraus entnommenen sogenannten „Heimlichbuch*',
wovon Hegel 9, 1019 proben mitteilt. So unerschöpflich reich
der inzwischen erschienene 5. band des Urkundenbuches der
Stadt Strassburg in sachlicher beziehung ist, dem sprachbilde
jener zeit fügt er wesentlich neue züge nicht hinzu. Gelegentlich
ist auf das aus dem nachlasse Schmidts herausgegebene Wörter-
buch der Strassburger mundart bezug genommen. Die förderung,
die bald jeder durch das Wörterbuch der Elsässischen mundarten
von Martin und Lienhart erfahren wird, musste ich noch ent-
behren. Um jenen sprachstand unseres gedichtes zu charak-
terisieren, bedarf es nur der hervorhebung der bezeichnendsten
erscheinungen, indem regelmässig auf Weinholds darstellung des
Elsässischen in der Alemannischen grammatik und Schröders
14
glossar im 9. bände der Städtechroniken, aber auch auf Erwin
Haendckes schrift über die mundartliclien demente in den
elsässischen Urkunden des Strassburgcr Urkundenbuclies (Alsa-
tische Studien heft 5; vgl. Francks anzeige im AfdA XXII 12),
sowie auf die beiden wichtigsten poetischen denkmäler aus der
ersten hälfte des jhs., Egenolfs Peter von Staufenberg und den
Rappoltsteiner Parzifal hingewiesen wird. Dabei sind schon
in der regel diejenigen zahllosen grobmundartlichen formen der
hs. A ausgeschieden, die dem Dichter abzusprechen waren, und
reimbelege an erster stelle ausgewählt.
Das alte in van festgehaltene a (Weinhold s. 92) erscheint
1092 getan : van und 1101 dervan : an. (Vgl. Egenolfs Peter
von Staufenberg 31 davan : man);
e=a (Weinhold s. 93) in der : s wer 433, 468, 526, 532, 616.
Schröder s. 1088a. Rappoltsteiner Parz. 79, 15 der : s per.
311, 14 der : wer u. ö.;
i = li in minne : gewinne=gewünne 503. Weinhold s. 94.
Schröder s. 1107 b, 1125 b;
ü = i in würt524. Weinhold s. 97. zwtirne 178. Schröder
s. 1134b;
e = ö in vert:dört 585. Weinhold s. 96. Schröder s. 1117a.
möchte : vurbrehte 890. Haendcke §§ 4, 5;
u = o in wuchen 370. Parz. 43, 37 u. ö, kumends 600,
Gumpostelle 127, 479. Parz. 822, 3 gunpleten. Weinhold
§ 118. Schröder s. 1125 b. Haendcke § 8.
Das zu 6 (o) verdumpfte elsässische ä (a) dessen hauptblüte
im XIV. jh. liegt (Haendcke s. 6 und 47), ist häufig: noch : zoch
51. not : rot 57. wören : geboren 87. not : missetot 236.
st6t:not 257. tröste : begoste 365. vrogte : ingenote 718,
672. verlor :jör 736. gröve : hove 884. Weinhold § 124.
ä = ü erscheint in län : hon. Weinhold s. 97 f;
U = iin üch:rich732. mengelich : üch522. Weinholds.99;
die Verengung des ei in e in beder 89. Weinhold s. 98.
Schröder s. 1083 a. Haendcke § 15.
e für ae ist durchgedrungen ; Pfeiffer im Vorwort zu Boners
Edelstein s. XL Weinhold § 122. Schröder s. 1090 b. Haendcke
§ 3; desgleichen ü für in, und die pronominalendung iu beseitigt.
Edward Schröder, einleitung zu Peter von Staufenberg s. LI f.
16
Deutlicheres gepräge zeigt der konsonantismiis, der in der
hs. A, besonders etwa von der mitte des gedicktes ab, sich als
grobmundartlich geltend macht, während der rekonstruierte text
in manchen punkten natürlich darauf verzichten musste dies
alles wiederzugeben. Hinzuweisen ist auf das häufig anlautende
jüngere d (Weinhold, s. 142. Haendcke § 43, der aber mit un-
recht von völliger Willkür im gebrauch von d und t redet), die
Umstellung des r in burne (1052, 1120) einre, ginre (Wein-
hold s. 165) die Vereinfachung der gemination rr in here
(heren : eren 535) und vere (Weinhold s. 167. Schröder
vermutet schon für das XIV. jh. ein v6re; für später ist es
gesichert; s. DWB III, 1527), die teilweise Verdrängung des
mhd. auslautgesetzes in tag, lag, sag u. s. f. (Schröder, glossar
s. 1099 a. Weinhold s. 181. Strassburger Studien III 257. Edward
Schröder zu Peter von Staufenberg s, LH. Haendcke § 48),
den tausch von g und w in tuwent 321 und ruogen 350, be-
schiegeut 1144 (Weinhold s. 184. Schröder s. 1099a. Schmidt,
Wörterbuch der Strassburger mundart s. 87 b), den ausfall des
g in vrogteringnote 671, 717, (Parz. 17, 1. 511, 40. 39, 36;
genote : frote Stauf. 617. Merswin, Neun felsen s. 89 frote);
vuogte : guote 383 (Weinhold s. 180. DWB IV 1, 1110.
Schmidt, Wörterbuch s. 2 a).
Eben dahin deuten auch der unbestimmte vokal der endung
in wannan 402 (Parz. 106, 18. 107, 7 u. ö. Haendcke §31,
Weinhold s. 92.); das praeteritum satte 407 (Weinhold s. 139,
136. Mhd. grammatik s. 186. Schröder glossar s. 1122 b), das
nur elsässische reduplizierte praeteritum beschiegent 1144
(DWB VIII, 2310), die elsässische form giner (ginre) 389,
506, 1185 (Weinhold s. 292. Schröder s. 1099 a. DWB IV, 2,
2304), üt, nUt, sü (Weinhold s. 299. Schröder s. 1129; in
Schröders Peter von Staufenberg lies auch 199 und 1119 sü;
nur für 570 hat Schröder ZfdA 38, 110 gebessert; freilich
herrscht in den handschriften [Strassburger Studien III 300, 304]
und Urkunden hierin keine volle konsequenz, aber für einen
Wechsel hätte der herausgeber wieder gar keine norm), die
gesamten sonstigen allgemeinen flexionserscheinungen, ausdrucks-
weise und sprachgut, aus dem beispielsweise hervorgehoben
werden mögen minne(: dinne 700) für mutter (DWB VI 2241.
Zanicke im Miid WB 11 1, 182a. Konrad von Dangkrotzlieini,
Namenbuch 139, 324), malotz 736 (Mhd WB II 1, 28b.
Scliiöder, glossar s. 1113 a. Strassburger studieu III 54.
Schmidt, Wörterbuch s. 721). Heyne im DWB VI 1514), e
549, 725 (Weinhold s. 313) und das mit seiner Sippe auf Strass-
burg und dessen nähere Umgebung beschränkte grit28. (Martin,
Strassburger Studien I 381 tf. Flohr in den Studien III 130.
Schmidt, Würterbuch s. 44 b, Schröder, glossar s. 1104 b),
För Strassbuig: als heiinat des gedichtes zeugt zweitens
die auch äusserlich beglaubigte herknnft der haudschrift A und
der vorläge von C. Die hs Ä, eine sammelhaudscfarift, Aug. 16,
17, 4", stammt aus Strassburg, Hinter blatt 98 findet sich eine
lilcke, während die blaitzählung von 98 auf 102 überspringt;
bl. 98 ist mit einem folgenden zusammengeklebt, auf dem notizen
und federprobeu stehen. Man list, wenn man die verklebten
blattev gegen das licht hält, noch unter anderem von etwas
jüngerer band folgendes:
0yss buoch Ist junckfrow Salniggin (?) * (?)
Wetziarin von Strossburg.
Bestätigt wird diese herkunft durch den gleichmässig strass-
burgischen dialekt und den Inhalt der hs. Bl. 1 bis 44a enthält
nämlich das ende und das register der chronik Jakob Twingers
von Königehofen, und bl. 83 ein reimgebet an den h. Christof,
der auch in Strassburg Verehrung genoss. Vgl, Pickel zu Eonrad
von Dangkiotzheim v. 222.
Auch tiengenbachs vorläge hat die meisten der oben ange-
führten eigen tum lichkeiten treu bewahrt und deutet damit nach
Strassburg. Goedeke Gengenbach s. 637, 13 setzte sie nach
äengeubach. Abtei und Stadt Gengenbach gehörten seit 1340
zum Strassburger bistum. (Guedeke, Gengenbach s. X. t'losener
38, 25. 93, 14.) Bischof Lambert, der von 1371 bis 1374 re-
gierte, war abt von Gengenbach. Städtechroniken 9, 1059.
Auch die Ortenau rauss als elsässisch gelten. (Weinhold, AI. gr,
§§ 3, 5. Schröder, Bitterniferen s. LI.)
Selbst die prosalegende, die Pfeiffer in seinem altdeutschen
Übungsbuche abdrucken liess, stammt aus Strassburg. Das be-
zeugt ihre mundart. Germania 3, 408 ff.
Sudann weist der uanie des dichters nach Strassburg.
J
17
Kistener ist dort die alte bezeichnung des tisclilers oder Schrei-
ners, anderswo kästner, käst enm acher, kistler, kister, kisteumacher
u. s. w. genannt, dessen band werk 1332 in Strassburg zünftig
ward. Closener erzählt 124, 18: Man mäht ouch vil lutes
zu nüwen antwerken, die vormols kunstofeln worent,
alse schüfelute, kornkeufer, seiler, wagener, kisti-
nere. Die letzeren beiden bildeten eine zunft. Hegel z. d. st.
anra. 3. Hildebrand im D W B V, 859 f. Lexer, Mhd. Hand-
wörterbuch s. V. u. nachtr. Strassburger Urkundenbuch V, register
s. 1112 und besonders nr. 618 s. 502 f., wo unter dem 17. Jan.
1365 der amtierende und sieben alte ammeister einen streit
zwischen wagnern und kistnern einer- und hauszimmerleuten
andrerseits schlichten. Im St ÜB III 225, 13 erscheint ein
Wernher der kistener, hausbesitzer in der Kordewangasse,
2. März 1313. StUB III 287, 38 heisst derselbe mann Wern-
herus dictus Kistener; 21. Januar 1321.
Es fehlt auch nicht an beziehungen Strassburgs zum h. Ja-
cobus. Nach Karl Hoebers mitteilung gab es dort ausser der
s. Jakobskapelle in der ehemaligen Sporergasse (der heutigen
Spiessgasse, Städtechroniken 9, 889, 8. Weissandts Stadtplan
nach Specklins modell 137) noch eine zweite s. Jakobskapelle
an dem alten weinmarkt (Stadtplan 74/75), an deren stelle später
eine herberge trat. Bischof Heinrich I. von Hasenburg (1180
bis 1190) hat diese am 13. Dezember 1189 dem h. Jacobus ge-
weiht; ihr erbauer war Rudolf schultheiss von Strassburg.
Königshofen erwähnt diese herberge zweimal in seiner chronik
718, 11 und 739, 24. Die letzte stelle giebt von einer andern
pilgerherberge kenntnis, die dann auch nach dem weinmarkt
verlegt wurde. Königshofen erzählt 739, 18: „Do men zalte
1360 jor, do ving her Ottelin ein priestere zum munster
ane zu heischende gelt zu stüre zu einre eilenden her-
bergen, do men arme bilgerin inne gehielte, also
samelte er zu hant also vil geltz, das er eine eilende
herberge stifte uf sant Elsabetgasse (Stadtplan 27), und
wan es nu armen bilgerin nüt wol do gelegen was,
derumb zoch er die eilende herberge an den Win-
merket do sü ignote ist". Vgl. jedesmal Hegel z, d. st.
Volkskundige forschung würde an ort und stelle wohl ebenso,
Euling, Kistener. '^
18
wie iD Bayern /'Sepp, Altbayerischer sageoschatz s. 65? ff.>. noch
Zeugnisse fnr die bedeatnng finden, welche die jakobsfahrten
aach f&r das Elsass gehabt haben müssen. Die wallfahrten
nach Compr/stella worden, seitdem das h. land wieder verloren
war, immer hiLofiger. bis 1478 der papst Sixtos IT. das gelübde
einer wallfahrt nach Compostella sogar dem gelübde einer wall-
fahrt nach Rom oder Jerosalem gleichstellte und die dispens
dem päpstlichen stuhle vorbehielt. Wetzer and Weite. Kirchen-
lexikon a. d. w. Jakobns. Über die Pilgerfahrten zum h. Jakob
wird bei erörterong des Stoffes noch mehr die rede sein. Im
Elsass ist das interesse an den jakobsfahrten noch im XVI. jh.
sehr rege (Paoli, Schimpf und ernst 213;. and als die refor-
mation sich in bewnssten gegensatz za der praxis der wallfahrten
stellte, da war es wieder ein Elsässer, Jörg Wickram, der in
seinem Jrr reitend bilger', Strassbarg 1556, das neue lebens-
ideal dem alten in aosführlichem lehrgedicht entgegenhielt. Un-
gewiss bleibt es, ob Wickram auch sein versprechen aasgetnhit
hat, ein erzählendes gedieht ,yon getreaen knechten' zu ver-
fassen, die anf einer jakobsfahrt gestorben ^).
Für Strassbarg zeugt endlich die mehrfach wörtliche ab-
hängigkeit Kisteners von Strassbnrger litteratur, besonders ans
der ersten hälfte des XIV. Jahrhunderts, von Egenolfs Peter
von Staafenberg nnd dem Rappoltsteiner Parzifal. Dass diese
werke, ebenso wie unsere legende, die epigonendichtung des vor-
angegangenen jhs. zur notwendigen Voraussetzung haben, ver-
steht sich von selbst, nnd ist ja auch schon für den Peter von
Staufenberg zum teil von Jänicke und dann ausführlich von
Jäckel in seiner dissertation Egenolf von Staufenberg ein nach-
ahmer Konrads von Würzburg, Marburg 1898, nachgewiesen.
Davon mag also hier zunächst abgesehen werden. Auch in un-
serm falle, wo die abhängigkeit von Egenolfs Peter von Staufen-
berg wahrscheinlich gemacht werden soll, ist natürlich die ver-
raittelung durch gemeinschaftliche Vorbilder und Zwischenglieder
von vornherein nicht ausgeschlossen. Wer aber solche etwa für
Egenolf und Kistener gemeinsame Vorbilder annimmt, hat sie
*) Auch von einem zweiten Jakobsbiich Gengenbachs, das Goedeke s. XIV
ans einem liolzschnitte erscbliessen wollte, haben sich keine spuren gefunden.
19
nachzuweisen, wenn er seiner annähme einige Wahrscheinlichkeit
verleihen will. Dass Kistener Eonrad von Würzburg, den in
Strassburg beliebtesten epigonendichter, kannte, wird sich später
zeigen; die gemeinsame abhängigkeit Egenolfs und Kisteners
von Konrad reicht aber bei weitem nicht aus, um alle jene Über-
einstimmungen zu erklären. Dazu kommt ferner, dass der
dichter des XIY . Jahrhunderts sich geradezu einer ,unendlichkeit'
fest ausgeprägter formen gegenüber befindet, wodurch die er-
kenntnis der individuellen leistnng bedeutend erschwert wird.
Die technischen errun genschaften der dichtung sind eben schon
bis zu einem gewissen grade gemeingut der poeten geworden.
Gewöhnliche volkstümliche ausdrücke der elsässischen mundart,
in denen natürlich grosse Übereinstimmung, besonders zwischen
den Rappoltsteiner dichtem und Kistener herrscht, kommen hier
nicht in frage, ausser wenn sie eine spezielle färbung erhalten
haben. So möge nun eine reihe von entsprechungen folgen, die
keineswegs alle einzeln beweiskräftig sind, in ihrer gesamtheit
und im verein mit den in den anmerkungen angezogenen remi-
niscenzen und übereinstimmenden Stileigenheiten (besonders bei
so wenig umfangreichen werken wie Peter von Staufenberg und
Kisteners Jakobsbrüdem) den zufall ausschliessen und beweisen,
dass Kistener von der poetischen litteratur des Elsass aus dem
XIV. jh. abhängig ist. In den anmerkungen sind die stellen
meist ausgeschrieben.
Peter von Staufenberg 13 oo Kistener 97 ; 415 (>o 248; 310
00288; 326; 339 = buchstäblich 414; 439 f. oo 447 f.; 4B7cv> 741;
888cv)513; 860 f. cv) 808 f.; 199(>ol008; 1110(>ol231a. Vergleiche
ferner die anklänge 273 f. cv) 483 f.; 317f.ooi53f.; 678d — 868cv>
108; 695cv)964; 717dcv)290; 751 f.cv>498f.; 1041 oo 375;
1106 cv^ 1154; 1127 cv^ 454; 1133 f. cv) 1021 f.; 1135 cv^ 780;
1144 cv^ 329.
Parzifal 283, 8 oo Kistener 205; 243, 10oo228 (vgl. 657, 35.
632, 20. 48, 17. In dieser Verbindung ist ungevuog sonst un-
belegt); 651, 42cv)259 (im Diocletian vers 22 und 7614 kehrt
dann die Verbindung wieder); 663, 20oo357 (vgl. Boner 48, 100.
59, 53); 775, 21oo454; 107, 46oo479 (vgl. 17, 19 im hintergrunde
steht Eugelliard 1762, 5695, 6355. Rudolf von Ems bei Krüger,
20
Stilistische antersnchmigen über Rudolf von Ems als nachahmer
Gottfrieds von Strassburg s. 15. Vgl. später Diocletian 4121,
7411). 676, 6<>o610; 785, 26cv:995; 507, 26 ck^ 1054 (vgl.
Engelhard 3410); 667, 14 oo 1067. Vielfache moDdartliche an-
klänge an den Rappoltsteiner Parzifal geben die anmerkangen.
Man sieht, wie Kistener nicht zu seinem schaden sich in stil
und technik enger an Egenolfs Peter von Stanfenberg als an
die Rappoltsteiner reimschmiede Wisse and Colin anschliesst.
Dass ein älterer Strassbnrger dichter von einigem künst-
lerischen geschmack Gottfrieds Tristan kennt, ist eigentlich
selbstverständlich. Kistener hat ihn mehrfach benatzt und sich an
ihm gebildet. Bnchstäblich sind dem Tristan vers 30 (= Tristan
9839; vgl. 12912) and vers 358 (= Tristan 14494; vgl. 9836,
12766, 13216) entnommen. Denselben vers entlehnte aach
Rndolf von Ems im gaten Gerhard v. 906, 3821 (vgl. 6780)
seinem vorbilde. Kisteners vers 61 entstammt der Tristanfort-
Setzung Ulrichs von Türheim, vers 22, = Heinrichs von Freiberg
Tristan vers 84, die sich wieder an Gottfried 11483 anlehnen.
Vgl. Wisse, Parz. Schorbach s. XLIX: ,So ich beste kundeS
aber auch Erec 1603.
Im übrigen entsprechen sich aus Gottfrieds Tristan und
Kisteners gedieht mehr oder weniger:
Kistener 96 cv) Tristan 9362 ; 153 f . cv) 1 8 227 f . ; 1 74 cv) 351 9 ;
230 f. cv) 1975 f.; 310cv)3183; 312cv^3132; 512cv>9467; 677 cv)
5125; 689 f. CV) 4181 f.; 951cv>l744; 964cv>2028; 1017cv^l283;
1087 CV) 9350, 11695; 1 103 cv> 9409.
Zahlreiche anklänge geben die anmerkungen. In der reim-
häuf ung und in der Verwendung der anapher schwebte dem
epigonen wohl neben Konrad von Würzburg (Jäckel, Egenolf
von Staufenberg s. 30) der ältere meister vor. Kisteners leb-
hafte art der erzählung mit ,wol dan, wol her, balde' u. s. f.
war bei Gottfried vorgebildet. Vgl. Tristan 2910, 16015 ,wol
baldeS 2987 ,nu wol her balde*, 3077 ,wol hinS 5449 ,üz!' 7654
,wol hinS 9319 ,wol üf.
Auch mit entschiedenen nachahmern Gottfrieds, wie Rudolf
von Ems (Krüger, Stilistische untersuclmngen über Rudolf von
Ems als nachahmer Gottfrieds von Strassburg. Lübeck 1896)
21
trifft Kunz Kistener zusammen. Bekanntschaft mit Rudolf machen
folgende entsprechungen wahrscheinlich:
Rudolf von Ems. Guter Gerhard Iff., 6844 ff. cv> Kistener
19f.; 6876 (N^ 1217 f.; 171cv)l08; 906, 3821, 4911cv>358 (ge-
meinsame quelle ist in letzter linie die feine höfische ausdrucks-
weise, wie sie im Tristan erscheint; s. oben); 2855f.cv>593;
4896cv:>659; 6438 = 863 (Tristan 1117); 644Bf., 4465f., 1973f.
cv:>715f.; 4466 = 715, 6463 ff. cv^ 661 f.; 6607 f. <n5 1203 f.
In Strassburg war es auch mehr als (ausser in Basel)
irgendwo anders, einem dichter möglich, sich solche kenntnisse
der werke Konrads von Wtirzburg anzueignen, wie sie Kistener
besass. Allerdings übertrifft ihn darin noch Egenolf, der Ver-
fasser des Peter von Staufenberg (Schröder s. L, Jäckel s. 4);
aber auch Kistener verdankt Konrad viel. Sein Engelhard war
nicht nur formell, sondern auch inhaltlich Kisteners Vorbild.
Buchstäblich entlehnt ist dem Engelhard (2345) Kistenei*s vers
1041, anklänge sind zahlreich. Prolog und epilog Kisteners
haben mit denen Konrads manche berührungspunkte. Wie Konrad
von Wtirzburg dichten will ,von höher triuwe* ,daz ich von
hoher triuwe sage*, so erklärt Kistener: ,von groszer trttwe
ich sagen wiP (v. 2) und ,von getrüwen lüten wil ich sagen'
(v. 58). Treue und Wahrheit verbindet Kistener wie Konrad,
dieser in der form : ,triuwe und innecliche wärheit* (v. 6472 und
115, wozu Haupt zu vergleichen), jener in den werten »trtiwe
warheit' (v. 35); vgl. Boner 73, 6. ,milte* und ,trüwe* stellt
Egenolf 5, 23 wie Kistener 1177, ,milte, triuwe, diemtiete* Gott-
fried Tr. 5048 ganz wie Kistener zusammen. Die wamuug vor
der untreue führt Kistener mit deutlichem anklang an die worte
Konrads ,daz niemen triuwe braBche an in* (v. 114) ein, wenn
er V. 37 fortfährt ,Swer aber trftwe briht an in'. Beide machen
den gegensatz von treuen und untreuen, Engelh. 188 ff. (vgl.
Trojanerkr. 49655 ff. der fortsetzung), Kistener 59, 1189 f. Der
übliche ausdruck der bescheidenheit (Engelh. 140 ff., Kistener
13 ff., 1217 f., Wackerneil zu Montfort 2, 144, wo Rudolf von
Ems vergessen ist) und der typische schluss (Engelh. 6491 ,wan
ez nu gar ein ende hat*, Kistener 1219 ,schier hat die rede ein
ende* =» Herzemare 533, Stauf. 1165 h., Jäckel s. 94, 72) sind ein-
22
ander verwandt. Vgl. noch Konrads Engelhard 39cv)Kistener 55.
Über die technik des dichters sprechen beide ganz ähnlich:
E. 213 ooK. 1208. Vgl. Haupt z. d. st. und Barlaam 5, 16. Viele
zflge und Situationen sind Konrad nachgebildet: Kistener 309 ff. c^
Engelhard 326 ff.; 394 ff. ~ 614 ff,; 401 ff. ~ 616 ff; blOfl.co
1422 ff.; 675 ff. <N5 1432 ff; 733ff.cv:>5144ff ; 761 ff <n5 5443 ff.;
799 ff. <N5 4230 ff; 877ff.(N^5840ff ; 934 ff <n5 6250 ff ; 975ff.cvD
6300 ff.; 1145 ff. <N5 6386 ff.
Einige stellen Kisteners weisen auf bekanntschaft mit
Konrads Silvester hin : so Jakobsbrüder 111 f. (>o Silv. 585 f. ; 916
ist mit ausnähme des pronomens buchstäblich dem v. 2389 des
Silvester gleich, 1110 cv^ Silv. 2367; 1228 cv> 1333.
Mehr ist der Partonopier benutzt. Fast buchstäblich ist:
Part. 4456 = Kist. 123; 12495 = 144; 6015 = 876; 11122 = 370.
Dem Part. 17675 ist nachgebildet Kist, 1179 f. Anklänge
sind nicht selten: Part, 191 cv:> Kist. 16; 4378cv>77; 6634 oo
326; 737800328; 9137 oo 361; 13187 f. cv) 666; 12161 oo889;
9682 (>o 940; 1561 cv) 1041; 9866 (10031) cv) 1150.
Von einer bekanntschaft mit andern werken Konrads sind
nur undeutlichere spuren vorhanden, insofern man nach ent-
lehnungen und nachbildungen im einzelnen, als den stärksten be-
weismitteln sucht. Aber das sind eigentlich auch nur grobe züge
von ähnlichkeit, die sich allerdings am einfachsten herausheben
lassen, um Verwandtschaft festzustellen. Fast noch wichtiger
ist die abhängigkeit in der feineren untermalung, der beim
dichter die allgemeine Stilisierung entspricht; denn diese ist
weniger vom zufall abhängig, als die möglichkeit einer Über-
einstimmung bei einem dutzend zusammengelesener verse.
Darauf lässt sich hier auch die probe machen. In Kisteners
gedichte finden sich unter anderen buchstäblich zwei Erecverse :
Kistener 414 -= Erec 3908. K. 964 = E. 3414: und doch sind wir
deswegen nicht berechtigt, auf eine unmittelbare bekanntschaft
mit Hartmann zu schliessen; denn Kisteners stil ist nicht der
Hartmanns, sondern der Konrads, und die entsprecliung in jenen
beiden fast formelhaften Wendungen ist als mehr oder weniger
zufällig zu betrachten. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass
auch Kistener z. b. die fast typisch gewordenen eingänge Hart-
nianus gekannt hat; vgl. zu 17.
23
Um Kisteners stil als im allgemeinen Konradisch nachzu-
weisen, bedarf es einer heute noch ausstehenden zusammen-
hängenden darstellung der stilistischen kunst Eonrads nicht.
Seine kunst auf ihre formel zurückzuführen, mag berufeneren
überlassen bleiben. Für unsere zwecke genügt es, die Überein-
stimmung mit den bis jetzt beobachteten Stilgesetzen Eonrads
und manche andern einzelheiten hervorzuheben.
Mit Eonrad teilt Eistener die fülle an synonymen (Joseph
QF54, 28f.; Wolflf, Halbe bir s. XXXI f.; Elitscher, Die fort-
Setzung zu Eonrads von Würzburg Trojanerkrieg und ihr Ver-
hältnis zum original s. 42; Jäckel s. 7f.). haz unde nit 27.
heil und selde 40. tiüwe und ernest 47. ze eren und zc lobe
63. lihen unde geben 109. liep und zart 259, 445. lasz ich
wissen dich — ich wil dir sagen 292 f. liep unde wert 318,
813. liep unde mer 606. trost unde muot 419. über brück
und über steg 556. unbetwungelichen ane not 632. wolte
unde hiesz 654. ein gedultigen vesten muot 783. reine und
gesunt 904. hie bliben und bi uns sin 1062. luogent und be-
sehent 1140.
Eistener schwelgt wie Eonrad in den ausdrücken des affektes
(Q.F. 54, 28, 29. Wolff s. XXXII): sin leit, sin jamer 932. so
jamerlich 936. wie we daz minem herzen tuot 937. so gininde-
lose klage 940. er brach, er want sich jamerlich 951. mit
groszer widerwertikeit und mit jamerhaftem muot 968. jamer
unde not 972. von schreck er viel in unmaht 975. so leide
mer 992. daz sin herze mitten brach 995. von jamer allez
daz geschach 996. so wil ich iemer haben pin 998. der junge
grave hette leit 1010. beswert von gründe was sin muot 1013.
sine swer 1024. Er führt, wenn auch seltener als Eonrad
(QF54, 29; Wolff s. XXXIII f. ; Jäckel s. 9; vergleiche unten)
die Personen unter wechselnden bezeichnungen ein. Der grafen-
sohn heisst 342 der suon, 372 der jungeling, 378 der zarte
Jüngling miuneclicb, 403 des herren suon uz Peigern, 508 bruoder,
1010 der junge grave, 1034 der grave. Auch Eonrads neigung
für gepaarte ausdrücke (QF 54, 29 f. Wolff s. XXXV. Elitscher
s. 38 ff. Jäckel s. 10 ff.) findet bei Eistener nachabmung: ritt
ald gat 50. unküscheit und iren grit 28. werlich unde vri 78.
reit oder gieng 268. lip unde leben 304. vuor unde ging 372.
24
getrüwe unde guot 381. giengent unde ritten 411, 557. zuht
und ere 542. rittent und liefent 587. juncher unde pilgerin
689. truog und vtierte 631. ere und tugent 658. kerte und
gieng 788. schimpf unde spot 1155.
Der parallelismus der gedanken, der für Konrad so be-
zeichnend ist (QF 54, 30. Wolff s. XXXV ff. Jäckel s. 15),
lässt sich nicht minder bei Kistener beobachten: Swer guoten
werken volget noch und sich zuo den besten zoch, der mag hie
selig alten und dort sin sele behalten. Swer die boesen vliehet
und sich zuo den besten ziehet, daz vromet vor manger not
51 ff. Ähnlich 335 ff,, 347 ff., 411 ff
Breite der darstellung ist auch in vielen dingen Kisteners
eigenschaft (QF 54, 31 ff. Wolff s. XXXVIIff Jäckel s. 16 ff.)
Er scheut keine Wiederholungen : 2.5; 71.1176; 9.1195.1205
17.63; 10.16; 14.1217; 44.49; 186.192; 202f., 209f..233f.
244 f.; 262. 270. 292 f.; 300.302; 332.335; 385 f.; 441.446
449; 465.469; 459.475; 506. 508 f.; 552.555; 588.590; 735 f.
746 f.; 848.859; 896.1127; 772 f. .889 f. . 932 . 940 . 996 . 1010
1013.1081; 982.1091: gebraucht behäbige phrasen : 10,60,69,72,
159ff., 213 ff., 248 ff, 258, 264f., 933, 1165, 1189, 1195, 1203ff.,
1214 ff.: wendet sicli mit einer apostrophe an die zuliörer und
leser (Wolff zur Birne 84): 2, 5, 15, 71, 1023, 1176, 1183,
1190, 1192, 1197 f., 12031, 1229: sucht durch versichernde
bemerkungen glauben zu erwecken ^) und macht ungescheut
seine Persönlichkeit geltend: 43, 253 ff., 941 f., 1164 ff. (Klitscher
s. 62f.).
Die Konradische breite im einzelnen ausdruck zeigt sich
beim epitlieton, es ist bisweilen recht allgemeiner art und formel-
haft. Jedes der von Kistener gebrauchten beiwörter gehört auch
Konrad: grosz 3, 980, 203, 376, 793. triiwe 35, 116, 381.
erlich 73, 223. lobesam 82. wolgetan 84. stete 111. schcbne
132, 182, 473, 569, 771. edel 143. zart 143, 378. liep 151.
heilig 184, 1032. minneclich 378, 869. guot 38L 686, 914,
1163. wolgemuot 685. tugeutlich 768. kalt 911. grundelos
*) Man hat in jenen versicherunjjen wohl den zunehmenden einlluss der
Volksdichtung wahrzunehmen, nicht das hestreben, ^dcn eindruck des gewissen-
haften historikers zu machen" (Jäckel s. 22).
26
940, Egenolfs ähnliches Verhältnis zu Konrad hat Jäckel s, 38 fi\
nachgewiesen.
Metaphern und vergleiche (QF 54, 42 f. Wolff s. XLIflf.
Klitscher s, 53f. Jäckel s. 27f.) sind bei Kistener nicht ge-
rade häufig, da seine fantasie nicht reich, aber doch gestaltungs-
kräftig war. Von der allgemeinen bildlichkeit der älteren
spräche kann aber billig abgesehen werden. Hier mögen
verzeichnet werden: 150 den lieben gast. 206 als ein rose wart
sti var, die von roete ist enzunt. 361 sin herze wart im grosz.
379 eilende im under ougen sluog. 644 reht als er ein heiige
wer. 938 min eigen bluot. 1064 die rede was ime ein troum.
1087 als ein tote wart er var. 1098 an schänden blint. 1226
die weit git werlich boesen lan.
Endlich gilt auch bei Kistener noch das von Joseph QF 54,
43 ff. verfolgte Stilgesetz Konrads inbetreff des syntaktischen
parallelismus (Jäckel s. 30 ff.). Das prinzip der kongruenz
ist regelmässig gewahrt 535, 556, 610, 615, 653 f., 749, 925,
932, 951, 966 f., 1015. Daraus ergiebt sich fftr Kisteners vers
496 die Verbesserung ,und vür' (C) statt ,ouch* (QF 54, 61 f.)
und für 1061 ,vrowe unde' statt ,vrowe und die* (Kistener 851,
1157). Leichte fälle einer ausnähme sind 569, 658 und 1221,
immer an erster stelle im verse. Konrad selbst hat schwerere
fälle. Joseph s. 52 ff. Der grundsatz der Steigerung wird 808 f.
(Stauf. 268 f.; Jäckel s. 32), 914, 1014, 1042 f., 1228 befolgt.
Über Kisteners abhängigkeit von Konrad in andern dingen
siehe die anmerkungen zu 649, 940, 1217.
Den Zusammenhang mit der elsässischen litteratur befestigt
die Wahrnehmung, dass Hans von Bühel den Kistener nachahmt.
Kistener 86 cv:)Diocletian 3362, 131cv:>15 (Königstochter 1561 =
5522); 288cv:)8472 (vgl. 8333, 8211); 414cv:>3340; 544cv:>9045;
555c>o8193; 816cv:)1796 (Königstochter 2043 f.) ; 816cv)1749
(vgl. 3342, 4127, 4611, 4965).
Noch stärker ist Hans von Bühel in seinem erstlingswerke
von unserm dichter abhängig. Nicht nur zahlreiche Situationen
und einzelne züge der Jakobsbrüder schweben dem Verfasser
der Königstochter vor, sondern oft sind es auch dieselben oder
fast dieselben worte, in die er sie kleidet. Allerdings sind buch-
26
stäbliche entsprecliungen schwerer nachzuweisen; schon die Über-
lieferung der Königstochter macht das beinahe unmöglich. Der
Grüningersche druck wollte das ältere gedieht eben seiner zeit
geniessbar bieten, ohne sich um die echtheit der Überlieferung
zu kümmern (Germania 36, 247). Für die herstellung der ge-
dieh te des Bühelers, die aber nicht eine Umschreibung in das
ältere mittelhochdeutsch werden darf, gewinnt Eisteners gedieht
Wichtigkeit. Hier möge nur auf folgende stellen hingewiesen,
anderes den anmerkungen überlassen werden. Königstochter
686 cxD Kistener 151; 785cxd732; 803 cxd 1107; 1027 cxd 60;
1305 f. cxD 747 f.; 1307 cxd 434; 1403 cx^ 192; 1411 ex:) 919 (als
stilistischem vorbild, während der inhalt des ausdrucks sehr
abweicht); 1417, 4571f. cxd 780; 1666, 3267 cx^ 857; 1713,
3220f.cxDl83; 1806cxd892; 2404cx^l081; 2861cx^ll33; 3071 cx^
258; 3076f., 1865f.cx:)783f.; 3155cx:)3l0; 3212cx^l81; 3496cx^
453; 4353 cx^ 375 (zugrunde liegt Boner 12, 5); 4580, 6052 cx^ 954;
4707CVD388; 4831 ff. cvd 1218; 6007cx^711; 6337cx^329; 6364cx^
392; 6451 f. cxD 389 f.; 6496cx:)357; 6519cxD343f.; 6524cx^314;
316, 6767 ff. cx^ 96 f.
Auch Kisteners manier, das gedieht durch egoistische wünsche
zu unterbrechen, ahmt Hans von Bühel nach (K. 4245) und über-
bietet ihn in seinen fehlem. Absichtlich sind oben auch einige
mehr oder weniger formelhafte Wendungen berücksichtigt; denn
so sehr man auch mit recht von der volksmässigkeit solcher
kunstmittel reden kann, ist doch festzuhalten, dass der einzelne
dichter, besonders der anfänger bei seinem bewussten buch-
mässigen schaffen immer auch zunächst der einwirkung be-
stimmter Vorbilder nachgibt und alle ausgebildete volksdiclitung
auf kunstdichtung zurückzuführen ist. Es ist unrichtig, Hans
von Bühel als ganz ohne Zusammenhang mit der älteren dichtung
hinzustellen, und der hauptfehler der sonst verdienstlichen arbeit
Seeligs besteht darin, dass er Hans von Bühel als ganz isolierte
erscheinung betraclitet und den litteraturgescliiclitlichen Zu-
sammenhang nicht gefunden hat, aus dem stil und kuustübung
des epigonen ihre eigentliche erkläruiig finden '). Wie Hans von
*) Erhebliche ergänzuugcn zu Seeligs inouographie liefert Behaghel,
üenuauia 36, 241 ff.; insbesondere macht er wahrscheinlich, dass Hans von
27
Bfihels litterar-historischer Charakter ganz in der elsässischen
litteratur wurzelt, sein Verhältnis zu Eonrad von Würzburg und
zum R. Parzifal, das nachzuweisen kann hier nicht verlangt
werden; fttr diese Untersuchung kam es darauf an, festzustellen,
dass Eunz Eistener der elsässischen litteratur des XIV. jhs.,
insbesondere der Strassburgs angehört.
Zeit.
Wenn es als gesichert gelten kann, dass Eistener Egeuolf
und die Rappoltsteiner Parzifaldichter kannte, so muss die ent-
stehungszeit seiner dichtung der mitte des XIV. Jahrhunderts
nahe rücken, ein schluss, der durch den sprachstand unseres
denkmals in jeder beziehung seine bestätigung erhält.
Schon wegen seiner kenntnis Eonrads von Wttrzburg würde
man gut thun, in der ansetzung nicht allzuweit hinabzugehen.
Als eine wirkliche ausschliessliche stilcopie Eonrads kann übrigens
Eisteners werk doch wohl nicht mehr gelten; starken einwir-
kungen Eonrads hat sich sogar gegen schluss des Jahrhunderts
Heinrich Eaufringers technik nicht entziehen können. Zu dieser
ansetzung, die auf die mitte des Jahrhunderts leitet, stimmt auch
die Wahrnehmung, dass Eistener mit dem wahrscheinlich rasch
populär werdenden Edelstein Boners bekannt zu sein scheint,
der erst gegen 1349 abgeschlossen wurde. Ich gebe folgende
stellen der erwägung anheim: Boner 12, 5 buchstäblich = Eistener
375; 20, 330x^177, 585; 48, 141cv)415; 73, 9cvd1067; 77,
14O0 565; vgl. ferner die anklänge und reminiscenzen : Boner
prol. 40 cx:> Eistener 16; epilog 41ff.cxDE. 20; 72, 58cxd145:
94, 87 f. ex:) 1228.
Als terminus ad quem ergäbe sich aus der berücksichtigung
der Zeitverhältnisse und der Voraussetzungen des gedichtes spä-
testens das jähr 1365. Seit der englischen invasion nämlich, die
unter dem hauptniann Arnauld von Servole, dem sogenannten
erzpriester von Verney, und Enguerrand von Coucy stattfand
und die das Elsass und die Schweiz furchtbar verwüstete,
Bühel aus einem badischen geschlechte stammt, vergisst aber hervorzuheben,
dass auch die jetzt badische Orteuau elsässisch war. S. oben s. 16.
28
massen die Pilgerfahrten fast ganz aufgehört haben. Lorenz
und Scherer, Geschichte des Elsass I 99 ff. Die bennrnhignng
des Elsasses dnrch die Engländer beginnt schon 1360: St ÜB V,
435, Iff. Etwa nm dieselbe zeit wird in Spanien den wall-
fahrten nach Compostella znnächst ein ende gemacht. 1366 be-
mächtigt sich Don Pedro der Gransame des erzbistnms von
Santiago, worauf alle kirchen mit dem interdiet belegt werden.
Gams, Eirchengeschichte von Spanien III l. 388. Das gedieht
aber setzt die Pilgerfahrten y. 23 ff., 44 ff. und im epilog voraus.
Kunz Kistener.
Was nun den dichter betrifft, so sei. allerdings mit der
entsprechenden reserve, auf eine zweimal urkundlich in Strass-
bürg um die mitte des Jahrhunderts und etwas später bezeugte
Persönlichkeit seines namens hingewiesen.
In einer Urkunde vom 30. April 1355 (StüB V 295, «r. 336 »,
in welcher die geschworenen des weinrufer- und weinmesser-
handwerks bestimmungen für die angehörigeu ihrer zunft er-
lassen, wird zeile 36 Cfintze Kistener unter den meistern und
geschworenen des handwerks der winrSffere und winmesser auf-
geführt. Wahrscheinlich derselbe mann verdankt es im jähre
1372, also offenbar in höherem alter, seinem ungeratenen söhne
Andres, dass er bl. 35a im ,Heimlich buch' des Strassburger
Stadtrates, der in jenem buche besondere straf erkennt uisse zur
künftigen nachachtung aufzeichnen liess, erscheint. Es heisst
da bei Hegel, Städtechroniken 9, 1022, 25: ,Item Andres,
Cunzen Kisteners sun des winruffers, und ein knabe,
heisset Michel, waz ein pfalczgrave, den ire oren
wurdent abgesnitten, hant dise stat und eine mile
drumbe naht und tag iemerme eweklich versworn, und
wo man sie darüber in der mile weges ergriffet, so sol
mau sie ertrencken, umbe daz sie Louwen Mosunge bi
naht und bi nebel in sin hus stigent und sine mentel
und sine rücke verstulent'. Über das ti-eiben der jeunesse
doree jener zeit vergleiche Schnioller QF XI 20, dessen rede
eine vorzügliche Charakteristik des Strassburger bürgertums im
XIV. jalirhundert gibt. Die winrüffer mögen früher diener des
29
rates gewesen sein, waren später um die mitte des XIV. Jahr-
hunderts allmählich von den gewöhnlichen winlttten kaum mehr
zu trennen (StUBV209, 15) und im XV. Jahrhundert bedeutet
winrüffer nach ausweis der glossen in dem vocabular des Niger
Abbas (Metzer hs. 293. Strassburger Studien 3, 31) nichts mehr
als Schenkwirt, caupo. Über die befugnisse, rechte und pflichten
der winrüffer (Edward Schröder zu Ingold 47, 24) geben Schröder
im glossar der Städtechroniken 1132 b, Heyne im DWB VIII,
1407, und für Strassburg besonders ausser der vorhin erwähnten
Urkunde vom 30. April 1355 zahlreiche stellen des ürkunden-
buches (I register s. 584 u. d. w. wein., IV, 2 register s. 307 f.
u. d. w. weinrufer u. s. w. V register s. 1112) auskunft.
Der Vollständigkeit wegen füge ich hinzu, dass ein Dietrich
Kystener (St ÜB V s. 7, z. 6) in dem Protokolle des zeugenverhörs
betreffend das geschelle vom 20. Mai 1332 vorkommt. Die stelle
lautet: Dietrich Kystener hat geseit, daz er sehe dez
Malerssune einen mit einem swerte in der scheiden.
Vielleicht haben wir in Dietrich, Kunz und Andres Kistener
drei generationeu derselben familie vor uns. Häufig nämlich
scheint der name Kistener als eigenname auch in Strassburg
damals nicht gewesen zu sein; er kommt eben ausser an
jenen 3 stellen sonst meines Wissens nicht vor, was die Wahr-
scheinlichkeit, dass jener Kunz unser dichter gewesen sein könne,
nicht mindert, sondern steigert. Wenn der dichter thatsächlich
weinrufer war, so empfing er ohne zweifei auch äussere an-
regung zu seinem den h. Jakob verherrlichenden gedichte durch
den umstand, dass am hauptplatze seiner Wirksamkeit, am alten
Weinmarkte, wie oben erwähnt, eine Jakobuskapelle, später
zwei pilgerherbergen sich befanden. Er hätte sein gedieht dann
wohl in jüngeren jähren verfasst. Im übrigen würden Charakter
und zuschnitt unseres gedichtes vortrefflich in einen solchen
lebenskreis hineinpassen. Mehr als wahrscheinlich lässt sich
aber diese annähme eben nicht machen.
30
m
Überlieferung und Herstellung.
Haben die bisherigen erörterungen ihr ziel nicht völlig ver-
fehlt, so ergibt sich für den bearbeiter des gedichtes die auf-
gäbe, es als ein Sprachdenkmal der Strassburger litteratur aus
der mitte des XIV. Jahrhunderts herzustellen. Bevor wir dar-
legen, wie das versucht ist, muss erörtert werden, welche mittel
die fiberlieferung uns hierzu an die band gibt.
Über dem gedichte hat ein unstern gewaltet. Wir besitzen
es in einer recht schlechten handschrift und in einer Über-
arbeitung Pamphilus Gengenbachs; dazu kommen 93 auf zwei
zusammenhängenden papierblättern erhaltene zeilen, die Frank-
furter bruchstttcke. Gengenbachs Überarbeitung allein würde
uns nicht in den stand setzen, die herstellung mit einiger
Sicherheit zu unternehmen, wie das einem ganz anders be-
schaffenen drucke gegenüber Haupt beim Engelhard mit so
glänzendem erfolg thun konnte. Auch beim Peter von Staufen-
berg ist die Überlieferung der drucke d* und d" nicht so
systematisch geändert, wie das bei Gengenbachs druck, trotz
Goedekes teilweise entgegengesetztem urteil („er hatte auch kaum
etwas anderes anzurühren als die spräche" s. 637), leider zu oft
festzustellen war. Obgleich die handschrift A nur eine recht
schlechte Überlieferung darstellt, ist sie dennoch für die her-
stellung verhältnismässig am wichtigsten. Da über diese hand-
schrift mehr falsche als richtige angaben in uralauf sind und
das vortreffliche Verzeichnis der Wolfenbütteler handschriften,
das werk des hochverdienten Otto von Heinemann, bis zu der
hier in betracht kommenden abteilung noch nicht gediehen ist,
so berichte ich kurz darüber.
A, die quarths. Aug. 16, 17 ist eine sammelhandschrift, die
aus Strassburg stammt. S. o. s. 16. Ich unterscheide mindestens
5 bände. Die erste schrieb bl. 1—44* die von Hegel nicht be-
nutzten bruchstücke der chronik von Königshofen, bl. 45 — 48
eine prosa über die Schöpfung, bl. 48*— 50* den brief lierzogs
Friedrich von Osterreich an Sigisraund, datiert Constanz, 7. Mai
1416, bl. 50* — 60* eine öde reimerei ,Von dem Juden und von
31
dem cristen*: die zweite bl. 60* — 80 die legende von den Jakobs-
brüderu: die dritte bl. 80*— 81* ,Dis ist die Schönheit der
frowen*, ein kurzes gedieht, bl. 81 das gedieht von den sieben
färben, 190 verse, also noeh 22 verse kürzer als bei der Hätz-
lerin s. 168 (vgl. HMS 4, 95. QF 77, 89), bl. 83 ein in WKL
fehlendes lied auf den h. Christoph (,0 Christophore du heiliger
man*. Chronik des Johann Oldecop, 45, 30), bl. 83*— 84
das apostolische glaubensbekenntnis in deutscher prosa, bl. 84
bis 85 ein wieder bei WKL fehlendes mariengebet (,Maria
muoter und maget Du vil werde reine), bl. 85 — 87 ,Dis ist der
weite Ion', s. oben s. 1, bl. 87* — 89* eine reimerei über die be-
wegliehen feste, und bl. 90 — 94, 95 — 96 eine tafel zur bestimmung
der zeichen, in denen sich alle tage der mond befindet, be-
schreibung der 12 zeichen des tierkreises, gesundheits- und
kalenderregeln: von einer vierten hand illhrt die prosa ,Von
dem strite zuo Franckrich' bl. 97 — 98 her; über die dann fol-
gende lücke ist oben s. 16 schon gesprochen; der fünften hand
wären die küchenrezepte zuzuweisen, die bl. 102 — 118 die hand-
schrift beschliessen. Die Wasserzeichen des papiers scheinen
in der ganzen hs. dieselben zu sein. Auch der dialekt ist im
wesentlichen der gleiche. Die einzelnen teile der hs. sind nicht
alle zu gleicher zeit entstanden, wohl keiner früher als im an-
fange des XV. jhs.
Unsere legende beginnt, mit anderer tinte und in anderen
buchstabenformen geschrieben als das vorhergehende kampf-
gespräch, gleich auf dem noch leer gebliebenen teil des bl. 60*,
ohne Überschrift mit allen spuren der eilfertigkeit und naeh-
lässigkeit. Die rote tinte, mit der Verzierungsstriche ausgeführt
sind, hat der Schreiber nicht einmal trocknen, sondern oft gleich
auf der gegenüberstehenden seite abklatschen lassen. Kleine
unbedeutende federzeichnungen sind an einigen initialen an-
gebracht.
B. Inbetreff der Frankfurter fragmente, die hier mit B
bezeichnet sind, sei auf s. 10 f. und Wülcker verwiesen.
C. Für seine reproduktion des Gengenbachschen druckes (C)
benutzte Goedeke das Wolfenbüttler exemplar. Das Berliner
exemplar (Yg 6731, aus der bibliothek K. H. Gregors von Meuse-
bach entstammendj gibt genau denselben druck wieder. Fehler
32
Goedekes sind 17 ordentlich fiir ordenlicli. 172 gefatterein
für gefatterein, 178 schlol'ften für schloufften, 206
willens für willen, 270 letzti für letzi, 284 ruwen für
rftwen, 387 nemandt iTir nemendt, 505 begar für bgar,
564 lomparten für lamparten, 567 zu hinter jnen aus-
gelassen, 686 lüt für leüt, 857 den für dem, 878 kymmel
für hyramel.
A, B, (■ gehen in letzter linie allerdings auf eine gemein-
schaftliche quelle, einen bereits stark fehlerhaften archetypus
zurück. A und C gemeinsame fehler finden sich z. b. 302, 867,
1163; B und C gemeinsame 993, 944; A und B gemeinsame
905, 920. Aber jede einzelne form der übeilieferung hat wieder
so viel eigne fehler, dass dadurch eine nähere Verwandtschaft
mit einander ausgeschlossen wird und von einer grundsätzlichen
bewertung der einen dieser drei Versionen einer ^rweiten oder
dritten gegenüber kaum überall die rede sein kann. Dazu kommt,
dass bei der geringfügigkeit der erhaltenen fragmente ein urteil
über die mitteldeutsche Überlieferung B nur teilweise ermöglicht
wird. Wertvoll sind uns die Fiankfurter fragmente, weil sie
nicht nur, dem mitteldeutschen si)rachcharakter gemäss, die wort-
körper ohne erhebliche Verstümmelungen wiedergeben, sondern
weil sie vor allem vers 867 — 876 die lücke der Überlieferung
in A C ausfüllen. Ist hier B im vorteil p:egen A C, so teilt B
andrerseits wieder mit C die lücken vers 943, 944.
Gengenbach hat nicht nur die spräche, sondern auch den
ganzen bestand des gedichtes seinen zwecken entsprechend um-
gemodelt; das musste er, wenn er das ältere gedieht seinem
publikum mundgerecht machen wollte').
Den prolog 1 — 70 Hess er weg: wollte er doch nicht gleich
zu anfang sich als plagiator darstellen, wenn auch das XVI. jh.
über solche erneuerungen anders dachte als wir. Zudem über-
wog das rohe stoft'interesse bei seinen Zeitgenossen: die harmonie,
in der grundgedanken und stolf in den besseren leistungen der
alten erzählenden poesie standen, würdigte man nicht mehr. Im
^ Lehrreich ist ein vergleich, den in ähnlichem fall A. Bartsch, Germania
l£ anstellt. Ea handelt sich um die hand:>chrit'tlichon bruchstücke der
r WMxk dmckeu hekanntcu) Königstochter des lUihelcrs.
83
epilog ist Gengenbach dann wieder naiv genug, den namen
Eisteners zweimal stehen za lassen. Die sachlichen änderangen,
die er ferner vornahm, sind zum teil nicht ohne Interesse. Das
im XVLjh. unmögliche wort minne (501; vgl. jedesmal die in
den anmerkungen gegebenen lesarten zu dem betreffenden verse)
musste er vermeiden (Eaufringers gedichte s. II; Schmeller,
Bayerisches Wörterbuch I» 1619; QF 77, 25; im höheren stil
wie in der rechtssprache nahm man keinen anstoss. Zusatz zu
Eistener 1155). ,zuht und ere^, die im älteren gedieht 542 ge-
boten waren, wurden grobianisch zu essen und trinken, was
(541) zwei tage dauert. Das alte pflegeramt war wohl schon
überall in den bänden von juristischen beamten; deshalb änderte
Oengenbach jedesmal, wo es vorkam 569, 652, 655. Ritterliche
aben teuer fahrten waren dem Jahrhundert der reformation eine
sage ; so änderte der Baseler drucker 682 ff. Anderes ist oben
besprochen s. 5 ff., vgl. 164. Die lebhaften wechselreden des
höfischen epos, die ohne langweilige einführung einander folgten,
kennt 6. nicht mehr; regelmässig setzt er hinzu: ,Er sprach^
und dergleichen. Die meisten änderungen nahm er mit der
spräche vor. Fast jede alte, nicht mehr verstandene Wendung
wird zum anlass einer ändcrung oder eines schwalls von ver-
hüllenden werten wie 560, 1174 (trüwe : nüwe) oder 117, 379.
Wenn ihm die wiedergäbe Schwierigkeiten macht, lässt er stellen
aus wie 809, 810. Die Umschreibungen und zusätze dienen
meist der plattesten Verständlichkeit 348, 533, 795. Mit rohem
unsinn und gedankenlosigkeit nimmt er es dabei nicht eben
genau: 952, 993, 1055. Oft sprengte die prosaische Wortfolge
den vers. Ob der Überarbeiter selbst oder seine doch wohl
handschriftliche quelle vers 438 von dem reime ,min' zu dem
gleichen in vers 451 übersprang, lässt sich nicht entscheiden.
Neben einer gewissen eleganz der ausstattung verraten Gengen-
bachs drucke flüchtigkeit, eilfertigkeit und beschränktheit der
mittel. Goedeke s. XV. Aber trotz aller dieser fehler und trotz
aller Willkür, die den wert der bearbeitung Gengenbachs für
unsere zwecke in frage stellt, ist die in ihr erhaltene form
der Überlieferung doch recht wichtig, weil sie ganze in A
verlorene, in B verderbte und verstümmelte versgruppen (be-
sonders 934 ff.) gerettet hat. Ausserdem geht C lange strecken
Buling, Kistener. 3
34
mit A nnd gibt anf diese weise der herstellnng eine noch
sicherere grondkge.
A steht dem dialekt nach and wegen ihrer verhältnis-
mässigen trene der überlieferong dem original am nächsten.
Ihr Schreiber war freilich flüchtig nnd ungeübt, verlas sich nicht
selten bei flexionsendnngen , mit denen er auch onsanber um-
ging, achtete nicht immer anf die Wortfolge nnd metrik nnd
liess eine anzahl kleiner Wörter sowie einige versreihen ans.
So sprang er vers 478 von kam zn man 482 über, indem er
yers 479—482 ansliess. Ebenso ging es 935 (s. die anmerkung).
Ähnlich 376, 378. Zwei verse 197, 198 sind in einen zusammen-
gezogen. Seine vorläge enthielt wahrscheinlich schon einige
dieser lücken, sicher schon viele entstcUnngen des textes; s. an-
merkung zu V. 6.
Vor allem brachte der Schreiber der hs. A unzählige Vul-
garismen seiner mundart in den text, die keineswegs seine vor-
läge schon hatte. Vielmehr zeigte diese, wie manche spuren
beweisen, eine grössere enthaltsamkeit der mundart gegenüber.
So findet sich anlautendes t= mundartlichem d: tfit 29, 67.
tag 206. vntertan 74 u. s. w. Rein erhaltenes a = ver-
dumpftem o: gnade 128. hau gebracht 12. nach 20.
lasen : Strassen 25. Jacop 227 u. s. w. Gegen die mitte
der arbeit scheint bei dem Schreiber der widerstand gegen die
mundart zu erlahmen. Die richtige reihenfolge der verse war
sicher schon in der vorläge von A mehrfach gestört.
Unechte erweiterungen hat A, wenn man den (schon in
einer, A C in letzter linie gemeinsamen vorläge) nach 302 ein-
geschwärzten vere abzieht, überhaupt nicht, nur Verkürzungen ;
ein umstand, der die glaubwürdigkeit der hs. A bedeutend stützt.
So musste hier das verfahren geboten erscheinen, im ganzen
A zu gründe zu legen und aus B C zu berichtigen. In den an-
merkungen sind die abweichungen von B und C fast vollständig
mit ausschluss der abweichenden, in bunter mischung wechselnden
flexionsformen verzeichnet; waren diese von einigem belang,
80 wurden auch sie angegeben. Um eine art abschliessender
beurteilung zu ermöglichen, galt es eher zu viel, als zu wenig
zn thun. Die unechten erweiterungen waren in den meisten
^len wohl kenntlich; einige bleiben zweifelhaft. Fehler aller
36
art, wie in den versen 934 ff., lassen im einzelnen falle über
ein eklektisches verfahren nicht hinauskommen.
Welche grenzen der herstellung eines denkmals dieser zeit
gezogen sind, hat E. Schröder in der Einleitung zu Peter von
Staufenberg s. LII und ZfdA 38, 106 ausgesprochen. Hier
kommt als erschwerender umstand noch die schlechte Über-
lieferung hinzu; ausserdem wird man sich doch wohl auch httten
müssen, die bescheidenen verse Kisteners allzu sehr zu ver-
schönen und nachzuglätten.
Im allgemeinen war die mnndart nach der offiziellen spräche
des Strassburger rathauses zu regeln. Auf die Schriftsprache
deuteten schon die über die raundart sich erhebenden spuren
eines geläuterten idioms in A. a für o wahren die Urkunden
vorwiegend noch in den siebziger jähren des Jahrhunderts (vgl.
auch Haendcke s. 46 f.), bei tuon überwiegt noch immer das t,
bei giner, einer u. s.w. die nicht umgestellten endungen; wo
und wa, do und da werden noch geschieden, ja, sogar in be-
wusstem gegensatz gegen die mundart, man möchte sagen,
hyperSchriftdeutsch, vielfach (StüB V 251, 26. 265, 7. 256, 2.
331, 21. 333, 22. 365, 6. 294, 23. 1021, 10 u. ö.) da auch
für do gebraucht. Andere einzelheiten erläutert E. Schröder
zu Peter von Staufenberg s. LI f. Vgl. zu Kistener 612, 436,
450, 513, 714, 724, 795, 883. Dass circumflexe zur bezeichnung
alter länge nicht mehr am platze sind, beweist die völlige kon-
fusion der Schreiber, die in den Urkunden sich ganz ausnahms-
weise diese noch gestatten. StUB V, 465, 29, 33. 466, 6, 9.
501, 4 u. s. w. Selbstverständlich führt die dichtersprache denn
doch wieder über die mundartliche Schriftsprache hinaus oder
bleibt vielmehr hinter der weiterentwickelung der Schriftsprache
und mundart zurück. Vgl. Haendcke s. 46 f. Es war also immer-
hin eine etwas ältere formgebung anzustreben. Die Rappoltsteiner
dichter Claus Wisse und Philipp Colin stehen, wie in der technik, so
auch in der spräche abseits. Die poetische technik erhielt durch die
benutzten Vorbilder wünschenswerte erläuterung. Einzelne Ver-
derbnisse waren nach den stellen älterer gedichte, die Kistener vor
äugen hatte, zu bessern. Endlich wurde auch durch die nachahnmng
des Bühelers die echtheit einzelner verse bezeugt. Siehe zu 343.
3*
36
IV
Der Stoff nnd seine Behandlnng.
Analyse des Gedichtes.
Unter anrafung gottes beginnt der dichter mit aufstellung
seines themas: er will von grosser treue zweier freunde dichten.
Sein gedieht sei ganz neu. Mit stolz nennt er seinen namen,
versichert, dass es ihn manche nachtwache gekostet habe, und
bittet um nachsieht. Nicht um schnöden gewinn habe er ge-
dichtet, sondern zur ehre gottes und des h. Jakob, sowie, um
der weit damit einen dienst zu erweisen. Wer des dichters
absieht anerkennt, dem lohne der h. Jakob. 1—22.
Beim pilger kommt es auf die gesinnung an; ist diese lauter
und treu, so wird er von gott erhört und nie vom h. Jakob
verlassen. 23 — 50.
Gute werke und rechte gesinnung verbürgen ein frohes
alter und ewige Seligkeit. Den treuen werden die bösen gegen-
über gestellt. Mit einer anrufung Marias schliesst die drei-
teilige vorrede. 51 — 70.
Herr Adam, ein reicher und angesehener bairischer graf,
lebt schon seit zwölf jähren mit einer wackern gemahlin in
kinderloser ehe. Der wünsch nach einem erben bringt den
grafen auf den gedanken, sich mit diesem anliegen an den
h. Jakob zu wenden. Ein ganzes jähr verbringen beide in gott-
seligem Wandel, um sich der gnade, die sie erflehen, würdig zu
machen. 71 — 119. Die frau wird schwanger, und der über-
glückliche vater gelobt, falls ihm ein knabe geboren würde,
ihn zum danke auf eine jakobsfahrt zu schicken. Der wünsch
des ehepaares geht in erfüllung, wovon ein knecht eiligst und
frohgemut den auf der jagd abwesenden herrn unterrichtet.
Mit innigem dank gegen den heiligen erneuert der graf das
vei*sprechen einer Pilgerfahrt nach Compostella. Nachdem der
knecht 10 gülden als botenlohn erhalten, eilt man nach hause,
zu vorderst der graf, wo alle diener die freudenbo tschaft wieder-
holen und reich beschenkt werden. 120 — 192.
Mit Ungeduld bahnt der graf sich den weg zu seiner ge-
37
mahliu und Überhäuft sie mit liebkosungen. Der söhn soll Jakob
heissen. 193 — 216. Bald wird die kindtaufe in üblicher weise
gefeiert. 217 — 250. Der söhn, an dem der heilige so grosse
wunderzeichen tun wollte, genoss eine treffliche erziehung, der
stolz seiner eitern, der liebling des gesindes. 251 — 273.
Mit sorge gedenkt der vater an die einlösnng seines ge-
lübdes, als der knabe heranwächst. Endlich entdeckt er seinem
12 jährigen söhne, der ihn liebreich nach dem gegenstände seiner
häufigen besorgnis fragt, sein längst bereutes versprechen. Der
entschlossene knabe aber ist sofort zur fahrt bereit, und nichts
kann ihn zurückhalten. 274 — 314. Er wird ausgerüstet und
nimmt von der mutter und dem gesinde rührenden abschied.
315—331. Der vater begleitet ihn einen tag lang und gibt
ihm beim scheiden ratschlage über die wähl eines reisegefährten.
Dann trennen auch sie sich. 332 — 368.
Vier Wochen zieht der knabe allein weiter und veriiTt sich.
Da ruft er den h. Jakob um hülfe an, und dieser sendet ihm
einen treuen, lieben reisegefährten in gestalt eines Schwaben
aus Heigerloh, der aus Italien gezogen kommt und ebenfalls
nach Compostella pilgert. 369—410.
Nach etwa vier wöchentlicher gemeinsamer Wanderung er-
krankt der grafensohn in einer herberge; wie es scheint, tödlich.
Vor seinem ende bekennt er dem freunde, wer er sei, nennt
seine heimat und seine eitern und nimmt ihm schliesslich das
versprechen ab, ihn wenigstens tot dahin mit zu nehmen, wo-
hin er hätte ziehen müssen, nach Compostella. 411 — 450. Der
Schwabe vollzieht den letzten willen des freundes, birgt die
leiche in einem ledernen Überzug und trennt sich auf seiner
weiteren, noch zwölf tägigen Wanderung nicht von ihm; er lässt
ihn an jedem mahle teilnehmen, legt ihn jede nacht in ein
schönes bett und trägt ihn auf seinen armen vom und zum
pfcrde, bis er nach Compostella kommt. 451 — 478.
Halb froh, halb traurig lässt er sich die kirche des h. Jakob
zeigen, hebt den toten vom pferde, überlässt dies einem diener
und trägt den freund hinauf in die einsame kathedrale. Heisse
gebete entströmen seinen lippen, auch den freund schliesst er
ein. 479—504. Und sieh! Gott erhört seine bitten und be-
lohnt seine treue: der für tot gehaltene freund erhebt sich,
38
streift den Überzug ab und fragt, allmählich zu sich kommend,
mit sanftem Vorwurf: „Lieber bruoder, wa bin ich?" Unerhörtes
geschieht: die glocken fangen von selbst zu läuten an, so dass
alles Volk zusammenströmt. Man findet in der kirche niemand
als die beiden Deutschen, mit denen man sich aber nicht ver-
ständigen kann. Erst ein deutscher wirt, der aus der Stadt
hinzugekommen, erklärt den umstehenden das wunder, von dem
ihn der glückliche Schwabe alsbald unterrichtet hatte. 605 — 532.
Nun werden ihnen von allen seiten bezeugungen warmer teil-
nähme dargebracht, man hebt sie auf den altar, preist gott und
stellt über das wunder eine besondere Urkunde aus. Den monat
hält man sie zurück und lässt es ihnen an nichts fehlen. 533
bis 545.
Jetzt rüsten sie sich zur heimkehr, besuchen zum letzten
mal die Wallfahrtskirche und beten um glückliche rückkehr.
Leichten herzens ziehen sie von dannen. Unterwegs verspricht
der grafensohn dem treuen Schwaben unverbrüchliche freund-
schaft und die hälfte seines erbes. 546—566.
Sie sehen bald das Bayernland wieder. Stolz zeigt der
grafensohn im vorüberziehen dem freunde seine bürgen und
Städte, über die er ihn zum pfleger machen will. Vater und
mutter sehen endlich den heimkehrenden söhn von der zinne
aus und eilen ihm entgegen. 567 — 590. Herzlich wird er em-
pfangen, doch sein freund steht anfangs unbeachtet weinend
abseits. Da wird der junge graf zornig und verlangt für ihn
freundliche begrüssung, indem er seine rettende that erzählt
und die Urkunde überreicht. Alle preisen den freund, und er
wird zu ehren und würden erhoben. 591—654.
Als ein jähr vergangen, bittet er, zu seinen eitern heim-
kehren zu dürfen; diese seien verarmt, er habe sie seit 20 jähren
nicht gesehen. Teilnehmend erkundigt sich der graf nach seinem
vater, Herrn Hug von Heigerloh, und versieht ihn mit reich-
lichen mittein. Nur ungern lässt man ihn ziehen. 655—688.
Niemand kennt ihn mehr in seiner schwäbischen heimat.
Als er nach seinen eitern fragt, weist man ihn zu einer Wäscherin
vor der Stadt. Hier hatten die eitern eine notdürftige Unter-
kunft gefunden. Auf den ruf der Wäscherin tritt die nmtter
in ärmlichem kleide aus dem hause, ohne in dem nach ihr
39
frageuden fremden ilu*en söhn zu erkennen. Dieser ruft traurig,
„e muoter, daz si gotte leit, sol daz sin din bestez kleit**. Ein
herzbewegendes wiedersehn folgt nun, worauf der söhn nach
dem vater sich erkundigt. Der isst das gnadenbrot seiner be-
kannten in der Stadt. Kaum hat die mutter den wünsch aus-
gesprochen, dass er doch jetzt zugegen sein möchte, als er er-
scheint. Die wehmütigen klagen der eitern endet die erklärung
des guten sohnes, dass er sie wieder reich machen wolle. 689
bis 732.
Das glück des Zusammenseins mit den hocherfreuten und
wieder zu ehren gebrachten eitern wird aber jäh unterbrochen.
Der söhn wird aussätzig und muss von aller menschlichen ge-
sellschaft abschied nehmen. 733-^-752. Mit klapper, hut und
gewand eines aussätzigen durchwandert er das land, bis er zu
einem einsiedler in einem walde gelangt. Der fromme mann
erklärt ihm, er solle nach Bayern ziehn, sein freund habe sich
verlobt; wenn seine gemahlin ihm dann ein kind geboren habe,
so sollte man diesem die kehle abschneiden und ihn mit dem
blute bestreichen : alsdann würde er rein werden. Der Schwabe
wendet sich entsetzt davon, der einsiedler ermahnt ihn zu ge-
duld und vertrauen. 753—786.
Während sein freund die Vermählung mit seiner braut feiert,
erscheint der unglückliche am thore der bürg. Der Wächter
weist ihn ab und droht ihn zu schlagen. Verzweiflung ergreift
ihn, sodass er beschliesst sich im burggraben zu ertränken.
Doch gott wendet noch einmal seinen entschluss. Er versucht
in das thor einzudringen und trifft da einen mitleidigen menschen,
der ilm nach seinem begehr fragt. Er verlangt den jungen
grafen zu sehen. Da erkennt ihn der mann und holt den grafen,
der sofort alles verlässt, um in treuer liebe dem freunde ent-
gegenzueilen. Es hilft kein sträuben des armen, er wird trotz
seiner furchtbaren krankheit in den kreis der familie zurück-
geholt und in sein altes amt wieder eingesetzt. 787 — 862.
Vor ablauf des Jahres wird das kind geboren, von dem der
waldbruder prophezeit hatte. Der Schwabe aber wehrt sich
staudhaft gegen den gedanken, dem tode dieses knaben seine
rettung zu verdanken. Als sie einst zur falkenbeize ausgeritten
sind, fragt der graf den weitgereisten älteren freund, ob er
40
denn nie von einem heilniittel seiner kranklieit geliöit habe.
Nach standliafter Weigerung berichtet dieser dann endlich doch
von der Weisung des einsiedlers, mit der bitte, das mittel nicht
anzuwenden. Doch dem grafen lässt der gedanke, sich treu
am freunde zu erweisen, keine ruhe. 863 — 908.
Es ist im frllhüng, als der junge graf ein maifest im walde
veranstaltet, an dem alle burgbewohner mit ausnähme der beiden
freunde und des mit seiner amme zurückgebliebenen kindes teil-
nehmen. Aach die amme entfernt der graf dann unter einem
vorwande und beschliesst die schauderhafte that, Aber er kann
in seinem jammer das ihm aus der wiege entgegeulächelude
kind nicht töten, bis ihm ein engel erscheint, der es ihm be-
fiehlt. Der innere kämpf seiner gewaltig erregten gefühle wogt
auf und ab. Die freundestreue kämpft mit der vaterliebe.
Endlich ist das werk gethan. Er ruft den freund herbei, der
aber vor schrecken über die blutthat besinnungslos niederstürzt.
Unverzfiglich bestreicht ihn der vater mit dem bUite seines
Sohnes, und der freund gesundet auf der stelle. 909 — 982.
Jetzt aber gilt es, das eigene leben zu retten. Die leiche
des kindes wird gereinigt, die blutspuren auf der erde ent-
fernt, von dem kinde, von buig, land und leuten herzergreifender
abschied genommen, die pferde gesattelt und beide entfliehen.
Indessen ist die amme zurückgekehrt und trägt angstvoll
das kind in den wald zum festplatz, an dem die flüchtlinge
voriibermüsseu. Als sie nahe kommen, vermag der graf nicht
ohne einen letzten abschied von vater, mutier und weib vorbei-
zureiten und springt trotz der gegenvorstellungen des gefährten
vom pferde. Man empfangt ihn wie sonst, und fragt nach dem
zweck der ganz unerwarteten reise. Der graf versucht eine
notlUge. Man nütigt ihn freundlich zu bleiben: da sieht er die
amme mit dem kinde ankommen und gluubt sich vernichtet.
Zum letzten male ruft er den h. Jakob an und bricht unter der
wuclit der auf ihn einstürmenden gefühle wie tot zusammen.
Man mft ihn wieder zu sich und reicht ihm das inzwischen
auf fürbitte des heiligen durch ein wnnder gottes wiederbelebte
kind zum knsse. Nun kennt seine freude und sein dank gegen
den heiligen keine grenzen; er ruft den freund, der nur zögernd
41
herankommt und über dessen genesung man sich wundert. 1026
bis 1124.
Jetzt berichtet der graf alles und beweist seine angaben
mit den blutspuren und dem roten streifen, der noch am halse
des kindes sichtbar ist. Die vorwürfe der mutter werden durch
die allgemeine freude erstickt. Zum danke baut man das kloster
Guadeouwe. Die freunde aber leben mit ihren angehörigen ein
heiligmässiges leben bis zu ihrem tode. 1125—1175.
Mit einem preis der treue, hervorhebung seiner Verdienste
um dies gedieht und Segenswünschen für den leser und hörer
schliesst Kunz Kistener. 1176—1230.
Der Stoff.
Im allgemeinen gehört der stoff der ,Jakobsbrüder' dem
grossen kreise der wandernden freundschaftssagen an, und zwar
der gruppe der Amicus- und Ameliussagen, deren gemeinsames
motiv ,gegenseitige lebensrettung eines freundes durch einen
freund* ist, ,von welchen der erstgerettete, um seinen aussätzig
gewordenen retter mit dem blute der Unschuld zu heilen, sein
eigenes kind opferte Vergleiche zur sage Bächtold in den
anmerkungen zu seiner Geschichte der Deutschen litteratur in
der Schweiz s. 37, Dunlop-Wilson I 317 f., Köhler, Aufsätze über
märchen und Volkslieder s. 34, v. d. Leyen, Indische märchen
s. 142 und ausserdem eine meines Wissens noch nicht beachtete
lateinische version, die sich in einer Wolfenbütteler handschrift
findet. Diese stammt aus dem kloster Sittich in Eärnthen und
ist ihrem hauptinhalt nach in der letzten hälfte des XII. Jahr-
hunderts geschrieben: Heimst, nr. 206 (neue nr. 239. von Heine-
manns Katalog I 1, s. 186). Bl. 129*— 30 und fortgesetzt auf
dem Unterrande der blätter 130* — 133 liest man von einer
hand des XIV. jhs. auf leer gebliebenem pergament: ,De duobus
sociis sibi consimilibus curialis legenda*; anfangend: ,Temporibus,
orti sunt duo pueri, miro (fehlt in dem kataloge s. 187) modo
sibi consirailes'. Es ist im wesentlichen die von Schönbach aus
einer Grazer hs. WSB 88, 850 ff. abgedruckte prosaerzählung,
die der im Speculum historiale XXIII 162 ff. des Vincentius
Bellovacensis nahe steht.
42
Was nun aber unserer legende innerhalb dieser gruppe der
Ämicus- und Amelinssage einen besonderen platz anweist, das
ist zunächst die darin vollzogene Verbindung der freundschafts-
sage mit sagen von wundem des älteren Jakobus.
Wie sich die fromme fantasie die seit dem 7. jh. behauptete
wunderreiche überkunft des heiligen nach dem hauptort seiner
späteren Verehrung ausmalte, zeigt am besten eine aus dem
kloster Bergen (nicht Berge, wie der katalog angibt) vor
Magdeburg stammende handschrift der Herzoglichen bibliothek
in Wolfenbüttel, Heimst, nr. 1115, neue nr. 1222, (katalog I, 3,
s. 63) die dem XII. jh. angehört, bl. 74. ,Incipit liber unus (der
katalog liest ,1?) sancti Jacobi Zebedei, patroni Gallecie, de
XXII miraculis eins argumentum Kalixti pape^ (der katalog
liest ,argumento cum'). Die ausztige, welche Vincens von Beauvais
im Speculum bist. tom. IV, lib. XXVII, cap. 30 aus diesem (in
der Histoire litt6raire de la France tom. X p. 532 dem Calixtus
abgesprochenen) Libellus de miraculis gegeben, sind in der Patro-
logia (Migne) 163, p. 1370 ff. abgedruckt. Etwas ausführlicher
sind die Acta Sanctorum Juli 6, 45 ff. Bl. 90*ff. schliesst sich
in der Wolfenbüttler handschrift der wunderbare bericht ,de
translatione s. Jacobi' an, dem im wesentlichen die Legenda
aurea (Lombardica historia. Argentorati 1489) cap. XCIV, das
alte Passional 220, 20 ff. Hermann von Fritzlar (Mystiker I
167, 8 ff.) und andere heiligenleben folgen. Dem geschichts-
Schreiber der apostellegenden, Lipsius, ist diese handschrift ent-
gangen. Obwohl nun der erzbischof von Toledo Roderich Ximenes
auf der zwölften allgemeinen synode im Lateran 1215 die nach-
richten über Jakobus in Spanien für kindergeschichten frommer
weiber erklärte (Lipsius, Die apokryphen, apostelgeschichten
und apostellegenden II, 2, s. 225 f. von Hefele im Kirchenlexikon
III 774) und obwohl u. a. auch Toulouse anspruch auf den hei-
ligen erhob, der in der kirche des h. Saturnin begraben sein
sollte, wurde doch Compostella schon seit dem IX. Jahrhundert ^)
vielbesuchter Wallfahrtsort, dessen ansehen sich im laufe der
*) Geweilit war die Jakobskirche zu Compostella im jähre 899 (Garns,
Kircheugeschichte von Spanien II 2, 3G2). S. X der Acta Sanctorum Juli 6,
32 if. werden die ,peregrinationes ad Compostellanas s. Jacobi reliquias anti-
quitus iustitutae* behandelt.
,*
43
Jahrhunderte nur noch steigerte (Lipsios II, 2, 220 ff., der bald
trotz aller Weitläufigkeit völlig im stich lässt). Der listige knecht
des pfaffen Amis erkundigt sich 1245 ff.
,wie mauec jär des wsere,
daz der wirt die hfisvrouwen nam,
unt wie dicke er hin ze Röme quam
sante Peter ze lobe,
unt ze sancte Jacobe*;
und die zechenden bürger in der Wiener mervart erzählen ,von dem
mer unt von Sant Jäkobes wege* 144 f. Bertholds Warnungen
(Pfeiffer I 459, 26 ff.) müssen, wie die Geilers, wenig gefruchtet
haben. Man spricht von über 100000 pilgern, die zuweilen während
eines jahres im 13. und 14. Jahrhundert aus allen teilen Europas
in Compostella zusammenströmten. J. G. Kohl, Zeitschrift für
deutsche kulturgeschichte, n. f. II, 104. Verwundungen und
tötung der pilger beim drängen um den hauptaltar waren nichts
seltenes, und ,daz munster wart s6 wol richende also iekein
appoteke*, wird erzählt Hermann von Fritzlar 167, 35. ,Waz
blinder und lammer und sieben da hine quämen, di wurden allo
gesunt; und diz palacium wihete man ime zu einer kirchen, daz
jö noch manig pilgerin sihet, daz iz ein gröz bürg gewest ist;
nu ist iz ein herlicher tum'. 167, 36 ff. ,Di grösten zeichen,
di kein heilige getun mac, di tut dirre heilige, wan' (diese be-
gründung ist offenbar sehr triftig) ,her der verreste ist, der hie
dise Site meres lit. dar umme so suchit man in aller kristenheit,
unde vrowen und man wägent lip und gut, das zi koment zu
sime munsterc'. 169, 14 ff. — Hermann ist selbst dort ge-
wesen. 123, 25. König Ordonno 11. hatte Jakobus den patron
des ganzen erdkreises genannt. Gams a. a. o. 382. Den be-
schwerlichen, oft gefährlichen weg beschreibt das bekannte
ältere Jakobslied
,Wer das elent bawen wel,
der heb sich auf und sei mein gesel
wol auf sant Jacobs Strassen!'
Uhland nr. 302 (vgl. WKL II nr. 1246), und ein jUngeres, das
manches aus diesem entlehnt, bei Goedeke, Gengenbach s. 631.
Anmerkung 4. Vgl. Heyne im DWB IV 2, 2202 f. Einiges
historische verzeichnen Röhricht und Meisner, Deutsche pilger-
44
reisen 1880 s. 699 u. d. w. Santiago. Röhricht, Deutsche pilger-
reisen, Gotha 1889, s. 36.
Die wunder, welche man dem h. Jakob zuschrieb, in prosa
und Versen wiedererzählte und häufig plastisch darstellte, waren
zahlreich ; man predigte viel darüber, besonders in Compostella.
Hermann von Fritzlar, Heiligenleben 168, 2flF. Eins der am
meisten tiberlieferten kehrt in Kisteners ,Jakobsbrtidern* wieder,
die erweckung *) eines pilgers vom tode. Das wird berichtet in
zwei legenden der Wolfenbtitteler handschrift neue nr. 1222
blatt 77 (vom jähre 1108) und blatt 82 (vom jähre 1090) —
letzteres ist die auch im Spec. bist. (Patrologia 163, 1371),
in der Legenda aurea cap. XCIV E (der Strassburger ausgäbe
von 1489) im alten Passional 223, 38 ff., in Hermanns Heiligen-
leben Mystiker I 168, 2 ff., und in sechs von Goedeke, Gengen-
bach s. 638 ff. angegebenen fassungen sich wiederfindende becher-
geschichte*) aus Toulouse'), — in der Legenda aurea cap. XCIVD,
im alten Passional 225, 86 ff. und in der ersten der von Kläden
in V. d. Hagens Germania 7, 252 ff. mitgeteilten erzählungen vom
h. Jacobus.
Etwas näher auf die quelle, aus der die wundergeschichte
in Kisteners gedieht geflossen ist, führt uns die schon erwähnte
lateinische legende vom jähre 1108 in der Wolfenbtitteler hs.
neue nr. 1222 bl. 77*ff.*). Da wird von einem manne aus Frank-
reich berichtet, der, wie der graf Adam bei dem Strassburger
dichter, mit seiner gemahlin in kinderloser ehe lebt, vergebens
einen erben wünschend. Nun pilgert er ad limina apostoli, und
seine gattin schenkt ihm dann einen söhn. Als der knabe 15
jähre alt ist, zieht der vater mit seiner gemahlin, dem söhne
*) tJbrigens ist die Wiedererweckung kein specifisch christliches wunder,
sondern als uralter märchenhafter zug schon aus der 4. erzählung des geistes
in Somadevas Katha Sarit Sagara zu belegen.
*) In mehreren französischen von Köhler, Germania 10, 451 zusammen-
gestellten Versionen der Amicus- und Ameliussage dienen zwei becher als
erkennungszeichen .
•) Vgl. Sepp, Altbayerischer sagenschatz s. (552 flf.
*) Der auszug des Vincens von Beauvais lautet a a. o. p. 1372: ,Anno
domini 1108 in oris Galliae vir quidam uxore stcrili filium non habens sanctum
Jacobum propter hoc adiit et. rediens iilinm habuit, cui Jacob nomen imponens,
cum esset annorum XV, cum ipso et matre adire sanctum Jacobum et ei offerre
46
und dem gesinde zum dank nach Compostella ^). Unterwegs aber
stirbt der sobn. Die eitern brechen in Jammer aus, die mutter
will sich töten ; aber durch den h. Jakob wird der söhn, quasi
de gravi somno, vom tode erweckt. Hierbei entspricht der an-
lass, die pilgerfahrt des sohnes, der allerdings nicht mit einem
freunde reist, sein tod und seine erweckung dem deutschen
gedieht.
Nun verband sich mit dieser legende die sage von den
beiden treuen freunden, deren keim wahrscheinlich orientalischen
Ursprungs ist, die aber auch zum teil in der abseits stehenden
lateinischen legendenlitteratur ihr seitenstück findet. Acta SS.
6, 49Cff. Patrologia ed. Migne p. 1370. Legenda aurea (Lug-
duni 1516) cap. XCIV ist die belohnung eines treuen gefährten
erzählt, der sich, ,qui fidem non promiserat', eines kranken und
alsbald sterbenden pilgers angenommen hat, während die Übrigen
fortgezogen waren. Die quelle, in der sich jene Verbindung
beider motive zuerst vollzog, ist bis jetzt nicht bekannt; predigt
und sonstige mündliche Überlieferung, die bei der fortpflanzung
und Weiterentwicklung der wandernden erzähluugen im mittel-
alter die allerwichtigste rolle spielt, wird auch hier thätig ge-
wesen sein. In den überlieferten fassungen der so gestalteten
sage von den beiden treuen jakobsbrüdern sonderten sich als-
bald zwei gruppen von einander ab. Den Versionen der ersten
gruppe sind die freundschaftsproben und erkennungszeichen
eigen (Köhler, Germania 10, 448 — 451); dazu gehört ausser
allen französischen fassungen Pfeiffers prosalegende. Die zweite
gruppe, der Kisteners vorläge und die italienischen erzählungen
folgen, hat solche proben und besondere erkennungszeichen nicht.
Ein nachklang jener proben scheint in Kisteners versen 341 bis
proposuit. Sed in medio itinere puer aegrotans exspiravit: de cuius morte
pareutes valde doleutes quasi araentes totum nemus clamoribus repleverunt.
Mater auteni sie sanctum Jacobum interpellavit: quod sl filium ei non redderet,
se vivam cum eo facerct sepeliri. Interea dum puer ad tumulum deferretur,
quasi de somno excitatus revixit. £t qualiter eum sanctus Jacobus in sinu
suo tenuerit et jusserit ei cum parentibus iter incceptum perageret, cunctis
astantibus narravit'. Näher steht der Wolfenbtttteler hs. der Acta SS. 6, 48 C ff.
ex ms. monasterii Marchianensis abgedruckte bericht.
*) Soweit stimmt eine bayerische legende überein, die Sepp als verbürgte
begebenheit s. 656 berichtet.
359 erhalten zu sein, die auf eine iiber die beiden gesonderteu
gruppen liinausliegeude gemeinsame sageiiform tiindeatet. Einen
liinweis auf slavische sagen unseres kreises verdanke ich Johanues
Bolte: „Lydia SchischniänntF, Legendes religieuses bulgares, 1896
p. 255. nr. 9J : Les trois fr^res et le vieillard. Diese slavisclic
sage will nächstens Dr. J. Jaworekij in Lemberg behandeln;
vgl. Dragomanow, Die slav. sagen über opfern des eignen kindes.
Die Donauländev hg. von Strauss. 1899. 1,1—12. Sepp 3.660ft'.".
Zur äpfelprobe s. Laura Gonzenbachs Sicilianische märchen
nr. 90 und Xeitschr. f. Volkskunde 6, 17B. Auch diese beiden
nachweise hat Boltes umfassende gelelirsamkeit beigestenert.
Inwiefern die einflihrung des scliwftbischen ritters aus Heigerloh
auf eine mit Hartmanus Armem Ueinricli zusammenhängende
Überlieferung sollte schliessen lassen, wie Goedeke, Gengenbach
8. 630 vermutet, entzieht sich der nachprüfung. Es liegt wohl
nur wieder ein auf ganz vager ähnlichkeit der schwäbischen
lieikunft beruhender zweckloser hinweis vor. Die grafen von
Haigerloch waren im Elsass bekannt genug: königin Anna, die
1278 verstorbene gemahlin Rudolfs von Habsburg, war eine ge-
borene gräfin von Hohenherg-Haigerloch. Closener 44, 34 und
Hegel z, d. st. Ein graf Albrecht von Hohenberg und Haigerloch
war die hauptstiitze des herzogs Albrecht von Österreich in
Schwaben. Oiosener 58, 9. In einem zusatz zu der lateinischen
erzählung von herzog Ernst kommt ein gi'af Wetzilo von Haiger-
loch vor. Bartsch s. XLIV. Leider teilt die vorläge Kisteners
mit Hartmanns quelle das Schicksal, uns bis jetzt nicht bekannt
zu sein.
Kistener selbst bezeichnet v. 1194 seine vorläge als eine
nicht deutsche, die er in reimen (v. 12 und 128) umgedichtet
habe, Demnach wäre wohl an eine lateinische oder französische
zu denken. Wieder ungenau ist es, wenn Goedeke im gnind-
riss I* 233 angibt: , Kistener will das gedieht aus dem latei-
nischen verdeutscht haben'. Dieser sagt vielmehr vei-a 1193 flf.:
,ders uns ze liste hat gedalit
und ze tiltsche hat gehraht,
daz tat Kuonze Kistener'.
Gegen eine französische vorläge {nicht quelle) spricht ausser
dem von Scherer, Geschichte des Elsasses I ' ß4 hervorge-
47
hobenen umstände, dass litterariscbe einflfisse Frankreichs im
XIV. Jahrhundert in Strassburg überhaupt nicht wahrzunehmen
sind, manches, was auf eine längere Überlieferung der sage in
Deutschland schliessen lässt: die einführung des bayerischen
grafen, herrn Hugs von Heigerloh, des deutschen wirtes in
Compostella, und wohl auch das intime deutsche lokalkolorit.
Dass der elsässische dichter dies alles von dem eigenen hinzu^
gethan und eine in diesen punkten ganz abweichende oder farb-
lose vorläge so völlig um- und ausgearbeitet haben sollte, ist
kaum anzunehmen. Wir werden damit also allerdings auf eine
lateinische vorläge geführt. Ob Kistener selbst latein verstand,
ist trotz vers214flF. sehr fraglich; vers 72 beruft er sich auf
mündlichen bericht ,man seit mir', wenn man dieser formel be-
deutung beilegen darf. Vgl. v. 252 ff., wo die worte ,sit hau
ich gehoeret sagen . . . von lüten, diez mit ougen sahent' nichts
als die konventionelle legendenphrase sind. Vgl. den schluss
des Volksliedes Uhland 303. Möglich, dass er sich das latein
übersetzen Hess, wie die elsässischen Parzifaldichter das fran-
zösische.
Charakteristisch für den aufbau der sage von den jakobs-
biildern und zugleich ein zeugnis für ihre verhältnismässig späte
entstehung ist die kontaminierung meist schon verbrauchter
typischer motive. Erfolgreiches gebet oder gelübde einer kreiiz-
oder wallfahrt bei unfruchtbarer ehe erscheint z. b. im Alexius
der verschiedensten Versionen, im Reinfried von Braunschweig,
im Zwölfjährigen Mönchlein, im Wilhelm von Österreich des
Johann von Würzburg; botschaft von der geburt eines knaben
wird auch im Alexius A und Reinfried von Braunschweig ge-
bracht; die glocken fangen beim wunder von selbst zu läuten
an im Alexius A 758 (vgl. die lateinische quelle s. 163 f.), die
heimkehr nach 30 oder 20 jähren ist ein uraltes volksmässiges
motiv, z. b. im alten Hildebrandslied 50; das mitführen einer
leiche, der allerlei ehren zu teil werden, erinnert an die sage
von Karls des Grossen gemahlin; das erscheinen eines als bettler
verkleideten am hochzeitstage weist schon der St, Oswald des
XII. Jahrhunderts und der gute Gerhard auf; viele formen der
heilung des aussatzes durch blut stellt Cassel in seinem buche
über die Symbolik des blutes s. 158 ff. zusammen; über die mi
48
fahrt vgl. Johannes Bolte zu Schumanns Nachtbüchlein s. 411.
Schon Wttlcker verwies Germania 17, 57 auf den Busant GA
nr. XVI, V. 694 ff.
Auch den grundgedanken der treue, der besonders vers 2,
37, 58, 1176 ff. betont wird und das ganze werkchen durchzieht,
fand Kistener bereits in Konrads Engelhard vorgebildet, dem
er wahrscheinlich die nachhaltigste anregung verdankte.
Behandlung des Stoffes.
Da die vorläge Kisteners nicht erhalten zu sein scheint,
ist es nicht möglich, den grad der Selbständigkeit sicher zu be-
stimmen, mit welcher der dichter seiner vorläge gegenüber ver-
fuhr. Wir sind hier nur auf Vermutungen angewiesen.
Der dreiteilige prolog und epilog sind eigene arbeit mit
anlehnung an Konrad von Würzburg. Jäckel s. 93.
Als erfindung des elsässischen dichters kann das kloster
Gnadau gelten. Dass ein solches im mittelalter nicht nachzu-
weisen ist, wurde schon oben erwähnt. Auch der uame der
modernen herrenhuteransiedlung Gnadau südlich von Magdeburg
ist frei erfunden. Hartmann nimmt im Erec 7069 ,der Gnaden
sant' an. Auf die aus der vorläge stammende Versicherung
Kisteners, dass das kloster ,jetzt noch* stände und dergleichen
(v. 257, 1164), ist ebensowenig etwas zu geben, als wenn es
z. b. im R. Parzifal 111, 31 heisst:
,Büffoy der turn geheissen wart,
und allenthalben durch daz laut
ist er noch Büffoy genant'. vgl. s. 47.
Vers 1165 spricht Kistener auch nur von hörensagen ,daz wir
beeren sagen*; gekannt also hat er kein kloster dieses namens.
Wenn der dichter ferner 1171 f. diesem kloster zugleich männer,
frauen und kinder als iusassen verleiht, so trägt diese angäbe
den Charakter der erfindung^). Bekanntlich wurden kloster
derart 787 verboten. Wie kam aber Kistener auf jenen namen?
Diese frage beantwortet die topographie des Elsasses, das die
*) Allerding:s waren der poetischen erfindnng durch die wunderliche
schr>pfung Ludwigs des Bayern zu Ettal die wege gewiesen. Z. f. d. A. 38, 3(51 ff.
49
znsammensetzang der Ortsnamen mit ,owe' ungemein liebt: allein
im Unterelsass und der Ortenau verzeichnet die dem 8. bände
der Städtechroniken beigegebene karte elf in der nähe des Rheins
gelegene orte dieser art.
Die liebevolle epische ausmalung der meisten Situationen,
die, besonders familienscenen auszeichnende, oft herzlich an-
mutende auffassung und die durchdringung des ganzen mit der
einheitlichen idee der treue, kurz das ,warme leben und die
deutsche sele*. die dem Stoffe eingehaucht sind, werden wir wohl
dem dichter als verdienst mehr oder weniger zuschreiben dürfen.
So ist aus der legende unter seinen bänden ein kleiner
roman geworden, in dem erbauliches und unterhaltendes ver-
bunden: der weg, den Hartmann der legende gewiesen.
Bei der darsteliung kam ihm mancher Vorzug des immer-
hin mit diskretion verwendeten dialekts zu statten, ,der durch
häusliche tugenden ersetzt, was an äusseren Schönheiten fehlt,
die anmut und Unschuld der empfindung, der schmeichelnde ton
der Vertraulichkeit und alle die verborgenen reize, die jeder an
den heimatlichen lauten besser fühlt, als er sie schildern kann\
wie Scherer so treffend von der neueren elsässischen mundart
sagt. In der that ist die ausdrucksweise oft echt volkstümlich;
manche Wendungen derart sind in den anmerkungen verzeichnet,
hier sei nur an ausdrücke wie ,minne' für mutter, ,sin herze
wart im grosz* und ,ellende im under ougen sluog' erinnert. Ein
nachteil dieser Vorliebe für ungezwungene volksmässige aus-
drucksweise zeigt sich in der Verbindung and xolvov s. zu 33.
In der verskunst verfügt der dichter noch über die errungen-
schaften der besseren mittelhochdeutschen technik und unter-
scheidet sich dadurch vorteilhaft von seinen etwas älteren lands-
leuten Claus Wisse und Philipp Colin, deren arg verwahrloste
verse oft niclits als zerliackte prosa sind. Kistener baut seine
verse regelmässig, wenn auch nicht immer zierlich, ohne sich
zweisilbige Senkungen zu gestatten, wie man es bei einem schüler
Gottfrieds und Konrads nicht anders erwarten kann. Zweifel-
haft bleiben etwa nur 209, 837. Allerdings fand sich für Kon-
radische feinheiten kein publikum mehr. Zu 5. Die Senkung
fehlt öfter an 3. stelle. Klitscher s. 20 f. Auftakt und betonung
weichen von dem, was gegen ende des XIII. jalirhunderts bereits
Euling, Kistener. '^
allgemein erlaubt war, nicht ab. Allerdings erscUeineii bei ibin,
wie schon längst allgemein im dialekt, in der schriftprosa und
in der poesie viele verkürzte {in zweifelliafteii fällen immer
durch reime erwiesene) spracliforiuen , die von den klassischen
dichtem vermieden waren. Dreihebige verse mit stumpfem
schluss, über die Jänicke zu Peter von Staufenberg s. 60 spricht,
liegen vor: 63 . 411 . 625 . 697 . 805 . 939 . 1165. Durch ent-
sprechemle betonung zu beheben ist 729: Dö wöltents ime klagen.
Dehnung ist wahrscheinlich eingetreten 882, 112.
Auch der immer trostloser werdenden monotonie der kurzen
reimpare gegenüber wahrt Kistener noch anklänge an bessere
muster, wenn er z. b. reimhäufung (31 Ö"., 35ff., 45ff, u. s. f.,
aber auch bisweilen ohne sinn für abwechslung 685 ff. oder aus
notbehelf 845 ft". Klitscher s. 50) verwendet. Allerdings macht
er im reim auch von den freiheiten gebrauch, die ihm die mnnd-
art gewährte, überschreitet sie aber auch nicht. So reimt er 19
gemacht : nach. Weinhold, Alem. gr. s. 140, (Es kann sich hier
nur um ergänzung der schon oben s. 14 f. verzeichneten reime
handeln.) 35 im : dahin, 171 dran : kam, 478 u. ö. mau : kam,
670 arm : vam. 724 stan : nam. Weinhold, Mlid. gr. § 216,
229 wot : vor. Alem.gr. s. 162, 677 schier: mir, Mhd, gr.
§ 45, Vgl. Jänicke zu Stauf. s, 57 ff.
Wie sehr Kisteuers nachahmer Hans von Bühel wieder die
metrik vergröberte, ist in der sclirift Über spräche und vers-
kunst Heinrich Kaufringers s. 16 in anschluss an Seeligs (aller-
dings nicht erschöpfende) Untersuchungen (Strassburger Studien
III 306 ff.) hervorgehobeD. Vgl. aber auch oben a. 26, 32.
Die epische technik des dichters, insbesondere sein poetischer
Stil, beruht allerdings, wie wir schon sahen, wesentlich noch auf
tradition der kunst Gottfrieds von Strassburg und Konrada von
Würzburg. Insofern ist Kistener epigone. Doch wenn es das
merkmal des epigonentums ist ,durch die poesie die ideale einer
zeit festzuhalten, die, zur litterarischen Vergangenheit geworden,
den boden der gegenwart verloren' haben, so kann er als epigoue
in diesem sinne eigentlich nicht gelten. Die aus seinen versen
redende gesinnung hat mit den hötischen anachronismen auf-
geräumt, er lebt in der realen gegenwart. Er predigt nicht
höfische lügenden wie Konrad von Wiirzburg (QF 54, 12 und
51
Egenolf 1 flf. Vgl. die bornierten Standesvorurteile Part. 4690 ff.
und Troj. 6428 ff.), sondern allgemein menschliche. Aber auch die
form weist der Konradischen kunst gegenüber eine fortentwicklnng
auf. Die poetische floskel wird auf ein geringeres mass zurück-
geführt, die spräche wird weniger bildlich, die konventionellen,
durch Umschreibung des begriffs gebildeten Wendungen (QF 54,
33 ff. Jäckel s. 23 ff.) schwinden mehr und mehr, die ermüdende
Umständlichkeit und die ausführlichen Schilderungen, in denen
die höfische dichtung so viel gesündigt, sind geradezu verpönt.
Schon der fortsetzer des Trojanerkriegs ersetzt Konrads über-
mässige breite durch eilende kürze (Klitscher s. 37f.); schon
Egenolf meidet das ausspinnen langer reden (Jäckel s. 16). Was
die kunst hierbei zum teil einbüsst, wird durch andere Vorzüge
zu ersetzen versucht. Die handlung wird rascher, mehr leben
und empfindung nähern diese poesie im gegensatz zu der kon-
ventionellen haltung der älteren dichtung der volksmässigkeit.
Häufige ellipsen wie sü uf unde 854, vrouwe und herre
balde der 615, uf hin allez daz da was 585, sü hin, sü
sazent uf ir pfert 552, lebhafte, ohne einleitung ausbrechende
ausrufe wie , balde reichent wasser har!' 1094, , balde,
daz wir hin abe sini* 1030 (vgl. oben s. 20) verleihen der dar-
stellung den Charakter drängender entschiedenheit, die mehr an-
deuten, als ausführen will. Auf Übergänge, die bei Konrad
manchmal (wie Troj. 5764 ff.), beim Bühelcr fast immer in pein
liches geschwätz ausarten, wird wenig geachtet 521 ff., 732 f.,
1030 f. Der junge graf erhält nicht einmal einen namen: es
bahnt sich der Übergang zu jeuer eutwicklung an, welche typen
an stelle der individuen setzt und in die volksballade ausläuft.
Unterstützt wird diese eutwicklung durch die neigung des alt-
deutschen epischen Stiles, „die Situation der Vorgänge, ihre ört-
lichen und zeitlichen umstände, undeutlich zu lassen". Schön-
bach, Über Hartmann von Aue s. 416. Während es in der
höfischen mhd. poesie eher individuen als Individualitäten gibt,
werden jetzt allmählich typen geschaffen, die als Individualitäten
gelten können, ohne konkret benannte wirkliche individuen zu
sein. Hier beginnt, wie in der novelle, die individualisierung
der neueren poesie durchzubrechen. Das eigentlich menschliche
wird von Kistener voll und kräftig herausgehoben: hier ist kein
4*
52
schematisch nach dem höfischen ideal konstruierter ritter mehr,
sondern ein mensch mit leidenschaf ten ; keine modedame, son-
dern eine mutter; keine konventionell beschriebene familie mit
den unerlässlichen sozialen eigenschaften, sondern eine in wenigen
strichen meisterhaft gezeichnete familie in ganz bestimmten Ver-
hältnissen, eine familie, die ihre frühere soziale Stellung mit
einer kleinbürgerlichen vertauscht hat. Bei Kistener hat der
alte graf noch einen namen ohne rechte individualität , die
andern personen sind Individualitäten ohne namen : beim Büheler
trägt in der Königstochter keine der handelnden personen eine
nähere bezeichnung, da gibt es nur einen könig von Frank-
reich, einen könig von England, einen papst, einen bürger
von Rom, einen marschall, einen königssohn, eine königstochter
u. s. f. Während noch Egenolf in höfischer weise verfährt,
folgt die volksmässige dichtung durchweg der eben bezeichneten
richtung.
Aus einzelnen partieen des gedichtes endlich, wie der heim-
kehrscene v. 689 ff., spricht eine art von lyrischer Stimmung,
welche die Situation auf kosten des ereignisses bevorzugt und
manches der ausgestaltenden fantasie des hörers überlässt. Vogt
in Pauls Grundriss II 1, 369, 371.
So hat der dichter es erreicht, was zu seiner zeit so schwer
war und in unserer zeit ihm manche warme anerkennung ver-
schafft hat, bis zu einem gewissen grade individuell zu sein.
V
Charakteristik.
Von dem glänze, den eine ungemeine, in politik, kunst,
geschichtsclireibung und religiösem leben sich ausprägende kul-
turelle regsamkeit über Strassburgs vierzehntes Jahrhundert
breitet, fällt auch ein freundlicher Widerschein in die stube
eines einfachen bürgers.
Allerdings umgibt uns hier eine ganz andere geistige atmo-
spliäre, als dort auf den hohen ritterburgen mit ihren stolzen
liallen und eiitzückeudeu fernsicliten, an die sinnige betracbtiiiig
weit ausgreifende ahnungsvolle gedanken kuüpft: eng, wie die
winkligen gassen und die dunklen häuser, ist auch, wie ea äusser-
licber beobachtung scheinen mnss, der gesicbtskreis der bewoiiner.
Die scböne weit, welche die reiche fantasie grosser dichter in
das ritterliche leben bineingezaubert hatte, war ins grab ge-
sunken, und ihre oft mit sagenhaftem rulnn bekleideten gestalten
spukten, zii blutlosem Scheinleben verurteilt, meist nur noch in
dem köpfe eines sprossen aJtadliger geschlecbter, der begann
mit velleitäten die leeren seilen des Charakters zu tapezieren,
oder im gehirn biederer bandwerker, die Apollo im zorn zu
versescbmieden gemacht hatte, und die nun, wie ihre unsterb-
lichen znuftgenossen im Sonimernachtstraum, in langweilig ehr-
barer müsse behagliche karikaturen schufen, ohne im mindesten
die kluft zu ahnen, die ihre nur alljfu bürgerliche deukungsart
von den ideen fUr immer vergangener zeiten trennte. Und doch
gehörte diesen leiiten die zukunft, nicht der abgelebten höfischen
weit. Unter heissen kämpfen hatten sie sich die ihnen ge-
bührende anerkennnng innerhalb des städtischen gemeinwescns
errungen; und, gestützt auf seineu Jbm immer mehr das öber-
gewicht verbürgenden Wohlstand, hatte der bfirger gelernt mit
grösserer Sicherheit und allgemach mit breiter würde aufzu-
treten. Eine bürgerliche kunst und bürgerliche litteratur be-
gann sich zu entfallen. Aber schwere zeiten waren ins land
gegangen und hatten die dauerbaftigkeit der damaligen gesell-
schaft auf eine harte probe gestellt. Grosse epidemieen, öber-
schwenimnugen, misswachs, huugersnot schufen ein soziales elend
von kaum übersehbarer ausdehnung und gaben dem grübelnden
geisle eine ernste riclitung. Und als nun der fürchterliche
schwarze tot die schwergeprüfte meuschbeit schrecklich heim-
suchte, da entlud sich die fieberhafte Spannung der gemüter
in den fmchtbareu ausbrüchen der judeumorde und der fana-
tischsten Selbstpeinigung, Während auf den Strassen die ein-
förmigen weisen der geissler ertönten, arbeitete daheir
einer geistigen kraft, die thatsächliuh einen höbenpuukt
alterlichen geisteslebens bezeichnet, die mysüsche phii
an der lüsung des ewigen welträtaela.
Freilich für die frömmigkeit des gemeinen mat
54
ausgleich zwischen dem christlichen Spiritualismus und der sünd-
haft schwachen natur des menschen leichter gefunden : er vollzog
sich für ihn in etwas derb -handgreiflichen wundern, an deren
Segnungen teilzuhaben man andächtig sich bemühte. Legenden
und legendäre züge begegnen häufiger in den mystischen schriften
und erscheinen auch selbständig im südwestlichen Deutschland,
am anziehendsten in der geschichte vom zwölfjährigen mönchlein,
einer weihnachtserzählung von zauberhafter Innigkeit. Kein
wunder also, wenn sich der bürgerliche dichter, der sich in der
litteratur die sporen verdienen wollte, der legende zuwandte;
einer legende, welche die uralte freundschaftssage mit wundem
des h. Jakobus verband. Es ist aber auch kein zufall, sondern
vollkommen ausdruck der zeitrichtung, wenn in der musterlegende
Hartmanns, im armen Heinrich, durch leiden und prüfungen die
reine menschlichkeit triumphiert und ein glückliches erdendasein
der preis des edelmutes und der Selbstüberwindung wird, während
in Kistenei'S Jakobsbrüdern das geschick der für immer ver-
bundenen freunde eine fromm-entsagende wendung nimmt; heilig
zu werden, schon hier auf erden, ist das losungswort der
mystischen frömmigkeit. S. zu 249.
Der dichter der Jakobsbrüder ist ein bescheidener mann,
nicht ohne Selbstachtung, der keineswegs für geld (17) schreibt
oder gar wie seine Rappoltsteiner kollegen mitten in den epilog
die kostenrechnung für seinen auftraggeber einlegt. Aber neben
der ehre gottes und der Verherrlichung des h. Jakob, zu dem
er grosses vertrauen hegt, schwebt ihm, dem weltkinde (1202),
doch auch etwas von recht weltlichem schriftstellerischen ehr-
geiz vor; am urteil der weit, die sonst so bösen lohn gibt, und
an der guten meinung seiner leser und hörer ist ihm im gründe
nicht wenig gelegen (8, 18, 1191 ff.). Muss er es sich doch sauer
werden lassen; manclie nacht hat ihn an seinem werke arbeiten
sehen (11), und neben den wünschen für sein Seelenheil findet
auch wohl ein naiver seufzer um das liebe geld den weg in
seine verse (159, 68, 247 ff.).
Solche wünsche stören ja allerdings den epischen ton und
verletzen teils die gesetze feineren geschmacks: aber man darf
mit dieser zeit des realismus einer aufstrebenden gesellschaft
nicht zu streng ins gericht gehen und vergegenwärtige sich das
datualige iiiveaii des ästhetischen geschmackes. Da gibt es viel
schlimmere beispiele der geschmacklosigkeit: die drollige zettel-
schule des heiligen geisles bei Rulraan Merswin, Neun felsen
jt. 127, die vielen plattheilen des Rappoltsteiiier Parzif'als! Hier
wird z. b. mit der iniene eines rosskamras berichtet, wie der
bauer das pferd Sagreraors mit einem Strohwisch säubert 645,
45 ff. Karados macht Witze, die höclistens im rauchcoupöe er-
laubt sind 63, 32 ff. Die begegnungen mit dem teufel werden
zu regelrechten kaptizinaden ; und wer Über die ohnmacliten bucli
fhhren wollte, die der dichter verbraucht, bekäme ein nettes
stimmchen zusammen, das nur noch Hans vou Bühel erreicht').
Dieser uachahmer Kisteners, ein adeliger laie und ein in seiner
zeit ausgezeichneter dichter, leistet in roheit und gesclimack-
losigkeit gelegentlich beinahe das menschenmögliche, so dass
der einfach bürgerliche Kanz Kistener ihm gegenüber als eine
hocherfreuliche erscheinung absticht. Für die albernheit und
Plumpheit der Übergänge, die dem Biilieler die versnot abpresst,
ist kaum ein tadel scharf genug. Die seelische bewegung der
Personen, trauer oder Überraschung, finden bei ihm bisweilen
einen hochkümischeu ausdruck: weinend falten häufig die Prin-
zessin und ihr liebhaber im Diocietian 7980 vor helrübnis zur
erde, eine körperlage, die auch der kaiser sofort einnimmt, als
er erschrickt (Diocietian 8ß90fl',); trotzdem der dichter ver-
sichert, er sei wie tot zur erde gefallen, fährt er gleich fort:
,0 we der groszen not'
sprach der keiser, do er uf kam.
sine kleider er do nam
und zureisz sti alle zu male.
Wie psychologisch unwahr und wie grob die scene Bflhelers dar-
gestellt ist, als Ludwig, um den freund zu retten, seine kinder
tötet (Diocietian 8860 ff.), lehrt ein vergleich mit Kisteners ent-
sprechender scliilderung. Die kaiserin ,wütet wie ein zorniger
hund' und ,fnsKt sieb selbst vor zorn' (Diocietian ö7Sn '"""'\.
der kbnig von England sagt seiner mutter (Koni
sie babe ihm mütterliche treue erwiesen, wie
'] Ob traditionelles ilahei im spiele ist, gähr
>D s, 161 zu bedenken.
66
der biedere marschall kündigt der unschuldigen königin (Königs-
tochter 2371 fiF.) den tod auf dem Scheiterhaufen an, indem er
ihr die angenehmsten aussichten im jenseits eröffnet.
darumb, gnedige frowe min,
so gebent fleh nun glich darin
und lident es gedulticlich :
so kumpt ir in das himelrich
und mit fleh flwer liebes kind.
das wflnschent fleh all die hie sind.
und bichtent und gebt (dolt?) durch got ser,
wann ir blibent nit lenger mer.
dann unz die nacht herfflr gat;
dann helffe uns die trinitat
und auch flwerm lieben kinde.
Wir sehen, die ritterliche gesellschaft des vierzehnten Jahr-
hunderts, fflr die der Rappoltsteiner Parzifal bestimmt war und
der Hans von Bflhel angehörte, war nicht wählerisch, nicht
verwöhnt, in künstlerischer beziehung ohne feingefühl, beherrscht
von einem verrohten empfinden. Wie viel erfreulicher die in
der maierei, in der mystik, in der litteratur neu aufstrebende
bürgerliche kunst und Wissenschaft!
Beurteilen wir also den dichter liistorisch, so müssen wir
ihm hoch anrechnen, dass er sich von den groben Plattheiten
und roheiten seines Jahrhunderts frei hält.
Unserm dichter erscheint als höchste eigenschaf t des menschen
die opferwillige treue, mit der er gelegentlich aufrichtigkeit, be-
scheidenheit und freigebigkeit verbunden wissen will. Werk-
heiligkeit ohne bekämpfung der leidenschaften verwirft er (23 ff.).
Durch alle äusserungen eines weltentrückten Wunderglaubens und
alle phrasen des kirchlichen konventionalismus scheint ein ge-
sunder sinn für diesseitigkeit erfreulich hindurch. Das mensch-
lich ergreifende der fabel steht im mittelpunkte seines interesses,
ohne, wie bei Hans von Bühel, in rührseligkeit und ,nassen
Jammer* auszuarten. Kisteuer hat sinn für freundschaft und
faniilie; freud und leid menschlicher geschicke haben bei ihm
meist angemessenen, bisweilen feinen ausdruck. Wie diese
st€ig:erung des gefühls mit den allgemeinen geschichtlichen Vor-
aussetzungen zusammenhängt, hat bis jetzt am besten Harnack,
Dogmeiigescliiclite III* 380 ff. gezeigt. Kistener versteht es, die
gestalten der diclitang seinem bürgerlichen publikum in dessen
weise iiahezubringeu: den grafensohn im pilgergewande , arm,
verlassen, wie er stirbt nnd verdirbt; den rittersohn als un-
bemittelten fahrenden abenteurer, den die mit reichtum nii-ht
gesegneten eitern schon früh haben in die weit ziehen lassen
und der sein glück im fremden lande sucht; die rittersfamilie
zu Heigerloh in einem Vorstadtidyll bei einer Wäscherin.
Allerdings eine psychologische losung der Verwicklung, wie
sie Hartmann gegeben hatte, lag Kistener zu hoch und wider-
sprach auch den anschauungen des mittelalterlichen bHrgers,
der auf intim vertrautem fusa mit den gestalten des legenden-
himmels lebend, deren eingreifen in die beschicke ganz uattirlich
fand. Dass die mystik als solche die nothelfer und den ganzen
apparat äasserlichen kii'chentums gar nicht ausschliesst, sondern
vielmehr fordert, hat sehr richtig Harnack, Dogmengescliichte
III*, 379 bemerkt. Das grässliche geschieht hier aber auch
nicht mit unnattlrlicher kälte, sondern den Jammer und den tief
tragischen konfllkt in der seele des vaters lässt uns der dichter
mit erleben; aber wenn sich das herz müde gerungen, dann
lässt er fromm gott und seine heiligen eingreifen.
Seinen stoff beherrscht er völlig, um eines armutszeugnisses,
wie es sich Hans von Blihel in der Königstochter 4246 ff, aus-
stellt, nicht zu bedürfen, und er wahrt durchweg die einheit
des Stoffes und der idee. Er beobachtet auch mit erfolg das
gesetz des klinstlerischon kontrastes, wenn er uns von den fest-
lichkeiten der bürg an das totenbett des pilgers in der reise-
herberge, von dem festlichen gepränge der kathedrale in Com-
postelta in die einsame bürg und die gassen von Heigerloch,
von grossem glück zu tiefem elend, von aufregenden scenen zu
glücklicher befriedigung führt. Das mag auch ein Vorzug seiner
quelle gewesen sein. Aber man vermisst doch den sinn für
geschmackvolle gleichmässigkeit und abwechslnng in der aus-
führung, ein mangel, den er mit der volksballade teilt. Ebenso
fehlt ihm natürlich die schwungvolle fantasie und die gedankeu-
fülle des grossen dichters, der die schranken seiner zeit und
seines volkes überwindet. Was Görres den einfältigen deutschen
hausverstand nannte, wird Liei' oft als hausbackenheit lästig.
J
Kompositionstalent ist unverkennbar; wiedererkeniiungen und
gltkckswechsel sorgen für Spannung. Charakterisierungskunst
zeigt sich mehr in der Zeichnung der Situation als in markanter
dai'Stellung der personen. Der dialog ist lebhaft, rednerischer
schmück volksmässig sparsam. Zu dem stoff hat der dichter
ein wirklich inneres Verhältnis, das sich in vertraulichem mit-
gefühl ausspricht.
Was Kunz Kistener im übrigen seinem werke mitgeben
konnte, verdankt er zum grüssten teile der lektüre. In Strass-
burg hatte noch lange der deutsche Nonnus, der viel nach-
geahmte Konrad von Wiirzburg den geschmack beherrscht, ob-
gleich man sich auch gegen andere dichter nicht verscbloss.
Wie bei Egeuolf, dem Verfasser des Peter von Staufenberg, die
lektüre 'des Partonopier nachwirkte, so bei Kunz Kistener die
des EngelJiard. Der litterarischen entwicklung, welche die
dicUtung in bayerisch- österreichischen landen in der zweiten
hälfte des Jahrhunderte nahm, als sie sich in bewnssten gegen-
satz zu der Unselbständigkeit der höfischen Ubersetzungspoesie
stellte, bleibt er ganz fern. Die litteratur des Elsasses und
der benachbarten Schweiz bot ihm die beste auregiing. Gott-
fried und Konrad sind seine hauptsächlichsten Vorbilder. Er
kannte ausser Gottfrieds Tristan und Konrads von Würzhiirg
Engelhard, Partonopier und Silvester auch das fabelbuch BoJiera,
Egenolfs Peter von Staufenberg, die Parzifaldichtung von Claus
Wisse und Philipp Colin und wahrscheinlich noch manches ältere
werk der epischen diclitung.
Scherer bat also nicht recht, wenn er in der Geschichte
des Elsasses I 64 dem XIV. Jahrhundert abspricht, das.s man
die grossen Schöpfungen des XIII. Jahrhunderts noch zu würdigen
verstanden oder diesen meistern nachzueifern sich überhaupt
nur mühe gegeben habe. Nichts wäre freilich unbilliger, als
Kisteners leistung au den mustern der klassischen zeit zu messen:
er besitzt weder Hartmauns kunstvolle klarheit, noch Gottfrieds
glänzende stilistische kunst, auch nicht Konrads geschick und
lebendigkeit, nicht einmal Egenolfs glückliche fertigkeit als nach-
ahmer: sondern ein individueller, allerdings äusserlich beschei-
denerer, aber innerlich vielleicht wertvollerer lebensgehalt sucht
hier mit anlehnuog an das frühere nach entsprechender ge-
59
staltung. Auch die litteratur dieser zeit zeigt wie die maierei
ein doppelgesicht, als ruhepunkt alter, als ausgangspunkt neuer
ent Wicklungen. Lamprecht, Deutsche geschieh te 4, 293. Dabei
mangeln Kistener eigentümliche Vorzüge nicht: nichts mehr
von dem blass aristokratischem ton und der zwecklosen Weit-
schweifigkeit des höfischen epos, sondern gesunde natürlichkeit
und sicheres gefühl entschädigen für den mangel eines um-
fassenden Weltinteresses. Kisteners leistung steht mit allen
ihren fehlem doch beträchtlich über dem niveau der ritterlichen
dichtung seiner zeit, hoch über dem niveau der bürgerlichen
kneipe, das bald in der deutschen dichtung massgebend wird.
Die Jakobsbrüder beschliessen nicht ohne glück die altdeutsche
epoche der rein epischen dichtung in Strassburg.
An anerkennung und beifall hat es ihm nicht gefehlt. Ein
in seiner epigonenhaften zeit mit auszeichnung genannter dichter
der nächsten generation nimmt ihn sich in seinem erstlingswerk
zum entschiedenen Vorbild, ahmt ihm eifrig nach und entzieht
sich erst in seinem späteren reiferen werke dem überwiegenden
einfluss seines landsmannes. Kisteners fleissig abgeschnebenes
büchlein findet den weg nach norden und Süden : man schreibt
es in einen andern dialekt um, man hält es nach mehr als
anderthalb Jahrhunderten für würdig, im druck allgemein zu-
gänglich gemacht zu werden. Die anerkennung, die es fand,
erschwert uns die herstellung; sie war es, die hauptsächlich die
mannigfachsten Verderbnisse und modelungen verschuldete, wo-
von es erst gereinigt werden musste, um die alte Wirkung wieder
ahnen zu lassen.
Text.
In gottes namen vahe ich an, [A. bl. 60a.]
merkent vrouwen unde man:
von groszer trüwe ich sagen wil,
die zwene einander tatent vil.
5 hoerent diz gedichte an,
ez gehorte nie kein man,
wan daz ich ez han geseit
den lüten umbe ein häbescheit.
ez tet Kuonze Kistener.
10 tuot ez not daz ichz bewer?
1. Der prolog 1—70 fehlt in C. Über seine ähnlichkeit mit dem prolog
des Engelhard s. einleitnng, s. 21. Suchenwirt 40, 1.
2. Die entsprechenden formen der apostrophe bei Konrad stellt Wol£f
zur Birne 84 zusammen. Vergl. unten zu 649. Beispiele Konrads für den
gepaarten ausdruck gibt Jäckel, Egenolf von Staufenberg s. 12.
3. truwen A. Auch Le dit des trois pommes spricht am schlnss den
grundgedanken der treue aus: ,Par essemple vons ai en ce dit racont^,
comment nous devons tous garder no loiaut6\
ö. gedichte ir Ittte verstau A. Die anrede ir Ittte verrät sich
neben vers 8, den lüten umbe ein hübescheit als unechte erweiterung.
An solchen Verderbnissen, die in der regel dem streben nach breiter deutlich-
keit oder dem bemühen entspringen, die redeweise des Schreibers mit der des
Originals auszugleichen, ist kein mangel: vergl. zu vers 302, 307, 520, 1038,
1195 dz wissend, 1210. Konrads gesetz. der sich vor der letzten hebung
keinen hiatus erlaubt (Haupt zu Engelhard 716), gilt bei Kistener nicht mehr:
39, 125, 243, 895, 468, 509, 528, 547, 691, 737, 919, 1023, 1112, 1229. Jänicke
ging in der entfernung des hiatus bei Egenolf zu weit; zu Stauf. 20G. Wie
auch der fortsetzer des Trojanerkriegs den hiatus zulässt, zeigt Klitscher s. 23 f.
7. Wonne A.
8. Rappoltsteiner Parzif al, prologus 217 ,durch ere und durch hübischeit'.
9. Cuutze A. — 10. ich es A, und so fast immer.
62
ich hau gewachet manige naht,
daz ichz ze rinie han gebraht.
si üt dinne wandelbere,
ich wolte daz ez besser were.
15 Nuo hoerent ez luterlich, [bl. 61.]
ez hat bekümbert dicke mich.
ich meinte got din (and kein gelt)
sante Jacop und die weit.
swem ez ze hoeren si gemacht,
20 der spreche mir daz beste nach,
daz sant Jacop in mache rieh
hie ande dort eweclich.
Swer aplaz von gotte gert,
went sü, daz sü got gewert,
25 die bilgrin suUent lazen
11. Eonrads Alexius 1328, ,ini wart gewachet manage naht^
12. dz ich zA rüme A. — 13. Sige ^t do wandelbere A.
16. het A. Parton. 190 ,daz min tumbez herze sich vil kumbers an ge-
nomen hät^ Troj. 19605 ,swaz nf der höchgezite was ougen unde sinne, die
wären üze und inne bekümbert da mit sinem lobe\ Boners Edelstein prolog 40:
,dä von hab ich, Bongrius, bekümbert minen sin alsns*.
17. meinde . darine . A. gelt, nicht gel (Goedeke) steht in der hs.
Im allgemeinen vergleiche die von Schönbach, Über Hartmann von Aue
8. 436 £f. erörterten eingänge Hartmanns.
19. Dem.hoerende.A. Rudolfs guter Gerb. 1. ,Swaz ein man durch
guoten muot ze guote in guotem muote tuot, des soI man im ze guote jehen,
wan ez in guote mac geschehen, swen sin gemüete I§ret daz er ze guote
keret herze sinne unde muot, daz er daz beste gerne tuot, der hüete an dem
guoten sich, so ist ez guot und Iobelich^ 6844 ,swer habe s6 getriwen lip,
so diemüeten sin, daz er des mseres kurzwile ger, der läze min Ion daz wesen,
ob er ditz msere hoere lesen, daz er mir günne alsölher gunst, genieze ich
inder miner kunst, daz ich einen danc bejage nach dem ich warp ie mine
tage* u. s. w. Zu Kistener 1217. ,gemach*? Vogt.
20. Boner ,von dem ende diss buoches* 41 : ,und der, der ez ze tintsche
bräht hat von latin, des müez gedäht iemer ze guote werden in himel und
üf erden*.
23. Der appe los A, nicht applas, wie Goedeke drucken Hess. Passional
in V. d. Hageus Germania 7, 271: ,Er tet als die alle tunt, die applaz wollen
erreichen; diz solde im wesen ein zeichen umb der sunden vergift*. Jakobs-
lied bei Goedeke, Gengenbach s. 631 anmerkuug: ,wer gnad vnd ablass haben
will, der müss sein sünd vor bSsen*.
63
af allen gottes strazen
durch got Iiaz unde nit|
anküscheit and iren grit.
Swer gottes Worten also tuot,
30 die sint luter unde guot,
swaz der jttngliug guotes gert,
wissent daz in got gewert,
swem geverten got beschert,
mit dem er uzer lande vert
35 und trüwe warheit globet im,
er welle varn mit in dahin.
Swer aber trüwe bricht an im,
er möhte baz daheime sin.
Swer sant Jacop gerne ert,
40 des heil und selde wiirt gemert.
Der vil heiige zwölfbotte,
die gnade hette er von gotte:
ez ist, als ich üch sage hie : [bl. 61 a.]
28. Im Libellus de miracnlis s. Jacobi (Patrologia [Migne] 163 p. 1372)
wird erzählt, ein junger mann sei wallfahren gegangen, ohne vorher seine
unkeuschheit gebeichtet zu haben. Jacob belehrt ihn: ,qaicunqiie propter me
vult peregrinari, prius debet sna per confessionem peccata dicere et post pere-
grinando eadem commissa poenitereS Acta Sanctorum Juli 6, 46 B £f. 54 £ £f.
Legenda aurea (Lugduni 1516) cap XCIV. Ähnlich mahnt Calixtus II. im
Sermo primus in vigilia s. Jacobi Zebedaei apostoli a. a. o. p. 1378 A. Auch
litteraturgeschichtlich bemerkenswert ist eine folgende stelle derselben predigt
p. 1.381 C: „qui . . . jocos joculatorum diversos fecerunt vel vidernnt, vel
cantilenas mendosas decantaverunt , nisi rcsipueriut, profecto damnabuntur''.
Gautier, Les 6pop6es frangaises II * 22. Des ,grites' klagt Merswin vor allem
die bürger und handwerker au, Neun felsen s. 38£f. — 29 u. ö. wer A.
30. buchstäblich = Gottfrieds Tristan 9839. Dieselbe Verbindung Konrad
Troj. 4164, 5646, 7543, 14430.
33. gewerten A. Zum ano xoivov vgl Jänicke zu Peter von Staufen-
berg 69, Behaghel zur Eneide s. CVIII und Paul, Prinzipien der Sprachge-
schichte « s. 114 f., 265 f., Kistener 179 f., 441 ff., 631 ff.; auch 140 f., eine er-
scheinung, die Behaghel zur Eneide s. CXXIf. umschrieb.
35. in A. — 37. brichet . in A. — 38. lieber A.
40. vns A, über den ausdruck ,heil und saelde meren*, Bartsch zum Turnei
11, wo man zahlreiche belege Konrads hinzufügen könnte.
41. vil fehlt A. vgl. 98. - 43. ,als ich üch sage' R. Parz. 255, 42.
Im allgemeinen vgl. Klitscher s. 60 ff., Jäckel s. 22 f.
64
sante Jacop nie enlie
45 verderben uf der straze sin
von hangers not kein bilgerin.
Swer trfiwe and ernest hat dahin,
der sol von gotte sicher sin,
daz sant Jacop in nfit verlat,
50 swer uf der straze ritt od gat.
Swer guoten werken volget noch
ond sich zuo den besten zoch,
der mag hie selig alten
und dort sin sele behalten.
55 Swer die boBsen vliehet
and sich zen besten ziehet,
daz vromet vor maniger not.
Die boesen gent boesen rot.
von getrüwen IQten wil ich sagen,
60 wan ichn magz lenger nlit vertragen.
als ich allerbeste kan,
ein rede ich getihtet han
ze eren und ze lobe
got unde sant Jacobe,
65 die bede guot zerende sind.
44. yerlie A.
49. in fehlt, enlat A. Stanf. 10, 411. Eonrads Herzemeere 328. Den
gedanken führt die legende in v. d. Hagens Germania 7, 263 f. aus.
50. rittet A.
52. der sich . dem A. Troj. 49209 ,dar nmh ein ieclich saelic lip . . .
sich zem besten sol gehän'.
54. R. Parz. 272, 32; 737, 24; Troj. 49809.
55 f. Roethe zu Reinmar 94, 9. — 57. von A.
6(). wan ich enmag es nüt lenger vertragen A. vertragen wie
verdagen (von Merzdorf zur Königstochter 1027 falsch erklärt), auch Pyra-
mus und Thisbe (Zfd A 6, 505) 46 ,si woltenz lenger niht vertragen' und
Hätzleriu s. 116, 26 gebraucht: ,der herre sprach: der red vertragt*.
61. so A. buchstäblich = Ulrichs von Türheim Trist. 22. Heinrichs von
Freiberg Trist. 84. ,al8 ich beste kan': Konrad 8ilv. 89. Troj 19699. Älteres
bei Radke, Die epische formel im Nl. 33.
64. Passional in v. d. Hagens Germania 7, 260 und 264. ,lobe : gote und
saute Jacobe'. Vgl. Kistener 538.
66
Nu helf uns Maria and ir kint,
daz unser ende werde gaot.
gewiu der weite sanfte tuot.
Die vorrede ich han geseit.
70 got mere nnser selikeitl
Hoerent, wie ich den sin gevant!
men seit mir daz in Peigernlant
saz ein erlich biderman, [bl. 62.]
der lüte und lant het undertan.
75 daz er ze rehte ein yrum man hiesz,
durch liep und leit er schouwen liesz.
er was ie dem rehten bi;
66. in helfe ist das schliessende e von jüngerer hand.
68. Zum gedanken vgl. Engelhard 126 ,swaz gnot gewinnet, daz ist wert'.
Troj. 1984 £f., 46222 £f. Liedersaal 218, 385.
70. C beginnt: ,Wend jr hSren wander vnd gross lob Von dem
gfiten herren sant Jacob Vnd losent wie jch die sach befand Man
lyset das'.
71. gevant A, nicht gewant, wie bei Goedeke zn lesen. Bühelers
Diocletian 9444 ,Ein gut geselle mir sin gedacht, der mir den synn geschriben
bracht^
72. men A; nicht, wie Goedeke druckt, man. Peigernlant A, nicht
Peigerlant.
74. vntertan A. Dem leüt vnd land was vnderthan G. Von
allitterierenden formein, über die, soweit sie Gottfried verwendet, Preuss in
den Strassburger Studien I 3£f., und, soweit sie Konrad gebraucht, Haupt zu
Engelhard 3465 handelt, finden sich bei unserm dichter folgende: lüte unde
lant 74, 648, 1015, leben, lüte unde lant 119, liep und leit 76, ze
liebe und nüt ze leide 461, von liebe und von leide 715, leide und
liebe merlll5; auch ausserhalb solcher formein liebt Kistener allitterierende
Verbindungen, wie lant erbelos 90, lant mich luogen wie sü leben
186, er sach sü an, sü nam sin war 205. Über allitteratiou bei Budolf
von Ems Krüger, Stilistische Untersuchungen s. 13. Weniges bei Egenolf ;
Jäckel s. 14.
75. Durch dz er frummen hies A. Dar zu er wol fromm hiess
C. ,ze rehte' ergänzt nach Troj. 45743 ,der ir man ze rehte hiez'. Über zeit
und Veröffentlichung der fortsetzung Jäckel s. 85. Auch Kistener benutzte
wahrscheinlich den Trojanerkrieg nicht anders als mit dieser fortsetzung,
deren dichter seinem können näher stand als Konrad.
76. Durch lieb und leid er nit enliess C. Durch liep durch leit A.
77. 78 umgestellt in C. er stand alle zeit dem rechten by C. Die
parallelen Konrads (Engelhard 4115 ,der hie stät dem rehten bi', Part. 4378
Bniing, Kistener. 5
66
sin bürg stuont werlich unde vri,
duf er vertreip sine zit
80 daz men sin lop kündet wit.
er was genant her Adam,
ein guoter grave lobesam.
er lebete alse ein cristenman
mit siner vrouwen wolgetan.
85 sü hieltent ördelich ir e.
zwölf jare oder me
sfl vrüntlich bi einander woren,
daz vruht von in nie wart geboren.
ir beder klage die was ie grosz,
90 daz ire lant erbelos
nach irme tode sölten sin.
Er sprach ,vernim mich, vrouwe min,
waz ich han vor manigen tagen
,denn ich dem rehten stttende bi*) würden auf die lesart von C führen, die
aber wegen des ,8taont* im folgenden vers wahrscheinlich nicht echt ist. Ein
ähnliches lob wird Troj. 630 gespendet: ,uureht daz vlöch er unde meit^
78. stet A. was C. unde fehlt C.
79. do uff A. Dar vff hielt er eerlich sein zeit C. Der ausdmck
,8ine zit vertriben' ist bei Konrad häufig. Z. b. Troj. 700, 20526, 27694 [41735].
80. noch kündet C.
81. 82 und 83 : 84 umgestellt nach C. Es folgen in A. 83, 84, 81, 82.
81 geheissen A. Wolflf zur Birne 35 und 299.
82. ein gross here A. Part. 14344 ,zno dem gräven lobesam'. Über
,lobe8am' Haupt zu Engelhard 1185, Jäckel s. 51; auch das volkstümliche
wolgemuot verwendet Kistener 596, 685. Schilling, De usu dicendi Ulrici
de Zazikoven s. 24. — 83. also A.
84. über ,wülgetän* bei Konrad Wolff zur Birne 102, 111, 415. Jäckel s. 43 f.
85. ördelichenA. Die mundartlichen formen bei Lexer im DWB 7,
1324. gar ordenlich C.
86. By zw8lff jaren vnd dar zu me C. mer A. Hans von Bühel,
Diocietian 3362 ,Sy warent bi einander drü jar, das sy nie kein kint gewann
88. Das kein frucht von jn C.
89. so gross A. die und ie fehlt C.
90. jr leüt vnd lant C. erbloss AC. — 91. solte A.
92. Herzm. 288 ,vemim mich, trüt geselle min*. Silv. 793 ,vernim waz
ich dir welle sagen*.
93. was ich von m. t. so rehte wol han gehöret sagen A. wie
jch han C. ,sü rehte wol* Wolff zur Birne 411. Silv. 3039 u. o. Jäckel 8.44.
67
so rehte wol gehoeret sagen,
95 waz sant Jacop zeichen tuot!
vrouwe, dunket ez dich guot,
(wan ich so gnoten glouben han
an den vil heiligen man;
er lat nieman angewert,
100 der mügelicher bette gert)
daz wir sin bede bittent sint,
daz er uns beschere ein kint?'
Der rat geviel der vrouwen wol. [bl. 62 a.]
,her, wise mich, wie ich sol
105 sante Jacop rttefen an,
daz er ans nüt versagen kanS
er sprach ,wir süUent beide,
als ich dir na bescheide,
darch got lihen ande geben,
110 boesen werken widerstreben'.
Daz hielt die vroawe stete
96. euch C. Gottfrieds Tristan 9362 ^danket ez dich gnot^ Hans von
Bühel, Königstochter 6757 ff. ,er sprach: liebe huszfrow min, will es ttch auch
dünken guot, so sag ich üch da miuen muot'. Wolff zur Birne 204. Troj. 3303
,d& von so dunket mich daz guot^
97. gar gilt en C. Stauf. 13 ,wan ich sin guoten glouben han^ Engel-
hard 1360. Kist. 1183.
98. an den heiligen vnd werden man C. Alexius A 1052 ,den
yll heiligen man* u. o. — 99. Der doch niemandt lot vngewart C.
100. mtlglicher ding von jm begSrt C. R. Parz. 217, 13 ,ez bit
üch mügelicher dinge doch'. Merswin, Neun felsen s. 122 ,wilt du bitten, so
solt du got bitten einer mugelichen bitte'. Eistener 162. Closener 69, 12.
,mügelicher und zimelicher dinge'. — 101. bittende A. ynbaideC.
102. vns helffe vmb ein kind C. — 103. Wolff zur Birne 270.
104. Here A. Sie sprach nun vnderwis C.
105. Den lieben sant C. — 107. Der herr C.
108. Dasjch C. ,nu' fehlt A. hie C. ,als ich in nü bescheide' Lach-
mann zu Iwein 2989 = guter Gerhard 171. Troj. 48647. Vgl. Stauf. 678 d, 868,
Jäckel s. 23.
109. Allzeit durch gottes willen geben C. über , lihen unde geben*
stellt Bartsch zum Turnei 28 einige stellen Konrads zusammen. Hans von
Bühel, Königstochter 3549 ,ich wil üch lihen unde geben'. — 110. Vnd C.
111. hielte A. mit willen st^t C. Wolff zur Birne 126, 127. ,diu
5*
68
ein ganz jar mit gebette,
daz sQ mettin nie yerlag
noch in dem jare dheinen tag,
115 sie bette uf iren knfiwen
sant Jacop dem vil getrüwen,
daz ir ein kint beklibe,
dem nach irme tode blibe
ir lehen, lüte nnde lant.
120 Got gewerte sü zehant:
die vrouwe eins kindlins swanger wart.
der her gelobete die vart,
daz ez ein knabe were,
würde er lehenbere,
125 er wolte ie gerne in
schicken nf die verte hin
gen GnmposteUe in die stat,
da sant Jacop gnade hat.
sns gelobete er die yerte.
130 Sant Jacop in gewerte,
die vrouwe in dem jar genas
TToawe stsete' Troj. 38272. Herzm. 439. ,daz hielt er allez stsBte mit rede
und mit getsete' Silv. 585. Jäckel s. 56. — 112. mit irem gebSt C.
113. mettini nie A. Das sie kein mettin G. — 114. nie kein 0.
115. bettete A. bSttet ernstlich C.
116. dem fehlt A. vil fehlt C.
117. Das er jnen nit yerzigi Vnd an erben nit belibi Vnd jn
hulff vmb ein kindt Das gewSrt er sie geschwindt Das von jn
arbte leüt vnd laudt C. — 119. lüten A.
120. sie do C. ,eins kindes si swanger wart zehant' R. Parz« 47, 1.
Über ,zehant' bei Konrad im reime Wolff zur Birne 300.
122. gehiesz sant Jacob zart C.
123. Dar vmb das es ein knab ward C. er A. ez Eistener 135.
Parton. 4455 ,der uns da seite masre. daz ein knabe w8Bre^
124. Vnd l&bent blib vnd nit starb C.
125. in gerne in A. So w8lt er jn allein schicken do hyn C.
126. fart A. Des gab er yn die trüwe sein C.
127. Gunponstelle A. — 128. do der lieb C.
129. also A. Also verhiesz der herr die vart C.
130. sie jr gewS,ret wardt C.
131. Hans von Bühel, Diocl. 14 f. ^darnach fuogt es sich also, das die
69
eins kindes schoBne, ein knabe ez was.
die vronwe in irme mnote hiesz, [bl. 63.]
daz man den herren wissen liesz,
135 daz ez ein knabe were.
Ein kneht vernam die mere:
er saz uf und reit vil bald
zuo dem herren in den wald.
er süochte in, da er jagete.
140 die botschaft er im sagete,
dem herren liebe mere,
daz sin vronwe genesen were.
er sprach ,edeler herre zart,
ich sag Qch uf dirre vart,
146 her, ir sulnt kein ungmach haben:
min vronwe ist vrisch und hat ein knaben^
Do wart so rehte vro der man,
sante Jacop rief er an
,geIobet du lieber heiige sist,
150 daz du min vUrsprech gwesen bist
unde mir den lieben gast
fronwe des kindes genas, ein schoaner lieber knabe es wasS Königstochter
1661 ,ein hübscher lieber knab es was' = 5522. Vgl. 3327 f.
132. Eins kindts ein schSner C. — 133. jn jren nSten C.
134. man es C.
137. balde : in dem walde A. Vff ein pf Srd sass er bald C.
138. Vnd reit zum C. Zum reime vgl. Wol£f zur Birne 159, 160.
139. in fehlt A C. Vnd Iftget C.
140. Dem herren er frSlichen C.
141. Das wanderzeichen vnd guten (!) mSrC. WoI£fz.Bime235f.
142. Daz fehlt A. Troj. 41658 ,nü mir k&men msere, daz min vronwe
genesen weere eines 8unes^
143. 144 fehlen in A. [Vielleicht nur erweiterung in C wie nach 154. Vogt]
144. Parton. 12495 ,als ich in sage üf dirre vart^ — 145. Ir sond kein vn-
müt C. Boner 72, 58 ,vrouwe, habent kein ungemach'. Hans von Bühel,
Königstochter 660 ,frowe, nun habent guot gemach^; vgl. 784.
146. hat fehlt A. hat ein schSnen knaben C. ,vrisch* B. Parz.
719, 4. — 147. war A. von hSrtzen C.
148. Er rüff t s. J. mit ernst an C.
150. fürsprech sist A. fürsprecher gewesen bist C.
151. diesen lieben C. Hans von Bühel, Königstochter 686 ,aIso kam
mo uns der liebe gast^
70
umbe got erworben hast.
got si gelobet! ich bin gewert,
des ich lange han begert*.
155 der kneht hiesch im daz botenbrot:
zehen gfildin er im bot.
die güldin leit er sider an,
damit wart er ein selig man.
Got uns oüch beraten sol:
160 sante Jacop, tno so wol,
du wellest alle die gewem,
die mfigelicher bette gern!
Der herre do sin jagen liesz,
den jeger er daz wilde hiesz
165 schicken uf die borg hindan.
die hunde hiesz er lonfen lan. [bi. 63 a.]
152. 80 trewlich C. — 153. so si A. Got sey C.
164. dz A. Das C. jch von hSrtzen C. ,gewert : begert* Tristan
4907, 18227. Guter Gerhard 6173 u. o. Engelhard 667. Welt lohn 210.
Wolff znr Birne 389. Stanf. 317. Jäckel s. 77. Formelhaft. Es folgen nach
154 in C: Des herren knecht getrtiw Sprach gar frClich ane rüw.
155. hisch A. Herr jch will haben C. — 156. Der herr jm C.
157. Die selben g. leit er an C.
158. Vnd ward do mit ein biderb C. Über ,s8elic^ bei Eonrad han-
delt Wol£f zur Birne 498. Jäckel s. 56. Hier steht es in engerer bedentung
gleich ,rich', wie auch Hans von Bühel in der Königstochter 827 beide Wörter
fast tautologisch verbindet ,sie wurden selig und auch rich^
159. Ich getrew got C. Vgl. Hans von Bühel, Königstochter 4245.
160. Lieber s. J. nun thü C. Dass die wendung ,tuo so woP besonders
für den Stricker bemerkenswert sei, wie Jensen, Über den Stricker als bispel-
dichter s. 75 f. annimmt, kann man bei der Verbreitung dieser redeweise nicht
behaupten. Vgl. Erec 4802. Wolframs Parz. 620, 1. Tristan 2718, 7608,
8782, 14487. Engelhard 1832. Silv. 2684. Parton. 1446, 2862, 4836, 9462.
Herzm. 324. Troj. 1864, 2352, 2694, 4410. R. Parz. 589, 19.
161. du fehlt C.
162. gerent A. mfigliche ding von dir C. So berat vnss auch
dess vnss sey not In dyser zeit vnd nach dem todt C.
163. Also der herr C. do fehlt C.
164. er do A. Den herren vnd knechten ze sal er bliess vnd
hiess das gewilde do Mit guten züchten also senden C. Über
unorganisches e in dieser zeit, das in ,wilde* vorliegt, spricht Jänicke zu
Stauf. 54.
71
sine diener warent alle vro,
heiles bnttents ime do.
er dankte in allen gemein:
170 ,balde lant uns riten hein!^
einer slaog vür den andern dran,
der herre doch ze vörderst kam,
wan er was geritten wol.
sin herze was gemüetes vol.
175 er reit in allensament vor,
er was der erste an dem tor.
In enpfieng wol allez daz da was.
er dankete in zwürne baz.
den hem an lachende lief
180 gemeine daz gesinde rief
,daz botenbrot wellent wir haben;
her, ir hant ein schoenen knaben,
des min vrouwe genesen ist.
des si gelobet der heiige Crist*.
185 Er sprach ,ich sul üch gerne geben;
lant mich luogen wie sü leben'.
Zwene vielent an daz pfert,
167. wurden C.
168. Vyl gelückes wunsten C. ,heiles bieten* unbelegt, »batents?*
169. gemeine A. — 170. Er sprach wir send C.
171. Einre A. Sie schlagen alle frischlich dran C.
172. doch fehlt A C. ze aller C. — 173. wanne A.
174. aller frSiden C. Gottfrieds Tristan 3519 ,sin herze daz wart
mnotes vol*. — 175. alle verre C.
176. Darumb was er C. am thor C.
177. wol fehlt A. Boner 20, 33 , allez daz da was*. — 178. drystent C.
179. Das hoffgesind gemeinlich lieffC. Tristan 3941, 5184, 11179.
180. gemeinde A. Mit lauter stimme eir zu jm rieff C.
181. Hans von Bühel, Königstochter 3216 ,das bottenbrot das muosz ich
han*. — 182. habt A.
183. Hans von Bühel, Königstochter 1713 ,mein gnedige frow genesen
ist*. 3220 f. ,die loben den vil werden Crist, das mein frow küngin genesen ist*.
184. Darvmb werd gelobet crist C.
185. Er sprach fehlt A. sol A. es gerne C.
186. wie die frowe lebe A. über ,luogen' s. zu 192.
187. Zwen knecht C.
72
darnach 2wene an sporn und swert,
balde stt im ^rten abe.
190 er sprach ,nement swaz ich habe!'
den mantel gab er in darzuo:
,na Inogent, waz die vronwe tno!'
Vttr die vrouwe er do lief.
dem kinde er da Jacop rief,
195 als er ez heiszen wolle,
so man ez toafen solte: [bL64.]
er sprach ,ir solnt got wilknm sin,
lieber sun und vrouwe min!'
stt dankte im mit vrSuden wider:
200 ,lieber herre, sitzent nider*.
er saz zuozin uf daz bette,
vil liebes er mit in hette.
vil groszer vröuden in beschach,
daz man sfi bede weinen sach.
205 er sach stt an, stt nam sin war;
als ein rose wart stt var,
die von ixBte ist enzunt.
er kust stt vrttntlich an den munt.
vi'öude ttber vröude was do,
188. Die andern and sporen ynd ans C.
189. Das garten sie jm bald ab C. — 190. nun n&mendt C.
192. ,laogen' bei Eonrad s. Haupt zu Engelhard 932. Joseph QF 54, 72.
Hans von Bühel, Diocl. 8422 ,das ich luoge, wie ez im ge'. Zu ,waz die
yrouwe tuo^ vgl. Hans von Bühel, Königstochter 1403 ,was die küngin tuo*.
193. Der herr zÄ der frawen C. — 194. da fehlt C.
197/8 sind in A in einen vers zusammengezogen: Wilkum sün ynd
frJwe min. — 198. Mein lieber C. — 199. mit vroüden fehlt A.
201. zu in A. zö jr nider C. — 202. Liebi vyl C. mit ir C.
203, 204 fehlen in A. — 205. B. Parz. 283, 8 ,er saz abe, dez nam
sü war*.
206. gefar AC. QF 54, 68. 42. Preuss, Strassburger Studien 1, 47.
Troj. 27917 ,wart alsam ein rose var*. Jäckel s. 44. — 208. frSlich C.
209. do was C. Die anapher (vgl. 347flf.) ist besonders bei Gottfried
und Hans von Bühel (z. b. Diocletian 1300, 1315, 1492, 4360, 8505. Königs-
tochter 488, 497, 1722, 2134, 2142, 5376, 5461, 7933) häufig, wovon Seelig,
der des dichters Stil (Strassburger Studien 3, 314 ff.) behandelt, schweigt. Über
78
210 sü wurdent vröuden nie so vro,
als do und darnach mangen tag.
Got uns wol gehelfen mag,
daz wir sin vroBlich hie nnd dort:
daz bitte ich durch die heiigen wort,
215 die hfite in der messe las
der priester, da got selber was.
Der herre sprach ,wir solnt daz kint
tonfen daz wir sicher sint^
die yroawe sprach ,man ensol,
220 daz kint ist keg und lebet wol.
aht daz wir gevattern haut',
er sprach ,ich han darnach gesant^
Do kam ein erliche schar
geritten von den Ittten dar.
225 uf maus tor an den angen stiesz,
vrüntlich man sü wilkomen hiesz.
daz kint man hin ze toufe truog:
dar kam weite ein ungevuog.
der pfaffe segente ez gar wol. [bl. 64 a.]
Gottfrieds anaphern Prenss, Strassburger Studien 1, 28 ff. Ober Egenolf Jäckel
8. 30. Roethe, Beinmar 295 £f. — 210. Do was vermitten aller hass G.
211. als do fehlt A C. manichen A. — 212. auch wol helffen C.
213. wir frSlicb sint A. wir hie s&lig werden vnd dort C.
214. durch fehlt A. Des bit jchdie heiligen werck vnd wort C.
Zur Sache vgl. Freidank 67, 7 ,disiu wort sint als ein wint wider den, diu
in der messe sint'. Stauf. 944 ff. Ein stilistisches Vorbild Troj. 11348.
215. Die der priester hüt C. — 216. Vnd got selb do by was C.
217. Es sprach C. kindelein : sein C. Über die kindtaufen Eriegk,
Deutsches bürgertum n. f. 1871, s. 188 ff.
220. frysch es lept C. — 221. achte A.
223. kam gar C. Troj. 885 ,Der kam da hin ein roichel schar'.
224. geritten fehlt A. Geritten für die bürg hin dar C.
225. diethorC. angelA. Vgl. Engelhard 4301 ,biz an den angen'.
226. früntlichen A. — 227. man do ze C.
228. V ff die stat sein füg C. B. Parz. 243, 10 ,nach ime lute ein
ungefuog'. 657, 35 »starker wunden ein ungefnog'. 632, 20 ,ir waz gegen
im ein ungefuog'. 48, 17 ,vil maniger bände ein ungefuog'. Einleitung s. 19.
229. gar fehlt A. der pfaff der es touffen wolt C.
74
230 er vragete sü aber vor,
wie des kindes name solte sin.
des seitent im die pfetterin
,man sol es toafen Jacop
sante Jacop durch sin lop,
235 der mangen menschen nzer not
erloeset hat von misse tot'.
So man daz kint getoufte,
sin gettelinz dp sloufte
in sin westerhemdelin.
240 do hnlfent in die pfetterin.
sü gabtent ime erlich
cleinote von golde rieh.
den gevattem dankte er.
sü sprachent ,dAz sint liebe mer
245 and hant mit willen daz getan.
herre, lant ans arlop han'.
do vaorent sü in gottes segen.
Der welle anser iemer pflegen,
anze daz wir heilig werden,
250 daz wir so werben t hie af erden.
Das kint wart uf die barg getragen.
230. fregete, nicht fragte (Goedeke) steht in der hs. A. Der fragt
wie do solt C. Gottfrieds Tristan 1975 ,er Mgete ombe daz kindelin wie
sin name solte sinS — 231. wie nnd solte fehlte. — 232. gef&tterein C.
233. nenne;i C. — 234. Dem guten s. J. C.
235. manigen A. hilfft auss not C.
236. Vnd erlost hat vor bSsem todt C.
237. Also A. Das kind thet man do also toufften (!) C.
238. Die gSttel es C. — 240. Also dann jst der gStten sin C.
241, 242 fehlen C. — 242. cleinotter A.
243. Dem A. Sein genattern C. — 244. dissint A.
245. Wir hand es m. w. gethan C. — 246. nun land C.
247. heim in C.
248. muss vnser C. Stauf. 415 ,der müeze ouch unser beider pflegen*.
249. jheiiig werden', 1175 ,in der zit', steht wohl im Zusammenhang mit
der mystischen frömmigkeit, deren ziel dies ist. Merswin, Neun felsen, s. 28,
29, 31, 35, 36, 38 ff. ,gehilgen in disen ziten*. Preger, Geschichte der deut-
schen mystik 3, 214. — 250. So l&beud wir lang vff erden C.
251. wider vff C.
76
Sit han ich gehoeret sagen
grosze zeichen, und geschahen!
Ifiten, diez mit engen sahent,
255 die got und sante Jacop tet,
die man bewerte an der stet,
da noch hüte ein closter stot.
nu helfe nns got nz aller not! [bl. 65.]
Ir kint sü zngent liep nnd zart,
260 ein stolzer jUngling ez da wart.
swaz er anvieng, daz stnont im wol,
sü tribent mit im mangen gol,
daz noch wol geraten wil.
kint darf man nfit straffen vil.
265 ez beschulte in siner jugent,
daz man seite grosze tagent,
diez in der kintheit bevieng.
swa er hin reit oder gieng,
daz gesinde nam sin war
270 und vartent sines willen gar.
262. jch vyl C. Wolff zur Birne 340 g. e. — 263. Grosser, die C.
264. lüte A. von leüten C. mit den A C. Troj. 17622 ,die ez mit
oagen sähen'. S. Einleitung s. 47. — 266. Do ward bewart C. stette A.
257. hüte fehlt A.
258. vsser A. Troj 42629 ,daz ez in hülfe üz aller not'. Hans von
Bühel, Königstochter 8071 ,got helffe in noch usser not*.
259. erzngen sie gar zart C. B. Parz. 651, 42 ,die frowe, die im
gast hette liep und zart*. Diocletian 22, 7614. Königstochter 668. Vgl.
Engelhard 1286 und zu 3713. Troj. 24052 ,si was ir liep gar nnde zart'.
260. Dar auss ein C.
261. 262 fehlen C. 264 folgt nach 268, und dann Das zö eren werden
wyl C.
262. zu gol vgl. Diocletian 2892, 3606. Strasshurger Studien HI 306.
263. wol fehlt A, war aber nach Stauf. 501 herzustellen. Zu geraten
vgl Hans von Bühel, Diocletian 4435.
264. das kint A C. Das gegenteil der hier geäusserten meinung hatte
Rudolf von Ems in seinem, Kistener vielleicht bekannten (vgl. zu 683) Bar-
laam 380, 1 f . als seine ansieht aufgestellt. Weitläufige ausführungen über
diesen der reformationszeit wichtigen gegenständ bietet Wickram im Irrreitend
Bilger bl. 44f. — 265 beschnldete A. in der C.
266. im seite A. von jm C. — 267. ving A. — 269. sein eben C.
270. fortent A, warteten C. Die meisten ausdrücke von ,vären' c.
76
den snn die matter hette zart,
nie kint dem vater lieber wart
ir beder trost an ime lag.
S& lieszent selten dheinen tag,
275 sü gedehtent an die vart.
der knabe zwölf jar alt wart.
wan in der her darnach ansach,
znozim er yU dicke sprach:
,san, wolte got, daz da die vart
280 bettest getan, die globet wart
e din mnoter din genas!
sante Jacop, hilf ans daz,
daz wir geleisten dise vart,
die wir lange hant gesparte
285 Der snn darombe wnste niht:
so er den vater troren siht, [bLföa.]
balde er hin znozim gieng,
vrüntlich er in nmbevieng:
,lieber herre, sage mir,
290 vater min, waz wirret dir?^
,Sit da vrantlich bittest mich,
snn min, lasz ich wissen dich.
kal dms DWB 3, 1257 ms Kmiaenboi^. Der artikd rerte, dAS im Mhd.
mh. 3, 257 b, 21 als ein sw. t. angeseut ist, wird durch die richtige lesart
doMMTB bei Hegel 49, 12 hinfUlig. Closener schrieb nimlich ,8att6nt'.
27L Die nttter das kind hat gar C. Jolande 2943.
272. seinem C. Troj 7403 ,wan mir nie gast s6 lieber wart*.
275. gedochtent A. gedachten C. [Zum indikatir in der fiberfieferang
vgL M orolf 615. 4. 5 a. anm Vogt.]
276. Do nnn C. — 277. Wann der herr das kind ansach 0.
2??. Zn menger stnnd gedacht er ach C.
279. Lieber snn C. — 2*1. Terheissen C. — 281. Do C.
382. Herr sant C. — 283. Wir leisten mögen dyse C. die rart A.
2M. so lang C. — 28t^. traurig C. — 287. Gar bald C.
2S3l Vnd jn C. Sunt 310 ,mit armen er sü omberioig'. Kistener 325.
Ha» Ton BnbeL EHodedan 8472. 8333. 8211. Formelhaft. Jiekel s. 74.
2S?. Er sprach lieber herr Tnd Tstter mein C.
2i»-'. Wa5 jLÄg rüwer seüfftien sein 0. SUof. 717d ,was wirret
dir. Bc-DcT i54. *>l. — 2?1. Er sprach : fragest C.
2^. iLiB fthlt A- Mein kind so C.
77
lieber snn, ich wil dir sagen,
wie wir hant vor langen tagen
295 gelobet eine Jacopvart,
daz din mnoter swanger wart.
der heiige hat geweret mich.
darumbe sol ich schicken dich
alleine nf die verte hin.
300 daz beswert vast minen sin,
daz wir so ver alleine dich
sölnt schicken hin, daz jamert mich'.
er sprach ,sit mir got hat geben
sele lip gnot nnde leben
305 und daz sante Jacop bat,
daz üch got geweret hat,
nnd Sit ich wol geriten mag.
293. Vnd wil dir jn gantsen trüwen C.
294. hant fehlt A. vor mengen G.
295. Sant Jacoh gelopt ein G. — 296. din din A. Eee das C.
297. Also hat sant Jacoh G. — 298. mflss G.
299. Gon knmpostell vff die fart Do sant Jacoh hegrahen
wart G. fart A.
300—302. mir müt vnd sin Send wir allein dich schicken do
hyn G.
302. hin fehlt A. Nach diesem verse folgt der flickreim Die rede er
merckete eben A. Die rede verstilnd der knah gar ehen G, der sich
schon dadurch als unecht erweist, dass er das zahlenverhältnis der reimpaare
zerstört. Ähnliche flickverse: Gengenhach nach Eistener 524 (Goedeke vers
524, vgl. 8. XXII f.). Friedrich von Schwaben ,Er nam ir eben war' y. d. Hagens
Germania 7, 111. Troj. 43729. Boner 36, 10. GA LVU 101. Bühelers Diodetian
57, 137, 1250, 1718, 3433. Königstochter 6338. Kanfringer 1, 317. 14, 79
n. ö. Schmicher, Kellers Erz. 306, 18. Andreas Knrzmann WSB 88, 816, 198 a,
851, a. 9. Jäckel s. 80. Als spezifisch Bosenplütsche Wendungen kann man
das ,eben war neroen' u. ä. nicht bezeichnen. ,eben war nemen* ist gewöhn-
liche prosaische weudung Merswin, Neun felsen 91 : ,und dis nimmet der bese
geist gar ebbene war*.
303. Vnd sprach C. sit fehlt A. sit hat mir got A. dann got hatt G.
304. guot fehlt A. Seel lyb gut vnd G. HMS 3, 468t, 29 ,got der
h&t uns vil gegeben, die sinne, lip, söle unde lebend WoI£f zur Birne 308
[Troj. 45303]. Jäckel s. 12, 13. — 305, 306 fehlen G.
307. und fehlt A G. sit ich wol riten vnd gon mag A. Das jch
wol gereiten mag G.
78
so enblibe ich niemer tag^
Vater and mnoter baten in
310 jSnn, la dir nfit ze gach sin,
biz daz wir dich besorgent baz.
liebez kint, na ere ans daz'.
er sprach ,lant üwer bitten sin: [bl. 66.]
ich blibe nüt, ich wil dahinS
315 Do sfi erkanten sinen sin,
daz ime emest was dahin,
man zoch ime dar ein pfert,
daz het er liep ande wert.
er sprach ,daz pfert ist min gevuog*.
320 geltes gabent sü im gnaog.
sine tagent mähte daz,
yil manig ouge wart da naz.
die mnoter weinte inneclich:
,lieber sun, nn küsse mich^
325 zertlich sü in nrnbevieng,
daz leit ir aller nehest gieng:
308. So belib jcb freilieb niemer C.
310. 80 C. Gottfrieds Trist. 3184 ,and l&zet iu niht sin ze gäch'. Näher
stebt wieder Königstochter 3155 ,nit lasse dir sein also gacb^
311. Vnd lass vnss dicb besorgen C.
312. Mein liebes k. gewer C. ,eren* = obGBdire Diocletian 3587.
Troj. 7341. Stilistisch schwebte Gottfrieds Trist. 3182 vor: ,uu, liebez kint,
nn sage uns daz\
313. Der sun sprach mit willen Baide offenbar vnd stillen
Nun lassent C.
314. Hans von Bühel, Königstochter 6524 ,die müssent auch mit mir
dahin*. Vgl. 770.
315. üo fehlt A. Vnd do C. Zur Situation vgl. Engelhard 326 ff.
316. sein ernst stund C.
317. schönes C. K. Parz. 709, 22 , ein schöne ros zoch men im dar*.
318. Das was wol hundert guldin w8rt C.
319. wol mein füg C. — 320. Sie goben jm gold vnd silber C.
321. tuwent A. grosse C. — 322. d& fehlt A. Do ward C.
323. Sein müter C. — 324. Mein liebes kind C. — 325. Gar z. C.
326. Wan jr das C. Troj. 5804 ,diu selbe clegelichiu not der muoter
siu vil nähe lac'. 8864 ,vil nähe gie ze herzen ir'. Paiton. 6632 ,sin muoter
79
jouwe, junger pilgerin!
got, laz dir in enpfolhen sin^
. Swaz uf der bürg gesinde hiesz,
330 dein oder grosz, er nQt enliesz,
er gebe in letze allen gar.
Mit im vuor ein michel schar.
er sprach ,lant üwer truren sin*.
got gebe im heil, er vert dahin.
335 geleite sü im gabent
den tag unz an den abent.
die naht sQ bi im lagent,
kurzwile sü bim pflagent.
vrüege vuorent sü hin heim.
340 der pilgerin vuor allein. [bl. 66a.]
E der herre von im schiet,
sime suone er daz beste riet,
er sprach ,lieber suou min,
du solt mir volgende sin:
vor in allen begnnde merken diz allhie, wan ez ir aller nähest gie^ Klage
21, 3 ,dö ir nähen gie min fröudenrich gebrehte* QF 54, 42.
327. EA. Sie sprach o we junger sun mein C.
328. ach got A. Nun lass mich dir C. Parten. 7377 ,und 1& mich
dir bevolhen sin'. Stauf. 1144 ,Iant Uch die magt bevolhen sin^ Hans von
Bühel, Königstochter 37 f. ,das bitt ich lieber herre min, laszt üch unser kint
enpfolhen sin'. 3547 ,und land mich üch enpfolhen sin*. Formelhaft.
321). der do A. was C. Den wurden allen jr äugen nass Er
guodet jn allen gross vnd klein C. .Zur ausdrncksweise vgl. Kistener
177, R. Parz. 398, 21. ,sprach alles, daz in der bürge was*. Hans von Bühel,
Königstochter 6337 u. ö. — 330. erdonütA.
331. gab AC. aller A. in allen die letzi dar C. — 332. so reit C.
333. Vnd gabent jm ein gelaite do C.
334. Vnd machten jn auss trauren fro C. ,got gebe im heil* R. Parz.
81), 37. ,got gebe üch heil* 194, 11; Hans von Bühel, Diocletian 4314. ,got
gebe dir heil' Königstochter 360; Tristan 2470. ,dahin varn* DWB2, e87f.
33(), 337, 338 fehlen C. Troj. 45575 ,der Mirmidoneisen schar die naht
mit im da lägen, vil jämers si da pflägen*.
339. Des morgentz färens wider C. — 340. reit do hin C.
341. Doch ee C.
343. 844 fehlen A. Ihre echtheit wird durch die nachahmung in des
Bühelers Königstochter 0519 f. bezeugt: ,er sprach: ,vil lieber sune min, nun
solt du mir gehorsam sin*. Stauf. 651.
80
345 dheinen gevei^ten soltn han,
er si den ein getrttwer man:
wiltn slaffen, wiltn wachen,
brist dir fit daz soltn machen,
wiltn zeren oder sparn,
350 wiltu mögen oder vam,
sitzest dn ab nnd wilt erbeiszen:
bitet er din ungeheiszen,
daz er alles wartet din,
des geverte soltn sin.
355 sich, der ist ein getrfiwer man,
an den mäht dn dich wol gelan.
lieber snon, des bit ich dich'.
,Gerne, herre, daz tnon ichS
do wart ir scheiden nfiwe.
360 der herr erzeugte im trüwe,
sin herze wart im also grosz.
345. Goedekes form salta steht nicht in der hs. A. ^ 346. Es C.
347. Die verse folgen in A : 358, 357, 347—356. Die form der anapher
mit ,wilta' Minnekloster 334 ff., 195 ff.
348. hristetA. Gehrist dir ützit C. ,gehrist üch üt' R. Parz. 233, 10.
350. Du wellest rüwen oder faren Solt dich vor hSsen leüten
hewaren G.
351. dann nider, anheissen C. -^ 352. Der dein dann heit C.
353, 354 in C so umgestellt: Desselben geverte saltu sein Der
do hat gewartet dein. — 355. getruwe A. — 356. wol lan ü.
357, 358 auch umgestellt in C. 357. Mein liebes kind G. Eonrads
Sant Nicolans 125 ,und des bite ich, herre, dich^ B. Parz. 663, 20 ,dez bitte
ich dich'. Boner 48, 100; 95, 53; Königstochter 6496 ,sun, ich will bitten
dich*. 358 = Gottfrieds Trist. 14494. Budolf von Ems Gerhard 906, 3821.
Wolff zur Birne 363. Jäckel s. 83. Noch bei Hans von Bühel, Königstochter
443 wirkt die höfische formel nach, die sich dann bald verliert, herre fehlt A.
359. war bescheiden A. wider new C. — 360. sein trew C.
361. Wann jm ward sein hSrtz gar gross C. DWB IV 2, 1212f.
verzeichnet zuerst diesen gebrauch vou ,gröz^ übersieht aber die älteren bei-
spiele: Tristan 12220 ,sd wirt min herze sä zestnnt groezer danne [hs.] set-
munt' [,8etin unt^, ,Septimunt' Groote, Massmann, Simrock. ,sphere mnnt^? Bech-
stein, ,senstemunt*Golther]. 9101 ,dem begunden die gedanke sin üf swellen harte
gröze^ ? und die Kistener vorschwebende stelle Konrads Parton. 9137 ,sin herze . . .
wart von jamer also groz, daz im üz sinen ougen flöz vil manic traben bitter'.
Dazu Pyramus und Thisbe (ZfdA 6, 509) 165 .doch wären ir gedanke gröz*.
81
daz er von weinen sich begosz.
der suon den vater tröste:
,ei herre, waz begoste?
365 du solt mir tuon als ich dir,
nu scheide dich ouch vro von mir.
diz ensol nüt anders sin.
got gesegene dich, ich var dahin'.
Vier wachen vuor er uf der vart, [bl. 67.]
370 daz niemen sin geverte wart.
irre vuor er unde ging,
des trurete ie der jungeling,
sante Jacop rief er an
,erh(Br und wis mich armen man!
375 ich weiz nüt, war ich keren sol,
darumbe ich groszen kumber doP.
vor leide weinte er inneclich
der zarte jüngling minneclich:
eilende im under ougen sluog.
Daraus gebt hervor, dass die verbindang nicht auf den ausdruck des kammers
zu beschränken ist. Shakespeare, Coriolan 5, 5 g. e. Jolande 4ö46 ist die
Verbindung eine andere: ,dat was so gröz der müder*.
362. weinende A. Das er sein wangen mit weinen C.
363. trost : begost AC. — 364. Ach lieber herr C.
366. dich ouch fehlt A. Ach lieber herr scheid von mir C. Kon-
rads Schwanritter 1223 ,wellent ir mit zorne scheiden inch von mir*.
367. Wann es mag nit C.
368. Trist. 787, 2780. Parton. 2960. — 369. reit C.
371. Er reit dick jrr vnd auch ging C. — 372. das A. trauret der
edelC. — 373. bat er an A. rafft, ernstlich C.
374. Nu weiss ich leider noch cnkan A. Stauf. 1041. Jäckel s. 35.
375. war ich sol oder keren mich A. Der vers ist buchstäblich
Boner 12, 5 entlehnt und kehrt dann bei Hans von Bühel in der Königs-
tochter 4353 wieder.
376. Fehlt A. Engelhard 5666 ,daz ich hie smsehen kumber dol'.
377. Von A. Er weint von C.
378. fehlt A. Stauf. 1090 ,do weint die maget minnenclich*. Zum epi-
thel on Jäckel s. 52 f.
379. Zur Verdeutlichung gebraucht C mehr Worte : Wondyndas eilend
sein Das jm bracht worlich grosse pein Vnd fast vnder die äugen
Eulin K, Kistener. 6
82
380 Uf der stat kam sin gevuog
ein man getrüwe nnde guot.
schiere erhebet wart sin muot,
daz sant Jacop daz vuogte,
des lachte der vil guote.
385 sin herze wart von gründe vro,
vor vröuden weinte er aber do:
,got hat unvergessen min.
ei wiltu min guoter bruoder sin?*
ginr gedahte wie er daz meinte,
390 do sach er daz er weinte.
er grüeste in: ,habe guoten muot*,
als ein getrüwez herze tuot.
des herren suon vragete in
,wa verstu her, wa wiltu hin?*
schlug. Der schöue ausdrack ist von Kaisersberg, Hans Sachs (DWB I 792)
und Ayrer nachgeahmt. DWB III 408 f. Dass er so allgemein gewesen, wie
J. Grimm annahm, ist bei seiner eigenart und dem mangel an Zeugnissen un-
wahrscheinlich. Auch hier knüpfte vielmehr Eistener an Konrad an, der
Part. 17385 sagt ,din minne ir ingesigel streich der klären nnder ougen^
Troj. 14812 ,ir zweiger bände schine diu miune im under ougen streicht
380. Dar nach fand er sein füg C.
382. Darumb so ward er wol gemöt C. Über erhebet spricht
Jänicke zu Stauf. 669.
383. Jocop der gute dass A. Als es sant Jacob fügt C.
384. Do ward lachen C. Engelhard 5668. — 386. Er weinet aber C.
387. het vergessen A. Sprach got C. Tristan 9455, ,got ... da
hast min unvergezzen*. Meier zu Jolande 489.
388. min fehlt A. WöltestduC. David von Augsburg bittet , Mystiker
I 3r Christus, ,unser lieber wallbruoder in disem eilende' zu sein. Trist. 10506.
Hans von Bühel 4707 ,wilt du min lieber sune sin^
389. gemein A. Der brüder gedacht C. Hans von Bühel, Königs-
tochter 6450 ff. ,zuo stund er sach und vernam, das sie alle da weineten. er
fragt sie, wie sie das meineten*.
391. Er sprach hab C. ,hant eht nuwan guoten muot* R. Parz. 297, 41.
392. getruwe A. Vnd trost jn als eintrewO. Vgl. zu 414. Solche
kurze nebensätze mit suln sind Gottfrieds manier, was natürlich nicht aua-
schliesst, dass auch andere sie nicht selten gebrauchen. Strassburger Studien
l,73fP. Kistener414, 595. Wolff zur Birne 363. Jäckel s. 28. Noch bei Hans von
Bühel, Königstochter 443 wirkt die formel nach. Unmittelbare nachahmung liegt
bei Hans von Bühel in der Köuigstochter 6864 vor: ,als die getrüwen hertzen
thuont*. Älteres Meyer, Altgerm, poesie 377 flf. — 394. oder wo wilt C.
83
395 do Seite ime balde er
,ich kam von Lamparten her
nnd wil gen Gumpostelle^
,e beit nnd rit getelle,
ich were gerne onch dahin, [bl. 67 a.]
400 nnd la mich din geverte sin*'
einer vragt den andern mer,
wannan er des landes wer.
des herren snon seite daz,
wie er uzer Feigem was.
405 giner sprach ^ch wil dich lieb han,
so bistu min landesman:
ich bin ein Swap nz Heigerloch,
da han ich vater nnd muoter nochS
die zwene tmgent ttberein
410 ir brnoderschaft wart gemein.
Sü giengent nnde ritten
gemeinliche mit sitten.
einer pflag des andern wol,
895. er jr (!) bald die mSr C. — 396. Er sprach A G.
397. Vnd han milt gon C. gon auch A.
398. Lieber so beit vnd reit nit schnell C.
399. auch gern C. — 400. Vnd fehlt C. Jetzt folgen in A 409, 410.
401. frogete, nicht fragte (Goedeke) A. Sie fragten einander
der C. mere : were A. — 402. der Jüngling landts C.
403. Der jung her seit dem brüder C.
404. Das er C. vs A. payerland C.
405. Er sprach, dich vyl gern C. Über ,liep haben* Haupt zu Engel-
hard 1217. — Wann du bist C.
407. Hegerloch A Heierloch C. Wie man es fertigbringen kann,
trotz dieses verses, Heigerloh nach Bayern zu versetzen, möge im Alt-
bayerischen sagenschatz zur bereicherung der indogermanischen mythologie
s. 557 f. nachlesen, wer s. 660 ff. in den beiden Jakobsbrüdern zugleich die
stemprlnzen, die reiterzwillinge, Bei und Polel, morgen- und abendstern, Idas
und Lynkeus, die beiden Aspin, Baldr und Hermodr, Hassan und Hussein
u. s. w. u. s. w. wiederzufinden vergnügen haben sollte.
409. kamen C. — 410. Das jr C. — 411. vnd auch C.
412. mit guten C. ,mit sitten' Boner 62, 4. Hans von Bühel, Königs-
tochter 82, 5174. — 413. plag A. Weinhold, Al.gr. s. 117.
6*
84
als ein yrünt des andern sol,
415 vier wachen oder me:
do wart des herren suone we
in der herberge, da er lag.
Der bruoder sin mit trttwen pfiag,
er gab im trost unde muot:
420 jlieber herre, spar kein guot;
swaz dich last, daz la dir geben,
vrist da dir din jangez leben*.
Er sprach ,got Ion dir dinen gruosz,
ich weiz wol daz ich sterben maosz.
425 nu sage ich dir min heling ganz:
ich bin ein graf von rehter schanz, [bl. 68.]
min vater ist ein groszer her.
wilta haben guot and er,
sage mime hem gen Peigern daz,
430 wie ich hie din geverte was:
swaz ich habe, daz ist din:
and tuo daz, lieber braoder min'.
Er gelobte ez im der.
er sprach ,din we ist mir swer,
435 das wissest vür die warheit,
414. guter fründ C. dem A C. Peter von Staufenberg, der diesen
vers buchstäblich bot, des (339); die lesart der hs. A ist buchstäblich gleich
Erec 3908 und Hans von Bühel, Diocletian 3340. Vgl. zu 392. — 415. Boner
48, 191 ,achtzehen wuchen oder m^*.
416. dem jungen herren C. — 419. vnd gftten C.
420. junger herr A. sparen C.
421. Gebrist euch ützit das wil ich C.
422. Vnd ettch fristen üwer leben 0. — 423 deiner trew gross C.
424. ,sO weiz ich also rehte wol als daz ich ersterben sol^ Engelhard 5721.
425. hei ig A. Weinhold, AI. gr. s. 169. h&lnng C. Lieblingswort
Gottfrieds in den späteren partieen des Tristan. Konrads Troj 4946, 15756.
427. groff vnd herr 0 here : ere A. — 428. beholen C.
429. jm heim C. payer landt C. - 4:^-432 fehlen C.
433. jm es by der band C.
434. dein gebrSst der jst mir leit C. Hans von Bühel, Königs-
tochter 1307 ,doch ist dise fart mir gar schwer'.
435. Das sag ich dir für die C.
85
sist mir in ganzen trttwen leit^
E sin leben schiet dahin,
er sprach Jieber bruoder min,
bit got und sante Jacop,
440 daz im min sterben si ein lop.
daz ich stirb so ellendeclich,
ach got, daz laz erbarmen dich,
daz ich so gar eilende bin:
owe, vater und muoter min,
445 die mich zugent liep und zart:
nu stirb ich eilende uf dirre vart.
eins dinges wil ich bitten dich:
bruoder, des gewere mich:
stirbe ich, vUer mich tot dahin,
450 da ich der verte lidig bin'.
,Ja, ich gib dir die trüwe min,
ich wil dich vQem mit mir dahin,
du sigest lebende oder tot,
mich irre denne grosze not'.
455 Zehant er starp uf mitten tag. [bl. 68 a.]
der bruoder einen ledersag
436, fehlt C. es ist A. Der R. Parz. hat für ,sist' auch die Schreibung
,est' 261, 11. Haupt zu Engelhard 3786.
437. Ee das. schied von jm C. — 438. Da sprach er 0.
439 bis 450 fehlen C.
441. stirb fehlt A. Stauf. 1088. Diocletian 4685.
448 f. Stauf. 439 f. ,min frttnt, des wil ich bitten dich, ach herzeliep, ge-
were mich^
450. Ich habe mit A lidig, nicht ledig geschrieben, weil die elsässische
form 80 bei Boner (35, 50), im R. Parz. (571, 11), bei Nicolaus von Straasburg
(Mystiker I 277, 36), Rulman Merswin s. 105 u. ö. in Urkunden und Chroniken
vorkommt. Haeudcke s. 10. Bei Konrad las ich sie Troj. 22353 [48945].
451. Er sprach jo min truwe gib ich dir A. Ich verheysse dir
by der trewe mein C. — 452 fehlt A.
453. Stauf. 1127 ,so bin ich lebend unde tot*. Hans von Bühel, Königs-
tochter 3496 ,ob ir sint lebende oder tot*. 262 ,wan ich tod oder lebend bin*.
4583 ,ist er lebende oder tot'.
454. meines lybes not C. R. Parz. 775, 21 ,in irrete danne gevong-
nisze not^ — 455. den mittentag A. mitten fehlt C.
456. Sein bräder das gar hert wag C.
86
ime gehe machen hiesz,
darin er den toten stiesz.
er vuorte unde truog in
460 gewilleclich mit vuoge hin
ze liebe gotte und nflt ze leide
zwölf grosze tageweide.
nnd swa er in die herberg kam,
den toten ie er mit im nam:
465 wan er die rehten mal asz,
des toten er nüt vergasz,
er satte im die spise der.
in trüwen also lebete er.
er gap sfl dnrch die sele sin,
470 daz im got hfllfe nzer pin.
nnd des nahtes an der rast,
do nam er den toten gast
nnd leitn an ein schcen bette,
reht als er gelebet bette.
475 er truog in spat unde vruo
von dem pferde und darzuo
457. Einen leder sack er machen hiess C. Wie Thetis Troj. 13990 ff.
In der legende (Acta SS. 6, 49Cff. Patrologia 163, 1370. Legenda aorea
cap. 96) nimmt der h. Jakob den treuen gefährten samt dem toten hinter sich
aufs pferd. — 458. Gehäb das er yu dar jn stiessC.
459. Er trüg vnd ffirt yn mit jm do hin C. trüge A.
460. Vnd wolt ju nit lassen hinder jm C. ,mit möge' Engel-
hard 2711. — 461, 462 fehlen C. 461. Engelhard 2271, 3904, 6363.
462. grosze fehlt A. — 463, 464 fehlen A.
464. allzyt C. er fehlt C. — 465. Wie wol er C.
466. todten mans C. — 467. sein spyss C. dar A C.
468. Hecht als ob er labte nemendt war G.
469. Vnd gab sie durch got vmb C. — 470. jr C.
471. und fehlt A. Ich habe und hinzugefügt und vers 472 do für so
geschrieben, weil es bei Haus von Bühel in der Königstochter 3276 heisst:
,und da ich schlaffen solt des nachtes, da kam ein kamerer on vil
brach tes*.
472. so A C. er auch den C. — 473. zu jm an das bet C.
474. Über ,reht als* Wolff zur Birne 167. Jäckel s. 29. Kistener 644.
475. Des morgens do er auff stund frü C.
476. So trug er ju dem pferd wider zu C.
87
gnedeclich den toten man,
unz daz er gen Gumpostelle kam.
Do was er leidig nnd oucb vro.
480 er vragte zuo der kirchen do.
und do er viir die kirchen kam,
er band ab dem pfert den toten man
und lonte eime knaben,
die pfert hiesz er den haben.
485 er nam uf sich den toten man
und truog in altersein hindan:
,0 vürste sant Jacop,
la dir min erbeit sin ein lop,
die ich mit dem toten habe.
490 la uns unser stinden abe*.
mit vröuden er vür den altar kam. [bl. 69.]
er opferte den toten man
und einen güldin pfenning:
,swaz ich Sünden ie beging,
495 da vür bit ich herre dich,
vür den toten und vür mich*.
uf sinen knüwen er do rief
got an süfzende tief.
477. Gar tugentlich C. — 778. Gumpestelle A.
479 bis 482 fehlen in A, weil der Schreiber von kam (478) za man (482)
übersprang. S. einleitung s. 34. 479. R. Parz. 107, 46 ,sü worent leidig nnd
ouch fro*.
484. den fehlt A. Der jme die pfSrd solt haben C.
486. zu der kilch C. — 487. Er sprach se hin sant C.
488. Vnd lass dir sein mein arbeit ein lob C.
489. mit disem C. — 490. Vnd nim vnss vnser C. sünde A C.
491. Vnd do er C.
492. KnUwen er vor sant Jacob began 0.
493. Er opffcrtjm ein C. Nach Stauf. 524 schiebt h ein ,und opffert
einen gnlden mit andacht uff den altar hin'. — 494. Er sprach C.
495. Das bitt jch lieber C. 495, 496 umgestellt in C.
496. Hab das C. vnd ouch A. Einleitung s. 25.
497. Er kntiwet ernstlich vnd C.
498. mit seüfftzen C, Stauf. 751 f. ,von himel got er ane rief uz
gmnde sines herzen tief. Kist. 936. Jäckel s. 24.
88
er lag nider in crttzewis:
500 ,ich mane dich mit ganzem vlisz,
sant Jacop an din minne
die du ze got ie gewönne,
gedenke an die trttwe grosz,
teile uns mit den abelosz\
505 Als er so in der andabt lag:
do trittet giner an den sag,
daz er von einander schrant.
der bruoder wüste uf zebant
den sag er ime sloufte aber
510 ,wie unsanfte ich geslaffen habe!
wie hastu verbunden mich!
lieber bruoder, wa bin ich?*
Do er zuo im selber kam,
die glocken giengent selber an
515 und lutent da selber sich,
do kam geloufen mengelich
499, fehlt C. in fehlt A. Troj. 33103.
500. gantzen A. Sant Jacob jch ermane dich der lieb on spot 0.
501 und 502. Die du gewann est je zä got C. Parton. 9790 ,durch
die vil stffiten minue, die du zuo dime kinde treist^
504. deile mit vns A. dein C.
505. Also: 80 (506) A. Vnd als er yn der andacht was C. so fehlt A.
506. So begund sich jn dem sack r&ren das C. Tempnswechsel
wie 1067. — 507. sich der sack zertrant C. — 508. bruoder fehlt A.
509. Vnd zog jm den wotsack ab C.
510. Er sprach jch geschloffen hab C. Zu diesem ausruf des vom
tode erweckten: R. Köhler, Kleinere Schriften 1555 f.
511. 512 umgestellt in C.
512. Das sag mir das bit jch dich C.
513. Vnd ee das er C. ,do sü zuo ir selber kam* R. Parz. 675, 30;
203, 44; 204, 16. So lautete der mundartliche ausdruck. Gottfried schrieb
so im Tristan 1447, 1449. Merswin, Neun felsen s. 18, 124, 142 ö. Immer
,fon immo selber* und ,in imme selber'. Ebenso heisst es immer bei Hans
von Bühel, Königstochter 2050, wo ,selb8* natürlich in ,selber* aufzulösen war,
2069, 4315, 7763. Weinhold, Mhd.gr. §499: also nicht selben, wie Jänicke
und Schröder im Peter von Staufenberg 888 gegen die Überlieferung schreiben.
514. giengen alle an C. Zeitschr. f. Volksk. 8, 30f.
516. arm vnd rieh C.
89
aud woltent sfi vragen mer,
WEZ zeichen da geschehen wer.
sü fnndent in der kirchen stan
520 deheinen den die zwene man.
do wolt sü vragen mengelich: [bi. 69 a.]
,wir merkent leider wenig ttch'.
ein Dfltscher wflrt drang zuo in der,
der ein seit im die rehte mer,
525 daz er was tot vor zwölf tagen:
,ich han in gevüeret und getragen,
daz ich in brahte tot her.
nn ist worden lebende er.
wellent ir nttt glonben daz,
530 wa er tot und lebende was,
schickent üwer hotten der,
man seit fleh die rehte merS
Do ervnorent sü die warheit,
daz ez was, alse ich han geseit.
535 balde die pfaffen nnd die heren
die zwen brtteder hnobent zeren
hin uf den altar ze lobe
617. erfaren die C. 517 und 618 sind fast wörtlich = Alexius A 607,
608 ,nnt fragten msere, was Zeichens geschehen waere*. Berger zn Grendel
1762. Die ganze episode erinnert an den Alexias.
520. keinen menschen A. Niemandt dann zwen einig man C.
521. Man wolt sie fragen zä stnndt C.
522. Wir haben hier geschmacklose nachahmnng der lebhaften wechsel-
rede im höfischen epos vor uns, vgl. 1118, 1138.
522. Do was yn vmb jr sprach nit kandt C.
523. trang A. man gieng dar C.
524. Der brüder nam sein eben war C.
525. C schiebt ein: Er sprach dyser hoch erboren man Den jr
hie sehent stan Der ist gewesen todt vor XIIII tagen.
526. Hau in har geffirt C.
527. Biss das jch jn han bracht h&r C. — 528. leben er A.
529. Vnd wend 0. — 531. So C. eweren . dar C.
532. So wirt es euch thon offenbar C
533. Do uam die pfaffheit Nach dem als die geschrifft seit
Vnd auch die korherreu Erhüben die zwen bruder zu ereu C.
534. do was es A. — 537. in A. hin fehlt C. durch ein lob C.
90
got ande sant Jacobe.
die zeichen tet men schriben.
540 die brtteder hiesz men bliben.
do blibent sfl den manot,
zucht und ere man in bot.
do wart in besigelt daz,
daz zeichen wiez geschehen was.
545 die brieve sü enpflengent.
In die kirches aber giengent
ze gotte nament sü nrlop:
,e herre sante Jacop,
din geleite gip nns zwein,
550 hilf uns gesunt wider hein'.
die brüeder wurdent des gewert. [bl. 70.]
stt hin, stt sazent uf ir pfert:
,sist zit, wir sölnt uns scheiden.
wir haut verr tageweiden*.
555 Do huobent sü sich uf den weg
über brück und über steg,
538. Got vnd dem lieben herren sant Jacob C.
539, 540 umgesteUt in C. 539. grossen . auf f schreiben C. 540. Man
hiess die br . do C. — 541. Sie beliben do zwen tag C.
542. Schon essen vnd trinken man jnen gab C. ,in bieten znht
und gre^ Engelhard 743 n. o. — 543. Also ward versigelt C.
544. Was grossen zeichen do C. Hans von Btlhel, Diocletian 9045
,als das zeichen geschehen was'. Von diesen schriftlichen certifikaten, den
compostelas, erhielt San Jago seinen beinamen. G. Liebe, Die wallfahrten des
mittelalters und ihr einfluss auf die kultur. Neue Jahrbücher von Ilberg und
Richter 1898 I s. 154. Fromm-unsinnige Volksetymologien bieten Garns, Die
kirchengeschichte von Spanien II 2, 369 und Sepp, Altbayerischer sagen-
schatz s. 667.
545. Des namen die br&der ein brieff zu yn C.
546. Vnd giengen wider zu der kirchen hyn C.
547. Von got . sie do C. — 548. Vnd hatten den lieben herren C.
549, 550 so umgestellt in 0: Das er yn hülff mit lieb wider heim.
Gib glück vnd gesuntheit vns zwein. — 552. Sie sassent frSlich C.
553. ist nun C. uns fehlt C.
554. gar ferre C. Hans von Bühel, Diocletian 8193 ,du hast so vil
tagweide*. — 555. Zum ausdruck Wolflf zur Birne 183.
555 : 556 und 557 : 558 umgestellt in C.
556. manche brück vnd stUg C.
91
als man gan and riten maosz.
lihte was in der yuosz.
des herren snon sprach ,trüwe
560 sol dir iemer wesen nüwe,
die du mir getan best.
die wile ich lebe, ich tuo dir sbest.
ich wil nüt vergessen din.
min erbe sol din balbez sin\
565 des weges lang vil wol in zwein,
sant Jacop half in wider hein.
Sil kament hin in Peigemlant.
der Swap die warheit do bevant:
schcene bürge und stette er da sach.
570 des herren snon zuozime sprach:
^darüber rauostu pfleger sin,
daz hilf ich mit dem vater min^
sü kament heim uf mittentag.
der grave an der zinnen lag.
575 als verre er sü kamen sach,
der vrouwen rief er ande sprach
,got ans zonget liebe mer:
anser saon vert dort her*.
jLieber herre, kamt er do,
557. Die wir reiten vnd gon mfissen C.
Ö58. Gar Hecht wurden yn die f&sse C.
559. mein trew C. — 560. nümmer me C.
561. Die trew die C.
562. Darumb thün ich dir C. Troj. 183 ,die wile ich lebe^ ,daz er
mir tuot daz beste^ Engelhard 5646. Kistener 674.
563. niemer C. — 564. gut sol halbs dein eigen C. halber A.
565. vil fehlt C. denzweinC. Boner 77, 14 ,des weges gelaug im
deste baz'. Hans vou Bühel gebraucht fingen' absolut : Königstochter 3532.
Diocletian 3764, 8427. QF 54, 68.
568. do man A. do fehlt A. der warheit . empfand C.
569. und fehlt A. 569 bis 572 fehlen C.
572. hilf dir mit A. Hans von Bühel, Diocletian 7600 ,was ich ver-
mag, dashilff ich dir'. — 574. herr an einer C. — 575. So ferr als er C.
576. Seiner C. — 577. hat unss erzeiget C.
678. Sich . der vert C. — 579. Sie sprach . jst es also C.
92
580 so wart ich werlich nie so vro.
mir ist getroumet lange swer [bl. 70a.j
also wie er tot wer*.
,Nu luoge, wie er her vert!*
so siht Sil, wa er knmet dort.
Ö85 nf hin allez daz da was
gemein daz din der bUrge saz,
sü rittent unde liefent
wilkam sft in riefent:
Juncher unde pilgerin,
590 willknm sttlnt ir gotte sin!^
S& sazent ab nnd giengent.
mit vröuden sfls enpfiengent:
,bis wilknm, liebez kint,
und die mit dir kamen sint!'
595 er dankte, als man vründen taot,
der vrouwen vil wolgemuot.
ginr zoch in her, der ander hin,
Sil vielent gar alle an in.
sines knmends warnt sü vro.
600 Sin bruoder stnont alleine do.
580. bin jch von gantzem h&rtzen fro C.
581. ist lange getroumet A.
581, 582 fehlen C. Zu ,also wie' bringt das DWB 1, 249 nur neue, das
MhdWb. 3, 573a gar keine beispiele. — 583. Eum lug C.
584. Vnd sich C.
585 bis 587. Bald was vff was yn der bürg was Rittent vnd
lüffent alle das C. — 588. hiessent A.
589. Sind got wilkomm junger bilgerein C.
590. Got vnd marien der müter sein C.
591 bis 594 fehlen C. 593 f. guter Qerhard 2855 ,min vil liebez kint,
uud euch alle die bi uns sint'. — 595. yn C.
596. die frouwe A. Sie waren alle wol gemüt C.
597. Eir zoch yn hin der ander här C. Die ausdrucksweise ist bei
Konrad besonders beliebt: Parton. 1724, 5506, 5906, 11548, 15442, 18310,
21346. Tumei 769. Engelhard 2854, 3214. Troj 564, 8800, 9880, 12740,
14246, 14233, 16428, 34496, 36263, 39634. [43082, 45317]. Vgl. Kistener 394.
598. fielen an yn mit grosser bgSr C.
599. was menglich fro C.
98
des herren suon uz zoroe sprach,
do er den brnoder eine sach
,dazt unverwissenlich getan!
wie lant ir den so eine stan?
605 het ich braht ein beiden her,
er solt fleh sin lieb unde mer!'
daz nam der brnoder in den sin.
er kerte umbe sich von in
und weinte troufende durch daz,
610 daz ouge und wangen wurdent naz:
jSante Jacop, herre min, [bl. 71.]
sol min trfiwe vloreu sin,
got, daz laz erbarmen dich.
ez machet joch verzwiveln mich*.
615 Vrouwe und herre balde der:
601ff. sun sprach sehent wie Stadt Der mir so gross trew er-
zeiget hat Vnd von dem todt hat ernert mich Er jst euch billich
lieber dann jch Lond jr den einig ston Das dunckt mich nit wol
getan C. Über sprach im reime bei Konrad: Wolff zur Birne 322.
607. sein sin C.
608. Vnd kart sich trauriglich von yn C. sich vmb A.
609. tröffe das A. Weint das jm sein wangen wurden nass
Sprach berr sant jacob hilff das G. Die Verderbnis tröffe wurde durch
den grammatisch möglichen ausfall des d (trouffeue) begtlnstigt Wein-
hold, Mhd. gr. § 373. Zum bilde vgl. Diocletian 6402 ,sin ougen truffen als
ein tach'. , durch* war nach R. Parz. 676, 7 herzustellen; vgl. 141, 16; 313,
46; 540, 35. Mhd. wb. 1, 405. Noch in einer 1720 zu Strassbnrg erschienenen
anekdoteusammlung kommt ,durch diss* für ,um dessent willen' vor. Strass-
burger Studien 3, 139. — 610. ougen A.
611 bis 614. Mir doch bass gelonet werd Meiner arbeit vff
dyser erd C.
612. Den zu individueller behandlung mahnenden bemerkungen Pauls
(Grundriss II 1, 929) und Vetters (Einleitung zum Heiligen Qeorg des Reinbot
von Durne s. CLfi.) gegenüber verzeichne ich hier zu vloren ausnahmsweise
einmal Städtechroniken 9, 939, 27 velüre, was der herausgeber im StUB 5,
40; 86 wahrscheinlich geändert hat, indem ich hinzufüge, dass, wenn nicht
das gegenteil bemerkt ist, alle übrigen fälle von synkope, apokope u. s. f. bei
Kistener teils in der Volkssprache, teils auch in Urkunden und älteren dich-
tungen nachzuweisen sind. — 614. joch fehlt A.
615. Der herr vnd fraw bald hin giengen Den bräder sie gar
wol empfiengen C. Zu ,balde der' vgl. Merswin, Neun felsen s. 53, 18. ,nü
der' 8. 124. ,nu wol her' einleitung s. 20, 51.
94
,bruoder, la dir nüt sin swer,
daz wir hant vergessen din.
wir bitten fleh, daz irz lant sin^
,daz mugent ir wol jehen'
620 sprach der saon ^i* bant gesehen
deheinen man bi üwern tagen
noch gehört von keime sagen
der groBzer trflwe ie getet,
wen er mir getan het.
625 daz süllent ir mir jehen,
die brieve sttlnt ir sehen'.
Zehant man die brieve las,
da sahent sfl geschriben daz.
sfl sprachent jieizt daz groeste ding,
630 daz mannes lip ie beging,
daz er dich truog und vüerte tot *
unbetwnngenlichen ane not
zwölf tage nnde naht,
wie erzögete er die mäht!
635 ez was ze vil: nflt genaog,
daz er dich in die kirchen truog,
und des nflt gedehte.
616. Lieber brüder nun lass dir nit schwir sein C.
617. hatten C.
618. Der jttngling do sprach Ans seins h&rtzen nngemach 0.
619. Liedersaal 38, 56: ,sie sprach das mügent jr wol jechn^
621. Von keynem C. man fehlt A C.
622. Noch nie hand gehfirt sagen C.
623. Der grSsser trew je gethet C. — 624. an mir C.
625. müssen C. mir fehlt A. jemer jehen C.
626. Wann jr dysenbrieff hand gesehen C. — 627. denbrieffC.
628 fanden C. Hinter 628 schiebt C ein: Der Jüngling tod wer
gesin Das thet jnen der besigelt brieff schein C.
629. do sprochent sü A. — 631. jn fftrt vnd trüg also C.
632. unbezwangelichen A. Silv. 2315. Schwanritter 475. vnd ane C.
634 bis 636 fehlt C. Die prosaische wendung ,nüt genaog^ 635 wird durch
,kurz geret* R. Parz. 787, 2 noch übertroflfen. Vgl. aber auch Tristan 11913.
Parton. 14828. Noch peinlicher wird die manier des redseligen Hans von Bühel
(Strassburger Stadien III 316 f.).
G37. gedohte A. Vnd nit gedacht man fraget jn Was er do
96
men vragete in, waz er brehte.
die trüwe er hat an im getan,
640 des hat uns got genieszen lan,
daz er lebende wider wart: [bl. 71a.]
dhein man getet nie swerer vart^
Do nament sü in vrttntlich her,
reht als er ein heiige wer:
645 ,der trtiwen weint wir danken dir.
swaz du begerest, daz tuen wir.
du bist von art ein trüwer man,
lüte unde lant sol an dir stan'.
Sehent, do wart er wolgemuot.
650 er daht ,der dir daz halbe tuot,
du wiirst guotes rieh zehant*.
Do wart er pfleger über daz lant.
zehant tet man unde liesz,
swaz er wolte unde hiesz.
655 Ein jar er lenger pfleger was,
er tet so rehte alle daz,
daz man von siner vrttmekeit
groz ere und tugent von im seit,
vür die herschaft er do gieng,
brächt er kern in pein C. Der vers 637 ist in syntaktische abhängigkeit
von daz (630) getreten, während er logisch hauptsatz ist.
639. hette getan A. 639, 640 umgestellt in C: Das sollen wir jn
geniessen lan Die grosse trew die er hat getan.
641 bis 644 fehlen C. Troj 35 ,dar üz er lebende wider wirt'.
645. Nun wellen wir es dancken dir C. — 646. das selb C.
647. getruwer A. 647, 648 fehlen in C.
649. Sehent fehlt C. wider 0 ,seht da* Tristan 6024. Konrads
nianier: Troj. 19113 ,seht, do wart er er ungemeit*. Roth zum Schwanritter 2
u. ö. Vgl. Kistener 355. — 650. gedohte A. diss halber C.
651. So wirst du gäts reich genäg C.
652. Das wer dir gut vnd auch dein füg C.
653. tet er A. In dem hoff man thet C. — 654. oder C.
655. 656 fehlen in C, dafür: Er hielt sich so das jedermann seit.
656. alle fehlt A und ist nach Boner 62, 6 ergänzt.
657. Von seiner tugent vnd fromkeit C. — 658 fehlt C.
659 sein C. Guter Gerhard 4896 ,für min hörschaft ich do gie*.
96
660 sine rede men rehte wol enpfieng:
jVrouwe und herre' bat er
,ich han muoter and vater.
^nnet mir, daz ich var hein.
mir ist geseit von in zwein,
665 wie sü gerne sebent micb.
ez ist zwenzig jar, daz ich
von in gen Lamparten reit.
nu hat ein botte mir geseit,
stt sint gnotes worden arm.
670 ich sol zuo in heim varn^
Der her in gttetlich vrogte : [bl. 72.]
jSeistu daz erst ingnote,
daz du noch vater und muoter best?
nim guotes gnuog und tuo da2f best,
675 daz du her wider kumest schier.
du solt des gelouben mir,
wir mugent diu hie kume enbern^
er sprach ,herre, ich tuou ez gern*.
der herre vragete in vürbaz,
680 wie des vaters name was.
660. menglich wol C. — 661. Er sprach vyl lieber got (götte)
vnd herr C. Die stelle erinnert an Rudolfs guten Gerhard 6463 ,ich sprach
,herre und vrowe min, lät mit iwern hulden sin daz ich heim ze lande var*.
662. Zd schwoben hab jch C. vatter vnd milter A. muoter und
vater, Vogt. — 663. Erlouben. zu jn C. — 666. by dressig jaren C.
Parton. 13187 ,ez sint wol sehs und drizic jär, daz ich^ — 669. Wie sie
an göt syent arm C. — 670. Günnent mir zä jnen zA farn C.
671 lautet in C: Der graff sprach by dem reichen got Mit klögen
Worten ane spot Ja wiltu globen mir Das du wider kummest schier
Sprach der herr zd jm gedrat Wie seist du mir das so spat u. s.w.
672. ingnote (ignote 718) erinnern an Gottfrieds zahlreiche reime mit
genote (ie genote) 7719, 7850, 8255, 9577, 9929, 13154, 13296, 14492, 14623,
14634, 14929, 15085, 15281, 16525, 17361, 17561, 17810, 18376, 18973, 19016,
19101, 19221. Seltener bei Konrad. — 673. noch fehlt A.
674. vndaudzbestA. — 675, 676 habe ich umgestellt.
677. Trist. 5125 ,8 wie küme ich din doch müge eubem*. Engelhard 3397
jSwie rehte kCime ich din enber*.
678 bis 688 fehlen in C. Dafür: Do für er heim gar wol gemdt
(vgl. Kistener 688) Vnd bracht seinem vatter michel gut.
97
er sprach ,lier, ich wil üch sagen,
er het gevarn in sinen tagen
mit hQbscheme gelimpfe
ze ernste nnd ze schimpfe.
685 er hiez her Hug wolgemnot
von Heigerloch, ein ritter guot*.
do gabent sü im groszez guot,
do vuor er heim wolgemnot.
Do er kam heim ze lande,
690 sinr vründe in keinr erkande.
ze Heigerloch vragete er,
wa sin vater und muoter wer.
do wart er gewiset hin
viir die stat ze einer wescherin.
695 also er vür daz hus kam,
die weschrin vragete den man,
waz er gerne hette.
do Seite er an der stette
,ez ist ein vrouwe dinne,
700 die solte sin min minne*.
die wescherin rief in daz hus [bl. 72 a.]
,her Huges vrouwe, gant her uz!*
sins vater nam er ntit vergaz,
er horte daz sin muoter was.
682. Zur Umschreibung des zeitbegriffes vgl. Jäckel s. 25.
683. Barlaam 6, 39 ,ii)it rehtem gelimphe ze erneste nnd ze schimphe^
Troj. 46519 ,ze ernest und ze achimpfe, mit froelichem gelimpfe^ R. Parz. 853, 2.
685. Qoedeke irrte, wenn er s. 632 glaubte, Kistener könne wolgemnot
für den namen des vaters gehalten haben.
686. Zur Verbindung ,ein ritter guot' bei Konrad vgl. Wolff zur Birne
453. Jäckel s. 45 f.
689. jn seina vattcrs hauss vnd landt C. Tristan 4181 ,8U8 kom
er her ze lande, wan er iuch gerne erkande'.
690. Do was er seinen f runden vnerkannt C. — 691. do frogetC.
693. hin auss C. — 694. jn einer wescherin hauss C.
695. Vnd do er C. — 697. von jr het C. — 698. Er seit jr C.
699. Er sprach C. — 700. soll, rechte rainn C. Einleitung s. 15.
701. r&fft C. — 702. Liebe fraw nun C.
704. das es A. das sie C.
Enling, Kistener. 7
98
705 her uz vür die tür sü gieng.
in einem hemdes in enpfieng.
,sint willekamen biderman,
weint ir an mich etwaz han?'
,ei muoter, daz si gotte leit,
710 sol daz sin din bestez kleit^
do sü erhört, daz er ez was:
,owe, kint minz, bistu daz?
siest wilkum, liebe sele mini
ich het mich nim getroestet din^
715 von liebe und von leide
do weintents alle beide.
er nach dem vater vrogte;
,wa ist er igenote?'
,er isset in der stat daz mol
720 bi herren, die in kennent wol.
ich wolte, daz er hie wer:
so kumet er dort her*.
Er vant sü bi einander stan.
der suon in under darme nam:
705. Für die thür sein müter gieng C.
706. mit armen sü vmbving A.
707. 708 fehlen in C. — 708. an fehlt A. — 709. Er sprach müter C.
711. hört, do was C. Königstochter 6007 ,als bald er sach das sie es
was*. — 712. Sie sprach kindt C. — 713. Biss mir w. sun mein C.
714. hette nim A. hat mich gentzlich verwegen dein C. nim
Lexer im DWB 7, 845 f. Weinhold, AI. gr. s. 300. Wörterbuch der Strass-
burger mundart aus dem nachlasse von Ch. Schmidt Strassburg 1896. s., 78.
Derselbe aosdruck bei Hans von Bühel, Diocletian 822 ,ob ich mich s8lle
trSsten din^
715. vnd auch C. = guter Gerhard 4466 (1974). Ähnliche reirapaare sind
bei Gottfried und Konrad nicht selten, am nächsten steht Rudolfs guter
Gerhard 1973 f. (4465 f.), Engelhard 1764. Partou. 10502, 16359. — 716.
so AC. do alle C.
717. Do wart er nach seinem vatter frogen C.
718. Der yn so lieplich hat erzogen C. — 719. Sie sprach C.
720. den herren C. — 721. Er sprach C.
722. Do sprach die müter so kumpt er C. — 723. baj^de by C.
724. Die müter den sun vnder jr arm nam C. Die vorlehnung der
artikelform bezeugt auch für die mundart dieser zeit der R. Parz. 108, 38
99
725 ,e vater, dine vrfimekeit
ist vergessen, wie man seiV.
,lieber suon, wa kamst du her?
ich wüste nttt, daz du ez wer^
Do woltents ime klagen.
730 der suon sprach ,Iant mich sagen:
ir suUent wol gehaben üch. [bl. 73.]
ich wil ttch wider machen rieh*.
Dinne er ein jar was.
über in verhieng got daz,
735 daz er sin reinekeit verlor,
malotz wart er in dem jor.
innecliche klagete er
jWaflFen, got, der leiden mer,
so ez min herschaft bevint!'
740 die muoter sprach ,liebez kint,
ez enmag nüt anders sin.
,dandere^ Die heutige Strassbnrger mundart gebraacht diese formen aoch vor
konsonanten. Schmidt, Wörterbuch s. 2
725. Er sprach vatter deiner wirdigkeit C.
726. die man A C. vor von dir C. — 727. Er sprach C.
728. Mir was vergessen das C. — 729. wolt eins dem andern G.
730. jch will euch s. C.
731. euch wol gehaben Ich mag ettwer armät nit me vertragen G.
732. machen wider C. Dann fährt C fort: Darumb hab jch ge-
arbeit meich In franckreich vnd wo jch was Vnd das jch alle
zeit ewer not entsass. Einleitung s. 5 f. Eisteners vers 732 schwebt
Hans von Bühel vor, wenn er in der Eönigstochter 785 sagt, ,ich wil üch
beide machen rieh*. — 733. Do inne A. Do heim er by yn C.
734. Got vber yn verhenget das C.
736. Ausssetzig C. Schmidt, Wörterbuch s. 72b. Goedeke s. 634, 7.
In Schilderungen folgt Kistener Konrad von Würzbnrg nicht, hier sehr zu
seinem vorteil; vgl. die feine bemerkung Haupts, Engelhard s. XIII.
737. ,inneclichen trüren' Engelhard 3359.
738. Sprach woffen der C. — 739. befindet A. vernimpt C.
740. tröste jr kiudt C
741. Vnd sprach lass dir es dancknem sein C. Troj. 16834, 18330.
Stauf. 457 ,mag ez nit (1. nüt) anders sin^ R. Parz. 90, 43; 697, 27; 687, 17;
698, 42; 806, 24. Merswin, Neun f eisen s. 123. Diocletian 3402 u. o.
7*
100
von gotte ist der himel din'.
,so lide ich, swaz mir got tuot.
ein kleffelote und ein huot,
745 die zwei Iioerent mich an.
ich wil von der weite gan.
die liite wil ich miden.
daz wil ich durch got liden.
vater und muoter unde mich
750 gesegene got von himelrich!'
vater und muoter was ez leit,
do slouf er in ein grouwez kleit.
Drü milen gieng er ungezalt,
so ver er kam in einen walt.
755 er vant in eime steine
ein bruoder guot alleine:
,guoter man, wa kumst du her?
,ichn weiz leider nttt* sprach er,
ich klage dir bruoder mine not.
760 ich bit dich, gib mir dinen rot*,
er sprach ,din herz ist triiwen vol,
daz ich an dir sihe wol.
742. Das ewig hymmel reich jst C.
743. gern was mir not thät C.
744. klaff vnd ein braiterh. C. Goedeke, Gengenbach s. 634, 8. —
746. gehSrent C.
746. nun von C. — 747. Vnd wil die C.
749 : 750 und 751 : 7d2 habe ich umgestellt. C zieht diese vier verse in
zwei zusammen: Vatter vnd muter wasesleidt Got von hymellreich
gesegen euch beidt. — 750. got gesegne A. — 751. wz leit A.
753. Die A. In derselben unbestimmten bedeutung (DWB 2, 1371) ver-
wendet die dreizahl Hans von Bühel in der Königstochter 359 ,bi dri milen^
on gessen C.
753. Er hat aller wollUst vergessen Verr kam er jn ein waldt
Zfi einem brunnen der was kalt C. — 755. Do fand er 0.
756. Ein guten br. der was allein C. — 757. Sprach zu jm C.
758. Oder was seyst du mir frembder mSr Er sprach jch kan
dir gesagen nicht Mein hartz das jst mit leid verpflicht C.
759. Doch 80 klag jch dir mein C. — 760. das du mir gebest C.
761. dein härtz das jst C.
762. Ich weiss vmb deinen gebrästen wol C.
101
daz hat mich got wissen lan:
du solt hin gen Peigern gan.
765 do würstu wol enpfangen. [bl. 73 a.]
ez ist Sit wol ergangen,
der juncher hat gemahelt sich
ze einer vrouwen tugentlich.
ein kint gebirt sü an der stunt.
770 swen daz zuo der weite kunt,
so ist ez ein schoener knabe.
swer im snit die kele abe
unde dir des bluotes git,
swa man dich bestrichet mit,
775 da würstu allenthaben rein'.
er sprach ,bruoder, durch got, nein.
daz mir daz nüt kum in den sinl
e wil ich bliben alse ich bin.
bruoder, got gesegene dich.
780 bit den milten got vür mich'.
er sprach ,min gebet teil ich mit dir,
guoter man, als tuo ouch mir.
hab ein gedultigen vesten muot,
din sorge nimt ein ende guot.
763. Das mich got hat C. — 764. wider gon Bayern C.
766. gangen A. — 767. Dein junger herr C.
768. junckfrawen gar tugentrich C.
769. kindeliu A. Die hat empfangen ein kind zu stundt C.
771. So ist fehlt A. So ist es gar ein hübscher C.
772. Wer dem sein k&len schneidet ab C.
773. Vnd man dir dann des biut C. — 775. wurst A.
776. Er sprach durch C.
780. Vnd bit den zarten C. ,bit unseren herren got vur mich^ Hahns
Passional 224, 30. Stauf 1135 ,so wil ich bitten got für dich'. Königs-
tochter 1417 ,bittent den zarten gott für mich' und 4571 f.
781. Der brüder sprach do Mit grosser demüt also Mein C.
782. das thd C.
783. gedultvndC. Zu 783 f. vgl. Königstochter 3076 f. ,herre darumb
habent guoten muot, es würt ob gott noch alles guot'. 1865 f. ,er sprach:
herr, habent guoten muot, die sache ist noch itel guot'.
784. Dein iSben C.
102
785 darumb la dirz nUt schade sin.
DUO wolhiü, gedenke mini'
Trost er in sin herz enpfieng.
Sit kerte er uf die straze und gieng
hin heim gen Peigernlant.
790 sin gebreste mähte in unerkant.
Die lüte horte er sagen daz,
daz hochzit uf der bürge was,
da was ein groszer hof geleit,
hern und knehte vil dar reit.
795 da sach men mange turneiring,
der brüte hochzit man beging. [bL 74.]
da zogete der guote man
durch die stat zuo der bürg hindan.
zuo dem burgtor er do trat,
800 den torwart er vlizeclichen bat
,wiltu got einen dienest taon,
so heiz mir kumen mins herren suon^
der torwart sin antlitz gesach.
von Unlust ime so we geschach,
805 er wolt in han geslagen:
,waz hat dich her getragen?
du soltest von den lüten gan.
785. nü las A. Darnmb so lass dir es nit schwer sein C.
786. wolhin vnd g. auch C. ,nü wol hin* MhdWb. 1, 689a. R. Pars.
6, 37. Boner 6, 19. Dangkrotzheim, Namenbuch 546.
788. Strasse sint A. Gon bayern er do wider gieng C.
789. heim fehlt A C. Vnd do er kam jn das laiidt C.
791. Er hört die C, — 792. hochgezit A. ebenso 796. Ein h. vff C.
793. hin geleit C. — 794. und fehlt A. Rytter vnd 0. do A C.
795, 796. Die waren alle wol bekleit Do stach man vnd tnr-
niert Blan thantzet vnd hoffiert C. [mangen? itumeiring* zanächst
turnierplatz , dann auch das tumier selbst; vgl. ,mensur' in der Studenten-
sprache und das einfache ,rinc* Frauendienst 70, 1. Vogt].
797. Also zöge C. — 798. zur C.
800. torwechter A. mit fleisse C. Vgl die pförtnerscene im Dio-
cletian 8560 fif. — 801. mir ein C.
8().S. der wahter A. Do der. ansach 0.
800. Ach got wass A. hüt har C.
103
din antlitz ist so ungetan
und also wfiesteclich gestalt
810 daz man ez durch ein wander zalt*.
Do viel sin herz in nngedult:
,ach got, wie han ich daz verschalt?
hie was ich e liep nnde wert,
wie Ifitzel man min nuo begert!
815 was sol ich nno gedenken?
ich wil mich gan ertrenken^
Got der wante sinen sin,
zuo der porten drang er in.
Do kam ein miltez herze,
820 den jamerte sin smerze:
,waz vorderstu, guoter man?*
,heiz uz den jungen graven gan^
do begunde er in kennen:
,so beit, ich wil dich nennen*.
825 balde er in die bürge lief:
junger grave* er do rief.
da sprachte mit dem herren er: [bl. 74a.]
Junger her, ich sage fich mer.
808 f. Stauf . 860 ,die ist so rehte wol getan nnd also minneclich gestalte
Vgl. R. Parz. 123, 20. Engelhard 3064. — 809, 810 fehlen C.
811. vngetult A. -- 813. e fehlt A. vormols C.
814. hie begert A. jetz beg&rt C. Parton. 127 ,daz man sin d& so
lützel gert'. ,daz sin niemen gerte dö^ Engelhard 5586.
815. jch armer mau gedencken C.
816. sol mich selber gon C. Königstochter 20431 ,owe was sol ich
nun gedenken! ich glaub ich wöll mich gon erhenken^ Diocletian 1796 ,80
wil ich gan ertrenken mich'. — 817. wandt jm seinen C.
818. trat er aber A. — 819. bekam jm C.
820. erbarmet sein grosser C.
821. Er sprach was wolltest C.
822. her vs A. ^r sprach hciss mir den jungen herren här gan C.
823. erkennen C. Die Umschreibung mit begunde bei Konrad be-
spricht Wolff zur Birne 64. Jäckel s. 26. — 824. beit hie C.
825. burgA. Aber 1031 in der bürge für in die bürge. Weinhold,
Al.gr. §398. Mhd.gr. §452. — 826. Dem jungen grafen C.
827. Mit dem herren sprächet er C.
828. Vyl lieber herr C.
104
nu trettent hin uz vfir daz tor,
830 üwer bruoder stat da vor',
do liez er vallen allez daz,
daz ime vor bevolhen was,
und lief hinabe an der stet,
also men in gejaget bet
835 vtir daz tor an den plan,
da vant er den guoten stan.
den huot er abe zoch ze stunt,
mit trüwen kuste em an den munt,
er druckte in umbevangen
840 sin antlitz an sin wangen:
,laz gan, lieber juncher mich,
die lüte daran ergem sich,
eht ich dich gesehen han,
so wil ich mine straze gan^
845 Er sprach ,nein, du muost her in.
swa du bist, da wil ich sin*.
829. Nu fehlt C. — 831. faren C.
832. vor fehlt A. ,unde den ez bevolhen waz' ß. Parz. 700, 4.
833. hinauss bald an die C. — 834. Als ob C.
835. Er kam . vff den C. — 836. man C.
837. er gegen ime A C. zu stunt fehlt C; und dann: Des herren
sun dem ward goch. Troj. 1776 ,er zöch . . den huot gczogeulichen
abe*.
838. Das er yn zur selben stund Gar früntlich küsset an
den mund C.
839. Vnd do das selb was ergangen Er truckt yn an C.
841. junger her A. herre C. lieber fehlt C.
842. Er trang durch die leüt neben sich C.
843. Das jch nun han gesehen euch Wann jch nun alle wält
scheuch C.
844. Vnd will nun gern die Strasse gan Vwer almftseu wolt
jch gern han C.
845. Der herr sprach C. An nachahmung Gottfrieds, der wiederholt
reimpaare mit gleichen reimworten auf einander folgen lässt (12187 if., 12435 ff.,
12507 ff ), ist liier wohl nicht zu denken. Vgl. einleitnng s. 50.
846. jch auch C.
106
do vaorte ern in die bürg hin in.
er sprach ,du solt gewaltig sin,
alse du ouch vor ie wer,
850 wir weint kein andern schaffener*.
Do herre und vrouwe ervuorent daz,
daz der guote kumen was,
sü uf unde balde hin,
mit trüwens umbeviengent in:
855 ,swaz dir wirret dazt mir leit.
du solt tragen unser kleit.
wir weint dich ntit engelten lan,
daz dir got diz hat getan.
du solt gewaltig sin als e, [bl. 75].
860 und dann noch zwürent me.
swer din hie nttt welle gern,
der muoz unser ouch enbeni'.
Do die hochgezit ergieng,
sin ambaht er do wider enpfieng,
865 er diente in wol getrüwelich.
847. Er fürt yn C. Nach 848 folgen in C: Vber alles das mein
herr bat Es sy fr& oder spat.
849. Als du vor wert gdter man C. ie fehlt A. — 850. han C.
851. Die herren vnd frawen C — 852. Wie der gut man C.
853. Sie stünden bald vff vnd hinC.
854. mit trauren empfiengen sie jn C. . — 855. gebrist . vnss C.
856. hinlegen deine C. Hinter 856 fügt C hinzu: Wir wend dir
vnser kleider geben Du müst nach vnserem sitten laben.
857. Königstochter 1660 ,man sols in nit engelten lan', 3267 ,das sol
man dich nit engelten lau'. Kaufringer 1, 331.
858. Was dir der alrafichtig got hat C.
859. by vnsss sein gewaltig C.
861. hie fehlt C, begereu C. B (bl. la): wil begern.
862. vnsers hoffs emberen 0.
863. für gyng B. Vnd do das hochzeit also zergieug C. Guter
Gerhard 6438 ,Do diu hOchzit zergie'.
864. er das alle zit ane ving A. Ein gewaltig arapt er em-
pfieng C. — 865. jn aber C.
106
daz bewerte darnach sich,
e voUez ambe kam daz jar,
die grevinne ein kint gebar,
daz was ein knabe minneclich.
870 des herren sun was vröudenrich.
jang und alt wart sin gemeit.
nu het der bruoderz vor geseit.
also gedacht der gnote
heimliche in sinem muote
875 ,got behfiete mir min sinne,
daz ich des nttt beginne!'
Darnach über unlang wart,
sü vuorent beizen eine vart,
als ez wolte schicken sich,
880 das vuogte got von himelrich:
den guoten vragt der grove
,da bist gewesen ze hove
wite vor in dinen tagen,
hastu ie gehöret sagen,
885 ez were groz oder klein,
daz du wurdest wider rein?
swaz guots daz kosten möhte,
866. Dass wol dar noch bewerte sich B. Das dar nach wol be-
fand sich C.
867 bis 876 sind nur in B überliefert. — 867. Ee follen B.
868. Die junge grcffynne B. — 872. hatte der bruder vor B.
876. dass B. Parton. 6015 ,daz ich sin nu beginne'.
877. Das noch A. Der vers fehlt in C. ,über unlang* scheint elsässisch.
Jänicke verwies zu Stauf. 687 auf Closener 37, 20. Sonst ist die redeweise
unbelegt. ,dar nach so was vil harte unlanc' Engelhard 504 = 5080 = Tristan
1320; Jäckel s. 29; R Parz. zusatz s. LV zeile 4: .donoch ez gar unlanc waz'.
Diocletian 1749, 3342, 4127, 4611, 4965. — 878. Do füren sie C.
879. Als es doch wolt C.
880. wolte got A. Do fuget got der minneglich ('.
881. Do frote der gute den groffen A. Das den guten fraget
der jung groff C. — 882. vyl ze C.
883. wol in A. Wyt yn B. Sag ob du vtzit by deinen tagen ('.
884. Hast fehlt in B. Oder je gehört habest sagen C.
885. Es sy C. — 886. wider fehlt B. wider wurdest C.
887. vnd was das A. Wess gudes B. Wie vyl C.
107
mit willn ich daz vürbrehte'.
juncher, lant die rede sin.
890 verdrözet ttch daheime min,
so wil ich gerne von üch gan.
ich sol daz nieman wissen lan^
er sprach ,ich mein ez nfit also^
so rehte vrüntlich bat ern do,
895 daz er in liesze wissen mer,
wie im ze helfende wer.
er sprach ,wiltus nfit abe sin,
so muostn dem kinde din
sniden abe sin leben
900 und mir des bluotes geben.
dine fruht so edel ist,
swen du mir des bluotes gist [bl. 75 a.)
und ich daz strich an mich ze stunt,
so würde ich reine und gesunt.
905 ich wil sin aber nüt begern,
ich bitte mich sin nüt gewern'.
888. daz fehlt A. gutem C. brahte A.
889. Der bräder sprach herr C. Parton. 1261 ,lä die rede sin*.
Engelhard 1490 ,1äz durch got die rede 8ln^
890. daheime fehlt B. hie C. sin A.
891. üch fehlt A. So sal ich uch von hynnen B.
892. Vnd will C. Königstochter 1806 ^r sollent es mich wissen lon^
893. nein jch C. — 894. bat yn gar früntlich do C.
895. wyssen dass B C. — 8%. was B C.
897. Er sprach wend jr sein nit embern Ir wellent es wissen
gern C. — 898. So mössent jr eweren kind nemen sin l&ben C.
899. Snyden dass heiibet abe B. — 900. Vnd mftssent mir des
blÄtes geben C. — Vnde myr dess bludess git B.
901. Din, nicht Die (Goedeke) in A. Vwer fr. has so edel end
C. Über vruht bei Konrad Wolff zur Birne 357. Stauf. 294.
902. 903. Wan du sie an mych strichende bist B. Wan jr mir
d. bl. gend C. Die von Weiuhold in der Al.gr. s. 39 Kistener zugeschriebene
stelle gehört Gengenbach.
903. Vnd jch es streich C. ich fehlt A. In B ist von vers 39 (899) des
bruchstücks an die stelle arg zerrüttet; vers 43 fährt B fort: So werde
ich reyne und wol gesunt Vnd genese nff dirre stunt.
904. wider rein vnd C. — 905. aber fehlt AB.
906. biedendichsyunyt zugewernB. Irsondmich auchdesnitC.
108
des herren sun gedahte,
wie er die trü volbrahte.
Darnach in dem meigen wart,
910 der junge grave leite ein vart
über einen burnen kalt
vür die bürg in einen walt.
hinab men über den burnen truog
win und guoter spisen gnuog.
915 dar kament hern und vrouwen vil,
Sil tribent manigerhande spil,
iederman sin sunders treip.
Des herren sun daheime bleip.
in allen wartet er da uz,
920 nieman bleip do uf dem hus
wan er und der guote man.
den hiesz er uf die mnren gan,
daz er der bürge huote.
,vil gerne' sprach der guote.
925 die amme und daz kint da bleip.
darnach ers euch enweg treip:
907. der gedacht C. Mit vers 907 beginnt das zweite blatt der Frank-
furter fragmente (B). — 908. anjmvolbrachtC.
909. Do noch A. Do dar nach C.
910. Geleit aber eyne burne fart B. Der jüngliug leit ein
mol ein fart C.
911. 912. Die junge greffynne gelüsten wart Vor die bürg zu
eyme burne kalt B.
912. hin ab für A. Von der bürg jn den waldt C.
913. Zu dem burne hyn abe man B. Do hin man C.
914. guoter fehlt B. Wein brot vnd rates genüg C.
915. 916 fehlen in C. 916. Silv. 2389 ,und triben maniger hande spil*.
Parton. 86. Troj. 45550, 49155.
917. Jedermann do sein schimpff treib C.
918. Der jung herr C.
919. er warte vs A. warten er da uss B. Er wartet dem hoff-
gesind auss C. Kisteners vers war stilistisches vorbild für Haus von Bühel,
der in der Königstochter 1411 sagt ,wann das her wartet mein da usz*.
920. da fehlt AB. yn B C. — 922. mure A.
925. amme fehlt A. kynt und die ame B. Da heyme bleip B C.
926. Zii der ammen er do schreit A.
109
,eins dinges ich vergessen hab,
se balde and tragez hinab^
sü sprach ,wer huot des kindes mir?'
930 er sprach ,wol hin, ich huote dir'.
Daz burgtor er nach ir beslosz.
sin leit, sin iamer wart so grosz,
daz ich ez nüt kan vol sagen.
er vant ligen in der wagen [bl. 76.]
935 sin kint, daz güetlichen slief.
so jamerlich er got anrief.
,wie we daz minem herzen tuot,
sol ich toeten min eigen bluot!'
er knUwet vür die wage.
940 so grandelose klage
dhein man nie gehöret het,
den die er dem kinde tet.
ze sime kinde er do sprach
,owe hüte und iemer ach!
945 muoz ich dir din kele absniden
927. Er sprach A C. Eyu drachte B. han A.
928. hin nan A. Balde amme drag B. Se amme vnd C.
929. vor hudet ir dess B.
930. Er fehlt B. gang jch hüten dir C.
931. ir nach A. ir noch B. — 932. vnd jamer das was gr. C.
933. ich iss kan nyt follen sagen B. jch es niemandt kan ge-
sagen C. — 934. in den dagen B.
935 bis 989 fehlen in A. Der Schreiber sprang wie 479 zn dem ähn-
lichen reim wort wagen bezw. klage über. — 93o. so g&tlichem C.
936. Gar C. — 937. Ach wie C. 937, 938 in C umgestellt.
938. nun tSdten (\ — 939. nider C.
940. Kein man hört nie grosser klagen C. ,grundel6se klage'
Part. 9682. ,grundel6s* Schmiede 962. Troj. 7670, 7905, 16652, 22936, 23317,
29302, 38907. Häufig bei den mystikern.
941, 942 fehlen A. nye gehorte B. Noch got anr&ffen mit ge-
b5t C. — 942. De er dem kynde dede B. Ee das er dem kind den
tod an thet C.
943, 944 fehlen B C. — 943. do fehlt A. — 944. we A. ,hüte und
iemer* bei Konrad: Wolff zur Birne 112.
945. Er sprach uu wil ich snyden B. Er sprach nun wil jch
doch schnideu C.
110
ze eren gottes liden!'
Sin kint von im erwachete,
so güetlichz in an lachete.
er sprach ,ichn mag dir nlit getuon,
950 kint min, lieber saou^
er brach, er want sich jamerlich:
,ich tOBte lieber selber mich,
sant Jacob, lieber vater min,
gedenke, daz ich din sun bin,
955 und hilf mir got erweichen,
daz er hfit tuo ein zeichen^
Sante Jacop tet im kunt:
ein engel kam uf der stunt
von gotte tet er ime schin:
960 ,snit, ez mag nfit anders sin^
Er sprach ,so laz ich sin daz leit,
swa man ez iemer von mir seit,
946. Er rieff an godes lyden B. dem gottes 1. C. Besonders die
mystik schiebt das leiden Christi in den Vordergrund des religiösen interesses.
Preger, Gesch. der deutschen mystik 2, 134 ff., 3, 185. Königstochter 2936
,0 herr gott durch din liden breit*.
947. vor ym wachen B. do vor jm erwachet C. Dasselbe motiv
Troj. 478flf. 41678 £f.
948. fehlt B. Gar gltiglich. lachet C. — 949. netit C.
950. Ach kynt B. vnd auch C.
951. sprach B. 951, 952 in C umgestellt, sprach er vnd C. Gott-
frieds Tristan 1744 ,8i want sich unde brach ir lip*. Parton. 14738, 18040.
Troj. 6152, 38912.
952. dodete B. selber doppelt geschrieben B. Ach todti vyl lieber
selber mich C. — 953. lieber fehlt B. Er sprach C.
954. Troj. 18640 ,gehüge, daz ich din vater bin'. Königstochter 4580
,ich weisz wol das ich dein kint bin' und 6052 ,bedenk das ich din vatter
bin*. — 955. mir ernstlich bitten got C.
956. hüt fehlt A. er du hude eyu zeichen B; damit endet das Frank-
furter bruchstück. Das er mir helff auss dyser not C.
957. thet jm do C. — 958. der kam C.
959. got der thet C. Über ,8chin tuon* bei Konrad Wolff zur Birne 58.
Jäckel s. 27.
960. es nüt anders mag A. Sprach schneid, gesin 0. Meier zu
Jolande 950. — 961. Der graff sprach C. — 962. ez fehlt C.
111
(laz man ez solte also verstan,
daz ichz durch trüwe han getane
965 Sines kindes kele er abe sneit.
mit grozer widerwertikeit
und mit iamerhaftem muot.
in ein tuoch enpfieng erz bluot.
,Bruoder* rief er, nuo kum her!'
970 von der muren abe gieng er.
do er sach daz kindlin tot.
. er schre jamer unde not!
owe waz hastu getan!
wie sol ez uns nuo ergan?'
975 von schreck er viel in unmaht,
er wüste nüt, swer tag od naht. [bl. 76a.J
also er zuo der erden weich.
Daz bluot an in der grave streich:
swa er in mohte haben blosz,
980 da streich er hin mit trüwen grosz.
gesund und rein wart er ze stet,
daz zeichen got von himel tet.
963. So so] man doch es also C.
964. jn trüwen ('. Buchstäblich = Erec 3414. Gottfrieds Tristan 2029
,ez wart durch triuwe getan*. Stauf. 695 ,die ich durch trtlwe han getan^
Jäckel 8. 26. — 965. Also er dem kind die kll C.
9f)6. grossem jomer und mit leid 0.
967. Vnd mit gar traurigem C.
969. Er rafft dem brüder nun kumm har C. nuo fehlt A.
970. abe fehlt A. Ab der maur so kam er dar V.
971. 972 fehlen in A. 971. kint 0. 972. owe jomer C.
973. Herre mein was band jr C.
974. nuo fehlt A. Das jch mein iSben ye gewan C.
975. schrecken AC. er geschwunden lag 0. Zur sache vgl. wieder
Engelhard 6300 ff.
976. ob es. oder A. Er wisset weder nacht noch tag C.
977. Vnd als er ('. - 978. Der graff das blüt an jn C.
980. Do beatreich er jn C.
981. au der stet A. an der stat 0. — 982. that C.
112
Der vater leite rein sin kint:
,wol uf, daz wir nit me hie sint!
985 würt man nnser hie gewar;
wer onser vil, wir storbent gar.
SQOch henrür sporn onde swert,
balde die sattel of die pfert!'
daz blaot er von dem wege trach,
990 ze gotte er in den himel sprach
,owe janger marteler,
wie kamt fich so leide mer,
so die maoter sin enpflnt!'
do koste er sin totez kint,
995 daz sin herze mitten brach.
Ton jamer allez daz geschach:
,na habe got die sele din!
so wil ich iemer haben pin\
Do ging er über die arke sin,
1000 an tnren greif er darin,
Silber and goldes nam er gnaog
in einen wotsag er daz traog.
,braoder* rief er ,kum har!*
983. wider rein das (\ Zar ausdracksweise vgl. ,waiit legen' und ,tdt
legen' Troj. 35644, 31218, 39855, 24469 [42942, 48836], 3550. Parton. 404, 5637.
985. Vnd wurde man der tbat von vnss i.\
986. man todt vnss gar (.'. — 687. L^r mir bald l\
988. Vnd sattel die besten zwey (\
990. Gegen got. sach <'. — 991. du junger C
992. kummen deiner mäter so leidig C
993, 994. So es mein mGter vnd die dein vernimpt So finden
sie ein todtes kindt (', und fährt dann albern fort Er kust es an seinen
roten mundt Das er do uit starb ze staut Vnd sein hUrtz nit
gar zerbrach. R. Parz. 785. 26 ,daz im sin herze nach zerbrach*.
996. dz ander alles A. von grossem *.'. Vor 997 fügt C ein Do
wandts got mit seiner handt Dem alle hartzen sind bekant Er
sprach. Vgl. die einschaltung nach 994. — 999. die kisten C
1000. Er greiff mit voller band dar jn Er nam gtttz dar anss
so vyl Als eir der von dem lande wyl C.
1001. nam er fehlt 0. — 1002. einem B.
HXJ3. Er rafft dem bruder C.
118
baJde lief er znozim dar.
1005 den wotsag er von im enpfieng,
zao den pferden er do gieng.
dar uf Sil vaste bundent in,
sü sazent nf und vnorent hin.
einer mit dem andern reit. [bl. 77.]
1010 Der junge grave hette leit:
,got, wie sol es mir ergan!'
die bürg liez er eine stan.
beswert von gründe was sin muot:
,owe, ere und groszes guot,
1015 land, bürge, stette, lüte,
nu scheide ich von öch hütel
got, daz ich ie wart geborn,
daz min trtt nie wart verloni,
nu muoz ich unz an daz ende min
1020 iemer me eilende sin.
nu getar ich einen biderman
niemer me gesehen an^
hoerent, also klagete er
den jungeling und sine swer:
1025 • ,nu giltet ez die sele min,
wil sin got nüt abe sin^
Do sach er, wie die amme trat
1004. er dar A. Do lüff er bald zu jm dar C. — 1005. von fehlt C.
1006. dem pferde A.
1008. ritten C. Stanf. 199 ,8ü sazent uf und ritent dan^
1010. hat gross C. — 1011. Ach got C.
1012. Hessen sie allein C.
1013. Im was beschwert von grund sin müt C.
1015. stet bürg vnd leüt C. — 1016. jch schantlich von dir C.
1017. Ach got C. Gottfrieds Tristan 1283 ,ow§, daz ich ie wart ge-
born*. 14143. — 1018. Das hat m. tr. alles verloren 0.
1019. nü müss ich nu A. — 1020 min A. yn dem eilend sein C.
1021. eim A. keinen 0. Stauf. 1134 ,daz mich niemerme kein man
mit ougen sol gesehen an^ Jäckel s. 24 f.
1022. frSlich sehen C. — 1023. klagt er sich C.
1024. der jungeling sin A. Sein liebes kind so jSmerlich C.
1027. Doch A.
Eallng, Kistener. 3
114
zer bärge hin den vuozpUx:
iA Tolt hin abe holen «laz kint:
1C30 balde, daz wir hin abe sint!*
Die amme in die bärge gie:
.heilgez cräze! ist niemen hie?"
daz kint daz tmog sä ab dem hos
mit Torhte zno der bürge oz
1033 nnde nie gelnogte daz,
ob ez tot od lebende was:
die zwene sich entsazen:
.doch mäeszen wir die strazen!'
der grare mit dem bmoder reit:
1010 .bmoder, daz ^i dir geseit,
swaz mir dammbe säl geschehen,
vater nnd mnoter wil ich sehen
nnd die liebe vroawe min, [bL 77*.]
Ton der ich mnoz gescheiden sin."
1043 .Ach got, waz wiltn schaffen do?"
sprach der bmoder zim also:
,dn weist wol, daz nns herte lit.
l(J2h, Gegen derbarg den nichsten pfadt C.
U/29, berab reicben C. — 103iJ. Wolan bald das C.
1031. in der bfirge A. Do die amme C. — 1032. Sie sprach C.
103-3, daz an zweiter htelle feblt C.
UjÖd. Vnd ine A. Da« sie nie C
UMß, das kind l&bent oder tod C. — 1037. sich seer C.
1038. die recht stross A. Sie rittent jre Strassen C.
Vf^^. by dem br. was i', — 1040. Dir sey gesaget das C.
UMl. i»ol A, Da der Ters bachstäblich dem Engelhard (2S4o) entnonunen
ist, habe ich auch, in anlebnung an die durch Closener 18, 21 bezeugte form
jSalleS »ül ge«^:hriebeu. Haupt schrieb an der stelle sol, die von Joseph
aufgeuommeue verbe^uterung hatte Bartsch Yurgescblagen. VgL Parton. 1561.
Troj. 94:^, 17897.
1042. Ich mü.«g nocb einest v. vnd m. sehen C. — 1043. Vnd anch C.
1045, 1046 umgestellt in C. 1045. wend jr C.
l<)i('). Der brüder sprach C.
1047. das es A. Ir wissent C. Kaufringer 14, 373 ,si legt irs
»eiber gar hert'. Diocietian G4^J9 ,wie es so recht herte mir lit*. üätilerin
8. 117, vers IßO ,docb wurd es in oft ligen hart'.
115
laz uns varn hinan, ez ist zit'.
er sprach ,ich sehe sfi denne e,
1050 daz scheiden tet mir iemer we.
mine trüwe muoz bezeigen sich*,
zem burnen vuor er trureclich:
,beit, bruoder, min da:
swie ez mir joch dort erga*.
1055 Mit vröuden sü enpfiengent in:
,lieber sun, wa weint ir hin?*
er sprach ,ich muoz ze eime tage,
hoeren unser lUte klage.
einer ist liblosz getan,
1060 die suone ist an mich gelan*.
vrouwe unde muoter baten in:
,du muost hie blibn und bi uns sin*.
die rede was im gar ein troum.
der vater viel im in den zoum:
1065 ,war woltestu in dirre hitzen?
du muost her abe zuo uns sitzen*.
do sü so in der rede sint,
1048. Lond. faren by zeit C.
1051. bezeichen A. erzeigen C. — 1052. reit C.
1053. Nun beit mein hie vnd gehab dich wol C.
1054. Ich bald hSrwider kummen soi C. noch dort A. Ich habe
nach R. Parz. 507, 26 ,wie ez mir joch erge*, Hans von Bühel, Diocletian 2442
jWas mir joch hie nmb beschicht', joch geschrieben. Vor 1055 schiebt C ein:
Wie es mir jeraer darumb ergange Er ward von jnen wol em-
pfangen, ohne den nun überflüssigen folgenden vers zu tilgen.
1056. wiltu C.
1057. ich muoz fehlt A. jch mftss ze not vff ein tag C.
1058. Nach vnser armen leüten sag C. — 1059. Do jst einer C.
1060. Vnd jst die sach C.
1061. vnd die A. Einleitung s. 25. Sein fr. vnd sein m. C.
1062. Worlich du mflst by vnss hie sin C.
1063. als ein C. Zum ausdruck vgl. Parton. 1054. Troj. 17561, 25167.
Aus der letzten stelle ist gar entnommen, das in A fehlt. Der fortsetzer
des Trojanerkriegs liebt es. Klitscher s. 63 — 1064. an 0.
1066. Also sü in der rede sitzent A. — 1067 fehlt A; dafür nach
1068 er sach wite vmb dasz sint. Vnd so sie also C. Noch stärkerer
8*
116
so bringt die amme her daz kint.
von gründe erschrack sin herze gaot.
1070 er gedahte in sime muot
,sol ich hie verderben
nnd durch trttwe sterben,
daz wende lieber herre got!
hilf mir, herre, uz dirre not.
1075 vergisz nQt, sante Jacop, min.
daz bit ich durch die trttwe diu, [bL 78.]
die du mit got hest, und die klage
an dem grftnen dunerstage,
do du nüt woltest essen me,
1080 du gesehest den got wider e'.
von gedenken im so we geschach.
tempaswechsel mit denselben reimworten ,kint : sint' Trist. 6052. VglKistener
286, 506. Boner 7:^, 9 ,d6 si in dirre rede wän\ Königstocbter 351 ,and do sie
in den sorgen was'. Pantaleon 1838 ,nü daz er in der rede saz . . ., dö kam*.
1068. her feblt A. dort bar (\ Vor 1069 scbiebt C ein Das was jn
der wagen scbon verdacht Vnd hat jra ein schatten gemacht C.
1069. gantzem h erschrack sein mät C.
1070. yn seinem hfirtzen gut C. — 1071. 0 herr sol jch doch C.
1072. vmb mein grosse C. — 1074. Vnd. herre fehlt C.
1075. 0 lieber s. J. vergiss nit C. — 1076. dich C.
1077. das mit got wz die klage A.
1078. hohen donstag C. — 1079. vnd du A.
1080. Goedeke Hess gesehest von drucken; es steht deutlich den in
der hs A, und dem entspricht bei Gengenbach dann. Dieser, übrigens tezt-
kritisch nicht ganz gesicherten stelle muss eine uns unbekannte erzählung zu
gründe liegen, die sich wohl auf Marc. 14, 3)1: 1. Cor. 15, 7 und folgende
antiphon der spanischen liturgie aufbaute: „0 beatum apostolum, qui inter
primos electus, primus omnium apostolorum domin i calicem bibere meroit!"
Garns, Kirchengeschichte von Spanien II, 2, 392. Vgl. Calixtus II, Sermo
primus in vigilia s. Jacobi Zebedaei apostoli (Patrologia ed. Migne 163)
p. 1385 B: ,Sic ex duodecim apostolis tres barones et magistros, Petrum vi-
delicet, Jacobum et Joannem prac omnibus elegit. Hos tres heroes uno modo
super mare Galilaeae elegit; hos dum suscitaret tiliam archisynagogi in aede,
caeteris absentibus discipulis, secum ad videiiduiii miraculum introduxit;
bis sua arcana caetoris plenius patefecit; bis transfigurationem suam in monte
Thabor ostendit, bis in passione sua velut cum charis suis condoluit, moesti-
tiam camis suae ostendens eis et dicens: Tristis est anima mea usqne ad
mortem. Matth XXVI 38^ Vergl. Sermo III p. 1396 D ff.
1081. Von grossen sorgen ward er so schwach C. Königstochter
117
daz man jamer an im sach,
swaz stt rettent, daz er sweig.
zwüschent in er do nider seig.
1085 leit hettents mit im unde not,
sü wantent alle, er were tot.
als ein tote wart er var:
jbalde reichent wasser har!*
daz herze sü im machtent naz.
1090 schiere er wider kamen was.
do hat ein zeichen got getan,
da WQstent sü gar wenig van.
der trüwen sin got nüt vergaz,
sant Jacop bat euch gotte daz:
1095 daz kint wart lebende in der wagen,
vür den vater wart ez getragen,
men wate im ander dougen wint.
do sprach die vronwe an schänden blint
,so küsse, lieber man, din kint,
1100 daz wir al dest vroelicher sint'.
,Waflfen, got! laz mich dervan!*
daz kint den vater lachete an.
2404 ,von jomer geschach in also we^ Diocletian 6066 ,yon leide mir so we
beschach'. — 1082. yn jn grossem jomer C.
1083. Was jemandt redt er allzyt schweig C.
1084. in fehlt A. Vntz das er zwüschen jn nider C.
1085. leit so mit ime hettent A. Sie hatten leid ynd grossi
not C. — 1086. Westen nit dan er C.
1087. gefar AC. Vgl. 206. Also blaich ward C. Gottfrieds Tristan
9350 ,daz diu wart alse ein töte var^ Vgl. 11695. Parton. 1249. Troj. 41910,
44591. K. Parz. 667, 14 ,al8e er tot were wart er gevar*.
1088. Man Hess bald wasser reichen dar C.
1089. Sie machten jm sein hSrtz C.
1090. Dar nach er C. — 1092. gar fehlt C.
1093. vnser herr nit C. — 1094. erbat got C.
1096. ez fehlt A. seinen C.
1097. vnder die A. wagdt jm vnder sein C,
1098. müter A. 1098 fehlt 0. Troj. 10 ,an 6ren blint*. Engelhard 1069
,blint an ir menneschlicher art^
1099. Se lieber sun küsse C. — 1100 fehlt C.
1101. Er sprach o land dar van C.
1102. Do lachet das kind sein C.
118
do sach er, daz ez lebete:
sin herz in vröuden swebete.
1105 do sprang er of, alse ein man,
der leit noch we nie gewan.
er viel nider uf die knie:
,got si gelobet des Zeichens hie. [bl. 78a.]
sant Jacop si geeret,
1110 min heil ist hie gemeret^
Noch do wnstent sü nttt daz,
wie ez dem kinde ergangen was.
sin muoter sprach ,sun, sage uns daz,
wie dir ingenoten was^
1115 ,so hoerent leide und liebe mer'.
dem bruoder rief er balde her.
der bruoder ttbele vorhte sich:
,owe, man ziht es alles mich.
nu wisse got, ez waz mir leit'.
1120 mit vorhten er zem bumen reit.
sti sahent, daz er reine was:
,lieber sun, nu sage uns daz,
wie er reine worden si.
ir sint beide leides vri'.
1103, 1104 amgestellt in C. Do er sach das das kind noch labt C.
Tristan 9409 ,und sach wol, daz er lebete*. — 1104. in grossen C.
1105. ,als ein man der' K. Parz. 48, 25. Tristan 15232.
1106. vnmüt noch leit C.
1107. knnwehieA. v ff sine C. Königstochter 803 ,sie viele nider
uff ir knie*. Diocletian 7594, 7708, 8185.
1108. Got sige globet ein zeichen ist geschehen hie A. Gelopt
sie got C. — 1109. Vnd sant C.
1110. Heil vnd seldjst mir C. Bartsch zum Turnei 11, wo hinzu-
zufügen sind Silv. 2367. Parton. 14022, 20346 u. a. — 1111. Noch dann C.
1113. sdn nd A. Sic spracheut liebes kind nun C.
1114. dir jetzund beschehn C.
1115. hÖrent jr leid C. — 1116. rftfft er frÖlich G.
1117. erschrack vnd C.
1118. nun zeicht man diser getat mich C. - 1119. weiss got C.
1121. Man sach wol er rein worden was C.
1123. der A. dein brüder C. sige : frige A.
1124. Wann jr baide sind sorgen fry C.
119
1125 Er sprach ,(lie rede ich nüt verbir.
ez ist nüt lang, do seite er mir,
wie im ze helfende was.
gar nngeme tet er daz.
mit trüwen ichz im an gewan,
1130 daz er michz mnoste wissen lan.
er Seite, mines kindes blnot
wer im vttr den gebresten guot.
der trüwe ich do nüt vergaz,
mit trüwen galt ich ime daz:
1135 mins kindes kele ich abesneit.
ez was im inneclichen leit.
ich wnste in mit dem blnote,
do wart rein der guote.
ob ir der rede in zwiveln sint,
1140 so luogent nnd beseheut daz kint^
umbe alle stucke seite er daz, [bl. 79.]
wiez nach und vor ergangen was.
,an der kelen man zeichen vint*.
do beschiegent sü daz kint,
1145 sü vundent an der kelen stan
ein roten vaden darumbe gan.
daz küssin was von bluote naz.
do sahent sü, daz also was.
Die muoter tet so klegelich:
1125. rede fehlt A. der red C. embir C. — 1127. do von zu 0.
1128. Gar vngern so C. Gar fehlt A.
1129. Wann das jchs jm mit trSwen C.
1130. ez fehlt A. — 1131. seit mir das C. — 1132. Im wfir C.
1133. Darumb jch seiner trew C. Königstochter 2861 , seiner trüwen
er nit vergasz^ Stauf. 510. Jäckel s. 29.
1134. vergalt A. Vnd galt jm wol mit trüwen C.
1136. Das was 0. — 1137. bestreich, mit meines kindes C.
1138. Darnmb ward rein der brüder gut C.
1139. die rede nun yn C. — 1140. und fehlt A.
1141. so seite. — 1142. es darumb ergangtr
1144. Da sie besahen das kin lä handt (X
1145. Da funden sie 0. -- 1146. galdin 1
1148. das es A. erst das es C.
1149. Er sprach jch het lieber getf
120
1150 ,owe, daz ich nttt tote mich!
ach kint minz! davon was mir swer.
mich ante, wie dn tot wer.
ich mohte keine vröude han^
do weintent vrouwen unde man,
1155 do wart erwert schimpf unde spot.
mit ylize batents alle got:
,nu lebent vater unde kint,
die bede tot gewesen sint.
so ist der reine worden.
1160 wir suUent einen orden
got ze eren und ze lobe
und dem yflrsten sant Jacope
(buwen) * ♦ ♦
« « « «
buwetents ein closter guot,
da men noch gottes dienste tuot,
1165 daz wir hoBren sagen,
sü enmohtentz underslagen.
ez heizet Gnadeouwe,
da got und unser vrouwe
in gabent in iren sin,
1170 sü kement mit einander drin.
vrouwen in dem halben sint
1150. Wie wol das jch ertodte dich C. Parton. 9866 ,daz ich selbe
toBte mich*. 10031 ,daz ich toete mich*.
1151. Mein kind darumb C. — 1152. Es thet mir we das C.
1153. mSbte A. Da von mocht jch C. — 1154. weinete A.
Stanf. 1106 ,do weintent ritter nnde kneht'. 1060 ,frouwen unde man*.
Jäckel s. 12. Vor 1155 fügt C ein Von härtzen und von sinnen
Mit trüwen in gantzer minnen. — 1155. Do hiess vnd wert man C.
1156. Von gantzem härtzen lobten sie got G.
1157. Nun sint iSbent worden C. lebet A.
1159. Vnd auch rein der bröder jst worden 0.
1160. Wir send jn einen geistlichen orden C.
1161. vnd ouch C. — 1162. Vnd ouch dem C.
1163. Do buwten C. — 1164. vyl gottes d. jn C.
1165. Das man noch hüt wol hSrt C. — 1166. en fehlt AC.
1167. Das closter heisset gnadow C. Über den namen einleitung
8.48. — 1168. vnser liebe C. — 1170 koment A.
1171. Die frawen da jn einem theil C. Zur berichtigung der ein-
121
im andern halben man and kint.
got gab in umbe ir trttwe [bl. 79 a.]
ein selig leben n&we,
1175 sü wurden! heilig in der zit.
Hoerent, waz nQtze an trftwen lit:
mute, trüwe und demuot,
die hie der mensche durch got tuot,
die minnet got in sinem muot
1180 für allez irdenischez guot.
swer sich ze gotte neiget
und tr& durch in erzeiget,
ir süllent guoten glouben hau,
daz got in niemer wil gelan
1185 an giner weite dort noch hie.
in trtiwen got anz crttze gie,
trüwe er uns um gotte erwarp,
daz sin menscheit durch uns starp.
von trüwe han ich wol geseit,
1190 untrüwe laut üch wesen leit.
Swem dise rede bildet in,
durch got die gedenkent min:
ders uns ze liste hat gedaht
leitnng s. 48 vergl. über doppelklöster Keinz, Helmbrecht * s. 12. Sense
(Denifle) s. 168. — 1172. halben fehlt C. — 1173. Got der gab C.
1174. l&ben büss vnd rüwe C. Meier zu Jolande 763.
1175. sllig yn diser C.
1176. NunC. nntzesA. Zum epllog einleitnng s. 21f.
1177. vnd gute diemüt C. — 1178. yff erdtreich C*
1179, 1180. nimmet. für alles gut C. Parton. 17675 , er minnet die
für allez guot, die willecliche ir armnot wellent dnrch in lidenS
1181. sich hie C. — 1182. dar jn C. — 1183. Do sol man C.
1184. jn got niemer wert Verlan C.
1185. In C. dort fehlt C. — 1187. er fehlt C.
1188. er jn mOnscheit darumb C. — 1189, 1190 p
1190. Das jst ewer seel lustigkeit C. — 1191.
1192. Dem verleich got ein stfiten sin C. T
wer hat in denne hie so rehte woi gegestet?'
1193. Der vns die rede A. Der diit i
122
und ze tfitsche hat gebraht,
1195 daz tat Euonze Eistener.
swaz ir von gotte habent ger
guoter werg gent ime teil,
daz got mere ttwer heil.
ir taont ez ane schaden wol.
1200 guoter werg man teilen sol
gemeine in die cristenheit,
daz hant die pfaffen mir geseit.
so ir mich hoBrent nennen, [bl. 80.]
so siillent ir bekennen,
1205 daz ich Knonze Eistener
sante Jacop dise mer
ze lobe han getihtet
und ze rime gerihtet.
swaz sant Jacop diener hat,
1210 daheim od nf der strazen gat,
in der gebet bevilhe ich mich,
daz bitte ich sante Jacop dich,
swer in din ere ie kam dahin.
1194. braht A. Vnd dyse rede jn rimen C.
1195. dz wissent A. Das hat gethon C.
1196. Welcher diss lisst jst sein beger C.
1197. Güte, jm zÄ theil C. Zar amschreibung Jäckel s. 24, 86.
1198. Das jst wol ewer sele heil C. — 1200. Güte, triben C.
1201. jn aller C. — 1202. mir die priester band C.
1203. Wannjr jn h8ren C. Guter Gerhard 6607 ,daz man ir lop er-
kennet swä man ir namen nennetV Troj. 342 ,diu frouwe tugentrich gemuot
was Ecnbä genennet, man bete wite erkennet ir namen und ir hohen pris^
19255 ,als ich in horte nennen, er künde wol erkennen\ 20047 ,s6 man si
nennen beeret* u. o. — 1204. erkennen C.
1205. der vorgenant C. ich fehlt AC.
1206. Zu rimen hat gebracht die mär C.
1207. hat A. Das doch ein gantze warheit jst Vnd gantz on
allen argen list Got vnd seiner mütter zu lob Vnd auch dem
guten herren sant Jacob Die dyse zeichen band gethon Dassond
wissen frawen vnd man C. — 1208. rüme A. — 1209. dienern C.
1210. rittet oder A. Der do heim jst oder vff der Strassen
gadt C. — 1212. Das wir s. J. findent dich C.
1213. siner eren A. Wer je kam gon sant Jacob hin C.
123
der gnaden laz ans teilhaft sin.
1215 Got unde sante Jacop,
ich han geseit ttwer lop.
kund ich ez baz durchgrfinden,
ich wolte ez gerne künden,
schier hat die rede ein ende.
1220 got und sant Jacop wende
unser not und arebeit.
swerz gerne hoeret oder seit,
ez sige vrouwe oder man,
vil guoter jare gang sü an.
1225 die sullent ir von gotte han,
die weit git werlich boesen lan.
1214. lass vnss teilhafftig C.
1215. Edler got vnd C.
1216. geachriben C.
1217. ,durchgrtinden*, lieblingswort Konrads v. Wtirzbnrg. Z. b. Schmiede
242, 473. Engelhard 862, 975. Troj. 7166, 7527, 7608, 10863, 13185, 14700,
26357 u. 0. Guter Gerhard 6876 ,ich spraeche, knnde ich, gerne baz*. Königs-
tochter 4830 f. ,aneh wil ich üch hie bitten, das ir min rede band vergnot.
wan ich hon des willen und mnot, kund ich basz, ich tet auch basz*.
1218. durch künden A, dann durch gestrichen und wiederhergestellt.
Das weit jch C.
1219. Also hat dyse C.
1221. All vnser C.
1223. syent C.
1224. GAte jor gange A. Vil guter jaren gang C. Mundartlich
war wohl meist der Singular üblich: Stauf. d. schluss: ,got geh vns allen
ein gut ior'. R. Parz. 646, 33 ,got gebe dir ein guot jor*. 652, 40 ,got
gebe üch ein also guot jar*. So auch später noch DWB 1, 342; 4, 2, 2233.
Aber auch der plural ist bezeugt: Königstochter 7562 ,got gebe üch tusent
guoter ja^^ Klopf an (Schade) 14, 38.
1225. Erec 537 ,daz wil ich von gote hau'. Nach 1224 fährt C fort:
W&r nit gern von got hurt lesen Der mag nit sein diener wäsen.
1226. jetzund büsenC. Boner 94, 87 f. ,gloub mir, also taot ouch diu
weit; si lebt wol, und git boesez gelt*. Engelhard 6390 ,ach brcBdl« t -•"
sich wie du. bist aller missewende vol! niemen dir getriaweD
yil swaehc Ionen kanst*. Haupts Zeitschr. 6, 151 ff. Kaofringi
maint er die unrain weit, wann die geit gar bOsen w
Liedersaal 208, 181.
124
noch welle uns got dort geben
vröude in himel und ewig leben,
des helfe mir unde fich
1230 der milte got in himelrich!
1227. dort fehlt A. Silv. 1332 ,dar nmbe wirt im dort gegeben vrottde
und daz Iwecliche lebeuS Wir send ein guten fürsatz ban So wil
vnss got nacb disem l&ben Das ewig bymmelreiche geben Dess
hellff vnss der milte got Ynd der gut herr sant Jacob. Amen. C.
1230. mit got A. Der Schreiber von A schliesst Dirre rede ist nüt
me (vgl. Stauf. 1110. Jäckel s. 29. R. Parz. 388, 28) Wol vns hüte vnd
iemer me. Explicit feliciter.
Nachtrag
von F. Vogt
1. Zum Wallaere (oben S. 9f.).
In der Abhandlung über das fickenlied ZfdPh. 25, 1 ff. hatte ich S. 6 f.
die Gründe auseinandergesetzt, weshalb die von Bächtold wieder aufgefrischte
Yermutnng, dass Eudolf von Ems mit dem Wal leere des Heinrich von
LinoQwe das Eckenlied meine, unhaltbar ist. Bekanntlich gedenkt Endolf
des Gedichtes in den beiden Literaturübersichten, die er im Alexander und
im Wilhelm giebt; dort sagt er: her Heinrich von Linouwe hat onch
vil stteze arbeit an den Wallaere geleit; im Wilhelm spricht er von
dem von Linouwe (Varr. lindouwe, monwe) der Ekkenis (Varr. eggenis,
ekkeins, eikins, eggen, ereckes) manheit hat getichtet and geseit, daz
ist der Wallaere. Die Beziehung auf das Eckenlied wird nun, wie ich
a. a. 0. zeigte, durch eine zweite Erwähnung des Wallaere im Wilhelm un-
möglich, die von den Früheren garnicht, von Bächtold nur ganz unvollständig
berücksichtigt war. Es beisst da Wilhelm 7084 fg. swer hat vernomen
oder gelesen von dem Wallaere hern Ekkenes (Varr. erkeynes, eikenes,
klies, ereckes) maere, dem ist bekannt, wie da jährlich (jaerlich, nicht
ie gel ich) ein Turnier stattfindet, bei dem ein Sperber als Kampfpreis auf-
gesetzt wird. Das beweist für den Waller einen ganz andern Inhalt als ihn
das Eckenlied hat. Da aber das Motiv des Kampfes um den Sperber an
Hartmanns Ercc erinnert und unter den Varianten an dieser Stelle sich auch
Ereckes st. Ekkenes findet, so schien es mir nötig die Möglichkeit zu er-
wägen, ob nicht etwa dieses Citat von dem in den beiden Literaturübersichten
ganz zu trennen und wirklieb etwa auf Hartmanns Erec zu beziehen sei.
Dann würde ja immerhin die Möo^lichkeit bestehen bleiben, den Wallaere der
Literaturübersieb ten mit dem Eckeuliede in Zusammenhang zu bringen. Ich
verwarf aber diese Deutung, da sie nötigen würde, an der Stelle vom Sperber
das überlieferte wallaere willkürlich inOuwaere zu ändern und da überdies
die näheren Angaben über das Sperbertumier mit dem Erec nicht überein-
stimmen.
Seither ist durch Zeidler, die Quellen von Rudolfs v. Ems Wilhelm S. 141,
auch die Fortsetzung der von mir mitgeteilten Verse bekannt geworden, und im
Hinblick anf sie bnt Singer AfdA 21, S4S <lie Meinung uusgesprocheu, ich würde
wohl jeUt nicht, mehr daran zweifeln, dass wir es hier nnr mit dem Erec Hart-
maiiDä zu tun haben kilnuten leb muss geRteheu, dass mir gerade jene Fart-
aetznng nur zur Bestätigung der cntgegengesetsten Meinung dient. Rudolf er-
siählt, dasa nach der Darstellung des Walliere regelraaasig auht Tage vor Beginn
jenes Uitte August stattfindenden Turniers alle die schausten Frauen des Laudos
in einem betionders für sie bestimmten, am Turnierplatz gelegeuen Palaste zii-
aammeukommen. Sie wählen sictt eine KDiiigiu, die ibneu diese Zeit über Recht
in Minneangelegenheiten spricht. Die, welche da für die SchCnste erklärt wird,
rflhmt man im ganzen Lande. Am achten Tage kommen dann alle kampflustigen
Ritter aus den verschiedenen Lättderu zum Turnier, und wenn dies ein Ende
hat, so giebt diejenige Frau, welche den SchOnheitspreis erhalten hat, dem über-
einstimmend für den Tüchtigsten erklärten Ritter mit einem Eusse den
Sperber auf die Hand. Von alledem findet sich ja in Hartmanns Erec nichts.
Herzog Imaiu hült einige Zeit vor Pfingsten für sein Volk ein Jnbresfeat ab,
bei welchem AJt und Jung, Acm und Reich zusammenkommen. Wessen
Freundin da für die Schönste erklärt wird, die erhält einen auf silberner
Stange aufgestellten Sperber. Schon zwei Jahre bat ein gefilrchteter Bitter
seine Freundin den Sperber nehmen lassen- obgleich sie keineswegs die
ScbßnBte ist, so hat ihm doch niemand zu widersprechen gewagt; jetzt be-
ansprucht Erec ihm gegienüber den Sperber für Eniten. Es kommt ziun
Zweikampf, ia dem Erec den Gegner überwindet und ihm da-i Leben schenkl,
Rudolf kann alau unmöglich hier die Scene aus Hartmauns Erec meinen.
Damit fällt aber jeder Grund dafür fort, diese Stelle anders als auf den in
den beiden Literatnrfibersichten erwähnteu Waller zu deuten, und zugleich
schwindet damit die Möglichkeit, diesen für das KckenÜed zu halten. Die
Dichtung des Heinrich von Liuouwe mnas ein höfischer Roman gewesen sein,
in dem ein vermutlich nach dem Vorbilde der betreffenden Erekscene er-
fnndenes und mit neuen DetailzLigen ausstaffiertes Turnier nm den Sperber
Torkam, Dass der Held dieses Ramaus aber auch denselben Namen getragen
haben sollte wie der des Hartmann sehen, ist wenig wahrscheinlich. Die Variante
ereckes hat wohl nicht mehr Bedeutung als klies: beides sind uu^jecturen
einigermassen literaturkuudiger öcbreiber angesichts eines ihnen unbekannten
Namens. Ob Heinrich von Leinaii etwa in Anlehnung an Erec einen Erkein
erfand oder ob in Ekkenis die richtige Kamenfoim steckt, vermag i::h nicht
zu entscheiden. Jedenfalls wird Rudolf von Ems dem bald vergessenen Ge-
dichte auch literarhistorisch die richtige Stelle gegeben haben, wenn er es
neben den mit Hartmaunschen Motiveu genährten Roman des Strickers, neben
Daniel vom blühenden Tal stellt,
2. Septimuut {oben S. 80, Anm. zu V.361).
Dass Setmunt an der viel b«sp roch enen Stelle in Gottfrieds Tristan den
Berg Septimer (Setmer) bedeute, hatte Jäuicke ZfdPh. 2, la^fg. mit guten
Gründen gezeigt Bechstein hat sich trotzdem durch eine Variante Sefre-
munt verleiten lasseu, an die Sphärenwelt (spheremunt) zu denken, und
127
auch Golther ist mit seinem senstemunt vom richtigen Wege abgeirrt.
Jänickes Deutung wird durch eine bisher nicht beachtete Parallele im Frank-
furter Passionsspiel (Froning V. 1683) sicher gestellt. Der Synagogus spricht
dort zum Sahator, der vom Genuss seines Leibes geredet hat:
und werestu als der berg Septimnnt,
wir essen dich zu kurtzer stunt.
Es ist also sicher, dass den Südwestdeutschen der Septimer, der höchste Berg,
den sie auf dem Wege über die Alpen nach Italien zu überschreiten hatten,
als Bild gewaltiger Grösse geläufig war, und dass auch Gottfried kein anderes
Bild als dieses im Sinne gehabt hat. An das Siebengebirge, welches Froning
zu dieser Stelle wie die älteren Ausleger zu der im Tristan herbeizieht, ist
natürlich nicht zu denken.
Berichtigungen.
In den zitaten der (zuerst gedruckten) einleitung ergaben sich folgende
▼erschiebangen bezw. dmckfehler: seite 3, zeile 9 : lis 371; 3,26:796; 3,
28 : 867; 3, 35 : 769; 6, 2 v. u. : 729; 5, 11 v. u. : 197; 6, 19 : 164; 6, 3 v.
u. : 6Ö1, 687; 7, 1 : 668; 7, 8 : 396, 667; 14, 14 : 467, 523, 531, 615; 15, 17 :
502; 14,19:523; 14,21:584; 14,22:887; 14,23:369,599; 14,24:478;
14, 29 : 364; 14, 3() : 881; 14, 31 : hän 1226; 16, 5 : 548; 19, 8 v. u. : 453; 19,
7 : 328; 25, 7 v. u. : 554; 25, 7 : 877 cv:) 1749; 32, 11 v. o. 943; 33, 13 : 571;
35 : 15 V. u. : 877; 63, 14 v. u. : resipuerint; s. VIII ist vers 1166 hinzuzufügen.
Register.
(Die fettgedruckte ziffer weist anf text und anmerkangen.)
Zur Ästhetik des 14. Jahrhunderts 55 f.
allitteration 74.
also wie 582,
anapher 209. 347.
^770 xoiyov 33.
apostrophc 2.
Armer Heinrich 2. 49. 54.
Boner, Verhältnis Kisteners zu B. 27
Büheler, Hans von Bühel, nachahmer
Kisteners 25 ff. 59. — knnst 20.
55 f. — metrik 50.
h. Christof 16, 31.
compostelas 544.
Compostella, Vorwort s. VIII. 28. 42 ff
Dreizahl 753.
durchgründen 1217.
e unorganisch 164.
eben war uemen 302.
Egenolf, Verhältnis Kisteners zu E lü.
eilende im under ougen sluog
37«.
Elsass und Italien 7.
eren 312.
Gengenbach, stadt 16.
Pamphihis Gengenbach 2. 3<). 32 f.
Gnadau 2. 4. 48 f. 11«7.
Gnadenberg 4.
gel 262.
Gottfried von Strassborg, Verhältnis
Kisteners zu G. 20. 392.
grit 28. 16.
grosz 361.
grundelos 940.
Gumpostell 397. 478.
Handschriften. A If. 16. 30ff. —
B lOf. 32 ff
Heigerloch 407. 691. 46.
her Hug von Heigerloh 685.
Heinrich von Linouwe, Vorwort s. VIII.
4 ff. Nachtrag s. 125 f.
hiatus 5.
hin — her 597.
Igenote 672
s. Jacop 18 u. 0.
Jacobuslegende 8. 42 ff.
Jacopvart 295. - wallfahrten, Vor-
wort s. Vm. 17 f. 28. 42 ff. 63.
Jude und Christ 30.
Kindtaufe 217 ff.
kistener 17.
Wernher der kistener 17.
Kistener, Kuonze 9. 1195. 1205. 28 f.
o4ff. — heiraat 13flf. — zeit 27 f.
130
— bUdnng 53 f. - stil 23 ff. —
kaust 48 ff. - Vorbilder 18 ff. —
vorläge 46 f. — quelle 44 f. — Stoff
41 ff. — nachahmer 25 ff.
Kistener, Andres 28. — Dietrich 29.
Königshofen 30.
Konrad von Würzburg, Verhältnis
Kisteners zu K. 21 ff. — Der weit
lohn 1
Lamparten 396.
lidig 4o0.
lingen 565.
litteratargeschichte des 14. jhs. Vor-
wort 8. VIII. 8 f.
■ariengebet 31.
metrisches 49 f.
minne 700. 15.
mystik 249. 946.
mythologie 407.
Negation, Vorwort s. VIII.
Prosalegende, deutsche 7. 10. 45* —
lateinische 44 f.
Rappoltstciuer Parzival , Verhältnis
Kisteners zumE. P. 19 f. — kunst
49. 55.
Rosenplüt 302.
Budolf von Ems, Verhältnis Kisteners
zu K. 20 f.
Selig 158.
Salniggin 16.
Schönheit der frauen 31.
selber 513.
Septimunt 126.
sieben färben 31
Strassbnrg, heiraat Kisteners 13 ff. —
spräche 13 ff. — litteratur 18 ff. —
Jakobskapellen, herbergeu 17 f. —
kultur 52 f.
Stricker 160.
Tempuswechsel 506. 10(>7.
tuo so wol 160.
troufen 609.
tnrneiring 795.
Obergänge 634.
über nnlang 877.
ungevuog 228.
Verte 270.
vertragen 60
Waller 9. Nachtrag 3. 125 f.
Wickram 18. 264
winrüffer 28 f.
wolgemuot 596. 685. Zu S2.
Varetfk« A Mirtln, Trvbnit/ I. Schl«>.
GermaDisttsche Abhandlongei
begründet
Ton
Karl Weinhold
henusgegeben
Ton
IFiriecliricli Vogt
XVIL Heft
Neidhart mit dem Veilchen
von
Konrad Ousinde
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
i89y
Neidhart
mit dem Veilchen
von
Konrad Ousinde
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1899
Inhalt
Selto
Die eFZ&hlenden Gedichte von Neldhart und dem Vellehen . 1
Veilchentanz und Frühlingsfeier. 11
Die Neidhartdramen
Das St. Pauler Spiel 19
Die Auffuhrung des St. Paulcr Spiels *. . . . 24
Fastnachtspiel und Frühlingsfeier 32
Das grosse Neidhartspiel
Die Handschrift ^ 49
Mundart des Spiels 55
Vershau 61
Inhalt 65
Der Veilchentanz 69
Einschreier und Werbetanz der Bauern und Ritter 78
Neidhart als Schwertfeger 90
Neidhart als Beichtvater 92
Neidhart mit den Kutten 97
Das Teufelspicl 107
Der Raub des Spiegels und Neidhart im Fasse 125
Die Bauern und die Säule 138
Schlussszene. Neidhart bei Hofe 139
Stil des Spiels 142
Verwandtschaft mit dem geistlichen Drama 142
Verwandtschaft mit der Schwank- und Spielmannsdichtung 147
Übereinstimmungen innerhalb des Spiels 158
Komposition und Verfasser 161
Die Aufführung 165
Das Sterzinger Szenar 171
Mundart der Handschrift 172
Mundart des Dichters (Reimgebrauch) 173
Versbau 174
Inhalt 175
Ähnlichkeit zwischen StSz und GrNSp 179
Der Prolog 182
Das Veilchenabenteuer 183
Die Rache 187
VI
Seite
Dor Quacksalber 189
Die Versöhnung Neidharts mit der Herzogin 191
Neidhart im Fass 192
Komposition, Stil und Verfasser 194
Die Aufführung des Sterzinger Neidhartspiels 200
Das kleine Neidhartspiel 203
Die Mundart der Handschrift 203
Mundart des Spiels 204
Versbau 205
Inhalt 205
Neues im KlNSp 206
Verwirrungen 207
Heimat und Aufführung 211
Stil
Verwandtschaft mit dem geistlichen Drama 213
Verwandtschaft mit dor Spiclmanns- und Schwankdichtung . 215
Übereinstimmungen im Spiel 217
Verhältnis der Neidhartspicle zu Ineinander 218
Hans Sachsens Neidhartspiel 223
Das Vorkommen des Motivs vom Neldhartvellehen
Zeugnisse bis zu Hans Sachs 231
Erneuerungen des Stoffes 233
Anastasius Grün 233
Anhang
Das älteste Gedicht von Noidhart und dem Veilchen .... 238
Hans Sachsens Meistergesang 241
Naehträgre.
Zu S. 13 Anm. 2 ist zu bemerken, dass man zu Köln am 7. Mai d. J.
zum ersten Male versucht hat, die in Barcelona nach dem Muster von Tou-
louse noch heute bestehenden Blumenspielo nach Deutschland zu verpflanzen.
s. Kölnische Zeitung Nr. 357 vom 8. 5. 99 Abend-Ausg. : Alte und neue
Welt 1898/99 Heft 12 S. 736.
S. 28 Z. 8f ist der Verweis auf Boltes Bauer i. d. Liede zu streichen.
Die erzählenden Gedichte von Neidhart und
dem Veilchen.
Die (loscliidite vom Neidhart mit dem Veilclien hat unter allen
Neidhartfab(dii die meisten einziehenden Behandlungen erfahren.
Sie ist e})iseli und dramatisch melirlach bearbeitet worden.
Von den erzälilenden (iedichten ist nur eins, MSH III 202*xvi,
handschriftlich überliefert, du) ü])rigen sind nur durch den unter
dem Namen ^Neithai*t Fuchs'' bekannten Druck *) erhalten.
Neidhartisch ist keins von diesen (ledicliten. Einmal hlltte
Neidhart den Stotf als Reien behandelt, dann aber schildern seine
echten Reien immer ländliche Verhältnisse, den Tanz der Mildchen
und Burschen im Frühjahr auf dem Lande, während der Veilchentanz
in unsern (Iedichten von vorn herein sich in höfischen Kreisen
abspielt (s. S. 1'2).
Während in den mir im Drucke überlieferten Stücken die
Schilderung eine recht grobe und rohe ist, zeichnet sich das auch
handschriftlich erhaltene (ledicht in seinen ersten vier Strophen
durch geschickte Ivomj)osition und edle Sprache aus. Wie die
Personen, so ist auch die Darstellung hier durchaus höfisch, der
^) In Robortags NarnMibnch, Berlin u. Stuttgart o. J. (1884), Kiirschnors
Nat.-Lit. 11, S. 1.')? tt*.: Haupt (Ncidh. v. K. VII) nount den Druck z. Im
folgenden wird or als NK zitiort. v. d. Hagen fcdgt einem jüngeren Drucke.
lieber die vorachiedeuen Ausgaben des Druckes s. Haupt, S. VII 11*., Bobertag,
a 143 ff
( ^ mit dem VeiU'Ueu. 1
Bau ist glatt, die Schilderung recht gewandt. Die stark ab-
weichende fünfte Strophe soll besonders betrachtet werden (s. S. 4 ff.)
Die Erzählung beginnt mit einem wirkungsvollen Natureingange,
dessen sich Neidhart nicht zu schämen brauchte. Eine derartige
Schilderung kehrt in keinem der übrigen Gedichte wieder. Da
das ganze Gedicht als Erzählung des Reuenthalers gedacht ist und
durchweg in der ersten Person gesprochen wird ^), so wird auch der
ganze Natureingang Neidharts Rede zugehören, der v. 1,15 von der
allgemeinen Aufforderung unmittelbar auf sich selbst übergeht und
sich aufmacht, die Blume zu suchen. Er bezeichnet die Stelle,
wo er den Frühlingsboten gefunden hat, mit seinem darüber-
gestülpten Hute und geht zum Hofe zurück, um die Herzogin von
Baiem zu holen. Diese hebt auf sein Geheiss selbst den Hut
empor, um die Blume abzupflücken, doch das Veilchen ist ver-
schwunden; die Bauern haben einen Schabernack gespielt. Entrüstet
kehrt die Herzogin dem in laute Klagen ausbrechenden Neidhart
den Rücken. — Dies ist der Inhalt der ersten vier Strophen. Zum
Unterschiede von den meisten fälschlicli unter Neidharts Namen
gehenden Erzälilungen findet sich hier nichts Schwankartiges; es
wird vielmehr nur eine Begebenheit olme irgend welclie lustige
Färbung episch geschildert, ebenso wie in Neidharts eignen Reien
der epische Teil nichts mit dem Schwanke zu thun hat, den dagegen
seine Nachahmer früh aufgenommen haben ^).
Unser Gedicht war bekannt aus der frülier in Hagens Besitz,
jetzt in Berlin befindlichen Hdschr. c [Haupt Neidh. S. VH,] und
aus dem Drucke [a. a. 0. und Bobertag, S. 143 ff]. Darnach \vurde
es in vd. Hagens Minnesingern gedruckt. Ausserdem ist es auch
in der St^rzinger Miszellaneenhandschrift [s] überliefert, worüber
zuerst Zingerle ^) berichtet hat. Während c und die älteste Auflage
des Druckes dem 15. Jhd. angehören, stammt s noch aus dem 14. Jhd.
') Sonst wiiro man vorsnrlit, nach dorn Beispiel der anderen Schilderungen
die Auffordenin«^' 1,1 — l-l der Herzogin in den Mund zu legen.
^) Jahrbuch fi'ir Lit.-(iesch. hr^rg. v, 11. (losche 1., Schröder Die höfische
l)orf]>oesie u. s. w. S. Ol.
^) Sitzunirsher. (h-r phil.-hist. Kl. der Akad. d. Wissensch. 54. Hd., Jhrg.
IS(;<;, Heft 1- :J. Wien l.S(J7, S. -iDSff: Bericht über die Sterzin^'cr Miscellaneen-
Hanilschrift von I)r. L<rnaz V. Zingerle. bes. S. oIi3. Eine Abschrift wurde
für miih in Innsbruck auf gütige Vennittelung Prof. Wackernclis angefertigt.
Meist stimmt der Text von s mit c überein, wogegen der Druck
[NF] vielfache Veränderungen bietet. 4, 1 1 if. bietet s eine grössere
Abweichung gegenüber c. Es heisst hier in s: „So waffen über
mich ummer [Hdschr. Immer,] ich wolt das ich were tod nw musz
ich leyden kxmimer ich kom nye in groszer not die wolgetane
münde die musz ich von schulden clagen, da ich mich von
in künde das leit sol ich armer tragen, das habt auif mein
trewen." Neidhart bricht also nur in bittre Klagen aus; von der
harten Drohung 4, 13 f. findet sich keine Spur.
Anderseits teilt s mit c und NF auch Verderbnisse. 2, 18
steht z.B. in CS lait statt durch den Reim: huot gefordertem
luot. NF hat taet, — Allen drei Fassungen gemeinsam ist auch die
Verwirrung am Schlüsse der ersten Strophe, wo die fünf letzten
Zeilen durcheinander geraten sind. Das Beimschema ist
1. Stollen. 2. Stollen. Abgesang.
3a X 3d X 3fX 3h X
4b 4e 4g 4e
3a X 3dX 3fX 3h X
4b 4e 4g 4e
3c X 3c X 3c X
Dabei gelten 4, 1(5. IS clagen: tragen als stumpf, 4, 6. 8
tragen: sagen als klingend. Der Schluss der ersten Strophe muss
also nicht wie bei v. d. Hagen, sondern etwa folgendermassen
lauten :
der zit wil ich geruochen:
so wil icli uf des maien plan
den ersten viol suochen,
Got geb ez ndüez mir wol ergan
sit si mir wol gevellet.
Ferner haben sc NF 1, 12. 14 den Vers 3gX statt 4 g; v. d.
Hagen hat in den Lesarten die naheliegende Heilung angegeben.
Es gehören also s c NF demsel])en Zweige der Textüberlieferung
an. Welclier Art auch der in sc und in NF verschieden
überlieferte Schabernack der Bauern gewesen sein mag (s. S. 10 f.),
jedenfalls wird scliiiell darüber hinweggegangen, während in den
späteren Erzählungen gerade dieser Punkt sehr breitgetreten
wird. — Die Antwort der Herzogin ist vonvurfsvoU klagendr
aber nicht etwa schimpfend wie NF 340 ff. Sie spricht nur von
der ihr widerfahrenen ^smacheit" und sagt darauf: ^nu mag iueh
wol geriuwen."
Der Druck bietet den beiden Handschriften gegenüber einen
mehrfach jüngeren Text. Am wichtigsten ist dabei die EinfQhning
des Herzogs. 4,8 hat s: „datz ich es dorste sagen." Granz ent-
sprechend lautet c. NF dagegen schreibt: ,,und dem forsten will
ich es sagen." Sonst ist aber inmier nur von der Herzogin die
Rede, die jedenfalls als unverheiratet zu gelten hat. Wir werden
später sehn, dass die Herzogin, „die minneclich, die reine" (3,15)
der Maienbuhle des Finders sein soll. Wäre sie verheiratet gedacht,
so würde der Herzog kaum damit zufrieden gewesen sein. *) Dass
sich Maibuhlenschaft auch unter Verheirateten findet, ist ungewöhn-
lich und spät. (s. S. 15 Anm.3.). Man könnte im Notfalle den Herzog
für ihren Vater halten, aber dagegen spricht die Gestalt der
Erzählung in einem sehr späten Gedichte NF 2(>5ff., wo der Herzog
aus andern Schwänken eingedrungen ist. (s.S. 7)*). Ebenso wird es
auch hier bei der abweichenden Lesart des Druckes liegen, wogegen
s c die ursprüngliche Form gewalirt haben, welche den Herzog
überhaupt nicht gekannt hat. Diese Auffassung von der Jung-
fräulichkeit der Herzogin herrscht auch sonst allgemein. Das
St. Pauler Spiel kennt keinen Herzog, im grossen Neidhartspiel ist er
der eigentlichen Veilchenepisode auch fremd und wird nur durch
zwei Zeilen lose angeknüpft (41(),2if.), an der angefülirten Stelle
NF 205 ff. findet er sich nur in der gar nicht dazugehörigen Ein-
leitung, nicht in der eigentlichen Erzählung. Auch im Sterzinger
Szenar und im kleinen Neidhartspiel kommt er nicht vor, und
noch bei Hans Sachs tanzt die Herzogin allein mn das Veilchen.
Man sollte erwarten, dass mit der vierten Strophe, mit der
Klage Neidharts wie im St. Pauler Spiel die Erzählung zu Ende
sei. Uebereinstimmend bringen aber die Handschriften noch eine
fünfte Strophe, die süirk von der vorhergehenden absticht. Während
die ersten Strophen sich nur zwischen zwei Personen, Herzogin
*) Es gälte hier dasselbe, was Michels, Studien über die ältestcn'dcutschcn
Fastnachtspicle, Strassburj? l.S9() = QF 77 S. 45 vom Aristotolcsschwank sagt.
2) Hobertag, Narrenbuch, S. 14(5 will eine absichtliche Unterscheidunp
zwischen dem wiener Herzog und der bairischen Herzogin annehmen. Da tränt
er aber wohl dem Anordner des NF zuviel zu.
o
und Neidhart, abspielen, wird jetzt eine Reihe Bauern aufgezählt.
Dort schlössen sieh die einzelnen Strophen eng aneinander mit dö
an ; die letzte hängt gar nicht mit dem Vorangegangenen zusammen,
sondern fängt wie mit etwas ganz Neuem an. Ausser dem Versmass
erweist sie sich durch nichts als zugehörig. Drum konnte sie auch
im NF von den ersten vier Strophen durch anders gebaute Veilchen-
lieder getrennt werden (s. S. 9). Ganz im Gegensatz zum
Vorangegangenen arbeitet diese fünfte Strophe mit recht plumpen
Mitteln. Nicht nur dem Thäter selbst wird ein Bein abgehaun,
wie es auch am Schlüsse des St. Pauler Spiels angedroht wird,
sondern 32 werden verstümmelt*). Die Schilderung ihres
Wehgeheuls ist ebenfalls selir grob (5,14). Ganz ungeschickt
ist ferner die geistlose Namenhäufung, welche die Schilderung
schlecht unterbricht; besonders hängt der durcli s überlieferte
v. 5: ^die wurden faste singen** mitten zwischen den vielen
Namen ganz in der Luft. Solche Namenaufzählungen sind ein
billiges und beliebtes Mittel spät^»r Neidhartianer, ihren man-
gelnden Witz zu verstecken*). An eine beabsichtigte Unter-
scheidung in der Scliilderung zwischen den höfischen Kreisen und
den Bauern ist auch nicht zu denken. Derselbe Dichter, der in
den ersten Strophen so gewandt schildert, hätte doch, selbst wenn
er seine Bauern im Gegensatze zu Neidhart und der Herzogin recht
derb zeichnen wollte, nicht so inhaltloses Zeug zusanmiengereimt.
Wir haben es hier mit einem schlechten Anhängsel zn thun.
Haupts Aussclieidungen bei Neidharts echten Liedern zeigen allent-
halben, wie spätere Motive an ältere Schilderungen als Enveiterung
und Fortsetzung angeflickt wurden. Die vierte Strophe genügte als
Schluss nicht mehr, man verlangte die Bestrafung des Veilchen-
räubers, die ursprünglich, wie in der Drohung am Schlüsse des
St. Pauler Spiels, so auch hier 2,13 nur angedeutel war. Aller-
dings lässt der „bruoder Hinke" 2,17 möglichenveise Bekanntschaft
*) s. S. 9, Anm.
*) Manchmal wie Erlauor Spiele (hrsgg. v. Kummer) III 67 ff- lieirt in
der Auswahl der Namen not-h einiger Witz, oder eine an »*
bildung wird zu Tode gehetzt wie in Wi ttenweilers Riii|
142, 33b, 4ff; 179, 41, 14ff: 191, 43c, 40fif. Hier Ist
wie Neidh. XXXU, 1 flf ; MSH I 25b 3 u. ö. Am scb^
220a 4 ff. Eine Gewohnheit Neidharts wird hier
Germanistische Abiiandinngen
begründet
von
Karl Weinhold
herausgegeben
von
IFirieclirioli Vogt
XVII. Heft
Neidhart mit dem Veilchen
von
Konrad Ousinde
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1899
Neidhart
mit dem Veilchen
von
Konrad Ousinde
Breslau
V 0 r 1 a ir V M n M. ^ H. Marcus
1899
Inhalt
Seite
Die erzfthlenden Gedichte von Neldhart and dem Vellehen . 1
Veilchentanz nnd Frühlingsfeicr. 11
Die NeidhaFtdramen
Das St. Pauler Spiel 19
Die Aufführung des St. Pauler Spiels 24
Fastnachtspiel und Frühlingsfeicr 32
Das grosse Neidhartspiel
Die Handschrift » . 49
Mundart des Spiels . 55
Vershau 61
Inhalt 65
Der Veilchentanz 69
Einschreier und Werbetanz der Bauern und Ritter 78
Neidhart als Schwcrtfeger 90
Noidhart als Beichtvater 92
Neidhart mit den Kutten 97
Das Teufclspiel 107
Der Rauh des Spiegels und Neidhart im Fasse 125
Die Bauern und die Säule 138
Schlussszene. Neidhart bei Hofe 139
Stil des Spiels 142
Verwandtschaft mit dem geistlichen Drama 142
Verwandtschaft mit der Schwank- und Spielmannsdichtung . 147
Übereinstimmungen innerhalb des Spiels 158
Komposition und Verfasser 161
Die Aufführung 165
Das Sterzinger Szcnar 171
Mundart der Handschrift 172
Mundart des Dichters (Reimgebrauch) 173
Versbau 174
Inhalt
Ähnlichkeit zwischen StSz und GrNSp ....
Der Prolog
Das Voilchenabenteuer
Die Rache
10
Dieser Absatz lehnt sich an NF 192 — 207 an, wo es sich
ebenfalls um Worte Neidharts zur Herzogin handelt. Vgl.:
NF 200 das laster, daz er hat ; NF 253 als si zeleid unss band
getan
197 es wirt im nimer gefam lan
202 es wirt im nimer vergebens
gan
203 er wirt darumb erhawen
20f>f der veiel wirt gerochen
all an den öden törpeln die
mir in band abgeprochen.
getan.
254 iecz woltens, si hetens gelan.
255 es ist in übel ergangen.
2(>() umb den so wart erhawen
3ü3f also wart der feiel geroi^ien
all an den öden törpelen,
die in band abgeprochen.
Wir sehn also, wie eine ungeschickte und rohe Bearbeitung
des Abenteuers erweitert wird und erst mit der Aussöhnung
Neidharts und der Herzogin ihren endgültigen Abscliluss erhält.
Die Mittel, mit denen man zu wirken sucht, sind plump und grob,
die Drastik ist die Hauptsache.
Es bleibt noch die Frage offen, welcher Art der Ersatz des
Veilchens eigentlich gewesen sei. Erst das grobe Gedicht NF
29(>lf und die späten Dramen erwähnen ausdrücklich einen an Stelle
der Blume dagelassnen Haufen Menschenkot'). Das (jedicht in
MSH und das St. Pauler Spiel envähnen davon nic^its. Es fragt
sich, ob hier mit Absicht darüber artig hinweggegangen wird,
oder ob jene grobe Wendung spätem Ursprungs sei. Selbst schon
sehr rohe Behandlungen, wo von einem absichtlichen zarten Ver-
schweigen nicht die Rede sein kann, und auch die sonstigen
Anspielungen in andern (Jedichten (s. S. 8.) sprechen nur von
einem Abbreciien der Blume. Besonders auft'ällig ist aber, dass
in der besten Behandlung der Begel)enh(»it in MSH alle auf diese
gröbere Art des Raub(»s zielenden Anspielungen erst später ein-
gedrungen, nicht ursprünglich sind. Erst der Druck spricht 4,17
') Liebrocht vorweist Fsp. Nchl. 338 zu 191,1 auf die 1 585 orschicncnen
«( 'olltos et (iiscours d'Kutrapol'* in «Icn Oeuvres facotieuscs de No^I du Fail,
chap. 31, wo ein Eifersüchtiger dem begünstigt<jn Nebenbuhler denselben
Streich spielt wie der Bauer dein Neidhart.
11
vom kunder und ganz unzweideutig 2,18 und 3,18 von einem
merdum (=NF 189, 149, 171). Die Handschriften schreiben 4,17
ganz anders (s. S. 3), und statt merdum schreiben sie sor, ein
wenig gebräuchliches Wort, das meist missverstanden worden ist,
denn s macht an beiden, c an einer Stelle daraus sorgen (sorg), womit
natürlich nichts anzufangen ist. Sör bedeutet „trocken, dürr" ^).
Hier ist es substantivisch gebraucht und bedeutet wahrscheinlich
„trocknes, dürres Laub". Der Bauer hat also das Veilchen ab-
gebrochen und an die Stelle verwelkte Blätter gethan. Dass noch
ein derartiger Schabernack mit dem Wegnehmen der Blume verbunden
war, lässt die bittre Klage der Herzogin über die ihr widerfahrene
„smacheit" vermuten. Das Abbrechen ist dabei allerdings die
Hauptsache und musste so lange dafür gelten, bis die neue Ver-
gröberung die eigenartige viola campestris einführte. Die Herzogin
ist jedoch nicht nur darüber aufgebracht, dass das Veilchen, zu
dem Neidhart sie und ihr Gefolge geführt hat, nicht vorhanden
ist; dies hätte sie nicht gar so sehr erbittern dürfen. Es ist
vielmehr die symbolische Bedeutung des Veilchens zu berücksich-
tigen (s. S. 16). Dass die Herzogin nun die Blume nicht findet,
zu der man in feierlichem Zuge gezogen war, und obendrein statt
des sehnlichst erwarteten Frühlingsboten dürres oder halb verwestes
Laub vom Vorjahre erblickt, muss sie allerdings gewaltig erschüttern,
da es gradezu das Verschmähn ihrer Gunst bedeutet.
Veilchentanz und FrühllngfSfeler.
Den Erzählungen vom Neidhartveilchen liegt schliesslich eine
volkstümliche Sitte zu Grunde. Freudig wurde der erste Frühlings-
bote, (las erste Veilchen oder die erste I)otti»rblume auf dem Anger,
das erste Grün oder die erste Hlüte an den Bäumen, als
Zeichen des wiedererwachenden Lenzes begrüsst*). Von da an
begann man seinen Einzug zu feiern; nun war auch die Zeit der
») s. Schniollcr-Fronnnann II, 323 f; vgl. Fick II« 485. Gewöhnlicher ist
das Zeitwort ahd. sorcn.
*) Uhland, Schriften zur (ieschichc der Dichtung und Sa|
Grimm, Mythologie, OSof, N 232.
u
FrOhlingstanze gekommen. Auch in unsrer Veilchenerzählnng ist
der Tanz von grosser Baleutung. Wenn in den epischen Be-
arbeitungen die dem Tanze vorangehenden Ereignisse mehr in den
Vordergrund treten, der Beien dagegen ziemlich kurz erwähnt wird,
so liegt das in ihrer Eigenart, der das Pantominüsch-dramatisdie
des Tanzes weniger gelegen war. Anders ist es in den drama-
tischen Bearbeitungen, wo überall, selbst in den spätesten und
schlecht^st4.»n, der Tanz ums Veilchen notwendig ist und völlig
gleichberechtigt neben der Aufl'orderung zum Suchen und dem
Finden der Blume steht.
Von der Volkssitte weicht unser Veilchentanz insofern ab,
als er sich in höfischer Umgebung absj)ielt; die Herzogin ist die
Hauj)ti)erson, der Finder der Blume ein bei Hofe hochangesehner,
von ihr besonders bevorzugter Kitt^r.
Man kann von vornherein kaum annelmien, dass der erste
Verfasser eines (ledichtes vom Neidhart und dem Veilchen seinen
Vorwurf ganz erfunden hätte. Wir werden vielmehr nach Vor-
bilden! für seine Schilderung suchen dürfen. In der That finden
sich solche.
Am wiener Hofe war es zur Zeit Leopold VI., des Glorreichen *)
Sitt^, im März in den Donauauen das erste Veilchen aufzusuchen.
Der Finder benachrichtigte sogleich den Herzog, der mit seinem
gesamten Hofstaate auf den Anger zog, um das Zeichen des nahen-
den Frühlings zu begrüksen. Das sittsamste Mädchen durfte die
Blume abpflücken und an den Busen stecken -). - Hier werden wir
eine Quelle für die in unsern (icdichten behandelte Begebenheit
zu linden haben. — Gerade von den österreiciiischen Herzögen
wissen wir, dass sie als Kunstgönner und Kunstfreunde die heimische
Dichtung und ihre Träger hochhielten und dabei doch den Zu-
sammenhang mit der Volkssitte nicht verloren •^). Es ist begreiflich
wie gerade an dem Hofe, wo Neidhart und der Tanhäuser so lange
^) 111)')— 8 Herzog von Steienimrk, lli)8- 1230 auch Herzog von Österreich.
«j K. Weiss, (ieschichtc der Stadt Wien, Wien 18S2, 1« 538: A. R. v.
Perger, Der Dom zu St. Stephan in Wien, Triest l<sr)4, S. 31. — Im Haupt-
saale des neuen Uuthauskellers in Wien stellt jetzt ein Wandgemälde von
Heinr. Lefllcr diescjs Veilchenfest dar. s. Illustrierte Zeitung vom 16. Febr.
18yy, No. •Ji)()3.
3; SchWxler, <M»s«hes .Ihrb. 1 S. 4«) 11.
13
geweilt und fördernde Gunst genossen hatten, sich eine solche,
gleichsam offizielle Frühlingsfestlichkeit in den höchsten Kreisen
einbürgern konnte.
Vergleicht man dieses >viener Veilchenfest mit den besprochnen
Gedichten, so ist es insofern ursprünglicher, als das Veilchensuchen
dort im März stattfindet, während hier der Tanz um die Blume
in den Mai verlegt wird. Dies war leicht möglich. Frühlings-
feiern wurden zu verschiednen Zeiten begangen. Von Fastnacht
bis Pfingsten sind eigentlich alle Volksfeste Feiern seines Einzuges.
Die Kirche machte durch ihre Fastenzeit gewaltsam eine Lücke in
diese Kette, so dass ein Teil vor jene Sperrzeit, auf die Fastnacht,
der andre nachher, auf die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten
gelegt werden musste ^). Unter diesen Umständen war es besonders
leicht möglich, dass Übertragungen von der einen Art der Feiern
auf eine andre stattfanden wie hier beim Veilchentanz vom März
auf den Mai.
Während es sich bei den Frühlingsfeiem fast ausnahmslos
um Volksgebräuche handelt, wird das Veilchenfest, wie es zu Wien
begangen wurde, niemals in Volkskreisen heimisch gewesen sein^).
Das Aufsuchen des Veilchens ist allerdings auch hier der Inhalt
des Brauches, aber in dieser Gestalt ist er nichts weiter als eine
zeremonielle Sitte des Hofes, und wenn vor allem das sittsamste
Mädchen die Blume abpflücken darf, so ist dies sicher nicht ur-
sprünglich. Der alte Volksbrauch ist vielmehr für die höfische
Gesellschaft zugeschnitten worden.
Dem gegenüber zeigt schon das älteste Veilchentanzgedicht trotz
der höfischen Behandlung eine stärkere Beeinflussung durch den
Volksgebrauch, wie sie dem Veilchenfeste fremd ist. Neidhart soll
nämlich nicht bloss das Veilchen suchen, damit es die Herzogin
pflücken kann, sondern es liegt ein tieferer Sinn dahinter, der im
St. Pauler und im grossen Neidhartspiel deutlicher hen^ortritt.
^) Weinhold, Ucbcr die deutsche Jahrteilung, Kiel 18()2, S. 6.
*) Interessant ist eine französische Parallele, die ^fröhliche Gesellschaft
der 7 Troubadours von Toulouse.** Sieben toulouser Bürger setzten 1323
ein goldncs Veilchen als Preis aus und luden die bekanntesten Dichter der
Languedoc zum Wettbewerb auf den 1. Mai ein. Gegen lOi) Jahre soll diese
Sitte gedauert haben. [Hüllmann, Stiidtewesen des M. A. IV", Bonn 1821)
S. 228 f.] — Auch hier also eine gelehrte Umbildung eines volkstümlichen
Brauches wie beim wiener Veilchenfest.
14
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^iL S^/ ^klart »idi rfn •ür zr:cs«' Fre»ir Nridhart» üh^ sein«
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«i«T ;jraak2>^ V-inuk^t^tiin^ iid«1 M^i«r!K^lk-h dir ^«^sr Entrn^tiuig
W^flin nun «1<^ Tanz am« Vrilohtm im Ihi stantiiid«t. obvohl
'ia LinsTst Dicht m»rhr y^m dem cfyt<i*n Hrnrt.>rdnngen dtfr Frühlings-
blom^m 4i^ B^r ^in kann, nnd wrnn die HefXi>gin dc?s Finders
Maibahle Mrin ^^ll. «o trrinnert das lebhaft an die Tänze der
Bauern am dra Maibaam zam Beginn des Maimonats, wie ein
•olch^ i, B. im Baaerntanze des grttSMfn Xeidhart^piels gezeichnet ü^
E- war ♦fin«f aralte Sitte an>Ter Vorfahren, den Maien, der
in^l*fiü gleichbedeutend mit dem Lenze war. feierlieh ins Dorf
einzoholen ^j and s}inbijlisch in der Gt^talt eine^ Maibaomes aof-
zapflanz^n. der dann von der jabelnden Jagend omtanzt warde.
Oleicbbe^leatend mit diesem Baame, der bis ins n^hste Jahr
«teilen blieb, war die Dorflinde, ilie in den Tanzlieilem eine grosse
K^dle j^pielt'y. Za einer s^^ilchen Maifeier gehörten vielfach aach
Mai^faen, Der Barsche erhielt ein Mädchen im feierlichen Mai-
gericht zugenpHKrhen, — es mi>chte meistens wuhl auch still-
•chweigende f'liereinkunft der l>eiden genügen, — welches er das
ganze Jahr hindarch zum Tanze zu führen hatte. Bis zum nächsten
FrOhjahr war ^ie sein Mäilchen, sein Maienbuhle. Den Vorrang
Mnt4'r den Paaren hatten die jeweilig erwählten Maigrafen mit
ihrer Maigräfin ^y. Ein solches Verhältnis konnte natürlich die
ver*chie^lenst4;n Gestalten annehmen. Vgl. MSH HI 217» 3: «des
wil ich di«en sumer lank sin slafgeselle sin.** Neidh. XVI 22:
^Vrouwen vil wellent daz si järlanc Trüt^vin triute.*' Keller, Erz.
a. altd. Hdschr. I !>.'>,»;: „Vnd In dem Jar ain magdadein Das sol
dein holder pül sein.-* Ebenso MSH II 84» 4.
', r,r\inm. Myth., 6.33 ff, N 229 ff.: Mannhardt, Wald- und Feldkiilte,
norliii 1875, I UH) ff; Lii'brecht, zur Volkskunde 377 f.
»y Mannhardt, I 188.
*) l'hland, SührifUn, III 3i)0 f; Mannhardt I 449 ff: Montanus, die
d4MjtHi;h<'n XnWnfi-nU', VolkH>r«*bräuolH' und «leutscht'r Volkstrlaube, Iserlohn o.
J., H, :V); Kd. I*ab«t, Ii.-r Mai</raf nnd sein.- F.stc, K.val 18(54: Meyer,
Volkskunde I4.'i, H',\: liielschowskY, Gesch. der d«'Utschen Dorfpoesie im
13. Jhd. ( Acta <;«'nnani«a II, '2) S. 7: (iermania I flj: Ztschr. f. dtsch.
KulturK^-M^h. 18:i7. S. 90. 104 ff.
ir>
Wenn man mit Mannhardt I 183 den Taciteischen Bericht vom
Umzüge der Nerthus (Germ. 40) mit der Einholung des Maien
vergleichen darf, so zeigt es sich recht deutlich, wie uralt diese
Sitte ist, und wie sie im letzten Grunde die Fortsetzung einer
heidnisch-religiösen Jahreszeitenfeier darstellt^). Sie hat fest und
zäh im deutschen Volke gewurzelt und sich bis in unsre Zeit
erhalten. Doch der hehre Brauch lebt meist nur noch kümmerlich
im Kinderspiel fort. Wenn in Schlesien z. B. die Kinder zum
fröhlichen Reigen singen: „Um die Linde gehts geschwinde, bis er
seine Liebste fand," und dabei die Tanzenden sich paarweise ordnen,
so haben wir hier noch einen letzten kaum erkennbaren Best jener
sinnig-schönen, lebensfreudigen Frühlingsfeiem unsrer Altvordern. —
Das wiener Veilchenfest st^ht weit ab von der , frischen
Natürlichkeit jener Feiern, wenn es auch selbst eine Frühlings-
feier und im letzten Grunde aus derartigen Volksgebräuchen
umgebildet ist. Anders liegt es bei den Gedichten vom Neidhart-
veilchen. Der fahrende Spielmann, welcher das Veilchenfest für
sein Gedicht verwandte, hat sicherlich ebenso spöttisch und verächtlich
wie seine Zuhörerschaft auf der Burg auf die Bauern herabgesehn,
die er unt^n im Dorfe ausgelassen um die Linde oder den Maibaum
herumspringen sah*), aber der poetische Reiz der symbolischen
Feier blieb ilmi nicht verborgen. Mit lebendigen Farben hat er
nach ihrem Muster die flache Hofzeremonie für sein Publikum in
seinem (iedichte wieder aufgefrischt. Den Maientanz und die Mai-
buhlenschaft ^) hat er aus jenen Vorbildern übernommen, und der
») Vgl. Uhland, Schriften III 36 ff.
^ Zahlreich sind die Bilder von solchen Tänzen um die Linde, die
beinahe notwendig zum Keientanz gehört, s. P. Lacroix, Moeurs, usages et
costumes au mojen ago, Paris 1871, Fig. 69 und 183; Schultz, Deutsches
Leben, grosse Ausgabe, Fig. 209, 210, 335. — Um den Maibaum ebenda
Fig 212.
^) Die ritterlichen Kreise haben sich übrigens der Maibuhlenpoesie
nicht verschlossen, sondern sie vielmehr nach ihrem (leschmacke ausgebildet.
Die Maichen bestanden iinmer nur zwischen Unverheirateten, die Maigrafen
übten mitunti^r sogar eine gewisse Zuchtpolizei aus. Auch für unsre Erzählung
gilt die Herzogin als ledig (s. S. 4). Dass dagegen die Ritter die Maibuhlen-
schaft nicht nur pflegten, sondern auch auf verheiratete Frauen übertrugen,
lehrt das Beispiel d«?s Hans von Ems, der 1474 im Bade Ober-Badon im
Aargau seinem Freunde Hans von Waldheim seine Frau für die Dauer der
1(3
Tanz ums Veilchen entspricht dem Umtanzen des Maibaumes.
Herzogin und Bitter traten an Stelle von Bauer und Bauernmädchen;
die ganze Schilderung bewegte sich in der Sprache höfischer
Spielmannspoesie. Dem Motive vom Baube liegt möglicherweise
eine wirkliche Begebenheit zu Grunde. — Aber erst nach Neidharts
Beispiel konnte es der Dichter wagen, volkstümliche Motive in
eine höfische Dichtung einzuführen ^), wenn auch in stark über-
arbeiteter Gestalt. Hatte man vorher verachtend auf das Volk
und seine Poesie herabgesehen, so hatte Neidhart erst seinen
Standesgenossen gezeigt, wieviel Schönes dort verborgen lag. In
der Folgezeit verschmähten es die Dichtt»r nicht mehr, die besten
Blüten der Volksdichtung zu pflücken, die sie vorher hatten achtlos
liegen lassen. Was lag nun aber näher, als Neidhart, dessen
Beispiel diesen Umschwung herbeigeführt hatte, selbst einzuführen,
gewissermassen als Bechtfertigung? Jetzt wird der Erfolg für ein
so frisches Gedicht wie MSH IH 202 XVIi-4 sicher gewesen sein.
Das Veilchen, welches aus dem Veilchenfeste vom Dichter
beibehalten ist, hat aber im Veilchentanz nicht nur die Bedeutung
des Frühlingsboten, sondern es ist zugleich ein symbolisches Unter-
pfand der eingegangenen Maienbuhlschaft. Auch hierin hat der
Dichter Volkstümliches aufgenommen. Neidhart weiss, dass das
Finden des Veilchens nicht bloss anzeigt, der Lenz, die Zeit ziun
Eingehn der Maiehe sei gekommen, sondern er weiss zugleich, dass
gerade die Überreichung der Blume ihm die Herzogin als Mai-
bulilen gewinnt. Deutlich ist dies Verhältnis im St. Pauler Spiele
v. 31: „Und find ich dann das blumelin So miissent ir min biil
sin." Er übergiebt es der Herzogin als sjmbolisches Zeichen der
geschlossenen Maiehe, ebenso wie MSH HI 217'* 3 das Mädchen einen
goldnen Bing als Pfond erhält: „Er gab mir in mine haut ein
guldin vingerlin; daz was der triuwen sin ein pfant, daz ist ez
ouch der min: des wil ich disen sumer lank sin slafgeselle sin.''
Eine ähnliche Bedeutung hat ursprünglich auch der Kranz ge-
habt. Die Burschen pflücken ihren Mädchen Kränze (Neidh. 24,22;
^Saison" zum Maibuhlon gab. s. Thland III 390; Maimhardt I 4r)4; Ebert,
Uhorlicforungon z. (lOsch., Lit. u. Kunst dor Vor- und Mitwelt I, 1, Dresden
182(1, S. 42. Mag hier auch franzJisischcr Eiiifluss eine grosso Uollo sjdelcn,
der Ausdruck „Maienbuhle" beweist doch den Kinfluss der deutschen Sitte.
\) lUelschowskv 28 IT, 37 f: Walther, Genn. 34, i:>:>f.
17
'2;k2h; MSHin i>r.P8; 2Sl^'i>; Walther 74,ji) u. ö), andorseiis er-
halten sie als Zeichen besondrer Zuneigung von ihren Mädchen
einen Kranz (Ndh. XIVi.v, XXVIII,«, 28; u. ö.) Gewöhnlich
geschieht es beim Tanze, wobei die Burschen eifrig nach dieser
Auszeichnung trachten. (Neidh. -JCUj; 1 88,22; ITIiland III 417).
Immer ist also der Kranz ein Zeichen der Herzensneigung. Frei-
lich war er auch ein notwendiges Schmuckstück der Mädchen^),
das beim Tanze nicht fehlen durfte, und an den angeführten Stellen
ist er meistens nur eine nicht nel besagende Gunstbezeigung.
Trotzdem liegt eine tiefere Bedeutung dahinter verborgen, dass
nämlich der Kranz, der wie der Ring besonders zum Zeichen der
Vereinigung geeignet war, ein Symbol der eingegangnen Verbindung,
der Verlobung oder der Maibuhlenschaft sein soll. Diesen Sinn
hat er z. B. bei Neidhart 21,14, wo das Mädchen die Übersendung
des Kranzes geradezu als Grund seiner Treue anführt. Neidharts
Verhältnis zu den Dorfschönen ist überhaupt sicherlich als Mai-
buhlenschaft aufzufassen.
Wenn daneben der Kranz als Preis im Wettbewerb vorkommt,
im Wettreimen und Kranzstechen ^), oder als Auszeichnung für
denjenigen, welcher sich des dümmsten Streiches rühmen kann
(Fsj). -13, 330,10), so wird es eine Übertragung dieser Anwendung
sein, wenn z. B. im grossen Neidharts])iel -ir)l,ir»nr, iöir Friderun
Kranz und Spiegel als Preis für den besten Tänzer aussetzt^).
Ebenso liegt es Fsp. '28, •240,1. Zwischen diesen beiden Anwendungen
steht der Kranz als Preis im Wettgesange**). Dass hier mit dem
Kranze zusammen auch das Mädchen selbst errungen wird, er-
innert noch daran, dass der Besitz der Liebsten durch ihn ver-
sinnbildlicht wurde. - So liegt es noch im Alt-Hannentanz
») Wciiihold, Deutsche Frauen IP 17«), L>.%: Schrödor, dio höf. Dorf-
poesie des deiitscheTi Mittelalters in Gosches Jahrbuch für Lit.-Oesch. I 55.
^) Mannhardt 1 .*kS8 f., iiül». Aehulirh ist der Kampf Stt^rzinger Spiele
IX 48.
') WeinhoM, l)<'utsche Frauen 11^ 179ff. : Böhme, Gesch. d. Tanzes 1
38, 52 f.; Meyer, V«dkskunde IG'J.
*) Uhland III 205 IT.; v<^l. ein Kranzwerben aus d. 17. Jlid. als Gesell-
schaftsspiel, Ztsrhr. d. Ver. f. Volkskunde VII 1897, 382 ff.; ferner Schultf
Deutsches Leben 421; WeinhoM, Weihnachtspiele u. Lieder 182 ist ein I
von Kosmarin, mit Münzen behängt, von der Hirtenfrau als Preis fP'
raten ausgesetzt.
Gusiiide, NeldUart mit dem Veilcbeu.
18
(Fsj). (>7), wo der Kranz zwar auch der Preis für putos Tanzen
ist, wo aber nicht wie im grossen Xeidhartspiel alle um einen
Kranz ringen ohne Rücksicht auf das Verhältnis, in dem sie zu
der Aussetzerin stdm, sondern jeder Bursche darnach trachtet, von
seinem Mädchen die Auszeichnung zu bekommen. Ebenso ist es
Fsp. 1), l)2,j«if. Dies ist jedenfalls das Ursprünglichere^). Hier
liegt der Zusammenhang von Liebe und Kranz noch am Tage.
Da aber auch die Tänze um den Kranz hauptsächlich Frülilings-
und Maientänze waren*), so können >rir in der That Kranz und
Ring mit dem Veilchen unsrer Gedichte als Sinnbilder der Mai-
buhlenschaft auf eine Stufe stellen.
») WoinhoW, Doutscho Frauen I« 2S7 f.
*) Wie Kranz un«l Liebe mit Linde und Mai enjr zusaniinenpehören, zeigt
ein den Mai darstellendes altes Kalenderbild bei Schultz, Deutsches Leben,
Tafel IV.
Die Neidbartdramen.
]>aM Sit. Pauler HpieL
Das älteste Neidhartspiel ist das A^on St. Paul ^). Hier bildet die
Veilchengeschichte den Inhalt allein, alle übrigen Dramen haben
n()(;h andre Begebenheiten aufgenommen. Die Ausführung ist höchst
einfach. V. 8*2 will N(»idhai*t die Blume suchtm gehn und v. 83
kommt er schon wieder zurück, um die Herzogin abzuholen; wortlos
geht man zum Veilchen, und es folgt gleich darauf die Entdeckung.
— Von ein(»m Austausch oder Raube wird nichts erwähnt. Daran,
dass eine Bauernszeiu» ausgefallen sei, ist nicht zu denken; das
Spitd beschränkt >sicb auf die denkbar (nnfachsten Mittel, es ist
nur (?in Zwiegespriu;h. Darum wird man die Überlieferung nicht
für unvollständig halten dürfen, wofür auch die am Ende durch
den Schlussschnörkel -) als vollständig bezeichnete Handschrift
spricht. Der S(;hluss, die Drohung Neidhart.s, dem Thäter ein
Bein abschlagen zu wollen, befriedigt allerdings nicbt ganz. Man
erwartet nach dem Beispiel der späteren Spiele auch den Vollzug
der Züchtigung. Dies hätte aber eine umstilndlichere Ausfülirung
erfordert, die der Verfasser gescheut zu ha])en scheint, wie alles,
was nicht in den Rahmen des Dialogs hineinpasst. Dem St. Pauler
Spiel liegt eine epische Darstellung zu Grunde, di<» ' ' ^ zum
1) hrsgg. V. Srhönbach ZftlA 40, 368ff; «1
Osterr. Lit. (iesch. 372 f.
2) s. Schöubach S. 368.
•20
ersten Mal zu draniatisieren versiielit hat. Die AiifTonU^ning der
Herzogin zur Frühlingsfeier (v. 11 — 20), die Erklärung Neidharts,
das erste Veilchen suchen und die Herzogin dadurch zum Maihuhlen
gewinnen zu wollen (v. 21 — 82), die Meldung vom Funde und
die Auttbrderung hinzugehn (v. 38 — 38), der Zornesaushnich der
Herzogin bei der Entdeckung (v. 3t) — 44), Neidharts Entschuldigung
(v. 45 — 50) und die Androhung seiner Rache (v. 51 — 58): das
sind alles die Reden, welche auch in einem erzählenden Gedichte
gesprochen werden; was da aber epische Schilderung ist, der Gang
zum Veilchen und die Begrüssung der Blume, ihr Abbrechen, die
Rückkehr zum Hofe, der feierliche Zug zum Anger, der Reientanz
ums Veilchen und die Entdeckung beim Auflieben des Hutes, ist
einfiich weggelassen worden. Darauf ist der Verfasser niclit
gekommen, durch Selbstgespräche die epischen Teile wiederzugeben,
wie es die spät^^rn Spiele thun. Wir haben hier ein sehr lehrreiches
Beispiel recht urwüchsiger Dramatisierung. Die Reden werden
herausgehoben, die Schilderung lallt fort, und kann liöchstens durch
Mimik ersetzt werden
Je mehr dabei der Phantasie des Zuschauers zugemut(»t wurde,
desto notwendiger war eine p]inleitung, die den Inhalt, die (Quin-
tessenz des Ganzen kurz darlegte. Im St. Pauler Spiel ist noch
ersichtlich, wie der Verfasser sich geholfen hat. Aus den Reden
der beiden Personen stellte er sich eine Vorrede zusaniUKMi, kunstlos
und einfach wiederholend, was in spät^'ren Versen gesagt war.
wobei seine Einleitung stark von (U*r h'bendigen Sprac^he des
eig(Mitli(then Spiels absticht. Vgl.
y. 2. Ez kumöt her uf disfi
plan
Jetzo an diser vart
Ainherczogin vn herNithart,
Mit in vil schöner frawil.
Von den ir abentur sfind
schawil,
V. n. Wer finde das erst blumelin
Der s(d derer an(bT bnl
jarlang sin.
V. 1 1 . Got gruz dich , edler
Nitliart!
Von wafi kuml)st her an
diser vart.
V.37. Die siillfit ir gan schawen
Irnnd die edeln juiikfrawen.
V.31. Und find ich dann das
bliimeliii
So mussent ir min ImiI sin.
21
Es begegnet im StPSp. eine Reihe von Wendungen, die
im GrNSp. und im Sterzinger Szenar wiederkehren. Das meiste
hat Schunbach S. 372 schon zusammengestellt. Der Ausruf
^Wafl'en!" findet sich fast in allen Behandlungen bei Entdeckung
des fiilschen Veilchens. MSH HI 202^4 in s: „So wafen über
mich ummer" (s. S. 3.); StPSp. 39: „Ach waufn ümmer
Waffen;*' GrNSp. 414,ii: „Wafen mir heut und immer mer,
Wafen meiner grossen er; StSz. 244,2: „Ach Waffen vnd wee
diser grossn Schande.'' — Andre Übereinstimmungen sind:
V. 1 : Horentfrawnunde
man
Ez kumrt her uf
disfi plan.
StSz. 237, 1 : Hörtzu,Ier Frawenn vnd ler Man,
Edl vnd vnedlauf dism Plaan, vgl. 242, 2 ;
vgl. Fsp. 013,12: Hört nu, ir trauen und ir
25: Das best daz ich
mak
Bediunaclituiitak.
man!
Hie ist kumen auf disn plan.
Nchl. 109,ü; Sterz. Sp.IV.-); MSH ra202M u.ö.
GrNSp.42(), 1 :Was ich ir gedienen kan und mag.
Das lasse ich nimmer einen tag.
443,r.: Die ich imer erdenken mag
Und will nacht und tag . . .
.')!: Sagt an ir dorfknappen | vgl. GrNSp. 3*.)i^, 4; Schönbach, S. 371;
Irtorpel und ir müstrappen| Fsp. 344, k;.
11:
Got griiss dich edler Nithart jvgl. GrNSp. 413,-., StSz. 23^,4
Von waii kumbst heran diser vart.^ NF 21)3f.
vgl. v. 3.
4:»:
Ach edliufrawe hoch geborn.
Land ab gen mir den iwern
zorn.
StSz. 243,2: Ach genädige fraw
Herzogin,
Lasset eurn grossn Zorn ab seyn.
Fsp. 63i), 2 .
47: Und landniiclilijmiwerhuld [GrNSp. 423,:;i: So gebt im cur liuhi
Ez ist geschehen an all niin^ Wan es was an sein schuld.
schuld.
I
vgl. 414,2:J.
die sonstige Spielmannsdichtun
er
0->
V.44: Es Ullis dir an daz leben
gan.
8 : Mit der herczogin verwetet
hiit 0.
37: Die sullilt ir gan schawen
Ir und die edeln junkfrawen <
vgl. V. 5.
s. Vogt, Salm. u. Mor.CXLVDIf.;
Wirth,Oster- u. Passionsspiele, *)
S. 158.
Neidh. XXV r> : Die verwettet liant
den tanz.
Suchen wirt XXX,ir>r>: Da suUen sich
lazzen scliawen
Tzway hundert schöner vrowen.
InUv^br. Mar. Hinif. l»-5: dykonitdoher
mit iren junkfrawen
ir moget so alle gerne schawen.
vgl. GrNSi).;$i):),:r, 3i)7,i5 - UK-js;
StSz. 237,2; Fs|).'il7,ir»; Kenner
1223(1; MSHII12()2% 1 u. ö.
GrNSp. 424,i>7; Sterz. Sp. IV 1!)7; Salm.
i:)8,4; NF IJ)2. Erl. 111230; Eg. 5(>2()
„, . t.^ ^, Alsf.77(>,8i)2,lS28,2123;Kindli.Jesu727;
Waz ir gebietent daz^_, ., ,, ^^^ .,, ., ,, .,., , i 4 r ^
, ^, ! Heidelb. i H\ St. Uall. 33; Innsbr. Aulenst.
2J)r>; Tir. Pass. 2t)(>; Jutta \)W,a\ u. ö.;
Wirth, S. 1(;().
21: Oenadliebiu frawemin
sol sin.
r>2: Fr torpel und ir niüstra])i)en
Waz band ir an mir gerochen
NF2(M): (Ut veicl wirt gerochen
all an (h'U ()(k'ntör|M*ln, diemirin
Daz ir den vicd haut ab-
gel)rocben.
13: wie stat din gemnt
Gen dez Hechten maven bliit.
band abgcprochen. 2r)3. vgl.
(JrNSp. 41S,:;.
f MSH 1 1 1 2 1 4'' S : 1 )az was (k's lieben
meien bluot;
des vröute sich do min gemiiot.
1S7'M; 292»' 1; Neidli. LIV:;^.
Das Spiel ist also durchaus in (b*r Sprache der höfisclien
Spielnuuinsdichtung geschrieben, (b*r auch (h'r St(»tt* angebört. Die
') «vorwcltcii" luMsst hier niclit wie Lcxrr uinl Mh(l\V!{. als zwcifcl-
hart«^ HtMlrutun«^: anheben: «durch eine ^Vetl^* vcrHrrori.** sondiTU es hat die
ircwölniliclu? HtMleuluii«:: „(hirch (»in Pfand sichern, " s. SchnicMcr-Froniinann
Jl., l()r>0: d<M'h ist CS übcilraj^cn zu vcrstohn — „fest und bestimmt ausmachen,
versjirechen." An wortli<he Bed<Mitunj^, dass etwa für den Tall des Nichtor-
s«lieinens eine Strah» aus»,'emacht war, ist nicht zu denken.
-) s. S. 2') Aum. o.
Art des Ersatzes ist verschwiegen, die Drohung hat schon eine
bestimmt« Form angenommen. — Zur Herzogin sagt Neidhart,
der Thäter sollte zur Strafe sein Bein verlieren, den Bauern droht
er im allgemeinen, dass er sie auf Stelzen heimschicken werde. Hier
haben wir also noch eine Zwischenstufe in der Entwicklung des
Motivs von Neidharts Rache. Nebeneinander stehen schon zwei
Wendungen, die Dndiung gegen den einen und die Drohung gegen
jille Hauern; dei' Verlust eines Beines soll beidemal die Strafe
sein. Wirklich ausgeführt begegnet diese Drohung NF "iSlI, '2'>V),
vr» alle, oder doch viele Bauern ihr Bein verlieren. Im StPS|i.
war sie augenscheinlich noch nicht ausgeführt, mag nun die Un-
heholfenheit des Verfa.ssers daran die Schuld tragen (s. S. Ulf.),
(Hier mag ihm die Ausfiilirung der liaclie überliau])t noch nicht
bekannt gewissen sein. In diesem Falle hiltten wir liier das S. Sf.
vorausgesetzte Mittelglied.
Für die Handschrift hat Schrinhach S. 37()f. schwäbische
Herkunft nachgewiesen. Zu beachten wäre vielleicht noch die seit
dem 14. Jlid. vurkommemle Schreibung cz für die Affrikata, z. B.
herczoghi 4,K; stelczen .'iH; [tz nur in jetzo 3]. Mdr. 203, AUr.
1t«i, B<ir. l.'tO, l.'i'J, und die scharfe Aussprache von z nach mircz
4!', AOr. 41.'),l«.'i, Mlir. -i(l4. - Im übrigen genügt es, wegen
der Handschrift auf Scliönbach S. 3('iS zu verweisen.
Für die Heimat des Spiels beweisen die Keime nichts.
Schrmbacli sclilicsst wegen des Wortes „niuostra]>|>en'' auf bair.-
üsterr. Sprachgebiet. In diesem Falle iimss man wegen des gänz-
lichen Fehlens der iioueii I)i]ilithi)nge eine der lehendigen Redeweise
entgegen festgehultne ndid. Dichterspraehe annehmen ').
Die Verse haben zum grössteii Teil männlichen Ausgang
(:;ii:i)). DiT .\uftakt wird bevdrzugt aber nicht durchgeführt
(47:11). Zweisilbiger Auftakt stc-ht v. 7: wie der vest ritter;
!<: mit der hercziigin; l.'f: oder wie; 31): wil ich lilumeii; 4'J:
und kain fniwen; 411: ain gebiir. Dreihebig stumpfe Verse
sind: V. 3: Jetzo an diser värt; 'i.'): Das best duz ich mäk;
(v. ■Jfi kann gelesen werden: Bediu nacht linde täk); 43: Du
I) VkI. Michds K. In
24
vaiger swächer man. — Dreihebige und vierliebige Verse
reimen zusammen: v 5: Mit in \il schöner frawn Von
d6n ir äbentur sünd schawn; 35: Wan ich an disen stünden
Han ain vialblümen fünden; 37: Die siiUnt ir gän schawen
Ir und die Mein jünkfräwen; 51: Sagt an ir d()ifknai)pen Ir
törpel und ir müstnippen ; 3: Jetz('> an diser viirt Ain lierczogin
vfi her Nithart; 43: Du vaiger swiicher man Ez miis dir an daz
16ben gän. Vielleicht auch v. 25 f. (s. o.).
Fehlende Senkung findet sich besonders in zusammen-
gesetzten Wörtern wie Nithart, jünkfräwen, döriknappen, mustrappen,
aber auch sonst, z.B. 30: vial; 32: bül sin; 58: hain gan; 47:
hau iwer hüld; u. s. w. Zweisilbige Senkung ist nicht häufig.
Bei der ollenbar in hohem (irade angewandten Apokope und Synkope
(s. Schönbach S. 372) ist es nicht möglich, hier die Grenzen zu
ziehn.
Zu lang ist v. 10: Der sol derer ander bül jarlang sin.
Es ist fraglich, ob man durch Streichung von Jarlang" die richtige
Länge herstellen darf.
Der dreihebig stumpfe Vers und der dreiliebig klingenik*
stehn also im StPSj). gleichberechtigt neben dem vierhebigen
von entsprechendem Ausgange. Dies(» Zusammenstellung kommt
seit Beginn des 14. Jhds. häufig vor, während am Ende des 15.
die drei- und vierh(?bigen Verse streng geschieden werden *)
Schönbachs Ansicht, dass das Spiel noch ins 14. .Ilid. gehört,
wird dadurch bestätigt. An diMi Anfang des Jhds. wird kaum
zu denken sein.
Die Aufführung des St. Pauler Spiels.
Wie die ganze Form des 8])iels liöchst einfach ist, so war es
auch die Darstellung. Sie geschah ohne jede Vorbereitung. „Vadat
Nithardus et ponat tlorem sub pileo et redeat.'' Der Darsteller
des Neidhart legte also selbst erst ein vorher verl)orgeMes, bereit-
gehaltnes Veilchen unter den Hut auf den Boden.
*) Kauirinaim, Metrik, §§ 114. 145.
Im StPSp. lernen vdx das älteste erhaltne weltliche Drama
überhaupt kennen. Nur noch ein Spiel (Keller Fsp. 12'2) geliört
sicher ins 14. Jlid *). Im übrigen beginnt unsre Kenntnis des
weltlichen Schauspiels erst im 15. Jhd. mit dem Fastnachtspiel.
Wir lenien zugleich aus dem StPSp., wie ein solches Spiel
zustande kommen konnte, und wie klein im Grunde der Schritt
von der bewegten ei)ischen zur dramatischen Darstellung war.
Man darf aber nicht daraus schliessen, dass man es hier mit den
ersten Anfängen dramatischer Versuche mit weltlichen Stoffen über-
haupt zu thun ha])e. Dass man lange in derselben einfachsten
Weise weiter dichten konnte, zeigen die vielen in Reiensi)ruchform
gehaltnen Fastnachtspiele (s. S. .-^i)f.). Individuelle Begabung konnte
ihrer Zeit weit vorauseilen, während die grosse Masse der Minder-
gewandten im alten Stile fortfuhr^).
Wollen wir luich den Vorbildern des StPSp. suchen, so
dürfen wir zunächst nicht an die geistlichen Spiele anknüpfen. An
sie erinnert nichts. l'berhaui)t daif man die Einwirkung aufs
weltliche Drama V(m dieser Seite her nicht überschätzen, Mustert
man die Beleg«' bei Wirth*^) untenn Strich, so beschränken sich
die an und für sich recht auffälligen Anklänge auf die schon im
StnlV, meist auch in der Tendenz den geistlichen Spielen eng ver-
wandten Stückt'. Kin andrer Teil weist offenbar auf gleiche Uruiul-
lagen, besonders die Tanz- und Qua(tksalberszenen. Nach Abzug
dieser Szenen bleiben so gut wi(^ keine überzeugenden Parallelen
mehr übrig.
Ebensowenig hat das StPSp. mit den Fastnachtspielen zu
thun. Dem widerspricht schon sein Alter, (s. o.).
Dass das StPSj). wirklich ein Drama sein will, b(!weisen
die Beischriften. Ans wi'lchen Kreisen es stammt, zeigt <ler durch-
aus höfisch-spielinainisniässige Stil. Allenlings fallen die lateinischen
Szenenanweisungen auf. Sie lassen zunächst an einen Kleriker denken
oder mindestens an jemand, ('er mit lien Vaganteneigentümlich-
^) ( 'riM/.«'nach. (icsrliiclito des lU'uercii I)raiiias I, 10(1.
2) Cn-izonuch 41 H"., Michels im AWA 21,0:).
•*) L. NVirtli, hio Osler- inul I*assi«)!iss|)iole bis zniii HI. Jhd. Halle IS-S',).
•26
keiten vertraut war. Etwas bestimmtes lässt sich nicht ausmachen.
Deutsches und fremdes Element, Spielmanns- und Vagantijndichtung
flössen vielfach ineinander über. Man braucht nur an den Inhalt
der Carmina Burana zu erinnern. Walirscheinlieh gehören jedoch die
lateinischen Beiscliriften im StPSp. nicht dem Dichter, sondern
einem abschreibenden Kleriker an, der in ähnlicher Weise seine latei-
nische Bildung an den Tag legen wollte, wie es Vigil Raber in
den Sterzinger Spielen gethan hat, wo er auch zum grossen Teil
die deutschen Bühnenanweisungen, die er vorfand, in sein abenteuer-
liches Latein übersetzt hat.
Jedenfalls ist es eine Autführung für höfische Kreise (Schön-
bach S. 374); nicht mehr ein Vortrag eines einzelnen, sondern
ein Versuch, einen für Einzelvortrag bearbeiteten S^ifl* auf zwei
zu verteilen, um ihm so dramatisches Leben einzuflössen. Nur
an zwei Spieler ist zu denken: Neidhart und Herzogin. Von einer
Jungfrauenbegleitung wird zwar v. 5, 20, 38 gesprochen, sie be-
stand aber nur in der Vorstellung; ebenso jedenfalls die am
Schlüsse angeredeten Bauern (s. S. 11)). Die Drohung gegen sie wird
Welmelir einlach ins Publikum hineingesprochen worden sein.
Desgleiclien wurde wohl aucli der Veilchenraub nur durch das blosse
Verschwundensein der Blume angedeutet.
Wenn der Verfasser auch ganz im höfischen (ieschmack
dichtete, so konnte er doch den Bauern gegenüber am Schlüsse
einen derberen Ton anschlagen, das erhöhte noch den (Gegensatz.
In der Drohung liegt bereits der Keim für die Schwanke späterer
Spiele, doch von deren K(Oieit zeigt sicli im ganzen StPSp. nocli
nichts. Neidhart gilt hier noch als Dichter und Edelmann, die
[■nflätigkeit wird mit Stillschweigen übergangen, (d)wohl sie schon
als vorhanden gedacht sein wird wegen der gewaltigen Entrüstung
der Herzogin (Schönbach a. a. ().). Allerdiniifs konnte diese auch
das blosse Fehlen der Hhnne nach der S. 11 und H> gegebnen
Deutung als bittern Sehinipf empfinden.
Dass lange vor den Fastnachtspielen SpielnunnisautlTihrungen
im Schwange waren, ist zweifellos. Man muss zunächst erwägen,
dass die Vo|ks|>oesie an sieh einen stark dramatischen Charakter
hatte, besonders die altheinüsche Kätsel- und Streitdichtung, die
man sich zum weitaus grössten Teile von zwei Personen seit jeher
")
•27
vorgetragen denken mnss*). So hat auch die Spielmannsdichtung,
die zwar niclit in den Stoffen, aber doch in der Behandlungsweiso
ganz und gar in den Balinen der volkstümliclien Poesie wandelt,
ein stark dramatisclies Gepräge. Es wecliseln darin oft durch
ganze Versreihen die si)reclienden Personen, ohne dass sie be-
sonders eingefillirt würden^).
Der Vortrageiuh^ niusste dann, lun überhaupt deutlich zu
werden, die verschiedneii Personen geschickt durch seine Kunst
zum Ausdnick brin^i'n. Hatte er nur eine Person wiederzugeben,
so konnt4»n ihm wohl Masken gute Dienste leist^m'), sonst aber
war Mienen- und (iebärdenspiel (bis hauptsächlichste Mittel. Die
vorhandnen kurzen epischen Verbindungs- un<l Einleitungsworte
traten bei der Herausarbeitung (b'r einzelnen Personen ganz zurück.
Notgedrungen musste man dabei auf den Geihmken kommen, solche
Dichtungen wirklich auf zwei Vortragende zu verteiilen. Ich kann
das durchaus nicht langweilig und geschmacklos finden wieCreizenach
3S4f.; i<*h glaubt» vielmehr, dass bei den meist<3n derartigen Stücken
eine solche Teilung ein ganz ])e(leutender Vorteil gewesen ist uiu^
das Verständnis sehr erh'ichtert hat. Man brauchte nicht einmal
in solchen dialogischen Dichtungen bei ihrer Zweiteilung die epi-
schen Verbindungsformeln wegzuhissen, die meist nur wenig Worte,
höchstens einen Vers o(b»r ein Keimpaar ausmachten. Es wurde
nicht störend enipfundeii, wenn sie aucli blieben uiul vom Sprecher
selbst mitgesprocben wurden. So s])rechen im Fsp. \'2>^ (Nchl.
22»'), :,. \:\) die Spieler noch die Einleitung mit: „sprach dy
hawsdiern'' und „s|)racb das magetein''^).
Dieselbe Kntwicklung hatte Jabrhun(b»rte früher das geistliche
Drama durchgeniaclit, als man den ejH'schen Verbindungste.xt eben-
falls v«)n den Trägern der draniatisclien Hollen mitsingen Hess'').
Auf dii'se Weise war es niögli<*ji, dasselbe Stück je nach Hedürfnis
') riilaiid III ISl 11., ITn..v^'l..laiitz«'ii.<i(N<ii.«l.«lts<ii.S(n'it^^Mlirliti'siiiiM. A.
(ionii. Abh. XIII. S.l).-)!!. 11. /r\i:l L<i. N. F. I L l\S7 IV: M\r\wU AlMA. -j:». I.V.i.
'') Vo^'t, Salm.u.Mnr. CXWIII, (^XL. \is\. lUAhv, nriiiinar, S.270, Aimi.:J-j:».
•*; ( mzciiatli .>^.».
*) |)i<* Srlhslriiitüliniii}:'. die iiacli i\r\\\ Muster der Aufzi'ij:«* s. S. 4(1.1
sich aiirii in aiKlrni Spiclni riiidct. kann man als cinrii Vrr>U('li an.s4>hn. dir
o]dscln'n ViM'hindiinL:«!! mit der iJnllo srll>>l zu vcrM-hmrlzen. \ «.d. Monr
Srhauspiidf des Millrl.dl. r> II ;iO.
^; Michrls, AfdA lM, I).')!.
28
als Einzelspruch oder als Drama vorzutragen. Mitunter beweist
nur das Fehlen oder Vorhandensein der szenischen Anmerkungen,
ob es sich um einen Spruch oder um ein Spiel handelt. In ähn-
licher Weise geht im Spruche von Folz Fsp. Xchl. 310 ff. nur aus
dem Versmasse henor, dass die ständige Einleitung der einzelnen
Strophen: ^Weisheit spricht, *" ^Dorheit spricht" nicht Szenen-
anweisung ist. Solcher leicht dialogisch vortrag!>arer Spruche giebt
es eine ganze Menge *), z. B. das Bauernlob bei Bolte, der Bauer
im deutschen Liede S. HM>; Keller, Erz. a. ad. Hdschr. 177,4S"i;
Eschenburg, Üenlanäler 4*2G u. s. w. Felden in einem solchen
ganz dialogisch gehaltnen Spruche die episclit»n Cbergangsworte
vollständig, so ist es oft sehr schwer zu ent^cheitlen, ob ein Spruch
oder ein Spiel vorliegt, z. B. Fsp. 117 u. IIS (S. 1(M3 u. 1021).
So konnte man auch den Thanhauser (Nchl. 47) und Fsp. 13*2
(Xchl. -iSC)) für ein Drama halten.
Wenn häufig ein in Sj)ruchf(>rm bear!)eiteter Stofl* auch als
Drama mit verhältnismässig wenig Änderungen vorliegt, — be-
sonders bei Folz und Sachs ist das der Fall, — so braucht das
Drama nicht immer erst die Herrichtung für die Aufluhrung zu
sein; es kaim mitunter auch nur (»ine })ühnengerechtere Umarbeitung
des Spruches sein, der als solcher schon dramatiscli dargestellt
werden konnte. Das beste Beispiel giebt (his Traugemuntlied
(rhland Volksl. 1). Von Folz kennen wir ein Spiel (Fsp. iü^Y),
das nichts weiter ist als eine erweiterie Fassung iWi^ Liedes, dem
es im übrigen fast Wort für Wort gleicht, (ierade das Trau-
gemuntlied ist sicherlich schon in seiner ältesten Fassung dialogisch
vorgetragen wurden. In derselben Weise ist jedenfalls auch der
Wartburgkri(»g nicht von einiMu, sondern von mehreren Sängern ge-
sungen worden •"').
'; IllcrIiiT j;«'lnin'ii vor alh'iii auclMlii^ kK-iiioii iiiinll. (icsprärlic, die bo-
somlrrs al.s TafrlsiMMlkm hrlirbt waren. \ i,'I. Mollzcr, !>(• iiii(l(l«lrie<U'rlaiulschi*
drairialisrli«; Viu-y/w S. XXXVllT. — \YM. .loiickblort, (iesib. d. inll. Lit. übers.
V. IUt'^. mit Vurw. v. Martin 1 Leipzi«: iSTO, S. oO'J.
^; I.ier, Slmlieii z. (i^'seb. d. Nüniber^^'r Fastiiaebtsjdels 3*J1T. Ganz
älnilicb ist das diirebwe«,' diab>^isciie Stüek ..Kätsel mii Hätsel" im NVuiider-
borri. (ll(Mii|)el) 11 2(5.'),
'-^J. Waekeriiaij^el, Kleinere Sebrifteii II lo.
'2\)
A])er nicht nur die S])nicbp(»esie, sondern auch die Lyrik liatte
vielfach einen aus^(»sprochen dialogischen Charakter. Man denke nur
ans Lieheslied und besonders ans Tagelied ^); und wenn in den
Handschriften ein dialogisch gehaltnes Lied oft als ^ein Wechsel''
bezeichnet wird-), so kann sich das auch auf den Vortrag beziehn,
z. B. Neidh. 24,13 S. li>l; MSH '2W' 217* u. s. w.
Es lag also allenthalben iri der deutschen Dichtung ein
dramatischer Zug, der zu dramatischer Darstellung verlocken musste.
Diese Versuchung wurde aber noch bedeutend grösser durch
das Marionettenspiel, das schon früh in Deutschland gepflegt wurde*^).
Die Darstellung eines solchen Spiels in Herrats von Laudsperg
Hortus deliciarum lässt es ziemlich ungeschickt erscheinen^).
Gerade dadurch mochte es wie noch heute das Puppen- oder
Kasperletheater aufs Volk wirken, in einigenuassen gebildeten
Kreisen musste man dieses Ungeschick lästig empfinden und von
selbst auf den (iedanken kommen, Menschen statt der Puppen ein-
zuführen, um wahrer und geschickter spielen zu können'»). Es
wäre auch geradezu verwunderlich, wenn die Spielleute, die schon
durch ihren Beruf und durch den Wettbewerb mit ihren Standes-
genossen gezwungen waren, stets und immer wi(»d(»r etwas Neues
zu bieten, um ihre Zuhörerschaft zu fesseln, nicht schon früh
dramatische Darstellungen versucht hätten.
Den (Taukh'rn und Possenreissern der Jahnnärkte, die auch
in (iruppen zusammen auftraten^»), werden bessere (lenossen in
V(»riiehmerer ilesellsi liaft entsprochen haben. Bei festlichen (lelegen-
heiten strömten Spielleute scharenweise an den Höfen zusammen;
thaten sich zwei oder melir von ihnen zusammen, so war die
Spielgesellschaft b(»ieinander^). Dass von ihren Stücken nichts
*) Wackoniaj^ol U 72: Srlirödor in (ioschos Jahrb. f. Lit.-Gesch. I 47.
«) l^urdarh, IJoinmar und Walthor, Loi])zi.sr 18S0, S. 70 ff.
•'') Charles Mairiiiii, Histoiro dos Marionottos on Fiiir<)j)o, Paris 1N.')'2,
•2r,9ff.: Sohultz, Hölisrhos I.ohon 1-^ 'MIS.
*) Enj/oHiard, Tafoln ziini Ilortus drl. Taf. V: Schoihio Klostor VI Fi^.
102 u. S. ;U7tr.: Srhultz, llöf. Lob. I^ {■)?,.
•') (Voizonarli :^S8ir.
•'•) v«,']. Schoiblo. Kb^stor VI, :)Vr2\\.
") Das (Jow(dndiob(* ist alb'rdin<rs, dass niHnnlicho Spiolor aucli dio
weiblichon Kolion wiodorj^^abon. Wenn abor dor bairisoho I.andfriodo von
1244 von don „liistrionos nniliores socum ducontos^ und dor ostorroichisolu^
30
erhalten ist, kann nicht A\Tinder nehmen. Noch melir als die
Pfaften, die gar scldecht auf sie zu sprechen waren, hatten die
Spielleute die Konkurrenz ihrer eignen St^ndesgenossen zu fürchten.
Kein Wunder, wenn sie sich vor jeder schriftlichen Mitteilung
ihres Spiel Vorrates sorglicli hüteten!
Im StPSp. liegt uns nun ein solches Spielmannsstück vor.
Der Stoff ist zwar ein andrer als bei den vorliin besprochnen
Laiidfriedc von 1256 von den ^spillcnt di din wip mit in furcnt" spricht
[Arch. f. Kunde österr. Geschichtsquellen I 1848 Wien, 1. Heft S. 51 u. 67.]f
so sehn wir, dass vielfach Spielleute in Begleitung von Frauenspersonen
herumzogen. Es ist wenigstens denkbar, dass ein solches Spiellcutepaar die
Aufführung übcniahm: dann war der Spielmann gar nicht von einem Neben-
buhler abhängig. Gerade bei Spielen wie das StPSp., wo der Tanz, wie wir noch
sehn werden, eine grosse Rolle spielte, war eine Frauensperson besonders am
Platze: wenn es sich z. B. im StPSp. um die Wiedergabe der Herzogin handelte,
konnte ein tanzgewandtes Spielweib viel mehr Wirkung erzielen als ein Mann in
dieser Frauenrolle. Vgl. Oswald, hrgg. v. EttmüUer, v. 985ff. — In den volkstüm-
lichen Brauchen werden allerdings von jeher bis auf den heutigen Tag die Frauen-
rollen von Männern dargestellt, wodurch Derbheiten und Zoten Thfir und Thor go
öffnet sind. Wenn in Nürnberg keine Weiber mitspielten (s. ('reizfna<'h4ir) Anm.),
so kam dort noch dazu, dass <liese Fastnachtspiele ein Vorrocht der Gesellen waren,
die truppweise herumzogen, um sich mit ihren Aufführungen einen Verdienst zu
machen. Sie bildeten gleichsjim kloine Spielgilden. Nur einmal erscheinen (^hor-
si'hüler als Spieler, auch hier also oinegeschlossne(«onossenschaft. [Lier,S. lO. vgl
('reizenach S. 407]. In Lübeck aber, wo die Zirkelbrüderschaft die Aufführungen
besorgte fJhrb. d. Ver. f. mecklonb. Ges<-h. n. Altertumskunde X, 1845 S.
82ff.: Jhrb. d. Ver. f. ndd. Sprachfors<hung VI. 1880 S. 1 ff.], waren die Spieler
aus besseren Ständen, die nicht wie die nürnberger Gesellen auf Erwerb
ausgingen. Hier scheinen doch auch Frauen, jedenfalls die Frauen der Zirkel-
briider, mitgespielt zu haben; denn alsi. J. 1458 die „Borch", das Spielgerüst,
umfiel, fielen 8 Männor und 1(5 Frauen mit um [Jhrb. d. Ver. f. meckl. Gesch.
u. .\lttk. X, 83: Jhrb. d. Ver. f. ndd. Sprchf. VI, 2]. — Wenn beim geist-
lichen Drama ebenfalls nur Männer spielten, so mag auch hier alte Überlieferung
aus der Anfangszeit solcher Auffuhrungen obwalten, da der Klerus ursijrünglich
(las Spiel übernahm. — Dennoch waren später Frauen unter den Mitwirkenden
nicht unerhört [ Wackornell, Altdoutsclie Passionsspiele aus Tirol, (fraz 1897,
S. LV, CCXLU, CrXl.lVf: Heiuzol, Abhdlgn. z. altdeutschen Drama S. 24 =
Wion^T Sitzgsbcr. KU, ISOrJ: Wackernagel-Martin, Lit.-Gesch. II. § 105,
riO.] — Ilbenso bleibt für das weltliche Schauspiel die Möglichkeit wenigstens
offen, dass mitunter auch Frauen mitspielen konnton, besonderswo es sich
wie im StPSp. nicht uninittelbar um einen volkstümlichen Brauch handelte
(s. o.): und nur als eine Möglichkeit er^vähue ich diese Vemmtung.
31
Sprüchen *), die Behandhin^^ ist aber eben dieselbe. Ahgesehn von
den lateinisch geschriehnen Anordnungen, die nichts beweisen (s.
S. 2().), unterscheidet sicli unser Spiel gar nicht von jenen dialo-
gischen Stücken, deren oben vorausgesetzte Auflführung >vir uns in
derselben Weise zu denken haben werden. Vielleicht ist auch ihr
Vorbild mit daran schuld, dass der Verfasser des StPSp. jeden
Monolog vermieden hat, zu dem doch hier gut^ Gelegenheit war,
um die erzählenden Teile eines epischen Gedichtes wiedergeben zu
können (s. S. 20.). Der Hauptunterschied des StPSp. von den
bisher behandelten dramatischen Sprüchen besteht in der Bedeutung
des Tanzes darin. Betrachtet man den überlieferten Text für sich,
so ist er allerdings sehr ungeschickt. Das wird aber bedeutend
gemildert, wenn man erwägt, dass der Text nur die Begleitung
des Tanzes ist. Zwischen die Gespräche der Herzogin und Neidhart^
fallen pantomimische Darstellungen von mehr oder weniger tanz-
artigem Charakter. Das Aufsuchen der Blume, das Auffinden und
die freudige Rückkehr zum Hofe sind sicherlich irgendwie zum
Ausdruck gekommen; im Mittelpunkt^^ aber stand d(^r Gang zum
Veilchen und das llmtanz(?n desselben. Nur wenn man im Auge
behält, dass der Tanz eigentlich die Haui)trolle im St PS]).
sj)ielte, kann man es richtig würdigen^). Wi(» die Gedichte den
Tanz erwähnen, so hat er sich durch alle Bi^handlungen des Stolles
erhalten; nicht nur das GrNSp. und das StSz. sondern sogar
das KlNSp. hat den Tanz ums Veilchen und den Aufzug bei
seinem P]inholen gewahrt, (d)wohl gerade das KlNSp. den
Nachdruck ganz wo aiuhTs hin, auf die Rauferei zwischen Rittern
und Bauern legt. Ja Hans Sachs fühlt sich sogar noch bewogen,
ein eignes Maientanzlied in seinem Fastnachis])iel vom Neidhart
mit dem Veilchen einzuschieben, welches von der Herzogin zum
^) Wjihrt'ini aus {\om an *:ofu Inten (^irunch? die oijrentlichon Sj)iolinann8-
druinen so ^ut wie jran/ v«'rIoren <re<ranj;en sind, sind nns zahlreiidie Sprüehe
haupUsarhlieh dnirli die Meist ersinj^er erhalten. Da diese aber vornehndirli
das didaktiselie Elenjeiit plle^^ten, so erklärt es sich znj^leiidi daraus, warun»
das 8tI*S|). als Tanzspiel «ranz allein steht.
'^ Darum ist Schönbaehs Verj/leieh mit den Mimiamhen des Ilerondas
(S. 374) nicht j)assend. Kr wäri' viel tretfender für die dnimatisehen Vnrtrii^M-
der Spnich<redirhte.
:^'2
R*-i*-n nm* WihlK^n iffr^nnsr^n winl. — Hht*n>«» muss auch im
StPSp. ilT Tanz der tifi«len Darsteller neben «leni Terte zu seinem
K#^'|jte {rek^inmen sein.
Fastnaehtspiel und Frühlingsfeier.
Ihii* StPSp. ist da< einziire Zeugnis für «lie spielmanns-
rnänsige Behan<llnng eines derartiftren Tanzstoffes in Üramenform
au«j der Zeit vor dem Fastnaehtspiel. Dass solche Stücke aber
mehr im Schwange gewesen sind, lässt sich aus ihrem Fortleben
im Fajftnachtspiel schliessen. Dieses hat bekanntlich mn verschiednen
S^fiten her Zuflüsse erhalten, die ihre Selbständigkeit z. T. ver-
loren hatten und sich nun im Fastnachtspiel, wie in einem
jrro-?jeri Sammelbecken vereinigten. Ein solcher Strom, der vorher
.^Ib.^tandig gewesen war, sind die Tanzspiele. — Um dies darzu-
thun. lohnt es sich, einmal genauer die verschieilnen Stoffe des
Fai<tnachtspiels zu sondern.
Ganz fremdartig sind, wenn man Art und Binleutung der
FiLMtnaclit iM'trachti't. die geistlichen Stoffe. Xur eine aufdring-
liche I^ehrhaftigkeit konnte sich bei der unpassendsten von allen
(felegenlu'iten derartig breit machen. Zum Teil sind diese bei
KelliT gedruckten Spieb» gar nicht einmal Fastnaditspiele^).
Kine andre Onippe wird gebildet durch die Szenen aus dem
täglichen lieben in Familie und (xemeinwesen. Hierher gehören
die <^2"'*^*ksalbergeschicbten. Sie sind alt, wie ihr Eindringen ins
gei?<t liehe Drama beweist. Wie wir spater beim StSz. sehn werden,
liegen ihnen Schnurren der Fahrenden zu Onrnde. — Die übrigen
Stoffe dieser .\rt, wie Ehezwiste, Klagen über Futteraustragen,
rlrainatisclie Verlobungen, Prügeleien, Rechtshändel, bilden wenig-
sfeiif in dieser Vi>n\\ und Fülle den jüngsten Teil unter den
Spielen. Wegi'ii der in ihnen besonders gut anzubringenden Derb-
heiten und Zoten gehören sie zugleich zu den beliebtesten. Sie
kamen drni riescIinKutke der Städter besonders entgegen. Um sie
anzuhören, war ni(;lit einmal eine besondre Fastnachtstinimung
notig.
33
Gering ist danehen die Zahl der politischen Spiele. Nicht
allzu beliebt seheinen auch die Schwank- und Anekdotenstoffe vor
Hans Sachs gewesen zu sein*).
Eine andre Abteilung machen die im letzten Grunde auf die
mh<l. Epik zurückgehenden StoiVe aus. Hierher gehören die im
Fastnachtspiel fortlebenden Spuren von Heldensage und Spielmanns-
dichtung.
Zahlreich sind dagegen unter den Fastnacht^pielen diejenigen,
welche auf altheimische, besonders zur Frfihlingsfeier übliche
Tänze zurückgehn ^). Creizenach warnt zwar S. 31)0 Amn. 2 vor
zu starker Heranziehung der Volksgebräuche für die Erklärung
der Entwicklung des Dramas. Das stimmt gewiss für die geist-
lichen, nicht aber für die weltlichen Spiele. Hierfür pflegt man
den Einfluss von jener Seit43 her eher zu unterschätzen. Es ist
nicht Zufall, dass manche Fastnachtspiele schon im Titel den
Namen „Tanz" führen (Fsp. 14,07, 89, Sterz. Sp. XIV), während
in anderen der Tanz sonst einen grossen Anteil hat.
Wenn man vom volkstümlichen Tanze spricht, so kann man
zwei Arten unterscheiden, den Aufzug und den Reienrundtanz.
Beide werden als „Tanz" bezeichnet. Zwischen ihnen steht als
eine Verbindung beider der Figurentanz.
Der Tanz, an sich der Ausdruck hoher Lebensfreude, gilt
zugleich bei allen Völkern als eine gewissermassen feierliche Hand-
lung, die besonders festlichen Gelegenheiten eine höhere Würde
verleihen soll. So war es auch bei unsern Vorvätern. Ihnen war
hauptsächlich die Zeit des Jahreszeitenwechsels eine solche Gelegen-
heit, vor allem der Beginn des neuen Arbeitsjahres mit dem wieder-,
erwachenden Lenze. Zur Feier seines Einzuges waren da solche
Jahreszeitentänze vornelmilich im Schwange. Dass dazu der
Rundtanz um das Symbol des neuen Frühlings, um Maibaum und
Linde, not^vendig gehörte, haben wir S. 14f gesehn. Aber auch
der Aufzug war damit verbunden, galt es doch, feierlich den
*) Creizenach S. 447.
*) Emil Hanois, Das deutsche Fasnachtspiel im 15. Jhd. 11. Jhrsber.
des n. ö. Landosgymn. in Baden 1874. S. 11 f. — Wie überhaupt im Tanze
ein dramatisches Element steckte, so dass leicht mimische Darstelluiijj^ und
Verstellung sich damit verknüpfen konnte, zeigen am besten die Tänze in der
Chronik von Peter v. Hagenbach (Mono, QuoUensammlung der badischeii
Landesgeschichte 111.;) Kap.7Gff.,S.324a(r. Ygl.lluodlieb(Snler)IX,r>0trn.8. 103.
Gusindo, Neidhart mit dein Vcilchcu. 3
S4
einznlu^eiL oder den Winter hinansziitnigen, oder den wflden
Mann zu suchen and gefangen fortzuf&hren (s. a.). Gehakten ibo
Anfing and Tanz notwendig zar Frfihlingsfder, so ist es iddt
wanderbar, dass wir sie bei den Fastnaehtsfeierlidikeiten stark
vertreten finden, denn aaeh die Fastnacht war ja dmxiiaiis eine
Frühlingrfeier. (s. S. 13).
Seit jeher war aber bei diesen Veranstaltongen Aoftog ond
Tanz die Haaptsache, während der Text als nebensidilicli gmni im
Hintergrande stand. Er soll höchstens dem Verstindnis des Zu-
schaaers erklärend za Hilfe kommen. Ein Beispiel dafttr bietet
der Totentanz. Hier war der Tanz das Gegebene, wozu sich erst
nachher der Text gesellte, am die einzelnen Oruppen nllier za
iHfzeichnen and za erläatem ').
So kann es aaeh nicht Zofall sein, dass gerade die beiden
Haaptvertreter des Figarentanzes, Schwerttanz and Schempartlaaf,
zar Fastnacht stattfanden. Der Grund liegt vielmehr darin, dass
sie nicht etwa von vom herein blosse Aufzöge waren, etwa zum
Zwecke grosser Pompentfaltung, wozu besonders der Schempartlaof
geworden ist, sondern beide in engem Zusanmienhange mit der
Frfihlingsfeier schon ihrem Wesen nach standen.
Der Schempartiauf ist allerdings als solcher nicht früher als
das Fastnachtspiel bezeugt, er erscheint da aber schon in einer
stark entarteten Gestalt. Ein alter Kern steckt jedoch darin, der
auf eine viel ältere Stufe zurückweist und uns zugleich einen
Aufschluss darüber giebt, welcher Volksbrauch schliesslich zum
pomphaften Schempartlauf ausgeartet ist. Eine Hauptrolle unter
den Läufern spielte nämlich der wilde Manu*). Diese mit Moos
bekleidete Gestalt ist nichts weiter als ein S\Tnbol des Winters.
Bei dem uralten Streitspiel zwischen Winter und Sonmier erschien
jener gewohnlich in Stroh, Moos, Laub oder Äste gehüllt, während
der Sommer durch Blumen gekeimzeichnet war, oder grüne Zweige
trug'). Der wilde Mann wurde dann von der Jugend in seinem
V Jhrb. (1. Vor. f. ndd. Sprachf. 1891 XVII 19f. vgl. Wackemagel Kl.
Srhr. I 302 ZfdA 9, iiOiff. und Creizcnath 4(11 f.
•; KiiK» Abbildung in Vogt-Koch Lit. Gesch. 243. Vielleicht war sein
AtiHHehen auch inanchnial auf die ^Helle'' von Einfluss, wenn sie t. B. als
grosser kinderfrossender Mann oder als hässlichcr Teufel erscheint, s. Plögel,
(ipsch. des <irot4.>ske- Komischen, Liegnitz u. Leipzig 1788, S. 235.
«; rhland III 17 ff: Myth. Gj4ff; Mannhardt I 245 ff.
35
Verstecke aufgesucht und im Triumph gebunden fortgeführt, um
unschädlich gemacht zu werden ^). Er spielte in den Volksgebräuchen
eine grosse Bolle. Neben Pfingsten galt aber auch die Fastnacht
als Aufführungszeit für solche Spiele *). Wie tief eingewurzelt sie
waren, zeigen in der Schweiz die Wirtshäuser „zum wilden Mann,"
„le Sauvage,** welche das Andenken an jene symbolische Figur
des Winters erhalten haben, und bis in unsre Zeit leben Wild-
männlespiele, wenn auch in arger Entstellung, noch fort').
Den Zusammenhang mit diesen Naturspielen zeigen auch die
übrigen Schempartläufer noch, wenn sie grüne Beiserbüschel in den
Händen tragen^). Diese deuten darauf hin, dass ihre Träger in
bewoBsten Gegensatz zum wilden Mann gesetzt worden sind, den
sie ursprünglich mit ihren grünen Zweigen als Kinder des Frühlings
auszutreiben hatten, wie man den Tod oder den Pfingstbutzen
auszutreiben pflegte. Hier liegt auch der eigentliche Zweck der
Spiesse, welche die Schempartläufer tragen, denn auch Waffen
wurden in solchen Mai- oder Lenzspielen benutzt, (s. u.).
Ähnlich wie beim Schempartlauf liegt es auch beim Schwert-
tanz ^). Nicht nur in Süddeutschland ß) wurde er hauptsächlich
zur Fastnacht aufgeführt, sondern auch im Norden^.
») Maiinhardt I 333 flf.
^ Bächtold, Qesch. d. dcntschcn Lit. i. d. Schweiz, Frauenfeld 1892 S.
248: Anmerkungen S. 220 Verbote von Fastnachtsbelustigungen: 1) „aber in
hänibdeni, ebhöw, loub oder derglich ist ouch verboten," vom Jahre 1487.
vgl. Usener, Rheinisches Museum 30, 199 f. Ein Spiel vom wilden Mann führt
Bächtold, Anm. S. 219 aus Aarau v. J. 1339 an. In diesen Zusammenhang
gehört sicherlich auch der ludus de quodam homine salvatico ans Padua
V. J. 1208 (Creizenach 377).
») Weinhold in der Ztschr. d. Ver. f. Volkskunde VU 1897 S. 427 fif.
Im Fastnachtspiel kommt diese Gestalt in Spiel 52 S. 391 f: „Ein spil von
Holzmennem*^ vor, wo zwei Holzmänner um ein Holiweibel streiten. Weinhold
a. a. 0. S. 436. — Ztschr. f. deutsche Kulturgesch. Neue Folge IV, 1875 8. 182 flf.
* ) Abbildungen von Schempartl&ufem mit Reiserbüscheln und Spiessen
bei Schultz, Deutsches Leben Taf. XXXI und XXXII und Vogt-Koch, Lit.
Gesch. S. 243.
*) MüUenhoflf, Über den Schwerttanz, Festgaben für Homeyer 1871
Berlin, S. 109 flf. und Nachträge in ZfdA 18, 9flf, 20, lOflf. Bächtold Lit.-
Gesch. Anm. S. 64 f. Ztschr. f. Völkerpsych. 19, 204 ff.
ö) MüllenhoflfS. 127: Bächtold a.a.O; Ztschr. f. Völkerpsychologie 19, 2r>7flf.
^) In Brügge ist 1389 und 1404 der Schwerttanz zu Fastnacht belegt ;
Jahrb. d. Ver. f. ndd. Sprachf. 1875, S. 105.
3*
\NV-,:i ,i*-r Nhw»-rii,a'jz an nu*i für >i«-h viellrfcht &11H1 YÖtib
ijjit 4i«'ij .fa}jr»-*/''it*':;i»'i-rTj zu tlnin hat. »i»- «H«^ l^t-im NrfafTnjart
yj.*i-}j »'r-3<'lit)iilj wjr. -• J-.T »-r «I'm-Ii raarn-h»* Pairillt*!«*. — Er
war »'iü Wafl^-ritan/. tiii.i kuTj^tv..!!»** Wattfü^j'M war >^in eii?f-ntlirbfr
Inhajt. Mitijrit*'r in-M-ht*^ w-jf im Klaubt lial^T SchwerttanispM '
•'iij*' HinriHjtunt: *U*u Abs^hlu^r l»iM»'ii. «janz ähnliefa i^t e» bd
«l»-ii FrfjhliTijrsl»rdU«h»'ii. IVr wiM«* Manu wunie nicht nur liegnhtii
i»*l*'r JTj* Wa^*»T tT'^^t-.s^^-n. ^'•ii'leni mau •*nthaiiptet<' ') ihn andi
...I«'r z*'r»r«i^*' ' y iljTi. TinJ wi»' <J«T wilde Maniu s«t wnrJr anrh
*U'r i'U*^ mit ihiu v»'rwaii'lt#' PfiiiL'^tlmtz In-im Maireiten gef*'it«4*).
Ja «li** S<liw«'rttä?i/»' tra:'*'ii vii-lt'arh ««i^ar «leutliche Sporen daT^n.
*\,i-^ man ^i»- rnit Fruhlin^-l»rriu<li«'n in Verbindung gebrikrht hat:
nidit nur in Knirlaii-i ,. ^^" d**r Sihwvrttanz übrigens in der That
«'in Jahn'*z<'it*'nt»'*'t*^y war. -ond^ni auch in I>eutschland.
So knint »'in *t-iri*<h«T Srhw«'rttanz einen wilden Mann*):
dort, in ♦'iTM'in Mi\\i:in^rh*'U und in «dn«*m lH»hinischen heii(st ein
Mit»}'i«d»*r * fruTH'Fiw.ild ''^.
And*T-«'it* tr«'li''''ren aJ»er Waffen und Waffenjfjdel anch zur
KrrdiliTi{:sfi'i»*r'';. Zum mind«'>t**n trat d^rMaiirraf mit Wallen auf*%
j;»'woljidi(}i j«'do<}i all«' T»'ilij«*limfr. Wif imtwi'ndig si** zu diesen
]<»:» s. iMriir.
', Maiinliaplt I. TiT f.. 4lOf.
' I».i- l't/!.r.- Jir:<|.t -ii'li \t>\ Ji'«iiii:iin-ii un«l Slaven. M\th. t*'y2:
\ Mafjiihapli I :{.V». .V,:}f.. :;>:,: VolM. Ztsrhr. d. Vor. f. Volkbknndt-
JII. IW,. ;>,71. M.\.rr Mvth. l.iT.
^ Müll-nhoir l.'iv
•'; \V<irjli<.i.l. \V«i}ma'}it>pi<|.' iiifl Linli-r 17. .Mfdl«*iihoff 144. Mever
M>th. rjj.
', '//"Ur. f. VM|k..rj,^vrh. \\KJi:\ v. 71.
% Kh. M'i-i S. jo«;» . L'IJ'' : .Miu«iliiiii,'»Mi •U'> V«r. f. (rosch. d, Doatsrhen
iri l'.'.hlijt u 1^'). '.'t'^^ .
'', Ai-ihr. f. d. Kultur^. NF. III. ls71, UiMf. Trotz der Entartung zur
\U *.*.*], i U •\*ti j'h ri'.'li Kaiiipf-punu in 'I«t Mvdo ih"> Vorr«»itors und doc
/,. Hua?«ri ijii'l irii XMttn-trn von I>a\i<l uikI <i()liatli,
'", .M,»j.M}.;.rlt I .'iO'.i. ;;72: Mitlr-il. -l. >chlcsis<hfn (jos. f. Volkskunde lU.
H'ft 0. 1 -:.♦-. :»'.Mi.
37
Frühjalirsfeierlichkeiten waren, gellt daraus hervor, dass man damit
geradezu Waffeimmsterungen verbinden konnte, wie in Danzig und
Stralsund i), oder wie in Soest den Mairitt zum Fehdezug machte ^).
Hierher gehört schliesslich die häufige Verbindung von Maifeier
nnd Schützenfest •'').
Es ist also klar, wie man den Schwerttanz zu den Frühlings-
bräu('h(jii stellen konnte. Wenn dabei gar ein König auf gekreuzten
Schwertern in die Höhe gehoben ^vurde'*), so konnte man auch
diesen mit dem Mai- oder Pfingstkönig in Verbindung bringen.
War der Scliwerttanz aber erst zum Frühlingsspiel geworden, so
hat seine Pflege zur Fastnacht^) nichts Autfälliges mehr an sich.
Ein andrer alter Fastnachtsbrauch, der für das Fastnachtspiel
vorbildlich geworden ist, ist das ümziehn mit dem Pfluge oder der
Egge. Das Einsalzen der Mägde und das Verjüngen der alt<in
Weiber^) mag damit eng verwandt gewesen ^ein. Diejenigen
Mädchen, welche im verflossnen Jahre nicht geheiratet hatte»,
wurden zur Fastnacht in den Pflug oder die Egge gespannt. Hier
handelt es sich von vorn herein um einen Frühlingsbrauch '^),
wo das Weib sowolil als die Egge oder der Pflug Symbole der
Fruchtbarkeit sind, die in sinniger Beziehung zu dem neu er-
wachenden Leben der Natur st^hn.
Dass dieser Brauch, der vielfach ins Gegenteil umgeschlagen
und zur Verspottung der Sitzengebliebnen geworden war, nicht
nur ein Ulk übermütiger Burschen sondern eine allgemein geübte
Sitte war, geht daraus hervor, dass sich mehrere Mädchen, vielleicht
weil für sie die lYauben zu sauer waren, mit dem Vorsatze, im
kornuKMiden Jahre nicht zu heiraten, zusammenthaten, um so dem
S|)()tte (k's Eingespanntwerdens die Spitze abzubrechen. In den
') Mannhardt 1 ;381.
•-') l'hhiiiil III [V2t, 5o, v^l. ob(Mi(la SJmi': Tabst, 8.51,5511.
^) Kuhn in /fdA 5. 47^)11: Tabst, I)<'r Mai^^^n-al' und seine Feste.
V) MüUenhoir 121 Bi und 130 f: Ztsclir. 1". Völkerps^ch. 19, 230 Anm. 2
und 241.
^) V^'l. S. X) Anin. 7 und s. Mannhanlt 54(), .558. Vgl. auch die Fa.stiiaebt«-
känipfe in der Schweiz. Schweiz. Arch. f. Volksk. 1, 271.
'■'; s. S. K): Creizenaeli 45<; Anin. 2 u. 405.
') .M.vlh. 2IS. N. S7: Mannhardt 1 5.5411'., 5(;0ff: M^^er Myth. 2S1, JSC.
2'JO: Schweiz. Areh. f. Volksk. 1, 1897, 8. 134 f. MannhanlL Mythol. Forseii.
(IV 51, S. 111.
Canuina Biirann ist ein solches Lied erhalten'), welches jene das
Heiraten verredenden Mädclien zu ihrem getrennt von den übrigen
Dorfgenossen getanzten Bergen sangen. Durch ihre Selbstaus-
schliessung erkannten sie ab*r den Brauch als solchen und als zu
Recht bestehend an.
Eng verwandt ist damit da« in derSchweiz zur Fastnacht übliche
Fahren ins Oiritzenmoos *). Die alt«n Jungfern, der Typus der
Unfruchtbarkeit, werden da zur Fastnacht, der Zeit der allgemeinen
Wiedergeburt in der Natur, auf ein unfruchtbares Moor verbannt*).
Hier sehn wir übrigens Aufzug und Rundtanz miteinander
verbunden, wenn einmal der Zug mit der Egge oder dem Pfluge
umging, anderseits dabei oder vorher oder nachher getanzt wurde,
wie der Sonderreigen der sich ausschliessenden Mädchen vermuten läast.
Überhaupt ist zu berücksichtigen, dass zwischen den verschiedenen
Arten des Tanzes eine feste Unterscheidung nicht getrofl'en werden
kann. So zeigen uns alte Tanzbilder Aufzug und Rundtanz ver-
einigt, wenn einige Paare herumziehn, während die andern tanzen.
Versuchen wir den Rundfciuz besonders zu betrachten, so geschieht
dies nur aus praktischen Gründen.
Wenn nun die drei bisher besprochnen Tänze zur Frflhlings-
feier gehörten und danun auch zur Fa.stnaclit aufgeführt wurden, —
dieersten beiden wegen der grösseren Ausstattung vielleicht hauptsäch-
lich in der Stadt, der letzt« auf dem Dorfe — ,80 wird es begreiflich, wie
sie von ihrer Eigenart ein grosses Stück an die Fastnachtspiele abgehen
konnten. Was im grossen auf dem Marktplatze geschah, das ver-
suchten im kleinen die herumziehenden Spielbanden imFastnachtspiel.
Auch hier bildet die meist humoristische Erklärung, warum die
einzelne Person oder die Gesellschaft so oder so erscheint, was sie
') C, B, H. 203 Nr. l:;'Ja:
Hvia.1 hie )>nl umbc
daz sint uIIfi mcgoilo
die wellitnt ano nian
alle diseu samer gan.
fl, Vdgt lätMiearb. S. 85, vgl Hardacli ZfdA 37, 352.
") BSchtold S. 248; Schwci renn che« Arrh. f. Volkskunde 1, Zürich 1897,
S6tT.; Big FatitnachUpid ana Luiem ZfdI'h 16, 473 ff.
*) Ztaehr. f. Vülkerpsycholcgie 14, fi4ff., bes. S. 83.
39
vorstellen soll u. s. w., und das Vorüberzieht! der einzelnen Spieler
den Hauptreiz. Diese alte, dramatisch höchst unvollkommene Form
ist unter dem Zwange jener Vorbilder lange beibehalten worden.
Die spruchartigen Reden sind dabei sehr regelmässig; gerade in
solchen Stücken findet sich auch meistens die gleiche Versanzahl
fOr alle Personen'), weil hier die Heden ein starrer Begleittext,
kein Ausdruck wirklicher Handlung waren. Die Spieler sprechen
einer nach dem andern ihre Verse, wie einer nach dem andern in
das engere Gesichtsfeld des Zuschauers trat, um bald für immer
zu verschwinden und dem nächsten Platz zu machen. So war es
jedenfalls schon in den älteren Aufzügen, so ist es auch bei den
in Äufzugsform gehaltnen zahlreichen Fastnachtspielen (Revuen).
Sicherlich sinri sogar die Spieler, von einem Pfeifer begleitet,
der oft in oder nach dem Stücke zum Vorspielen ermuntert wird,
in geordnetem, feierlichem Aufzuge (s. S. 43 Anm. 3) in die einzelnen
Häuser eingezogen um ihre Fastnachtscherze vorzutragen und ebenso
wieder abgegangen. Dafür spricht die am Schlüsse von Sterz.
Sp. XI erhaltne Ordnung. Dass dieses Stück auch von herum-
ziehenden Gesellen gespielt worden ist, zeigt die Schlussredo.
Wie stark der Kintluss ') der alten Aufzüge auf das Fastnacht^
spiel gewesen ist, geht am besten daraus hervor, dass über '/,,
sämtlicher oberdeutschen Spiele in Aufzugsform gedichtet sind").
Wenn dabei mehrere Personen um eine Frau werben oder sonst
vor einer andern in Wettbewerb treten, oder aber jemandem auf
eine Frage der Reihe nach antworten, so erinnert das an das Ver-
hältnis eines Anführers des Aufzuges zu den übrigen Mitwirkenden,
in dem schliesslich auch der Einschreicr zu ihnen stehn kann^).
Gewöhnlich geben zwar _die Szenenanweisungen nichts Näheres
über die Art der Darstellung an, dot^h die Form zeigt allein den
Zusammenhang mit den Aufzügen.
H •) Uet 8. llff.
H *) Vgl Woinbuld in UoBches Jabrbni-h 1 9; Michols 84 fr.
■ ^ Fsp. 9, 18, -JS, 3t!, 44, 45, 50 = 105, (>5, 71, 74, 7«, 77, 71
■ 90, 31—94, 98-101, 109, 116, (132); t. T. 78.
I •) 1-2, 13, 14, li;, 3-2, 3a, 38, 41, 43, 47, Ufi, 103; z. T, il3, 83, B
H S. 41 Anm. Mittd niederdeutsche FHtnschtBpiulc hcrsgK- v. Seitlmiuui,
■ n. Leiptig 1885, S. 4^ff.
40
Die Einwirkung von jener Seite her ging aber noch weiter,
indem auch Stoffe, die ganz und gar nichts Aufzugartiges an sich
tragen, vollständig oder doch zum grossen Teil in dieser Art ge-
arbeitet sind, obwohl sie dafür die ungeeignetste war. So ist es
bei einem Teile der Artzkomödie Fsp. 82, besonders auffällig aber
bei Gerichtsverhandlungen *).
Inhaltlich erinnern auch noch manche Stücke an die alten
Bräuclie. Der Kampf zwischen Sommer und Winter lebt als
Pastnachtspiel fort Sterz. Sp. XVI. Zu den Schempartläufen kann
man am ehesten die Spiele von den Farben stellen (Fsp. 93, 103,
vgl. Sterz Sp. XIV), zum Pflugumziehn die ähnlichen vom Mägde-
einsalzen (76, 77, 91) und vor allem das Eggenspiel (30)*-^), an
den Schwerttanz erinnern durch die Hinrichtung am Schlüsse das
Spiel vom Tanawäschel (54), vom Wunderer (62) und ein Luzerner
Bauernspiel (ZfdPh 17, 425 ff).
Wie bei den oberdeutschen Fastnachtspielen, so liegt es auch
bei den Lübeckern. Die Stoffe sind zwar zum grössten Teil
anderer Art'), so dass schon deshalb an eine Abhängigkeit von
Nürnberg nicht gedacht werden kann, der Zusammenhang mit der
Frühlingsfeier ist aber auch hier ersichtlich. Von 1430 — 1515
sind die Titel der aufgeführten Stücke überliefert; darunter lässt
allerdings keiner Aufzugsform vermuten, der Umzug hat aber in
andrer Fonn auch in Lübeck gegolten. Nach einer Aufzeichnung
von 1505 fuhr nämlich die „Borch"" während sämtlicher drei
Fastnachtstage in der Stadt umher ^). Aufzüge werden auch hi(;r
der (Irundstock gewesen sein, woraus wie in Nürnberg das
Fastnachtspiel hervorwuchs, denn wie dort Schem])art und Sciiwert-
tanz, so gehörten auch hier Schwerttanz und Schodüvellopen zur
Fastnachtsfeier •'») .
*) 29,40, Gl, 72, 73, 87, 88, !>7, 104. ganz ähnlich ist lO-J, z. T. auch
51, 54, Sterz. Sp. V.
^) Hächtold, Anmerk. S. 220, Verbote 3) wird der Umzug mit Trottbaum,
Pflug und Egge als neues Fastnachtspiel verboten. Vgl. S. .*>.') Ainii. o.
^) Jhrb. d. Ver. f. ndd. Spracht*. VI 1880, S. 31Y. u. 12. (Joedeke,
CJrundr. l*'47()f. vgl. (-reizenach 42<)f.
^) Jhrb. d. Ver. f. ndd. Spracht'. VI 1880 S. 2.
•") ebenda S. 11. Mannhardt l '»4^. s.S. 'S') Anm. 8.
41
Eine besondre Form des Tanzes ist der Beien- oder Rundtanz.
Wie er im Veilchenspiel neben dem feierlichen Zuge zum Anger
steht, den man in gewissem Sinne den Aufzügen an die Seite
stellen kann, so war er mit diesen auch bei der Frühlingsfeier
verbunden, wo neben dem Einholen des Maien das Umtanzen des
Maibaumes stand. Er gehörte ebenso wie der Aufzug not\vendig
zur Feier, wenn ihn auch jugendliche Tanzlust, weil er viel leb-
hafter war, bei jeder (Jelegenheit pflegte und bevorzugt«. Wie
tief der Reientanz im Volke wurzelte, und wie er gerade in der
Gestalt des Frühlingsreigens zum Frühlingsfestbrauch gehörte, hat
uns das Beispiel des Veilchentanzes gelehrt (s. S. 11 ff.). Er war
nu^hr für das Vergnügen des Einzelnen geschaffen, während der
gemessenere Aufzug eher für die Gesamtheit geeignet war. Schon
wenig Tänzer konnten einen Reien springen, ohne Vorbereitungen
nötig zu haben.
Zum Unterschiede vom Aufzuge bietet der Reientanz von vorn
herein dem Zuschauer ein Gesamtbild dar, indem nicht die
einzelnen Personen nacheinander vorüberziehen, wobei immer nur
eine im Mittelpunkte der augenblicklichen Aufmerksamkeit steht,
wie es dort der Fall ist, sondern der Zuschauer behält immer das
Ganze im Auge, wenn dieses sich mcdst auch in einzelne Paare
zergliedert. Wohl können auch beim Aufzuge die Personen paar-
weise gehn, so dass sich ein Anflug von Dialog entwickeln kann,
aber auch dann kommt noch immer ein Paar nach dem andeni,
nur dass nicht Einzelrede auf Einzelrede folgt, sondern eine Zwei-
heit von Rede und Gegenrede *) auf die andre, während der Reien-
tanz immer etwas Einheitliches bleibt. Deshalb ist er auch viel
dnnnatis(*her. Aber auch hier steht zunächst der Tanz im Vorder-
grunde nicht der Text.
*) Es kann dabei oinunddioselbo Porsoii mit vorschiedoneii ruich-
cinandcr an sie liorantrctoiidoii sprochon, z. B. Fsp. l.j, 2G, 30, 70 : Storz.
Sp. XV, 119: z. T. 75. St. 8p. X], Xll. Vgl. S. 30 Anm. 4. Ausserdem können
aber auch immer nou»^ Paare Rede und (lejj^cnrcde führen, z. B. 25, 40,
50 := 05, St.Sj>. XVI, z. T. Fsp. 11. - Dialogisehe Form kann ferner nach
S. '2i\ W auch aus dem Spruehgedicht herrühren z. B. 2, 35, GO, (13, 1 1 3,
(124), Mnd. Fsp. 8. 23 IT, S. 3311" Fsp. 121: z. T. 1, 5, 22, 55, iOd, 131. - Aurh
eine Naeheinanderordnuug kann aus dem Spruche herrühren wie Fsp. t>4,
vgl. Wagner Anh. f. d. <Jesch. d. dtsch. Sjir. I 43Gff.
4-2
Zu diesen Fruhjahrstänzen gehören vor allen Dingen die
Tänze uro einen Preis. In gewissem Sinne sind auch die älteren
Neidliartspiele , das StPSp «nd das GrNSp., derartige Preis-
tänze, da in ihnen die Maihuhlenschaft der Lohn ist. Ebenso
sind die Tänze um den Kranz Frflhlingätanze (s. S. 1 HfT).
Daneben waren aber auch Preise von weniger idealem Werte sehr
beliebt, z. B. ein Hamm«! oder ein Hahn'), oder schliesslich
Gegenstände fftr den täglichen Gebrauch wie Messer, Tücher,
Handschuhe u. s. w. , die auf dem Maibaume aufgehängt und
gewöhnlich erklettert werden masst^n. Tanzbilder geben davon
eine gute Vorstellung"), — Auch hier liegen FrAhlingspreistUnze
vor. Das Klettern ist nur spätere Umbildung.
Waren diese Reientänze ein Ausfluss der Freude über das
Wiedererwachen der Natur, gehörten sie also mit sur Lenzesfeier,
so ist auch ihre Übertragung vom Mai, der üblichen Zeit dafür,
auf ein andres Früh] ahrsf est, die Fastnacht nicht seltsam'). Hier
ist sie schon am Stoffe noch viel sichtbarer als bei den AnfzQgen.
Diesen Entwickelungsgang vom volkstfimlichen Tanze bis zum
Fastnachtspiel können wir am besten an den Neidhartspielen ver-
folgen. Volkstänze bildeten hier, wie wir sahen, den Ausgangspunkt.
Daraus entstehn Spiele, die mit der Fastnacht noch nichts zu thun
haben. Die grfissten unter ihnen , das GrNSp. und das StSz
sind jedenfalls zur Maifeier aufgeführt worden. Erst spät voll-
zieht sich der Übergang ins FastnachtspieJ mit dem KlNSp,
Aber auch hier (Iil"2,io) und hei Hans Sachs wird noch trotz der
Aufl'öhrung an Fastnacht ausdrücklich der Mai erwähnt und seine
Feier begangen.
Es ist nicht zu verwundern, dass sich Keienspiele in bei
weitem geringerer Zahl im Fastnachtspiel finden als Aufzüge,
die als die feierlichere Art des Tanzes in verschiedenen Bräuchen
') Bfihmc, (Jpsch. d. Twiies I, 63, I71f., Schulti, Hof. Leb. !• 547;
Maniihwdt I 387, 81)6, 490: SchulU, DenUchps Leb. 495.— Ebroda Fig.
5Dti wird BUgenEchniiilicb um einun Ring gotanxt.
*) P. Lucroix, Miienrs, asAgcs ut ciistiimt!» au tuoji'n &);('. l'aris 1871,
Fig. 69; SihnlU, Deutsches Le*. Fig. 2I2| vgl. Mannbsrdt l IBSff.
*) Binc Verbindung run Pastnaftit und Keicntuii Hrbeint noch dursh-
zulouchtcn, wenn in Schlesien die Kinder Eum Ringelreihen aingen: .Ringel
Ringel Kasten, morgen nifissen wir faslen, ninrgen nifisseii wir früh aufatelm,
in die liebe Kirche gebn, Kuehen backen, Strub cinbackcn, Kickcriki!''
43
ganz besonders eng mit der Fastnacht verbunden waren, während
der Heien allgemeineren Charakter hatte. Ausser den Neidhart-
spielen sind nur zwei Hahnentänze erhalten (67 und 89). Die
Hahnentänze sind Rundtänze, doch so, wie sie überliefert sind,
unterscheiden sie sich kaum von den Aufzügen. Das gilt
besonders von Fsp. 89. Das besagt aber nichts. Einmal wird bei der
Aufführung durch die Darstellung des Tanzes das Bild doch ein
ganz andres gewesen sein, als der blosse Text vermuten lässt, femer
bietet das Fastnachtspiel längst nicht mehr die ursprüngliche
Gestalt des Volksbrauches dar, da hier der Text schon stark in
den Vordergrund getreten ist; schiesslich ist, wie gesagt, zwischen
den verschiedenen Arten des Tanzes eine bestimmte Grenzlinie
überhaupt nicht zu ziehen.
In anderen Spielen sagt zwar der Name nichts, aber es wird
während des Spieles selbst getanzt, z. B. 56, 486,i5 und 127,
N. 212,23. Oft mag es nur an der Überlieferung liegen, wenn
vom Tanze nichts erwähnt wird i). Dass aber der Zusammenhang
zwischen Fastnachtspiel und Rundtanz in der That ein sehr inniger
war, geht daraus hervor, dass in vielen Spielen am Schluss ein
Spieler oder der Herold einen Tanz heischt, zu dem er den Spielmann
auffordert aufzuspielen*). Die oft erwähnten Pfeifer hatten nicht
nur den Einzug, sondern auch diese Reien zn begleiten. Sie
gehörten notwendig zum Fastnachtspiel und werden in den Sterzinger
Spielen oft als Lutifigulus in denPersonen Verzeichnissen mit aufgöführt^.
*) Wahrscheinlich ist z. B. in Fsp. 59=95 nicht erst am Schlüsse, sondern
schon während des Spiels getanzt worden; ebenso in Fsp. 11.
«) Fsp. 2—6, 8, [S. 87,20 ff. Hier ist der Schluss des ersten Teils,
das Folgende ist ein selbständiger Abschnitt], 20, 22, 43, 51, 55, 56,
59=95, 60, 62, 64, 66, 106, 112, 115, 128, 129, Sterz. Sp. 1 ; VIII : Fsp.
130, n, V, XI, XVIU, XX, XXU, XXV. Im Personenverzeichnis von XVII
sind femer die Spieler nach Tanzpaaren angeordnet. — Erwähnt wird der
Tanz nur 32, 263,25; 36, 276,12; 92, 727,i:)ff.; 123 wird gesungen, vielleicht
auch getanzt. Möglicherweise auch in 7.
^ In dem allerdings bedeutend jüngeren Plan des Luzemer Fastnacht-
spiels von 1592 [ZfdPh 18, 247 fr.] werden Spielleute, Fahnenträger und
Trabanten aufgeführt, die auf Aufzug und vielleicht auch auf Rundtanz
schliessen lassen. Wichtig ist besonders, dass der deutsche Dichter diese
Personen erst hinzugefügt hat. In der französischen Vorlage standen sie
nicht [Genn. 31, 1 12]. — Vgl. Fsp. 57, 497,4 , wo der Pfeifer auch im
Personeiiverzeichnis aufgeführt wird.
44
Diese Menge von Beispielen für die Verbindung von Aufzug
und Bundtanz mit dem Fastnachtspiel und vor allem die Thatsache,
dass sich Aufforderungen zum Beien auch am Schlüsse solcher
Spiele oft finden, deren Inhalt mit dem Tanze nicht das Geringste
zu thun hat, beweisen, dass hier eine alte Gewohnheit in ver-
änderter Gestalt fortleben muss. Daran ist nicht zu denken, dass
das Fastnachtspiel selbständig und aus freien Stücken die volks-
tümlichen Tänze verwertet habe; deim dann bliebe vor allem unklar,
wie Tänze sich auch dort finden können, wo zu ihrer Einführung
für einen unabhängig dichtenden Verfasser gar kein (rrund vorlag.
Es müssen vielmehr dramatische Tanzspiele schon bestanden
haben, die dem Fastnachtsdrama den Tanz übermitteln und einen
so weit gehenden Einfluss ausüben kounten; die Fastnachtsrundtanz-
spiele müssen also zahlreiche lebendige Muster ganz ähnlicher
Art vor Augen gehabt haben, deren Einwirkung sich bis auf
Spiele wie das KlNSp. und Hans Sachsens Neidhartspiel er-
strecken konnte, das zwar vom Dichter ein Fastnachtspiel genannt
wird, aber doch weit ab von seinen übrigen Schöpfungen dieser
Gattung steht. Ein Spiel von der Art jener Muster liegt uns
jetzt im StPSp. vor. Hier sind wir in der günstigen Lage,
den Entwicklungsgang und die Beeinflussung des Fastnachtspiels
durch das ältere Tanzdrama verfolgen zu können. Wie im StPSp.
werden auch sonst Spielleute hauptsächlich die Pfleger dieser Gat-
tung gewesen sein, wie sie die Hauptträger dramatischer Dichtung
und Darstellung überhaupt waren (s. S. "JUtt'). Sie werden sie auch
dem Fastnachtspiel vermittelt haben.
Wie sie neben den Quacksalber- und Marktschreierszenen
auch das Spruchgedicht dramatisch auigefülirt haben, so pflegtiui
sie gewiss auch Spiele die nach dem Muster der volkstümlichen
Jahreszeitentänze gearbeitet waren *), je nach dem Standi)uukt des
*) Michols erklärt S. 48 u. 76 die älteren komischen I^rameii als blosse
Fortsetzung der von den Oster- und Passionsspielen zu «leu Lej^i'iidenspirlen
führenden Linie. AVenn aber auch die Lcgendenstofle volkstümlich waren, so
waren die Heiligenspiele doch immer ernster Natur. Von ihnen ist bis zu
den weltlichen komischen v(dkstündichen Stoflen do<h noch ein gewaltiger
Schritt. Spiellcute werden vielmehr in beiden Fällen die Han])tr«»rtbildner
zweier getrennten Materien sein, woraus sich auch die llbereinNtimmungen
zwischen den komischen Oramen und den geistlichen und I.egenden>})ielen
(Tkiären. ;s. u.;
45
Verfassers für ein mcilir oder weniger gebildetes Publikum passend.
Diese Tanzspiele brauchten natürlich nicht immer so durchgreifende
Bearbeitungen der volkstümlichen Motive zu sein wie das StPSp.,
das zwei ganz versc^hieden geart^ite Stoffe, den Maiehtanz des Volkes
und das hofische Veilchenf(»st, zusammenschweisste. Ein kleiner
aber bedeutungsvoller Schritt genügte* hierzu. Der von Natur aus
dramatische Tanz wurde zum Drama mit Tanz, in dem Text und
Handlung sich wehr Sel])strindigkeit neben dem vorher die Haui)t-
sache ausmac^henden Tanze verschafften. Handlung und Tanz stehen
jetzt etwa gleichberec^htigt nebeneinander oder die Handlung wird
gar zur Hauptsache. So sind, wie wir noch sehen werden, im
GrNSp. die Tänze grösstentin'ls zur üblichen Einleitung der sich
immer mehr hervordräng(»nden Schwankschildeningen geworden.
Nur der Werbetanz der Bauern und Ritter hat noch ein älteres
(iepräge, denn dort sind Werben und Tanzen der Hauptinhalt —
Wie für das StPSp. schliesslich der Ausgangspunkt in der
Neidhartdichtung lag, so wird Neidhart und (h^r unter seinen
Namen gehenden Dichtung überhaupt ein grosser Einfluss auf die
Entwicklung dieser Tanzspicde zuzuschreiben sein. Neidhart, selbst
schild(^rt,e volkstümliche Reien, und seine» Dichtungen tragen (»in
stark dramatisches (iepräg(i. Ein auf zwei Personen verteiltes
Reiengedicht würde ein ähnlich(\s Aussehen haben und denselben
Eindnick hervorrufen wie ein solches Tanzspiel im Sinne des
StPSps. — Spiele also, die zum Teil unter Anlehnung an Neidhart
auf der volkstümlichen Frühlingsfeier beruhten, sind sicher die
Vorgänger der Fastnacht^piele gewesen. Ihrer Einwirkung konnten
sich aber auch die geistlichen Spiele nicht entziehen, denn die
Magdalenentänze gehn auch auf solche Tanzspiele zurück. Ihre
Ähnlichkeit mit den Fastnachtspielen, auf die Wirth S. 225 hin-
weist, erklärt sich aus dem gemeinsamen Ursprünge. Die Dich-
ter solcher Jahreszeitentänze, die Spielleute ^), werden sie selbst
ins geistliche Drama gebracht haben.
*) Hier ist bloss von den Spiellcuton als Dichtem von Tanzspielen
die Rede. Ihr Spielvorrat war aber noch viel umfan^eicher. Unter
den vorhandenen bair.-cisterr. Stucken scheinen hauptsächlich diejenigen
Spiehnannsdrauien zu sein, welche nicht nach Nftruborg gehören. iSie haben
4r.
Rechnet man bou uiitor den Fiistnachtäpieleii die Tanz- und
Aufzugsspiele zusammen, ao bleiben nur nuch verhältiiigmässig
wenig Dramen flbrig, die oft aoc^ noch in der äusseren Pürm von
jenen abhängig sind (s. 8. 40 u. 4-1.)' W* d*s nicht der Fall ist, da
handelt es sich meist um nürnberger Stadtn-aare; Da^ Mengen-
verhältnis dieser Erzeugnisse zu den vun den FrOhüagsbräuchen
abhängigen giebt erst ein richtiges Bild von der Abhängigkeit
des Fastnachtapieis.
Auch in andrer Weise machen sich Unterschiede geltend. In
den Tanzapielen fehlt die Reimbrechung gänzlich. Hans Sachs führt
sie allerdiugs auch im Neidhartspiel wie sonst durch. Dass sie
grade in der eigentlichen Veilchengeschichte v. -i-i — Gl und
l'.i:*^19!i sich nicht findet, kann Zufall sein. Sonst gilt es aber
allgemein für die Aufzugs- wie für die Reienspiete dass ihnen die
Reimbreobung ihrer Eigenart entsprechend fremd bleibt'). Auch
das GrNSp., welches die Reimbrechung mit Bewusstsein einführt,
hat sie in den eigentlichen Tanzabschnitten nicht.
Gerade in den Spielen dieser Art findet sich auch am häufigsten
die Selbsteinftthrung der einzelnen Personen. Wenn die Spieler bei
den älteren Aufzügen ihr Äusseres und ihre Bedeutung erklären
wollten, SU mussten sie natürlich bei sich selbst und ihrem
Namen anfangen. Das blieb auch noch so in den Fastnachtspielen.
Von den Aufzügen mag diese Gewohnheit ihren Ausgangspunkt
genommen haben, denn hier war sie gut angebracht. Sie wird dann
in andre Spiele, auch in die geistlichen"), eingedrungen sein.
auch meistens höherpa Alter. Es sind das die lltereii Stücke der St«ninger
Saiiunlunj^ (i. Michels 51 f.) nud die von der Hand £ in der Wolfenböttier
SHUimelhaudiichrift G anfgeioi ebneten (s. MicheU 15 ff). Bis auf Fsp. bl :
Sten. Sp. IV, wo die Erwfthnuiig der neuen Kleider eu Fastnacht gax nieht
pneaend, alxu auch nicht beweisend ist (MicheU 49r.), haben sie ^ar nichts au
sich, was notwendig auf die Fastnacht tu beliehen w&re. EintcituDg nnd
ächluHS xfthlen natürlich nicht mit. Zu beachten ist anch, dass gerade die
Bearbeitungen von Staffln aus der Littetatur m diesen Dramen gehOren.
') Minor, Neuhochdentach« Metrik, S. 356; M. Hemnann i. d. Hans
Sacbs-Forsfhungeii h^rg. v. A. L. Stiefel, Nürnberg 1894 S. 4S3. — Unter den
alttin Spielen mit Reimbrechung (Lier 23) ist kein Tanzspiel. Hauptsftchlich
stehii üo vielmehr der Spriiehdichtunn; nahe.
') li. Ueintel, Beschreibung d. geistl. SchaDsp. im deutschen Mittelalter,
Hamburg und Leipzig 1898, iÜSf.
J
47
Überblicken wir noch einmal das in diesem Abschnitt Gesagte,
so sehn wir jetzt die Zusammengehörigkeit von Fastnachtspiel und
Frühlingstanz deutlich. Auf den engen Zusammenhang von Fast-
nachtspiel und Tanz ist schon öfter, besonders von Creizenach
(408 ff.) und Michels (84 ff., 93 ff.) hingewiesen worden. Viel wich-
tiger ist aber die Berücksichtigung der Frühlingsfeier.
Es ist übrigens eine lehrreiche Parallele, dass sich auch
ausserhalb Deutschlands dieselbe Entwicklung im Drama vollzieht,
die wir hier beim Fastnachtspiel gesehen haben. Die englischen
Spiele von Robin Hood erinnern deutlich an die Schwerttänze ^),
während andre wie Lord and Lady of the May unmittelbar aus der
Frühlingsfeier erwachsen sind*).
Ebenso ist es bei den Franzosen. Das Spiel von der Blätter-
laube (jeu de la feuill^e) von Adam de la Halle verwendet nicht
nur volkstümliche Motive, sondern schildert auch ein Frühlingsfest.
Es wurde wahrscheinlich auch im Frühjahr zur Feier des Früh-
lings aufgeführt*).
Noch deutlicher ist es bei Adams Schäferspiel Robin und
Marion. Hier liegt der Zusammenhang mit der Pastourellendichtung
auf der Hand, die man als die französische Entsprechung der deut-
schen höfischen Dorfpoesie gegenüber ansehn darf, obwohl Neidhart
selbst und die meisten seiner Nachahmer davon unbeeinflusst sind,
Auch die Aufführung an einem Frühlingsfeiertage, zu Pfingsten,
ist sicher, wenn nicht für Adams Stück, so doch jedenfalls für
andre Behandlungen desselben Stoffes^). Also wie in Deutschland,
vollzieht sich auch in England und Frankreich derselbe Übergang
von der Lenzfeier zum dramatischen Spiel und schliesslich zum
komischen Drama ^).
Bei den Griechen und Indern findet sich übrigens ein ganz
ähnliches Verhältnis.
*) Creizenach 455 f.
«) Mannhardt I 424 flf., 546.
■) Creizenach 395.
*) Creizenach 397, Mannhardt I 546, Anm. 3.
^) Creizenach 413. — Für Italien Ygl. den Versuch von Dieterich Pn
nolla, Leipzig 1897, besonders Kap. X.
48
Vom griecliischen Drama ist esbekannt, dass die Haiiptaiiffiihrun^s-
zeit, die im Monat 'FAa^ijßoXicüv (März/ April) gefeierten grossen
Dionysien mit dem Beginne des Frühlings zusammenfielen.
Das indische Drama war gleichfalls mit den Jahreszeitenfest^n
verbunden. Ausführliche Vorschriften sind darüber vorhandien, wi(»
der Schauspieler den Charakter der betreffenden Jahreszeit durch
Mimik auszudrücken habe ^). Hauptsächlic^h war aber auch hi(jr die
Frühlingsfeier die Zeit der Aufführung 2).
^) Sähityadaq)aiia dos YiHvanatha Kaviraja, Calcutta 1851 .( - IMbliuthcca
Indica X) Absatz 284 S. 130. Nätjanästra dos Bharata, 25. adyäya, v. 2G1^.
S. 284.
*) Wiudisch, Der griochischo Einfluss im iiidisch(^n Drama, i. d. Yorhdl^.
d. 5. iuternat. Oriontalistoiikoiigrossos 1881, 11,2, Berlin 1882, S. 8G, 89ff.
Das grosse STeidliartspiel.
Die Handschrift.
Das grosse Neidhartspiel ist in der Wolfenbüttler Papierhand-
schrift in Quart, die Keller G nennt, auf Blatt 274— 321b über-
liefert. Es ist von der von Michels mit (£ bezeichneten Hand
aufgeschrieben, der die erste Hälfte des 15. Jhdts. als Zeit, die
österreichischen Alpenländer als Ort der Aufzeichnung annimmt.
Was die Oberlieferung angeht, so ist auf die Beschreibung der
Handschrift ])ei Keller Fsp. 1344 if. und auf die ihrer Bestandteile
bei Michels 4 ft'. zu verweisen.
Das GrNSp. liegt in einer schlechten Abschrift vor, deren
Schreiber manches verdorben und viel Schreibfehler gemacht hat.
Die Handschrift kennt den Namen Engelmars schon in seiner
späteren Form Engelmaier. So erscheint er häufig neben der alten
Namensform. Bis 420, i5 steht nur Engelmair, 420, 21, 430, 21
(Schwertfeger und Beichtschwank) Engelmar. Die zweite Vorrede
hat 444, 21. 32 Engelmair, 445, 1, n Engelmar. Die Vorbereitung
zum Tanze hat 447, 9 30 die spätere Form, 448, 9 die alte; 448,25
steht Engelmair, in der Spielgescliichte 440, 16 bis zum Schluss
wieder Engelmar. Dem Dichter war die jüngere Fonn fremd; er reimt
Engelmar : gar 3iH), 22, 419, 11; : jar 420,32; : schar 416, is,
426,15; : war 429,ii). Engelmare : hare steht 452,25. Möglicherweise
teilen sich zwei Schreiber in die beiden Formen. — Vrideruns Name
ist meist verderbt. Am häufigsten ist Fridrauna 444, 35, 446, 7,
448,4, 31. 449, 3,% 22. 2G, 28, :ir>, 450, i, 27, 451, 1, 23,454, le, 24, 455, 12,22,23,
458, 3, 12, 18. 24. Diese Fonn gilt von der Teufelsszene ab, also für
die ganze Spiegelgeschichte, wo Friderun überhaupt erst in den
Vordergrund tritt. Der Dichter scheint noch richtig Fridraun
gesprochen zu haben. Die obliquen Fridraunen 441, 20, 452, 7,
Gusiude, Neidhart mit dem Veilchen . 4
50
453, i3> 17, 19, 454, 11, 455, 23 werden die Form Fridrauna^) ver-
anlasst haben. Gekürzt stehen die echten obliquen Formen als
Fridraunn 456, 7 und Fridraun 420, 15 (Hdschr. Fridaun), 451,:«^
452, 15, 455, 31. Ganz entstellt ist der Name im ersten Teil, wo
er nur ganz gelegentlich erwähnt wird. Fräudana 419,31.:«
Freudana 420,2«, Freüdanam 416, 19.
Häufig sind die im ganzen Stück sich findenden sinnlosen
Verschreibungen, z. B. 398, 14 ir > ich; 417, 10 in > ir; 433, :n
in > ich; 445, 5 sich > sie u. s. w. Vgl. die Anmerkungen Fsp.
1509 flf. und Nachl. 341 flf.
Reine Reime des Dichters hat die Handschrift oft verdorben.
Vielfach hat Michels S. 22 ff. das Richtige gegeben. So schrieb
der Dichter offenbar numen kumen, nicht nomen komen nach den
Reimen : frummen 418, 20, 423,5, 439,25, 460,18, und : muemen
426, 17. BGr. 266, 28.— Femer tat : ha(b)t 467, 2; stat : hüCb)t4()2, 5.
— nune > nu im Reime : zu 421,:», 438 19, : frue 417, u. —
460, 29 hat getan > lag : tag — Verderbt ist z. B. auch 444, 23,
wo es etwa heissen muss : dar komt auch als ich liab vernumen;
oder 399, 28 auf euren spor statt eur spor. u. s. w.
Die Mundart der Handschrift ist bairisch-österreichisch.
a für o : sarg 396, 29, 448, 9. BGr. 6. MGr. 60.
Der alte Umlaut von a wird mit e bezeichnet, für den jungen
steht meist ä, z. B. geschlächte 438, 25; fläschl 432,2k; schätz
396,17 u. s. w.; für den jungen Umlaut von a kommt aber
auch e vor. helsen 397, 2.s; schwechen 399, 29; vellen 401, is
u. ö. BGr. 9.
ä für S : pfärd 466, 23, 20; schnäller 466, *>\, BGr. 10.
i für e : tritten 448, 13, 18. Vielleicht ist hier nicdit trütan sondern
* tratjan anzunelmien wegen des häufigeren bair. Reimes i : e.
BGr/ 18, MGr. 22.
i für ie : schir 400, 2:^ diplich 453, ig. BGr. 52.
ie für i : hiern 44(), 34; dier 398, 31. MGr. 473, 4:). BGr. 90.
e für i : der 400, 17; er 394, 20. BGr. 358, 360.
ö für ä : noch 406,33; gesprochen 439, 1. (Dies ist wohl Missver-
ständnis des Schreibers). MGr. 88. BGr. 38.
ö füi e : frömbd 429, 6, 434, 15, 459, so, 463, 2ü. MGr. 22.
BGr. 26.
51
ei für e : meingen 441, 38. BGr. 80. MGr. 22.
ö für eu : frödeii 395, 22, 413, 20, 438, i4, 463, 22; frödenreich
412, 10; dröen 464, :«, BGr. 59.
iu für ie : liiuen 464, la. BGr. 277. MGr. 361.
au für mhd. iu: trau 408, 0. BGr. 70, 101. MGr. 125.
Altes und junges ei sind geschieden; für ei = mhd. ei
wird <,nnvöliiilich ai, für ei^mhd.imeistei gesetzt. Abweichungen sind
selten, z. B. prais 406, 29 (s. S. 57 Anm.). ei für 1 gilt meist auch in
den Endungen -lieh und -in, wie pitterloichen 399, as; dienstleich411, 23;
warlei<*h 413, 23, 415, ig, 422, 7, 428, 27, 429, s; iegleichem 433, c;
ewigleich 433, .34; sicherleich 437, 3; sunderleich 444, 10; waidenleich
451, 3.4; schnödleich 456, r. u. s. w. — Cristoin 401, 33, Katrein
401, ar„ rubeinrot 409, ic, hännlein 409, 22, hänfein 440, 11.25, lei-
nein 440, 12, pestein 440, 20.
Der Umlaut wird oft nicht bezeichnet, ümgelautete
und niclit ümgelautete Formen stehn häufig nebeneinander. Ein-
mal tnig dabei der Sclireibgebraucli, das andere Mal die lebendige
Sprache den Sieg davon. Haui>tsriclilich handelt es sich dabei
um den jungen Umlaut.— t'ber den Rückimilaut siehe Seite 59.
a: ganzlich 410, 13, 411, ig; zärtlich 409, u; halslein 409,22;
kranzlein 410, ig, 451, 19; strängen (dpi.) 440, 23; manig
414, /i, 427, 14, 44s, 17, 467,4. BGr. 5. MGr. 20. (mänie
424, 24, 452, 33).
O : sollich 393, 11. BGr. 25. (söllich 443, 9. BGr. 366.).
u : stuck 436, 20, 466, 5; gelubd 444, 3; rugken 430, 3; Sprunge
(acc. pl.) 426, s; gluck 411, 29; 432, 11; tunken 413, 23, 414, 2,
452,3 u. ö.; wurde 40.5, 5, 411, 21, 22,24, 432,26, 461, 16 u.
ö.; sclmiucken 405, ta; unnutz 456, 20; sulz 443, 2; hulf
409, 30, 459, i. 7; furpas 415, 21; funvar 458, ig; uberlank 400, 19;
wunniglich 448, 32. BGr. 29. MGr. 61. — Im Reime krucken:
gelucken 424, u.
ä : müesalig 398, r>; kamen (conj. praet.) 416, g; gepard 407, 19,
464, 2.5. BGr. 34. MGr. 89. (gepärd 394, 2, 464, 31).
6 : krönen 443,3.'); pose 443, is. BGr. 54. MGr. 111.
uo : pluondes 406, 30; gruoss 432, u, 406, 9; ongeftio? ^
pluomlein417, 25; fuesse 443, 4; muessen 420, s. Ini'
gemuot 406, ir,, 407, 2, I8. BGr. 109. MChr- 188.
52
gut 408, 4,14; grüss 408,34, 409, c u. ö: müessen 420, 21;
plüml 410,28, 411, 12; u. s. w.).
au : saumbt 419, is, 444, 17, 447, 32; junkfraulich 406, 15. MGr.
126.
Anderseits zeigt die Handschrift Neigung zum Umlaut,
wo die gemeinmhd. Sprache nicht umzulauten pflegt.
e für ä : hertes 455, 2ü. BGr. 9. 12. MGr. 21.
ä für a: in wärlich 415, ig, 422,7, 428,27, 429,8, 449, 21,
452, ^, 456, 14, 458, si, 459, 22, 460, 11, 462, 32, 463, 29,
464, 21, 466, 16; her 440, 17 ; Gäbein 405, 33 (ei-ümlaut. s. zum
StSz.). BGr. 42. MGr. 89. (wariich 413, 23, 459, 30.).
ö (vor Liqu. u. Nas.) : dort 397, nj, 401,28,31, 426, 30, 429,5,
431,1, 445,25, 448,29, 449,3; morden 443, 2«; komen 400, u,
445, 8, 25, 446, 11, 464, 23. BGr. 25.
fi (vor Liqu. u. Nas.) : ürn 450, ig; gefrümet 442, i,v, sünst
453,29; kürzweil 410,24, 413,8; günnen 393, 14; türst
450, 4; kümbt 435, 4, 447, 22; küm 435, 21. BGr. 32.
oe : roes 409, 4, 411, 2; ploess 440,24; koeten 459, ig. Im Beime
erkoes : genoess 415, 5, (erkos : genoss 415, 8.). BGr. 57.
MGr. 111.
Ferner steht iu für eu — mhd. iu: gepütt 406,2. BGr. 94.
s. das folgende. Vgl. Fsp. Nchl. 95, 14. (gepeüt 406, 22, 441, 3g).
ui füreu-mhd. iu : tuir 421,22. BGr. 111. 98. Schmoller
§260. Schöpf, 3. Bozener Progr. d. k. k. Qynm. 1S52/3.
S. 12. (teur 424, 3 in derselben Phrase.),
fründ, friund : 455, 81, 462, ir>, 463,24; s. z. 444, 21 bei den
Keimen S. 59. (freunt 444, 24.).
ö für fi : rörn 436, 18. BGr. 58.
eh für g : im Auslaut schlach 437, 25; schluoch 446,34. BCxr.
186. MGr. 234.
eh für h : gach 395, 19, 465,25; secht 401, .30, 446, 14; sich
397, IG, 402,13.27, 415,8, 426, :u), 427, 28, :m); slacht 457, 2:j;
ziecht 461, :,2. BGr. 183. 187. MGr. 233.
t für d : im Anlaut ausser in tunken (daneben dunkeu) in tanken
443, 32; nach n in freuntiii 450, 27; anten 456, is; ])egunten
464, 17. BGr. 140f.
53
p für b : im Anlaut allgemein, nur in der Vorsilbe neben pe-
auch be-. l'ber Regenpart s. u. b für w. — Umgekehrt
b für p : breisen 407, 22. BGr. 121. MGr. 159.
b für w : albegen 415,^4, 453,6, 457,25; leimbat*) 440, 7;
grabe 440, 5,10; Gäbein 405, :w; Begenbart*) 454, 21; Regen-
part 418, i^, 420,29, 421,20, u. ö. BGr. 124 f. MGr. 159 f.
(Regenwart nur 397, 2, u.).
g für j : Geut 398, 24, galt 4()4, .",. BGr. 176. MGr. 220.
n für m : geraun 440, i.^i. BGr. U>9. MGr. 21G.
S für seh : hüpslich 393, ij; hüpsliait 394, 12. BGr. 154.
Abfall von n : besonders im Infinitiv sehr häufig.
Abfall von t : far 420,22. BGr. 143. MGr. 194.
Abfall von eh : puestabn 433, 29. BGr. 188. MGr. 234.
Ausfall von p : weit 400, 19. MGr. 213. BGr. 102.
Anfügung von n (in der 3. sg. eonj. prs.) : komen 42(5, 18,
tritten 440,», hofiern 394, is, haben 440,7. Die Konstruktion
mit dem Konjunktiv und die mit dem Hülfsverb scheinen durch-
einander geworfen sein.
Eins ch üb von b nach m : kumbt 429, e; frömbd 429, e;
sambt 403, i^; vernembt 438, 22; u. s. w. BGr. 126. b wird p:
krumpen 399,7. BGr. 122.
Der tonlose Endvokal erscheint als a : vor t 394, 23,
407, :i4, 417,9, 420,2«;, 424,22, 440, 13, 448, :io, 459,5; vor r
niemar 405,23, nindart 418, -22; vor n fahan 437, n, 447, u. BGr.
8. — Alt ist wannan 437, 2«.
Das starke Adjektiv bildet den nom. acc pl. neutr. auf
eu. BGr. 309. s. Michels 19.
eu neben euch, eu meist Dativ, aber auch Akkus. 450, 23,
4()7, 6. BGr. 358. MGr. 474.
Der Instr. des Pron. ist weu 439, 22. BGr. 307. MGr. 489.
Das part. praes. ohne ge- steht in geben 394,26, 406,26,
(funden 411,33 ist gemeinmhd.), zogen 404,6, (pracht458, 10 ist
ebenfalls allgemein). MGr. 373. 405. Paul^ § 308.
') Vgl. leimat, Schöpf, Bozener Progr. 8. 36.
») In Erkenwolt 445, 33, 456, 34, 457, 7, 8 iat ei wo" " f fir b
wegen Neidh. XXI, 21, XXXII, le, 177, 5 in e, X"
(YgL GGA. 1882 H 894). BGr. 136. MGr. 178.
54
Schwaches Praet. bei starken Verben findet sieh ausser
bei dem allgemeinen pegimde 417, u, 4fri4, i:, 4»».j, i: in hauet«?
466, 5. (hiue'n 404, n.). MGr. 425. BGr. 3>:if.
Schwache Verben mit starkem Praet. : trt-Iaii hen 4^^7, i».
MGr. 125. BGr. 323. — Alte starke f\»rm ist in gepauen 4ls, im.
MGr. 425.
sein : imper. pis 419, ^i. — 3 pl. iml. i»raes. seind 4n:;. 3.,
419,:«, sein 441, 3 7. 12, 445, n, 447, 41;, ^in^l 435, o. — 1 pl.
ind, praes. sein 401, ^j, 434, 2. :;. jii jt.k BGr. 29«*..
Seal : 1. pl. ind. praes. sullen 40s, /:, 4\ii,si, ja. — <ülK»n 4U4. sj^
410, V,. — 3. pl. ind. praes. süUen 39«;. j-.;. — -2. pl. <filt 3'J4. 2:»,
403.13, 404, :i2, u. ü. — 2. sg, prs. s.dt 400,7, 4^1, :;. — :i sg.
praes. s(d 410, :«, 412, i, u. ö. — 3 pl. suln 42^, -:, 43s, ,,. u. r».
— 2pl. 8olt397, :;2, 399, 2;j, 404,4, u.M. BGr. 327. MGr. 411.
wll : 1. pl. ind. praes. wellen 395, 21, 39<), j:, 3:n. iv sj. — 2 pl.
wellet 413, 17, 451, c, weit 41«i, w, 424, /:, 429, j:. — 2. >g. wildu
416, n, 442, m. — 1. pl. praet. wolten 447, t6. — 1. sg. loni. praet.
wolt 396, 3. 4. 8, 39«, 14, u>, 405, 24, usw. — Im Keime lieisst ilie
2. pl. prs. wolt : sold 462,:, : huld 4(;2,iy. BGr. 335. MGr. 421.
kan : 3. pl. ind. praes. künnen 393, y, lo. 12. — 3. pl. kmmen
441, 9. — 1 jd. kunnen 43», y. 1. pl. künden 434, > mit einge-
schobenem d (s. lue Keime iid : nn). — 2. pl. ind. praes. künt
454,3. — 3. pl. künden 394,:-^. BGr. 329. MGr. 413.
haben: 1. ^g. conj. prt. hiet 40(;, ^,^, 414,:::;, 43(1, 14, -ßK tj.
— 2. pl. bietet 457, 2. 4üO, r,. — 1. pl. bieten 4(>0, iv. — 1. ind.
praet. bete 43«, :v4. — 3. sg. bete 404, •.♦. — l.pl. coni. prt. betten
421,2.0. — 1. i^<;. coni. pi*t. bätt 43(J, j:». — 3. sg. roiii. i>raet.
bat 465, «. — 3. pl. cj. prt. betten 4(15. :. — 1. jjg. ind. prs. hau
399.14, 409,27, 414, 1. u. s. w., h;il)(f) 419, 11. M(.ir. 31)4. BCir.
319fl'.
Wäbrend wir bier lauter bair.-üsterr. Eigentümlirbkeiten vor
uns batteii, finden sieb auch aleinannisebe. Dazu gebort das
häufige mir für wir. s. Keller Fsp. 1509 zu 421, jj u. ü. AGr.
412. BGr. 357.
419,11 ecli für eucb kaim verscbriebeii sein, doch vgl.
AGr. 413.
2. pl. ind. prs. auf -en : treiben 454, r. auf -ent : koment
419,10. MGr. 309. AGr. 342, 3(;:;. B(;r. 2t^4, 337.
55
Zweifelhaft ist legen 460, ». Vielleicht soll es heissen : Dass
ern noch ain mal pei dem wein Wolt legen (er für ir s. o.).
Man wird durch die Mundart der Handschrift nach Tirol
gewiesen. Zu beachten ist hauptsächlich oe fBr öu, iu für eu,
ö für 6 und die Vorliebe für den Umlaut. — Diese Erscheinungen
sprechen besonders fBr die Thäler südlich des Ober-Innthals zwischen
Etsch- und Zillerthal.
Hundart des Spiels.
Älmlich ist die Mundart des Spiels.
o : a. herzog : tag 304, 27. BGr. 6. MGr. 60.
a : u. bekant .- mund 408, 14. Michels S. 24 bessert kunt, s.
aber BGr. 28. Heidelb. Passsp. 5229.
e : e. schwechen : rechen 399, 29; swertfeger : tagen 426, 38 ; vegen ;
geben 427, s; rächte : geschlächte 438, 24; enpöm : schweren
452, 29; pfart : schwärt 457, 17; pf&rd : ward 465, i4. BGr. 12.
MGr. 41.
e : i. meingen : pringen 441, ss; tritte : sitte 446, s (s. S.50 : i fÖr e).
BGr. 18. MGr. 22.
o : u. numen : kumen : frummen : muemen. s. S. 50. BGr. 28. 266.
ö : ü vor r. gürtl : pörtl 396, s ; morden : erzürnen : 443,i9. BGr.
33.
&: ai. borait : spat 455, m. Michels S. 21 will „sp&t^ schreiben
und daraus auf grobdialektische Aussprache des Dichters
schliessen. Vgl. aber fruo und spat : stat 410, 12. BGr. 89.
MGr. 123. Wirth 168.
& : ae. trat : rat 416, e. BGr. 42. 34. MGr. 89.
& : § (vor r). gekart : fart 411, 17; rat : gelert 484, 9. BGr. 89.
MGr. 97.
Länge und Kürze sind im Beime gebunden, u. zw.
nicht bloss die schon mhd. erlaubten FäUe, sondern auch vor
Muten. Die junge Stammsübendehnung ist also durchgeführt.
Ausser ar : ar, an : an, al : al findet sich a: ä in 398, 13 verzagen:
wagen; 405, 37 fragen ; sagen; 435, 20 frag : mag; 440, 29 pflagen:
56
tagen; 417, 35 stat : hat; 450, 24 lat: sat; 462, 5 stat : ha(b)t; 464, 10
taten : staten. BGr. 36. MGr. 24.
o : 6. neben or : 6r, on : 6n steht got : tot 429, 3. BGr. 55. MGr. (52.
Hierher gehört auch i : ie gesig : krieg 399, 4; ligen: kriegen 429, 2«;;
daneben vier : mier 401, 31; gier : erapier 404, 7; schier : mir
432. lg; fil : vederkiel 447, 7. BGr. 90. MGr. 45.
U : UO. mnemen : kamen (Hdschr. komen.) 426, 17; huor : auserkuor
429, 28, s. DWB, V, 696, 4c; du : tuon 431, 12; nu (Hdschr.
nune) : zuo, frue s. S. 50. BGr. 114. MGr. 59, 71.
e : § (vor r). kere : here 395, 5; geweren : oren 404, .^3; seh wert : lert
416, 26; gern : rem (Hdsclir. rörn) 436, 17; her : mer 403, 9;
widerker : ger 411, 6; vekeren : sclieren433, r,; geweren : leren
434, 16; herr : er 439, 7; herrn : ern 439, lo; keren : weren
441, 9; meren : here 446, lo; her : ser 454, r». BGr. 48. MGr. 42.
fi: ae. euere :waere 467, e; tat : stet461, 20; miien:gen420, in. BGr. 43.
S : ae maer : hör 404, 1, 451, 21; gepärden : werden 440, 33, 453, 23;
enper : schwär 436, 12. BGr. 43. (12. 48.).
Der ümlant fehlt bei a in tanzen : spranzen 397, n. — In
geswechen : machen 447, is ist eher altes geswachen anzusetzen.
BGr. 5. MGr. 20.
O. wolf rMarcolf 403, le. BGr. 25.
6. pöse: gekose 453, n. BGr. 54. MGr. 111.
Uo. diemuot : behuot 407, 28. (Rückumlaut steht fest. s. u.)
BGr. 109. MGr. 138.
Unechter Umlaut ö = o : ü (vor r). morden : erzürnen 443, 19.
BGr. 25.
oa:öu. schauen : freuen 464,25. BGr. 104.
Ö2 0e. BGr. 54. 57. MGr. 111. schoen : kroen 407, :w. Hier ist
aber vielleicht oe vom Schreiber gesetzt für ünumgelautetes 0.
gr:eh. g wird im Auslaut aspiriert. BGr. 186. MGr. 234. volg(en)
: ungemolch(en) 437, 22; Scheühenpflueg : Polsterpruoch 445, >7;
lag : sach 459, 34. — vor t-Suffix beschicht : ptligt 405, g.
BGr. 183. 177. MGr. 241; oder = et ^). BGr. 173.
*) Wi« in margt 440, 22.
57
h : eh, geweih(e)t : peicht 435, 2«. BGr. 183. MGr. 233. — In geli-
hen : verzigen 4()1, 12 ist wohl geligen anzusetzen. BGr. 178.
Ausfall von h. BGr. 194. MGr. 241. allzeit : leicht (3. sg. prs.)
435, 10. Ks gilt für das Spiel fän und slän z. B. schlan : va(ha)n
437, lo; gefa(ha)n : getan 447, u; lan : schla(he)n 421, 17;
empfa(ch)t : lat 394, -m.
Abfall von h. BGr. 195. MGr. 242. hochifro 448,1«.
Abfall von t. BGr. 143. MGr. 194. Beispiele bei Michels S. 22
f. 3); femer schiede r^verlie 453, 15 (s. S. 50).
Abfall von d. BGr. 149. wolrsold 462,27.
Ausfall von d (zwischen r und n). wor(de)n : torn 438,7;
niör(de)n : erzürnen 443, 19. BGr. 14«. MGr. ISO.
Abfall von n besonders im Infinitiv sehr häufig. BGr. 167.
MGr. 215. Beispiele bei Michels S. 22,2). land 393,24.
Verschleifung von p vor Dentalen. BGr. 162. MGr. 213-
Neithart : tat 459, 26; Pernhart : schad 432, lo; rat : gelert
434,9; paun : pauren 436, 1; auen : pauern 421,7. (pauren
ist gesclirieben, gesprochen wurde jedoch pau'n). Durch
die Verflüchtigungsfähigkeit der Endsilben erklärt sich
auch ein Reim >vie swertfeger : tegen 426, a«.
Wichtig sind die ei-Reime. Es reimt in der Regel nur altes
und junges ei unter sich. Der Reim schalmaien : raien 413, «> muss
besonders betrachtet werden. Bei vokalisch auslautenden Wurzeln
ist nach Wredes Untersuchungen, der gerade hierfür eine Reihe
Beispiele anführt, die Cirkumflektierung und die I)ii)hthongierung
um einen Akt früher eingetreten als bei konsonantisch auslauten-
den, nachdem vorher der Endsilbenvokal synkopiert worden war.
Es wird also schon schalmein gesprochen worden sein, als Worte
\ne is, riten u. s. w. noch monophthongisch waren (s. ZfdA 39,
272 f., 295.). Allerdings handelt es sich hier tn>tzdem um altes
und junges ei. Ein zweites Beispiel ist unrain : sein 449, 14.
Ausserdem sind aber sonst beid^j ei im Reime nicht gebunden ^).
Wenn Michels S. 18 f. aus der Scheidung der alten und jungen
*) Michels S. 17 führt noch Hebenstreit : verhait 398,^4 an. Hier liegt
aber mhd. verhiet vor. Die Schreibung ai ist nicht beweiskräftig, s. S. ol
z. B. prais 436, 29.
58
ei auf Abfassung in „vornehmer Dichtersprache" des Mittelalters,
die dem Mhd. noch entsprach, schliessen will ^), so über-
sieht er dabei, dass bis heut« in der Mundart ei --- i und ei = ei
streng geschieden werden. Der Dichter brauchte also nur seiner
eignen Sprechweise zu folgen, um beide auseinanderzuhalten.
Michels führt ferner hauptsächlich für seine Ansiclit S. 16 flf.
Fälle an, wo i : ei = i oder ei -- i : ie reimt. Von den Beispielen dafür
fallen zunächst die weg, wo die Endsilbe -lieh als -leich erscheint,
-leich und -lieh stehn beide nebeneinander, aucli im GrNSp. Der
Schreiber hat oft eins für das andere gesetzt und dadurch den
Reim gestört. So schreibt er endleich : sich 410,34; anderseits
diemuotigklich : peicht 431, ic; irölichen : pfeifen 395, 2«^). — Eben-
so steht das Suffix -ein neben -in. BGr. 78. — 448, -si) leirat :
gezieret ist gezeiret gesi)rochen worden. MGr. 131. BGr. 7i),81. —
Zu sei = si, das Michels S. 19 anführt, s. MGr. 477. BGr. 360.
Es bleibt demnach nur noch ein einziger Reim übrig, der nicht
weggeschafft werden kann, sin : mein 394, 5. Wegen des einen
Reimes auf Abfassung des ganzen Stückes in mlid. Dichtersprache
zu schliessen ist doch gewagt. Ausserdem würde der Versbau
Schwierigkeiten machen. Oft genügt freilich eine kleine Änderung,
Weglassung oder Hinzufügung kleiner unwiclitiger Worte, Beseiti-
gung des Hilfsverbs u. s. w. aber nicht überall. Olme grosse
Gewaltsamkeit würde es nicht abgehen und dazu haben wir kein
Recht. Wir werden S. SS einen andern Ausweg finden.
Reime auf au finden sich 31. Davon sind = mhd. ou : ü gauraen :
pfraumen 421, 15; auenipauren 421,?; Schnabelrauch : auch
403, 27; 427, 24; auch : rauch 433, 24; frau : pau ^Voi>^ 24. In
paun : pauren 436, 1 liegt die alte Nebenform mit ou vor.
In den höfischen Abschnitten (S. 78 if.) finden sich allerdings
keine ou : ü Reime, aber bei der geringen Zahl von Beispielen
hat das nichts zu sagen, zumal da in diesen Stücken nur 2
au-Reime vorkonunen.
>) Hierin folgt ihm Nagl-Zeidler, Osterr. Lit.-Gesch. S. 376.
2) So ist es auch in anderen Stücken, z. B. 123. 28, 475, i»; 500, 3,
765, 8, 932,14, 937,22, 940, 11, 941, 11, 947,34, 951, 2, 952, 2, 954,29,
Nchl. 74,31,87, 10, vgl. auch Nchl. 197, I6, 214, ß.
59
Angehängtes e im Praet. starker Verben, überschaine : aine
394, 8. MGr. 374. BGr. 290. Wahrscheinlich fällt das nur
dem Schreiber zu wie schiede 453, ig.
Das Suffix -er trägt eine Hebung BQr. 212. kamrer : her
417,23, 445,7; Pfutzner : Lungentriefer 445,29. s. Vogt
Forschungen z. dtsch. Philologie, Festgabe f. R. Hildebrand
Leipzig 1894, S. 162 IT.
Verkürzt ist rechte : präohte 401, i«; knechte : prächte 412, 34;
äffen : schlafen 433, y. Mllr. 88.
Neben nicht ist auch nit im Reim vertreten, nit : sit 396, i8,
433, 1"'. Der Schreiber sprach nit und hat öfter damit den Reim
verdorben. Er sclireibt nit : gedieht 39(>, 29 = 448, O; : gericht
450,(5; : pcschiclit 418, :w; : pöswiclit 438,9. BGr. 255 und oben
Ausfiill von li.
Eine S(»ndorstellung liat „freunt". Im GrNSp. steht meist
frcunt, daneben auch friunt z. B. 463, 24, 455, 31. Gerade von
mild, vriunt liat sicli die alte F(»rm littcrarisch lange gehalten.
BGr. 84 (vgl. 30. 60). Der Dichter des GrNSj). brauchte sie, wie
der Keim fremiden : künden 444, 20 beweist. Vgl. Fsp. Nchl.
121, 1:1 freunt : kiint.
p : g vor n. diern : piegen 400, 11; bewarn : tragen 443, 2. BGr. 164.
nt : nn. lUir. 141. kunten : pegunden 465, 10.
nd : nn. MGr. 216. BGr. 171. Ahnden : innen 410,3;;.
m : n. BGr. 169. MGr. 216. haim : allein 396, 24; wunsam : han
411, 31»; an : kam 460, 6; Wegonprant : sambt 403, i7.
Das Part. ])raot. der schwachen Verben hat Rttckumlaut;
geschaut : liant 415, :).*i: ungei)fant : bekant 455,9; gehört : wort
420, 30, 438, 2s; gekust : ij^clust 412, t; diemuot : behuot 407, 29.
(S. .')()). — Auch die Handschrift hat keinen Umlaut im ind. und
part. praot. satzt 412, 31 ; dackt 412, 28, 417, 27; gezuckt 457, is;
lioj-ten 4(50, 14. — Darum ist es fraglich, ol) man den Reim gesant :
convent 435, 2u mit Michels S. 24 in gesendt ändeni darf. Es
wäre der einzige Fall von umgelautctem i)art. praet.
VV'ährend wir bisher Reijne fanden, die für den bair.-österr.
Dialekt als rein gelten, finden sich auch solche, die für die Mund-
art unrein sind und als blosse Assonanzen anzusehn sind, Sie
zeigen schon den beginnenden Verfall, obwohl sie noch selten sind.
60
Verschiedne Muten, b : d. peleiben : vermeiden 420, 21; treiben
: leiden 453, 8, — h : g. schweigen : treiben 454, 3; ab : tag
439, 31. — t : g. stat : lag. 418, 26. — d : g. steig : neid
442, 23; Milchfridel : Hellrigel 445, 31 ; ande : lange 458, 31.
Muta mit Spirans, (s. 0. g : ch). p : f. Ackertrapp : Maulaff
445, 37. — b : h, geben : jehen 425, 9.
Verschiedne Spiranten, eh : f. frolichen : pfeifen 395, 2»». s : f.
ritterschaft : warst 423, 24. (s. u.).
Unreiner Reim wegen eines inlautenden Konsonanten.
L stelt : get (?) 456, »; veioln : Ion 394, is [vielleicht soll es hoissen
veioln schon ; Ion].
b. verderbt : gevert 42(>, 28; stalle : kalbe 436, 21. — t. pesser :
lester 423, u; zuckten : stucken 4(>6, -t.
399, 18 Milchfridel : mit will Michels bessern in Milchfrit.
Aber der Reim Milchfridl : Hellrigel 445, 31 spricht für die über-
lieferte Form, die auch in den Anweisungen 437, 2<1, 453, 2:», 459, 21
steht. Apj)ellativ ist es Hntzl. II 85, is,^. Sterz Sp. V 215.
Vielleicht ist mite zu schreiben.
a : i. stille : alle (nom. masc. pl.) 460, 11; allen (dat. masc. pl.)
: willen 460, 24.
Auf alemannisches Gebiet weist vielleicht der Reim a : ö
halten : schelten 456, ii; gesant : convent 435, 2»; (s. Rückumlaut
S. 59). Wir werden es aber hier mit <ler späteren EntAvicklung zu
thun haben, die dem mhd. bair.-österr. Dialekt noch ziemlich
fremd ist. B6r. 6; Frommann Mundarten III 16; Schmeller,
§ 183. — Wir werden das GrNSp. in dieselbe Gegend zu setzen
haben, die wir als die Heimat der Hdschr. vermutet haben.
Dahin weist auch, da sonst schwäbischem Spuren fehlen, der Reim
st : seht liste : erwischet 460 ,17. BGr. 157, 154. und rn : gn (S. 59).
Für die zeitliche Bestimmung giebt einen Anhalt der im 15.
Jhd. autkommende Reim ü : ö und die gleichzeitig auftretende 3-
pl. ind. sein. — Auf der andern Seite hat die 2. sg. ind. praet.
noch die alte Form in auserkuor 429, 20. Hier ist Dehnung ein-
getreten (s. S. 56), In macht 400, » haben ^rir auch noch die
alte Fonn. — 423, 25 steht aber warst/). Dies ist der unum-
V) Wenn dios»'r Ikum dem Dichter wirklich gehört und nicht ent-
stellt ist.
X
61
gelautete Konj.-Stamm (B6r. 299. M6r. 365) mit der Indikativ-
endung, wie sie iml2. Jhd. eintritt. BGr. •291.M6r.374. Der schon am
Ende des 14. Jhd. beginnende Ausgleich durch Einführung des
Indikativstammes in der 2. sg. prt. findet sich noch nicht. — Es
ist also die alte konjunktivische Form allein sicher, die sich bis in
den Anfang des 15. Jhd. hinübergerettet hat. BGr. 291, 325.
MGr. 374. — Wir dürfen nicht weit vom Anfange des 15. Jhd.
abrücken, wenn auch nicht gerade an die allerersten Jahre zu
denken sein wird.
Versbau.
Der Versbau des GrNSp. ist mit den meisten andern Fast-
nachtspielen verglichen sehr regelmässig. Michels wollte deslialb
S. 24 f. ein dem streng mhd. Verse nahestehendes Schema her-
stellen. Das lässt sich manchmal, aber nicht immer leicht bewerk-
stelligen. Dass Epitheta hinzugefügt seien, ist möglich, ebenso die
Umwandlung in Sätze mit Hilfsverben, bei den Anreden mit dem
Namen (Kler mit „gnädiger Herr" ist es ersichtlich. In solchen
Fällen kann man wohl bessernd eingreifen und überlange Verse
heilen, aber das hilft nicht immer. Deshalb darf man es nur
dann versuchen, wenn das Verderbnis klar zu Tage liegt. Aller-
dings ist die schlechte Überlieferung nicht verlässlich. Zusammen-
gezogene und nichtzusammengezogene Formen können erst nach-
träglich für einander eingetreten sein und dadurch mehrsilbige
oder fehlende Senkung erst veranlasst haben. Dasselbe gilt vom
Auftakt. Hier Hesse sich leicht Regelmässigkeit herbeiführen.
Will man das überall, wo es angängig ist, thun, so würde zwar
manches der in dieser Betrachtung benutzten Beispiele wegfallen,
das Gesamtbild würde sich aber so gut wie gar nicht verschieben,
da noch eine Reihe Fälle übrig bleibt, an denen alle Glättungs-
versuche scheitern.
Verse mit Auftakt wechseln mit Versen ohne Auftakt. M
ist er einsilbig. Die Verse mit Auftakt überwiegen, e
fi2
Verhältnis von 4 : 3. Mitunter findet sich zweisilbiger Auf-
takt. Fälle wie 415, 9 : So entgelte des der sein nie genoss,
können oline weiteres einsilbig gemacht werden; e])enso Beispiele
wie 41 n, 13 auf das gaü. Das ist aber schon nicht melir möglich
bei 422, 25 unser kainer, 444, 32 dass sein Englmair, 453, w
do man uns, 400, y ich war lieber, 402, 24 dass er morgen,
400, 18 ich näm ander, u. a. m.
Die (leltung des dreisil])igen Auftaktes ist fraglich.
Meist liegt die Änderung auf der Hand : und ir(e) 3J)0, r,r,; süll(en)
wir 415, 22; dass mach(a)t 420, 2«; dass d(u) empeissest
421, ig; mir (i)st umb Engelmair 421, 21; vor drei(en) tagen
434, 29; war ich d(a)heim 430, 21; von ai(ne)m wiUlen 442, 21; so
reck(e)t auf 447, 2r>; da mit g(e)winnen 44^, c; und lass(e)
454, 21; unser g(e)sellen 454, «4; sei (e)s nit war -157, 9; den ich z(u)
ainem 458, 7; wie s(i) in wolten 4()4, :w; bring(e) zu trinken
407, 14. — Es bleibt noch eine Anzahl Fälle, wo Anreden einge-
schoben oder erweitert sind, die den Vers überladen (s. u.).
Scldiesslich : 305, :m und will euch geben; 441, 21) er hab wol
zwenundreissig; 452, 9 dass unser kainm. Im ersten Falle ist
vielleicht llberfüllung nach dem vorhergehenden V(»rse anzunehmen
statt: und auch güoten lebzelten; in den andern beiden kann „wol''
und „unser'' gestrichen werden. 304, 21 ist wohl eins der beiden
Adjektive hinzugefügt.
Zweisilbige Senkung ist in allen Füssen häufig, selbst
wenn man von den besserungsfähigen Stellen absieht. — Im
ersten Fusse: 305, 12 So würd ich der herzogin bekänt; 408, 1.5
Ain äiitwurt aus eurem roten münd. — im zweiten Fusse: 413, i«
Ir spilleut, mäch(e)t uns ain süessen dön; 300, 29 Lat seh(e)n,
wer wölt uns den raien schwechen. — im dritten Fusse : 408, m
Ich main euch liebste jünkfrau allein ; 421,8 Seh eist er mer, dann
linder sechs paüern. u. s. w. in allen Teilen des GrNSp.
Fehlen der Senkung. Im 1. Fusse: 408, 12 Lieb, schön
und wolgetän; 432, 2:i Hebt an lieber herr Saürkübel. — Im
2. Fusse : 432, ih Der ins vergeit schnell und schier; 407, 27 Als
ichs an eu tüon bekennen. — Im 3. Fusse: 408, 20 Wann sein noch
nit zeit ist; 458, n; Dass mag ich für war jehen u. s. w.
Mehrere Fälle der Art finden sich oft in einem Verse vereinigt,
z. B. 418, 22 er säch nindart ümb sich; 417, 21 ainer halst Neit-
63
hart; 422, 4 Under euch ist mir nindert kainer so lieb; 420, x^
Seit sieher, ee imer verg^t aiii jar, u. s. w.
-Dreisilbige Senkung findet sich auch. Sie kann meist eben-
so vermieden werden wie dreisilbiger Auftakt. 417, i? die ritter
ha(be)n alle; 332, i7 darumb ich (i)n ain andern; 42i), 20 die
schant hat uns g(e)macht; 44J), 13 trünk(e)st du des vil; 401, i«
ich würd im ab(er) fliegen; 423, 25 d(a)ran du stät wärst; 443, :. die
s61(en) wer(de)n alle mein; 457, 2.j alleg(en) an der pesten (vgl.
453, ß); 422, 17 fraü(e)n habt vernomen; 31)5, 9 treten an d(ie) schar;
u. s. w. 435, 19 Get dan, lieben prueder, un gehabt euch wöl! kann
es g(e)habt heissen, oder die Anrede kann jung sein; 41(), n ist
vielleicht zu sprechen : Den tanz s(i) vor acht tagen verhaissen
han; 407, 11 kann man bessern : Ich kan euch nicht (versagen
noch) verj^hen*); 400, 1 Ich pin ain wen(i)g pesser den
totter zwen, oder „wenig" ist auszuschalten. — 417, 20, 41i), 7 ist
vielleicht gefatter, 3i)4, 27 mein hoir, 422, 7, 423, 10 gnädiger,
425,17 die gesollen, 432,2« ir herren, 437, 20 man, 4*M, 2, 14
lieben gesellen, 43(1,3, 437, 14 gnädiger, 411, 8 ir junkfraun, 454, 0
her, 454, c ser, 455, 20 herr junge Zuthat.
Es Hesse sich also mit einer Reihe Streichungen die dreisilbige
Senkung ganz ausmerzen. Nur bei zwei Beispielen ist es
schwieliger. 420, 24 Englmair, der noch ganze schinken hat, und
450, « Und zerpracht die sclinu(ir, da er an gehangen was. Hier
lässt sich vielleicht durch g(e)hangen helfen, dort könnte man im
Nottalle den Namen streichen. Es scheint dreisilbige Senkung
\vie dreisilbiger Auftakt nicht gesprochen worden zu sein, als
sicher wage ich es jedoch nicht hinzustellen, zumal überfüllte
Senkung in Spielmannsdichtungen besonders gang und gäbe
ist. A])er selbst wenn Dreisilbigkeit fürs GrNSp. gilt, so ist
es doch im Versbau noch fern von der bei den meisten Fastnachts-
spielen auffiillenden Zügollosigkeit, wie es anderseits auch von
der Silbenabzählung noch nichts weiss. Wie in Stofl' und Sprache
zeigt das GrNSp. auch in der Versbehandlung den Zusammen-
hang mit der guten höfischen Dichtung, indem «« ''^** mhd. Vers-
') Das veraltende vcrjchen wird d«
64
kirnst noch sehr nahe, dem Meistergesang dagegen gänzlich fern
steht.
Der gewöhnliche Vers ist der stumpfe vierhebige X | — X — X — X — *
10% etwa von allen Versen des GrNSp. haben diese Gestalt.
Daneben stehn weibliclie vierhebige VerseX | — X — X — X — X.
Da, wie wir schon sahen, die Vokaldehnnng allgemein durchgeführt
ist, so stehn völlig gleichberechtigt neben den Versen mit langer
die mit ursprünglich kurzer Stanmasilbe, also X | — X — X — X wX
Es kommen aber auch dreihebige Verse vor. Von ihnen gilt dasselbe
wie von Auftakt und Senkung. Eine Reihe von ihnen lässt sich mit
mehr oder weniger Gewalt ins vierhebige Schema spannen, aber nicht
alle. Jedenfalls ist also mit Urnen zu rechnen. — Auch hier finden
sich männliche und weibliche wie bei den vierhebigen. Die weib-
lichen sind etwas häufiger, z. B. 394, 13 f. Der s<>l gar pald eilen
Und peiten kain wailen; 405, 24 f. Darnach wolt ich beginnen
Der lieben süessen minne; 427, 2 f. Es g6t gen dem maien So
Mätz und Irmel raien. — 426, 26 f. Den will ich lassen fegen. Den
hat mir der regen. Also auch hier mhd. kurzsilbige Reime ^).
Dreihebig stumpfe Reime sind z. B. 430, löf. Ir herren ich
sag euch das Ich trag im neid und has; 411, 28 f. Ir edler Neithart
gail Got geb euch glück und hail. u. s. w. s. Heusler, Zur Gesch.
d. altd. Verskunst S. 51) ff. — Bemerkenswert ist nun, dass beide
Arten dreihebiger Reime mit den ihnen entsprechenden vierhebigen
gebunden werden. So steht nebeneinander: 4()(), :w Nodi wünsch
es alles stat, Das göt an euch pescluiffen hat; 421, 7 In ainer
waiten aüen Scheist er mer dann ander sechs paüern; 427, h Dass
s<'Jt ir mir vegen. Dass Ion will ich euch gern geben; 460, 22
Was wolt ir ainem geben. Der in euch schicket also eben u. s. w.
Diese Zusammenstellung drei- und vierhebiger Verse geht durchs
ganze Spiel. Während stumpfe und klingende Verse nicht mehr
unterschieden sind, steht der dreihebige Vers, der zu Beginn des
14. Jhds. auftritt, noch als erlaubte Nebenform neben dem vierhebigen.
Am P]nde des 15. Jhds. bildet er bereits eine streng abgesonderte
Form (s. S. 24). Der männliche Reim hat entschieden den Vorzug
(über -/s). Zu berücksichtigen ist, dass, wie schon erwähnt wurde,
^) Vpl. WackernoU, Hugo v. Moutfort rXCYIII, 2.
gleichraässiger Wechsel von Hebung und Senkung noch nicht
durchgeführt ist. Es begegnen sogar ganz kurze Verse: 420, si
Ein üppige wört; 439, 6 Darumb das ich; 453, s Wöm tunkt dass
guot; 402, 23 Zwen öder drei; n. s. w. — 446, tt. Götz und
Fanz Soll(en) mächen den tunz; ist ein Vers (s. Anm. dazu S. 1510)
897, * f. Ich wais das Und noch mer etzwaä, wäre das kürzeste
Verspaar, wenn nicht etwa auch hier zufälliger Binnenreim zum
Auseinanderziehn des ersten Verses verleitet hat und dabei der
zweite verloren gegangen ist.
Jedenfalls ist die Versknnst verhältnismässig noch altertüm-
lich '). Am nächsten steht darin dem GrNSp. das StPSp. und der
Alt Hannentanz (Fsp. 67).
Auch aus metrischen Gründen ist das QrNSp. nicht zu tief
ins 15. Jhd. zu setzen.
Inhalt.
Das GrNSp. ist kein einheitliches Drama mit einheitlicher
Haupthandlung, sondern es reiht verschiedene Erzählungen einfach
aneinander, die sich deutlich von einander abheben. £s ist darum
leicht, das Spiel in seine einzelnen Teile aufzulösen.
I.
393, * — 395, 6. Prolog. Der Einschreier fordert nach der Ein-
ladung zum Zuschaun als Bote der schönsten Frau zum
Veilchensuchen und im Namen des Herzogs zum Tanze auf.
395, 7 f. Szenenanweisung. Wortloser Tanz der Herzogin und ihrer
Jungfrauen.
395, 9 — 396, 25. Engelnur will sich an eine junge Dame heran-
drängen und wird schroff abgewiesen.
396, 27 — 403, 30. Bauerntanz. Bauern and Bäuerinnen thun sich
zu Paaren zusammen und tanzen um den Maien.
403, S3 — 410, 19. Rittertanz. Angesichts des Maien fordert der
Herzog zu ehrbar'T .Minnt' auf. Virr Ititfer wnht'ii imchoin-
ander um die Mailmlilt'nschaft von vier Lloril:iiii»Fi.
■} Tgl. Wackernell, Hugo y. Uontfort, 6bcr dm Al
die Senkungen CCUI - CCKXXV. ""
Oulnde, Mtldhut mit diB Vnlltban.
66
n. Neidhart mit dem Veilchen.
A. 410,21 — 414, 11. Die eigentliche Veilchengeschichte.
Die Herzogin fordert zum Suchen des Veilchens auf, Neidhart
macht sich auf, findet die Blume, kommt zurück, führt die Her-
zogin feierlich hin und lässt sie den darüber gedeckten Hut
aufheben. Sie bemerkt, dass sie betrogen ist und macht ihm
bittre Vorwürfe.
B. 414, 14 — 415, 6. Neidharts Klag e über sein Unglück.
C. 415, 8 — 421, 27. Die Bestrafung. Die Ritter suchen Neid-
hart zu trösten, versprechen ihm ihre Hilfe bei der Rache und
machen ihn auf die zu Zeiselmauer tanzenden Bauern aufmerksam.
Der auf Kundschaft geschickte Knecht findet sie, wie sie tanzen und
sich von Neidharts Unglück erzählen, wobei zur grossen Freude
aller der Thäter sich meldet und seinen Streich schildert. Wäh-
rend sie weiter tanzen, geht der Knecht zurück. — Die Ritter
rüsten sich und überfallen die Bauern. Mehrere werden ver-
wundet, Engelmar rettet sich unter Frideruns Mantel. Es erhebt
sich grosse Klage. Enzelmann schilt auf den heil gebliebenen
Engelmar, wird aber von dessen Vetter zurechtgewiesen.
I). 421, 30 — 426, 8. Aussöhnung. Die Ritter gehn zum Hof, wo
sie von dem über die Beleidigung seiner Frau erzürnten Herzoge
ungnädig empfangen werden. Sie entschuldigen Neidhart und
bitten für ihn. Der Herzog beruhigt sich, lässt ihn rufen, bittet
auch die Herzogin für ihn, sodass er wieder in Gnaden aufge-
nommen werden kann. Er wird reich belehnt, dankt dem Herzogs-
paare und nimmt wieder Urlaub, um den Bauern einige Streiche
zu spielen. Ein Trunk endigt die Szene.
III. 426, 15—428, 19. Neidhart als Schwertfeger
verkleidet kommt zu den tanzenden Bauern, die sich ihre Messer
von ihm schleifen lassen wollen. Sobald sie die Waffen ihm
ausgehändigt haben, fällt er über sie her und hängt zwei von
ihnen auf.
428, 22--43(», 3. Klage der Bauern beim Herzog über
Neidhart. Sie werden abgewiesen, weil sie sich selbst die Schuld
zuzuschreiben hätten. Wieder regt sich der Neid gegen Engel-
mar. Eine Prügelei ist das Ende vom Liede.
r\'. 430,6— 432, y. Beichtschwsnk.
Hebenstreit stiftet Frieden; unter lauten VerwOnschrnigen
gegen Neidhart beginnt der Tanz wieder. Da kommt Neid-
hart im Mönchskleide. Zwei Bauern wollen ihm beichten. Er
spricht sie nicht los, sondern verspricht, einen andern Beichtvater
zu schicken.
V. 432, 10—438, u. Kuttenschwank.
Neidhart giebt den Banern zu trinken. Sie schlsfen sogleich
davon fest ein. Er benutzt diese Gelegenheit, ihnen das Haar znscheren
und Kutten anzuziehn. Nach drei Tagen erwachen sie, wundem sich
über ihre Veränderung und nehmen auf seinen Vorschlag den im Abt-
gewande daherkommenden Neidhart als ihren Prior. Er will sie in
ein KIdster führeTi, das er vom Herzoge erbitten soll, geht mit den
neuen Mönchen an den Hof, begrüsst Herzog und Herzogin, mid
erzählt den Erstaunton, womm es sich handelt. Die Bauern ver-
spüren unterdes Hunger und verlangen nachhanse. Um sich den
Hunger zu vertreiben, fangen sie an zu singen, bald aber geraten
sie aneinander. Der Herzog hat ihrem Treiben zugesehn und schickt
sie jetzt mit Schimpf und Schande heim. Ihren Dorfgenossen
erzählen sie, wie es ihnen ergangen ist.
VI. 438,16—444, 17. Teufelspiel.
Luzifer beruft die Teufel zur Versammlung und fordert sie zu-
nächst zum Singen auf. Der Lobgesang getollt ihm so, dass sie ihn
wiederholen müssen. Darauf spricht er von der Ho^hrtigkeit der
Bauern und heisst die Teufel deren Seelen zur Helle zu schaffen.
Sathanas und Lasterbalg rühmen besonders ihre Künste und versprechen,
das Ihrige zu thun. Unter reichen Versprechungen werden sie von Lu-
zifer entlassen, um die Hölle mit den Bauern zu föllen.
VII. Die Spiegelgeschichte.
A. 444, so — 446,11. Der Vorläufer weist auf das folgende
Abenteuer hin imd erzählt von den Vorbereitungen zum Tanze.
B. 446, iJ — 456, si. Siucgelr^uli. I'ralüt-nd rühmen die Bauern
ihre Tüchtigkeit und Kiiniyifwut und versch^kmtf^l^Qeeii Neid-
harts Leben. Darauf besprechen sie d
als sie Fridemn mit den Mädchen i
68
sehn. Während des Tanzes kommt ein Wirt mit Wein, den sein
Knecht ausschreit. Die Bauern sind gleich dabei und wollen
auch den Mädchen Wein schenken. Zunächst wenden sie sich an
Friderun, die für ihre Person dankt, worauf sie den übrigen einige
Mass vorsetzen lassen. Engehnar sucht sich von Friderun ihren
Spiegel zu erschwatzen, aber umsonst. Spiegel und Kranz sollen
Preise für den besten und gesittetsten Tänzer sein. Eegenwart
fordert zum Wettbewerb auf, aber unter den Bauern gärt
der Grimm gegen Engelmar, weil er auf ihre Kosten die Mädchen
freihält, um sich beliebt zu machen. Die Beschwichtigungsversuche
werden überhört. Noch einmal versucht Engelmar, den Kranz für
seinen Vetter, den Spiegel für sich zu erbitten, aber wieder ohne
Erfolg. Da lässt er den Tanz von neuem beginnen und während
des Tanzes reisst er gewaltsam den Spiegel an sich. Die andern
Bauern sind aufgebracht darüber, und als er gar herausfordernd
den Spiegel zertrümmert, beginnt eine grosse Hauerei, wobei er
ein Bein einbüsst.
C. 456, 85 — 459, 10. Neidhart im Fass. Kaumist das Unheil ge-
schehn, als ein Bauer seine Genossen auf Neidhart aufmerksam macht,
der im Fasse verborgen liegt, und an dem sie ihre Streitlust mit mehr
Segen hätten auslassen können. Anfangs sind sie bestürzt, dann
wollen sie ihn fangen; der aber ist längst entwischt samt seinem
Knechte, der mit bereitgehaltenen Pferden in der Nähe war. Nun
kommt die Keue zu spät. Friderun klagt über den vermeintlichen
Tod ihres Buhlen und wird nur schwer beschwichtigt. Engelmar
wird von einigen Bauern weggeschafft.
Vm. 459, 13—463, 21. Säulenschwank.
Wie Engelmar fortgetragen werden soll, kommt Neidhart mit
einigen Rittern unerkannt hinzu und fragt nach der Ursache seiner Ver-
wundung. Die Bauern erzählen nun dem Erstaunen heuchelnden Neid-
hart seinen eignen Streich. Er verspricht ihnen Neidhart in die Handzu
geben und fragt, was sie dann mit ihm anfangen wollen. Um zu
zeigen, wie sie sich rächen wollten, schlagen sie wütend auf eine
Holzsäule los, dass sie in Stücke splittert. Hundert Mark und ein
Pferd lässt er sich versprechen für die Auslieferung. Darauf geht
er an den Hof.
IX. 463, 24 bis zu Ende. SchluBS bei Hofe.
Der Herzog fragt Neidhart sofort nach seinen Erlebnissen. Von
ihm und den Rittern hört er das Vorgefallene and spriuht dabei den
Wonsch ans, einmal einem solchen Streiche zuselin zu kSnnen. Er und
die Herzogin erinnern Neidhart an die Gefährlichkeit seines Thnns,
doch der sagt, er fürchte die Banem nicht, solange er ein gntes
Pferd zur Hand habe. Darauf erhält er vom Herzoge sein bestes
Boss und von der Herzogin mehrere Stücke holländischen Tuches.
Neidhart dankt und wird vom Herzog aufgefordert, auch weiterhin
die Bauern nicht aus den Augen zu lassen. Den Schluss bildet
wieder ein Trunk.
Der VeUehentanz.
Wenn das StPSp. der älteste von allen Berichten ist, die wir
über ilie Veilchengeschichte kennen, so steht ilmi hinsichtlich der
Form der Erziihlung das (irNSp. am nächsten.
Beide sprechen in der Einloitungsrede von einer jährigen
Buhlschaft (10:397, n). luden Stücken selbst wird davon StpSp.
3'i olme Zeitbestimmung gesprochen, und GrNSp. 411, 6 heisst es
sogar: stätigklich an widerker. Den andern Spielen ist dies
Motiv fremd.
Neidhart fordert die Herzogin auf, mit ihren Jungfrauen
zum Veilcheiitanz zu gehn (38:412,33 0; ohne Zwischenrede der
Frauen hebt die Herzogin den Hut auf (39 : 413, ss) und schilt
auch allein auf Neidhart. Darin gleichen beide Spiele den Gedich-
ten die auch imr die beiden Hauptpersonen ausführlich behandeln.
In den späteren Spielen macht sich dagegen das Bestreben geltend,
die Nebenpersonen mehr hervortreten zu lassen, selbst auf Kosten
der Hauptpersonen.
Die Begleitung der Herzogin, welche im StPSp. nur in der
Phantasie der Zuschauer vorhanden ist (S. 26), wird im GrNSp.
412, 3i,s3, 414,4 zwar vorgeschrieben, bleibt aber stumm'). Sie
selbst ist unverheiratet (s. S. 4).
') Die unmittelbare Aorcde 411. a, wolclw
ap&te HinEufÜgniiK, s. S. 63. Die UenogiD
JungfnaeD.
70
Die Vorstellung, dass Neidhart ein Dichter sei, hat, wie schon
Schönbach betont hat, allein das StPSp. und das GrNSp. Den
späteren Spielen ist er nur der Bauernfeind. Auch unter den
Gedichten finden sich nur wenige, die ihn als Dichter kennen *). Im
StPSp. 23 ff., heisst es: Und wil mich dez verpflichten Daz ich
wil fürbas dichten Das best daz ich mak Bediu nacht vn tak.
Schönbach erinnert an 412, i»: Aller erst wiU ich heben an Ze
singen, was ich gelernt han. Wichtiger ist aber 460, i: Damit er
uns wart krenken Und neue lied erdenken. — Von den Veüchen-
gedichten lässt sich nur MSH EEI 202 *2: wol lut begund ich
singen, anführen. Genau besehen besagt das aber nicht viel. Die
beiden ältesten Spiele sind also hierin noch ursprünglicher als
das Gedicht. — Die Haupteigenschaft Neidharts hatte für seine
derben Nachfolger keine Verwendbarkeit, darum kam sie bald in
Vergessenheit.
Am Schlüsse des StPSp. 49,57 droht Neidhart, dem Thäter
ein Bein abschlagen zu wollen. Dieselbe Drohung spricht er im
GrNSp. 415, 2 in seiner Hage über den ihm angethanen Schimpf
aus.
Zu diesen Parallelen in der Handlung kommen die S. 21
angeführten Parallelen im Texte. Das StPSp. kann also dem
Verfasser des GrNSp. nicht unbekannt gewesen sein. — Daneben
hatte er aber noch eine andre Quelle, nämlich MSH III 202* , xvi.
Durch die Benutzung dieses Gedichtes hat er sein Spiel be-
deutend verbessert. Die S. 20 erwähnten, dmxh blosses Heraus-
heben der gesprochnen Stücke eines Gedichts eiitstan denen Lücken
und Härten des StPSp. hat er an der Hand seiner anderen Quelle
ausgefüllt oder vermieden. Die Veilchengeschichte beginnt im
GrNSp. 410, 23 mit der Aufforderung der Herzogin, die eine schöne
Naturschilderung als Einleitung zu ihrer Aufforderung giebt, ganz
im Tone der Natureingänge ^), wie sie sich nur noch MSH HI 202* 1
findet, wo der Natureingang wahrscheinlich zugleich Rede Neidharts
0 Ndh. XXXVm, •J7,XXX1X, 20, L, 2,^., LH, 2S, MSH III 186» 8, 2(X)t> 7,
217b 2, 293» 8, 295l> 22, NF 38, 943, 3102 ff.
^) Vgl. Gustav Mayor, Essays und 8tudi«'ii zur Si»rar]igcsch. 11. Volksk.
I Berlin 1885, Über den Naturcingang des t^ehnaderhüpfrls S. 377 f.
71
ist (S. 2 Anm. 1). Wenn Neidhart 411, 82ff. das gefundene Veilchen
freudig begrüsst, so sieht da« aus wie eine Ausfdhrung von 2, 4: unt
begunde da gar vrolich sin, wol lut begund ich singen. — Der
feierliche Zug zum Anger wird gehörig eingeleitet (413, i4, is).
Neidhart fordert die Herzogin auf, den Hut aufzuheben, was sie
iin StPSp., ohne weiteres that. — Alles das sind grosse Vorzüge
des GrNSp., die es z. T. allein von allen Spielen hat, und die es
fast ganz dem Gedichte verdankt. — Dem nach der Blume auszie-
henden Eitter wünscht nun ausserdem die Herzogin Glück und
Heil auf den Weg, und als er zurückkonmit, merkt sie ihm schon
von ferne seine Freude an (412, i9). Dadurch bekommt die ganze
Geschichte mehr Farbe.
Mit MSH m 202* xvi und dem StPSp. berührt sich das
GrNSp. auch in der Ausführung des Veilchenraubes. Er wird
hier noch nicht ausgesponnen, sondern geschieht wortlos, was bei
dem sonst sehr ausführlichen Spiel besonders auffällt. Die An-
weisung 412, IG IT, giebt allerdings die Ausführung des Raubes und
des Ersatzes genau an, doch die Scenenanweisungen sind nicht
beweiskräftig für die ursprüngliche Gestalt des GrNSp. Jedenfalls
geschah die Sache nur pantomimisch, vielleicht noch zarter als es
die Anweisung vorschreibt. Erst den späteren Stücken blieb es
vorbehalten, ihrer grösseren Derbheit gemuss auch die AusfQhnmg
des Ersatzes dramatisch auszugestalten, z. B. StSz. 239 f.
Auch wörtliche Anklänge finden sich. Die eigentliche Veilchen-
geschichte bis zu Neidharts Klage deckt sich mit den vier ersten
Strophen des Gedichtes.
GrNSp. 410, r.i Der winter der
ist gar gelegen,
410, 32 Wer nun gen des maien
zeit
Den veiol künde vinden,
413, 11 Wir wellen auf den
freüdenplan
Den lieben sumer
schon enphan.
>
vgl.
219*2
MSH m 202* 1, 1 ürloup hab
der winder
1, 7 ir sült uf des maien plan
den ersten viol schon wen.
vgl. 1, 15 f.
72
411, M^Meinem herzen wurd
kumer pness,
412, 13 Aller erst will ich heben
an
Ze singen, was ich gelernt
han.
412, 24 Edlen fran gehabt ench
wol!
Die warhait ich ench sagen
sol,
Ich fand ain veiol lobesam,
412, 27 Zn hant ich meinen hnot
nam
Und dackt in über das plüe-
melein.
413, 14 Schickt nach den spil-
leuten nnd macht den
tanz!
412, 23 Wahrleich, frau, mich
tunket guot,
Ir hebt selber auf den huot,
Das euch der summer werde
schein.
413, 36 Ach Neithart, was hastu
gethan?
414, 14 Wafen mir heut und
immer mer.
414, 25 Es war pesser, ich war
nie geporn,
414, 36 Gemacht von dem vilz-
pauren
Ich wül(s) im noch machen
ze sauren.
414, 29 Der [an] mir das laster
hat getan,
vgl. 414, 1, 428, 2.
1, 13 er kan wol swaere buezen
vgl,Tanh.MSHn90»>32
2, 5 wol lut begund ich singen.
3, 3 diu rede ist ane lougen
ir sult alle wesen fro
ich han den sumer vunden.
2, 6 Wann uf die selben bluomen
dar uf stürzt ich minen huot,
vgl. NF 305.
NF 157 da erhiib sich ein tancz.
NF 164 genadige fraw knieget
nider
vnd höpt auf den hut,
l)recht ab den feiel so schone,
der befilt uns den sumer gut.
MSH 4, 2 Nithart, waz habt ir
getan ?
4, 11 So wafen über mich
tumben !
4, 12 ich wolte, daz ich
waere tot!
2, 11 Daz sah ein vilzge-
bure
2, 13 ez wart im sider ze
sure.
NF 200 das laster, daz er hat
getan.
73
In der darauf folgenden Schilderung von der Bestrafung der
Bauern ist auch die Zusatzstrophe des Gedichtes benutzt. Das
Gedicht hat also in seinem ganzen späteren Umfange samt der
Erweiterung schon dem Dichter des GrNSp. vorgelegen.
GrNSp. 420, 8 Nun muessen
mir laiden ungemach.
420, 9 Umb den verfluochten
veiol
Geben wir ungefuogen zol,
Den der Neithart am ersten
fand.
420, 18 Seit uns penomen ist
der vorsprunc(s. Michels
S. 22).
5, 17 nu muez wir liden
kummer.
5, 15 vervluochet si der Sum-
mer,
den der Nithart erste vant!
5, 19 nu müg wir nie mer sprin-
gen.
Wenn in der Veilchenrauberzählung des GrNSp. 410, 23 — 415, 6
jenes Gedicht als Quelle feststeht, so lässt sich dagegen eine
Benutzung der gröberen Schilderung NF 297 flf weder textlich noch
in den Motiven darthun. Wo sich Anklänge finden, da ist alle-
mal die Fassung des Druckes aus MSH HI 202 * entlehnt. —
Anders ist es in der darauf folgenden Schilderung der Bestrafung.
Hier ist auch die gröbere Fassung des Druckes augenscheinlich
benutzt.
417, 28 Zu hant gewan er hohen
muot. vgl. 418, 18.
418, 1^6 Und han im geschissen
an die stat. vgl. 417, 35.
422, 20 Dass er si auf stelzen
hat pracht.
418, 16 Er gieng in dem klee,
Da sach er ain veiol sten.
418, 3 Der den veiol hat gepro-
chen.
NF 304 der feiel gab mir hochen
müt
312 an die stat, so tit er scheis-
sen.
256 wir haben s auf die stelczen
gericht.
301 ich kam auf eines meien plan
da fand ich einen feiel stan.
263 die in band abgeprochen.
= 207.
Aus der Zusatzstrophe in MSH IH hat das GrNSp. auch für
die Bestrafung das Motiv von den 32 Verstümmelten übemomm«
In seiner Klage spricht Neidhart allerdings nur von dem, der ü
74
das „Laster^ gethan hat 414, 27, 34, 415, 2. Ihm allein droht er
mit seiner Bache. Ein Einzelner, Enzelman, hat auch die That
verübt ohne Wissen der übrigen Bauern (412, lef. 417, soff. 418, 26f.),
also abweichend von den späteren Spielen, wo die Bauern um den
Unfug wissen, ihn begünstigen und sich dadurch zu Mitschuldigen
machen. Sie erleiden dann auch nur eine verdiente Strafe. Die
Ritter wissen ebenfalls, dass nur Enzelman der Thäter gewesen ist
(422, 13 nr.) und Neidharts Knecht hat selbst aus seinem Munde
den Sachverhalt gehört (418, 12 ir.)- Trotzdem wollen sie gegen
alle Bauern losziehn (415, 9 rr., 25). Dem entsprechend ist auch die
Ausführung. — Die Anschauung, dass 32 verstümmelt werden
gilt fürs ganze Stück. Damit ist erwiesen, dass die Anweisung
419, »4, die nur von 10 oder 12 Verwundeten spricht, schlecht
und wertlos ist.
Es macht sich also zwischen der Klage Neidharts und der
Ausführung der Rache ein grosser Unterschied geltend. Es scheint
hier noch der alte Gegensatz zwischen den beiden verschiedenartigen
Teilen der Quelle durchzuleuchten (S. 4 ff). Dort hatte zwar
str. 1 — 4 in s c überhaupt keine eigentliche Drolmng, sie fand sich
aber in NF. 189 ff, war jedoch nur gegen den Schuldigen gerichtet,
wälirend die Zusatzstrophe die 32 Stelzer bringt.
Überhaupt wechselt nach Neidharts Iflage der Ton auffallend.
Die bisher im höfischen Spielmannston gehaltene Schilderung bricht
ab, um einer derberen schwankartigen Ausführung Platz zu machen.
Schon im StPSp. war ein Ansatz dazu vorhanden, wenn Neidhart
am Schlüsse in seiner Drohung derber sprach als vorher zur Her-
zogin (S. 26). So führen auch im GrNSp. die Ritter den Bauern
gegenül)er eine ganz andere Spraclie, als sie vorher am Hofe ge-
braucht wurde. Auch die ErwiUiimngen des Kaubes haben jetzt
ein gaii:-: anderes Gesicht. Jetzt wird die Art des Ersatzes offen
erwälint, während es vorher absichtlich vermieden wurde, diese
Angelegenheit zu berühren.
Neidhart erscheint nun in der Umgebung eines Kittergefolges.
Diese Helferslielfor waren notwendig, wenn man nicht rinen sondern
32 besti'afen wollte. Mit dem Übergänge zur Massenverstümmlung
sind sie sicherlich gleichzeitig eingelülirt worden. Sie gehören
^ar nicht zur eigentlichen Veilchengeschichte, sondern nur zur
(Irangehängten Prügelei wie NF. 233, wo sie bei derselben Gelegen-
75
heit auftreten. Mit den Rittern des Werbetanzes haben sie ursprüng-
lich nichts zu thun (S. 82 f.). Sie verdanken ihre Einführung
vielmehr einem späte Motive verwendenden Gedichte im Sinne von
NF. 224 ff. — Für ihre Beden gaben die Gedichte keinen Anhalt.
Diese werden vom Verfasser erst im Stile der zur Grabwache
bestellten lü-ieger im Osterspiel ausgeführt worden sein, um die
Ritter einigermassen mit der Handlung zu verknüpfen und nicht
blosses Werkzeug Neidharts bleiben zu lassen. — Nach der Be-
strafung der Bauern treten die Ritter noch einmal thätig auf, indem
sie dem Herzoge den Neidhart gespielten Schabernack und dessen
Rache dafür erzilhlen, um seinen Zorn zu besänftigen und für sich
und ilu'en Anführer Gnade zu erhalten. Wie wir aus dem Berichte
des Bauern 417, n, 37 hören, waren sie nämlich mit Neidhart zu-
gleich in Ungnade gefallen, und die grobe Anrede des Herzogs
422, 4 f. bestätigt da«. Eigentlich durfte die Herzogin nur anneh-
men, von Neidhart allein geäfft worden zu sein, denn beim Veil-
chensuchen hatten die Ritter nichts zu thun. Weil sie aber bei
der Rache mit ihm zugleich auftraten, ^vurden sie auch vom Dichter
mit ihm über einen Kamm geschoren; er liess sie also ebenfalls
die Huld des Herzogpaares verlieren, obwohl sie kein Verdacht
treffen konnte.
Eine andere Hinzufügung ist Neidharts Knecht, der auf Kund-
schaft ausgeschickt wird, 41(), 25, 419, u. Er ist nur oberflächlich
hereingebracht; besser ist er im StSz. mit der Handlung verwoben,
wo er auch mit den Bauern in nähere Berührung gebracht wird.
In der Fassgeschiohte kommt 457, ig ebenfalls ein Knecht Neidharts
vor. Dort stammt er aus der Vorlage; hier dagegen wurde er
erst durch die weitere Ausführung des (Jberlalls, wahrscheinlich
erst vom Dichter des GrNSp. eingeführt.
Dem Verfasser gehört auch die Schlussszene bei Hofe 421, :^on.
Der Wunsch, Neidhart die verlorene Gnade des Herzogspaares wieder-
gewinnen zu lassen, lag nahe. So kam die ganze Erzählung von
der Aussöhnung dazu, wodurch das Veilchenabenteuer erst seinen
richtigen Abschluss erhielt. Die Ritter erzählen den Sachverhalt
und auf ilue Fürsprache lässt sich der Herzog erweichen und bittet
selbst die Herzogin um Vergebung für Neidhart. NF. 249 ff. ver-
folgt das gleiche Ziel. Hier sucht Neidlutt'
76
Herzogin wieder zu ge^vinnen, indem er das gestohlene Veilchen
ihr zustellt und seine Rache erzählt (S. 9). Auch hier liegt also
der Wunsch nach Aussöhnung zugrunde, doch eine Verbindung mit
dem entsprechenden Abschnitte des Spiels ist nicht erlaubt. Die
Schilderung des epischen Stückes ist viel roher und obendrein ist
der Inhalt ganz anders geartet. Dasselbe Verlangen hat vielmehr
zweimal selbstständig ein verschiedenes Ziel en*eicht.
Wenn aber in der Veilchengeschichte des GrNSp. die Ver-
schiedenheit der Vorlage noch deutlich erkennbar ist, indem für
den ersten Teil die streng höfische Fassung von MSH EI 202* xvi 1 — 4
und StPSp. die einzigen Quellen waren, während im zweiten Teile
die Zusatzstrophe und nun auch erst die groben Gedichte des
Druckes benutzt sind, so ist doch der Wechsel des Tons nicht so
unvermittelt wie bei Gedicht und Zusatzstrophe. Was da uner-
trägliche Härte war, wird hier zur guten Charakteristik. Die
Geschichte vom Veilchensuchen spielt in höfischen Kreisen, hier
war also der Ton der Quelle gut angebracht, und man muss zuge-
ben, dass ihn der Dichter gut zu wahren, ja nocli zu übertrefTen
verstand. In einer ganz anderen Gesellschaft spielt das Folgende.
Dem entsprechend wird die Sprache derber und drastischer. Die
Zusatzstrophe war darin ungescliickt und roll, das Geschick des
Dichters des GrNSps. macht eine gewandte derbe Schilderung
draus.
Überhaupt war der Dichter im Charakterisieren nicht unge-
schickt. Nicht nur die einzelnen Gesellsehal'tsklasijen werden
entsprechend gezeichnet, sondern auch die Redeweise der einzelnen
Personen wird ihrer jeweiligen Umgebung angepasst. Das gilt
nicht nur von der Veilchen- und Kacheerzähiung, sondern vom
ganzen Spiel. So sprechen die Bauern bei Hofe in ihrer Beschwerde
428, 3iir. ganz anders als unter sich, und ebenso reden die
Ritter zu iluien anders als bei Hofe. Zu dem ziemlich höfischen
Ton, der in der Auseinandersetzung zwischen Rittern und Herzog
herrscht, passt dessen Grobheit 422, 4 f. gai' nicht, aber die Erre-
gimg muss hier die Härte der Drohung entschuldigen, welche
jedenfalls aus den geistlichen Spielen übernommen ist^).
') s. die ZusamiiicnstcUuugcu über don Stil des GrNlSp.
77
Ebenso zeichnet der Verfasser bei den verschiednen Berichten
über Enzelmans Unfug die verschiednen Berichterstatter. Der
Bitter drückt sich 422, 7 ir. zarter aus als der Thäter selbst, der
sich 418, 26 durchaus kein Blatt vor den Mund nimmt. Man
vergleiche damit das KLNSp., wo selbst die Bedeweise der Hof-
damen gar sehr nach der Tenne schmeckt. — 417, 35 f. ist nicht als
eine zarte höfliche Andeutung eines gebildeteren Bauern zu fassen
sondern als ein beabsichtigter Witz.
Ein andrer bedeutender Vorzug des GrNSp. dem Gedicht
gegenüber ist es, wenn der Thäter selbst nach erhaltner Strafe in
laute Klage ausbricht (420, 7 O» während dort ganz farblos ein
Unbekannter namens Wizek angeführt wird (5, 13).
Dass der Dichter aber trotz der geschickten Schilderung doch
noch stark im Banne seiner Vorlage steht, zeigt ebenfalls die
Ausführung des Veilchenabenteuers. Der Ersatz des Veilchens
geschieht pantomimisch (S. 71). Hier konnten höfische Bedenken
den Verfasser nicht abhalten; wenn er frei mit seinem Stoffe
schaltete, so konnte er gerade hier den Bauern erst recht derb
zeichnen, wie etwa 418, 12 a*. Die späteren Spiele haben es gethan.
Mitten in der höfisclien Erzählung von Neidhart und der Herzogin
hätte sich eine solche Schilderung erst recht deutlich abgehoben.
Dass der Verfasser solche Wirkungen durch den Gegensatz nicht
verabscheute, zeigt der absichtlich dem Rittertanz gegenübergestellte
Bauerntanz. Der Grund liegt vielmehr in der Quelle. 418, 12 ff
lag das Beispiel des späteren Veilchengedichte vor, an die er sich
anschliesst. Hier aber war in der Vt)rlage diese Angelegenheit
zart übergangen worden, und darum übernahm auch der Dichter
des GrNSp. die milde wortlose Ausführung — . Dasselbe gilt
von der Bestrafung der Bauern. Die Gedichte schildern sie auch
nicht näher, sondern erwähnen ziemlich trocken nur ihren Ausgang.
Drum wird sie auch 419, 3ifT. wortlos ausgeführt. So bleibt es
auch in den späteren Spielen. Die Ereignisse vorher und nachher
werden breit ausgefülirt, nicht die Rache selbst, obwohl sich durch
Rede und Gegenrede während des Kampfes selbst hätte grosse
Mannigfaltigkeit erzielen lassen. Allerdings kommt die grosse
Unbeholfenheit des jungen weltlichen Dramas und des Schaus])iols
überhaupt auch gerade hierbei in Betracht, und da die Rache
78
während des Tanzes vollzogen wird, mag auch noch dessen alter
pantomimischer Charakter dabei durchscheinen. Das gilt aber
nicht vom Ersätze, da Enzelman den Unfug allein verübt (S. 73),
nicht wie in den späteren Spielen während eines Bauernreigens.
Einschreier und Werbetanz der Bauern und Ritter.
Die Veilchengeschichte, der Kern aller Neidhartspielo, hat im
GrNSp. eine Fülle von Zusätzen erfahren, von denen sich die
einzelnen Schwanke und Streiche Neidharts vom Schwertfegerschwank
an enger zusammenschliessen, während das Vorhergehende mehr
oder weniger zur Veilchengeschichte in Beziehung steht Es ist
dies die Eede des Einschreiers und der doppelte Maitanz der Bau-
ern und Bitter. Dieser Teil kann gegenüber den derberen Sohwank-
schilderungen als ein streng höfisches Stück gefasst werden, das
nur durch den sehr realistischen Bauerntanz unterbrochen wird,
der seinerseits den Schwänken nahe steht. Er zeigt dieselbe Sprache,
denselben Geschmack und dieselben Namen. Während der
Prolog vom Ritter und vom Veilchentanze spricht und so eine
engere Gruppe mit beiden bildet, sieht der Bauerntanz, den er
nicht erwähnt, wie ein neues Einschiebsel aus, das an die Einlei-
tung nicht angeknüpft ist. Nach 395, c würde sich ohne weiteres
der höfische Rittertanz 403, -^ anschliessen können. 395, 7 tanzt
die Herzogin und ihre Umgebung, aber es geschieht wortlos. Sie
kommen, tanzen und gehen wieder, während sonst im S])iel der
Tanz die Einleitung zu irgend einer Handlung oder einem Ereig-
nis ist, oder aber Selbstzweck, wie eben im Bauerntanze und dann
dramatisch breit ausgeführt wird. Wenn nach diesem stummen
Tanze Englmar sich an eine Jungfrau herandrängelt und sie be-
lästigt und schliesslich gebührend von ihr abgewiesen wird, so
ist dies nur ein Versuch, eine Verbindung herzustellen. Die Jung-
frau, offenbar eine aus dem Gefolge der Herzogin, antwortet 396, 12 n.
durchaus nicht höfisch. — Vorbild für diesen Anknüpfungsversuch
Avird ein Stück von der Art des in Schnorrs Archiv 3 S. 2 ge-
druckten gewesen sein, worin ein Bauer eine vornehme Dame zu
79
umwerben siiclit. Zuerst versucht er gewählt und liöflich zu spre-
chen wie Engelmar 3J)5, 30-33, bald aber fallt öf nur um so ärger
in den Bauerton zurück. Dort will er seine Dame mit Hutzeln
(v. 32) locken, hier mit Lebzelten, Käse und Buttermilch. Vgl.
Fsp, 70, 614, 13, Sterz Sp. XV 536 (Michels 115), XI U7ff.
Am auifallendsten ist aber der Unterschied des Bauemtanzes
von seiner Umgebung in der Bedeutung des Wortes „minne".
Im Rittertanze ist das Wort noch in seinem alten guten Sinne
gebraucht, den es früh verloren hat. Es hat nämlich zeitig eine ganz
sinnliche Bedeutung genommen, die aus der Spielmannsdichtung
eingedrungen zu sein scheint *). Daneben wird es zunächst in der
höfischen Dichtung noch in der guten alten Bedeutung gebraucht.
Aber nach dem 15. Jhd. sehn sich die Handschriften schon ge-
zwungen, ,,minne'* durch „liebe" zu ersetzen^). — Das Vorkommen
des Wortes kennzeichnet den L^auerntanz und das Ritterwerben
als Buhlschaftstänze. In jenem hat minne schon einen ganz und
gar realen Sinn. (400, 10, 13, 17, 19). Auch sonst sind die Bauern
ganz in der Art der Bauerntänze unter den Fastnachtspielen recht
eindeutig, z. B. 400, i5fr, 401, i7, 402, 1. 401, 12 steht wohl mit
Absicht „füegen aul*" statt „zuo". Derbheiten dieser Art sind
sonst dem Spiele fremd. Im Gegensatz stehen sie geradezu zum
Rittertanze, wo die „ere" besonders betont wird (404, 27, 34.). —
Trotz alledem ist es aber doch misslich, an eine spätere, vom
Dichter des übrigen Spiels nicht herrührende Hinzudichtung zu
denken, da der Bauerntanz nur Namen hat, deren Träger auch
an der einen oder andern Stelle des zweiten, schwankmässigen
Teiles vorkommen. Dabei sind sie nicht nur oberflächlich einge-
setzt, sondern auch im Reime vertreten. Sie sind z. B. viel besser
mit dem Stücke verwoben, als die Namen der Ritter. Dagegen
lässt sich nicht anführen, dass die Bauemnamen aus 403, n tr.
später zum grossen Teil nicht mehr vorkommen. Hier handelt es
sich um blosse Namenaufzählungen, die jeder einzelne Schwank
für sich mitgebracht hat, ohne selbst die Genannten alle zu bet^ii-
») Vogt zu Siilin. 11. Mor. CXXVII.
'-') z. B. in einer Hclschr. von unser fraucn Klage (PBB '>, 288 0. v<m
Kanfring«'r und im Drucke vom Engelhard, (zu v. 977): s. Mi<hels 'J5.
80
ligen. So treten im Bauerntanze selbst die Angeführten bei weitem
nicht alle auf. Ebenso liegt es 445, 27 «f. Umsoweniger war Ver-
anlassung, sie in anderen Abschnitten einzuführen. — Dazu kommt,
dass sich im Bauerntanze eine Keihe Anklänge auf Teile des übri-
gen Spiels finden, wie aus den Zusammenstellungen über den. Stil
hervorgeht. — Das Merkwürdige in Ton und Schilderung ist viel-
mehr, da sich an spätere Einschiebung nicht denken lässt, auf die
Vorlage des Dichters zurückzuführen. — Wir werden S. 89 sehn,
warum der Verfasser diese Szene eingeflochten hat.
Im Motiv gehört dieser Abschnitt zu den bäurischen Jahres-
zeitentänzen. Hätten wir nicht bloss so wenig Spuren von
dieser Gattung erhalten, so würden sich jedenfalls noch mehr
Anklänge an die Spiele dieser Art finden. — Wie gewöhnlich bei
den Tänzen jeder sich zunächst vorstellt, und sagt, was er will,
so ist es auch hier (S. 46). Es wird sogar ziemlich folgerichtig
dabei verfahren. Der Bauer stellt sich vor, wenn er zu sprechen
anlängt; nennt er dabei den Namen des Mädchens, so ist dies
schon vorher bekannt geworden; wenn sie ihm also antwortet,
braucht sie sich nicht mehr vorzustellen. Gretl spricht zuerst
und sagt deshalb 401,27 ihren Namen, weil er noch nicht gefallen
ist. 399, 13 nennt allerdings Gerdraut ihren Namen, obwohl sie
schon vorher genannt worden ist. Bei den vier letzten Mädchen
402, 12 «f. wird kein Name genannt. Ihre in den Anweisungen ge-
nannten Tänzer sind vielleicht nur vorher ausgefallen, da sonst
immer Bursch und Mädchen paarweise angeführt werden.
Mit den erhaltenen Eundtanzspielen, dem Alt und Kurz Han-
nentanz, finden sich mehrere Übereinstimmungen.
306, 31 Am hüpschen stolzen trit.
Der ist nach dem hoff gesitt.
397, 26 Und will mit Elsen an
den tanz
402, 28 Mit dem so will ich tan-
zen
Und frischlichen umb hin
schwänzen.
581, 1 . . . wir künden nit
Tanzen nach der hofsit.
581, 13 Ich will selber an den
tanz.
716,24 Wann ich euch oft vor
hab sehen tanzen
Das ir so hübsch künd um-
her schwänzen.
81
403, 3 Und mit den gätlingen
raien
Hin und her umb den malen
403, 7 So will ich auf an den
raien,
Last uns tanzen umb den
maien.
718, 9 Das wil ich euch ab dienn
hin auss im maien,
So ains mit dem andern in
die gerten wirt reien.
Die Namen der Bauern sind meistenteils humoristische Zusam*
mensetzungen, wie sie hauptsächlich die Neidhartianer gern ver-
wandten. In derartigen sinnreichen Namenbildungen leistete das
ausgehende Mittelalter ganz Unglaubliches. Das GrNSp ist voll
davon ^).
Dem Bauemtanze ganz entgegengesetzt ist der Bittertanz 403, 33
— 410, 19. Es ist ein Maientanz und ein Buhlschaftstanz wie der
Veilchentanz und der Bauerntanz. Dieser wird „um den maien" ge-
sprungen, jener ums Veilchen. Der Rittertanz erwähnt aber davon
nichts. Weniger autfallend ist es, dass Neidharts Name nicht genannt
wird. Die werbenden Bitter hatten dazu ebensowenig Veranlassung
als der Einschreier, der nur den Tanz ankündigt, nicht sein Er-
gebnis, das auch die Ritter und ihre Mädchen nichts angeht. —
Nach 410, 19 wurde wahrscheinlich getanzt.
Der Herzog fordert 403, ss ff. Bitter und Hofdamen zur Minne
auf. Dabei spricht er zwar 404, s, ii von seiner Frau, der Herzo-
gin, sie tritt aber nicht auf. 410, 21 f. ist ein schwacher Versuch
an den Bittertanz anzuknüpfen und den Herzog auch in denVeilchen-
') Weinhold, Goschee Jhrb. I 10 f.; Keller zum Ring des Heinr. Witten-
weiler, hrsgg. v. Bcchstein, S. Vlllf. — Was Michels 8. 21 über Schnabelraass
sagt, ist anhaltbar. Diese Fonn ist häufig als Eigenname. So steht Snabel-
riiz MSH m 187» 4 (hier ist es gross zu schreiben), 212b 4, 293l> 3, 260^ 10-
Dieser Name gehört zu raussen -= mhd. riizen, Rchmeller II 141. vgl. Schlam-
penrauss NF 589. — snabelraeze (Nhd. 78, 34), woran Michels anknüpfen will,
kommt gar nicht als Eigenname vor. — Die Form des NamenB scheint nicht
immer verstanden worden zu sein, wenigstens ist sie mitunter umgebildet
worden. Es erscheint neben Schnabelrauss und Schnabelrüch auch Schnabel-
rausch NF 502, 1697, 937 (hier hat c die ältere Form), Fsp. Nchl. 33, 31.
Im GrNSp herrscht Schnabclrauss. daneben steht 4()3, 27, 427, 24 Schnabel-
rauch. Beide Fonnen erhärtet der Reim.
Güsinde, Xeidhart mit dem VeiLhen. 6
82
tanz einzuführen. Es ist aber dabei geblieben. Wenn 421,3«
der Herzog von seiner Frau in Verbindung mit der Veilehen-
geschichte spricht, so besteht auch hier das Streben, den Herzog
aus andern Schwänken einzuführen und mit der ursprünglich ledigen
Herzogin der Veilchenerzählung in Verbindung zu bringen, wie
es überhaupt in der Versöhnung 421, 3o — 426, 8 obwaltet.
Während die Veilchengeschichte textlich wie das Motiv selbst
nach Art der höfischen Spielmannspoesie gearbeitet ist, fusst der
Rittertanz des GrNSp durchaus auf der höfischen kunstmässigen
Minnedichtung. Auch die Umgebung der Herzogin scheint ursprüng-
lich nicht mit den Mädchen des Rittertanzes eins gewesen zu
sein.
Trotz der grossen Abweichungen vom übrigen Spiel wird auch
beim Rittertanz nicht an späteren Einschub zu denken sein.
Möglicherweise hat der Verfasser des GrNSp hier ein höfisches
Tanzspiel benutzt. Ähnlich, auch textlich manclmial, ist Pap. 15.
Hier wird eine Frau umworben. Aber der streng höfische Cha-
rakter, der noch zu erkennen ist und aus dem Original stammt,
ist da schon mit satirischen Zügen durchsetzt. Die vornehme
Dame will den heiraten, der als seinen Hauptvorzug seinen vollen
Geldbeutel preist. Nicht mehr ritterliches, sondern bürgerliches
Publikum hat hierbei zugeschaut. Das Spiel hat dabei eine
vortreffliche Spitze, die dem Rittertanze des GrNSp für sich
betrachtet felüt. Man beachte jedoch die Steigerung in den
Antworten der Jungfrauen von der völligen Verneinung bis zur
unbedingten Hingabe. Der Schluss der Vorlage mag wegen der
Anknüpfung des Folgenden nicht mit verarbeitet, sondern wegge-
fallen sein. — Dass der Dichter in der That nicht selbst erfun-
den, sondern ein Muster benutzt hat, lässt sich aus den Namen
der Ritter schliessen ^). Aus dem Stücke selbst ist nicht bestimmt
zu erkennen, ob die Ritter des Hoftanzes (Ueselben sind wie die
in Neidharts Gefolge. Wenn die Namen jener auf diese übertra-
gen werden, so geht daraus hervor, dass eine Identifizierung beab-
^) Die Namen dor Ilitter j,'eben die Naineii der vomohiuen Kreise joncr
Zeit wieder, in denen die ^anze lleldensa<:t; und Knnstdiclitnnj; fortlobte.
s. Wcinhold, Gosches Jhrb. I 11: Zinperle, Genn. I 290: Panzer i. d.
Festschrift für Sievers S. '20ö.
Hü
sichtigt war. Sie ist aber nicht durchgeführt. 415, 7, 437, 12 steht:
der erst ritter Gabein wie 404, 15; 422, 6 : Parcifall der ander
ritter wie 406, s ; 422, 27: von der Rosen der dritt ritter wie 407, 15 ;
daneben heisst es aber 465, 29 nur: der erst ritter; 423, 9 : der
vierd ritter. — Ausser den vier Namen des Rittertanzes begegnen
keine neuen für Neidharts Ritter. Sie heissen nur der 5. 7. 8. 9.
10. Ritter. (424, 2, 463, s, 464, 27, 465, 5, 419, i9, 26). — Wir
müssen fragen, warum der Dichter, wenn er für den höfischen
Tanz die Namen erfunden hat, diese nur hin und wieder auf die
Begleiter Neidharts überträgt, wenn er einmal beide identifizieren
wollte, und warum er nicht auch den andern Namen beilegt. Er-
klärlich wird das nur durch die Annahme, dass er die Namen der
Ritter des Werbetanzes aus der Quelle ohne weiteres herübemahm.
Später hat er wohl mehrfach versucht, die Namen auf Neidharts
Gefolge zu übertragen, aber er hat es dabei nicht sehr ernst ge-
nommen. Neue Namen für die übrigen Genossen Neidharts ein-
zuführen hat er sich gar nicht erst die Mühe gegeben. — Ebenso
mag es mit den Jungfrauen und ihren Namen stehn. —
Den Ton der Sprache seiner Vorlage hat der Dichter übrigens
ziemlich genau wiedergegeben, nur die sprichwörtliche Wendung
405, 8 ff. mag sein Eigejitum sein. Im übrigen ist dieser Teil
durchaus höfisch, wie die Vorlage vielleicht eine für Hofkreise
bestimmte, im Tone des späteren Minnesanges gehaltene dramati-
sche Dichtung gewesen sein mag. Die Bilder und Wendungen kehren
zum grössten Teil in Dichtungen verwandten Stils, oft wörtlich,
wieder. Es liegt hier wie bei der Volkspoesie. Stehende Formeln
hatten sich ausgebildet, die zum Gemeingut geworden waren und
allgemein benutzt wurden, ohne dass unmittelbare Entlehnung vor-
liegt^). Die wichtigsten Parallelen will ich anführen*). Die
Zusammenstellung Hesse sich leicht noch bedeutend vermehren.
») Berger Zf.lPh It), 472 f.
*) Ausserhalb des Ritt^^rtanzes sind dio Spuren der höfischen Minnedich-
tung sehr spärlich, was schon durch den Wechsel des Dargestellten bedingt
jst. — 402, 5 Hab dank, liebes zartes gold : Winterstetten XI 9. 35 ich bin in
holt ir Sit min golt. — 458, 6 Mich tunkt er hab den leib verlorn, den icli
6*
84
405, 19 Und sült ich an
eurem pete zwar
Gar taugentlichen
erwärmen
Und ombfahen mit
leiblichen ar-
men.
Parz 136, i ich ensol niht mfir er-
warmen
an iuweren blanken armen.
Rol 6013; Stricker, Karl 7041 ;Eracl(Graef)
2061;Hätzl.I96,i;Volz inFspl285, is;
Fsp.151,18,387, 29,Nchl.52, ao;St^rz.Sp.
XV 140; Redent. OSp. 757.
405, 3 Aller eren und
tugend ain vas.
ZfdA XI 500, 287 der eren schrin der
selde ein vaz.
Gottfried lobges. (ZfdA IV 513.) 25, i,
4, 11, 93, i; Mone Schausp. d. M. A. I.
S. 84 V. 279; Koppen, Weihnachts-
spiele, S. 55.
405, 22 Ich wolt euch
nach der minne
lust
Lieplich schmucken
an mein prust;
Dar nach wolt ich
beginnen
Der lieben süessen
minne.
Erl IV 636 ff. und solt ich dich noch
meiner glust
smükchen an meines herzen prust
und der minn mit dir weginnen,
vgl. IV 614 f; Hätzl. I 42,53, I
11, 2W; Keller Erz. a. ad. Hds. 142, n.
406, 18 Junkfrau, aller
tugent glas,
Ain krön, ain pluom
ain adamas
junkfraulicher zucht
und guot.
Carm Bur. 94* Si ist als ein Spiegel-
glas
si ist gantzer tugende ein adamas.
Gottfr. lobges. 25,2; Trist. 1905;
Arm. Heinr. 61; Iwein 3257; Mo-
rungen MF 144,27; Sterz. Kdh. Jesu
Pichler S. 6 Dy aller tugent ain
krön trait; Passional (Köpke) 193, es,
19, 10, 37, 78, 100, 2.
zn ainein puolen het erkom: Scharfenb. MSH I 350* li 2 Ich banden man
verlorn den icb bat uz erkorn. — 415, 6 So ontgelt icb, des ich nie genoess,
vgl. 415, 9 : MF 4,4 nü entgilte icb des ich nie genoz. s. Anm. hierzu S. 225.
85
406, 28Eur minigklicher
schein
Hat ob allen frauen
den prais
Als in dem maien
ain pluondes
reis.
Gottfr. Ibges. 25, 12 der wünne ein blüen-
dez rösen rls.
du saelde ein prls. vgl. 43, 1 .
Heinz, v. Konst. Bit. und Pfaff 75;
Germ. 23,51 D> 3; Parz. 195,4;
MS. n 126» ;GA. m 239, im6; Bartsch
Md. Ged. 74, 46; Wien. SB 54, 306.
407, 32 Ir seit der rechten schoen
Ain Hechte i)rinnende kroen
406, 9 Got gruoss euch, junk-
frau hoch geporn!
Mein herz hat euch auser-
korn. vgl. 407, le.
407, 29 Keusch mit treuen wol
behuot.
Erl IV 404 Du traist der
em ein chran
ob allen frauen schon
MSH n 72^ 2, m 212* 2; Sterz.
Kdh. Jesu Pichler 6.
ZfdAXI 498, 288; Trist 10515;
Wirth 149, 154.
Gute Frau (ZfdA H 385)
24 an sinen triuwen wol
behuot. Hätzl. I 120, 15.
409, 6 Got grüss [euch] eur werde Hätzl. U 62, 18. Got bewar dein
jugent.
Ob allen junkfraun ein ge-
zierte tugent!
407, 24 Eur er und eur jugent
Gleich ich zu den siben tu-
gent.
409, 28 Junkfrau, durch
eur edel jugent
Erzaigt an mir eur
tugent.
iugent!
Erzaig an mir dein tugent.
vgl. I 122, eo; Sterz Sp. VE
295 (389).
Altdeutsche Blätter U 395 Ge-
denke vrowe an dyne iogint
Vnde an dyne wiplichiu togint.
Sterz Sp. Vn 389; PBB H 390;
Altsw. 30, 8.
Zum Minnegrusse 409, hit. s. ühland, Schriften III 263 u.
Anm. 374.
86
409, 16 Got grüss euren rubein-
roten mund,
Der so schon ist zu aller
stund,
Kan lieplich frölich lachen,
Freud und wunn kan er wol
mach.
409, 4 Qot grtiess euch, edle
roes im tau
Ob allen frauen mein liebste
junkfrau.
409, 12 Euro äugen künnen liep-
lich plicken,
Däss sie mit der minne
stricken
Mich zärtlich haben umbfan-
gen.
409, 8 Got grüss euch, ir hoch
geporn frucht,
Ob allen frauen ein gemüte
zucht.
.409, 82 Junkfrau, durch eur höch-
ste zucht
Die an eu leit, vil werde
frucht.
407, u Man vindat an euch stä-
ten zucht
Und aller tugent ain
frucht.
Hadamar, Minners Klage 678
Uz rubinrotem munde
ein lieplich zartez lachen,
g6t ez von herzen gründe,
sint daz so minnichllche
kan fro machen, vgl.
MSH I 202 M.
Gute Fra« 2971 vor vreuden
stuont diu schoene vrouwe
als der rose in dem touwe.
vgl. Goldene Schmiede Einl.
XXXVII, 5.
Hätzl. II 47, 176 Ich will
iren mynne strick
Bis an mein end wesen.
Zarncke z. Narrensch. Kap.
13 a S. 321.
m
409, 22 Got grüss eur halslein
härmlein weis.
Altdtsch. Blätter 2, S'M\ ich hoch
gelobete vrueht
aller werden vromncjzucht.vgl.
1, 8:i.
Alt^w. 30, 8 Uzerwolte frucht
Nu sage mir durch din
zucht. vgl. 4, •», 8, 4.
Winterst^tten XVIII 40,43 Wol
dir, rainneclichiu frucht
. ..dühästwiplichzucht.IV69,
XI, 31; Hätzl. I 46, 21, I 7,66;
Pichler 101, 3;Eri. IV 449, IH
369;Innsbr.Mar.Hmf.557;Fsp.
128, i5;Nchl. 157, 19, 159, 34.
Hätzl. I. 28, 79 Ir näcklin, als ain
härmlin planck.
409, 10 Got grüss [euch]
eor spilende
euglein klar,
Da pei eur wänglein
wolgefar!
87
Schnorrs Arch. m 2, 15 ewre wennglein
die sind wolgeoar.
ir seyt auch schwen gantz vnd gar.
MSH m 204^ 3 diu ir spunden ougen
klar.
PBB Vn 385, 407.
In diese höfische Schilderung hat nun der Dichter das Motiv
des Maitanzes (404, 5 ) und der Maibuhlenschaft (410,9, 19) gebracht.
(S. 79).
Die Rede des Einschreiers ist gleichfalls durchweg in guter
Sprache gehalten. Nach den einladenden Begrüssungsworten ans
Publikum geht der Sprecher 393, 16 aufs Spiel selbst über mit
den Worten: „Und will allen den tuon bekant, Warumb ich
pin her gesant.'' Darauf giebt er keineswegs etwa einen Überblick
über das ganze Stück, sondern berührt nur zunächst den eigent-
lichen Kern, die Veilchengeschichte. Die Aufforderung der Her-
zogin zum Suchen der Blume (410, 32 ff.) nimmt er als der Bote der
schönsten Frau schon vonveg und preist dabei die unübertreffliche
Schönheit und Tugend seiner Herrin (393, 20 — 394, 25). Mit dieser
Aufforderung könnte die Rede des Ausschreiers schliessen, aber
ganz äusserlich ist nachher noch auf den höfischen Bittertanz
Bezug genommen (394, 2« ff). Wie im Spiel beide Episoden bis
auf den Versuch 410, 21 f, so gut wie un verknüpft nebeneinander
stehn, so im Prolog.
Vom Bauerntanze wird ebenso wenig erwähnt wie von den
späteren Schwanken. Der Name Neidharts wird garnicht genannt.
Ging die Vorrede nur auf eine Veilchenerzählung, so war das nicht
notwendig. Wenn nun auch ein Prolog im allgemeinen selten
genau den Inhalt angiebt^ so musste doch ein solcher zum ganzen
GrNSp, wenn er überhaupt näher darauf einging, den Namen
Neidharts nennen und seine Haupteigenschaft, die im ganzen Spiel
hervortritt, die Bauernfeindschaft berühren, denn für das ganze
Spiel war Neidhart ja die Hauptperson, um die sich alles dreht.
In der Verbindung mit den übrigen Schwänken kommt auch die Veil-
chengeschichte in ein anderes Licht; die allgemeine Tendenz rückt
dann auch hier Neidhart in den Vordergrund. Das Veilchenspiel
ist nicht mehr seiner selbst wegen da, sondern nur als ein Aben-
88
teuer Neidharts, bei dem die Prügelei beinahe noch wichtiger war
als das Suchen der Frühlingsblume, das im StPSp noch den Inhalt
allein ohne Zuthaten bildete.
Aber noch ein anderer Punkt ist im Prologe besonders merk-
würdig. Hier findet sich nämlich der einzige nicht wegzuschaffende
Reim ei(= 1) : i 394, s sin : mein (s. u.).
Wenn wir Michels' Ansicht von einer ursprünglich mhd.
Fassung fürs ganze Stück ablehnen mussten, so fragt es sich, ^vie
sonst diese vereinzelte Erscheinung zu erklären sein mag. Aus
der Mundart des Spiels sicherlich nicht.— Anderseits haben wir
keinen ausreichenden Grund, verschiedne Abfassungszeiten und
verschiedne Verfasser anzusetzen. Die gleiche Sprache, wieder-
kehrende Bilder und Wendungen sprechen dagegen. Die Erklä-
rung giebt vielmehr die Arbeitsweise des Dichters, der nicht ur-
sprünglich das ganze Stück vor Augen hatte, sondern Abschnitt
für Abschnitt dichtete, wobei sich einfach eine Episode an die
andere anschloss. So liegt es nicht nur bei den Schwänken, son-
dern auch im ersten Teile. Was als das Gegebene zuerst da war,
das war die Veilchengeschichte. Auf sie nahm zuerst der Prolog
Bezug. Sie wurde aber vom Dichter erweitert.. Als Einleitung
gleichsam und um den Hoftanz näher zu schildern, wurde die Ritter-
werbung vorangestellt. Die Rittor werben nun mit verschiedenem
Erfolge um die Jungfraun, bis zuletzt die Herzogin zum Veilchen-
suchen auffordert. Dem entsprechend wurde der Prolog erweitert
durch einen Anhang, der auf diese Geschichte Bezug nahm. Bis
jetzt war das Stück streng höfisch gehalten und wohl auch für
höfische Kreise bestimmt. Der Dichter war ])Ostrebt, in Sprache
und Inhalt den Werken der guten höfischen Dichtung nachzualimen,
der Minnedichtung sowohl als der besseren Spielmannspoesie. Dass
er dabei der mhd. Blütezeit nahe zu kommen suchte, erstreckt sich
auch auf die Sprachform. In diesen Teilen ^vird man am ehesten
eine Regelung des Verses voniehmen dürfen. Hier begegnet uns
dann auch der einzige mhd. Reim sin: mein 594,5. Auf die
höfischen Abschnitte des GrNSp eingeschränkt würde also die
Michelssche Ansicht gelten dürfen; für sie kann dann auch Hans
Vintlers Blume der Tugend als Parallele herangezogen werden. —
Während der Arbeit wandelte sich aber dem Dichter seine
S(^höpfung unter den Händen. Er war nicht nur ein formgewandter,
89
die Poesie gut kennender Dichter, sondern auch einer, der die
spielmannsmässige Litteratur, auch die derberen Schwanke, genau
beherrschte, und dem der lebendige frische Humor dieser Art mehr
zusagte, als die Nachbildung toter, geschraubter Reimereien wie
im Bittertanze. — Mit glücklichem Griffe und wohlberechnender
Absicht stellte er in schroff'em Gegensatze dem gezierten Tanze der
Bitter und Jungfraun den Bauerntanz um den Maien mit seiner
kräftigen Derbheit entgegen. Die Spottlust hatte sich in ihm
geregt; die Bauemtolpel wurden nun seine Zielscheibe. So kamen
die ganz anders gearteten Schwanke dazu. Zur Charakteristik
seiner Bauern liat aueli der derbe, durch den Gegensatz zum Ritter-
werben um so wirksamere Bauerntanz dienen sollen.
Nicht nur die Sprache wird jetzt anders, sondern auch die
Form. Die Verse sind nicht mehr ganz so streng wie in dem
höfischen Teile gebaut, Michels S. 24 giebt den Abschreibern die
Schuld. Oft mag das richtig sein, aber nicht immer. Mit der
Verschiebung von Stoff* und Tendenz Wandelten sich auch die An-
sprüche an Vers und Stil. Derselbe Verfasser, der imter zwei
ganz verschiedenen Gesichtspunkten arbeitete, konnte bei einiger
Kenntnis und Begabung sehr wohl zwei so verschiedene Schilde-
rungen geben, wie es der schwankartige Teil und der höfisclie Ab-
schnitt der GrNSp sind.
War ihm aber das Gesamtbild des Spiels ein anderes, derberes
geworden, so unterliess er doch, die Rede des Einschreiers, die er
für das erste Stadium seines Spiels gedichtet hatte, nun nach dem
neuen Hauptgesichtspunkte des Ganzen, der Bauernfopperei Neid-
harts, umzuändern.
Es braucht kaum noch bemerkt zu werden, dass nicht grosse
Zwischenräume zwischen den einzelnen Phasen des GrNSp liegen
müssen, sondern dass die Änderung des Tones durch die Verschie-
denheit der einzelnen verarbeiteten Episoden bedingt war und im
Verlaufe der Arbeit selbst eintreten konnte. Die Fortsetzung der
Veilchengeschichte nach Neidharts Klage brachte schon den
Übergang.
90
Neidhart als Schwertfegfer.
Nach der Versöhnung mit der Herzogin macht sich Neidhart
in der Absicht auf, die Bauern tüchtig zu foppen: „Ich will zu
den pauren keren Und will si neue sprünge leren. "^ (42(), 7 f.).
Der erste Streich, den er ihnen darauf spielt, ist die Schwertfeger-
geschichte.
Nach der Anweisung 42(), 12 tanzen die Bauern. Die Verse
15 if. sind wohl beim Tanze gesprochen zu denken. Wenn wir
auch kein Gedicht des gleichen Inhalts kennen, so dürfen wir doch
sagen, dass dieser Tanz der Vorlage entstammt, die nach alter
Gewohnheit mit einer Tanzeinleitung begonnen haben wird. Neid-
hart kommt dann gewöhnlich zum Tanze hinzu, führt unerkannt
die Btiuern an, worauf sie sich gegenseitig mit Schlägen bear-
beiten. — Wenn es Ring 27, 7<^ as heisst: ^Dorait si in die messer
grillen Die warend neulech wol geschliffen", so darf man darin
keine Hinweisung auf unser Schwankmotiv erblicken. Man hat
es vielmehr hier mit einer allgemeinen Wendung zu thun wie
MSH. III '2iJS^ *5 „ir swert warn niuwe slitlen". Vielleicht liegt auch
im Ring auf „neulech" ein ironischer Nachdnick.
Dass die Bauern sich darauf beim Herzoge beschweren be-
gegnet auch im Schwanke von den geschnitzten Bauern im Korbe
NF. 1784 ft'. Eine Beziehung zwischen dieser Behandlung und der
des GrNSp ist unverkennbar.
GrNSp 428,22 Ir herren, ich NF 1784 nun hört und lat ew
will euch allen sagen, ! sagen,
Mir sollen es dem herzog 178ü dem edlen fürsten sol
klagen. wirs clagen.
vgl. Wirth 108 f.
428, ai Ir edler fürst von Oster- 1 18(H) ich clag euch, edler fürste
reich, ,
Wir klagen euch all geleich ^
Über Neitharten den pösen man,
Der hat uns leides vil ge-
tati.
dar,
die grosse schmacheit offen-
bar,
die schand und auch da«
laster breit,
die vnss her Neithart ane-
b'it.
91
Die Vorlage zum GrNSp kann jener Schwank nicht sein.
Die ganze Haltung des Herzogs, besonders Neidharts Sch^viir bei
dessen Hunde zeigen eine arge Entartung. Das Spiel ist in der
Behandlung viel ursprünglicher, indem hier der Herzog die Bauern
mit dem Hinweis darauf abfertigt, dass sie es selbst nicht anders
verdient und Neidhart gereizt hätten. Nichts erscheint an ihm
irgendwie roh. Dass die Bauern sich dann die Schuld gegenseitig
in die Schuhe schieben und (h\bei thätlich werden, ist eine öfters
ge])rauchte Vorstellung, die auch l)eini Kuttenschwanke 437, 7 tr.
vorkommt. HelMMistri'its Versuch Frieden zu stiften (430, «), ist
dazu (hl, den folgen(hin Schwank vom Beicjhtehören anzu-
knüpfen.
Als Neidhart die ])eiden Bauern eingefangen hat, kündet er
ihnen 42S, vj (\vu (Jalgeii als Strafe an, und führt diese Drohung
42S, 2<> auch aus. Daneben heisst es 42S, 11: Lat hie den rechten
sehen kl. Man könnte glauben, (hiss Neidhart den Bauern zuerst
das Bein abgeschlagen habe, elie er sie henkte, um sie den übrigen
gleich zu gHstalten. Das Scliweigen der Spielaiiweisung würde
nicht dagegen s|)rechen, a])er aulfällig ist, dass die Bauern in ihrer
Klage beim Herzoge nichts (hivon erwähnen, während doch gerade
das die Scliuld Neidharts erliöhen würde. Ausserdem wird aber
vom rechten Schenkel gesprochen, während die übrigen Bauern in
der Veilchenrache (bis linke Bein ha])en lassen müssen. Durch
Einschiebung von „auch" v. 11 würde sich das Verständnis erleich-
tern. Di(» Gefangenen wären dann schon Verstümmelte, denen
auch nocli das an(bTe B(»in abgehauen werden soll *). Dann sollten
das aber die Bauern erst recht in ilirer Klage mit anführen. —
Jedenfalls stehn zwei Motive nebeneinander. Es ist aber auch
möglich, dass der Dichter Neidhart seinen Entschluss ändern lässt,
so dass er die Bauern lieber aulliängen will, statt sie zu Stelz-
füssen zu machen. Der S])ieler hätte diese Oesinnungsänderung
mehr zum Ausdruck bringen müssen, als es im Texte geschieht.
Durch ein ,,o(ler** zu AnfaJig von 4*JS, 12 Hesse sich dabei noch
etwas nachhelfen.
^) vgl. M811 Jll 22Ü»^ 7.
92
Neidhart als Beichtvater.
Nachdem auf Hebenstreits Zureden die gegeneinander und
besonders auf Engelmar ergrimmten Bauern sich beruhigt haben,
beginnen sie unter Drohungen gegen Neidhaii wieder zu tanzen,
während der schon witnler in andrer Verkleidung als Mönch her-
beikommt, um sie aufs neue anzuführen. Ähnliches berichtet ein
unter Neidharts Namen gehendes (iedicht ^die bihte** MSH III
198 * xm und NF 670— S2i>.
Ausser im Diiicke und in c ist dieses Gedicht auch in der
Hdschr. s überliefert, aber nur als Bruchstück*). Es steht dort
Bl. 57 b. Die neu beginnende Seite hat nur den Schluss der
ersten Strophe von 1, 7 ab mit der Melodie erhalten. Der Anfang,
Text und Melodie, standen Bl. 57 * unten. Vom äusseren Bande
aus ist aber schräg nach unten das Blatt abgerissen. Dabei ist
der unten stehende Anfang verloren gegangen. Die zweite Strophe
ist vollständig überliefert, die dritte nur lückenhaft, da hier
schon der Schaden beginnt. Die Verse sind nicht abgeteilt, die
neun Verse stehn auf sechs Zeilen, die erste der dritten Strophe
ist noch vollständig da, in der zweiten fehlen schon zwei Silben,
in der letzten acht. Von der vierten Strophe finden sich
im Ganzen nur noch drei Worte in der ersten und zweiten Zeile.
Das Folgende fehlt, wie der auf der entgegengesetzten Seite des
abgerissenen Fetzens aufgezeichnete Anfang.
Dasselbe Motiv begegnet ausserdem im Ring 19, (>, istr., wo
Neidhart in Mönchstracht den Bauern von Lappenhausen die Beichte
abnimmt.
Das Gedicht ist ganz eigenartig zusammengesetzt. Vom
eigentlichen Inhalt vollständig abweichend ist der Anfang. Wir
haben es mit einem durchaus ernsten Weltfluchtgedichte zu thun,
wie etwa Neidh. SO, 3i, i)9, i. In diesem Tone sind die ersten
drei Stroplien gelialten. Nur 3, c : „nu muoz ich eine grawen
kutten hau'' erinnert an das Folgende (s. 9, i ). — Die vierte
Stro])he mit ihrer Erwähnung von Neidharts Hauptgegner giebt den
Übergang zur Erzählung. — Es ist offenbar ein Gedicht ganz
anderen Inhaltes für die Einleitung des Beichtschwankes benutzt
',i Vgl. YAniivTlv i. d. Wiener Sitz. -Hör. f)4 S. 335.
»3
worden, das mit seiner echten Bussgesinnung gar nicht dazu geeignet
war. Die Verbindung ist ungeschickt, der Übergang von der Welt-
fluchtstimmung zum Ärger über die Bauern völlig unvermittelt.
Aber auch abgesehen von der Einleitung ist die Erzählung
des übrigen Gedichtes noch nicht einheitlich. Die eigentliche
Beichtgeschichte beginnt erst str. 9. Strophe 6 — 8 gehören
unter einander eng zusammen. Sie geben eine Tanzschilderung,
wozu str. 5 die Einleitung bildet. Wenn str. 4 von dem einen
Hauptwidersacher spricht, so würde sich str. 9 mit der Erwähnung
Engelmars, der auch zuerst beichtet, gut daran anschliessen können,
nicht aber str. 5, die auf einmal von den vier sprenzelaeren
spricht. Dazu kommt, dass mit str. 9 der Schauplatz wechselt.
Das Folgende spielt in Engelmars Stube. Der Schauplatz der
Tanzschilderung str. (5 — 8 ist nicht näher angegeben. Nun
tritt auch Neidhart erst im Mönchsgewande auf, wovon vorher
nichts verlautete. Aus diesem Wirnvarr zeigt uns NF den richti-
gen Weg, wo wir noch eine ursprünglichere Strophenanordnung
finden. Hier steht nämlich str. 9 zwischen 4 und 5. Neidhart
sieht also dem Tanze, der in Engelmars Stube stattfindet (vgl. S. W),
von Anfang an zu, ohne von den Bauern erkannt zu werden, und
wird unfreiwillig Zeuge der gegen ihn beim Tanze ausgestossnen
Drohungen, wobei es ihm ganz unheimlich wird, so dass er sich
weit weg wünscht^). Während einer Tanzpaust; kommt dann str.
10 ein Bauer auf die Idee, dem zuschauenden Mönche zu beichten.
Erst mit str. 10 ])eginnt also die eigentliche Beichtgesdiichte, zu
der str. i), f) — S die übliche Tanzeinleitung ist. Die übermüti-
gen Prahlreden der Beichtenden, welche der arg bedrängte
Pseudomönch anzuhören gezwungen ist, stehn <(anz im Widerspruch
zu der frommen Weltentsagung der ersten drei Strophen, die
jedenfalls der jüngste Ik'standteil des Gedichtes sind.
Erhalten ist das (n'dicht nur in dieser Gestalt. Die Sterzin-
ger Handschrift ist uiivi»llständig. Sie bricht schon mit der vier-
ten Strophe ab. Wenn sie aber Bl. oS » t'in neues Gedicht be-
ginnt, so kann auf dem fehlenden Fetzen unmöglich das Gedicht
^) In derselben i^ago ist er im Bienenschwanke. MSH VU. 197 a 8 und
in der Kuttengeschichte NF 1232 f. 1270 ff.
96
Mit der Fassung des Gedichtes berührt sich das GrNSp in der
Einführung^ des Tanzes 430, » : 6, 7 ff. In beiden Fällen werden
dabei Drohungen gegen Neidhart ausgestossen. Vgl.
7, 7 Unt waere herre Nithart
in dem lande
wir selten an im rechen un-
ser schände.
430, 12 Wo er war in dem lan-
de
so wolt ich [mit] im stiften
ain schände.
Während des Tanzes kommt Neidhart als Mönch verkleidet
hinzu (430, w : 9, 1). Ein Bauer vertällt auf den Gedanken ihm
zu beichten, hier Schottenschlicker, dort Wernbrecht. (430, a2 :
10, 7).
431, 2 ff. will Schottenschlicker, 431, 12 f. Hebenstreit beichten
gehn, 431, 14 heisst es in der Anweisung, zwei Bauern gehn zu
Neidhart, 432, 15 wird das durch die Worte Neidharts bestätigt,
aber in Wirklichkeit thut es nur einer. Ein Beichtender muss
ausgefallen sein und zwar der erste, weil die Antwort Neidharts
432,2 ff. die den Schluss bildende Vertröstung auf einen andern
Mönch bringt und zudem ohne Unterbrechung auf das Folgende
übergeht.
Was den Inhalt der Beichten angeht, so wird für gewöhnlich
nur eine That erzählt. So erwähnen MSH HI 199, 13—16 nur
eine einzige Eigenschaft des Beichtenden, blos 11 und 12 giebt
mehrere an. Auch im Bing wird nur die ärgste Sünde gebeichtet.
Am besten wird das im GrNSp 431, 26 f. eingekleidet mit der Er-
klärung: „Ich will es alles ligen lan. Ich heb an dem grösten
an** ^). — Eine besondere Komik wird dadurch erreicht, dass bei
diesem Streiche Neidhart gezwungen wird, aus dem Munde
seiner Beichtkinder Drohungen gegen sich selbst anhören zu müssen*
Dafür dass schon im Original ein Bauer sich auf diese Weise
ausliess, spricht die Wiederkehr dieser Wendung in Gedicht und
GrNSp, hier bei Schottenschlicker, dort bei Eggerich:
*) Ganz Ähnlich heisst er im Gedichte ^dia bihte** bei Grimm Rein-
hart Fuchs, Berlin 1834 S. 392 v. 17 ff: >un sit gemein, und bihte ie einr
don andern zwein daz groeste, daz er habe getan, so hebich ze dem ersten an."
97
15, 2 ich enweiz enz noch dizze, 431, 28 Ir sült auch wissen das.
an daz uns einer leide hat getan;
der rueget mich und ander
min gesellen:
ich sag iu daz, und möht wir
in ersnellen,
wir liezen sin bi ein ander
niht bestan.
Dass ich trag grossen neid
und has
Auf meinen feint Neithart.
Dem Wirt es länger nit
gespart,
Wo ich in an kam,
Sein leben ich im näm.
Eine solche Gesinnung ist freilich sehr unbussfertig.
Den Schluss bildet die Vertröstung auf den Klosterbruder,
die aber im Spiel ganz wirkungslos und nebensächlich
bleibt 1).
17, 5 ich wil iu min gesellen her
in bringen,
17, 7 der git iu buoz und laezt
iuch uz dem banne.
432, 7 Ich pring dir mein ge-
selle drat,
Dass er dich auszieht.
Aus einem geraeinsamen Original ist also einmal das Gedicht
geflossen, welches die Beichten vermehrte und wahrscheinlich erst
die entsagungsvolle Einleitung hinzufügte, wahrend eine andere
Fassung den Witz von dem zweiten Ordensbruder verdarb. Auf
ihr fusst der Ring und das GrNSp.
Au den Beichtschwank schliesst sich im GrNSp unmittelbar
die Erzählung von Neidhart und den zu Mönchen gemachten
Bauern an.
Neidhart mit den Kutten.
Der Schwank vom Kuttenanlegen hat ursprünglich nichts mit
dem Beichtschwank zu thun, obwohl er im gleichen Versmasse
abgefasst ist. Beide Geschichten sind selbständig; im Drucke
^) An den Beichtschwank erinnert die Behandlung bei Meister Stolle
MSH in 7^ 20, wo ein als Kaplan Verkleideter zu einem reichen Geizhalse
geht, der im Tode liegt, und auf dessen Selbs tanklagen als geistlichen
Trost nur den Rat hat: ^wol hin dem tiufel in den ars, dune mäht niht bas
gevarn."
Gusindc, Neidhart mit dem Veilchen. 7
98
stehn sie deshalb weit von einander'getrennt (670 — 822 und 1219 —
1362), c und s kennen nur den Beichtschwank, den auch Witt«n-
weiler nur verarbeitet hat.
Im GrNSp sind beide Stücke ungeschickt miteinander verbun-
den. So lange der ursprüngliche Schluss des Beichtschwankes noch
lebendig war, konnte natürlich die Kuttengeschichte nicht unmittel-
bar drangefügt werden. Das konnte erst stattfinden, als das Ver-
ständnis für Neidhart« Knifl' mit dem zweiten Pfaflfen geschwunden
war.
Der Kuttenschwank ist ausser im Drucke (NF 1219—1362)
noch in Brentanos Handschrift überliefert, die Haupt (Neidh.
V. R. VE) f nennt, wonach er im Wunderhorn (Hempel I 142)
gedruckt ist.
Zwischen NF und Wdhm. besteht eine enge Verwandtschaft.
Der Inhalt deckt sich beinahe. Deshalb erübrigt sich eine Neben-
einanderstellnng der einzelnen Parallelstellen. Ein blosses Durch-
lesen beider Fassungen beweist, dass sie auf einen und denselben
Text zurückgehn.
Eine sehr verwilderte Einleitung spricht vom Maien, lässt
aber trotzdem den Tanz in der Stube vor sich gehn (NF 1231)*).
Bei der sich dort ent>\'ickelnden Holzerei kommt der anwesende
Neidhart in eine ähnliche Lage wie im Beichtschwanke (S. i)3).
Es gelingt ihm endlich zu entfliehn. Die Leut^?, zu denen er
kommt, bitten ihn v. 1243 um eine neue Geschichte. Da erzählt
er ihnen 1246flf. sein jüngstes Abenteuer.
In Wien hatte er Lodenstolf gekauft. Daraus lässt er sich
24 Kutten für die Bauern und eine Abtkutte für sich selbst
schneiden, lädt alles auf einen Karren und versieht sich mit einem
Schlaftrünke. So kommt er zu den Bauern, die gerade von ihm
sprechen (S. 1)3, Anm.). Er zeigt offen seine Mönchsglatze, um
vor Entdeckung ganz sicher zu sein, und bietet ihnen seinen Trunk
an, wovon sie sogleich in tiefen Schlaf fallen. Nun zieht er sie
aus und schiert ihnen mit Hülfe eines Haarschneiders (im NF hat
dieser nocli einen Knecht) eine Platte. Zum Schluss legt er ihnen
die mitgebrachton Kutten an. Drei Tage liegen die Bauern besin-
') Im Boichtschwank wir«! auch nach NF flcr Roio in der Stnbc potanzt,
s. vS. \)'6.
99
nungslos. Als sie erwachen, freun sie sich lebhaft ihres neuen
Standes, wollen gleich eine Messe singen und hoffen, in Zukunft
ein faules Leben fQhren zu können. Da kommt Neidhart in seiner
Abtkutte dazu, den sie um Rat angehn. Er will ihr Abt sein und zieht
mit seinen neuen Schützlingen zum Herzoge, um ihn um ein Kloster
zu bitten. Eins von ganz eigner Art wird ihm schliesslich angewiesen.
Den draussen vor dem Palaste Harrenden wird die Zeit lang; sie
fangen an zu singen. Dabei spüren sie argen Hunger und sehnen
sich nachhause zurück. Es kommt zur Prügelei. Als der Herzog
sie mit Hohn heimschicken lässt, merken sie erst, dass sie die
Angeführten sind.
Wenn aber auch die Abweichungen in NF und f voneinander
sehr gering sind, so kann doch keine der beiden Fassxmgen aus
der andern geflossen sein. NF kann deshalb nicht die Grundlage
sein, weil hier die Klage der Mönche über ihren Hunger an falscher
Stelle steht. Im GrNSp und im Wdhm (= f) steht sie richtig,
als die Bauern lange auf Neidhart haben warten müssen (42, 2 f. ),
im Druck dagegen gleich beim Erwachen der neuen Klosterbrüder,
während sie noch froh über ihre Verwandlung sind, und ehe Neidhart
ihnen begegnet (1303 ff). Auch NF 1298 ist schlecht. Der Bauer
hat keinen neuen Orden gegründet; das kann nur Neidhart von sich
sagen, wie er es Wdhrn 34 dem Herzog gegenüber auch wirklich
thut. Wenn der Druck an der entsprechenden Stelle 1330 Neidhart
zimi Herzoge sprechen lässt: „ich pin ain pischoff", so erinnert
das noch daran, wiewohl „pischoff" nicht den richtigen iachverhalt
trifft.
Aber auch umgekehrt kann die Fassung im Wdhm nicht dem
Drucke zu Grunde liegen, weil sie bei der Anbietung des eigen-
artigen Klosters Verse hat, die dem Drucke fremd sind. NF
1342 bietet eine Hundehütte an. Das Wdhrn verdoppelt das
Motiv. Str. 3G will der Herzog einen Galgen ^), str. 38 einen
Abtritt als Kloster für die Bauern geben. Diese Abweichung
zeigt, dass eine sehr lebendige Phantasie in beiden Texten ein
wahrscheinlich zahmeres Original geändert hat.
*) Derartig lustige Bezeichnaugen dos Galgens sind häufig, vgl. Z. f. d.
Kulturgesch. 1859 8. 688i. Auni., N. Folge II 1873 S. 253flf.
100
Eine andere Abweichung besteht darin, dass 13, i das Wunder-
hom nur einen Scheerer hat, wo NF 1288 noch einen Kneclit
dazu thut, zu welchem der Sclineiderknecht 1252 Vorbild gewesen
sein mag, aus dem Wdhm 10, i seinerseits zwei Knechte macht.
Das Wunderhorn hat also die alte Ordnung gegenüber den
Verstellungen im Drucke besser gewahrt. In der Form hat es
dagegen mehr geändert. Es hat dreizeilige Strophen und einen
anders gearteten Schluss, wahrend NF mit seinen neunzeiligen
dem Original näher steht.
Wdhm beseitigt mehrfach seltnere Wörter, z. B. 1, 2 zweien,
3, 8 und 7, 3 gemeit, 7, i waehe; 4, i hat es ein Missverständnis
begangen (vergessen statt gesessen). — Dagegen hat es 20, i und
28, 1 gegenüber NF 1291 und 1309 den reineren Beim.
Mit beiden Fassungen selir verwandt ist auch das GrNSp.
Der Gedankengang ist derselbe (S. (u) bis auf die Einleitung,
welche fürs GrNSp natürlich wegfallen musste. Dass' es^ als
Dramatisierung textlich reichere Wandlung erfahren haben" kann,
ist klar. Trotzdem finden sich eine ganze Beihe wörtliclier Anklänge.
NF
nun trinckcnd an
mein liebe kindc.
Ich bot in allen
nach ein ander zu
trincken.
1277. s. 0.
1277
1282
GrNSp
432, 19 Ser lieben herren,
trinket mit mir!
Da ist guotor wein inn.
Ich han gesegent sand
Johanns minn.
434, 31 Ich sag euch, lieben
kind,
433, 26 und waiss wol, dass
ich het ain har:
Nu pin ich beschoren
gar.
433, 17 Oder wie pin ich
also geschaffen,
Dass ich pin worden zu
ainem pfaffen?
Hab ich mich seid heut
verkert
Und pin ain münich und
ward nie gel er t?
435, 27 Ich han euch pracht 1831 Ich han gowoicht wol
1312 horr dazhatvns got
erschaffen,
wir seien worden vicrund-
zweinczig pfaffen,
mit hüchen konsten seien
wir gelart.
Wdhm
21 Grüss euch Gott,fKinder,
wollt ihr trinken?
Guten Osterwoin wiU ich
euch schenken.
Da bot' er ihnen das
Schlaftränklein dar.
30 Ihr lieben Kind.
26 Der greift da mit der
Hand "wohl ' auf das
Haare :
Nun freut euch alle, ich
bin ein Möneh'für-
wahre.
29 Nun, lieber Herr, das
hat uns Gott er-
schaffen.
Wir sind alle worden
hie zu Pfaffen,
Und sind dazu gar
wenig doch gelehrt.
ain ji^anz convont.
Die han ich all selber
geweih(c)t. |
vierundzweinczi;?
])faffen.
101
NF
1352 den segen gabons
eiu ander mit den
scheiten.
GNSp
437, 24 Oet haim, dass ir
unsäligjäcit,
Oder ich schlach euch
mit ain schcit. vgl.
436,35*).
436, 14 Und hiet ich ainen
haissen schotten,
So weit ich frischlich
umb hin trotten.
437, 22 Lieben kind, ir seit 1358 euer kii da heimen
1304 oi der mir prechte
ein heissen schotton
mir volgcn!
Kurs vators küe ston
noch ungeniolchen>
vgl. 436, :w.
436, 1« Die kclber hör ich
rörn.
436. 22 So hätt ich wol
ain praten aus
einem kalbe.
436. 23 Da stet moins
vators merch da vor
Und rubelt ser an dem
tor.
433, 10 Ir müest pis an
den dritten tag
schlafen.
435, 20 Pait, das ich den
herren darumb frag.
sind noch ongcmol-
cken.
1348 einer der sang von
storcken nnd von
lerchen,
der ander der sang von
seines vattors mer-
chen.
1204 si lagen biss an den
dritten tag on sinne.
1323 wardt mein vnd stont
ein weil hie vor,
Wdhm
39 Mit grossen Scheitern
begannen sie sich
streichen.
42 H&tt ich einen Topf voll
Schotten.
47 Ihre vierbeinigt Schwe-
stern standen unge-
molken.
40 Der erste sang von
Ochsen und von
Rindern,
Der andere sprach und
sang von Menschen
und von Kindern,
Die machon su Haus
an seines Vaters Thor.
25 Sie lagen bis an den
vierten Tag ohne
Sinnen.
32 Nun, lieben Brüder,
wartet mein hiervor.
438, 1 ff ist die nähere Ausführung von NF 1362 und Wdhrn 47,8.
Den Gedichten gegenüber kennt das Spiel keine Nebenpersonen.
Vielleicht bietet es damit das Ältere. Einen Schneider zu er-
wähnen, lag allerdings keine Veranlassung vor, aber auch das
Scheeren besorgt Neidhart selbst. Dass die Spielanweisung 433, is
davon nichts erwähnt, hat nichts auf sich. Es wurde wohl während
des Sprechens 433, 5 ff angedeutet, weshalb 433, 13 gesagt wird:
und legt in auch Kutten an. Woher er die Röcke nimmt, ob
er sie sclion 430, 30 mitgebracht hat oder nacli der Betäubung der
Bauern erst holt, wird niclit gesagt.
•) Vgl. Fsp. 503, 9, 8G0, 3, Michels S. 149, Uhland m 288*
102
Anch sonst sieht das Spiel inhaltlich älter ans als die Ge-
dichte. Es kennt weder die Fehler der Anordnnng von NF, noch
die eigenartigen Klöster beider Überlieferungen. Statt dessen hat
es eine einfache Ablehnung. —
Falsch ist die Anweisung 436, s. Hier ist weder von einem
Führen zum Kloster die Rede, noch hat der Herzog dabei etwas
zu thun. Wahrend die Bauern singen, stehn sie im Freien; der
Herzog sieht vom Schlosse aus zu und lässt 437, 19t die noch
immer auf ihr Kloster wartenden Mönche heimschicken.
In 436, 35 — 437, n scheint^ noch ein alter Zug der Erzählung
zu stecken, den die Gedichte nicht kennen, dass sie nämlich jetzt
allmählich merken, wie sie Xeidhart gefoppt hat. Ahnlich ist es
im Schwanke von der Mistgrube MSH HI 220* 7. Voll Ärger
über ihre eigne Dummheit beschuldigen sie sich gegenseitig, bis
es zur regelrechten Hauerei kommt*). — Darauf führt wenigstens
437, 7 f.: So muoss der schad auch wesen dein, Du hast uns all
gefüert herein. Auf diese Weise wird die in den Gedichten zu
plötzlich eintretende Prügelei besser vermittelt. Dasselbe fand
sich in der Schwertfegergeschichte. (S. J>1).
Alle drei Berichte, NT, Wdhrn und GrNSp gehn auf dieselbe
Quelle zurück. In der Schilderung steht dieser das GrNSp näher,
im Wortlaut die Gedichte. Aus dem Original floss einmal das
Spiel, daneben entwickelte sie h eine Bearbeitung in neunzeiligen
Strophen, die sich in die beiden epischen Behandlungen gespalten hat.
Dass jemand einen andern durch einen Schlaftrunk einschlä-
fert und ihm dann das Haar schiert, i^t auch sonst ein der Litteratur
bekanntes Motiv. Der Dichter des Spielmannsepos vom Salman
und Morolf hatte eine besondere Vorliebe dafür. Morolf macht 290
mit einem Betäubungstranke seine Wächter trunken, schiert ihnen
Platten, lässt sie so liegen und flieht aus dorn Gefängnis. Noch
einmal gefangen, wiederholt er SV) den gleichen Streich an seinen
neuen Wächtern. Zum dritten Male wendet er 32(iff. dasselbe
Mittel beim Könige an. Er schläftut ihn, die Königin und den
^) In ähnlichor Weise prü^oln sich iui Osterspiel dii* Ritter untereinander,
als ihnen Jesus entwischt ist, und sie si«h deshalb ji^e^enseitig Vorwürfe
marhen. z. B. Sterz. OSp Pichler 148, l)onanes«h. l'ass. Mone 11 S. 347 v. 4031.
v^'l. Juhinai. Mvsteie^ L^ .'idlUV.
103
heidnischen Hanskaplan ein, zieht diesem, der ganz nach christ-
lichen Begriffen geschildert wird, die Kutte ab, um sie dem vorher
geschorenen Könige anzulegen, der am andern Morgen erstaunt als
Kaplan erwacht, wobei allerhand lustige Missverständnisse eintreten.
Die Ähnlichkeit mit dem Kuttenschwanke ist merkwürdig, sie er-
streckt sich auch auf die Sprache.
S. u. M. 315 Ein schere nam er, daz
ist war,
Oberhalp den orcn sncit er in
abc daz har.
or nam ein scharsas in die hant,
iT schar iglichem eine blate:
nu singent messe alle sant.
Do sprach der listige man
433, 7 Ich wiU euch bescheren unz
auf die oren.
NF 1290 und schüren in gross platten
gar breite.
Wdhm26, 3 Und will uns Morgen eine
dizmochtecinbischofnithän getan. Frühme88haben.vglJ?Fl299f.
weren gcwihet die beide halt, j 435, 28 die han ich all selber ge-
si besungen wol ein münster: I wcih(e)t. vgl. NF 1331.
ir stimme ist so manigvalt. ; Wdhm 89, 1 Nun hob sich an ein
Singen gar ungleiche.
Die Erzählung vom Kuttenanlegen sieht demnach aus wie die
(Ibertragung eines beliebten Spielmannsmotives auf Neidhart.
Als Mönch war er schon aus der Beichtgeschichte bekannt; mit
ihm wurden alle möglii hen Schelmereien in Zusammenhang gebracht.
So war es ein Leichtes, ihm auch Morolfs Schabernack anzu-
dichten *).
¥jS kommt ab(*r noch öfter in der Litteratur vor, dass jeman-
dem im Schlafe das Haar abgeschoren wird, worauf man ihm ein-
redet, er sei ein andrer geworden. In den deutschen Vertretern
dieses Motives findet sich noch ein anderer Zug damit vereinigt:
*) Das ist nhri^jons niclit diii einzige Uebereinstimmung in den Motiven.
Die Erzählunjj: vom Nuidhart, der eine Wurzel in den Muud nimmt um „un-
gesund" auszusehn, erinnert an Morolf: MSH 111 238^ 3: ein wurzel legt
ich in den munt, davon ich schein gar ungcsunt. — S. u. M. 125, if. sie
It'ites «lou^en in den nmnt. vil schiere wart sie ungesunt. vgl. <>18, 1— :^,
111, if. — Neidhart selbst hat dies Motiv schon angewandt, allerdinj^s nicht
.ils Zaubennittel für den eiji^nen Leib, sondern für einen fremden (17, 30).
Zu beachten ist übrigens auch das Vorkommen des Namens Marcolf im
GrNSp 403,10.
104
die Frau richtet ihren Mann selbst so zu, tun ihren Genossinnen
ihre Oberherrschaft im Hause zu beweisen^).
So ist es in einem Spruche von Folz (ZfdA 8,524). Da streiten
sich drei Frauen um eine Borte; sie soll der gehören, welche ihren
Mann am meisten anführt. Die zweite von ihnen schiert dem
ihrigen im Schlafe eine Platte und redet ihm vor, er sei ein Pfafif
und solle bald eine Messe für den Mann der ersten Frau lesen,
dem eingeredet worden ist, er sei tot und müsse begraben werden.
Beinahe ebenso ist es bei Keller Erz. a. ad. Hdschr. S. 2 10 ff.
Hier wetten ebenfalls drei Frauen, welche ihren Mann am meisten
anführen würde. Die erste redet nun ihrem Manne ein, er sei
zum Abte gewählt worden und solle in sein Kloster gehn. Sie
schiert dem Leichtgläubigen das Haar und legt ihm eine
Kutte an.
Fast genau entsprechend ist eine tibetanische Erzählung in
der Sammlung von Geschichten von Mahäkätjäjana und König
Tschanda Pradjöta*): Der Purohita lässt sich sein Haar schee-
ren. Ein Purohita tadelt den König, weil er zu sehr in der Gewalt
der Weiber stünde. Der Vertraute des Königs, Bharata, soll es nun
zu Wege bringen, dass dem Purohita von seiner Frau das Haar
geschoren würde. Der steckt sich hinter seine Frau, die sich mit
der Priestersgattin anfreundet und eines Tages von ilir als Beweis
ihrer häuslichen Macht verlangt, sie solle iliren Mann kahl machen.
Die Frau des Purohita gebärdet sich nun wie eine Büsserin und
antwortet dem nach ihrem Gelübde fragenden Gatten, sie habe
die Götter erzürnt, weil sie ihr Versprechen, ihm bei seiner glück-
lichen Rückkehr vom Königshofe das Haar zu schocren und den
Göttern zu weihn, nicht gehalten habe. Der Priestor ist sogleich
bereit dazu, nimmt Urlaub vom Könige und lässt sich ^^cheeren.
Seine Frau unterrichtet Bharatas Gattin, durch deren Mann es der
Herrscher erfährt. Der Purohita wird plötzlich an den Hof berufen.
*) Dieses Stück Folzens hat Sachs fast wörtlich nachgeahmt, s. Hans
Sachs-Forschungen, Festschr. z. 400. Gehiirtstagsfeier d. Dicliters i. A. d,
Stadt Nürnberg hrsgg. v. A. L. Stiefel, Nürnberg 1894: Ucbcr die Quellen
der Fabeln, Märchen u. Schwanke des H. S. S. 104 fF.
*) hrsgg. V. A. Schiefner i. d. M«*moires de rAcadomie Tmp/'riale des
Sciences YII. sOric, tcnio XXll. Petersburg 187(i. Dort Nr. 10 S. 28. •
105
wo sich der König mit seiner Umgebung an seiner Beschämung
weidet.
Diese Erzählung steht der aus Kellers Sammlung insofern näher
als der Folzischen, als dem Manne nicht im Schlafe der Schaber-
nack gespielt wird, sondern mit seiner ausdrücklichen Einwilligung,
nachdem er sich durch falsche Vorspiegelungen hat bethören lassen.
Etwas abweichend ist nur die Veranlassung dazu, warum die Frau
ihre Macht beweisen wilP).
Dieselbe Geschichte kehrt ferner in französischen und siziliani-
schen Erzählungen ^vieder*). — Dabei ist die in den abendländischen
Erzählungen allgemein sich findende Beziehung auf Priesterschaft
und Mönchsplatte jedenfalls nur ein jüngerer Zug.
Abweichend von diesen unkr sich eng zusammenhängenden Er-
zälilungen ist eine chinesische und griechische Version. Im chinesischen
Schwanke') führt ein Soldat einen verhafteten Buddhistenpriester
zum Getängnis. In dem Merkreim: „Ein Bündel, ein Schirm, ein
Priester und ich"* hält er sich die Dinge gegenwärtig, die ihm
anvertraut sind. In der Nacht macht ihn der Priester trunken,
schiert ihm den Kopf und flieht. Am Morgen sagt er wie gewölm-
lich sein Merksprüchlein und ruft, als er bis zum Priester damit
kommt, aus: „Owe, der ist ja fortgelaufen". Da fährt er sich an
den Kopf, merkt dass er kahl ist und sagt: „Nein, der Gefangene
ist hier. Ich bins, der fortgelaufen ist". — Nach der griechi-
schen Erzählung**) reisen ein Schulmeister, ein (jlatzkopf und ein
Barbier zusammen und übernachten an einem einsamen Orte.
Jeder soll 4 Stunden wachen. Der Barbier kommt zuerst an die
Reihe. Im Scherze .schiert er den Scliulmoister, der nach ihm
drankommen soll. Als der gewcv kt wird, fühlt er an seinen Kopf
nach Art eines Srhlaftrunkenen, spurt <lie Glatze und sagt: „Der dumme
Barbier hat jetzt statt meiner den Kahlkoj)f geweckt".
*) Ähnlich ist auch dio jüdische Sage vom Simsoii, Richter 16, 16.
«) Liebrecht, Oerm. 21, 3S5 ii. 393 f.
') Arendt, Moderne chinesische Tierfabeln und Schwanke i. d. Ztsrhr.
d. Ver. f. Volkskunde I, 1891 S. 333f.
*) Philoir«'los, Hi«'r<)clis «'t Philairrii facetiae hrssrg. v. Alfr. Eberhard,
Bt-rlin 18r,:» S. 17 f. Nr. 50.
106
In diesen beiden Gteschichten ist von einer Frau keine Bede.
Der Zug ist aber auch in ihnen die Hauptsache, dass der durch
List Geschorene in seiner Dummheit sich einbildet, er sei ein
anderer geworden und nicht mehr er selbst. Der zweiten Version,
die eine Frau nicht kennt, steht der Streich Morolfs und Neidharts
näher.
Möglich ist es, dass beide Versionen mit einander verwandt
sind, und dass etwa eine Originalfassung zu Grunde liegt, nach
der jemand durch List geschoren und so zum Narren gemacht wird,
80 dass er glaubt ein anderer zu sein. Aus der morgrenländischen
Heimat wären beide Versionen dann ins Abendland gedrungen*)
und hätten durch Vemiittelung der Spielmannsdichtung, die übrigens
gern orientalische Stoffe *) verarbeitet, auch in Deutschland Eingang
in die Litteratur gefunden. — Freilich ist das nur eine mögliche
Vermutung, die nicht bewiesen werden kann.
') Ganz abweichend ist (la8 Motiv von Mönch und PlatU^ in der Tier-
sage. Roinhart briiht mit hoissem Wassor dcni nach dem Mönchstum und
seinem guten Leben lüsternen Wolfe Haut und Haar vom Kopfe ab. I>ie
Komik wird noch bedeutend gesteigert, weim der neue Mönch von den
Klosterbrüdern, in deren Hände er durch des Fuchses Verrat gerät, wegen
seiner Platte als Ordensbruder begrnsst und wegen des beim Fischen im
(angefrorenen Teiche verstümmelten Schwanzes für einen getauften Juden ge-
halten wird. Grimm, Koinliart Fuchs XXXV f., CXCI, Keiiihart 694 ff.,
1009 IT. — Es liegt auf der Hand, dass wir es hier mit junger Ausgestaltung
zu thun haben. Ob man eine Verbindung mit den oben angeführten Ge-
schichten suchen darf, ist mindestens sehr zweifelhaft. — Auch die .Erzählung
vom Grafen von Rom ist ganz anders. Dort (Uhland, Voksl. 21)9) heisst es
von der Frau des Grafen str. 10; sie liess ir ein kntten machen und ir ein
platten schern. Als harfender Mönch fährt sie übers Meer um ihren ge-
fangenen Mann zu befrein. — Wieder anders ist der betrügerische Wolf, der
sich als Mönch ausgiebt, um die Hirten um so ungestörter hintergehn zu
können, s. I^uparius bei Grimm, Keinhart t^ichs S. 410 ff., v. 53 ff.; lupus
monachus, ebenda S. 410, v. 15ff.; vgl. Freidank 137, 19.
*). z. B. im Salman und Morolf, Disputatz zwischen einem Freiheit und
einem Juden (Germ. 4,483 ff.), Traugemund (ZfdA 20, 255 ff). Bekannt ist
auch, dass die Spielmannsepen mit Vorliebe im Morgenlande spielen, z. B .
Kolher, Salman, Orendel, Oswald.
107
Das Teufelspiel.
Ein ganz eigenartiger Abschnitt im GrNSp ist die Teufel-
szene 438, 15—444, 17.
Die Neidhartüberlieferung bot zu einem derartigen Stück kei-
nerlei Anhalt. An sich ist es ^ielmehr in einem Neidhartspiel
ein durchaus fremder Bestandteil. Und doch lag seine Einführung
ziemlich nahe.
Dass von den geistlichen Dramen aus, wo sie bald in den
Vordergrund getreten waren, die Teufelskomödien auch in die welt-
lichen Schauspiele Eingang fanden, zeigen mehrere Spiele in Kel-
lers Sammlung. Nicht nur solche sind es, die in Tendenz und
Stoff an die geistlichen Spiele erinnern (S. 32), sondern auch solche
mit ausgesprochen weltlich-fastnachtspielmässigen Stoffen wie z. B.
57 und 110, 873, 27. War doch der Teufel eine besonders beliebte
Figur und längst nicht mehr bloss der Schrecken und Furcht
erregende böse Feind, sondern er war vielfach geradezu zur lusti-
gen Person geworden. lYotzdem hat er aber auch noch manches
von seiner Bösewichtsnatur gewahrt. In dieser Mischgestalt er-
scheint er auch im GrNSp, wo die Einberufung und der wahr-
scheinlich von einem grotesken Teufelstanze begleitete Lobgesang
derb karrikierend gewesen sein wird, während er dann als der
Verführer der Bauern auftritt. Der Dichter hat ihn geschickt mit
dem Folgenden verflochten. Luzifer schickt seine Gesellen aus mit
dem ausdrücklichen Befehle, Zwietracht unter den tanzenden Bauern
zu säen. Die Prügelei wegen des Spiegels kann als Ausführung
dieses Befehls gelten. Es heisst ausserdem 444, 1«: Da laufen die
teüflen under den paurn und machen krieg und unainikait. Sie
liefen also, von den Bauern unerkannt und nur den Zuschauern
sichtbar, während des Folgenden auf der Bühne umher und mussten
sich schon vor der wegen des Spiej^els sich entspinnenden Prü-
gelei bereits während der beginnenden und sich immer mehr stei-
gernden Erbitterung gegen Engelmar durch Mimik als die eigent-
lichen Erreger des Streites zu erkennen geben. In dieser Verwen-
dung waren sie in einem Neidhartspiel sehr gut anzubringen.
Zudem ist gerade der Teufel am geeignetsten, über die (Üppigkeit
108
der Dörper schwere Klage zu führen^), zu der die Neidhartdich-
tung reichliche Muster bot (s. S. 1 1 7 11). Unter den Fastnachtspielen
selbst aber fand das grosse Neidhai-tspiel eine Vorlage für die
Einführung der Teufel. Die Worte des 44!), s-is auftretenden
Weinknechtes stimmen niimlich bis auf die letzte Zeile mit der
Rede des Knechts im Fsp. 5<>, 4<S4,-'ü-27 überein. Dort haben wir
es mit einer wie es scheint bewussten Verz.ernmg der drei Salben
kaufenden Marien und eines Toufelspiels zu thun. Im (irNSp
kommt der Weinknecht für den Fortgang der Handlung gar nicht
in Betracht. Er ist nur lose aufgepfropft und hat ausser dem
Ausrufen des Weines nichts weiter zu thun. 450, i? wird sogar
Uol Hausknecht nach dem Weine geschickt, süitt dass der Wirts-
knecht geheissen würde. Im Fsp. 56, wo er mit dem Rubin des
Salbenhändlers verwandt ist, war er, dagegen von Anfang an am
Platze. Der Grund für die Verwendung dieses Spiels ist noch er-
sichtlich. Wie dort der ausgerufene Wein Pinkenpanks mit der
Hölle in Verbindung steht, so kann auch der beim Lobetanze ini
GrNSp aufgefahrene _Wein als ein vom Teufel gesandter ange-
sehn werden, besonders wenn die Zuschauer sichtbar auf der Bühne
umherliefen (s. o.). Er hat nicht geringen Teil an der Prü-
gelei, er macht nicht nur Engelmar Mut, sondern seinetwegen
werden auch die Bauern auf Engelmar ergrimmt (45*2, 5, lof. 3:t f.),
wodurch sie zu dem bald folgenden Streite besonders aufge-
legt gemacht werden. Ausserdem steht auch im Fsp. .')() das
Ausrufen des Weines in Zusaiumenhang mit Tanz und Spiel
(485, 5).
Meist war es ein nicht unglücklicher GrilT, wenn weltliche
Schausi)iele den Teufel übernahmen ^). Vom GrNSp kann man das
gewiss beliaupten.
Luzifer, der oberste der Teufel, ist selbst in die Hölle gebannt,
und schickt drum seine Gesellen auf die AVeit, von denen ihm Sa-
*) Der anklagciulo Teufel erinnert an des Teufels Netz (vgl. auch S. 124
Anm. 1); der unerkannt die Leidenschaft uuter den Bauern schürende Teufel
an die Verkörpenmjr dos böst'U Gowissens im crcistlichen Drama.
2j Weinhold, Gusches .Ihrb. 1,1711.
109
thanas am nächsten steht'). Er gilt meist als der klügste und
antsvortet von allen Teufeln zuerst auf die Frage Luzifers, dessen
vertrauten Freund er sich im GrNSp selbst nennt (-li'i, 12). Von
Luzifer werden dann die Teufel zu einer ausserordentlichen Bera-
tung zusammengerufen, wo sie ihm zunächst ein Preislied singen
müssen, das ihm so gut gefallt, das er es gleich wiederholen
lässt und mit seinem Lobe nicht zurückhält (s. u.). Bei der
Eröffnung der Teufelsversammlung gebraucht er einen besonders
kräftigen Flu(h: Poldrius PuMrius Poldrianus (438, 2(i, 439, 12), von
ganz aussergewöhnlichcr Zauberkraft. In ähnlicher Weise hat er
einen Leibausruf im Thür. 10 Jgfr. Spiel Seite 26: Prelle here
prelle (Wirth 200), und im Juttenspiel, wo er 904, 26 einen ganz
kaudervvälschen Segen spricht.
Nach einer längeren Rede Luzifers äussern sich die Teufel,
Sathanas zuerst, über sein Anliegen, stellen sich dabei vor und
s(!liildern ilire Verführungskünste und ihre Erfolge. Unter höllen-
mässigen Versprechungen werden sie zum Eifer angespornt und
ausgeschickt, die Hülle zu füllen.
Das alles sind Motive, die das GrNSp aus dem Osterspiel
übernommen hat (Wirth 187 f.).
Auch wörtliche l'bereinsiimmungen lassen sich nachweisen.
438, 10 f. Wolher woUior wolhor Red. 371 Wolher, wolher, wol, wolher
Aller meiner <iros<.»llcii ich pcj^er.
alle (luvclsche her!
Die dreimalige Wiederholung des Aufrufs findet sich auch im
Juttenspiel 900, 13, i)44, s. s. Wirth 189.
438, 22 Schweigt und vcrnembt mein
wortl
Sic sind euch zu nutz gehört.
438, 24 und vcrnembt si gar rechte!
Die sprach ain teüfolisches ge-
schlächte.
438,27 Das sind starke teuflische
Wort,
Die habt ir selten mer gehört!
Erl. IV 138 das sind de teuflischen
wart,
di fr oft habt von mfr gehört.
Eg. 367 Vcrnommot mich nun gar
rechte :
Ir solt mem cur geschlechte.
Jutta 904, 28 Das sind alles verborge-
ne wort.
Die ihr nie von mir habt ge-
hört.
') Auch im französisch('n Mysterium ist Sathan als der Klügste der ver-
traute Rati^'eber des Oberteufels. Wieck, Die Teufel auf der mitteljilter-
lichen Mysterienbühne Frankreichs, Leipzig 1887 (Marburger Diss.), S. 41);
Creizenach •J03.
110
439, 14 Das was aiu guot
singen,
Dass euch all wol muess
gelingen.
Singt mir noch ein mal
den gesank!
Es ist mir gar wol zu
dank.
Alsf. 141 Eja, wilch eyn gut gesangk!
ach und ach, were hie langk!
wie schyer sollet er mer mcn singen,
das ich uff disscr boddcn möge gesprin-
gen!
Tir. Pass. 1629 Judas, wil dir wol gelin-
gen,»)
So soltu mir ain pessers singen.
1637 Judas, nu hab guetten danck:
Dw hast mir gesungen ain guetten ge-
sauck. vgl. Jutta 901, 17.
439, 21 Nu schweigt! ich will euch
¥rissen lan,
Umb weu ich euch her geladen
han.
439, 23 Sich hat ain neue schän-
de
Erhaben in dem lande,
vgl. 430, 12.
439, 10 Luciper*) unsern (Hdschr.
unscrm) herrn
Süllen wir alle crn.
443, 30 Hab dank, mein lieber
knecht!
Thuostu das, so thuostu recht.
443, 32 Ich will dir tanken immer
Und will sein gelassen nim-
mer,
Ich will dir Ionen gröslich
Qeleich will ich krönen dich,
443, 36 Setzen zwischen mir.
Also will ich Ionen dir.
Hall. 1986 Nu schbeigt, ir liebm gesellen,
und hapt rue
Und merckht, was ich euch sagen
thne.
Niedcrl. OSp. 302 hie in disen
lande
heft sich eine nuwe schände.
Eg 5460, Wirth 85, Koppen 62. vgl..
Seifr. Helbl. 15, 531; Psp. 288, 17.
Red. 105 mit truwen unde mit ercn
wil ik denen Pilatesc myme hercn.
Wirth 195; Sterz. Sp. VI 69.
Wirth 196; Koppen 71: Thür. 10 Jgfr.
S. 22;
Hall. P. 1968; Tir. Pass. Ul (HaU)
1161, 1-4: Niederl. OSp. (ZfdA 7, 302)
580; vgl. Jutta 907, 32; Fsp. 57, 505,31
Eg 403 Daö wil ich imer dancken
dir,
Du solt auch ewig herschon mit mir.
vgl. Tir. Pass. IH (Hall). 1219, 1-4;
Niederl. OSp. 724.
*) Wackernell S. LXXXVl weist darauf hin, dass im Tir. Pass. nach
v. 1617 Lnzifer vorführt, während es nach III 1221 Astaroth ist. Die Worte
lG29f., 1637 f. pohörtcn ursprünglich dem einen Lobgesang fordernden liU-
zifor. Im Tir. Pass. sind sie auf die Verführer des Judas übertragen. Der
alte Zusammenhang veranlasste wahrscheinlich die Ungenauigkeit im Namen
des verführenden Teufels.
') Luciper und Lucifer stehen im GrNSp nebeneinander; vgl. Wacker-
iK'll zum Pfarrkirelicr Passion III 1127 S. 500.
111
444, 10 Den will ich sunderleich |
pcgaben. Tir. Pass. III (Hall). 1291, 1-2 Mit
Dass gelübd solt ir von mir ! ern will ich dich pcgaben,
haben. I Seidn sollichn flciss magst haben.
Vgl. ferner 442, 36: Wirth 103, 200, Fsp. 500,7. — 443, 13:
Wirth 192.-444,12-17: Jutta 942, 6-11.
Nicht aus dem geistlichen Drama, aber doch aus der geistlichen
Dichtung stammt das Motiv von den durch Salomo in ein Glas
gebannten Teufeln. Luzifer erzählt selbst438, 22ff. den zusammen-
gerufenen Teufeln von den starken teuflischen Worten, die einst
ein teuflisches Geschlecht sprach, die jetzt lange nicht mehr ge-
hört worden sind, weil Salomo die Teufel im Glase eingesperrt
hatte, denn „si" v. 81 geht auf „ain teüfolisches geschlächte" in
V. 25 xatot (jüvsaiv wie aus 439, 1 hervorgeht, nicht auf die teufli-
schen Worte V. 27. Luzifer hatte die eingeschlossenen Teufel
schon verloren gegeben, als sie das richtige Wort der Befreiung
wiederfjinden.
In den geistlichen Dramen findet sich nur im Hall. P. IHCA)
eine mit diesem Motive verwandte Ph'wülinung, wo die Kunst^
böse Geister in Flaschen zu bannen, auf die Nachfolgerinnen der
Zauberer, alt^? AVeiber und Hexen übertragen ist: „dy mich gar
oflt in ain glas zbingen." Häufiger sind dagegen die ins Glas
gebannten Teufel in der epischen Dichtung zu finden.
Die Vorstellung von der Zauberkunde Salomos war im Mittel-
alter weit verbreitet^). Die Frage, wie er dazu gekommen sei,
wird verschieden beantwortet. — Neben seinem zauberkräftigen
Ringe spielen besonders die Teufel im Glase eine grosse Rolle
z. B. im Vinculum Spirituum *), bei Hemmerlin'), bei Gervasius *)
und in der Margaretenlegende*). — Die gewölmliche An-
') Vogt. Sahn. u. Mor. XLVI ff.
*) Kaiserchronik hrsjrjr. v. Massniann III 439 Anni. l.
«) Gennania 4, 277.
*) Genasius, Otia iniperialia hrsgg. v. Liebrecht Hannover 1856 Kap.
XX S. 8. — Kap. CIV S. 48 dient ihm ein ähnliches Glasgefäss nur zur
Erlangung des zauberkräftigen Wurmes, so wie man sich etwa die Alraun-
wurzel verschafft, vgl. Anm. 71 S. 158 f.
») Vogt in PBB 1,286.
112
stliauung ist, dass Salomon kraft seiner magischen Kunst eine
Reihe Dämonen in ein Glas versperrt und das Glas entweder
vergrübt oder in einen Brunnen wirft *). — Ganz ähnlieh ist auch
die Vorstellung im GrNSp, wenn auch vom Vergraben des Glases
nichts gesagt wird.
Auf irgend eine Weise ist das Glas später gefunden und die
Teuffei sind befreit worden. Im GrNSp haben sie nach 438, 25
und 439, 1 das Wort selbst gefunden, welches den Zauber löste.
Das kommt sonst nicht vor. Sonst geschieht es durch nachgrar
bende, Schätze erwartende Menschen, deren Aufmerksamkeit die
Teufel durch irgend eine List erregt haben. Sie zerbrechen
durch Unvorsichtigkeit das Glas und befreien so die Dämonen.
Der mehrfach sich findende Zug, dass der Befreier der Teufel,
der sich auf das Versprechen, sie zu erlösen, von ihnen hat unterrichten
lassen, sie nach genossner Untenveisung wieder betrügt, indem er
nun Zweifel äussert, wie sie in der engen Flasche überhaupt Platz
gehabt hätten, sie so zum Wiederhineinkriechen zwingt, und da-
rauf das Gefäss schnell wieder versiegelt, ist dem GrNSp fremd.
Er war auch unbrauchbar dafür. Hier sagt Luzifer, dass die Teu-
fel sich zum Unheil für die Menschheit wieder losmachten, um
weiter ihr Wesen zu treiben und die Hölle zu füllen. — Darin
ähnelt dem GrNSp besonders die Legende „von sante Margareten
einer juncfrowen" im Passional (Köpke 331, 35fr.), dessen geist-
licher Verfasser dabei genau aus der Legenda aurea des Jaco-
bus a Voragine*) übersetzt. Da heisst es ähnlich wie im GrNSp
439, 1 ff in V. 61 fF. „die wischten uf in die luft und hüben an
mit stolzer guft daz volk kriegen nach belac. unz an den hutigen
tac pflegen si des amtes noch und seilen in uf der sunde joch."
Im 12. Jhd. wurde dann zunächst in der lateinischen Litte-
ratur an Stelle Salomos der Zauberer des Mittelalters xai' ijoyjjv,
Virgil gesetzt*).
*) so in dor Lcgfcnda aurca und im Passional (s. o.), bei Hcuimcrlin nnd
im Vinculum Spirituum. — liber Sagen von (icistern in Flaschen s. Germ.
5,369; Sepp, r>rukwiirdi«:keiten aus dem Baieroherland München 1892 S. 253.
') hrsgg. V. Gracsse, editio tertia, Vratislaviac 1890 S. 402.
«) Roth, (Jcnnania 4, 287 u. 297 f.
113
Aus der lateinischen Litteratur kam der Stofif in beiden
Versionen, mit Salomon und mit Virgil *) als Hauptperson, auch in
die deutsche. Die geistliche bildete wohl den Vermittler.
Das GrNSp lässt Salomo den Zauber ausüben. Häufiger
sind aber auch in Deutschland die Erzählungen von Virgil und
seinem Verkehr mit den Dämonen*). Die Vermittlung für die
Übertragung des Flaschenzaubers auf ihn mochte eine Darstellung
der Sage bilden, wie sie etwa Hemmerlin hat, der beide Erz-
zauberer in Beziehung zu einander setzt. Virgil wird demnach
durch seinen dienstbaren Geist nach Chaldäa gebracht, wo er in
einer Höhle die von Salomo hinterlassne versiegelte Glasflasche
mit dem eingeschlossenen Geiste nebst mehreren magischen Büchern
findet. Der befreite Geist lehrt ihn die chaldäischen Schriften
verstehn, wird darauf durch die bekannte List wieder ein-
geschlossen und Virgil kehrt nach Europa als Erbe und unmittel-
barer Nachfolger Salomos wieder zurück, um im Abendlande die
Nigromanzie zu verbreiten.
Am nächsten steht dem GrNSp von den hierher gehörigen
Virgilssagen die Erzählung Enenkels GA H 513 = Kaischr. Massm.
m 440 = Strauch, Mon. Germ. bist. Deutsche Chron. HI, 1 v 23704 ff.
Danach stösst Virgil beim Arbeiten iu einem Weinberge mit der
Hacke auf ein Glas voll Teufel. Auf die Bitte um Befreiung lässt er
sich erst von ihnen belehren, zerbricht dann das Gefäss an einem
Steine, worauf sie auseinanderfahren. — Der Schluss von dem Be-
trüge der Teufel fehlt hier also, während ihn die Volkssage hat*).
Eine weitere Übertragung der Geschichte von den Dämonen
in der Flasche auf Paracelsus vollzog sich in einer appenzeller
Volkssage*).
^) F. W. Gentlie, Pnblios Yirgilias Maro, zehn Eclogen mit einer Ein-
leitung über YirgilB Leben and Fortleben als Dichter und Zauberer, 2. nm-
geaib. Aofl. Leipzig o. J. S. 47 ff.; K. L. Roth, Ueber den Zauberer Yirgi-
lins Germ. 4, 257.
*) Litteratnr bei Zappert, Virg. Fortleben im MA. i. d. Denkschr. d.
Kais. Ak. d. Wiss. phU. bist. KI. n Wien 1851. 2. Abteilang, Anmerk. 18,
8. 3L Über Virgil und den Teufel ö. Strauch S. 462 Anm. 2.
•) G. Roskoff/Geschichte des Teufels I 385, Leipzig 1869; Genthe S. 54.
*) Roskoff a. a. 0. I 385; H. B. Schindler, Der Aberglaube des Mittel-
alters, Breslau 1858 8. 33. Paracelsus hat mit Virgil auch die Geschichte
vom Einsalzen zum Zweck der Verjüngung gemeinsam. Gorm. 4, 283 Anm. 94.
Guiiide, NeidhAit mit dem Veilchen. 8
lU
Geistlicher Vermittlung, vielleicht einer der Legenda aurea
nahe stehenden Version, dankt wahrscheinlich auch das GrNSp das
Motiv, welches es mit den dem geistlic hen Soliauspiel entstammenden
Wendungen verknüpft hat.
Neben diesem geistlichen Element findet sich aber noch ein
ganz anderes, welches die Verknüpfung mit dem übrigen GrNSp
bildet, die Schilderung des Übermutes der Bauern. Dazu dient die
lange Bede Luzifers 439, nn, und die Antwortrede des Satbanas,
die einen neuen Bericht vom Veilchenraube und der Bestrafung
darstellt. Diese Stücke erinnern gar nicht an geistliche Spiele; sie
sind auf die Bauern, die Feinde Neidharts, gemünzt. Lasterpalchs
Bede 448, 7 «r. könnte dagegen ebensogut in jedem Osterspiel stehn.
Sie erinnert sehr an den . Benner.
443,15 Spil, laodcr und trunkhait I 9393 tratz luder und spil
Und schweren falsche aid,
Unkeüsch treiben und mord,
Vcrr&tnus und pose wort,
Liegen, triegen und Icüt morden.
Das kind den vater wol erzürnen
Hintorwerz schelten ....
104 1 boese wort luder undt spil
hoffart vnkeysch 1 legen sweren
11326 Liegen triegen haz vnd noit
Zorn vnde eyde verlorn zeit,
bosiu wort fluchen und schelten,
vgl. 14106; Suchen wirt XIX 32.
Sobald der Dicliter zu seinem eigentlichen Stofif, der Läst«r-
liclikeit der Bauern überging, gab ihm das geistliche Drama keinen
Anhalt mehr. Da werden die verschiedenen Berufsklassen zur Hölle
geführt, während es hier nur dem Bauern galt. Gerade dieser St^nd
wird aber in den geistlichen Spielen am allerwenigsten erwähnt.
Der Grund lässt sich vermuten. Die Pfaffen, welche immer noch
die Hand im Spiele hatten, selbst wenn Spielleut« schon als Dar-
steller oder Dichter auttraten, und sich niclit ganz zurückdrängen
und das Heft sirh aus den Händen winden lassen wollten, hatten
keinen Grund, die Bauern besonders stark durch ihre Teufelspiele
mitnehmen zu lassen. Freilich werden sie aucli manches an ihnen
auszusetzen gehabt haben, aber wie noch heute waren auch damals
die Bauern wohl ihre lenksamsten und besten Pfarrkinder, die
ihnen weniger Schwierigkeiten machten, und mit denen sie zufriedner
sein konnten als mit den anderen Stünden, besonders mit den ge-
witzteren Handwerkern, denen es auch in den Spielen gar schlecht geht.
Der Bnuor wird dagegen selten onvähnt, nnd wo das geschieht,
da wird nicht wie im (irNSp von seiner Hoflart gesprochen, son-
115
dem von Fehlern, welche die (xeistlichkeit an sieh selher spürte.
Wenn sie in manchen Spielen in die allgemeine Klage über die
Untreue des Bauern einstimmt, so spricht sie dabei nur pro domo,
denn am Zehnten wird er nicht zuletzt gezwackt haben. So handelt
der Tir. Pass. III, 1454fiF. nur von seinem krampen sin, vom fürkauf,
der Faulheit bei der Fronarbeit und der Verweigerung des Zehuten;
der jüngere Brix. P. 4539 ff. von seiner Treulosigkeit, Faulheit im
Kirchenbesuch und seinem Betrag beim Zehnten, „wie es dan yetzt
ist der paurn sitt"; Erl. III 640 wird seine dummschlaue Art
vom Quacksalberknecht gegeisselt. — Auch in des Teufels Netz
12322flf. ist er nur der gefährliche Betrüger und Händelsucher,
und Vintlers Blume der Tugend spricht 3462 ff., 3790ff. ebenfalls
nur von seiner Falschheit. — Diese Fehler wurden allgemein den
Bauera nachgesagt*), aber es kamen noch ärgerlichere dazu. —
So sind die Klagen des GrNSp ganz andrer Art und bedeutend
eindringlicher. Lasterpalch 443, yir. spricht nur sehr allgemein
und hängt den Bauern so ziemlich alle Vergehen an, Luzifer be-
schäftigt sich dagegen um so ernster und eingehender mit
ihnen. — Die Verhältnisse, die im Spiel geschildert werden, berührt
er nur am Ende 441, 2off., und Sathanas spricht 442, iiir. noch ein-
mal von der Veilchengeschichte. Das übrige in Luzifers Bede
handelt von ihrer Aufgeblasenheit und Geckenhaftigkeit im all-
gemeinen mit Anlehnung an die zu Ende des 13. und im 14. Jhd.
zahlreichen Mode- und Bauernsatiren. — Wie diese Quellen episch
waren, so ist auch die Schilderung im Spiel durchaus episch ge-
blieben.
Je grösser der Unfug der Bauera wurde, je eindringlicher die
Klagen über ihr Heraufkommen und ihre tippigkeit erschallten,
um so näher lag es, den herrschenden Zuständen die Vergangenheit
als die gute alte Zeit entgegenzustellen. Das hat schon Neidhart
gethan (54, .37, 79, e), der den Beginn dieser Bewegung noch erlebt
hat ^). Wenn nun das Spiel 440, 2 sagt, dass die guten einfachen
^) M. Manlik, Das Leben und Treiben der Bauern Südostdoutschlands
im 13. u. 14. Jhd. Jahrcsber. dos K. K. Gynin. in Mähr. Weisskirchen für das
Schuljahr 1887/8, 1888 S. 40.
■) Wenn schon »itwa 50 Jahre vor Neidharts Auftreten die KaiserchronDr
14791 ff. die Karl dem Grossen zugeschriebncn Anordnungen über die Bmt
8*
iir>
Sitten noch „hie vor in kurzen jarn" bestanden haben, so stinimt
das nicht. Es begeht hierbei eine Übertreibung, dem packenderen,
grösseren Gegensatze zu liebe, denn jenes Aufstreben dauert« unter
den Bauern beinahe schon 200 Jahre, als das GrNSp gedichtet \iv'urde.
Da der Landbewohner vor jener Zeit seines ausserordentlichen
Wohlstandes überhaupt so gut wie gar nicht in der Litteratur er-
scheint, so ist es nicht möglich, den Quellen des Dichters bei
seiner Schilderung der entsch\\Tindenen Zeiten nachzugehn. Es ist
unsicher, wie weit es sich dabei überhaupt um Wirklichkeit handelt,
denn manches ist in Luzifers Beschreibung ohne Zweifel nur eine
phantastische, selbsterfundene Schilderung einer erdachten, absicht-
lich übertriebenen Einfachheit. — Allerdings wird man stark an
einige alte Gebrauche erinnert, die von Grimm in den Rechtsalter-
thümem erwähnt werden, worauf Holland Anm. zu 440, w S. 1510
verweist. Die einschlägigen Wildbanne gehören nach RA 260
in die Rhein- und Maingegend. Dort trug die feierlich einreitende
Herrschaft oder der Bote des Bischofs Hagedomsporen, Lindenzanm ,
bastene Steigriemen, hölzerne Steigbügel u. s. w. (RA 255; die andeni
Vorschriften kommen hier nicht in Betracht). Grimm verweist
S. 260 darauf, dass die bäurische Tracht die einfachste und älteste
gewesen sei und "sich in symbolischen Rechtsbräuchen lange gehal-
ten habe*). Dafür spricht es, wenn der Herzog von Kärnten die
Huldigungimschlichten Bauernkleide entgegennahm. (S. Ui^). Es kann
möglich sein, dass im Verfasser oder in der von ihm für dieses
Stück des Teufelspiels benutzten Vorlage noch eine Erinnerung an
jene symbolischen Rechtsbräuche lebte. Doch wahrscheinlicher ist
es, dass es sich hier um reine Erfindung handelt. Die Absicht,
möglichst schroff die Gegensätze einander gegenüber zu stellen,
musste zu solchen tibertreibungen führen. Dasselbe sehn wir im
Erec bei der Antwort auf den Preis des Sattels v. 7502 : „er was guot
hagenbüechin". — Mit dieser gleichviel ob erdachten oder wirk-
tracht (^ingohond erzählt, so scheint auch darin schon eine absichtliche Betonung
alter Einfachheit der aufkommenden neuen Sitte gegenüber zu lieg«'ii, obschon
von der Gegenwart nicht ausdrücklich gesprochen wird.
') Anders ist diese Ausrüstung im Parz. 187, i, 256, 21 verwandt, nämlich
;ils Strafe, vpl. Thland Schriften III, 411.
117
liehen alten Einfachheit wird nun der neue Luxus verglichen.
Der früher sehr gedrückt lebende Bauernstand hatte sich schon
seit Beginn des 13. Jhd. tüchtig emporgearbeitet und zeigte all-
gemein eine grosse Wolilhabenheit *), die sich bald in unglaublichem
i'bermut, in einer geckenliaftcn Sucht, es den Vornehmen nachzu-
thun, ja sie womöglich noch zu ü1)ertrumi>fen, in lästiger Weise
oftenbarte. Gerade gi^gim den süddeutschen Bauern, bei dem
dieser Wohlstand noch länger anhielt als beim norddeutschen, rich-
teten sich dann bittere Satiren von selten der andern Stände.
Hauptsächlich ist es der geradezu unglaublich gewordene
Kleiderprunk ^), in dem die Bauern mit den Städtern wetteifern, wogegen
sich der Spott wendet. In den städtischen Gemeinwesen versucht man,
wenn auch erfolglos, durch strenge Kleiderordnungen vorzugehn; auf
dem Lande war man dazu nicht imstande. Was dem Bürger ver-
wehrt werden sollte, das Nachäffen der ritterlichen Lebensart, wurde
von den Bauern übertrieben bis zum äussersten, ohne dass dagegen
eingeschritten werden konnte. Schon Neidhart klagt in den Win-
ttTliedern häufig über die Bauern mit ihren buntscheckigen Seiden-
kleidern (36, 9 , 41, 5 , GS, 7 , <S6, II rr, 1)1, 22)'). — Man erinnerte
an alte, Karl dem Grossen zugeschriebene Vorschriften, nach denen
die Kleidung schlicht und einfarben sein musste. So heisst es im
GrNSp: „Si muosten all geleich Grabe mäntl an tragen*'. Nur
für den Sonntagsstaat war blaues, jedenfalls tief dunkelblaues Tuch
gestattet. Helbl. 171: „man urloubt in hüsloden grä und des
viretages blä", und ebenso Kehr. 147i)l flf.; vgl. Massmann Kehr. III
S. 1003 f; Schultz, Höf. Leb. H 324f. — Der Geck Helmbrecht
trägt dagegen auch alltags blaue Kleider 1()93, die besonders bei
den Weibern mehr Gefallen erregen mochten. Keller, Erz a. ad.
Hdsch. 2()(), 24 verlangt die Bäuerin Adelheid, dass ihr Mann auch
•) V. Inama-Sterncgj^, Deutsche Wirtschaftsgeschichte III, 1 Leipzig 1899
S. 53 f, 61 ff., 313; Hagelstauge, Süddeutsches Bauenileben im MA Soff:
Schultz, Höf. Leb. 12 325: Weinhold, Z. f. d. Kulturgesch. 1857, S. 469 f.
^) M. Manlik, Jahr.-Bcr. d. Gymn. in Mähr. Weisskircheii für 1887/8:
Das Leben und Treiben drr Bauern Südostdeutschlands im 13. u. 14. Jhd.,
1888 S 6 ff.: Jahr.üer. des Gymn. zu Landskron i. Böhmen für 1891/2: Das
Leben und Treibern <ler oberdeutschen Bauern im 13., 14. u. 15. Jhd. 1892 S. 4 ff.
•*} Vijl. B«Tthold Yo?) Het^ensbnrg I 396, i>.s f., 527, n ; Schröder, (iosrli.'^
Jhrb. I 61 f.
118
einen blauen Bock trage wie ein vorübergehender Fremder: ^Dn
muest auch eyn ploen rock han"; und Sterz Sp. XV 535 rühmt
der Bauer unter seinen besonderen Beizen der Venus gegenü][>er
seine „scheene, plae prftch". Ebenso ist in Strickers Bloch*)
V. 394 ein besonders feiner neuer Mantel einer Bäuerin blau. Wenn
schon im 11. Jhd. ein Hirte bei der Verkündigung einen Rock
aus braunen Tierfellen mit hervorragendem blauen Pelzfatter und
blaue Hosen trägt*), so hat ihn hier der Feier des Augenblicks
entsprechend der Maler ins Feiertagskleid gesteckt. — Wie die
Bitter gekleidet zu sein war das Hauptstreben der Bauern. 440, si
Nun aber sich die paurhait Den rittern gleich hat geklait Mit
gewant und mit gepärden". — Ähnlich heisst es beim Teichner
LS in 295: „bei her Neitharts zeiten vorn vant man newer site
genuoc von der pawerh ungevuoc mit gepaere und mit gewant".
Schon Neidhart klagt über zwei Dörper 60, 12: „si truogen beide
rocke nach dem hovesite" und MSH IH 264* 5 sagt deutlicher:
„umb ir ho velich gewant ich si vil dikke nide". — Ebenso spricht
Helbl. II 60: „gebür ritter dienstiuan tragen alle gllchez kleit.
swaz ein ritter gerne treit, nach swelhem lant und swelhem sit,
daz treit der gebür mit". — Dasselbe erwähnt Bosenplüt im
Spruche von einer meisterlichen predig. Fsp 1158, nf.: „Und
was der edelman kan erdencken Das will der paur alles an sich
hencken" und Fsp 646, 15 f.: „Der paur wil als der purger gan,
Der purger als der edelman". — vgl. Hätzl. I 29, 28; Brant
Narrenschiff (Zarncke) Kap. 82.
Einheimisch Tuch genügte nicht mehr. Fremde, besonders
holländische') Stoffe waren beliebt, nicht zum wenigsten wegen
ihrer Buntheit. „Es muss sin lündsch, vnd raechelsch kleit".
Narrensch. Zarncke Kap. 82, 15 und Anm. dazu. Neidh. <S6, n rr.
„er muüz dulden minen vluoch der ir ie gedähte, der die siden und
daz tuüch her von Walhen brähte". Helbl. II 77: „grüen, brün
*) hrgg. V. Lanibol, Erzählungen nnd Schwanke, Leipzig 1872, S. 90 ff.:
vgl. Schultz, Höf. Leb. 12 330.
^) Hefner-Alteneck, Trachten des christl. Mittelalters, Tafeln 1 89 B,
Text 1 118f.
8) Über h(.Ilänais<hc Tuche s. Schultz, Höf. Leb. 1-' 35311*.
119
rot von Jent*' ^). — Wenn noch einige alte oder ärmere Bauern
die alte Sitte beibehielten, so musste die neue Buntheit und Feinheit
umsomehr auffallen. Noch grösser wurde aber der Gegensatz, wenn
die alte Sitte, durch Rechtsgebrauch geheiligt, sogar von Vornehmen
gepflegt wurde. So berichtet Ottokar in seiner Beimchronik von
der Belehnung Meinliarts von Tirol mit Kärnten im Jahre 1286,
dass er die Huldigung der Bauern nach alter Sitte im einfachen
Bauernanzug entgegennahm. Graue Hosen, rote Bundschuh, grauer
Rock, grauer Mantel, grauer Spitzhut, wie er „niulich" in Kärnten
Sitte war, gehörte dazu. s. v. 20018-20039; Höf. Leb. P 325.
Besonders arg trieb es die Mode neben den Ärmellappen mit
dem Kappenzipfel. 441, i: Ir kappenzipfl ist lang und zersnitten,
Er wischet ars wol da mitte. Die vornehmen Kreise haben auch
hiermit den Anfang gemacht*). Mitte des 14. Jhd wurde diese
Thorheit aus Frankreich eingeschleppt'), und schon früh musste
ihr in den Städten gesteuert werden. Zum Jahre 1351 sagt die
Limburger Ohronik^) (S.3(), 12): „Item etzliche trogen kogeln, di hatten
vornen einen läppen unde binden einen läppen, die wanten eime
glichen an sinen knien". 135() verlangt die Speierer Kleider-
ordnung von diesen Gugeln^): „unde soellent ir ziphel nicht lenger
sin, denne anderhalp elen lang,** und die Züricher bestimmt 1371 ®):
^und der kappenzipfel sol nut lenger sin, dan als der rok lang
ist". Der Rock sollte aber mindestens bis zum Knie gehn (s. u.).
Ähnlich verbietet die Ulmer Ordnung 1406, mehr als vier Ellen
zu einem Kapuzenmantel (Kappe) zu verwenden*'). — Dass
diese Bestimmungen aus der Zeit kurz vor der Abfassung
des GrNSp wolil begründet waren, bestätigen Zeichnungen und
*) Weiss, Kostümkunde, Geschichte der Trachten und des Geräthes vom
14. Jhd. bis auf die (Jogenwart I 218.
^) HüUmanu, Deutsohes Stiidtowosen des Mittelalters IVBonn 1829 S. 149.
*) Weiss, Kostümkunde u. s. w. v. 14. Jhd. b. z. Gegenw.I 198.
*) Monumenlu Gennaniae historica, Deutsche Chroniken IV Bd. 1. Abt.
Hannover 1883: Die Liniburger Chronik des Tileman Elhcn von Wolfhagen
hrsgg. V. Arthur Wyss.
ß) Weiss 1 203; Falke, Deutsche Trachten und Moden weit I 183;
Schultz, Deutsches Leben, gr. Ausg. 295.
«) Falke 184: Schlutz D. L. 302.
^) Falk«' 185: Schultz D. L. 315.
120
Bilder, für welche die derbe Charakteristik Luzifers 441, 2 keine
Übertreibung ist^).
Ein anderer Unfug waren die engen kurzen Röcke*). 441 sff:
„Ir rock die sein enge, Anderhalbe eile an der lenge, Wen er in
hat angetan, Dass er nicht schreiten kan." — Neidh. 74, w:
„Enge rocke tragent si und enge schaperiine." Neidh. 60, 12
Hdschr. c: „die tragen enge rock nach dem hovesite.'' Teichner-'')
S. 108, Anm. *M): „Bruoder Berhtolt seit vür war, wan die niu-
wen Site der gewant und die kurzen rocke üt stant, so habe die
wärheit abeganc." — Kittel, Altswert 52, i7ir. : „sin rock ist enge
umb den lip. Das prisent nu die reiiien wip. Er zucht sere in
den magen. Als ein hirz, den man wil jagen. Der rock ist kurz
da pristet tuoch. Des siht man im die swarz bruoch, Die ist be-
schiessen und niergent ganz, da schouwet man den lieben
swanz" u. s. w. — ZfdA 4,521: „tunc etiam pallia in tantum
curtabant quod aliquibus vix posteriora tangebant. — Die
Speirer Ordnung bestimmt : „p]z sol ouch deheiner man de-
heinen kurtzeni rock dragen, danne der für die knje abe get*
(a. a. ().). — Die Limburger Chronik berichtet vom Jahre 1850,
dass die R^cke, die vorher eine Spanne über die Knie gingen, nur
noch eine Spanne unter den Gürtel reichen (S. 39, iff.). —
Ein Strassburger Verbot bestimmt am Ende des 14. Jhdts.:
Item daz nieman denheinen rog noch wambesch kürtzer tragen sol,
danne ein vierteil einre ein obewendig der knieshiben *). — Die
Züricher Ordnung sagt: Es sol ouch ein jekli<h man und knab^
er sy rieh oder arm, jeklich hess, das er obnan an tragen
wil, als lang machen, daz es im untz an die knü abschlach
(a. a. (.).). Dasselbe sagt ein St. (laller W(;istum v. J. 14H(>.
Es soll danach „das hiisz als verr*^ sein, „als einer mit siner
nidergelasznen band geraichen mag"'^).- 14J)2 erzählt noch die
>) bei Schultz D. L. Fip. 77, Tafel IV f), VU 5, VIII 7, Xll.
«) Z. f. d. KulturgcBch. 1857 S. 350ff. — Woiss, Kostk. d. Mittolaltors
Stattgart 1864 S. 585.
*). Karajan, Über Heinrich den Teichnor, Denkschriften d. Kais. Ak. d.
Wiss. phil. bist. Kl. Wi.'n 1855 VI.
*) Z. f. (l. Knltnrgesch. 1857 S. IMMl
'^') J. (jlrinmi, AVristhüiner V 156 § 64.
121
Ensisheimer Chronik: Und trug das jung volck rock, die giengen
nit mer dann einer band breyt under den gürtel, und sah man
ilira die bruoch hinten und vomen, und war so scharf gemacht,
das8 im die hossen die arsskerb austheilten ^). —
Auch aus Böhmen kommen dieselben Klagen. So heisst es
13H7: facientes sibi breves et curtas, inmio vero turpes vestes
ut plerumque femoralia ac posteriora viderentur, et strictas, ut vix
anhelitum possent habere'). — öanz besonders grinmiig äussert
sich Joh. Hus in de socerdotum et monacborum carnalium abomi-
natione, cap. 48^), und in demselben Tone ist die Mainzer Chronik von
1367 gehalten*). — Dass derartig enge Röcke jedes Bücken und
jedes Wenden so gut wie ganz hinderten, liegt auf der Hand^).
Wenn das GrNSp über die kurzen engen Böcke klagt, so
giebt es wirkliche Zeitverhältnisse wieder. Aufiallend ist es aber,
dass von diesen kaum über den Gürtel hinausragenden Böcken 441, 5
gesagt wird: Wen er in hat angetan, Dass er nicht schreiten kan.
Bei solcher Kürze kann wohl von einer Behinderung im Atmen,
Bücken und Drehn gesprochen werden, aber kaum von einer sol-
chen im Gehn. Es muss hier etwas nicht in Ordnung sein.
Man kann annehmen, dass eine Erwähnung der Hosen ausgefallen
sei. Wie die oben angeführten Berichte zeigen und die Bilder
bestätigen, wurde es damit noch viel ärger getrieben. Hier war
auch der Zwang und die Unbequemlichkeit noch viel grösser. —
Möglicherweise gehören aber die beiden fraglichen Verse nach
441, 8, sodass sie sich auf die Mäntel beziehen würden. Diese
schildert Luzifer als lang und unbequem. Aus 441, s: Dar inn
leiden si grossen gedrang, braucht man nicht zu folgern, dass die
Mäntel ähnlich wie die Böcke sehr enge, sondern nur, dass sie
sehr unbequem waren. Vgl. Heselloher®) 1,49: Sein mantel hat
ein rechte leng, damit macht er ein. waidelichgesweng. Die Lim-
burger (Chronik erzählt, dass man V^^\ „nuwe kleidunge" machte,
*) Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im Mittelalter, Leipzig 18I>8,
S. 52; Z. f. d. Kulturg. 1857 S. 38f).
') Schultz, Deutsches Leben, grosse Ausgabe S. 300 Anm.
») Ebenda 808 Anm. 2.
*) Ebenda 297 Anm. 3.
6) Weiss KK. vom 14. Jhd. b. z. Oegenw. 1 2(U: Falke 1 218.
•) hrgg. V. A. Hartraann, Romanische Forschungen V, Festschr. f. Konr.
Hofmahn WM) S. 448 fT. = Bolte, Bauer im deutschen Liede S. 4(1 IT.
122
und berichtet dann S. 39, 4 weiter: Auch trugen si heuken, di
waren alumb ront unde ganz, daz hiss man glocken; die waren wit,
lang unde auch korz. S. 36, 11 heisst es: Damach zuhandes
drugen si . . . . lange heuken*). Die ülmer Ordnung be-
stimmt, dass die Mäntel, Röcke und Tappharte nicht länger
sein dürfen, als Aslss sie auf die Erde stossen*). Für
unser Stück wird es sich vielleicht weniger um die an
einer Seite mindestens offenstehenden Heuken handeln (wie z. B.
Schultz D. L. Tafel Vlll H, 7), sondern um die „alumb ront
unde ganz^ gemachten, oft nur mit einem Hauptloche versehnen
Glocken •).
Auch an den Schuhen bethätigte sich die Mode. 441, U: ^Ir
schuoch sind ausgesnitten Durch holz mit hoflichen sitten. Das
die hosen leuchten erforn. Darüber spannen si ire sporn.'' —
Der Bundschuh war längst gegen den „zerhaunen und zersihnittnen"
engen Modeschuh eingetauscht worden, der mit mannigfaltigen
Bilden) benäht oder bestickt war^). In Nürnberg wurde er
am Ende des 14. Jhds. den Borgern verboten*) und in Speier
nur den Rittern erlaubt®).
Was mit „durch holz" gesagt sein soll, ist mir unklar ge-
blieben. M('>glicherweise ist hier an das bei der Schuhherstellung
notwendig oder doch häufig gebrauchte Holz zu denken^), wenn
nicht Verwirrung vorliegt. — Dass zu solchen Schuhen Sporen
nicht fehlen durften, wissen wir schon von Neidhart, z. B. 75, 9.
Vgl. Helbl. HI 105, n66; GrNSp 3Vm, 35 = 44«, 15 u. a. «).
Ganz besondere Sorgfalt wurde schliesslich auf die Haar-
pflege verwandt. Wenn das GrNSp 440, 10 von den Vorfahren
M Schultz D. L. '2\)2: W^-iss 201.
2; Schultz I). L. 815.
8) Weiss, 207.
*) Weiss. Kcstüiuk. d. Mittelalters 557: Schultz H. L. 1-^ 328, 2^4: Manlik
Jalir.-Bcr v. Wcissk. S. 11; 20. Jahr.-Her. v. Landskr. S. 8.
«) Schultz D. L. 304.
«) Ebenda 295: Falke 183.
7) Schultz I). L. 312, 346, 354. Man möchte „durchhaun** schreiben.
8) Schultz H. L. 12 328 f: Weiss, Kostünik. d. Mittelalters 585; Manlik
J.-B. V. Weissk. S. 12: 20. J.-B. v. Landskr. S. 10.
rflhmt: ,Si pflagen auch zu denselben stnßdeD, Dass ir her nach
windiächen sitten Ob den oren abgeschnitten", so muss man
dagegen halten, wie der junge Nachwuchs dorch die onglaub-
liebsten Kflnste und Kniffe schOnes Haar zn erzielen trachtete >).
Es musate, wenn auch erfolglos wie alle derartigen Yerfflgongen,
wieder den Bauern geboten werden, das Haar knrz zn tragen:
„rustici cum filiis suis capiUos ad anriculas nsque praecidant".
So der bairische Landlriede von 1244*). — Neidh. 102, la:
„Kin gebot ich sanfte Ilde, daz man Gätzemanne alnmbe snide
sin wol valwez reidez här" sieht so aus, als ob der Dichter hier
eine neae Verordnung dieser Art im Änge hätte. Die Haare
waren mit der grösste Stolz des Bauern. Ihretwegen scheint er
sich sogar der neuen Mode nicht angeschlossen zu haben, die ums
Ende des 14. Jhds. das Haar wieder „ober den oren abgesneden
glich den conversenbrudern" zn tragen begann. Die Limburger
Chronik spricht zwar ausdrücklich S.76,»R. davon, dass auch die
Bauern diese Sitte mitmachten*), doch das Gewöhnliche ist für sie
auch nachher noch langes, lockiges Haar.
Man darf deshalb den Umstand, dass das QrNSp jenen Um-
schwung der Mode nicht kennt, nicht zu ZeitbestimmungsverBuchen
verwenden. —
Aus den zur Modeschilderung Luzifers bisher angefahrten
Parallelen geht zur Genüge hervor, dass wir es hier mit Thatsachen
zu thun liaben. Eine bestimmte Quelle ist nicht nachzuweisen und
wird vielleicht gar nicht benutzt sein. Wir haben hier eine Art
von sozialem Gemälde vor uns. Der Dichter zeichnet Zustände
seiner eignen Zeit; das geht <laraus hervor, dass gerade im 15. Jhd.
die Kleiderordnungen sich in hohem Masse häufen*). £r kann
unmittelbar nach der Natur ohne Benutzung einer besonderen Quelle
geschildert haben. Dass er dabei seine Klagen in demselben Tone
') Weiss, KoBtümk. d. M. A. 581; Bühalfai, HOf. L. i? d2^,3L>;>f; Matilik.
J.-B. voQ Uähr. Wcisekirdiiiti S. 7 f.) Sa J
') Archiv tat Kuudo ftstcrr. 0«adl
*) vgl. MSU.UI :JG4>5,ti; Bolta^^l^^^^m^^^^deT ßawrn
Hofart 8. 115 t. 82.
<) Schultz, D. L. 306 IT.: I
124
vorbringt, wie sie sonst auch gehört werden, ist naturgemäss. Die
Einkleidung in die Teufelsmaske war nicht ungeschickt^).
Wie Im einzelnen bei der Haartracht, so dürfen wir auch im
ganzen nicht aus dem Verschweigen mancher Hauptzüge der Mode
irgend welche Schlüsse auf Zeit und Ort ziehn. Es wird nur
Zufall sein, dass Schnabelschuhe und Schellen nicht erwähnt werden.
Mag auch Luzifer vielleicht etwas übertreiben, wie in allen
derartigen Satiren von Neidhart angefangen einige Übertreibung
stecken mag, so wird doch nicht viel davon abzuziehen sein, um
der Wirklichkeit nahe zu kommen. An den Kleiderordnungen
können wir sehn, dass die Hauptsache in solchen Gedichten doch
auf Wahrheit beruht. Teure, stutzerhafte Kleidung, ungeschickt
aus einzelnen verschiedenartigen Stücken zusammengestellt*), Schwer-
ter und Sporen und dazu ein tölpelhaftes Benehmen, linkische Be-
wegungen und rohe Gesichtszüge, das alles zusammen muss aller-
dings ein eigenartiges Bild abgegeben haben, das nicht nur den
Dichter, sondern eher noch melir den Maler reizen musste. Eine
Reihe von Zeichnungen giebt uns einen karrikierten Bauerntanz
wieder, die gut als Erläuterung herangezogen werden können').
Was uns diese Bilder mit ihrem derben, lustigen Humor
zeigen, giebt auf der andern Seite vielleicht wieder einen Aufschluss
ül)er die Wiedergabe der Bauern und ])esondei\s der Bauerntänze
im weltlichen Drama.
') Wenn Luzifer ausschliesslich über den Kleiderluxus der Bauern
spricht, so kann mau in dieser satirisch-didaktischen Verwea düng dos nur
^egcn einen einzigen Stand nnd eine einzige Unsitte eifernd en Teufels viel-
leicht ei.ien Ansatz zu den im 16 . Jhd. reichlich auftretenden Teofclstrakta-
ten sehn (Osborn, Die Teufelli tteratur des 16. Jhd. Berlin 1893 S. 95 ff. ^
Acta Germanica III, 3, 190 ff.), deren trockene Lehrhall igkeit allerdings im
GrNÖp^nicht vorhanden ist (vgL S. 108 Anm. 1).
^) Falke, Z. f. d. Kulturgesch. 1859 S. 225.
') Besonders ist zu nennen die Weimarer Hauerntanzzeichnung, bei
Schultz D. L. Fig. 210 und bei Hefner-Alleneck, Trachten des christlichen
Mittelalters,' Tafeln II 145, Text U 185; ferner Dürers Zeichnung, Schultz D.
L. Fig. 211. Ausserdem bei Schultz D. L. Fig. 208, 209, 212, 506, 536;
Weiss. Kostinnkunde des Mittelalters Fip. 260— Schultz H.L. 12 Fig. 118= Krauss,
Die MiniatUHMi <ler Manessi'schiMi Liederhandschrift Strassburg 1887 Bl. 92-
125
Der Raab des Splegrels und Neidhart im Fasse.
Das Teufelspiel macht ins GrNSp einen tiefen Einschnitt,
sodass das darauf Folgende sich als ein besonderer Teil abhebt.
Wie im geistlichen Drama nach grösseren Abschnitten einzelne
Teile durch einen besonderen Prolog eingeleitet werden*), so hat
der Dichter auch hier durch eine besondere Einleitungsrede des
Einschreiers die nun folgende Spiegelgeschichte zu einem selbstän-
digen einheitlichen Ganzen zusammengefasst. Den Inhalt dieses
ganzen Stückes vom Auftreten des Einschreiers an bis zum
Schlüsse des GrNSp macht die Geschichte vom Raube des Spiegels
mit ihrer Einleitung und ihren Folgen aus.
Der Baub von Frideruns Spiegel ist bei Neidhart immer nur
angedeutet. Schon seinen Nachfolgern war er rätselhaft und er ist
es bis in unsere Zeit geblieben. Verschiedene Deutungen sind
versucht worden*), das Richtige hat Keinz getroffen').
Der arme Neidhart hoffte durch Heirat mit einer reichen
Bäuerin, wie es Friderun war, wieder in die Höhe zu kommen;
ihre Verwandten hatten sie aber für den reichen Bauern Engelmar
bestimmt. — Damit dass Engelmar während des Tanzes vor aller
Augen Friderun ihren Spiegel, dieses notwendige Schmuckstück
geputzter Mädchen*), der obendrein noch ein Geschenk Neidharts,
seines Nebenbuhlers war^), zu entreissen wagt, zeigt er deutlich,
dass er Neidhart nicht mehr zu fürchten hat, sondern bereits der
glücklichere Bewerber ist. Damit war aber Neidharts letzte Hoff-
nung dahin. Insofern handelt es sich wirklich um eine fOr ihn
gar bedeutsame und folgenschwere That, aul die er später immer
wieder als den Anfang seines Unglücks zurückkommt.
Die erste Erwähnung des Spiegelraubes findet sich bei Neid-
hart 26, 19fr : „mirst an Engelmären ungemach daz er Vrideiiinen
ir Spiegel von der siten brach". Sie kehrt fast wörtlich 93, 7 f
*) Hcinzel, Beschreibung des geistl. Schauspiels 257 f.
■) Keinz i. d. Münchner Sitzungsber. 1888 II 315 ff.; Bielschowsky, Höf.
Dorfpoesie S. 62 ff.
•) Keinz a. a. 0. 314 ff.; vgl. Sievcrs in PBB 15,567 f.
*) Weinhold, Deutsche Frauen \P 338; Über die Spi('«rol im Mittelalter
Wackemagel Kl. Sehr. I 128 ff.
•) Keinz a. a. O. 817.
126
wieder: „der hiute noch den Spiegel hat, den er dörper Vrideranen
von der siten brach". 70, 38 heisst es, Friderun „vlös" den Spiegel,
an den übrigen Stellen 56, 3 , 57, ss, 78, 35, 81, is, 88, 27, 91, 19, 96, 7
heisst es immer: „der Vriderun den spiegel nam". (Die andern
Erwähnungen 32, 2 , 59, u besagen für unseren Zweck nichts.)
Umgekehrt herrscht bei den Nachahmern die Wendung mit
„brach*' vor, z. B. Xeidh. XXXIV 2, XLVH 7 ,189, 58,MSH m205»» 8,
283» 10, 292» 9; nur 269»>5 und Neidh. 188, 40 heisst es „nam*^.
Meyer vermutet ZfdA 31,74, dass durch Missverständnis brach =
zerbrach gefasst wurde und so die später häufige VorsteUung vom
Zerbrechen des Spiegels entstanden sei. Das ist möglich, minde-
stens hat die Form „brach", die zunächst nichts mehr sagte als
„gewalteclichen nam** (wie Ndh. 57, 33, 81, 15, 188, 40), eine solche
Entwickelung sehr begünstigt. Ich glaube nämlick, dass eine andre
Stelle Neidharts den ersten Anstoss gegeben habe. 71, 5 heisst es:
„daz diu hant erkrumbe diu die spiegelsnuor zerbrach". Von der
Schnur ist es selbstverständlich, dass sie „zerbrochen" wurde.
Das Zerbrechen mag nachher auf den Spiegel übertragen worden
sein. Die Hdschr. 0 zeigt den Übergang deutlich, wenn sie an
der angeführten Stelle sagt: „de hant de ir den speyghel zo brach".
War die Übertragung auf den Spiegel einmal vor sich gegangen,
so bekamen nun auch die Stellen mit „brach" einen andern Sinn.
Nebeneinander steht noch beides im GrNSp, wo 456, s von der
zerbrochenen Spiegelschnur, 45(5, 27 vom Zerbrechen des Spiegels
selbst gesprochen wird.
Die Vorstellung vom Zertrümmern des Spiegels findet sich
nicht in den alten Nachahmungen Neidharts. Sie tritt nur in
schon ziemlich verwilderten Gedichten aut. MSH 111199** 16: ,Ja znkt
ich Vriderune üppiklich Einen spiegel, unt brach in ze stükken^ hat
Engelmar und den Ungenannten zusammengeworfen und erweist
sich auch sonst noch als jung (S. 92 flf.); MSH 288^9 „ich waene
daz der spiegel wurd gezeiset an der stete noch kleiner denne in
Engelmar zebrach" steht in einem Stücke, das 20 Tote, einoti
Stelzer und eine eigenartige Erwähnung eines Fasses hat (s. 8. 181).
Das letzte gilt auch von 1S7*3: „Vriderunen reiz er ir gebttide,
da von ir Isenbreht den spiegel gar zebrach", wo daneben FObbs
und Arme abgeschlagen werden und Engelmar gar nicht mekr .dior
rhiiter ist. 2K^* 5: „Daz Vriderun ir Spiegel wart zebrodi0ii.
'ly
<laz wart al da geritchen; dar uinb ir zwen uiit tlrizek blihcn tdt"
lisBt schon 3-i werfen ilea Kaubes umkommen (S. lJi*f). und
Neidh. 171, iWfr : „Duz wolte ich iillez wol verklagen niwan aleine
daz (lö wart zebrochen ii- Spiegel breit, dö er mit sinem kulben
ir daz Bchoene glas durchstach" hat amh 'd'i Tote und Verwun-
det«. Alle diese Erwähnungen tragen also die Kennzeichen
grosser Entartung an »ich.
Über den (Jrund des Wegnehmens wnssteii schon Neidhart«
Niichahmer nichts, da er selbst davon schwei)it- Einer führt
(Nd<lh. 1-J4, 2a[) un, dass der Sfiiegel aus Elfenbein geschnitzt
und die Schnur gleichfalls selir wert\-oH gewesen sei. Er sucht
altio in der Kostbarkeit den Grund für <len Uauli. Das mt natür-
lich arge Entstellung. Aelmliih MSH III '-'HS- 10. Der wirkliche
(irund liegt wohl vielmelir darin, dass auch der Spiegel den Besitz
des Mä<lchenH versinnbildliclien sollte wie Ring oder Kranz').
Man hat jedoch nicht wiiter der Ursaciie nachgeforscht,
l'msoraehr fabelte man vim den Folgen. Man vcrmisste einen
augentälligen SchlusM für die Geschichte, ilarum vervollständigte inuu
die Erzählung*). Hatte sich die Vorat^'llung noch erhalten, dass
es sich dabei um ein Geschenk Neidharts liandelte, so lag es um
so näher, Eugelmar an dem geraubten Hpiegel seinen ganzen Hass
gegen den Geber ausfiben zu lassen. Dass Neidhart 'Xi, 7 sagt,
Engelmar habe noch spät den Spiegel besessen, konnte diese wegen
ihrer grösseren Ürustik gern gesehene Wendung nielit liindern.
Dabei ivurde seine eigentliche Bedeutung ganz verkannt, da nun
das villi Wut zertieten und zertrümmert wurde. Wiis als ein sym-
bolisches UntiTpfuiid gerade recht sorgsam liätte bnvahrt und in
Ehren gehalten werden müssen.
Wenn Neidliart. über Engelmars Il;mb sehr aulgehraclit ist.
und reiche Verwrinsihuugen gegen ihn ansstüst, s" galt es nur
einen kleinen Schritt, um diese Drohuni^en wirkürh in Erfüllung
gehen zu lassen, zumal da die Uc-^chichte immer iwch keinen voU
befriedigenden Abschluss hatte. Den bracht« i
PrOgelei. Neidhart sdieinl auch hier selbst ll
die K])ätere Entwickelujig gegeben 7.11 )iabeo,tJ
*) Lilir-KTUI] ZfdA Ü. 115.
L
Ärger Aber zwei üppige Widersacher ausrnft: „hei, solt ich ir
einem sine stelzen ilä bestrichen". Hier ist stelze = Fuss. Ebenso
in der zugehörigen Trutistrophe 180, 7 : „widerdröut er mir so
daz er bestrichen wil mir die stflzen". Diese Drohnng scheint
man wörtlich genommen, auf Neidharts Hauptgegner Engelmar
bezogen und mit der Spiegi'lgeschichtf in Verbindung gebracht
zu haben. Dii^ Ausführniifj dieser Drohung schloss sich an. —
Die uu^führli(;hen Berichte über Neidharts Spiegelabenteuer Ndh.
XXXIV, iff.. 15. 188, <8s' «MSH ni-'K3' 10 hfben ausdrücklieh hervor,
dass Engelmar für seinen frechen Unfug seine Strafe erhalten habe
und nun mit einem Stelifusse herunigelicn müsse. Ja Engelmar
mit dem Stelzbeine i.<t geradezu zur strh.'nden, typi-^ichen llgur
gewi^rden. So kommt er MSH HI ■292i' .^ ,mit sint-r stelzen",
obwohl ihm erst -JitS" 7 der Fuss abgeschlagen wird. Einen ganz
Tihnliehen Fall wenlen wir nuch heim KlNSp kennen lernen.
Bei vielen Bam-rnkeilereien fliegen in ganz fabelhaittr Weise die
verschieden.sten Kfirperteüe herum wie Hflnde, Füsse, Anne, Lungen,
Lel)ern, Köpfe, Kröpfe, Ohren, Nasen, Kragen (s. S. 14H), immer
aber bleibt bei all diesem Wirrwarr fest, dasa der Mann mit dem
Stelzbein Engelmar ist. So erscheint er auch im NF ;mf mehreren
Bildern mit einem Holzfuäse. Zahlreich sind die Berichte, alle
mehr oder weniger verwildert, in denen viim Verlast seines Beines
gesprochen wird (MSH 202' 6, 278^ 4); gewöhnlich wird das linke
Bein genannt (213* 4, 225" 7, -283' in, 293» 7); vom rechten sprii-ht
•iiO" 7.
Nirgends aber richtet ihn Neidhart so zu. Es geschieht immer
hei einer blutigen Bauern rauferei. Das ist der Haapt-
unterschied von der Strafvollstreckung in der Veilchengeschichte,
wo Neidhart selbst Bache nimmt.
Engelmar gegenüber tritt Friderun ganz zurück. Engelmar
und Friderun, diese beiden für Neidharts Geschick so wichtigen Per-
sonen, werden auch sehr oll von Neidhart zusammen genannt. Sie gind
wirklich später auch ein Paar geworden'). Diese Vorstellung der
Zusammengehörigkeit beider drang durch. Wenn Neidhart und
alte Nachahmer daviin sprechen, dass Friderun den Unfug sehr an-
') Keinx 319. — Ungincklinhc Ehe derbeidaii knnn ich mit KeinE
), M ninbt h^irnuKlnscn.
J
129
gehalten aufgenommen habe *), so verschwindet diese Wendung
doch zeitig. Auch von dem Unterschiode, den Neidhart noch nach
der That zwischen beiden macht, dass er nämlich stets nur auf
Engelmar schilt, während Friderun auch weiterhin die „liebe, vil
liebe Friderun" ist 2), wissen die Fortsetzer nichts mehr. Für sie
trat Friderun ganz zu Engelmar, als dessen bevorzugte, auserwählte
Tänzerin sie auftritt, die auch über ihn nicht gleichgültig denkt.
Da sie nun in der Fortsetzung der Raubgeschichte, bei der Prügelei
nicht gut anzubringen war, so verschwindet sie meist ganz. Nur
MSH III 189*5 lässt ein Dicht<»r sie nicht ohne jedes Wort ver-
schwinden, sondern über den Tod ihres Verehrers in Klagen aus-
brechen (vgl. 200^ 6).
Die Geschieht« hat aber mit der Verstümmelung Engelmars
noch nicht ihren Abschluss erreicht. Von der Erzählung Neidh.
188 f. ist noch eine Vergröberung ausgegangen^). Aus dem Wunsche
188, 37: ^Ir etelichem mere mac daz . . . beschehen daz ouch En-
gelmäre beschach" entwickelte sich die thatsächliche Ausführung
dieses Wunsches. Man liess also mehrere bestraft werden. Die
feststehende Zahl ist dabei 82. So MSH 213* 5: „Daz Vriderun ir
Spiegel wart zerbrochen, daz wart al da gerochen darumb ir zwen
und drizek bliben tot"). Ähnlich übertreibende Zahlen kehren oft
wieder. Wie hier werden auch Neidli. 171, losf. 32 Verwundete und
Tote genannt, die für die Entreissung des Spiegels haben büssen
müssen (v. 12011*.). Aber auch in andern Prügeleien ist es so.
MSH 2G0^ 1 1 werden 36 erschlagen, 240* 12 ebensoviel betäubt;
hier ist es allerdings nicht bis zur Rauferei gekommen. 292* 10
werden 12 im gegenseitigen Kampfe erschlagen, 288^*9 20, NF
2072 24*). Diese Zahlen sind naturlich nur übertreibende Angaben,
womit in Wirklichkeit gar nichts gesagt ist; für die in der Spiegel-
geschichte Zugerichteten hat sich die Zahl 32 jedoch festgesetzt.
Dieselbe Zahl 32, die in der Spiegelgeschichte Geltung erlangt
hatte, begegnete uns aber auch in der Veilchengeschichte (s. S.5f.,9).
*) Biolschowaky 62 f. — Grobe Entartung? ist es, wenn es MSH HI
226*^ 7 hoisst, Eiigeliuar habe Fridcriiii durch einen neuen Hut versöhnt.
'^) Keinz 315.
») M^'veri. ZfdA :U. 74.
*) Voj^t. Salm. u. Mor. CLVf.; vgl. z. B. Oswald (EttinüUer) v. 8ff.
Giisiiidr, Neidhart mit dem Veilchen. 9
130
Der Entwicklungsgang ist in beiden Geschichten derselbe. Eine Un-
that wird begangen; der Übelthäter muss bestraft werden. Die
Massregelung des Einzelnen genügte nicht, man setzte also eine allge-
meine Holzerei dafür ein, die auf mehr Verständnis und Teilnahme
bei den Hörern rechnen konnte*). In beiden Fällen wird dann die
Zahl der Opfer bestinunt mit 32 bezeichnet. Wie aber in der
Spiegelgeschichte schon die Bestrafung des Einzelnen durch seine
Standesgenossen vollzogen wurde, während sich in der Veilchen-
geschichte Neidhart selbst rächte, so werden auch die 32 dort im
gegenseitigen Kampfe der Dorfgesellen, hier durch Neidhart bestraft,
der nun nicht mehr allein mit den vielen fertig werden konnte und
darum die Bitter als Helfer beigesellt bekam.
Es fragt sich nun, wo die Zahl 32 ursprünglicher ist. Im
Spiegelabenteuer ereilte Engelmar sein Schicksal von vornherein,
sobald einmal die Bache dafür ausgeführt war, im Kampfe mit
den Dörpem. Das war in der Veilchenerzählung nicht der Fall,
wo die Bauern beim Tanze nichts ahnend überfallen wurden.
Hier handelte es sich also gar nicht einmal um eine Prügelei.
In der Spiegelgeschichte, wo die Holzerei schon gegeben war,
war es drum leicht, statt des einen Engelmar, der für so viel
Baufen ein zu kleines Opfer war, viele verstümmelt werden zu
lassen, während an der andern Stelle mehr hinzugethan werden
musste. Die Veilchengeschichte hat also jedenfalls die Bestrafung
der Bauern und die Zahl 32 der Spiegelgeschichte zu verdanken.
Bis hierher haben wir alle Motive sich immer eins aus dem
andern entwickeln sehn. Es hat sich aber an die Geschichte vom
Spiegelraube noch ein anderes Motiv angeschlossen, das nicht aus
dem Gange der Handlung erklärt werden kann. Man erhöhte die
Komik des Ganzen noch dadurch, dass man Neidhart sich in
einem Fasse verstecken liess, von wo er den Tanz und seinen
Ausgang beobachten konnte. Wie dieses Fass zur Geschichte
gekommen ist, lässt sich nicht sagen. Neidhart deutet 26, 7ff
') Weinhold, Goschcs Jahrb. I 4fif. — Bauernschlägereien wegen eines
zcrbrochenon Spiegels eines Mädchens haben auch Hätzl. II 67, 300; Ring
166, 38 c, 7 und das Fastnachtspiel vom Mönch Borthold 578,21. Hier
ist der Srhluss wohl nach einom Noidhartdrama gemacht, s. Weinhold
Anin. «lazu Nchl. 345.
131
offenbar nur an, dass er bei der That nicht zugegen war. Ein
grober Schwankdichter mag nun auf ihm abenteuerlichen Einfall
gekommen sein, ihn aus einem Fasse zuselin zu lassen, um dann
den erlebten Auftritt schildern zu können.
Die Haupterzählung vom Spiegelraube Neidh. XXX 6 verbin-
det ihn mit diesem Motiv vom Fasse. Abgesehen von der un-
verständlichen Anführung eines Fasses MSH III 187* 3, die gar
nicht hierher gehört, und *288'' 9, wo es sich um eine bewusste
Anspielung auf die Zertrümmerung des Spiegels handelt, wo also
wohl auch das erwähnte Fass auf den Unterschlupf Neidharts zu-
rückgeht, wird ein Fass noch Neidh. 198 erwähnt: „das ir ge-
Idsse sähe herre Neithart, do er in dem vas bey dem wein lag.**
Hier wird also auch Bezug auf die Ausführungen XXX 6 genom-
men, das für uns die einzige Quelle bleibt.
In dem (xedichte wird nach einer Natureinleitung die Vor-
bereitung zu einem „gelopten tanz" geschildert. Eine Reihe von
Dörpern wird ausführlich in ihrem Äussern und ilirem Verhalten
gezeichnet. Erst die drei letzten Strophen behandeln das Aben-
teuer. Engelmar entreisst Friderun den Spiegel, worauf sich sofort
eine Hauerei entspinnt, bei der Engelmar sein Bein einbüsst.
Darauf wird noch eine Anzahl anderer Verwundeter und Erschlagener
genannt. Mitten in der Aufregung des Tanzes entdeckt der Bauer
Erkenbolt den im Fasse verborgen liegenden Neidhart und teilt das
den anderen mit. Der hat sich aber in der allgemeinen Verwirrung
längst in Sicherheit gebracht. Soweit geht die Fassung B. c, f und
NF gehn noch weiter, indem sie Neidhart einen Knecht beigeben,
der ihnen die Flucht erleichtert (Neidh. XXXIV 6 Lesarten). —
Das Gedicht ist roh und ungeschickt. Das Fassmotiv ist mit
der jungen Gestalt der Strafe für den Raub verbunden, bei der
mehrere böse zugerichtet werden.
Der Darstellung des Gedichtes entspricht auch im grossen und
ganzen die des GrNSp. Hier herrscht die Anschauung, dass Engel-
mar beim Tanze den Spiegel gewaltsam an sich reisst (455, 23)
und ihn zerbricht (45(), 24). Das Gedicht spricht nicht ausdrücklich
vom Zerbrechen (XXXIV 2). Sonst ist nicht nur der Gedanken-
gang derselbe, wobei jedoch das Spiel viel ausführ]^^ ~
sondern es zeigen sich auch wirkliche Anspielnn
132
nur sehr gering bei der eigentlichen Spiegelgeschichte; die
dramatische Behandlung musste dabei ganz anders gestalten als
die epische. Mehr Gleichartiges findet sich in den aufzählenden
und beschreibenden Stücken. Hier lag die Verlockung zu Zu-
sätzen undjgenauerer Ausführung nicht so nahe. Das Vorhandene
konnte höchstens noch plumper gemacht, aber schwer geändert
werden. Die (Übereinstimmungen treffen drum hauptsächlich
die Erzählung des Vorläufers im Spiel und die Ausmalung der
Vorbereitung zum Tanze im Gedicht.
444, S3 Der pringt mit im ain grosse schar i XXXI 9 Su h&nt sich gcsament dar
Hundert iiiaid odiT iner. mägcde mer dan hundert.
444, 35 Fridrauna will sich ser XXXI 7 Engelmar der wil si<!h setzen
Da gen Englmar schäm.
445, 8 Die körnen mit gesange her.
Die gen aach paid in ainer wat.
445,'' 10 Joklicher ain kränzl hat.
Dar ein sein pluom gel rot und
praun.
44(), 5 Götz und Ranz*) Solion machon
den tanz.
446, 9 Als auf dem dorf ist sitte.
446, 3 Stähel und eisen wart nie so hart.
Ich schluoch durch hiem und
durch part.
457, 2 (Erkenwolt spricht:) Hiott ir go-
waut den streit
An Neitharten der in dem vasse loit.
464, iiMein knecht kommirzustaten.
hiut gen Friderüne.
XXXI 2 du gänt zwen in einer hint,
die hoeret nieman swigen.
XXXI 5 ietweder treit den kränz
dem die hluomen sint gel
unde brüne.
vgl. Ndh. 34, 10, NF 14: Altswert
74, .so, 79, 31, 92, 9 usw.
XXXII 9 so kumt Hildmar und sin
bruoder Ranze,
.... die siht man besundcr gan
gen Zeizeumür zcm tanze.
XXXII 7 die haut alle dörpelsit.
XXXII 20 Borewin giht er well durch
isen schroten.
XXXV 9 Erkenboltrief obenin der gazze
.... her Nithart ligt im vazze.
NF 450 (= Ndh. XXXIV 6 f. Lesarten):
Ich wass gar fro, da mir mein
knecht gar schiere kam zu statcn.
Wie es XXXI 1 lieisst: ^Da ist ein gelopter tanz", so ist
459, 24 von einem lobtanz die Rede. Es fragt sich zunächst, was
Lobetanz sei. Böhme, Geschichte des Tanzes I 50 irrt jedenfalls,
wenn er Spangenbergs Etymologie folgt. Es muss vielmehr, wie
unser Spiel deutlich zeigt, ein vorher besprochener, darum auch
besonders wichtiger Tanz gewesen sein, ein „versprochener" Tanz.
V- v^'l. Anin. (hizu Fsp. 1510, Nchl. 343.
133
Nach 459, 23 war er 13 Tage vorher angesetzt. Ganz ähnlich wird
41G, 23 ein Tanz acht Tage vorher ^jVerhiiissen**. Ebenso wird
Neidh. XXV 5 und MSH II 78* 2 der Tanz „verwettet** wie im
StPSp 8 (s. S. 22 Anm. 1). — Ganz ähnlich oder dasselbe war auch
der covenanz;vgl. MSH III ISoM, 187^2, 220^8. Auch Neidh.
37, 1, 38,24,LIV u ist es eine grosse Veranstaltung, wozu besonders
eingeladen wird, und die man auf einen Feiertag ansetzt.
Dem entspricht die feierliche, umständliche Zurüstung im
GrNSp, wo z. B. Wein aufgefahren wird, was sonst bei den ge-
wöhnlichen Tänzen nicht vorkonunt (dasselbe ist beim covenanz
185** 4,() der Fall), oder wo eine neue Tanzweise vorgefahrt werden
soll (448, iiff), und wo Preise für den besten Tänzer ausgesetzt
werden (451 15 it., 25 it.). — Auf die grossartige Zurüstung zu einer
solcher Feier geht wohl auch im Gedicht XXXIII 12 : „ez waer ze
vil vor einer riehen briute^. —
Eine andere Aehnliehkeit zwischen Spiel und Gedicht besteht
schliesslich darin, dass die ungeschickte Häufung von Bauem-
namen XXXI 13 rr. nur noch arg vergröbert aber ähnlich 440, 27 n
erscheint. Weinhold Anm. z. 445, 19 Nchl. 343 hat schon darauf
hingewiesen, dass zum Teil dieselben Namen sich hier wie
dort finden.
Die Erweiterungen des Spiels sind entweder schon kurz im
Gedicht angedeutet, oder sie lagen schon in den Motiven. Eine
Hinzufügung neuer Motive findet sich ebensowenig wie eine ge-
wichtige Umänderung bereits vorhandner. Man kann drum beide
Behandlungen in unmittelbare Beziehung zu einander bringen und
annehmen, dass dem Dichter des Spiels bei dieser Episode das
Gedicht XXX 6 zu Grunde gelegen hat.
Nach der Einleitung des Vorläufers rühmen sich die Bauern
ihrer Streitbarkeit und verschwören sich gegen Neidhart (446, w —
447, 29). Darauf konmit die eigentliche Vorbereitung und An-
ordnung des Tanzes, wobei 448, 9-29 = 396, 29 — 397, le ist,
wo es sich ebenfalls um einen feierlichen, aussergewöhnlichen
Tanz, den Maitanz handelt. — An die Aufforderung 449, 2:
„Schicket den tanz nach eur ger^ schliesst sich dann der eigentliche
Tanz an. Die Bauernmädchen kommen unter Friederuns Führung
tanzend von der einen Seite herbei, Yrit ^ •" unter
134
Engelmars AnfOhning von ihrem Standplatze ans ihnen entgeg^
tanzen. — Währenddem nun beide Gmppen rden, erscheint
ein Wirt mit einem Fasse auf der Bühne (449, 5). Sein Knecht
mit ihm den Wein aus (449, 8-15 ). In keinem anderen
Schwanke kommt sonst ein Weinwirt vor; nur MSH DI 185^^ 4
wird einer ganz oberflächlich erwähnt. Auch im GrNSp steht er
ganz im Hintergrunde; nur 455, s- 11 ist ein schwacher Yersuch
gemacht, ihn mit der Handlung einigermassen zu verknüpfen.
Dem Wirte wurde noch ein Knecht beigegeben, der seine Worte
ans Fsp. 56,484, 20-27 entlehnte (s. S. 108). Wenn es484, » ff. heissfc
Mein herr Pinkenpank hat ain wein auf getan.
Da sült ir all zu gan.
Er ist trüeb und pitter.
Da hüetet euch vor, ir grafen und ir ritter!
Du edler und du paur,
Tringstu vil, er wird dir säur.
Er ist Säger und unrain.
Den hat mein herr vor der helle gemain.
80 konnten diese Verse unter Weglassung des Namens 484, 20 für
die Einscliiebung ins GrNSp ohne weiteres verwandt werden,
nur der letzte Vers passte nicht und musste geändert werden.
Er lautet: Den hat mein herr in dem vasse sein. Dabei schlich
der unreine ei-Reim mit ein (s. S. 57).
Was auf das Ausrufen im GrNSp nacheinander folgt, stellt
Handlungen dar, die in Wirklichkeit z. T. sicher nebeneinander
gedacht sind. — Beim Erscheinen des Weines sind die Bauern
natürlich gleich zu trinken bereit. Mit der Versicherung, sie frei-
halten zu wollen, fordern sie zunächst Friderun zum Mittrinken
auf (449, 28); da diese aber für ihre Person dankt, so setzen sie
den übrigen Mädchen einige Mass vor (450, 22). Jedenfalls schon
während des Trinkens, trotz der Spielanweisung 450, 26, bittet En-
gelmar Friderun um den Spiegel, wird aber abgewiesen. Spiegel
und Kranz hat sie für den besten und gewandtesten Tänzer be-
stimmt. Regenwart verkündet diesen Preisaussatz und fordert
zum Wettbewerb auf Aber schon hat sich unter den Bauern eine
grosse Gärung vorbereitet. Engelmar war wegen seiner hervorrar
genden Stellung unter den Bauern, vor allem aber weil er sich durch
acblane Flacht seine gesunden Beine erhalten hat (419, as), dem
Neide seiner Genossen besonders ausgesetzt. Schon zweimal hatte
sich bei andern Gelegenheiten arge Verstimmung gegen ihn geäussert
(420, nit^ 42St, lan.), doch hatte sich die Aufregung wieder gelegt.
Nun envacht der Groll zum dritten Male beim Weintrinken, Die
Bauern äussern ihren Ärger darüber, dass er sich mit dem Weine
auf ihre Kosten bei den Weibern beliebt machen will. Die Cha-
rakteristik dieser Neidhammel ist geradezu köstlich.
Uuisonst versuchen Schottenaclilicker und Wisel (45',J, i-.;,
454, :i) zum Frieden zuzureden. Diesmal ist die Erbitterung schon
zu grüss.
Diese ganze Verschwörung geschieht abseits von den tanzen-
den Paaren. Engelmar merkt nicht das Geringste von dem was
ihm droht.
Zum zweiten Male versucht er 454, i«, Friderun zu fiberreden,
ihm den Spiegel, »«einem Vetter Regenwart') den Kranz zu geben,
aber wieder umsonst. Er vertröstet jetzt den Wirt wegen der Be-
zahlung und läijst den Tanz wieder beginnen, der während des
'l'rinkens geruht hatte. 449, 8^455, 20 füllt also eine Tanzpause
aus. In diesem Stücke gehn drei verschiedne Handlungen neben-
einander her, das Trinken der Mädchen, das Betteln Engelmara
um den Spiegel und die Verschwörung. Der dramatischen Kunst
des Verfassers wurde hier die schwere Aufgabe gestellt, verschiedne
Vorgänge gleichzeitig sich abspielen zu lassen. Er thut das,
indem er diese drei verschiednen Handlungen durcheinander gehn
lässt. Abwechselnd gelangt eine dieser drei Gruppen nach der
andern zum Wort. Stummes Spiel mag bei jeder die Zeit des
Schweigens ausgefüllt haben, so dass man doch von einem Neben-
einander verschiedner Vorgänge sprechen kann.
Währi'nd des neu begonnenen Tanzes reisst nun Engelmar
mit Gewalt lYideruns Spiegel an sich und bringt so die Verschwö-
') 4^, 32 huisst es aocli, (Iühs
wird ein VotUr Engelmare erwähnt.
aOS« 19, 4 Eberüsnt, NMdh. 238, 82
HSH III 2131' 5 int er mit mehr aU
136
rung zum vollen Ausbruch. Die Wirkung des genossenen Weines
mag wohl ebenfalls zum Ausdruck gebracht wurden sein. Sie wird
auch den durch den Widerspruch gereizten Engelmar veranlasst
haben, herausfordernd den Spiegel zu zerbreclien. — Vielleicht
geschah dies 456, 24 durch Zertrünmiern mit dem Schwerte wie
Ndh. 171, 120 ff. Damit ist das Zeichen für eine allgemeine Schlä-
gerei gegeben, wobei Engelmar ein Bein einbüsst (456, 33). In
beständiger dramatischer Steigerung hat der Dichter geschickt die
Handlung bis zum Höhepunkte geführt.
Engelmar wird also liier allein verwundet, womit das GrNSj»
dem Gedichte gegenüber den älteren Zustand bietet. — Vergleicht
man jetzt mit dem Ausgange des Spiegelraubes den der Veilchen-
geschichte im (rrNSp, so findet man zwei verschiedene Stufen der
Motiventwicklung vertreten. Der älteren Fonn entsprechend wird
Engelmar wegen des Spiegels von seinen Genossen 456, 33 zum
Stelzer gemacht, während die spätere Form von den 32 Stelz-
füsslem, auf die Veilchengeschichte übertragen, 420, r. dramatisiert
ist. Diese Vorstellung gilt durchs ganze Stück (422, 21, 424, 11,
441, 29). Der Ausgangspunkt dieses Motivs, Engelmars Strafe,
wird aber dabei zur Folge gemacht, denn 453,2211 heisst es aus-
drücklich, er solle den übrigen Einbeinigen gleich gemacht
werden.
Für die eingehenderen Schilderungen, womit d(T Verfasser
die kurzen Angaben des Gedichtes wicdergegc})en hat, scheint er
die Muster im wirklichen Leben selbst gefunden zu haben. Die
weitere Ausführung geschah übrigens nicht zum Schaden des
Stückes. — So übersichtlich und deutlich ist in keinem Gedichte
ein Tanz mit seinen Begleiterscheinungen geschildert worden.
Dieser Lobetanz ist sicherlich nach dem Leb(»n gezeichnet. Das-
selbe gilt vom Motive des Preisverteilens (s. S. 16 ft*. 42 f.). Dass
hierin der Keim für manche Uauferei lag, ist klar. (z. B. Neidli.
57,2, MSH 212'- 311; 2(;()'' 11; vgl. 217^^5.) — Diese leicht ent-
tlammte unbändige Eifersucht ist es auch, die jedes Schönthun,
jede Vertraulichkeit mit den Mädchen verbieten lässt. 445, 12:
„Und wellen nicht, das ieniani raun. ^Ver sein gekos mit in hat,
Erfarn si in auf der waren tat, Der hat zu haut sein leib ver-
lorn. Des haben si ain aid geschworn.'' — Vgl. Neidhart 36,29:
„der verbiutet lachen spreclu'U winkelsehen'' (beim Bickelspiel),
137
Neidh. 77, 23 „daz sl da mit ir gerünent deist min ungewin," Ndh.
XX 13 „daz ir dekeiner kroenc alder kelze." Deutlicher heisst
es im kurz Hannentanz 715, ih „Das erst, das er am tanz kain frauen
Nit heinilit'b .in der hend sol krauen; Das ander, das er nit
sol werben Der lieben ümb di untern kerben." — Auch die Müt-
ter hatten wolil alle Ursache, wenn auch aus bessern Beweg-
gründen, ihren Töchtern das heimliche Gellüster zu verbieten
(Ndh. 37, 3Ä, 4.'), 22). Der Tanz war für solch heimliches Werben
eine gute Gelegenheit (MSH III 1>1()»» 1, 201^ 4), und nur zu leicht
konnten Ausschreitungen dabei vorkommen (Fsp. 343, 22ir. und
das liild bei Srhultz, Deutsi'hes Leben ')3f).).
His zur Holzerei geht die* breitere Ausführung des GrNSp.
Dann kommt d*'r Dirhter wieder auf seine Quelle zurück. Er-
kenbolt zeigt seinen Genossen, sobald das Unheil geschehen ist,
dass sie einen besseren Gegenstand für ihre Kampfwut hätten fin-
den können. Sie wollen nun, sobald sie sich von ihrer doppelten
Bestürzung erholt haben. Neidhart bestehn. Doch sie kommen
wie immer zu spät; ihr Erzfeind ist ihnen entwisclit. Laut« Kla-
gen darüber und über die Verstümmelung ihres Anführers sind
das Ende vom Liede. Vielleicht bildete bei der Auft'ührung eine
ähnliche Pantomine wie im StSz 262, wo sie wütend auf das
leere Fass einliaun, den Übergang zur Klage.
Wie Neidhart ins Fass hinein und zu den Bauern gekommen ist,
erfahren wir nicht ausdrücklich. Ein leeres Fass auf dem Wagen
des Weinwirts wird ihn unbemerkt herbei gebracht haben ^). Vor-
her hat er schon alles vorsorglich zur Flucht bereit gemacht.
Wenn das GrNSp ihn zu Pferde mit seinem Knechte entfliehn
lässt, so folgt es hierin der Lesart von c f und NF (s. S. 131).
Freilich ist schwer verständlich, wo sich bei einer so grossen Men-
schenzusammenkunft, wie es der Lobetanz ist, der Knecht mit den
Pferden versteckt haben soll. Eine solche Ungenauigkeit ist aber
überhaupt kaum schwer zu nehmen.
Dasselbe Motiv begegnet im Schwank von der Mistgrube
MSH UI 222* <S, wo Neidhart auch ein Pferd bereit stehn hat,
um nach gelungener That eilig sich davon zu machen. Der
Neigung, einen Knecht Neidharts einzuführen, sind wir schon bei
') s. zum StSz *261.
las
der Bache in der Veilchengeschichte begegnet (S. 75) und werden
wir noch im StSz begegnen.
Geschickt ist nach der Schlägerei die sonst unbeteiligt
bleibende Friderun mit der Handlung verwoben, indem sie klagend
über das Unglück ihres Buhlen den Tanz verwünscht (s. S. 129).
Sie beruhigt sich erst, als man ihr versichert, dass er munter
und frisch sei (458,i8ff.), und dass er sich nur eine kleine Bein-
wunde zugezogen habe (458, 20). Ob es sich hierbei um frei-
willige oder ^unfreiwillige Komik handelt, wage ich nicht zu
entscheiden.
Friderun sieht offenbar nicht, wie der verwundete Engelmar
fortgeschafft wird.J^Bei dem unmittelbar folgenden Schwanke von der
Säule sind die Weiber ganz unbeteiligt. Sie haben nach 458, 29
jedenfalls den Spielplatz verlassen.
unter lauten Klagen schaffen einige den verwundeten
Bauern zum Arzt (459, 5). Schürzenesl und Maulaff tragen die
Bahre; die andern oder wenigstens ein grosser Teil bleibt zurück.
Gerade als die beiden mit ihrem Kranken beiseite gehn wollen,
kommt Neidhart in neuer Verkleidung, von Rittern begleitet
(s. 463, 4) herbei, sieht noch den Krankenzug und fängt mit den
zurückgebliebnen Bauern einen neuen Streich an.
Die Bauern und die Säule.
Eine Neidhartfabel, die dem nun folgenden Säulenschwanke
entspricht, haben wir nicht. Es muss aber einmal eine solche
gegeben haben. Das geht aus der Anspielung MSH III 280'* 7
hervor: „Die niht ruochten, ob man mich zuozeiner siule
bünde**. — Dieser Schwank muss in die allertiefste Schicht der
Neidhardgeschichten gehört haben, denn hier handelt es sich nicht
nur wie in allen anderen im Spiel verwendeten Schwänken um eine
blosse, wenn auch noch so grobe Fopperei der Bauern, sondern
um regelrechten Betrug um Geld und Geldeswert. Aehnlich ist es
im Salbenschwanke. Das Ursprüngliche war nämlich sicherlich,
dass Neidhart sich von den Bauern das Geld im voraus ein-
händigen und dazu das Versprechen geben Hess, den Neidhart
139
tüchtig durchzubleuen, wenn er wieder in ihre Hände kommt.
Im GrNSp ist das verwischt. 462, 28 klingt noch so, als ob er
sich alsbald auszahlen liesse; bei den vv. 462, so-ss ist es unklar,
ob sie die sofortige Zahlung begleiteten, und ob dann nur 34 ff.
das Versprechen, den Widersacher tüchtig durchprügeln zu wollen,
bedeutet, oder ob der ganze Absatz nur beides für den folgenden
Tag versprechen soll. Zu der letzteren Vermutung wird man durch
den Umstand geführt, dass 463, s f. Neidhart auch seinen Begleitern
das Versprechen geben lasst, wobei es sich doch wahrscheinlich
hauptsächlich um die Belohnung handelt, wenn nicht die Beglei-
tung bei der Abmachung nur als Zeuge dienen soll. 462, sir. scheint
aber das Versprechen auf die Belohnung ausgedehnt zu sein.
Ganz sicher wird dies durch den Bericht bei Hofe 465, 12: „do
gelobten si im hundert mark zu geben", wohin sich Neidhart un-
mittelbar wendet, nachdem er sich von den Bauern mit den w
463, 14 ff. verabschiedet hat, die ein richtiger Oesegenreim sind.
That^ächUch gilt also für das GrNSp die erwähnte Verwischung
des alt^n Motivs. Der Dichter hat dem Schwanke, den er vorge-
funden hat, seine ursprüngliche Härte, aber zugleich auch seinen
eigentlichen Kern genommen, um ihn seinem sonstigen Charakter
Neidharts anzupassen, der nur Bauernverspotter und daneben doch
ein untadliger Ritter, aber kein Betrüger und Preller ist.
Sehlussszene.
Neidhart bei Hofe.
Neidhart kehrt mit seinen Rittern zum Hofe zurück; sie er-
zählen das Erlebte und Neidhart wird beschenkt.
Dass der Herzog Neidhart ein Pferd giebt, findet sich mehr-
fach.
Der Salbenschwank MSH UI 238» lässt gleich dem GrNSp
den Ritter nach vollbrachtem Streiche an den Hof gehn und seine
That erzählen. Ein Bote wird abgeschickt, der seine Aussage be-
stätigt, worauf ihm der Herzog ein Pferd giebt, MSH HI 240'' 1 .") :
„her Nithart, nu habt iu min pfert und allez, daz iur herz begert^.
— Anders liegt es im Schwanke von Neidharts tauber Frau
140
MSH m 241» . Da sagt der Herzog 243» 13: ^da vür gaeb ich
min bestez pfert". Zu einer Belohnung für Neidhart ist keine
Veranlassung. Nach der Eröffnung von der Taubheit der Frau
hat auch der Herzog wenig Aussicht mehr auf Erreichung seines
Zweckes, also auch keinen Anlass, Neidhart durch Geschenke zn
ködern und so über seine wahre Absicht hinwegzutäuschen. Es
wird . sich vielmehr nur um eine formelhafte Wendung han-
deln, welche die Stärke seines Wunsches ausdrucken soll. — Ganz
abweichend ist 186» i), wo Neidhart von den Bauern ein Pferd be-
kommt und auch sonst noch reich ausgestattet wird. Dieses Pferd
liesse sich eher noch mit dem im Säulenschwanke als Belohnung
ausgemachten vergleichen (462, 28).
Im Salbenschwanke war nicht gesagt, warum eigentlich Neidhart
das Pferd bekommt. Im GrNSp ist es besser begründet. Nur
mit Mühe ist Neidhart, dank der Schnelligkeit seines Pferdes, der
Bache der im Fassschwanke geäflten Bauern entgangen. Doch
solange er noch ein gutes Pferd hat, fürchtet er sich vor seinen
Widersachern nicht (4()6, i6ff.). Ausdrücklich sagt darauf der
Herzog, dass das geschenkte Boss, das beste aus seinem Stalle,
ihm in ähnlichen Lagen zu statten konmien solle (4(56, 24 fr.).
An sich konnte? man allerdings leicht Neidhart bei den meisten
seiner Streiche an den Hof fliehen und dort seine Erlebnisse erzäh-
len lassen. So geht er z. B. auch NF 654 an den Hof und wird
da freundlich empfangen. Ebenso MSH III IHt)** 10.
Weder für das Geschenk noch für die Schlussszene am Hofe
lässt sich eins der vorhandenen Gedichte dieser Art als Quelle an-
nehmen. EntwedcT hatte der verlorne Säuleiischwank diesen
Schluss, oder der Dichter hat ihn aus andern Erzählungen über-
tragen, oder aber der Fassschwank lag mit einer solchen p]rweite-
rung als Grundlage dem Spiele vor, di(* von der Fassgeschichte
nur durch Einschiebung des Säulenschwankes getrennt worden ist.
Zum Abenteuer mit dem Fasse passt^ das Schenken des Pferdes
besonders gut, und das GrNSp drückt diesen Zusammenhang gut aus
(4()(), n;-2ti), wälirend wo anders dieser Scliluss immer nur äusser-
lich ist.
Im GrNSp wird aber Neidhart nicht nur vom Herzog be-
schenkt, sondern die Herzogin will ihm auch „vier lange tuoch
von Gint'' geben (466, 3o), also kostbares holländisches Tuch. G^-
141
schickt ist das nicht. Um auch die Herzogin zu beteiligen, wird
das Motiv des Schenkens verdoppelt sein.
Dadurch dass Neidhart jetzt am Ende des GrNSp zum zweiten
Male nach seinem Unglück mit dem Veilchen auf dem Anger an
den Hof zurückkehrt, und man dort allgemein mit seinen ver-
übten Streichen zufrieden ist, hat er gelöst, was er sich 426, 7 t
vorgenommen hat, und wozu er 425, i aufgefordert worden war.
Es ist also damit ein einigermassen befriedigender Abschluss
des ganzen Spiels erreicht. Aber die Begabung Neidharts würde
sich besser unmittelbar an die Flucht aus dem Fasse anschliessen.
463, 24 könnte gut auf 457, 20 folgen, woran dann die Be-
schenkung anknüpfen würde. Die dazwischenliegende Ausführung
der Klage um Engelmar ist jedoch dabei nicht störend, da-
gegen ist der Zusammenhang zwischen der Fassgeschichte und
den darauf Bezug nehmenden Worten des Herzogs (466, 21 ff ) durch
das Abenteuer mit der Säule ganz unterbrochen. Dieses Stück
einfach als späteren Einschub auszuscheiden, ist aber nicht zu-
lässig, denn dazu ist es zu eng mit der Schlusszene am Hofe
verwoben, wo die Ritter 4()4, 28 ff.. 465, 6 ff., 30 rr. das Geschehene
erzählen. — Man wird vielmehr die Schuld dem Dichter selbst
beimessen müssen. Gleichviel ob er das Motiv zur Schlusszene
schon in der Quelle vorfand oder nicht, jedenfalls wollte er es
für sein Spiel mit der Fassgesehichte verbinden. Durch die
Hineinarbeitung eines neuen Schwankes hat er es aber leider zu
weit davon entfernt.
Überhaupt macht der Schluss des Spiels keinen vollkommenen
Eindruck. Wir erfahren aus dem Stücke selbst, dass noch eine
Weiterführung beabsichtigt war. 464, 23ff. äussert der Herzog den
Wunsch, die Bauern zu beobachten, wozu ihm 464, 28ff. der Ritter
sehr zuredet. Man muss wohl annehmen, dass Neidhart thatsäch-
lich dem Herzog eine solche Gelegenheit geben sollte. Dadurch
würde auch der Säulenschwank, dessen grobe Wendung der Ver-
fasser verschmähte, erst vollständig werden. Neidhart hatte den
Bauern versprochen, sich selbst ihnen am andern Tage wieder zu
stellen. Das Spiel sagt nirht^, ob er es gethan hat. Möglicher-
weise sollte Neidhart am folgenden Tage dem Herzog seinen
Wunsch und den Bauern sein V«rBnwaAhfln dadurch erfüllen, dass
er vor des Herzogs Auger <^mack bei den
U2
Dorfgesellen einfand. — Einigermassen ähnlich, aber viel unge-
schickter ist es, wenn der Herzog auf die Schilderung Neidharts
Boten auf den Schauplatz selbst schickt, die den Schaden der
Bauern sehn. MSH 240* 13, vgl. 186** 11. Wirksamer war es schon,
wenn er sich selbst überzeugte, wie etwa beim Kuttenabenteuer
sich Gelegenheit bot.
Eine offenbare Lücke lässt sich im Texte nicht auffinden.
Es scheint vielmehr, dass der Verfasser, der immer einen Schwank
^n den andern reiht«, selbst zum Ende drängte, da er sein Werk
zu sehr anwachsen sah. Der Plan für eine Weiterführung lag
ihm wohl im Sinne, wenigstens in Umrissen; dadurch aber, dass
er die gewiss schon als Abschluss des Ganzen in Aussicht genom-
mene Szene beim Hofe schon jetzt brachte, um ein Ende zu
machen, brach er auch die Weiterführung des begonnenen und an-
gedeuteten Motivs ab, wobei die Säulengeschichte ihre eigentüm-
liche Stellung innerhalb des ganzen Schlussstückes bekam.
Wie im ersten Teile 426, 9 wird nun auch hier zuletzt mit
einem Trünke geschlossen.
Stil des Spiels.
Der Stil des GrNSp ist ein ganz eigenartiger, von den übrigen
Stücken der Kellerschen Sammlung stark verschiedener.
Dass einige Teile des Spiels in vollkommen höfischer Sprache nach
der Art der Minnedichtungen gehalten sind, haben wir S. 83 ff. ge-
sehn. — Eine ganze Reihe von Wendungen und Ausdrücken er-
innert stark an die geistlichen Spiele.
Verwandsehaft mit dem greistlichen Drama.
Wirth hat unter dem Strich zu den Formeln der Oster - und
Passionsspiele eine Reihe Parallelen angeführt, die jedoch nicht
erschöpfend sind und wegen ihres Verstreutseins kein übersicht-
liches Bild geben.
143
Ich will unter Benutzung von Wirths und Köppens *) Zusammen-
stellungen versuchen, einen Überblick über die Stellen des GrNSp
zu geben, die an das geistliche Schauspiel erinnern *).
In den seltensten Fällen wird freilich eine unmittelbare Ent-
lehnung grösserer Wortfolgen sicher feststehn, denn das geistliche
Drama hat ebensowenig wie die geistliche Dichtung Überhauptsich seine
Formeln und Phrasen selbst geschaffen, es schöpft vielmehr zum
Teile aus der höfischen episch-l)rrischen Dichtung. So werden
auch im GrNSp manche Übereinstimmungen nicht Entlehnungen
sein, sondern parallel dem geistlichen Schauspiel aus gemeinsamer
Quelle geflossen sein. Dies gilt besonders von den der Minne-
dichtung eigenen Wendungen. Wie die geistliche und die welt-
liche Minne nebeneinanderstehn und ihre Bilder und Formeln gemein-
sam haben, so stehn auch in diesen Fällen GrNSp und geistliches Drama
nebeneinander auf derselben Grundlage fussend. Dass aber doch für
das GrNSp eine rege Beziehung zum geistlichen Drama anzunehmen
ist, lehrt schon das Teufelspiel. Am ehesten wird an unmittel-
bare Beeinflussung dann zu denken sein, wenn der Stoff schon die
Annahme ein und derselben Grundlage ausschliesst. Wenn nun
im GrNSp eine Reihe Wendungen dieser Art begegnen und zwar
durch das ganze Spiel, nicht etwa bloss in einzelnen Teilen, so
zeigt sich darin doch, wie die Ausdrucksweise geistlicher Spiele
auf den Stil der weltlichen gewirkt hat. Keine Behandlung irgend
eines Stoffes in einem weltlichen Schauspiel zeigt eine so grosse
Einwirkung von jener Seite her wie gerade die Neidhartspiele'),
deren Verfasser mit dem Formelschatz des geistlichen Dramas gut
vertraut gewesen sein müssen. Vor allem gilt das fürs GrNSp.
*) W. Koppen, Beiträge zur Geschichte der deutschen Weihnachtsspiele
Paderborn 1893.
*) Ich hahe den grössten Teil der Belege gesammelt, ehe Wirths Buch
auf der hiesigen Univ.-Bibl. angoschaflft wurde. Aus diesem Grunde kann ich
oft mehr Stellen anführen als Wirth giebt. Ich halte ihre Angabe in den
meisten Fällen nicht für überllüssig, obwohl ich nur das Hauptsächlichste
angeben will. Manches wird mir auch noch entgangen sein, weniger Wich-
tiges la^se ich weg.
•) Denn die Übereinstimmungen mit den Tanzszencn erklären sich umge-
kehrt durch Beeinflussung des geistlichen Dramas durch das weltliche Schau-
spiel. Ebenso di«' Quacksalbereien.
Auf dieselbe Weise erklären sich im GrNSp P*»
U4
393, ^ Schweiget, hört und verneinet
alle,
Lat euch dise red wol gefalle!
411, 8 [Ir junkiraun] sagt mir, wie
euch dass gefalle,
Euren rat lat mich hören alle!
vgl. 404, 13, 432, 28.
393, 16 Und will allen den tuen hckant
Warumh ich pin her gesant.
445, 19 Der ist Regenpart genant
Und ist zu Bravant wol hekant.
396, 27 Wolauf, ir herm, wir wellen
gen
Und nit lenger hie besten.
Vgl. 397, 17, 434, 6, 450, 4.
Leb. Jesu (Mone I 112), 933 Wille-
kome ir herren alle,
sagent mir, waz uch gefalle.
Eg. 5192 Laufft her zu, ir Juden alle.
Hurt, wie euch das gefallt*.
Wirth 189; Fsp. 591,24, Nchl 57,26.
Wirth 70, 164. Koppen 59, 62 f.
Mndrl. Osp [ZfdA IT] 1288 vrh allen
is he bekant
Jhesus is he genant.
Wien. Osp 301, 25: Herre, wir wellen
nicht lengor hie sten,
Wir wellen zu dem jrrab«» gen.
Koppen 72, Wirth 70f., 108f. Mndl.
OSp. 1096.
397, 21 Werden von dem tanz gestossen.
Darumb wellen wir tanzen mit unsem genossen.
404, 1 Hört und merkt der rechten
mär,
Warumh ich sei komen her.
417, 12 Ist iemant komen her.
Der da wisse neue mär.
451, 21 Ir herren, nu tret all her
Und veniembt neue mer!
W-irth 192 f.'
406, 25 Das war cur mit gewalt
Geben zu aigen manigfalt.
407, 9 Habt darumb meiner frauen
rat!
Mein ding alles an ir stat.
457, 24 Der euch stät gab gueten rat
Und was albegen ander pestcn stat.
434,9, 445,18.
407,26 Die ich euch will nennen,
Als ichs an eu tuon bekennen.
Eg 1863 Kunig Horodes, ich sag dir
neae mer.
Es seindt dreij fremd kunig
knmen her.
Sterz. Himf '). S. 5* war um seit ir
heut komen her?
Kunt ir icht sagen neue mär.
Wirth 166, Koppen 57,73. vgl. MSH
in 295» 19.
Wirth 102.
Wirth 71, 79.
Sterz. OSp Tichlcr S. 45 Ir herren ich
wil mich auch nennen
Dass ir mich mugt erkennen.
398, 18 Ich pin gehaisscn der Eisengrein. | Alsf.G935 Ich byn gnant herYscngryn.
{i:ber das Sichselbstvorstellen s. S. 46 und Wirth 153 f.)
Vielleicht auch 446, 34 Ich schluoch durch hiem und durch part ^
* iWirthl55, 8. S.
157.
Und tiefe wunden durch sein pain. >
459, ir> Kr kau die leut wol schroten. f
Imlus (!•' asrcnsioiir ('liiisti, li<ju:. v. Pichler, Innsl)!*. (ivinn. Progr. 1852.
145
412,24 Edlen fran, gehabt euch wol!
Die warhait ich euch sagen sol.
vgl. 435,'i8.
414, 18 Dass ich nun in schänden ste,
Dass thuot mir heut und immer wc.
vgl. 398, 21.
414, ^ ... So gar an all mein schuld
han verlorn!
Es w&r pesser, ich w&r nie gepom.
vgl. 417, 17.
414, 8 Dein guoten Worten gelaubet ich
wol.
Dein herz ist aller schänden vol.
431, 6 Denherren ken ich sicher wol,
Er ist des hailigen gaistes vol.
432, 25 Herr, der wein gevelt mir wol.
Trunk ich sein vil, ich wurd pald
fol. Vgl. 432,34.
422, 4 Under euch ist mir nindert
kainer so lieb.
Ich las in henken als ain dich.
422, 26 Des solt ir nit uns entgelten
lau.
424, 13 Er hat so ritterlich getan
Dass ir in wol mügt geniessen lan.
422, 30 Er mag wol schweren ain aid,
Es sei Neitharten also laid.
459, 9 Wärleich, sein ungemach ist mir
laid.
Dass sprich ich auf meinen aid.
461, 16 Ich wurd im aber füegen haim-
lichs laid;
Dass sprich ich auf meinen aid.
Wirth 80.
Leb. Jesu (Mone 1 123) 1222 daz we mir
hude und ummer me,
sin dot^dfit mime herczen we.
Eg 4566 We, das ich ie wardt gebom !
Wie hab ich'meinen herm verlorn ?
Münchner Chr .Leiden Fdgr 11 249 =
Carm. Bur. S. 100; vgl. Salm. u.
Mor. 137, 2.
Tir. Vorsp. 170 Her Luciper, dw kenst
mich wol,
Das ich pin aUer listen vol!
„ 180 Das merckht man an deinem
leben wol,
Dan dw bist aUer tugent vol.
Augsb.P8p. 1 1 90.— VgLRing 18, 5d,3i :
Ir se jt des heiligen gaistes vol.
Tir. Nchsp. 165 0 prueder, wie thuet
dier der trunck so wol!
Mit sölichen zügen wierstu paldt
vol.
Eg. 6218 Es sei dir leidt oder lieb
So mnss er haben als ein dieb.
Eg. 6277; Tir. P. 2401.
Hall. P. 1393 Des mnestu sy geniesse;
lan.
Eg. 873 Er hat euch alles guzgethan
Des solt ir in geniessen lan.
Tir. P. m 1332 (Pfarrk.) Dem sprach
ich das recht auf mein ayd :
Das muesz mier nu wesen ymer layd !
Eg. 2195 Er hat e&ch geschworen
ainen äidt,
Die fart die sol euch werden läidt.
Jg. Brix. 401, Alsf. 3526, Edelpöck
(Weinhold 244,260) 1367, 1875, Tir.
P. 2727, Tir. m (Pfarrk.) 265,
Graz. Weihn. Lied, Weinhold 422
u. ö. vgl. Wirth 162.
Vgl. Bolte, Bauer i. dtsch. Liede
110,59, 116,139; Winterst.
VI 2i; MSH 1850^ '
Fäp621i
XI
Gusinde, Neidhart mit dem Veilchen.
146
425, 1 Gtedenk st&t an die schänden,
Die nns von den pauren auf ist
erstanden.
425, 83 Ir g^^ hat si beweist an mir
Dass ich aas meines herzen gier . . .
427, 1 Ich pin gar ain frischer tegen.
429, 34 Ir seit ain rechter zag.
Für war ich ench das sag.
430,82 Ir herren, ich wiU euch sagen.
Es nahent zu den hailigen tagen.
445,15 Der hat zu hant sein leib verlorn.
Des haben si ain aid gcschwom.
452,18 Höre, wie redestu also?
Wir sollen alle wesen fro. vgl.
458, 19.
452,33 Ich schwer pei meiner treu, als
ich 8ol,
Ich pin icz zomes vol.
452.32 Wärleich, freunt, du redest j
rocht.
Uie ist so mänig fruuim knccht
454,27 Er sei dan an springen ain holt
Und an tanzen ausser weit.
455.33 Ich wil euchs mit nichte ver-
tragen,
Ir müest mir ie die warhait sagen*
vgl. 453, 4, 439, 27.
456, 80 Frumen gesellen, nu ziehet die
Schwert !
Der tanz ist wol ains haucns wert,
vgl. 447, 5.
457, 26 War herr Englmar hie ge(we)sen,
Herr Neithart war nit genesen,
vgl 460, 19.
458, IG Dass mag ich für war jehen,
Wann ich habs selber gesohon.
vgl. 466, 32.
Wirth 85f. 115.
Eg 743 Ich bit dich aus meines herzen
gier,
0 herr, nun gib ain zaichen mir.
Erl II 195 das ich auf gnad zu dir
pracht han in grosser gir.
Wirth 152.
Wirth 109.
Eg 3453 Ir herm, ich wil euch sagen.
Es nacht sich zu den heiligen tagen.
vgl. Tir. P. 276, Alsf. 3239, 3670.
Eg 101 5 Es ist alle straffan euch verlorn;
Des hab ich ainen aid geschworu.
Eg 2331, vgl. NF 997.
Tir. Pass UI (B.H.) Wackemell S. 506, is
Und wer dem also
So solt wir alle wesn fro.
vgl. Wirth 111.
Koppen 63 f.
Wien. OSp 308, 5 Herre, merket mich
gar alle recht,
Dorte sten aUe euer knecht:
Wirth 156.
Wirth 114.
Wirth 117.
Wirth 158 f. 101. Erl. IX 267.
vgl. Fsp. 494,14.
Sterz. Himf. 7» Ich wil es in der war-
hait jechen,
das ich Jesum hab gesechen.
Augsb. P. 2587 Das ir furwar mugend
jehen, das grab habt ir lär gesehen.
Sterz. OSp. Pichler 45; Wirth 112,63;
Koppen 61 f., 69.
147
458, 88 Ungemach hab ich nnd zorn,
Dass Englmar hat verlorn . . .
461, 18 Merkt mich gar rechte!
464, 2 Wie sie sein weiten beginnen.
Da ward sein ain ander innen.
465,12 Do gelobten si im hnndert mark
zu geben,
Dass er verriet des Neitharts leben.
Wirth 111, 190.
Wirth 85, 149.
Angsb. Psp. 1112 Waz man mit im
sol beginnen,
das werdend ir an im wol innen.
Angsb. P. 889 Ynd in vmb dreyssig
Pfenning geben,
ich furcht, es gang im an sein leben.
Wirth 118,99.
Verwandtsehaft mit der Sehwank- und Splelmannsdlehtung.
Noch bedeutend grösser ist die Verwandtschaft mit der welt-
lichen Dichtung. Da Neidharts Persönlichkeit und Kunst för die
späteren Spielleute ein gewaltiges Vorbild gewesen ist, das freilich
keiner zu erreichen imstande war^, so liegt es von vornherein
nahe, auch in den Neidhartdramen die Spuren seiner Nachfolger
zu vermuten. Ein getreues Bild des wirklichen Neidhart dürfen
wir überhaupt nicht erwarten; auch der willigste Dichter hätte
das nicht schaffen können, denn zwischen echten und unechten
Neidhartliedem gab es keinen Unterschied, üngesichtet ging die
ganze grosse Masse der Nachdichtungen unter seinem Namen und
entstellte sein Bild. Die echten Gedichte wurden vielmehr noch
zurückgedrängt durch die beliebteren Schwanke der Nachahmer.
So wird es erst erklärlich, dass in einem Spiele, wo Neidhart die
Hauptperson ist, so verschwindend wenig an seine geschichtliche
Persönlichkeit erinnert.
') Wenn Berger, Volkstümliche Grundlagen des Minnesangs ZfdPh 19,485
Neidhart den Ausgangspunkt einer niedergehenden Bewegung nennt, so stimmt
das, wenn er den Dichter selbst davon ausnimmt. Wenn er aber 8. 486 be-
hauptet. Neidhart stehe dem Volkstümlichen ohne Gemütsanteil
es diene ihm nur zur Unterhaltung der blasierten, durch die eintös
Minnepoesie ermüdeten Kreise, so heisst das doch die nrwüeh
Art Neidharts von Grund aus verkennen.
148
Neben dem StPSp ist das GrNSp das einzige, welches seinen
Helden noch als Dichter kennt (s. S. 70). Er ist also wenigstens
noch nicht ganz zur geradezu typischen Figur des Banemverspotters
geworden.
Die Spiegelgeschichte, welche am letzten Ende an ein wirkliches
Erlebnis des Dichters anknüpft, ist im GrNSp wie Neidh. XXX 6
ein Schwank wie alle andern Schwanke, ohne jede Erinnerung an
ihn. — Nur noch dunkel herrscht die Vorstellung, dass er ein
Lehen von einem Fürsten bekommen habe, wenn ihm der Herzog
als Sühne unverdienter Ungnade 425, 5 Struompüechl und das
Kaisertal ^) verleiht. — Damit sind aber auch die Erinnerungen
an den mrklichen Neidhart der Geschichte zu Ende*). — ümso-
mehr war der Verfasser mit den ihm falschlich zugeschriebnen
Schwänken vertraut, die mit am beliebtesten in der ganzen Litte-
ratur des ausgehenden Mittelalters waren. Hier war er gründlich
zuhause; von hier entnahm er, wie wir sahen, für den Hauptteil seines
Spiels die Quellen. Doch wie der Stoü' des Spiels jenen erfindungs-
lustigen Kreisen fahrender Spielleute fast ganz angehört, so er-
innert auch der Stil des GrNSp allenthalben an sie in zahlreichen
anklingenden Wendungen.
446, 29 Dass ich uicmant wül vortragen.
Ich hau im durch sein kragen.
443, 3 Oder ich schlag si uuib den
kragen.
MSH ni 240b 5 die würden beid ze
tod erslagen
Ulli verschroten durch den kragen.
vgl. NF 191.
Fsp 476,23 Ich slach dir ab dein
kragen.
Das dir feit der gumpast aus dem
magen.
Jutto 936, 82, Erl V159, Tir. P. HI 901,
Eg 2389, Wirth 173.
*) Vielleicht darf man bei Kaiscrtal an den Flecken Kaiscrthal in Steier-
mark denken, s. Rudolph, Ortslexikon. Für Struompüechl finde ich keinen
Anhalt. Es ist jedenfalls wohl anzunehmen, dass hier wirkliche, nicht erfundene
Ortsnamen vorliegen ; mögen sie nun im Original gestanden haben, oder erst
bei Gelegenheit einer späteren AuiTührung hereingebracht worden sein, um
dem Spiele lokalen Charakter zu geben.
') Für Neidharts Verhältnis zu den Bauern, besonders zu Engelmar und
Friderun, haben sicher unechte Gedichte dem Dichter zur Grundlage gedient;
vgl. S. 128f.
149
446, 31 Lnngl nnd leber kan ich spal-
ten,
461, 28 Wir zerhauen in so gar,
Kopf, arm, ripp und den leib.
406, 19 ... . Den ich zu diser weide
hie han.
Das seit ir, junkfrau wolgetan!
407, 13 Wolt ir auf zweifei gen mirstan,
432, 2 Ich will dir sagen, guoter man.
Du hast Sünde vil getan.
4*29, 1 , 418, 29, 456, 5, 35.
412, 13 Allererst will ich heben an
Ze singen, was ich gelernt han.
454, 12 Wolher, ich will uns ains singen.
Das pesto lieid, das ich [singen] kan
Und neulich gelernt han.
417, 22 Der was der herzogin so zart.
413, 5 Hab dank, ir werder Neithart,
Wir wellen dar zu diser fart.
466, 11 So leit es dir, Neithart, hart.
Pegreifen si dich auf ain fart,
vgl. 399, 20.
431, 30 Auf meinen feint Neithart,
Dem wird es lenger nit gespart.
452, 20 Du redest als du gepachen hast.
401, 1 Nu sei in allen trutz und tratz!
MSH ni 187b 5 Ynezo hend und arme
sach man risen,
langen, lebem, nasen, oren, köpf
und kragen.
=293» 5; vgl. 260^ 11,214»10, Ndh
169, 43.
Ndh 42, 38 diech da meine: daist diu
wolget4ne.
Ndh LY 20, 15, 99 u. ö. bei Neidhart;
Vogt, Salm. CUIf.
Ndh 64, 15 nü klinget er üf zwifelund
üf ungewissen Ion.
MSH in 239* 8 der eine sprach: du
guoter man,
ich han dir leides vil getan.
MSH m 295b 22 Ich sänge iu daz
aller beste, daz ich kan.
Uhland Volksl. 203, l Was wollen
wir aber heben an ?
das best das wir gelemet han= 163, i
139B, 1; vgl. 168,1, 198,1 ,
Böhme Altd. LB S. 448 Nr. 371, l
u. ö.
Ndh 139, 9 Büedel der wartnie so zart,
s. S. 21 zu StPSp 11.
NF 3880 Hie endet sich auf diser fart,
Das lesen des edlen Neithart
vgl. Ring 23,7, 16; MSH U 85» 19;
Uhland 249 (Heselloher), 3, 2 n. ö.
NF 1538 ich schaw, ob es sei herr
Neithart,
wer erss, er würd nit lenger gespart
MSH III 238» 1 unt wirst euch langer
niht gespart.
Ndh XYI Lesarten: ir redet als der
gebachen hat.
MSH m 2 13b 7,220b 5,282a6;Ro8eng.
38,268. vgl. Renner 7145;
Heinr. v. Freib. Schretel n.
Wasserb&r (ZfdA 6,183) 326.
0 vgl. Anm. dazu Fsp. 1510, Nchl. 343.
150
894, 25 Mit den sült irin frenden leben.
410, 28 Der winter der ist gar gelegen.
403, 7 So will ich anf an den raien.
Last ans tanzen umb den maien.
408, 2,480,8, 26, 411,13.
427, 2 Es get gen dem maien,
So Mätz nnd Irmel raien.
vgl. 413, 9.
426, 19 Füer si schon an denn raien,
Dass mir den tanz nit zwaien.')
400,6 Derain get anss, der ander get ein.
447, 19 Küener dann das eberschwein.
400, 16 die maine
448, so Eckereich der Icirat.
446, 3 Egkereich sol ain leim han,
Schürzencsl sol die tmml schlan.
455, 18 Egkereich, hebt mit leiron an !
418, 15 Des dunkt er sich wol gemait*
404, 10 Ich und mein rittcr gemait
404, 5 Es nahent gen der maien zeit,
Die uns allen frenden geit.
410, 25 Es get gcu des maien z eit,
die uns neue freüde geit.
NF 3099 Kinder, ir solt mit froden
leben!
Ndh. XXX 10 Winter der ist hie gele-
gen ^).
MSH 111219* 1 nu 8ül wir disenmeien
tanzen undereien. — 227* 5, 215 ^5,
Ndh. 131, 28, 19, 29, 83,6, 21; Fsp.
901, 32, u. ö.
Fsp Nchl. 228, 29 Nu geht es an ain
zwejhen.
Pfeiff auff vnd lat uns rajen.
Tanh. MSH n 88 ^23.
Ndh 1 5, 26 ir mägde,ir solt iuch zweien,
geindirre lichten snmerzit in hohem
mnote reien.
vgl. Fsp. 716, 6 (8. S. 81).
NF 518 einer luffanss, der ander ein.
Ndh 229, 68 ergienclimmendejils ein
wildez eberswin..— 232, 6; NF 2373 ;
Fsp 589,23.
Ndh.XXXrV 1; MSH U 87» 29, 93* 3.
Ndh 49, 36 Erkenpreht der liret,
so sumbert Sigemar.
MSH m 283b 6 Engelmar der liret
wol, Gozpreht derkan piifen.
Ndh. XLDC 25 des was ich mit triuwen
vil gemeit.
XXXVI 23. 17,2; Vogt, SalmanCLl.
ZfdA 29,151 ;Wirth 82, 152.
Ndh 131 diu snmerzit, diu uns allen
freuden git.
31, 17 uns knmteinschocniu sumerzit
diu nach trüren vröudo git.
32, 15, 26,3i; MSH U 134» ix 1,
392» VII 1; NF 3283; MF
92, 14; Uhland, VTksl. 185, i;
Laur. 273. ZfdA 29, 150
u. 195.
*) vgl. Manlik, Die volkstümlichen Grundlagen der Dichtung Neidh. v.
R., 17. Jahr.-Ber. v. Landskron i. Böhmen 1889 S. 4.
^) zwaicn hier mit andrer Bedeutung als gewöhnlich. Ebenso Fsp.
716, 7.
151
420, 84 Wir wellen euchthaonso gedon,
Dass pfranmen und die pon
Vor ench peleiben in dem gäa.
421, 5 Weichet im, er kan wol pfrau-
men essen.
421, 16 Dass dn empoissest nimmer
kainer pfraamen.
466yi Die schwert si widerstreit zuckten.
MBH UI 279« 5 wer sol tut dich die
herten honen ezzen.
Ndh 282, 7 si bestüendcn wol
einen kezsel honen vol.
Sterz.Sp XYn 439 Sy sprechen, er
mng nimmer opfl essen.
433, 15 Nummerdam.
NdhXXVU 16, 36, 4; MSH IH 199 M,
203»1, 219» 2,288 l>l; NF
3118. — Hätzl.I8, 18, nsw.
NF 552; vgl.Fsp 68, 18, 656, 85, Nchl.
228, 16; Sters. 8p. YII
227, XVm 254.
Ausser diesen Übereinstimmiingen mit den nachneidhartischen
Gedichten finden sich im GrNSp auch an andre Dichtungen Anklänge,
die entweder gleichfalls zur Spielmannspoesie gehören, oder doch
mit ihr nahe verwandt und von ihr beeinflusst sind. Hierzu kann
man die Belege aus der didaktischen, der Schwankdichtung und
aus den Fastnachtspielen stellen.
405, 10 Die katz wirft an den pachen.
Ob si mit lustigen sachen
Müg behängen dar an.
440, 8 Si truegen auch, ich habs nit
erdacht, vgl. 441, 28.
438, 2 Er ist wol ain pöse gall.
414, 1 Das laster, das ich von dir
han.
414, 29 Der [an] mir das lastor hat
getan, vgl. S. 72.
466, 5 Ich war lieber gewesen in
dem zehenden lande.
Keller, Erz. a. ad. Hdschr. 232, 13 mit
frölichen sachen.
Fsp. 1136,138; vgl. Trist. 11543,
Walth. 65,20.
Hätzl. II 8, 182 Mainst, ich wöll also
versitzen Bis das ich mich bed&cht.
Das mir ain kats ain pachen prächt.
Vgl. LS n 641, 143.
Vogt zu Salm u. Mor. CXXXVII.
Wemhold hieran Nchl. 342. Fsp 519, i7
= 728, 17.
Salm n. Mor 83, 2 des muste ich umer
laster hän.
„ 139, 4 daz ist daz groste laster
Daz du mir ie hast getan.
Fleck, Flore 1292, 2564 und ob ich
wurde versant
in daz zweinzigestelant;
Z. f. Volkspsych. 19, 208f. Anm. z.v.
49—53; Freidank 96, 16; Sterz.
Sp. IV 150; Müllenhoff,
Schwerttanz (Festg. f. Ho-
meyer) S. 125, 14.
398, 4 So haiss ich der Ackertrapp
Und pin aachainmüesaliglapp.
898, 11 Ja, her Ackertrapp,
Ich pin auch ain arme läpp.
429, 10 Ir herren, ich sag euch das,
Ir tragt im grossen neid und has.
430, 15 Ir herren, ich sag euch das.
Ich trag im neid und has.
vgl. 431, 28, 418, 12, 423, 20.
410, 29 Ich sag euch fnrwar das.
464, 84 Si sprechen auch furwar das.
8. das vorige.
396, 12 Hah an dich, du groher paur,
Du ackergurr, du kuchenknaur!
400, 7 Eündl, du soll mein lieher
puel sein. Tgl. 410, 9, 19.
414, 5 Gelauh mirs auf die treue
mein.
453, 82 = 464, 22,29 Dass sprich ich
auf die treue mein.
424,27 Was ir,frau, weit, das süi sein.
41 9, 27 Wir haben zu laufen ferr und
weit.
Heben wir uns, es ist wol zeit.
398, 1 Ich will euch sein perait,
Halt wem es sei lieb oder laid.
415,23 Dass muossmir immer wesen
laid
Und will albegeu sein perait,
(vgl. 398, 7 , 404, 17, 442, 6, 455, 13,
466, 2.)
152
s. 8. 21 SU StPSp 51. Fsp 344, 16 Ich
bin ein alter ackertrapp
Und auch ein rechter dorflapp.
Bolte, Bauer i. dtsch. Liede 117, 148; H&Ul.
I 29, 75, Erl n 309, Fsp. 91,
19, 618, 12, 857, 10, Sten. Sp
X 71, 461, XV 568, Schnorrs
Arch. 3, 2,''6.
Von derpaum Chirchweihe (BragurVTI, l ,
198 ff.) V. 31 Vn trest ir ze
alln Zcitn haz.
Sterz.Sp XI 609 Furbar sag ich euch das ^)
vnd red er woU an allen hass.
Vogt, Sahn. CLI, CXXin, Wirth 164i).
MSH^I 350^ II 4 vür war sage ich ia d&z.
Erz. a. ad. Hdschr. 211,^27 Derselbe man
hiess knawr
Vnd waz ein rechter gepawr.
Erz. a. ad. Hdschr. 196,1 Das sol dein
holder pül sein. s. S. 14.
Neidh. 12, 37 ich sage ez bi den triuwen
mini).
Vogt Salm CXXXVUff. Wirth 162.
Fsp. 212, 8 , 367,14, 588,33 u. ö; Erl II 47,
Eg 614, 3607 u. ö.
s. S. 22 zu StPSp 21.
Fsp 120, 11 Und gebt uns Urlaub, es ist seit.
Wann wir noch müssen ziehen weit.
= 159, 17, 364, 21, 600, 2 u. ö.; HaU. P.
106,735; Brixll40; Tir.Vorsp.1148 u. ö.
Fsp 990, 17 Es sey ycmatz lieb oder layd
„ 1001, 12 Es sey ym lieb oder layd
Nchl. 259, 9; Helbl. 4,288.
Erl V 65 es war uns lieb oder laid;
da von ste auf und wisjperait.
Wirth 167. 10 Jgf. S. 21.
*) Manlik, Die volkstüml. Grundl. d. Dicht. N. v. R. U, 18. J.-B. von
Landskron i. B. 1890, S. 16.
153
403, 24 Der ist ain held unrcrzait.
410,5 Veiol, ritter anverzait.
401 ,i7La dich nicmant überschnellen !
414,14 Wafenmirheat und immer
mef,
Wafen meiner grossen er.
400, 28 Des pin ich ainer maid wul
werd.
Ich trag heur nan mein erstes
schwerd.
427, 4 Ich maess haben ain newes
swert.
Ich pin wol ainer diem wert.
433, 33Künd ich ain wenig singen und
lesen.
Ich wolt ain münich ewigklcich
wesen.
434, 28 Und künden weder singen
noch lesen.
Vor dreien tagen sein mir pauren
gewesen.
399, 13 Oerdrant pin ich ain diem
Und han zwai tüttl als zwo picm.
NF 2358 derselbig gensloifel vnuerzeit.
Ring 9, 3<l , 12 Lecbdenspiss der unrerzayt.
Suchenw. XXYIU 210 Ich sach nie helt so
unvertzait. Fsp 549, 18, 552, 4,
Sterz. OSp (Pichl.) 45, Augeb.
PSp 2071, Jutta 918, l, 931, 4,
Vogt, Salm CUn, Wirth 152.
H&tzl. II 8, lOOYntwilt den vberschnellen.
s.S. 21. Fsp509, 18, Nchl55, 22, 135,7,
160, 29, Bartsch LD 304, ö5üt Wirth 168,
Red. 655; jg. Brix. 3161;
Ueidelb. 5655. — Sterz. Sp
IX 407 Oweheut ynd jmer mer
der meinen grosseer!
Renner 1615 zwar herre, der ist ein fromm
knecht.
und ist hevr elter denne vert,
Seht, herre er treit sin erstes swert.
Fsp 209, 3 Und kunt ich lesen, singen
und schreiben.
Man must mich lan im closter bleiben.
Germ. 33, 269 vn wolt onch ein nunne
wesen
do kond sy weder singe noch lesen,
vgl. StSz 237.
Keller, Erz. a. ad. Hds. 179, 2 Mit syn-
wellen pristen als die pirn.
194, 17 Hat zben tütten als zbo
tlaschen.
423, 31 So gebt im eur huld,
Wan C8 was an sein schuld.
464, 33 Wie sie in weiten zureissen als
ein hnoi).
s. S. 21 zu StPSp 47.
s.Keinz zu Meier Helmbr. 1851, Haupt
zu Erec 5483.— Ring 253,56d,i6De8
achtiu wir recht sam ein huon.
154
408, 84 So wist, dass ich each grüss
Von der schaitl pis auf die fües.
IJhland, Yolksl. 3, 9 Jnnkfraw, ich soll
euch grussen
von der scheite! hiss auf die fusse.
Bartsch Md. God. 13, 417 Von der
scheiteln üf den yüz.
\ISHIII439* 12,Par«.319, 2S,Eracl.
(Graef) 2192.
Hierher gehören schliesslich auch die auf den Tanz Bezag
nehmenden Stellen.
397, 10 =448, 23 Darzn mit springen und
mit spranzen.
Das uns mit neuen tanzen ....
402, 38 Mit den so will ich tanzen
Und frischlichen umh hin schwänzen,
vgl. 418,5.
395, 32 Ichpit euch, das irmit mir tanzt.
Ich will euch geben ainrosenkranz.
397, 26 l'ud will mit Elsen an den tanz
Und verdienen den rosenkranz.
451, 25, 3:1.
395, 3 Also thuon auch die zarten
frauen,
Die sich an dem tanzen lassen
schauen. 397, 15 = 448, 28.
416, J7 Der hat si alle dar gepeten
Und will da ain raien trotten.
413, 7 Mit pauken und mit saitenspil.
Kürzweil sullcn wir ptlegen vil.
Sterz. Sp XXII 278 So ge her vnd lasss
vns tanntzn !
wir wellen frischlich vniher
schwantzcn.
Fsp 57, 38, 1007, 9, Storz.Sp I 555, II
298, XVU 660. Wien. PSp
327, Heinr. Trist. 633.
Fsp 92, 26 Das sie im gibt zu Ion ein
kränz
Wenn er zuir kumpt an den tans. vgl.
Roseupi. Fsp. 1105, 6 Ynd springt hin
an den tanntz . . .
Biss er verdyent ein krants.
Sterz. Sp. XVm 336, XI 161, Erl. m
492, IV 230.
Tanh. MSHn 83l> 18,86» 16,88b 18,
25; Steinm. MSH U 156l> 2;
Scharfenb. I 349» i 2 n. ö.
8. S. 22 zu StPSp 37.
Fsp. 581, 23 Junkfrau Metz, seit gepe-
ten.
Ich wil den reien mit euch treten.
vgl. 582,14.
Sterz. Sp. X 53 Vnd auch mit mengem
saitn Spill
da khan ich kurcz beill also vill.
Laur. 837, Walb. 1231 u. ö.
155
454, 11 So mag nns gen Fridrauncn
wol gelingon.
Wolher, ich will ans ains singen.
439, 14 Das was ainguot singen,
Dass euch all wol maess gelingen.
8. S. 110 hicrzn.
451, 16 Mit hübschaitnnd mit singen,
Mit tanzen nnd mit springen.
451, 29 Ich main mit hübschem singen.
Mit tanzen nnd mit springen.
416, 31, 402, 81.
MSH III 212b 3 Der minen yronwen
wil ich Yür baz singen;
ich hoffe, mir sol gelingen.
Tanh. MSH H 85« 20; Fsp. Nchl.
120,80.
Wirth204. vgl. ZfdA 29, 148; Manlik
17 JB T. Landskron S. 28.
Fsp 521,12 = 737,18 Gar hubschUch
sagen nnd frolich singen,
Mit den jnnkfrauen tanzen nnd
springen.
727,15, 744,29,276, l2.Wirth2l8,Alsf.
143.
Tanh. MSH D 82^ 23, 28 n. ö.
Ganz im Ton der Nachahmer Neidharts ist vor allem die
Schilderung der Bauern. Die Verspottung ihrer Kleiderputzsucht
im Teufelspiel ist S. llTff. besprochen worden. Doch der Bauer
begnügte sich nicht damit, die vornehmen Kreise im Anzüge nach-
zuäffen und zu überbieten, sondern in seinem ganzen Gebahren,
im Gehn, im Sprechen und besonders im Tanze suchte er den
Vornehmen zu spielen, meist mit lächerlichem Erfolge. Das GrNSp
sagt 440, 33 ausdrücklich ; „mit gewantund mit gepärden". „Hovesite",
oder was dasselbe bedeutet: „niuwesite" ist dem Bauern ein erstre-
benswertes Ziel geworden. Umsonst sind alle Mahnungen, bei
Pflug und Reutelstab zu bleiben. Die „hovesite" hats ihm angethan.
Vergebens suchen die Dichter den Bauern daran zu erinnern, dass
er doch „von allen vieren anen ein gebüre** sei (Ndh 91, 15). Nach
Neidhart häufen sich die Klagen. MSH III 289» 3 „Owe! armer
hove site, daz din manger niht enbirt". 213^ 9 „die weiten nie
gelouben reht, daz si akkertrappen sin : unt taet ez in noch zei-
nem mal so zorn, ja ^vurden si von adel nie geborn! ir adel den
erkenne ich wol, swen si den pfluok begrifent bi dem hörn**«
Helbl. Vni 392 „dienstman, ritter, gebüren, daz hän ich in mi-
ner aht, wir werden schier einer slaht hie in disem lande". Vgl.
Ndh 86, 23 „Er wil ebenhiuzen sich ze werdem ingesinde daz bi
hoveliuten ist gewahscn unde gezogen". Teichner Anm. 231):
„Wan ein gebüre habet den pfluoc, daz ist adelic genuoc da wirt
er ouch behalten mit. Aber wil er hofsit an sich nemen für den
156
gart, 86 bellbt er niht an slner art, er hat höchvertllch getan".
Vgl. Fsp. 104, 19, 106, 29.
Am meisten äussert sich diese Sucht in der Pflege der hove-
tenzel, die den althergebrachten Reien vielfach verdrängten. War
dieser wild und ausgelassen, so war der höfische Tanz ruhig und
gesetzt. Er wurde „getreten", jener „gesprungen^)". Ob aber die
hovetänzel wirklich in dem ihnen zukommenden Schritt getanzt
wurden, ist mehr als fraglich. Das wilde Springen wird überhaupt
bei diesen Tänzen auf dem Dorfe sich sein Recht verschafft haben, so
dass sie mehr wie eine Karrikatur werden ausgesehn haben. Hat
sich doch Erkenvrit sogar einen Fuss beim Tanzen verrenkt.
Neidh. 63, 38 : er h&t den vuoz verlenket hiwer an einem geilen
trit. Im GrNSp tanzen die Bauern ihre „hüpsche stolze trit"
„nach dem hoffgesitt" (396, 31 = 448, 11) besser als die Ritter
selbst. So behaupten sie wenigstens (397, g f. = 448, 19 f.). Schon zu
Neidharts Zeiten galt den Bauern der Hoftanz als etwas besonders
Feines. Ndh. 40, 22: „so sult ir alle sin gebeten daz wir treten aber
ein hovetänzel nach der gigen". Ebenso heisst es bei Späteren:
Ndh 227, 26 „nü strichet üf bald einen rehten hovetanz!" vgl.
227, j3. MSH III 282^ 9: „si solten hoppaldeies ptlegen: wer gab
in die wirdikeit, Daz si in der spillestuben hovetanzen künnen?"
vgl. 264* 8. Hätzl. I 29, 34: „Den adel tantzensy gemain". Hesel-
loher 3, 12 (Haiimann S. 453, Bolte S. 51): „her ölsenzolss, her
SchoUentrit kan tantzen nach dem newen sytt. vgl. Bolte S. 117, 149;
Fsp. 104, 18, 581,2, 582,4 u. ö.
*) Einen Begriflf vom höfischen Tanze giebtdie Darstellung unter den Fresken
von Runglstein [Freskencyklus d. Schlosses Uunkelstcin bei Bozen nach Orig-
Gemäldon gezeichnet und lithografiert von Ign. Scelos, erklärt von Dr. Ign.
Vinz. Zingerlc, hrssg. v. Ferdinandeum in Innsbruck Tafel 20], und einige
Zeichnungen zur Chronik über Voler von Hagenhach [Mone, Quellensammlung
der badischen Landesgoschichte 111 Taf. 15. IG; Auch die übrigen S. 324 — 7
in den Anmerkungen beschriobnen Zeichnungen lassen ihn gesetzt erscheinen.
Das gilt aber nicht von Kap. 77]. Da die Bilder dieser Chronik Porträte
sind, steigert sich auch der Wert der Abbildungen. Die Vorlage der Chronik
fällt etwa 50 Jahre nach der Abfassung unsres Spiels. — vgl. Boehme, Gesch.
d. Tanzes I 30, Schröder, Gosches Jahrb. I 52 f. — Dagegen vgl. man die
Bauemtanzbilder. s. S. 124 Anm. 3.
157
Dabei geben sich die „sprenzelaere" grosse Mühe, es so zier-
lich und fein wie nur irgend möglich zu machen. Im GrNSp
39G, 83 = 448, 13 heisst es: „Si tretten hin auf den zehen, Das si
nit gen auf den versen". Ebenso MSH III 196* 4 = 205^ 7 „uf
den zehen slichents hin nach dem niuwen hove sin", vgl. 200* 3,
289» 2. 196* 4 heisst es weiter: „Wie si wenkent und ouch len-
kent unt verschrenkent tanzes trit". Ndh 228, 42 „zehant verkßrte
er slnen ganc nach spaehem hovesite". — Den Madchen mag das
allerdings gefallen haben, vgl. MSH III 236*^ 6: „durch die schoenen
Mazzen pfligt er niuwer site". In Wirklichkeit wird ein solcher
Tanz nur äusserst gespreizt und lächerlich ausgresehen haben.
Im Stile von Neidharts Nachdichtern sind femer die Über-
treibimgen ins Masslose. 446, 22 sagt Schott^nschlicker: ^Mir
wellen im die verch rüeren Man mag ain pfluog da durch füeren
Das er nindert rüeret an**. — So sagt Neidhart schon 57, 1 „er
slahes daz diu sunne durch si schlne". und 50, 25: „ich slahe in
daz sin offen stat ein eile." Die Nachahmer sind in Übertreibungen
sehr erfinderisch. So heisst es Ndh 158, 22 „ich trenne in üf daz
man wol einen sozzel in in setzet;" MSH UI 289^ 6 „durch in
so muoz ein straze gan, daz man vür hin vert mit einem wagen;"
MSH III 224* 12 „man het wol ein kalb in in gestozen"; Sterz
OSp Pichler 45 „durch die Wunden schluf ein ku"; ühland, Volksl,
246, 3 „ein ku war durch die wunden auss gekrochen". Ganz
derselbe Geschmack spricht aus der angeführten Stelle des GrNSp
und aus den übrigen Bauernrenommistereien 446, wir. (vgl. S. 144
Anm.).
Derartige Übertreibungen sind zahlreich ins geistliche Drama
gedrungen, s. Wirth 153 ff. Hauptsächlich sind es die zur Grabwache
bestellten Ritter, die mit grossen Worten sich selbst, ihre Waffen
ihre Tüchtigkeit und ihre Tbaten rühmen^). Mit dem immer
stärkeren Vordringen der Spielmannsart in den geistlichen Schau-
spielen wurden auch solche Renommierreden besonders beliebt.
So wird z. B. eine solche Szene Erl. V 123 — 208 von jüngerer
*) Weinhold, Goschos Jahrb. I 24 f.
158
Hand noch erweitert. An solchen Prahlereien ist das Sterz. OSp
Pichler 143 besonders reich ^). Ebenso Pichler 45.
Man könnte vermuten, dass bei den Banemrenommistereien
446, 14 ff das geistliche Drama das Vorbild für das GrNSp gewesen
sei. Die Tendenz ist die gleiche, in den Wendungen findet sich
Übereinstimmendes; doch es zwingt nichts, für diese Prahlreden
den Umweg durchs Osterspiel anzunehmen. Der Ausdruck „Kepfeisen"
erinnert an die Neidhartdichtung*). Dieser Quelle scheint in der
That der Verfasser bei der Charakteristik der übermütigen Banem
gefolgt zu sein, nicht den Osterspielen.
Der Dichter kannte schliesslich nicht nur die seinen einzelnen
Szenen zu Grunde liegenden Gedichte genau, sondern er hat auch,
wie wir sahen, aus andern, nicht verarbeiteten Stücken mehrfach
Züge herübergenommen.
Oberelnstlmmungen Innerhalb des Spiels.
Innerhalb des GrNSp selbst findet sich eine ganze Anzahl
wiederkehrender Wendungen, deren Vorkonmien an verschiedenen
Stellen des Spiels nicht unwichtig ist. Bei den Zusammenstellun-
gen über die Berührungspunkte mit der geistlichen und der
Spielmannsdichtung S. 144 ff. und 148 ff. ist schon eine Eeihe solcher
im GrNSp mehrfach wiederkehrender Wendungen angeführt worden.
Diese Beispiele lassen sich aber noch bedeutend vermehren. In
den beiden grossen Tanzschildenmgen im ersten Teile und nach
dem Teufelspiel entspricht wörtlich 396, 39 — 397, le = 448,
Femer ist zu vergleichen:
^) Gerade dieses Spiel ist stark von Neidhart und seinen Nachfolgern
beeinflusst. Neidhart und die nach ihm benannte Dichtung werden nicht nur
zwei Mal S. 148 und 168 erwähnt, sondern es erinnern daran auch die Namen
Unverzait und Wagendrüssel.
«) Neidh. 228, 89, 239, 52, 55, 88, Haupt hierzu S. 164, MSH III 203h 4,
220* 3, 279a 7, Schultz HL ü^ 214 Anm. 5.
159
393.12 Das si sich künnen hüpslich ziere n
Mit gnoten lenten und hofficron.
vgl. 401, 22.
393. 14 Den will ich wol günnen zwar,
Das si tretten an disc schar.
394, 7 Si ist der schönisten frauen aino,
395, 20 Ich nnd die gesellen mein
Wellen da hin mit dir alle.
396,9 Und anf eur har ain grüenspörtl.
398. 15 Und wolte euch mit nichte lan.
399, 16 Got geh ans gclück und hail!
399, 23 Ir solt vam an discr schar
(: Engelmar).
400, 24 Anders ich mnoss ligen tod.
401. 16 Schüler, pfaffen sein uner.
403, 29 Nun wol an, alle geleich,
Wir wellen tanzen waideleich.
412, 11 nach meiner gcr. vgl. 418, 36.
412. 13 Aller erst
414, 27 Ich wolt den schnöden schalk
empor
Pei sein har gezogen han.
415, 11 Ir sein wenig oder vil.
'415, 34 Dass muoss mir immer laid sein,
Wann es pringt mir grosse pein.
vgl. 415, 23.
416, 28 Mir wellen hin gen Zeislmauren,
Laogcn, was da thnon die paaren.
vgl. 417, 4 , 416, 13.
416, 84 Was ir thaon weit, das thnot
endleich I
417, 23 Vnd was der herm kamrer,
Der kam jungklichen her.
417,30 Da ward sein ain[er]annder innen.
419, 11 Ir herren ich hab es versichert
gar,
Zu Zeislmaur ist Englmair.
419, 24 Ob si sich zu wer wolten stellen,
Das wir si alle uidor vollen.
455, 19 Mir wellen uns frischlich ziem
Und gen ainandor hoffiem.
395, 9 Ich wil von ersten tretten an
die schar
Zu den hüpschen freülein zwar.
412, 4 Die aller schönisten frauen ein.
419, 3 Ich und die geselle mein
Wellen den vortrit vor im pehalten.
vgl. 450, 21.
402, 8 Und ain pörtl auf dein har.
415, 21 Mir wellen das mit nichte lan.
vgl. 453, 81, 467, 18.
41 1 , 29 Got gcb^uch gluck und hail !
426, 16 Vart schon hie an diser schar
(: Engelmar).
436, 19 Dass ich von hungerschi erlig tod.
437, 14 Gnädiger herr, die münich sein
uner.
430, 28 Nu wol an all geleich
Und lat uns tanzen gar waidenleich.
462, 34 nach unser ger. vgl. 449, 2.
460, 16, 464, 17.
452, 26 Erwisch ich im pei dem hare,
Ich zerreiss im sein haubt gar.
453, 7 Unser sein wenig oder vil. vgl.
447, 7 , 454, 1 , 461, 2 , 462, 31. Wirth
168.
460, 8 Dass wirt uns ain smachait sein
Undunserm herzen ain grosse pein.
465, 17 Dass er in wolt schicken da hin
Herm Neithart gen Zoislmaur.
Do schriren alle die pauren.
457, 19 Und lauten da her gar endlich.
vgl. 456, 2 .
445, 7 Zwen aein der pauren kamrer,
Die kömen mit gosange her.
= 464, 3.
429, 19 Ir herren, ich sag euch für war.
Die schand hat uns gemacht herr
Englmar.
461, 22 Wie wolt ir euch stellen.
Ob ir in wolt vellen. vgl. 442, 28.
160
421, 22 Dass schwer ich, wie tnir ich sol.
Ich gan im seines gesundes wol.
vgl. 417, 16.
412, 24 Edlen fraü, gehabt euch wol!
Die warhait ich euch sagen sol.
422, 1 Und sag euch, dass ir das wist.
425, 14 Gnad, her, eur tugent dank ich
imer
Und will es lassen nimor.
429, 1 Ober Neitharten den pösen man,
Der hat uns laides vil getan,
vgl. 432, 2 , 456, 85.
429, 7 Er was gar ain treuer knecht.
Er hat im w&rleich getan unrecht.
438, 94 Dass ich mich ir het vcrzigen.
441, 18 Da gen si mit klingen,
Schampper licdl si singen.
441, 36 Und gepent euch auch da pei.
Als lieb ich euch sei.
442, 4 Des mag kain rat sein.
Die seien werden alle mein.
444, 24 Herr Neithart mit den freunten
sein
Will sich legen pei dem wein.
447, 1 Wann ich mich hab auf streit
gericht,
Ain ganzes land widerstet mir
nicht.
447, 24 Ir herren, weit ir all also.
So recket auf die hend und
sprechet: Jo!
447, 2G Des thuot durch den willen
mein.
450, 9 Ich kom durch tanzens willen
her.
454, 84 Unser gesellen wellen den
tanz beginnen.
Wünsch mir hail, ich will von
hinnen.
424, 8 Ja, frau, ich sprich wie teur
ich sol.
Ich gan im guotes wol. vgl.
Wirth 80.
435, 18 Ich thuon gern, was ich sol.
Get dan lieben prneder, un ge-
habt euch wol!
451, 8 Der spiegl ist mein, dass ir
das wist. Tgl. 455, 82.
443, 82 Ich will dir tanken immer
Und will sein gelassen nimer.
418, 29 Hab dank, herr Enzlman!
Er hat uns laides vil getan.
456, 5 Herr Englmar, ir schnöder man,
Ir habt schnödleich getan.
443, 30 Hab dank, mein lieber knecht!
Thuostn das, so thnostu recht,
vgl. 452,82.
461, 13 Ich hab mich noch nie vexigen.
448, 15 = 396, 35 Ir sporn die klingen,
Ire lied, die si singen.
463, 8 Als lieb euch die treue sei.
Gelobt auch meinn gesellen hie peL
448, 34 Der muess heut wesen mein ;
Des en mag kain rat gesein.
465, 82 Ain seül solt herr Neithart sein
Und solte ligen pei dem wein.
vgl. 460, 27.
450, 6 Ich hab mich nit darauf gericht,
Es ist auch meins fnogs ni(ch)t.
463, 9 Ir herm, gelobt uns auch also,
Hebt auf die hend und sprechet : Jo !
= 455, 16.
454, 5 Wir sein durch tansns willen
komen [her].
463, 18 Dass er des peste beginnen.
Und seit mit huld,ich will von hinnen.
161
457, 32 Nun stosst, held, ear schwert
?
em:
459, 22 Dass will ich euch wärleich
sagen.
459, 32 Er hat sich vermacht in ain
yas,
Da doch wein inne was.
462, 3 Ir heiren, stost nun die gehwert
ein!
463, 29 Gnädiger herr, dass wiU ich ench
w&rleich sagen,
vgl. 440, 6 , 430, 82, 428, 22. ß.
S. 152 Anm.
465, 20 Dass er in stiess in ain vass,
Als er hint gewesen was.
Hierbei sind die innerhalb derselben Szene vorkommenden
Anklänge nicht mit angetührt.
Komposition und Verfasser.
Die Znsammenstellungen über den Stil des GrNSp zeigen, wie
im ganzen die gleiche Sprache im ganzen Spiele herrscht. Aus-
nahmen finden sich wohl, denn es giebt Stücke, wie vor allem das Ritter-
werben und das Teufelspiel, die stilistisch stark abweichen. Trotzdem
fehlen aber auch hier die Anklänge ans übrige Spiel nicht ganz,
wenn sie auch bedeutend seltner sind. Aus der Sprache allein hat man
drum keinen Grund, verschiedene Hände im GrNSp zu unterscheiden.
Es fragt sich danach, ob die Komposition dazu einen Anhalt giebt.
Aber auch dies ist nicht der Fall.
Allerdings finden sich im GrNSp ganz verschiedenartige
Szenen. Der Hauptbestandteil sind die dramatisierten Neidhart-
schwanke, unter denen wieder die Veilchengeschichte, der BLaupt-
stoff aller Neidhartspiele, der Grimdstock ist.
Wir sahen schon S. 78 ff. wie das Veilchenabenteuer durch
fremdartige Stücke erweitert wurde. Wenn auch zum Bauemtanze
und zum Ritterwerben Neidhart selbst kein Muster bot, so war
es doch klar ersichtlich, was den Dichter bewog, wo anders her
fremdartige Stücke in sein Spiel aufzunehmen, so dass kein Grund
zur Annahme irgendwelcher jüngerer- Einschiebungen vorlag.
Ein andres, in einem Neidhartspiel an sich fremdartig erscheinen-
des Stück war das Teufelspiel, zu dem geistliche Spiele und
(.Tiisiude, Neidhurt mit dem Veilcheu.
11
1(52
Modesatiren als Muster gedient haben. Auch hier ist nicht an
spätere Einfügung zu denken, da wii* S. 107 f. den Grund zur
Einflechtung dieser Szene deutlich erkennen konnten, die zudem
mit dem übrigen Spiel gut verbunden ist.
Alles übrige, was sonst das GrNSp bietet, hängt, wie wir
gefunden haben, mit der Neidhartüberlieferung zusammen.
Wenn das Spiel auch nach unsern strengeren Begriffen kein
einheitliches Drama ist, so herrscht doch im ganzen GrNSp ein
einheitliches Grundmotiv, nämlich Neidharts Persönlichkeit und
seine Stellung zu den Bauern. Selbst die obengenannten Szenen,
die eigentlich von vorn herein mit Neidhart nichts zu thun hatten,
dienen nur dazu, diesen Grundgedanken noch deutlicher hervortreten
zu lassen. Wir haben also nicht an mehrfache Erweiterung und
Bearbeitung eines kleinen Spiels zu denken*), sondern wir haben
ein von einer Hand verfasstes Drama vor uns. Wenn der Dichter
eine auch nur mittelmässige Begabung hatte, so war es überhaupt
selbstverständlich, dass die einzelnen Szenen verschiedenes Gepräge
tragen, indem der Ton je nacli der Art der Handelnden wechselte.
Gerade vom Verfasser des GrNSp sahn wir aber S. 76 schon, dass er
ein gewandter Charaktorzeichner war, wobei ihm die Sprache ein
hauptsächliches Mittel bot. — Auch die Verschiedenheit der benutz-
ten Quellen war von ganz wesentlicher Bedeutung.
Wie gesagt, ist das GrNSp kein einheitliches Drama im
strengen Sinne. Zwei Abschnitte treten schon an Umfang vor den
übrigen Bestandteilen hervor, die Veilchen- und die Spiegelge-
schichte. Jedes dieser Stücke ist für sich in der That ein ge-
schlossnes Drama, einheitlich im Aufbau und mit geschickter
Steigerung. Wie das erste dieser Teildramen durch den Einschreier
eingeleitet wird, so liat auch das zweite seinen besonderen Vorläu-
fer. Das Teiifelspiel kann Avie eine Art Vorspiel zur Spiegelge-
schichte gelten (S. 107), die es aber zugleich durch die Bede des
Sathanas 442, jifr. mit dem ersten Teildrama (um es kurz so zu
nennen) verbindet.
') wie z. B. Goofleko Gnindriss I^ 32«.
103
Neben diesen in sich einheitliclien kleineren Dramen stehn
die Dramatisierungen einzelner Neidhartschwänke. Einer von
ihnen, der Säulenschwank, hat sich an das Spiegeldrama ange-
schlossen und ist in der Schlussszene mit ihm enger verbunden
(S. 141). Die übrigen Einzelschwänke sind zwischen die beiden
Teildramen getreten .
Mit wechselndem Geschick hat der Dichter die einzelnen
Bestandteile aneinander geknüpft. Wo es ihm nicht gut gelang,
ist es aber nicht immer seine eigne Schuld, sondern mitunter lag
es schon an der Quelle, wie z. B. im Beichtschwank (s. S. 95
u. U)9).
In seinem mannigfaltigen Stücke macht der Dichter allent-
halben Abschnitte, sodass man es bequem in Szenen zerlegen kann.
Fast jede neue Begebenheit hat nämlich eine eigne Einleitung,
wodurch der Zuschauer von vorn herein darauf aufmerksam ge-
macht wird, dass etwas Neues beginnt. Die beiden Teildramen
haben ihren besonderen Einschreier, das Teufelspiel wurde durch
das Zusammenrufen und Herbeieilen (438, 15) der höllischen Geister
eingeleitet. Anderwärts bedient sich der Dichter des Tanzes.
Hierbei handelt es sich aber nicht um die breit ausgeführten
Mai- und Lobetänze, die selbst wichtige Bestandteile des Dra-
mas sind, sondern um wortlose Tanzereien.
Von dem schlecht angebrachten Tanze 395, 7f. ist schon S. 78
gesprochen worden. Der Schwertfegerschwank wird 426, 12 durch
einen Tanz der Bauern eingeleitet, ebenso die Beichtgeschichte
430, 30 (s. S. 90 u. 92). Diese Einleitungstänze sind noch ein
Erbstück von Neidharts echten Eeien her. Sie waren so zur all-
gemein gültigen Überlieferung geworden, dass die Nachahmer des
Reuenthalers selbst die gröbsten Schwanke meist mit einer Tanz-
schilderung einleiteten, mochte sie auch noch so sehr abstechen
(vgl. S. 93 u. 98). Mit den Schwankstoflfen hat der Verfasser
des GrNSp auch diese Einleitungen übernommen und als solche
verwertet. Im Kutten- und Säulenschwanke war das allerdings
nicht möglich wegen der unmittelbaren Anknüpfung dieser Szenen
an die vorhergehenden, mit denen sie in engerem Zusammen-
hange stehn.
Fragen wir nun nach der Persönlichkeit des Dichters, se
kann kein Zweifel obwalten, dass er ein Spielmann war, der
164
seiner Kunst wohl bewandert, ihre beiden Seiten, die höfische und
die derbe schwankartige, vollständig beherrschte. — So erklärt
sich auch am ehesten seine Bekanntschaft mit dem geistlichen
Drama. Spielleute oder die mit ihnen nahe verwandten Fahrenden
(s. S 26) wirkten bei den Aufführungen geistlicher Spiele in grösseren
Rollen mit^), gerade sie haben die komischen Szenen in sie ein-
geschmuggelt, ja als dem Klerus der Spass in den ernsten Spie-
len zu arg wurde, dichteten sie selbst höchstwahrscheinlich auf
eigne Paust Spiele nach ihrem Geschmack^). Kein Wunder, dass
sie auch davon lernten und in weltlichen Schöpfungen aufnahmen,
was ihnen geeignet vorkam, wie z. B. unser Dichter die Teufel-
szene.
Man hat das OrNSp mitunter ein ödes Stück, ein „rohes
gemeines Machwerk" genannt^. Dazu ist auch nicht der geringste
Grund vorhanden. Mag das Ganze unförmig und langatmig sein,
mag auch manche Ungeschicklichkeit sich finden, im allgemeinen
verrät es docL einen sehr begabten Verfasser von gutem Witz,
der geschickt in Sprache und Form, anschaulich zu schildern ver-
steht. Mehrfach legt er sogar richtiges dramatisches Empfinden
an den Tag. So versucht er mit gutem Erfolge, verschiedene
Handlungen gleichzeitig sich abspielen zu lassen (s. S. 168).
Wenn dies aus dem uns vorliegenden Texte nicht deutlich hervor-
tritt, so ist daran nur die Überlieferung schuld. Die Charakte-
ristik ist treffend und gewandt. Die Ausführung ist bald edel,
bald derb, je nach den Personen, die er zu zeichnen hatte. Nie-
mals aber überschreitet er das Mass des Erlaubten, um wie andre
Spieldichter, besonders der des KlNSp, zu bewusster Roheit hinab-
zusteigen. Er gehörte auf jeden Fall zu den besseren Vertretern
seiner Kunst. Mitunter werden sogar Schwächen der Quellen
unter seinen Händen zu Vorzügen. Sein Spott ist frisch, auch wohl
derb (s. S. 79u. 166), aber niewiderlich. Keins von den andern Neidhart-
spielen kann sich mit seinem Spiele messen, und unter den Fast-
*) Froning, Das Drama des Mittelalters, Kürschner Nat.-Lit. 14, Statt.
gart o. J. Seite 26 f.
3) Wirth 231: vgl. Bochstoin, Cu^nn, 80, 9<S.
») besonders Stiefel (ienn. 37, 223.
165
nachtspielen giebt es nur wenige von so geschickter Schilderung
und Charakteristik, die dann allerdings den Vorzug der Kürze
und Einheitlichkeit für sich haben, während das GrNSp, zum Teil
wenigstens, mehr eine Aneinanderreihung einzelner Stücke ist, die
nur durch die beiden Szenen bei Hofe einen einigermassen ein-
heitlichen Gesichtspunkt erhalten (s. S. 141).
Die Aufführung:.
Das GrNSp fällt auf durch seine reiche Verwendung des
Tanzes.
Für dabei auftretende Härten ist nur der Text, nicht das Spiel
verant^vortlich zu maclien, wenn z. B. in den Anweisungen zwei Tanze-
reien aus einer gemacht werden. Es beginnen da zu Anfang einer
neuen Episode die Bauern zunächst zu tanzen, sprechen darauf und
tanzen wieder, worauf der eigentliche Schwank erst folgt, z. B.
417, 9 und 419,8,31; 44(5, i3 und 449, 4 und 455, 21. Im letzten
Falle ist wirklich eine Tanzpause anzunehmen (S. 135), 419, 8,3i
ist aber noch derselbe Tanz wie 417, 9, der sicherlich fortging,
während der Knecht 419, utr. seinen Bericht erstattete, und den
vielleicht auch die Reden der Bauern 417, 12 ir. begleiten sollten»
Dasselbe könnte von 446, 13 und 449, 4 gelten. Selbst die Ver-
schwörung gegen Neidhart braucht nicht zu widersprechen. Wie
wenig Verlass dabei auf die Szenenanweisungen ist, zeigt die Ein-
leitung zum Schwertfegerschwanke, wo die Anweisung 426, 13 „nach
dem tanz" sagt, während die folgende Rede beim Tanze selbst
gesprochen sein muss. Höchstens handelt es sich, wenn wirklich
der Tanz unterbrochen worden ist, um kleine Pausen, die nicht
einmal alle Tanzenden, sondern nur einzelne Rotten zu halten
brauchten *), die dann die dramatische Handlung übernahmen.
Dass rottenweise getanzt wurde, zeigt 446, 12, 449, 4, 455, 22. —
Engelmars Auseinandersetzung mit der Hofdame ist auch nur eine
Episode in dem schon 395, 28 begonnenen Tanze der Bauern, der
^) Man kann an die heutigen Quadrillen mit ihren F
einzelnenTouron und den Ruhepausen einselnerPaarewAbl«
166
nach kurzer Unterbrechung durch das Erscheinen der Mädchen
(397, 16) einen andern Charakter annimmt.
Auffällig ist es, dass noch nach der Rache Neidharts wegen
des Veilchenraubes getanzt wird. Dabei haben 32 Bauern ein Bein
verloren, so dass sie eigentlich nicht mehr tanzen können, und
doch tanzen sie trotzdem später munter weiter (426, 12, 430, so,
446, 12, 463, 22). Dass es wirklich dieselben Bauern sind, die vorher
zu Stelzfüsslem gemacht worden waren, beweist 453, 22f., 459,28.
Hier hat der Dichter augenscheinlich den aus der Vorlage über-
nommenen Tänzen einen ganz andern Sinn gegeben. Es war
offenbar sein Bestreben, die Bauern, die trotz ihrer Stelzbeine von
ihrer Tanzwut nicht lassen konnten, mit ihrem ungeschickten Hum-
peln, das sie obendrein Hoftanz nannten (448, 12), erst recht lächer-
lich zu machen; war doch gerade körperliches Gebrechen ein belieb-
tes Mittel zur Komik i). Hierin liegt allerdings für das GrNSp
der Höhepunkt der Bauernverspottung, die jedoch erst vom Dichter
in die Tänze hineingetragen worden ist.
Hieraus erhellt auch, dass Michels unrecht hat, wenn er S. 47
sagt, Bauernspott liege dem GrNSp fern*). Schon die verarbeite-
ten Schwanke hatten diese Tendenz; denn der Bauer ist immer der
geprellte Tölpel. Die dumme Frage 437, 29 ist vielleicht auch
absichtlich und musste angesichts der hungrig heimkehrenden
Kuttenmänner lautes Lachen hervorrufen.
Das GrNSp ist noch ein vollständiges Tanzspiel. Abgesehen
von dem jedenfalls wie im StSz zu Anfang und Schluss anzuneh-
menden Aufzuge wird nach dem Prologe 395, 7 getanzt. Die
Bauern und sicherlich die Ritter tanzen einen Maientanz. Darauf
folgt der Reie ums Veilchen. Im weiteren Verlaufe kommen die
S. 163 erwähnten Einlei tun gstänze und der Lobetanz in^ Betracht.
Auch die Teufel werden zu ihrem (jlesango 439, 10. 19 getanzt haben.
Das Spiel verrät also noch deutlich seine Herkunl't (s. S. 42).
Die grösseren Tänze, Maient-anz und Lobetanz, verlangen schon
einen bedeutend grösseren Raum als die <::ewöhnlichen Tänze im Fast-
nachtspiel (s. S. 89 f. 43). Dem entspricht die ganze Anlage des Spiels.
») Weinhold, Gosches Jahrb. 3 f.
») Vgl. Creizonarh LC hSiMi, isry).
167
Das GrNSp ist das längste erhaltene komische Drama überhaupt.
Es umfasst 2268 Verse. Eine grosse Anzahl von Spielern war dazu
notwendig. Es treten nicht weniger als 29 Bauern und 16 Bäuerinnen
sprechend auf. Namentlich genannt werden 58 Bauern und 21
Bäuerinnen. Wenn vielleicht auch nicht so viel stumme Personen
auf der Bühne waren, als Namen in den Aufzählungen genannt
werden, so waren doch mindestens einige nicht sprechende Personen
notwendig. Möglicherweise kehrten auch die stunmien Spieler aus
dem Maien tanze nach dem Teufelspiel im Lobetanze unter anderm
Namen wieder. Von den Bauern treten 7 nur im ersten Teil auf,
nur im zweiten 8; 2 treten nur im ersten Teil auf und werden im
zweiten bloss in der Namenaufzählung genannt; einer tritt umge-
kehrt bloss im zweiten Teile auf und wird im ersten nur genannt.
Von den 16 sprechenden Mädchen treten nur 2 in beiden Teilen auf;
die meisten sind im ersten beim Maientanze beteiligt. 2 kommen
nur im 2. Teile vor. Es wäre also möglich, dass nicht nur stumme
Spieler nach dem Teufelspiel wiederkehrten, sondern dass auch
einige Personen zwei Rollen spielten, obwohl eine solche Sparsamkeit
in den Spielkräften der sonstigen breiten Anlage des GrNSp wenig
entsprechen würde. Aber auch dann bleibt für Bauern und Bäuerin-
nen noch eine beträchtliche Spielerzahl erforderlich. Je mehr
dagegen zur Verfügung standen, desto besser war es für die Ge-
samtwirkung, denn dann konnte der Tanz durch mehr stumme
Spieler noch grossartiger gestaltet werden. Dass man mit diesen
stummen Personen jedenfalls nicht sparsam umgegangen ist, lässt
das StSz vermuten. An Rittern werden, wenn die des Werbespiels
und die Gesellen Neidharts einunddieselben sind, 10 verlangt.
Gleichzeitig sind davon bis 4 auf der Bühne. Die Herzogin hatte
im GrNSp ein stummes Gefolge, von dem nur ein Mädchen mit
Engelmar in Wortwechsel kommt. Ihre Jungfrauen konnten diesel-
ben sein wie die des Ritterwerbens. Dazu kommen Herzog, Herzo-
gin, Neidhart, sein Knecht, Vorläufer, Wirt, sein Knecht. Luzifer
hatte sicherlich auch ein grösseres Gefolge, von dem nur 2 sprechen,
denn von diesen zwein kann es 439, 9 nicht heissen : „aU mit ein-
ander". Auch 438, 15. 18 wird von „allen Teufeln*' »
Eine Zusammenstellung wird das Persop
lieber machen.
168
Es werden
genannt:
davon sind sprechend
Bauern
58
29
Bäuerinnen
21
16
Ritter
10
9
Herzog
Herzogin
Jungfrauen
Neidhart
1
1
4
1
4
Neidharts Knecht 1
Vorredner
1
Wirt
1
Wirtsknecht
1
Luzifer
1
Teufel
2 (aber sicherlich mehr stumme) 2
103 68
Dazu kommen noch die Spielleute. Gegen hundert Spieler
sind jedenfalls notwendig gewesen.
Ein solches Spiel verlangte natürlich grosse Vorbereitungen.
Zunächst durfte eine notwendige, wenn auch noch so dürftige Sze-
nerie nicht fehlen. 428, 20 braucht Neidhart einen Galgen oder
einen Ast, um die beiden Bauern zu henken; 4(>2, 1 ist eine Holzsäule
nötig, an der die Bauern ihre Wut auslassen können. Wahr-
scheinlich stand auch wirklich ein Maibauin auf der Bühne, um
den die Bauern ihren Reien springen (4()H, :j, s).
Wenn auch die verschiedenen Szenen auf einem gemeinsamen neu-
tralen Platze sich abgespielt haben, so müssen doch mehrere Örtlichkei-
ten unterschieden gewesen sein, da der Verfasser mitunter mehrere
Handlungen nebeneinander hergehen lässt (s. S. 1 35). Die Bauern
tanzen 417, 9 in Zeislmaur, während die Ritter sich beraten, und
Neidharts Knecht geht zwischen beiden Plätzen hin und her.
Ebenso geschah der wortlose Tanz 31)5, 7 abseits von dem Stand-
orte der Bauern, denn Eugelmar hat erst ein Stück zu gehn, um
zu ' der Jungfrau zu kommen (3i)5, 21), und nach seiner Abwei-
sung geht man wieder fort zum Schauplatze des folgenden Mai-
tanzes (396, 27). — Auch im Lobetanze sind zwei, vielleicht drei
Standorte nötig für den um den Spiegel bettelnden Engelmar, für die
sich verschwörend^Jii Bauern und für <lic übrige Gesellschaft mit
169
den trinkenden Mädchen. Man wird annehmen können, dass
umständliche Zurüstungen, ein grosser Spielplatz, Opfer an Arbeit
und Geld, ähnlich wie in den geistlichen Spielen, fürs GrNSp
erforderlich waren.
Von der gewöhnlichen nmstandslosen Pflege des Fastnacht-
spiels in Nürnberg sticht dieses Riesenspiel bedeutend ab. Ausser-
halb Nürnbergs finden wir allerdings Fastnachtspiele mit viel
grösserem Aufwände dargestellt, da meist der bessere Bürgerstand
dabei mitwirkte, nicht wie in Nürnberg erwerbslustige Gesellen.
Aber die Lübecker Spiele sind von den oberdeutschen unabhängig,
und andre wie das Luzerner Spiel von 1592 [ZfdPh 17, 347 fif.]
sind bedeutend jünger. Von den älteren Fastnachtspielen, soweit sie
überhaupt als solche erwiesen sind, reicht keins auch nur annähernd
an Umfang und Mannigfaltigkeit des Dargestellten an unser Spiel
heran. — Auffallend ist vor allem der Inhalt. Nirgends findet
sich eine Anspielung auf die Fastnacht, die sonst in den Fast-
nachtspielen fast immer irgendwie erwähnt wird. 430, 32 «r. ist
allerdings von der Verpflichtung, um Ostern zu beichten die Bede,
doch das kann hier nichts fürs ganze Spiel beweisen, da diese An-
spielung nur zum Beichtschwanke gehört und aus der Quelle über-
nommen sein mag (s. S. 14() zu 430, 32). — Gemeinsamer Tanz auf der
Wiese, feierliche Zusammenkünfte im Freien machen einen grossen
Teil des Stückes aus. Vor allem entscheidend ist, dass im Buhl-
schaftstanze der Bauern und der Ritter ausdrücklich gesagt wird,
der Tanz finde im Mai statt, und dass in beiden Abschnitten
von der Maibuhlenschaft die Rede ist.
Das GrNSp ist also, obwohl es in einer Sammlung von
Fastnachtspielen überliefert ist, ebensowenig wie das StPSp ein Fast-
nachtspiel. Wir haben es vielmehr hier mit einem zur Maifeier
aufgeführten Spiel zu thun (Michels 48). Erst spät sind die
Neidhartspiele zu Fastnachtspielen geworden. Dies geschah erst
mit dem KlNSp. Das GrNSp ist noch ein Glied in der Entwick-
lungsreihe, welche von der unverfälschten Volkssitte der Maifeier
und der Maifeiertänze über die Aufführungen von Spielleuten
schliesslich zum Fastnachtspiel führt (s. S. 41 f.).
In diesem Entwicklungsgänge bezeichnet das GrNSp den Gipfel-
punkt, Vom einfachen dialogischen Spiel, das nicht die geringste
170
Vorbereitung erheischte, war die Darstellung dieses Stoffes bis
zur Ausdehnung unseres Biesenspiels gediehen, um nun langsam
wieder abzufallen und sich dem Rahmen des kunstlosen Nürnberger
Fastnachtspiels schliesslich anzupassen und zugleich der dort
üblichen Roheit zu verfallen.
I>a»JJKterzinger ikzenar.
Das Sterzinger Szenar ist die einzige aus der Blütezeit des
Pastnachtspiels erhaltne Spielrolle eines weltlichen Dramas^) und
darum besonders wertvoll. Sie sollte zur Inszenierung einesNeidhart-
spiels dienen; indem sie besonders Massenhandlungen und alles Panto-
mimische hervorhebt und erörtert, war sie eine notwendige Er-
gänzung des Textes für den Spieler wie für den Einstudierer.
Vom Texte bietet diese Spielrolle ausser den vielleicht neu
hinzugefügten und deshalb ausgeschriebnen Versen des ersten
Vorredners und des Schlusses gewöhnlich nur das erste Verspaar
und die Anfangsworte des nächsten Verses von der jeweiligen
Rede einer Person. Eine Vergleichung des Textes mit den andern
Behandlungen ist darum so gut wie ausgeschlossen. Man muss
sich an den Inhalt halten, was keine Schwierigkeiten macht, da
leicht zu ermitteln ist, um was es sich handelt. Die einzelnen
Stichverspaare lassen meist erkennen, was ihnen noch folgte,
manchmal geben andre Neidhartspiele Aufschluss, vor allem leisten
die sehi* genauen Anweisungen gute Dienste.
Das Szenar ist nicht von der Hand Vigil Rabers*). Es ist
eine Quarthandschrift ohne Jahr^). In dem übrigens nicht voll-
ständigen Verzeichnisse, das Raber von seinen Folio- und Quart-
handschriften machte: „Was von langen und gfiertn spillpüechl
oder register in der lad lign. Aimo 1534. 9. Novembr", steht
an 20. Stelle: „3 neythai-t Buecher gfiert^)'*. — Raber hatte sich
*) vgl. Heinzel, Abhandlungen zum altdeutschen Drama, Wiener Sitz.
Ber. 134. Jhg. 1895, Wien 1896, S. 16. '
') Sterzinger Spiele nach den Aufzeichnungen des Vigil Kaber horsgg.
V. Dr. Oswald Zingerle = Wiener Neudrucke 9 u. 11, Wien 1886 I. Bändchen
s. vnf.
■) Wackemell, Altdeutsche Passionsspielo ans Tirol = Quellen n. Forsch,
z. Gesch. Lit. u. Sprache Österreichs u. seiner Kronl&nder I Graz 1897 8.
172
also jedenfalls verschiedne Neidharttexte besorgt, um nach seiner
Weise daraus ein neues Neidhartspiel zu machen. Ob er es aus-
geführt hat, wissen wir nicht. Möglicherweise war diese Spielrolle
in Quart eins der „3 neythart Buecher". Vielleicht schreibt er
deshalb, weil eins davon, eben das StSz, kein Spieltext war, in
seinem Register „Buecher", nicht „spill", während er sonst darin
von „spill" spricht. Der dazu gehörige Text mag vielleicht auch
unter den 3 Neidhartbüchem gewesen sein.
Ausser Vor- und Schlussrede finden sich 101 Verspaare an-
geführt, die auf ebensoviel Reden und Gegenreden weisen. Das
Spiel, dessen Spielrolle uns vorliegt, muss also, worauf schon
die Zurüstung schliessen lässt, an Umfang nicht unbedeutend ge-
wesen sein. Es mag ungefähr in der Mitte z\vischen GrNSp und
KlNSp gestanden haben.
Mundart der Handschrift 0-
au für arAubentewr 237, i. BGr. 71. AGr. 52,96. MGr. 88.
O für a : Voss 259. BGr. 22. AGr. 25, 83, 116. MGr. 23.
i für ie : ier 237, 1.2, 245, 1, 250, 1, 251,3, 253, 1 u. ö.; dier
262, 3. BGr. 90. MGr. 45, 473 f.
ö für ü : törs 257,4 . BGr. 26,13 [wohl ö für e, welches vor r
für ü steht].
6 für e (vor rn) : vngeern : geweern 250, 2; weern 251, 2; geleemt
237, 1. BGr. 48,43. MGr. 42.
ö für e : frömbd 246, 3. BGr. 26. MGr. 22.
Altes und junges ei werden unterschieden. Für dieses wird
ey oder ei gesclirieben, für jenes ay oder ai.
Umla ut durch ei : öhem 245, 1,3. BGr. 57. MGr. 111; PBB 20, 344;
Wilmanns, Deutsche Gramm. P§199 Anm. 3. s. S. 52.
Unechter Umlaut, ö (vor Liquiden) : vürdrist 21^6; sölich 250, 3 .
BGr. 25.
ü (vor Nasal) : vntior 237; frümmkait 241, i; künnet 254, 1 ;
künnent 237, i; sün 262 (sun 258). BGr. 32.
*) Die Anweisungen führe ich nur nach den Seiten an. Bei den Versen
zähle ich die einzelnen Reden der verschiednen Personen.
173
Umlaut fehlt bei o : hoflich 238. BGr. 25.
bei u:herfur 239; vber 259. BGr. 29. MGr (U.
Abfall von n : dyern 23r),237; pewrin 25(>. BGr. 167. MGr. 215.
Abfall von t : Artz 252flf. BGr. 143. MGr. 194.
Anfügung von t : wolauft 243, 4; grüest 255, 2. BGr. 142f.
MGr. 194.
Ch für h : secht 254, i; zyechkarrn 261. BGr. 183,187. MGr. 233 f.
p für b im (Anlaut) : pennck 237; pyn 240, i; pöse 243, i; pist 248, 2;
fürpannck 252; pyss 239, 1; pald 253, 4; paur, nachper. BGr
121. MGr. 159.
b für w:awbe 240,4. BGr. 124f. MGr. 159f.
Part, praes. auf -und. sytzund 238, 259. BGr. 289.
sein : 2. sg. imp. pyss 239, ^, BGr. 298. AGr. 353. MGr. 363.
wellen : 2 pl. praes. wöltt 251, 1; wellet 258, 5. BGr. 335. MGr.
421.
kernen : vernomen (part.) 261, 3.
Die Dualformen des Pron. der 2.Pers. ennck 248,3, 251,2,
enncker 259, 2; es 245, 5, 253, .s. BGr. 358, 3()2. MGr. 474,
480. Diese Formen können naturgemüss nur in den Versen
vorkommen, nicht in den Anweisungen. Da aber die Verse
häufiger die allgemein gebräuchliche Form des Plurals ver-
wenden, so liegt die Vermutung nahe, dass diese seit dem 13.
Jhd. bei österr. Dichtern belegten mundartlichen Fonnen erst
später eingeschleppt worden sind.
Der Acc. plur. des Pron. ist eu : 244, 1, 251,2, 253, 1,
254, 3. BGr. 358. MGr. 474.
In der Rolle finden sich schliesslich mundartliche Aus-
drücke : pfuchytzen 243, SchmeUer P 423; gröppytzs 260,
Schmeller 1 1007, III 31; zenicht251, 2, Schm. I 1719; kluppen
249, Schm. I 1335f.; protze 261, Schm. 1377.
Mundart des Dichters (Reimgrebrauch).
a : ft waft'en : geschaffen 253, 3; gelassen : hassen 263 ; man : plan
237, 1, 242, 2 ; man : han 239, 2 , 252, 1 ; man : g:etan 240, 4,
260, 1. BGr. 36. MGr. 24.
ae : e mer : her 258, 5 ; nachper : mer 239, '^. BGr. 43.
174
e : 8 (vor r) Schyrmer : her 246, 4. Vogt, Forsch, z. dtsch. Phü.
Festg.f B. HUdebrand Leipzig 1894 S. l(>2ff. BGr. 212,12.
MGr. 41.
6 : oe (vor r) geleert : gehört 253, i. BGr. 47.
i : ie schyer : mier 253, 2. BGr. 90,357. MGr. 45.
o : ft daruon : han 251, 3. BGr. 55,38.
au : eu (= mhd iu) vertrawenn : gerewenn 258, 1. BGr. 70,101.
b : g gehabt : gesagt 263.
nd : nn Lynnden: ynnen 247,3. BGr. 171. MGr. 216.
m : n frumm : gunn 238, 3 . BGr. 169. MGr. 216.
ng : nd mysselunng : kund 237, 1. BGr. 171.
nachbaur erscheint nur im stehenden Reim : Zeysslraawm 262, 5
in dieser vollen Form, vgl. S. 159 zu 416,28; MSH HI 238^ 4;
NF 1767, 1736, u. ö. sonst ist das Kompositum geschwächt
zu Nachper. s. Schm eller 1 187, 1736; im Reim : mer (=maer)
239, 8 .
-lieh erscheint als -leich [Hdschr. -lieh], allermenigklich : reich
263.
-in steht neben — ein [Hdschr. -in], herzogin : se3''n 243,2
[herzoginn : synn 243, 4]. BGr. 78.
Das Spiel selbst scheint, soweit sich noch erkennen lässt, grob
mundartliche Formen vermieden zu haben. Es steht darin den älteren
Stücken der Sterzinger Sammlung nahe (Michels 51 ff). Die Spiel-
ordnung enthält dagegen eine Reihe mundartlicher Ausdrücke und
Formen, die auf tirolische, dem schwäbischen Nachbargebiet nahe
liegende Heimat weisen.
Versbau.
Die Mehrzahl der Verse ist glatt gebaut. Fehlende Senkun-
gen finden sich wenig. Einige Verse sind wohl zu lang und
lassen sich leicht auf das richtige Mass bringen, so dass man
vermuten könnte, Spieler und Schreiber haben verdorben. Doch
es liegt hierwieimGrNSp. Nicht immer genügt eine blosse Streichung.
Man wird also mit überfüllten Senkungen zu rechnen haben.
Neben vierhebigen Versen stehn auch noch einige stumpfe
dreihebige, welche mit jenen im Reime gebunden vorkommen,
z. B. 239, 3 0 Ebergugl, lieber Nachper, Das sint nit gute M^r;
175
24'2, 2 Sy, Neydthardt, du vil werder Man, Wol h^e auf disem
Plaan; 262, 3 Lieber Man, Ich sag dier das, Ich w6st vor Zeitn
päss. Diese Erscheinung lässt einen ungefähren Schluss auf die
Abfassungszeit des Spiels zu. Jedenfalls gehörte das Spiel nicht
in die Zeit der Raberschen Aufzeichnungen, die 1510 — 1535 fallen.
Es iDuss bedeutend älter sein. Über die Mitte des 15. Jhdts.
werden wir nicht viel hinausgehn dürfen (s. S. 24 u. 64). Dass
Raber, wenn die S. 172 geäusserte Vermutung richtig ist, ein be-
deutend älteres Spiel oder dessen Rolle benutzen wollte, ist nicht
auffällig. Er hat auch sonst zum Teil sehr altertümliche Spiele
ausgeschrieben *).
Inhalt.
l. Einleitung.
Nachdem im feierlichen Aufzuge die Spieler unter Vorantritt
der Musik, eines Wegbahners und des Praecursors bis an die Schranken
gekommen sind, tritt der erste Praecursor allein in den abge-
steckten Platz hinein und eröffnet das Spiel mit der Bitte um Nachsicht
für etwaige Fehler. Ein zweiter Praecursor giebt einen Über-
blick über das aufzuführende Spiel. — Nun erst nehmen die
Spieler auf den für sie hergerichteten Bänken Platz.
n. Die Veilchengeschichte und ihre Folgen.
A. Das Suchen der Blume. Die Herzogin fordert die
Ritter auf, das erste Frühlingsveilchen zu suchen (238, 1) un(^
wünscht Neidhart, der sich sofort dazu erbietet (238, 3), viel Glück
auf den Weg (238, 3). Neidhart verabschiedet sich von ihr und spricht
mit seinen Rittern (238, 4), die mit ihm das Veilchen suchen
gehn. Mitten im Plan findet er es, begrüsst es mit freudigen
Worten (239, 1) und deckt es mit dem Hute zu. Die Bauern
haben das gemerkt und beraten sich abseits, während die Bitter
noch ums Veilchen herumstehn. Kaum haben die sich entfen
') Michels 51fr.
176
80 kommen sie herbei und sprechen von Neidhart (239, 2, s). Da
kommt EUsehnpreeht auf den Gedanken, statt des Veilchens ihm
eine andre Blume hinzusetzen (240, 1). Trotz des Widerspruches
seines Weibes (240, 2), das er hart anfährt (240, 3), fuhrt er es auch aus.
Als er zu den übrigen zurückkonmit und Elsamut, sein Weib,
ihn ängstlich fragt, was er gethan habe (240, 4), klagt er über
die grosse Anstrengung, die er dabei gehabt (240, 5) und schimpft
dabei auf den gemeinsamen Feind (241, 1). Schadenfroh über
den verübten Unfug dankt Engelmar freudig dem EUsehnpreeht
(241, 2). — Neidhart geht nun zur Herzogin, verkündet ihr den
Fund des Frühlingsboten (241, 3) und wird zum Danke mit einem
Kranze von ihr belohnt (241, 4). Er heisst nun die Musikanten
aufspielen (242, 1), und in feierlichem Zuge gehts zum Veilchen,
das von allen umtanzt wird, nicht nur von der Herzogin, den
Jungfraun und Rittern, sondern auch von den Bauern. Die Her-
zogin heisst nun Neidhart den Hut aufheben (242, 2), der vorher
noch einmal die Schönheit des Veilchen preist (242, s). Voll
Schrecken sieht sie die sonderbare Blume und beginnt heftig zu
schelten (243, 1).
Eine Jungfrau bittet für Neidhart um Gnade (243, 2), während die
andre, die böse auf ihn zu sprechen zu sein scheint, widerspricht (243, s).
Ein Hofmeister mahnt jedenfalls zur Umkehr (243, 4), und die
Hofgesellschaft zieht wieder ab und lässt die Bitter stehn. Die
dritte Jungfrau weist Neidhart, ehe sie geht, aus dem Lande (244, 1).
B. Neidhart klagt nun abseits bitter über sein Unglück
(244, 2).
C. Die Rache. Er lässt durch seinen Knecht Schlicknwein
seine Ritter kommen (244, 3, 4), die ihn sogleich nach dem Grunde
seiner Traurigkeit fragen (245, 1) und ihm nach seiner Erzählung
(245, 2) versprechen, bei der Rache seine Helfer sein zu wollen
(245, s). — Da konmit Engelmar als Abgesandter der Bauern zu
Neidhart (245, 4), der ihm die ünthat vorhält (245, 5); und als
ein Ritter den Thäter zu sehn verlangt (245, e), meldet sich
EUsehnpreeht schadenfroh selbst (246, 1), worauf ihm ein andrer
Ritter mit seiner Rache droht (246, 2). Dann kommt ein Fecht-
meister und rühmt und zeigt seine Kunst (246, 3). Nun treten
einander abwechselnd paarweise je ein Ritter und ein Bauer entgegen,
im ganzen 5 Paare, die sich mit groben Drohreden einander an-
177
prahlen (246, 4—248, 3). Der letzte» Ritter fragt Neidhart um
Bat, wie den Bauern am besten beizukommen sei (248, 4). Der
erteilt ihm die gewünschte Auskunft (248, 5) und schickt darauf
seinen Knecht Zyppryan mit einem Absagebriefe zu den Bauern
(249, 1, 2), den diese aber nicht lesen können, weshalb sie den
Überbringer bitten, ihn vorzulesen (249, 3). Kaum ist er fertig
(250, 1), so äussert Engelmar gleich seine Kampflust (250, 2),
worauf der Knecht seinem Herrn Bericht erstatten geht (250, s).
Neidhart mahnt nun seine Bitter noch einmal an ihre Aufgabe
(250, 4); auf der andern Seite ruft der Mayr in der Pewnt seine
Genossen zusammen (251, 1). Nun stürzen sich die Ritter unt^r
Neidhart, der. alle Bauern seiner Rache opfern will (251, 2), auf
sie, es kommt zum wilden Kampfe, wobei EUschnprecht einen
„Schynnckn" verliert, und P]ngelmar und einige andre verwundet
werden. Eberzandt bittet jämmerlich um Gnade (251, 3), und
Ellschnprechts Weib jammert um ihren Mann (252, 1), der jetzt
ganz kleinlaut geworden ist.
D. Die Heilung. Ein Arzt kommt mit seinem Knechte
herbei, offenbar von weiter Reise, denn er ist der Ruhe bedürftig
(252, 2). Der Knecht Allwein legt Büchsen und Salben auf dem
Tische aus; unterdessen bringen die Bauern auf einer Misttrage
den wunden EUschnprecht herbei und bitten den Arzt um Hülfe
(253, 1), die er auch verspricht (253, 2). Er bindet dem Kranken
ein Stelzbein an und geht mit seinem Diener und seinen Salben
beiseite. Laut jammernd wird dann Engelmar (253, 3) von seinem
Weibe Klara aufgesucht; aucli die andern Verwundeten werden
von ihren Weibern beklagt. Engelmar schickt EQara zum Arzt
(253, 4). Dem klagt er seine Not (254, 1) und verspricht ihm
reiche Belohnung (254, 3), als er ihm von seiner Salbe sichere
Heilung in Aussicht stellt (254, 2). Der Gehilfe des Quacksalbers
schmiert nun unter gutem Zureden (254, 4) den kranken Bauern
ein. Darauf begeben sich alle wieder an ihre Plätze.
E. Nun beginnt ein Tanz. Engelmar ruft sein Weib und
schickt sie nach Kränzen für sich und EUschnprecht (255, 1).
Während dessen unterhandelt dieser beiseite mit dem Arzte wegen
des Honorars. Engelmar sucht ihn auf und giebt seiner Freude
darüber Ausdruck, dass alles wieder so schnell gut geworden ist
(255, 2). Klara bringt die verlangten Kränze (255, 3), EUschn^^
(«usinde, Neidhait mit dem Veilolieu. 12
178
lässt zum Tanze anfspielen (256, i), und er und Engelmar tanzen
zuerst, jeder mit dem Weibe des andern, dahinter die anderen
Bauern „einen langen Bayen^.
F. Die Versöhnung. Nachdem sich alle wieder gesetzt
haben, geht die vierte Jungfrau zu den Bittern, während Neidhart
abseits steht, und entbietet sie an den Hof (236, 2). Freudig
dankend (256, s) leisten sie Folge. Von der Herzogin werden sie
beauftragt, Neidhart herbeizurufen (257, 2), der aber ihrer
Botschaft nicht recht trauen will und erst auf nochmaliges Zu-
reden misstrauisch und langsam folgt (257, 3—258, 1). FussfäUig
bittet er die Herzogin um ihre Huld (258, 2*), wird gnädig von ihr
aufgenonmien (258, 3) und dankt ihr herzlich (258, 4).
HI. Neidhart im Fasse.
A. Nun kommt der zweite Praecursor (258,5) und ver-
kündet die Ankunft des jungen Neidhart, der von Engelmar
nach seiner Absicht gefragt, ihn seiner Freundschaft und des
guten Willens seines Vaters versichert (259, 1--4).
B. Nachdem alles wieder in der alten Ordnung sich aufgestellt
hat, beginnt der Fassschwank. Es kommt einer mit einem
Fasse, schreit seinen Wein aus (259, 5), zur grossen Freude der
Bauern (260, 1). Engelmar ruft die andern (260, 2) namentlich
herzu, und ein lustiges Gelage beginnt. Da kommt Neidhart als
Bauer verkleidet, begrüsst die Trinkenden und lässt sich mit
ihnen in ein Oespräch ein (260, s). Zuletzt eilt er mit dem Rufe
„Hye Neydthardt, zu aller Fart" (261) davon und kriecht in ein
neu herzugeschaiftes Fass. Von den erschrockenen Bauern fasst sich
Engelmar zuerst und fordert die andern zur Verfolgung auf (262, 1).
Sie beraten sich nocli unter dem Widerspruch der Weiber, wobei
sich auch der junge Engelmar ins Gespräch mischt (261, 2 — 262, 4)
und schlagen schliesslich wütend auf das leere Fass los, denn
Neidhart ist längst entwischt. Engelmar bringt sie schliesslich
durch einen Aufruf zur Ruhe, dessen Hauptinhalt wohl ein neuer
Schwur gewesen sein mag. Neidhart bei der nächsten Gelegenheit
sicher nicht entwischen zu lassen. — Darauf gehn alle an ihren
Platz und stellen sich in der Ordnung, wie sie zum Spiele ge-
zogen sind, wieder auf.
179
IV. Schluss.
Der Praecursor tritt mitten in die Schranken und spricht
die Schlnssrede, die etwas lehrhaft gefärbt ist (263). Mit
Musik zieht nun der Zug wieder ab.
Ähnliehkeit zwischen StSz und OrNSp.
Trotz mancher Verschiedenheiten zeigt doch das StSz vielfach
grosse Ähnlichkeit mit dem GrNSp.
Der Gang der Veilchengeschichte ist ein ähnlicher. Die Herzo-
gin fordert 238, i die Ritter auf, das Veilchen zu suchen wie im
GrNSp 410, 28. Sofort meldet sich Neidhart (238, 3 : 411, ii) und
macht sich, von den Wünschen der Herzogin begleitet, auf den
Weg (238,8:411,2g). Er begrüsst freudig die gefundene Blume
(239, 1 : 411, 82), geht zum Hof zurück, um die Kunde zu über-
bringen (241,8 : 412,24) und erntet dafür reichen Dank(241, 4 : 413, 5).
Neidhart heisst die Spielleute aufspielen und fahrt die Herzogin
und ihr Gefolge zum Veilchen (242, 1 :413, le). Es folgt nun
die Entdeckung des Unrats und die Prügelei der Bauern, wenn
auch in abweichender Behandlung, so doch mit ähnlichen Motiven.
Nachdem die Prügelei die Rache und damit den Schluss für den
Veilchenraub und seine Darstellung gebracht hat, erfolgt die Aus-
söhnung mit der Herzogin (256, 2ff: 423,5fr. ). — Wenn auch die
in allen Spielen wiederkehrende Veilchengeschichte eine ähnliche
Behandlung mit sich brachte, so ist doch die durchgehende Über-
einstinmiung dieser beiden beachtenswert. Die Begrüssung des
Veilchens und die Aussöhnung mit der Herzogin nach voUzogner
Bache hat das StSz mit dem GrNSp allein gemeinsam.
Auch ausserhalb der Veilchenerzählung finden sich überraschende
Übereinstimmungen. — Im StSz wie im GrNSp tanzen die
Bauern noch nach ihrer Verstümmelung, allen voran Ellschnprecht
mit seinem Stelzbeine und der zerschlagne Engelmar. Die Absicht
ist dieselbe. Der Dichter will auch hier durch das Humpeln der
tanzlustigen Dorfinvaliden recht drastisch wirken und die Bauern
dem Hohngelächter der Zuschauer preisgeben. Wenn beim Tanz
Klara, Engelmars Weib, für die beiden Hauptpersonen, ihren Mann
180
nnd Ellschnprecht, Kränze kaufen soll, so kann man vielleicht noch
einen Anklang an die beiden Preise Frideruns sehn. Mit der
Spiegelgeschichte mnsste natürlich auch der Spiegel fortfallen.
Da der Tanz nämlich mit einiger Feierlichkeit verbunden ist, so
kann man ihn nicht mit den einzelne Schwanke einleitenden Tänzen
des GrNSp vergleichen, sondern eher mit dem Lobetanz, der dem
Spiegelabenteuer vorangeht. Nachdem dies fortgefallen war, muss
er vor den zweiten Praecursor nach der Heilung gesetzt worden
sein, während der Fassschwank mit dem Weinwirt an der alten
Stelle blieb. Hiermit haben wir schon einen neuen Berührungs-
punkt der beiden Spiele erwähnt. Beide haben, wenn auch teilweise
in andrer Darstellung, (S. 192fl*.), die Fassgeschichte und damit
verbunden den seinen Wein ausbietenden Wirt, der hier seinen
Wein selbst ausruft. Ein Knecht wird nicht genannt. Er kommt
auch im StSz den Bauern 260, i sehr gelegen und erhält reichen
Zuspruch wie 449, nir. im GrNSp.
Wenn Engelmar die Bauern alle beim Namen aufruft, so
erinnert das an die Namenaufzählung Engelmars 403, n und
an die des Praecursors 445, J7. Dass . unter den fünf angeführten
Namen sich kein entsprechender findet^), besagt nichts. Einmal sind
diese fünf nur der Anfang einer langen Reihe, dann aber lag
gerade hier für die Phantasie eines Dichters ein weites Feld offen.
Wenn die Bauern 262 wütend aufs Fass losschlagen, so kann
man möglicherweise an das Säulenspalten 462, i denken, doch s.
S. 137.
Besonders zu beachten ist der Umstand, dass in beiden Spielen
nach einem Hauptabschnitte in der Handlung ein zweiter Praecursor
auftritt (258, 5 : 444, 20). Im GrNSp machte das Teufel spiel den
Einschnitt, im StSz war alles, was bis dahin vorgegangen war, im
weitesten Sinne zur Veilchengeschichte gehörig, die erst mit der
Aussöhnung Neidharts mit der Herzogin ihren vollständigen Ab-
*) Man mnsste gerade Sawffwoin "260, 2 mit Schlickenprcin 446, 1 und
Schottenschlicker 445,32 in Zasaromenhang bringen wollen.— GrNSp 445, 2.'>:
^Si körnen dort her mit schalle. Ich nenne euch si wol alle.** ist eine zu
oft wiederkehrende Phrase, um sie mit StSz 259, 5 : Hört, Icr Ritter und
Edlleüt alle, Wie ler hye versammet seyt mit schalle** (vgl. 260, 3) in Zu-
sammenhang zu bringen.
181
schlüss fand. Beidemal wird also der letzte Teil besonders einge-
leitet, dort die Spiegel-, hier die Fassgeschichte allein. Der
zweite Praecursor ist sogar beibehalten, obwohl er keine richtige
Einleitung giebt, sondern nur den jungen Neidhart bei den Bauern
einzuführen hat. Auch sprachlich erinnert das StSz trotz der wenigen
überlieferten Verse an das GrNSp.
337, 1 Wann Sj knnnent nit alle Icsn
Ir sint Ettliche nyc zn Schul gewesn.
vgl. 249,3.
238, 2 Gen&dige fraw Fürstin wol getan.
Ich wil mich jctze da understan.
238, 4 Ich bjn genannt der Nejdthardt,
Ain fryscher Kitter zu diser fart. vgl.
243, 8.
240, 4 Awbe Ellschnprccht, mein lieber
Man,
Nu sag an, was hast du getan?
260, 1 Sj, hab jmmer daniick, lieber
Furman.
Du hast all dein Tage nyc so recht
getan, vgl. 241, 2.
239, 1 Pyss willig komen, du edls Plüome-
lein.
244, 2 Ach, Waffen vnd wee diser grossn
Schannde I
Es ergicng nyc keinem mer in disoui
lannde.
244, 4 Merkt, ler liebn Herren alle.
Wie Ew mein Potschaft gefalle.
256, 3 Habt ymnier danuck, edle Jungk-
fraw zarrt,
Ewr Potschaft hören wir geom zu
diser fart. vgl. 257, 2.
250,2 Hoho, die Mere hör Ich nitvungecm,
Vechtns wellen wir Sy wol gewcern.
257, 1 Genädige Fraw Fürstin hochgeniayt.
vgl. 258,2.
259, 4 Ich sag Ew allen auf meinn Ayd,
Mein vaU^r tut Ew warlicli kain Layd.
257, 5 Neydthardt, Ic/sullet nit verzagen,
ler soltsgarkocklich wagn. vgl. 257, 4.
434, 28 Und künden weder singen
noch lesen.
Vor dreien tagen sein mir pau-
ren gewesen, vgl. 433, 33.
s. S. 149 zu V. 406, 19.
s. S. 149 zu V. 413, 5.
s. 8. 149 zu V. 432, 2.
411,32 60t grüss dich, plüemlein
wunsam !
s. S. 21.
s. S. 144 zu V. 393, 4.
408, 16 Darumb liebu junkfrau zart,
Sccht an mein pet zu diser fart.
vgl.Sterz.SpXI387; Fsp 128, 10
Innsbr. Mar. Himf. 1283 u. ö.
Wirth 160.
427, 11 Herr, das tuen ich gem.
Ich will euch wol gewem.
8. S. 150 zu V. 418, 15.
s. S. 145 zu V. 422, so.
398, 1:1 Wolt ir nit verzagen,
So wolt ich gern mit euch wagen.
Xoch dne Uebereinstiinmiuie Wider Spiele besteht in da
Bedeotung. dir der Tanz in ihnen^hat. Wie die Baaem GrXSp
-k»3, r. um den Maien tanzen, s».' tanzen sie StSz 'J42 (^s. S. l'*4f)
am da» Veüchen. Die Hofgeselbc-han tanzt 242 wie GNSp 413 Ji-
Die Baaem tanzen «cLliesslicü 25»i. w.:.bei «ie Kränze tragen, —
die andern werden w*M dem Beifpirle ihrer Anführer (255, i- i)
gef«>lgt -ein, — wie häofig im GrXSp [S. l»iti^, besonders im Lobe-
tanz, wi* de eleichfalls bekränzt ijewt^en sein werden. Dazu
k«>mmt der feierb'che Abzog and Aufzog. Das Sterzinger Spiel
gleicht also aoch darin dem GrNSp, dasi es ebenfalls in herror-
ragendem Masse ein Tanzspiel ist. fibenso war die Aoff ührongszeit
sicherlich die gleiche (s. S. 2* »2 f ).
Der Prolog*.
Gleich im Eingange des Spiels fallt der doppelte Prolog aof. —
Wie das Schi oss wort 2ȟ3 no^h einmal das Ihema im allgemeinen
streift, so kündigt der zweite Prolog das Stück an nnd weist
korz aof den Inhalt hin, oder wenigtens wie im GrNSp aof den
des ersten Teils. Diesen Versen ist nun noch eine Einleitung
vorgeschoben worden, die mit dem Spiele nicht das Geringste
zo thon hat. Dabei ist auffallig, dass der liier aoftretende zweite
Praecursor v-^rher im Aufzuge nicht genannt war. Dem darf
man nicht den Praecursor des zweiten Teils 258, 5 entgegen halten.
Hier ist gewiss kein neuer Praecursor aufgetreten, sondern wie im
<irNSp erschien der Sprecher der Einleitung wieder. Im Anfange
sind aber zwei Einschreier unbedingt notwendig. Dazu kommt
dass die Bede des ersten auf der des zweiten zu fussen
scheint. Vgl.
Hort zuIrrFrawenn vnd ler Man. Mt'rkt.Ii'rManvndaach Icr Frawenn,
. . .1er werdirlst-ltzam Abonlewr M'hfii. Woliche hübsche Aubont<*wr well«
schawenn.
Der erste Pndog ist jedenfalls spatere Zuthat, wobei es don
HinzufOger hauptsächlich um die Bitte um Nachsicht zu thnn
gewesen i>t, wie .sie sich in <len Prolngeii öfters findet, z.B. Sterx.
Pass. aMchler) S. IG^Tir. Pass. 122411': ,Und treybt daraus nit
schiinph noch s}»ut, Al< man manitreii emben menschen rindt:
Alspald er enpliinrlt. Das auwr in ainem reim misredt, So
183
treybt er dar aussein gespött Und lacht der figor gar. Des
man nicht tuen solt fftrwar," oder Babers Pass. 70 f (Wackemell
S. 437 Lesarten): „Wellet schweigen unnd stiller stan und der
spnllent nit spotten noch verachten.^
Das Veilehenabenteuer.
Erst nach der Rede des zweiten Einschreiers betritt der Zug
der übrigen Mitspieler den Spielplan, um die hergerichteten
Plätze einzunehmen, worauf die Veilchenszene beginnt. Dem
GrNSp gegenüber ist das StSz in der Schilderung der Vorgänge
von der Aufforderung der Herzogin zum Suchen bis zur Klage
Neidharts viel ausführlicher. So versucht das Szenar, die Bitter
Neidharts auch beim Veilchensuchen teilnehmen zu lassen, während
doch sonst Neidhart allein auszieht, das Veilchen' findet und allein der
Herzogin die Botschaft überbringt. Hier geht Neidhart nach der
Verabschiedung von der Herrin 238, 4 zunächst zu seinen Bittern
and zieht mit ihnen gemeinsam aus, die Blume zu suchen. Als
er sie gefunden hat, umstehn sie sie alle zusammen und „redent
miteinannder daruon^.
Neidhart geht nun mit seinen Leuten nicht bald an den
Hof, um die frohe Kunde zu überbringen, sondern sie „geent
. . . wyder an Ir Ort, und sytzent nyder," um den Bauern Zeit
für ihren Unfug zu lassen.
Der Baub und Ersatz des Veilchens ist im StSz mit ganz
besonderer Liebe ausführlich dargestellt. Das GrNSp hatte mitten
in dem sonst so lebendigen Spiele (S. 71) diese Handlung nur
als Pantomime in der Bühnenanweisung 412, le. Das StSz sucht
hier besser zu verarbeiten. Während Neidhart mit den Bittem noch
bei der Blume steht, halten die Bauern schon heimlich Bat.
Ebergugl (239, 2) hat offenbar Neidhart beim Suchen beobachtet
und macht den Vorschlag, ihm einen Possen zu spielen. Ellschn-
precht ist trotz des Abratens seines Weibes gleich bereit z'^^. t)
und besorgt sein Geschäft zur besonderen Fr
Hier machen sich jetzt alle Bauern mitschuld
That, sodass für sie die Folgen der gros«
verdient sind, während im GrNSp zahlref
184
wurden, obwohl sie von Engelmars That nichts wussten und erst
später, allerdings voll Genugthuung davon hörten (418, 2 ff, ä ff).
Nachdem das Spiel seinen höfischen Anstrich verloren hatte, war
die derbe Ausführung im StSz ein dramatischer Fortschritt. —
An die Unterhaltung der Bauern im GrNSp beim Berichte von
der That erinnern die Reden der Bauern nach vollbrachtem Unfuge
in StSz. Vgl.
241, 1 Liebn Nachpem, Ich sag £w
newe Mere,
Der Neydthardt ist aller frümm-
keit lere.
Er hat hewt etc.
241, 1 Hab jmmer dannck, mein lieber
EUschnprecht,
Du tetst all dein Tage njo so
recht,
Nnn hab er Ime, etc.
418, 12 Ir herren, ich sag euch das,
Umb den ncid und omb den has,
Den der Neithart zu uns trait.
418, 39 Hab dank, her Enzlman!
Er hat uns leides vil getan.
. . . Darurab entmochen mir
ni(ch)t.
Wie vil im lasters peschicht!
Nach voUbrachtem Unfage setzen sich die Bauern alle wieder
auf ihre Plätze, und nun erst geht Neidhart an den Hof, um
der Herzogin seinen Fund zu melden. Das Bestreben, die
Yeilchengeschichte einem derberen Geschmacke entsprechend breit
umzugestalten, war an sich zwar ganz gut, aber völlig geglückt
ist es nicht. Als die Herzogin herankommt, um das Veilchen
zu brechen, tanzt Neidhart mit ilir und die Bitter mit den
Jungfrauen um die Blume. Dies entspricht der alten Ueberlieferung,
wonach erst ein fröhlicher Reigen um das Veilchen getanzt wird,
ehe man den Hut aufhebt. Vor dem Lüpfen des Hutes lässt
aber das StSz 242 erst noch die Bauern mit ihren Weibern
tanzen und nach beendigtem Tanze wieder beiseite gehn, während
die Hofgesellschaft sich um die Blume anstellt. Die Bauern
haben nichts zu suchen. Wenn Neidhart mit seinen Gesellen den
Anger verlässt um die Herzogin abzuholen, und die Bauern ihm
einen Schabernak spielen wollen, da ist es an ihnen, auch
ihrerseits zu tanzen, sei es um das noch nicht abgebrochene
wirkliche, sei es um das frischgesetzte Veilchen. An dieser Stelle
sagt aber das Szenar nichts. Der Tanz der Bauern ist ganz
schlecht mit dem Ritter- und Jungfrauentanzc zusammengeworfen
und zwingt die Hofgesellschaft zur Unterbrechung ihrer Feier. —
S. 183 ist gesagt worden, dass der Dichter die Bitter am Veilchen-
185
suchen theilnehmen lässt. Sie sind jedoch nur äusserlich zugegen,
an der Handlung bleiben sie unbeteiligt und stumm. Neidhart
handelt allein; sie sind durchaus überflüssig. Abgesehen davon
ist die Verknüpfung selbst ganz ungeschickt. 238, 4 stellt sich
Neidhardt den Bittem vor und spricht zu ihnen wie zu Un-
bekannten, obwohl die Aufforderung der Herzogin 238, i an sie
ebenso wie an ihn gerichtet war. Obendrein heissen sie „seine
Gselln^. Aber auch den Zuschauem sich vorzustellen hatte
Neidhart keinen Grund, da er ihnen schon von seinem Zwiegespräch
mit der Herzogin 238, i-s her bekannt war.
S. 242 tanzen die Bitter mit der übrigen Hofgesellschaft
ums Veilchen und stehn, während Neidhart den Hut emporhebt,
im Kreise herum ; und wenn auch die Herzogin mit ihren Mädchen
näher herangeht, um das Veilchen ordentlich zu beschauen, so
müssten sie doch selbst auch wahrnehmen, um was es sich handelt.
Mindestens müssten sie bei den nur folgenden Vorwürfen der
Herzogin und bei der Verweisung Neidharts aufmerksam werden.
Als aber Neidhart, der abseits sein Unglück bejammert hat, sie
zur Bache entbietet, fragen sie ihn erst, um was es sich handle
und warum er so traurig sei (245, i), und er muss ihnen die
ganze Geschichte erzählen. Viel besser ist hierin das GrNSp, wo die
Bitter Zeugen des ganzen Auftritts sind und sich sofort unaufge-
fordert zur Hilfe bei der Bache bereit erklären (415, s ir).
Eine bewerkenswerte Abweichung vom GrNSp besteht darin,
dass nicht wie dort die Herzogin, von Neidhart aufgefordert, selbst
den Hut aufhebt, wodurch gleichsam die besondre Feierlichkeit der?
Handlung ausgedrü( kt werden soll, sondern das sie Neidhart heisst
den Hut aufzuheben (242, 2). Statt der Aufforderungsworte
Neidharts, wie GrNp 413, 23, steht eine vor dem Aufheben gehaltne
Preisrede auf das Veilchen ('-^42, 3).
Fremd ist ferner dem StSz wie allen Veilchengeschichten
ausser dem GrNSp die Person des Herzogs. Dort war er, wie wir
S. 81 f. sahen, schlecht aus dem Eittertanze aufgepfropft. Unser
S zenar hat das Bittenverben überliaupt nicht, darum brauchte auch
der Herzog nicht eingeführt zu werden. Auch die Aussöhnung
bei Hofe geschieht nur zwischen Neidhart und der Herzogin.
Das StvSz ist darin also echter als das GrNSp. Dp~
meister aber, der hier im Aufzuge die Herzogin fährt
186
ihr auch Kum Veilchen geht, erinnert dodi stark an den Herzog,
der im GrNSp neben ihr steht.
Wie die Bitter nnd die Bauern, so wird auch das Gefolge
der Herzogin mehr an der Handlang brtheiligt Im GrNSp bleiben
die Mädchen stumm nnd onthätig. Im StSz erscheinen sprechend beim
Gange znm Veilchen drei Jungfrauen und ausserdem ein Hofmeister,
eine vierte spricht 256, 2. Der dialogischen Handlung im GrNSp ent-
spricht hier eine dramatische. Eine Jungfitiu versucht gute Worte fftr
Neidhart einzulegen, als die entsetzte Herzogin ihn ausschilt; die
andere widerspricht ihr und beschuldigt ihn. Hier folgt der
Dichter dem beliebten Brauche, durch Zusanmienstellung von
Gegensätzen Mannigfaltigkeit zu bewirken.
Eigenartig ist es, wenn die Herzogin 248, 1 Neidhart zornig
Vorwurfe macht, und wenn nachher die dritte Jungfrau, ohne dass
die Herzogin sie aufgefordert hätte, ihn 244, 1 aus dem Lande
weist. Diese Worte gehören viel besser in den Mund der Herzogin.
Sie erinnern an die gröbere Fassung der Veilchenerzählung im NF,
wo sie in der That von der Herzogin gesprochen werden. Vgl.
'244, 1 Neidthardt hebt Ew paldans
dem Lannde,
Von wegn der äbergrossn Schannde.
NF 343 pfu dich, wie tast du mir
schände !
ich rat dir auf die trewe mein, da
hebst dich aass dem lande.
Wenn im '^StSz beide Fassungen nebeneinander stehn, die
zahmere, wo die Herzogin nur Vorwürfe macht, und die gröbere
mit der Landesverweisung, so lässt sich eine Vereinigung nur so
denken, dass die Herzogin, welche schon entrüstet wieder abziehen
will eine Jungfrau beauftragt, den Ausweisungsbefehl dem Neidhart
zu überbringen. . Das StSz sagt von einem solchen Auftrag nidit«.
Wie es hier steht, Mst es befremdend, wie die Jungfrau dazu kommt,
eine solche Strafe auszusprechen. Vielleicht ist die üeberlieferung
schuld, sodass wir ein '* unverderbtes Original anzusetzen haben,
aus dem das StSz geflossen ist.
187
Die Raehe.
Nach der Klage Neidharts über sein Unglück meldet sich bei
ihm sein Knecht Schlycknwein, den er sofort nach den Rittern
schickt, um sie zur Bache zu entbieten (244, 3 ). Wie der Dichter
sie nnn erst ungeschickt nach dem Grunde von Neidharts Trauer
fragen lässt, haben wir oben S. 185 gesehen.
Die darauf folgende Schilderung des Kampfes ist ganz ab-
weichend von den bisher besprochenen Behandlungen. Hierin hat
das StSz in dem Bestreben weiter auszuführen arge Verwirrung
angerichtet. Im GrNSp tanzen die Bauern, während die Bitter sich
gleichzeitig rüsten und den Knecht auf Kundschaft ausschicken.
Darauf überfallen sie die immer noch Tanzenden. Im StSz kommt
dagegen Engelmar zu den über die Bache Bat pflegenden Bittern
(245, 4), um sie wie es scheint durch kecke Bede herauszufordern.
Beim KlNSp werden wir 193, zin eine Bestätigung für diese Ansicht
finden. Es kommt schliesslich zum Wortgefechte, wobei immer
ein Bauer und ein Bitter sich drohend gegenübertreten. Dieses
paarweise Vor- und Abtreten, wobei sich die Bauern und der
Fechtmeister selbst vorstellen, ist höchst ungeschickt. Die im
GrNSp getrennt stehenden Prahlereien und Drohungen der Bitter
und der Bauern sind hier zusammengeworfen und in der Aufzugs-
form bearbeitet. Der Ton der Bede ähnelt sehr, und auch der
Knecht findet sich wieder (S. 188). Wenn 248, i ausdrücklich
gesagt wird „der Acht Pawr", so braucht daraus, dass der Bauer
vom Brunnen in Wirklichkeit erst der sechste ist, welcher auftritt,
noch nicht geschlossen zu werden, dass vorher Beden der Bauern
ausgefallen seien. Die Zahl 8 mag durch den folgenden achten
Bitter (248, 2 ) veranlasst sein. Aber auch nachdem so das gegen-
seitige Drohen die ganze Beihe hindurch gegangen ist, schlagen
sie nicht los. Jetzt bittet erst noch ein Ritter um Verhaltungs-
massregeln (248, 4), und Neidliart hält es für das beste, seinen Knecht
mit einem Absagebriefe zu den Bauern zu schicken. Dieser Absage-
brief ist hier ganz unangebracht, wo beide Parteien sich gegen-
seitig schon umständlich herausgefordert haben. — Zwei Motive
sind auch hier zusammengeworfen, die nicht vereinbar sind. Entweder
musste die schriftliche Aussage vorausgehn und dann der Kampf
nach einigen herausfordernden Droliungeii ])eginnen, oder es musste
Engelmar herausfordernd zu den Eittern kommen und zwischen
188
den beiden Parteien sich die Erbitterung durch das Hin- und
Herreden steigern, bis aus den Worten Thaten wurden.
Dass der Verfasser bei der Vermengung beider Motive selbst
nicht aus und ein wusste, geht daraus hervor, dass er nach den
herausfordernden Beden alle noch einmal an ihren Ort gehn lässt
(249) und nun die briefliche Aufsage wie eine ganz neue Geschichte
behandelt, als ob das Vorhergehende gar nicht vorgefallen wäre.
Eben haben sich Bitter und Bauern kampfbereit gegenüber gestan-
den, und nun sind sie fem von einander. Der Bote liest den
Absagebrief vor, Engelmar hört ihn wie etwas ganz Neues (250, 2 ),
und der Bote erzählt Neidhart 250, 3 von der kampflustigen
Stimmung, in der er die Bauern gefunden habe, als ob der gar
nichts davon wüsste.
Bei keinem dieser beiden Motive war es natürlich möglich,
den Überfall heimlich geschehen zu lassen wie im GrNSp. Beide
Parteien rücken auf den Plan, jede von einem Anführer befehligt,
die Bitter unter Neidhart, die Bauern sonderbarerweise nicht unter
Engelmar oder Ellschnprecht, sondern unter einem unbekannten
Meier in der Peunt (251, i ).
Eigentümlich ist die Figur des „Schinnmeisters". Er gehört
jedenfalls zur Partei der Bitter. Er rühmt sich seiner Fechtkunst
und „schyrmt ain Paraat aus''. Er hatte also wohl ein kleines
Fechterkunst- und meisterstückchen vorzuführen. Berücksichtigt
man dabei, dass die Herausforderungen in der Aufzugsform gearbeitet
sind, so liegt die Vermutung sehr nahe, dass diese Episode in
bewusster Anlehnung an einen Schwerttanz gestaltet sei.
Besser dagegen als im GrNSp ist Neidharts Knecht Zypprian
im StSz mit der Handlung verknüpft. Dort schickt Neidhart 416, 26
seinen namenlosen Diener auf Kundschaft aus, die ihm 419, u über-
bracht wird. Ebenso ist es im StSz, wo aber Zypprian mit den Bauern
mehr in Berührung gebracht ist. Er sieht ihnen nicht nur wortlos
zu, sondern überbringt ihnen auch den Absagebrief, den er obendrein
noch, da die des Lesens unkundigen Bauern nichts damit anzufan-
gen wissen, selbst vorlesen muss. 250, s berichtet er dann, was
er gesehen hat, worauf wie im GrNSp der Überfall erfolgt.
Der Kampf zwischen Rittern und Bauern endet damit, dass
Ellschnprecht ein Bein verliert und eine Stelze bekommen inuss.
Daneben werden noch etliche Bauern verwundet. Dass mehrere
189
mitgenommen werden, erinnert an dio 32 Verstümmelten des GrNSp
and seiner Quelle (S. 73 f). EUschnprecht erleidet allein dieselbe
Strafe wie dort die 32, die zugleich Engelmars Sühne für den
Spiegel war. Nun kennt das StSz den Spiegelraab nicht. Nach
dem zweiten Prologe kommt gleich das Fassabenteaer. Engelmar
tritt dadurch im StSz in den Hintergrund. Trotzdem ist er neben
Ellschnprecht Hauptperson unter den Bauern, obwohl er weder
durch einen von ihm besonders ins Werk gesetzten Unfug, noch
als alleiniger Tanzführer diese Rolle verdient. Ebenso tritt er auch
nach dem Kampfe unter den Verwundeten besonders hervor. Von
allen übrigen Bauern ausser Ellschnprecht scheint er am meisten
mitgenommen zu sein und er wird neben ihm auch allein geheUt
(253 f). — Verschiedenartiges ist hier vereinigt. Ellschnprecht
ist der Uebelthäter in der Veilchengeschichte, Engelmar war es in
der Spiegelgeschichte. Die getrennt voneinander stattfindenden
zu jenen beiden Episoden gehörigen Prügeleien hat das StSz
samt ihren Hauptpersonen zusammengeworfen. Der Thäter
Enzelman ist mit seinem Stelzbein im GrNSp nur einer von
vielen. Er tritt bei der Massenschlägerei nicht sehr vor den
andern hen'or. Der im StSz mit seinem abgeschlagenen „Schynnkn"
von den übrigen stark abstechende Ellschnprecht erinnert mehr
an den allein zum Stelzer gemachten Engelmar des Spiegel-
abenteuers. Wie dieser zum Arzt auf einer Bahre getragen wird,
so wird auch Ellschnprecht auf einer Misttrage zum eben auf-
tretenden Quacksalber geschafft (232). — Engelmar hat also
viel an Ellschnprecht abgegeben, daneben aber doch noch eine
hervorragende Bolle behalten, ohne dass dazu im StSz Anlass war.
Der Quacksalber.
Zum ersten Male begegnet im StSz ein Arzt im Zusammen-
hange mit dem NeidhartstoflFe. Er kommt gerade zur rechten Zeit
nach der Prügelei, mit viel Medizinen ausgerüstet und von seinem
Knechte AUwein begleitet. Man wird hier stark an die komisehen
Zwischenspiele im Osterdrama erinnert *). Allerdings ist die
») R. Heinzel, Abhdlgn. z. altd. Drama, Wiener Sitz.-Rer. 134 S. 5511;
vgl. Reuling, Die komische Figur, Stuttgart 1890, S. llflf.
190
Nx(»iu' rar unser Spiel zugeschnitten. Dort liegt dem ganzen Zu-
sanunonhunge entsprechend die Hauptaufgabe des Arztes und
H(»iiu^N Knechtes im Ausschreien seiner Künste und seiner Salben,
hier handelt es sich hauptsächlich um eine wirkliche Inansprach-
nahnio seiner Fertigkeit. — Sein Knecht Allwein ist ein leiblicher
Bruder des Bubin im Osterspiel. Es ist nicht auszumachen, ob
242, 2 nach der Anrede an den Arzt nicht doch noch eine Salben-
anpreisung im Stile des geistlichen Dramas stattgefunden hat, worauf
hin erst die Bauern EUschnprecht angetragen brachten. Dass ko-
mische Szenen aus dem geistlichen Schauspiel ins weltliche über-
nommen wurden, ist bekannt. Neben den Quacksalberspielen,
die vielfache Beeinflussung nicht verleugnen können, zeigen dies
auch die Teufelsspiele (S. 107 flf.). Was das Arztspiel angeht,
so ist darin das geistliche Drama allerdings nicht ursprünglich,
wie bei den Teufelspielen, sondern es hatte den ursprünglichen
Salbenkrämer der Osterfeiem, bei dem die drei Marien ihre
Salben einkaufen, in einen marktschreierischen Wunderdoktor
umgebildet. Dabei waren possenhafte Spielmannsaufführungen das
Muster gewesen von denen aus das komische Motiv ohne weiteres
übernommen wurde ^), während es anderseits lange in den zahl-
reichen Quacksalberszenen unter den Fastnachtspielen fortlebte.
Das geistliche Drama brauchte mehr den Marktschreier und Geheim-
mittelschwindler, während in der weltlichen Posse der Wunder-
kurenmacher mindestens ebenso beliebt war. Es fragt sich, ob
der Verfasser des Sterzinger Spiels die Arztepisode unmittelbar
von den Spielmannsspässen oder vom Osterspiel überkommen hat.
Das Hervortreten der Heilung spricht mehr für das erste, doch
lilsst sich nichts entscheiden, da der Text keine Auskunft geben
kann. Dass es dem Dichter übrigens nicht um eine ernste Figur
zu thun gewesen ist, sondern dass er hauptsächlich eine komische
Szene beabsichtigte, zeigt ausser der Ausrüstung des Arztes das
eigne Lob seiner Kunst 253, 2 und die offenbar humoristische
') Heinzel Abhdlgn. z. altd. Dr.,Wiener Sitz.-Ber. 134 S.56ff; Creizenach
120; Wirth 168 flf. bes. 174. Vielleicht war auch bei den Auflführangen wie
auf don Bildern der Qaaksalber als Schacherjude gedacht, s. Mejcr, Geist-
lirhoM Schauspiel und kirchliche Kunst in Geigers Ztschr. f. Kult. u. Litt,
dor Kenaissance I 1886 S. 416; Mitteilungen der antiquarischen Gesellschaft
in Zürich LXIH 1899 S. 273 u. Taf. VIU B.
191
Tröstung des Knechtes ^ 254, 4 (s. u.). — Die Einfügung der
Episode lag nahe^). Im OrNSp bindet Neidhart selbst den ver-
stümmelten Banem Stelzfüsse an, und im zweiten Teile wird Engel-
mar fortgeschafft, ohne dass man erfährt, was aus ihm wird.
Dieser Schluss befriedigte nicht, und jene Ausführung war unge-
schickt, da sie Neidhart 420, 5 an allen 32 wortlos vornahm. An-
gedeutet war eine derartige Ausführung, wie sie sich im StSz findet,
auch im GrNSp, wenn es 459, 5r heisst: „Ich wolt im ain arzat
gewinnen Und wolt in wider hallen lan*'.
Zwei Mal wird die Kunst des Arztes in Anspruch genommen,
durch EUschnprecht, dem mit einer Stelze geholfen wird, und durch
Engelmar. Wie dieser dazu kommt, um Kopf und Hände verbun-
den dazuliegen (253), wird nicht gesagt. Er wird durch eine
Salbe geheilt. Das Mittel wirkt, denn er vergisst sofort Schmer-
zen und Wunden. Hierin liegt, glaube ich, noch eine arge Satire.
Noch heute ist der Bauer zufrieden, wenn der Kurpfuscher
ihm ein Pflaster oder eine Salbe giebt, der er mehr vertraut als
allen Batschlägen des Arztes. Zur Zeit unseres Spieles wird das
naturlich nicht besser gewesen sein. Der Bauer war damals wie
heute das beste Opfer für die Prellereien solcher Schwindler. Dazu
passen die ironischen Worte des Arztknechtes, der seine Schmiere
und ihre Wertlosigkeit natürlich genau kennt: „Ennglmayr gehab
dich wol. Dyse Leme dier nit schadn sol" (254, 4 ).
Die Versöhnung Neidharts mit der Herzogin.
Über den auf die Heilung folgenden Tanz und das dabei
veranstaltete Trinkgelage, sowie über die Ähnlichkeit dieser Szenen
mit dem GrNSp ist S. 179 u. 182 gesprochen worden. Darauf folgt
die Versöhnung Neidharts mit der durch EUschnprechts Unfug gegen
ihn aufgebrachten Herzogin. Im GNSp lässt sich der erzürnte
Herzog auf den Bericht der Ritter hin begütigen, schickt nach
*) Dass die Arztgoschichte als ja:eschlossenos, sflbstständiges Ganzes
betrachtet worde, das man nach Belieben einschieben oder weglassen konnte.
geht ans der Vorschrift im Tir. Pass. III 636 hervor: Hie potes introducen^
medicnm cnm servo suo si placet.
192
Neidhart (423, 5 ), der ohne weiteres Folge leistet (423, i7) und
gnädig wieder aufgenommen wird. Das StSz, welches wie gesagt
den Herzog gar nicht kennt, führt hier weiter aus. Die Herzogin
lässt durch eine Jungfrau die Ritter an den Hof entbieten, die
für Neidhart um Vergebung bitten (257, i ), worauf sie auch nach
Neidhart schickt. Der aber sträubt sich zunächst (257, 4 ) und
geht schliesslich nur mit Furcht und Widerstreben mit (258, i ).
Diese grössere Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit war kein schlechter
Gedanke. Vgl. übrigens
257, 3 Hör Noydthardt, Ich sag Ew
gute Mere,
ler sullet lassen von ewrs Hertzen
Swäre.
423, 12 Ich hoff, dein Ding verde gaot
Ge dan und hab ain frischen maot.
FussfäDig bittet er die Herzogin um Gnade und wird wieder
huldvoll aufgenommen.
Neidhart im Fass.
Mit dem zweiten Einschreier beginnt 258 gewissermassen ein
neuer Akt. Jener hatte die Aufgabe, den jungen Neidhart bei den
Bauern einzuführen (258,5), mit dem Engelmar sogleich ein Ge-
spräch anknüpft. Ein Sohn Neidharts begegnet sonst nirgends.
Er hatte augenscheinlich die Aufgabe, mit heuchlerischer Gutmütig-
keit den Freund der Bauern zu spielen und sich mit ihnen anzu-
vettern, denn er sagt 259, 2 : „Ich wil Enncker guter freunndt seyn" ;
und als Engelmar seinem berechtigten Misstrauen gegen den alten
Neidhart Luft macht (259, 3 ), versichert ihm der Sohn bei seinem
Eide 259,4: ^Mein vater tütEw warlich kain Layd." Auf diese
Weise sollten wohl die Bauern in sorglose Sicherheit gewiegt werden,
damit der alte Neidhart nachher um so ungestörter und wirkungs-
voller den Unfug mit dem Fasse ausüben konnte.
Nach der angeführten beschwichtigenden Äusserung des jungen
Neidhart über seinen Vater kommt ein Fuhrmann, auf einem
Fasse sitzend, zu den Bauern gefahren, und schreit seinen Wein
aus. Wenn er die Döri)er 259, 5 mit: „ler Ritter vnd Edlleüt alle"
anredet, so liegt jedenfalls darin eine ähnliche feine Satire wie in
den tröstlichen Wortendes salbenschmierenden Arztknechts (s.S. 191).
193
Als tüchtiger Geschäftsmann rechnete er auf die Aufgeblasenheit
und Dummheit seiner Kunden. Dass er sich nicht getäuscht hat,
zeigt der Zuspruch, den er findet (260, i ).
Dass in dem nun folgenden Fassabenteuer manches auf das
GrNSp hinweist, ist S. 180 gezeigt worden. Manches aber ist
doch neu und abweichend in der näheren Ausführung dieser
Geschichte im StSz. Besonders überrascht es, dass hier noch ein
zweites Fass erwähnt wird. Der Grund dafür ist noch erkennbar.
Im Gedichte und im GrNSp wird Neidhart im Fasse entdeckt,
ohne dass gesagt wäre, wie er hineingekommen sei. Das StSz
sucht diese Frage zu lösen. Es lässt ihn zu den Bauern als ihres-
gleichen verkleidet konmien und mit ihnen ein Gespräch anfangen
(260, 3 ). Plötzlich ruft er laut seinen Namen und verbirgt sich.
Gedicht und GrNSp lassen ihn in dem Fasse liegen, ohne zu sagen,
ob es leer oder voll war. Da aber im GrNSp getrunken wird, so
denkt man zunächst, dass es sich um ein volles handle. Dem
Verfasser des StSz fiel es auf, dass Neidhart nicht in einem Fasse
verborgen sein konnte, aus dem Wein geschenkt wurde. Ebenso
wenig kann es sich Milchfridl im GrNSp 459, 32f erklären. Dieses
Missverständnis lassen die Berichte allerdings zu. Im GrNSp wird
aber wohl für die Zuschauer der Vorgang deutlich erkennbar
gewesen sein. In einem zweiten Fasse, das der Weinwirt mit auf
dem Wagen hate, ist sicherlich Neidhart verborgen gewesen und darin
bald mit dem ersten Fasse zugleich auf die Bühne gebracht
worden. Die Bauern mussten der Meinung sein, dass der vor-
sorgliche Wirt bald noch ein zweites volles Ersatzfass mitgebracht
habe. Während der Prügelei hat jedenfalls Neidhart sich etwas
aus dem Fasse hevorgewagt, um besser zusehen zu können, wobei er
den Zuschauem, wenn dies nicht schon vorher der Fall gewesen war,
sichtbar wurde. Deshalb wurde er auch von Erkenwolt entdeckt.
Es wird also nur an den mangelhaften Szenenanweisungen liegen,
wenn wir über diese Vorgang in GrNSp im Ungewissen sind. —
Das StSz lässt kurzweg zur Lösung der Schwierigkeit noch ein
zweites Fass bringen (261), in welches Neidhart schlüpft. Hierin ist
der für das GrNSp vermutete Vorgang noch erkennbar. Der Dichter
hat aber den Zusammenhang ganz entstellt. Dass er das zweite
Fass erst später auffahren lässt, hat an und für sich nichts zu
bedeuten. Er verwendet aber ein doppeltes Motiv. Einmal entdeckt
Goxinde, Neidhart mit dem Veilchen. 13
194
Neidhart sich selbst durch seinen Schrei: ^Hye Neydthardt, zn
aller Fart.** Statt nun zu entlaufen, schlüpft er erst ins Fass und
die Bauern suchen ihn. Sauffenwein hat augenscheinlich seinen
Aufenthalt entdeckt und macht die Bauern darauf aufmerksam
wie Erkenwolt im GrNSp. Dort war ebenso wenig als im Gedichte
von einer Selbstentdeckung die Rede. Neidhart steckte im Fasse,
ohne dass die Bauern von seiner Nähe wussten, um von da aus
beobachten zu können. Durch das Motiv vom Selbstentdecken,
das sicherlich Eigentum des Dichters des StSz ist, wird der
Zweck des Yerbergers im Fasse ganz unklar und die Handlung
ungeschickt.
Fraglich ist es, ob auch der Wirt der Meinung war, zwei
volle Fasser mitgebracht zu haben, oder ob er um den Unfug
wusste. Das GrNSp sagt nichts darüber. Seine ironisclie Be-
grüssung der Bauern im StSz (s. S. li)2f) legt die Vermutung
nahe, dass er mit Neidhart unter einer Decke steckte.
Ganz unklar ist, was am Sclilusse Engelmars Sohn sollte,
nachdem Saufifenweins und wie es scheint auch Engelmars Weib
versucht haben, ihren Männern die Verfolgungs- und Kampfwut
auszureden. Hat dem Engelmar sein Weib besonders eindringlich
zur Friedfertigkeit zugeredet, und ist der Sohn selbst unter den
Verfolgungslustigen und redet dem Vater zu mitzukommen, oder
hat umgekehrt Klara ihrem Manne zugeredet. Neidhart zu
verfolgen, und verlangt jetzt der Jmige, der Vater solle dableiben?
Ehe der Ausschreier seine Abschiedsansprache hält, wendet
sich Engelmar noch einmal an alle Bauern, augenscheinlich um
nach diesem misslungenen Versuch sie zu beständiger Wachsamkeit
aufzufordern und an die Rache zu gemahnen.
Komposition, Stil und Verfasser.
Danach S. 179 ff zwischen StSz und GrNSp ein enger Zu-
sammenhang bestehen muss, so könnte man an und für sich ge-
neigt sein, im StSz als dem kürzeren Stücke eine ältere Stufe
der Behandlung der Neidliartgeschichte, in dem ausgedehnten
GrNSp dagegen eine jüngere Enveitening zu erblicken. Eine
195
genauere Betrachtung der Komposition des verlorenen Sterzinger
Spiels an der Hand der Spielrolle lehrt aber das Gregenteil. Das
StSz muss also dem GrNSp gegenüber gekürzt haben. Dieselbe
Erscheinung werden wir noch beim KlNSp kennen lernen. Der
Dichter des StSz hat nicht alle Spuren der von ihm unter-
drückten Abschnitte beseitigt, sondern es weist noch manches
auf die frühere Gestalt hin. So sehen wir in der Stellung
Engelmars (S. 189) und \ielleicht auch in der Gestalt
des Bauemtanzes nach dem Vollzuge der Rache (S. 180)
noch Spuren des Spiegelraubes. Auch das Vorkommen des
Fassschwankes, welchen wir sonst nur in der Verbindung mit
dem Spiegelabenteuer kennen, und der Wein auffahrende Wirt
lassen auf das ursprüngliche Vorhandensein der Spiegelgeschichte
schliessen. Vor allem wichtig ist aber das Erscheinen des Ein-
schreiers 258, 5, obwohl er da gar nicht mehr als solcher auftritt,
während er im GrNSp seinen Zweck wohl erfüllt.
Dasselbe lassen die breiten Ausführungen schliessen. Das
StSz sucht nämli(;h Motive, die im GrNSp nur angedeutet waren,
mehr mit der Handlung zu verknüpfen, und Personen, die
dort nur nebenher vorkamen, mehr zu beteiligen. Bei dem
ausführlichen GrNSp fielen derartige unausgeführte Bestand-
teile besonders auf. So lässt das StSz mit verschiedenem Erfolge
Bitter, Bauern und Hofdame beim Suchen, beim Raube und
beim Einholen des Veilchens thätig und sprechend Anteil
nehmen, beteiligt den zu den Bauern mit dem Aufsagebrief gehenden
Knecht mehr an der Handlung und fülirt mit Glück die Ver-
söhnungsszene weiter aus (S. 191 f).
Noch deutlicher wird es, dass das StSz jünger ist als das
GrNSp, wenn ihm bei diesem Streben weiter auszuführen, arge
Fehler mit unterlaufen, so dass man von offenbaren Ver-
schlechterungen sprechen muss. So war es schon im Veilchen-
abenteuer mehrfach sehr ungeschickt, ebenso hat es im Fass-
schwanke durch die Hinzufügung des Motivs von der Selbstentdeckung
Neidharts (S. 198f) arg verdorben. Am schlimmsten ist es dem
Dichter aber in dieser Beziehung mit der Ausführung des Kampfs
gegangen, wo er zwei Motive nebeneinander stellt und sich so
dabei verwirrt, dass er sich schliesslich selbst nicht zurecht finden
konnte (S. 187f).
13*
196
Nach alledem können wir als sicher annehmen, dass das
GrNSp das ursprünglichere Spiel war, welches dem Sterzinger
bekannt war mid von ihm benutzt worden ist.
Diese Ausführungen geben uns zugleich schon ein Bild des
Dichters und seiner Dichtungsweise. Er hat die meisten Schwanke
weggelassen, und in den beibehaltenen Stücken grössere Breite
und Ausführlichkeit angestrebt. Allerdings meist mit wenig Olück.
Nicht Schuld des Dichters allein, sondern hauptsächlich der
ungewandten Schauspieldichtung jener Zeit ist die Oewohnheit, Be-
gebenheiten, die sich gleichzeitig abspielen, nacheinander vorzuftlhren.
— Als Neidhart das Veilchen entdeckt hat und zur Herzogin gehn
will, um ihr die frohe Nachricht zu überbringen, geht er nicht
geradeswegs, sondern er muss sich mit seiner Begleitung erst
niedersetzen, um den Bauern Zeit für ihren Unfug zu lassen (239).
Erst nach der Ausführung des Schabemaks, die hier von nicht
unbedeutender Länge und Breite ist, setzen Neidhart und die
Bitter ihren Weg zum Hofe fort. In Wirklichkeit sind der Gang
zum Hofe und der Raub gleichzeitig. Ebenso sollte wie im
GrNSp (s. S. 1()8) die Auskundschaftung des Knechtes eigentlich
gleichzeitig mit der Handlung der Ritter vni Bauern stattfinden,
wobei aber das StSz aUes durcheinander geworfen hat (s. S. 187f).
Wie das GrNSp die einzelnen Abschnitte deutlich zn trennen
versucht (s.S. 163), so ist auch das StSz bestrebt, die verschiednen
Szenen sich von einander abheben zu lassen. Der zweite Teil
des Spiels ist schon durch den zweiten Einschreier als etwas gani
Neues eingeleitet. Sonst lässt der Dichter, um die Zuschauer
darauf vorzubereiten, dass etwas Neues beginnt, vorher die Spieler
alle auf ihre Plätze zurückgehn^). Nach der Heilung Engelmars
heisst es (254) „sitzt yederman". Darauf beginnt der Tanz.
Sobald er beendigt ist, setzen sich alle bis auf Neidhart wieder
(256) und es folgt die Zurückberufung der Ritter Neidharts an
den Hof Vor dem Auftreten des zweiten Einschreiers gehn
alle auf ihren Platz. Ebenso ist es vor dem Erscheinen des
Fasses (259), und vor der Schlussrede geht auch „Yederman an
') Vor der Übersendung des Absagebriefes (249) war dieses Mittel« wie
wir S. 18R sahen ganz schlecht angebracht.
197
sein ort." — Zweifellos war der Dichter des GrNSp in der Ab-
leitung seiner Szenen viel glücklicher als der des StSz.
Dem StSz ist es eigen, hie und da Personen Worte in den
Mund zu legen, die aus dem Versgefüge herausfallen (244, 249,
255). Es finden sich nämlich in den Anweisungen die Worte:
„Wo bist Du?" „Da bin ich". Es ist dies wohl eine vom
Dichter eingeführte Begleitrede zu dem sonst stumm ausgeführtn
Aufsuchen anderer Personen, das gewöhnlich durch blosses Hingehn
zum Platze des Aufzusuchenden geschieht. — 261 „Hye Neydthardt,
zu aller Fart" gehört kaum hierher. Es wird eher der zweite
Vers des letzten Reimpaares von Neidharts Bede 260, s sein.
Das Streben, weiter auszugestalten, führt im StSz mehrfach
zu Verdoppelung vorhandener Personen und Sachen. Die beiden
Quacksalber und die beiden Prologe im ersten und zweiten
Teile bot schon die jeweilige Quelle, hier das GrNSp, dort die
Quacksalberschwankszenen. Daneben hat aber das StSz zwei
Prologe aus einem zu Anfang des Stückes gemacht; es führt
zwei Fässer ein, stellt dem alten Neidhart den jungen, dem
alten Engelmar ebenfalls den jungen zur Seite und macht aus
einem Knechte Neidharts zwei. Eng verwandt damit ist das Be-
streben, für eine Handlung zwei verschiedene Motive oder zwei
Fassungen zu verwenden. So bei der Entdeckung des falschen
Veilchens (S. 18()), bei der Flucht in der Fasssgeschichte (S. 193f)
und bei der Prügelei (S. l!)7f)*). Dass das inmier zum Vorteil
fürs Stück gewesen sei, kann man nicht behaupten.
Wenn Bühnenanweisungen 254, 255 Gespräche vorschreiben,
deren Text nicht überliefert ist, so ist hier nicht an Ausfall der
entsprechenden Stichverse zu denken, da der Inhalt ausdrücklich
angeführt wird. Man könnte Gespräche des Spielers aus dem
Stegreife vermuten, wie es beim Gesänge das GrNSp 412, i5,
436, 3;) zeigt. Doch es handelt sich vielmehr um stummes Spiel
wie 252 zwischen EUschnprecht und Elsamut, wo es ausdrücklich
heisst „in sunnderhait." Darum wird in diesen Fällen auch der
*) Das Gegenteil erscheint beim Fassschwankc, wo der Wirt im StSz
allein auftritt and seinen Wein selbst ausruft.
198
Inhalt der stumm geführten Unterhandlung genau angedeutet, um
dem Spieler Anweisung für sein Gebärdenspiel zu geben. —
Hier wird also schon der Versuch gemacht, ZAvei Ereignisse
gleichzeitig darzustellen, während sonst gewöhnlich das Gleichzeitige
hintereinander angeordnet wird (s. S. 19()).
Von diesen eben besprochenen Eigenarten des Dichters ab-
gesehen begegnen vollständig neue Abschnitte im StSz so gut
wie gar nicht. Es bringt Motive, die auch das GrNSp hat, in
ganz verändeter Gestalt, aber immer lag dazu der Keim schon in
der Vorlage. Dies fanden wir nicht nur bei der Veilchen-
geschichte, der Prügelei und beim Fassschwanke, sondern sogar
auch bei der Quacksalberszene.
Schliesslich bestätigt auch der Stil, dass das StSz jünger
ist als das GrNSp. Derbere Anschauungen und eine gröbere
Sprache tragen ebenso wie die Führung der Handlung schon
deutlich den Stempel des Verfalls an sich. Besonders ist die
Satire gegen die Bauern viel ärger geworden. Die Vergröberung
der Handlung durch Ausführung von im GrNSp nur kurz ange-
deuteten Motiven brachte selbstverständlich die gröbere Sprache
mit sich. — Bemerkenswert tür den veränderten Geschmack
ist ferner, dass der Natureingang augenscheinlich in der Rede
der Herzogin 238, i, mit der sie zum Suchen auflfordert, fehlt.
Für seine freudige Kunde belohnt sie Neidhart mit einem
Kranze, gerade wie eine Bauerndirne ihren Tänzer (s. S. 17 f.).
Der ganzen Behandlung und Sprache nach gehörte das
Sterzinger Neidhartpiel zu den Spielraannsdramen. Allerdings war
sein Verfasser nicht entfernt so gewandt wie der des GrNSp. Mit
dem immermehr zunehmenden Verfall der Dichtkunst überhaupt
hatte er gleichen Schritt gehalten.
Ueber stilistische Eigenarten und Beziehungen lässt sich
bei dem geringen Reste von überlieferten Versen, von denen oben-
drein Ein- und Ausschreier möglicherweise erst von Szenarabfasser
zugefügt sind, nicht viel sagen. An Neidliart erinnert so gut
wie nichts. Einiges erinnert an die nachneidhartische Schwank-
dichtung und an die Fastnachtspiele.
199
341, 1 Liebn Nachpcrn, Ich sag Ew
nowo Mere,
Der Ncydthardt ist aller früiiiinkait
lere,
vgl. 257, 3 , 358, 3 .
240, 3 Ich sag dir fürwar bey meinem
leyb.
243, 1 Schaw, wie gclcich das aimm
Vcyel ist.
248, 3 So byn Ich gar ain frayssamcr
Pawr,
EnnckwardtVnser,noch gar zesawr.
247, 4 Auf den Xeydthardt ist mir gar
anndt.
vgl.Fsp 470,28,471,5 ,503,24,58«, 5;
Eg 480J), Tir. Vorsp. 1154,
Edelpöck 214,521 u. ö.
258, a Ritter Neydthardt, AVir sagn
Ew das,
DiePawm tragent Ew grossen Hass.
MSH m 295* 19 Sit ir ain gast von
Wien, so sagt uns niuwer maor:
Wes begint der Nithart, aller tugent
laer.
vgl. NF 1687, Sterz. 8p U 115.
Fsp 495, 22 Ich swer das anf meinen
leib. vgl. Vogt Salm. CXXXVnif.
Keller, Erz. a. ad. Udschr. 165, 19 Wye
geleych da moinm puelen pist!
Fsp 357, 9 Zwar, da beschissner paur.
Ich wolt dir es wol machen sanr.
Fsp. Nchl. 234, 11 Es thaet mir anff
euch gar andt.
Das ir meym herzen thaet soliche
schandt.
s. S. 152 zn v. 430, 15.
Auch ans geistliche Drama finden sich einige Anklänge.
237, 2 Merkt, ler Man vnd anch Icr
Frawenn,
Weliche hübsche Aubentewr wellen
schawenn.
249. 1 Sy, Zypprian, mein lieber knecht,
Da wayst den Sachn wol ze tfin
recht.
251. 2 Es müest Ennck alle weem vmbs
Lehn.
253, 3 Ach, Waffen hcwt vnd yininer
Waffen,
Wie habt Ess als vbl geschaffen.
254, 1 Lieber Meister, Ich will Ew
sagen,
ler sccht. Ich byn harrt geschlagen,
vgl. 257, 4.
Wien. Pass. 2 Hoeret, ir herren unt ir
vrowen,
di daz spil wellent schowen.
Erl V 237 Medes, lieber chnecht,
dn ward mfr ze d^nst recht.
Wirth 159.
Tir. (Pfarrk.) P\Vackemell S. 508, n
Waffen, ymer waffn!
Wie hastn mich peschaffn.
Erl III 329, Eg 7490, Wien. Osp 334, 27,
Mar. Himf. 1705; Wirth 68. Fsp.
503, 2ü; vgl. S. 21 zu StPSp 39.
Wirth 112.
200
Eine Reihe von Stellen beider Arten ist schon S. 181 ange-
fahrt worden.
Eine im Volksliede häufig vorkommende Stilfigur begegnet auch
im StSz, nämlich die Wideraufnahme desselben Gedankens in der
Antwort unter Wahrung des letzten oder beider Reimwörter.
240, 1 So pjn Ich genannt der EUschn-
precht,
Ynd pjn zu diserSachganntz gerecht,
vgl. 255, 23, 246, 1, 241, 2.
245, 4 Ennghnayr byn ich genannt.
Die Nachpem habent mich her ge-
sanndt.
247, 3 So bjn ich der Mayr von der
Lynndn,
Vnd kan gar wol Garn wynndn.
248, 1 Ich byn der Mayr vom Prunnen,
Ich hab mich erst recht besannen.
240, 2 0 wee mein lieber Ellschnprecht,
Da tetst fürwar daran nicht recht
(vgl. 260, i).
245, 5 Pist da der Ennghnayr genannt,
So hab ich dich vor anch erkannt.
247, 8 Pist da dann der Mayr von der
Lynnden,
So müst da in karzer Zeit werden
innen.
248, 2 Pist da dann der Pawr vom
Prannen,
So hast das nit gar wol besannen.
Die AulTührungr des Sterzinger Neidhartspiels.
Die Aufführung des Spiels, dessen Bolle im StSz vorliegt,
erforderte wie die des GrNSp umständliche Vorbereitungen. —
Mehrfach ist von „Schrannckn" die Rede, es ist also ein Platz
für das Spiel abgesteckt worden, und zwar im Freien, denn der
Zug geht „hynaus zun Schrannckn". Durch einen feierlichen
Aufzug der Spieler mit Musikbegleitung wurde die Vorstellung
eröffnet. Das Volk wird aus dem Wege gewiesen. Die Mit-
wirkenden gehn dem Range nach. Hinter den Pfeifern, dem
Wegmacher und dem Praecursor kommt die Herzogin mit
dem Hofmeister; zwei Ritter gehn ihr voraus. Darauf
kommt Neidhart mit seinen Rittern und den Jungfrauen.
Zum Schluss folgen die Bauern mit ihren Weibern. Das
erinnert an die Aufzüge der geistlichen Spiele^). — Auf
dem Spielplatze waren Sitze, „Stüel und Pennck'', gezimmert 2) auf
*) Heinzel, Abhandlungen zum altdeutschen Drama S. 5; Beschrcibang
des geistlichen Schauspiels, Hamburg u. Leipzig 1898 S. lG3f, 52.
") vgl. Mone, Schauöpiele das MA II IGO.
201
denen die Spieler wie beim Einzüge dem Stande entsprechend
Platz nehmen, die Herzogin und ihre Umgebung zu oberst, ganz
unten die Bauern und Bäuerinnen (237). Hier setzen sich auch
nach den einzelnen Abschnitten des Spiels die Personen wieder hin,
wodurch der Beginn einer neuen Szene angedeutet wird (s. S. lOG).
Der abgesteckte Platz kann nicht von geringem umfange
gewesen sein, nicht nur wegen der Menge der zugleich auf-
tretenden Personen wie bei den Tänzen und beim Kampfe, sondern
es waren auch gesonderte Plätze notwendig, wenn z. B. Neidharts
Knecht wie im GrNSp von den Rittern zu den Bauern geht und
den Aufsagebrief überbringt, um dann mit seiner Kundschaft zu
den Rittern zurückzukehren. Auch die abtretenden Spieler blieben,
wenn sie sich nicht setzten, innerhalb der Schranken; sie gingen
einfach auf die Seite (253,256). Ausserdem war noch ein abge-
sonderter Platz für den Kranzverkäufer nötig (255). Schliesslich
befanden sich auch die Sitze für etwa 60 Spieler (s. u.) innerhalb
des Platzes. Es muss also eine ganz beträchtliche Fläche abge-
steckt gewesen sein.
Im feierlichen Aufzuge sind nicht alle Spieler vertreten.
Es fehlen der Arzt und sein Knecht und der Weinwirt, wahr-
scheinlich wohl, weil sie ihre Ausrüstungsgegenstände, die „vil
Püxn vnd Salbu" (252) und die beiden Wagen mit den Fässern,
nicht mitführen konnten. Sicherlich soDten auch Arzt und
Knecht in komischer Ausstattung überraschend wirken (s. S. 100
Anm.) und durften deshalb nicht schon vorher gesehen Averden.
Im Verliältnis zur umfangreichen Ausrüstung steht auch
die Menge der Spieler. Sprechende Personen kommen 40 vor,
(2 Praecursoren, Herzogin, Hofmeister, 4 Jungfrauen, Neidhart,
1) Ritter, 2 Knechte Neidharts, der junge Neidhart, der „Schir-
maister", 12 Bauern, 2 Bauerwei])er, jung Engelmar, Arzt, Arzt-
knecht und Weinwirt). Daneben stehn noch stumme Personen.
Mindestens ein Teil der andern Bauern ausser Engelmar und
Ellschnprecht hatte Weiber (253). Im Aufzuge werden sogar
nicht bloss Bauerweiber, sondern auch „Dyern'' genannt (236 f).
Femer ist ein Kranzverkäufer notwendig (255). Dazu kommen
der Wegmacher und die Pfeifer. — (Jegen 50 bis (H) Personen
haben also sicherlich mitgespielt.
202
Die AuflEÜhnmg im Freien, die umständliche Vorbereitung,
der feierliche Tanz (s. S. 179f), das Fehlen jeder Anspielung spricht
gegen die Auflführung zur Fastnacht. Allerdings ist ausserhalb
Nürnbergs mitunter im Freien zur Fastnacht gespielt worden*),
doch diese Fälle werden verhältnismässig selten gewesen sein.
Es zwingt nichts dazu, im StSz die Bolle eines Fastnachtspiels
zu sehen. Die grosse Ähnlichkeit in der ganzen Einrichtung
mit dem GrNSp spricht eher dafür, dass wir auch hier ein
Maispiel vor uns haben. Dass der Mai in den Tänzen und
beim Veilchensuchen nicht erwähnt wird, kann bei der geringen
Zahl der erhaltenen Verse, die immer nur der Anfang einer Rede
sind, nicht auffallen.
über den Stand der Spieler darf man aus der ersten Vorrede
nichts schliessen. Es heisst da einmal nur „Sy künnent nit alle
lesu, Ir sint Ettliche nye zu Schul gewesn*'. Dass selbst bei
einer Bürgerauffülirung mit soviel Personen eine Reihe des Lesens
Unkundiger mitwirkte, war sehr leicht möglich. Dann aber
kann man diese Verse mit 249, 3 in Verbindung bringen und
eine humorvolle Verquickung von Spieler und dargestellter Person
darin sehen. Jedenfalls hat man kein Recht, an eine Aufführung
durch herumziehende verdienstlustige Handwerksgesellen zu denken.
^) Creizenach 425.
Da« kleine ^STeidhartspiel.
Das kleine Neidliartspiel ist in derselben Wolfenbüttler
Sammelhandschrül (j überliefert wie das GrNSp. Es steht dort
Bl. 124 b — 129 b im Anschluss an das Spiel vom Herzog von
Burgund, das am Schlüsse (190, 3i) den Verweis hat: „HERNACH
VOLGET DES NEITHARTS SPILLES Nach ihm setzt gleich noch auf
derselben Seite das folgende Spiel von einem Kaiser und einem Abt
ein. Das KlNSp ist von der Hand geschrieben, die Michels
S. 4 f. mit 3 bezeichnet, der jüngsten in 6, welche Fsp 1 — 37
als eine für sich selbständige zusammenhängende Sammlung über-
liefert hat (Michels S. 11), und die dem Ende des 15. Jhd-
angehört.
Die Mundart der Handsehrift.
Der junge Umlaut von a wird mit e bezeichnet ; gesiecht
191,9, geprecht 19(i, i9, fleschlein 197,24.
Umlaut fehlt, u : für 191, i3, 193, 5 ; übel 197, 3 ; wurd 191, ii;
rust 194, 12; sund 198, is. BGr. 29. MGr. (51.
ö : hört 191, a, 193, :u, li)(>, :w; schnöde 193,24; schon
195,7; frolich 19(1, :^i, 198, j . BGr. 54. MGr. 111.
UO : für 19*2,5; schlugen 19G, u; kun : bestun 195, 21. BGr.
109. MGr. 138.
Der Laut uo wird meist durch u bezeichnet (Michels 14).
Ausser den eben angeführton Fallen : gut 191, 13, 196, 16,
198, 11; hut 192, 8 ; eisenhut liM], 15,22; mut 19*2, j; Übermut
196, 2:t; tut 191, 14, 194,2; thu 19S, 4; fluchen : suchen 193,9;
bruder 197, 12; must 191, 12. BGr. 62. [uo nur in suochen
193, 13.]
Unechter Umlaut e : semd 196, 7; liert 195, 6 . BGr. 12. MGr. 21.
e für ae : gedret : durchneet 194, 22; genedige 192;, x 24. B(ir. 47.
MGr. 89.
204
I für ie : verdiissen 191, e [aber schliess 191, 7 ]. BGr. 52.
n für m : allsant 191, 15. BGr. 169. MGr, 216.
b für w : kirbei 196, 4 . BGr. 124. MGr. 159f. Schmeller 1 1290.
DWB V 828 f.
ai für altes ei: maister 197, 20; haisst 197, 20; aigen 192,27;
zaig 192, 26. [sonst schreibt 3 meist ei für beide ei -Laute.
s. zu den Reimen.]
Abfall von n vor folgendem wir in der 1. plur. stoss 198, 12;
sei 191, 20; fund 193, i4; thu 198, 4; woU 191, 15; leg 198, 15.
BGr. 167. MGr. 215.
Ausfall von b : leckuchen 192, 15. BGr. 126.
-leich und -ein im Suffix: stehlein 196, 15; tugentleich 191, le,
192, 4; clegleich 193, 23. BGr. 78.
ider 196,22; idem 196,6. MGr. 497.
3. pl. gingen 196, ao. BGr. 274. MGr. 357.
3 pl. sein 197,8. BGr. 296.
Hauptsächlich bairische Wortformen sind : zwifel 195, 17 ( :
stifel), s. Schmeller 11 1174, Frommann, Mundarten lU 102;
erberg 191, 9 , s. Schmeller 1127 und 1780, vgl. Fsp 635,9.
Über hart seid 193,9 s. S. 211 Anm. 2.
Mundart des Spiels.
Das Spiel zeigt dieselben mundartlichen Eigenarten wie die
Handschrift.
Unumgelautetes a (junger Undaut fehlt) : getrank 197,22.
BGr. 5. MGr. 20.
ue für uo-ümlaut : gruen : sehnen 192, 5 . (Michels 115f. vgl.
kue, pl. 194, 33).
ie für i : gier : vier 195, u. BGr. 90. MGr. 45.
ä : ö : rat : tot 196, 29. HG. 38. MGr. 88.
ei : ai : rein : Laurein 197, 19. MGr. 106.
nd : nn : dannen : banden 193, 12. MGr. 216. BGr. 171.
Abfall von n : fechte ; knechte 194, u. BGr. 167. MGr. 215.
Abfall von d : bestun (conj. praet) : kun 195,22. BGr. 149,271.
g : § : mgr : hör 193, 31. BGr. 48. MGr. 42.
e : ae : Lucifer : unmaer 197, 7. BGr. 48,43. MGr. 42.
e : § : quel : sei 197, :i. BGr. 48.
205
Verflüchtigung von p : pauren schauen 192, 30. Geschrieben
wird pauren, gesprochen aber pau'n (s. S. 57).
Im schlechten Keime all : gabst 196, 4 ist jedenfalls Verderbnis
anzunehmen. Mindestens ist wohl das Reimwort, vielleicht
auch mehr ausgefallen, s. Weinhold, Anm. hierzu S. 1490.
Versbau.
Der Versbau des KlNSp ist von jüngerem Gepräge als der
des GrNSp. Die Verse sind im grossen und ganzen glätter.
Zweisilbige Senkung ist nicht gerade häufig (z. B. 191, 4,15,16,
192, 22, 198, 2f), ebensowenig das Fehlen der Senkung (z. B.
191, 19, 192, 17, 195, 9 , 197, 17. 20), des Auftaktes (z. B. 192, 19,
193, 19, 197, 23,25 , 198, 14) und zweisilbiger Auftakt (197, 19. —
191, 20 ist wohl „und" zu streichen). — Überlange Verse sind
192, 30, 193, 3,25. Drei- und vierhebige Verse sind nicht mehr
zusammengereimt; es giebt überhaupt im KlNSp keine dreisilbi-
gen (s. S. 24 u. 64). Wenn also der Teil 3 von G ans Ende des
15. Jhd. gehört (s. S. 202), so stimmt der Versbau zu dieser An-
setzung.
Inhalt.
Nach der Einleitungsrede und dem Ritter aus Mailand, der
Ruhe und Frieden gebietet, fragt die Herzogin den herbeikommen-
den Neithart nach dem Veilchen (191, 23). Er setzt die bereit gehaltne
Blume heimlich auf die Erde unter seinen Hut (192, 1 ) und fordert
die Herzogin auf, mit ihm zum Anger zu gehn (192,3). Da
kommt Engelmair und seine Frau Adelheid herbei und tanzen ums
Veilchen (192, 12 ir). Neidhart fordert die Herzogin noch einmal
auf mitzugehn, um ihr die envünschte Blume zu zeigen (192, 24).
Am Platze angelangt hebt er den Hut auf und lässt die erste
Jungfrau drunter sehn (192, 29), die den Unfug sogleich bemerkt
und Neidhart zur Rede stellt. Die andern beiden Jungfrauen
weisen sofort, um ihn zu entschuldigen, darauf hin, dass es die
Bauern getlian haben werden, uud wollen das richtige Veilchen
unter dem falschen hervorsuchen (193, 7.12), um die Herzogin, der
die erste Junglrau gleich ihre Wahrnehmung mitgeteilt hatte (193, 2 ),
206
von Neidharts Unschuld zu überzeugen. Die Herzogin geht aber
darauf nicht ein, sondern verweist Neidhart einfach des Landes
(193,19). Während der nun in laute Klage ausbricht und den
Thätem Rache schwört (193, 22), kommt Engelmar mit Eltschenprecht
herausfordernd herbei, der sich laut seiner Unthat rühmt (194, 5 ).
Nach einer Afforderung Neidharts zur Rache (194, 10) tret^jn Bauern
und Ritter wechselseitig einander mit ruhmredigen Scheltereien
und Drohungen entgegen (194, 15 — 196, 9 ), bis Neidhart, von seinem
Knechte gerüstet (196, 11), seine Ritter, die gern seine Sache zur
ihrigen machen (196, 27), noch einmal zum Kampf ennuntert( 196, 18).
Da rückt auch schon Hebenstreit herausfordernd mit den Bauern
an (496, 34), und es kommt zur Prügelei, in der melirere Bauern
erschlagen und verwundet werden. Nun ersclieint der Teufel um
die Grefallenen zur Hölle zu schleppen (197, 2 ). Ein Bauer klagt
darauf laut über seinen erschlagenen Bnider (197, 10) imd wird
für seine Person von einem andern Bauer auf den tüchtigen Arzt
Laurein vertröstet (197, 17), welcher gleich mit einem Heiltrank
zur Stelle ist (197, 22), der auch wirklich dem Hebenstreit sofort
hilft (197, 27). Ein Ritter mahnt Neidhart, und die übrigen zur
Herzogin zu gc^hn, wo ihrer ein guter Eni])fang warte (197, so).
Der Urlaubnehmer schliesst darauf das S])iel.
Neues im KlNSp.
Eigentlich neue Motive finden sich im KlNSp fast gar nicht.
Nur unter den Drohungen der Bauern steht 196, 4 eine Anspielung,
die an den Salbenschwank MSH HI 238'* erinnert, dem wir bisher
in den Neidhartdramen noch nicht begegnet waren. Doch ist die
Auffassung hier nicht dieselbe wie dort. Neidhart soll an einer
Kirchweih den Bauern eine Salbe gegeben haben, die hauptsäch-
lich auf den Bauch wirkte, also wohl ein Blähmittel, während im
Salbenschwanke die Bauern ihn bitten, Neidhart mit einer Stink-
salbe einzuschmieren, ohne zu wissen, dass er es selbst ist, was
er auch verspricht, um sie nachher an den Betrunkenen selbst
anzuwenden. Wir haben es also hier mit einer stark abweichen-
den, sonst luibekannten Version des auf Neidhart übertragenen
Salbenmotivs zu thun. Hier scheint er geradezu als Quacksalber
gedacht gewesen zu sein. Der Haui)twitz, dass er unerkannt von
207
den Bauern bestimmt wird, sieh selber einzusehmieren ^), fehlte
dabei. Die Medizin des Arztes ist nicht wie im StSz eine Salbe,
sondern ein Tränklein. Wenn im Fsp. (yß Bubin nach der
Prügelei 578,30 zu den Bauern kommt, um die Verwundeten mit
seinem Weine zu heilen (s. S. 21() zu v. 197,22), so liegt es dort
ebenso. — Auch im KlNSp ist nur ein Quacksalber vertreten,
nicht Arzt und Knecht wie im StSz.
Verwirrungren.
So gut wie alles, was das KlNSp bietet, kann mit der Be-
zeichnung „Verwirrungen" belegt werden.
Michels hat S. 28 Anm. mitEecht gegen Lier S. 37 Anm. 1,
der das KlNSp für älter hält als das GrNSp, hervorgehoben, dass
hier schon der „Engelmair auf der Stelzen", als solcher zur typischen
Figur geworden, gleich so auftrete. — Die Venvirrung ist aber
noch grösser. — 1J)2, ig ist er noch nicht mit Stelzen gedacht,
wenigstens wird davon nichts envähnt; erst 193, ao. »2 tritt er so
auf, ohne dass gesagt wäre, wie er dazu gekommen sei. — Die
Veilchengeschichte, der eigentliche Kern aller Neidhartspiele,
ist überhaupt ganz entstellt. Vom Pflücken des Veilchens ist
keine Bede mehr. 191, 23 fragt die Herzogin nach ihm
ebenso wie GrNSp 412,19; Neidhart Avird hier demnach schon
zurückkommend gedacht. Die Hauptsache, um die sich die
ganze Fabel dreht, die Aufforderung, das Suchen und das Finden
der Blume fehlt also ganz. — Darum ist auch die Anweisung
192, 1 wo Neidhart, wie gesagt, schon zurückkommt, an falscher Stelle.
194,7 f heisst es, dass Eltschenprecht den Ersatz besorgt habe.
In den übrigen Spielen wie in den Gedichten geschieht das,
während Neidhart vom Anger zurückkommt, um die Herzogin
abzuholen. Mit dem Ausfall der ganzen Vorgänge vor der Rück-
kehr Neidharts war auch der Veilchenraub weggefallen. An die
alte Ausführung erinnern aber noch versprengte Spuren. Im StSz
legte der an falscher Stelle stehende Bauerntanz die Vermutung nahe,
*) Dass Neidhart unerkannt von den Bauern beauftragt wird, an sich
selbst ihre Rache zu vollziehn, war aucli im (irNSp im SäuU-nscliwankc
begegnet, s. S. 68.
208
dass einmal von den Bauern bei der Ausübung des Unfugs um
das richtige oder um das neugepflanzte Veilchen ein Reie
gesprungen worden sei. Ebenso war es einmal im unverderbten
Originale des KlNSp. Darauf führt der Tanz um die Blume
192, 12 ff, zu dem Engelmar 192,i7 aufspielen lässt. Wahrscheinlich
waren nicht nur Adelheid und ihr Mann, sondern eine grössere
Anzahl Bauern dabei beteiligt. Mit dem Wegfall des Anfangs
kam dieser Tanz an falsche Stelle, wo er den feierlichen Zug
Neidharts mit der Herzogin und dem Hofgesinde unterbricht
und eine zweimalige Aufforderung und Versprechung 192, 4 ff, »ff
bedingt.
Auch vom höfischen Tanze ums Veilchen finden sich noch
Spuren. 192, 9 spricht Neidhart den Vorsatz aus, um den Frühlings-
boten zu tanzen. Es mag unsicher sein, ob dieses Vorhaben
sogleich ausgef&hrt worden ist, da die Hofgesellschaft dann nodi
einmal hätte beiseite gehn müssen, um den Bauern für ihren
Tanz Platz zu machen, der nach 192 i3ff, i7ff feststeht. Das wäre
aber allerdings nicht viel anstössiger als der doppelte Tanz im
StSz 242 (s. S. lH4f). Auch die Aufforderung zum Tanz, die
1965 31 ganz unpassend ist, ist ein versprengter Best des höfischen
Tanzes.
Es leuchtet also noch eine ältere bessere und ausführlichere
Form durch die Verderbnisse des KlNSp hindurch.
Nach der Anweisung 1 92,28 geht die erste Jungfrau mit Neid-
hart, wogegen er 192, 4 die Herzogin um ihre Hand bittet. 192,»
zeigt er dieser Jungfrau das Veilchen, nicht der Herzogin, obwohl
sie auch im KlNSp nach 191,23 diejenige ist, welche das Suchen
veranlasst hat.
Die drei Jungfrauen sind im Spiel an der Handlung beteiligt.
Das geschieht aber in einer unglaublich rohen Weise (s.S. 212)^).
Das Bestreben der Nachahmer Neidharts, allenthalben ihre Vor-
lagen, echte wie unechte, zu vergröbern und möglichst drastisch
*) 193, 12 sagt die dritte Jungfrau; ^Frau, diesen dreck stoss wir Ton
dannen, Suochen den stein mit unser banden''. Was hier „stein" bedeuten
soll, ist ganz unverständlich. Rapp i. d. Allg. Monatsschrift für Wissensch.
u. Litt. Braunschweig 1853 S. 750 vermutet, der Dichter meine einen wirk-
lichen Stein, vielleicht einen Amethysten. Das ist natürlich unhaltbar. Man
wird wohl mit einem Schreibfehler für „feiel" zu rechnen haben.
209
zn machen, hat hier beinahe den Höhepunkt erreicht. Den
Jungfrauen gegenüber tritt clie Herzogin ganz zurück. 193, i9 1
spricht sie die blosse Ausweisung ohne jeden Vorwurf oder Zom-
ausbruoh und ohne die geringste Klage. Ausser der Frage nach
dem Veilchen 191,23 hat sie sonst im ganzen KlNSp überhaupt
nichts mehr zu sagen. Die nach Neidhart wichtigste Person
ist also beinahe zur Nebenfigur geworden.
Seltsamerweise findet sich 1 93, 26 eine Erwähnung des Herzogs
der sonst im KlNSp nicht vorkommt.
Neidharts Knecht ist 196, ii auch im KlNSp vertreten. Es
scheint vorausgesetzt zu sein, dass er vorher die Bauern beobachtet
habe und nun berichte. Bei diesem Kundschaftsgange mag er
zugleich die Absage überbracht haben, von der 194, 12 die Rede
ist. Es fehlt davon jede nähere Ausführung. Ist die Vermutung
richtig, so wäre die Anordnung im KlNSp an dieser Stelle sogar
besser als im StSz, indem gleich nach der .Selbstentdeckung
Eltschenprechts (194, 5) die Absage erfolgt sein würde, woran sich
die Drohreden knüpften, die wie im StSz geartet sind.
Nach oder während der Prügelei kommt 197, 3 der Teufel
und spricht von den erschlagenen Bauern, die er in die Hölle
bringen soll. Es ist aber weder von der Hölle noch von dem
gleichfalls erwähnten Luzifer die Rede gewesen. Wir erfahren
nicht, wie und warum er herkomme, um die Bauemseelen zu
holen, die er nach 197,8 allein haben will.
Von der Bestrafung der Bauern erfahren wir auch nichts
Näheres. Eine wortlose Prügelei hat sie dargestellt, während
welcher sich der Teufel herbeischlich. Nach 197, 4f sind mehrere
Erschlagne auf dem Platze geblieben, und nach 197, 19, 23 sind
daneben noch einige verwundet worden. Aber Eltschenprecht,
der eigentliche Schuldige, wird weder getötet noch verwundet.
Die Klage nach vollzogner Rache stinmit deshalb ein ganz
fremder Bauer an namens Knopf (197, n), der seinen Bruder be-
jammert (197, 12), nicht sich selbst; und doch ist die Trostrede
seines Genossen 197, n so geartet, als ob sie auf eine Klage über
eignes Unglück antwortete. Endweder ist die Rede des Knopf
entstellt, oder eine andre Klage ist ausgefallen. — Ebenso wenig
wie bei der Bestrafung spielt dann auch bei der Heilung der Schuldige
eine Rolle. Möglich, dass er unter den Qemassregelten war,
Guüiude, Neidhart mit dem Veilchen. ^4
210
aber er tritt nicht hervor. Statt dessen erscheint Hebenstreit
der sonst im Spiel eine untergeordnete Stellung einnimmt.
Am Schlüsse des Spiels wird 198, 2 noch einmal die Herzogin
erwähnt und 198, 5 fassen die Ritter ihre Hand, ohne Zweifel zu
einem Schlusstanze. Dies setzt eine Rückkehr der Ritter
an den Hof voraus. Ob sie überhaupt stattfand, geht aus dem
Text*» nicht hervor. Wenn es der Fall war, so geschah sie
während der Verse 198, 2-4 wortlos und ungeschickt.
Nach alledem haben wir es hier mit einer ganz schlechten und
ungeschickten Kürzung eines umfangreicheren Stückes zu thun.
Dem Bearbeiter kam es gar nicht mehr auf die Veilchengeschichte
an. Ihm war es um die lang ausgesponnenen renommistischen
Schimpfereien und Drohungen der Bauern und Ritter und ganz
besonders um die jedenfalls recht drastisch dargestellte Holzerei
zu thun. Diese wurde für ihn der Mittelpunkt des Stückes.
Nachdem damit aber einmal der Schwerpunkt verschoben war,
hätte die Person Neidharts ebensogut durch jede andere ersetzt
werden können; doch Neidhart der Bauernfeind war eine zu ver-
lockende und beliebte Figur, um nicht beibehalten zu werden.
In ähnlicher Weise verdankt er dieser Seite seines Wesens sein Vor-
kommen in Witteiiweüers Ring. — Die in der Quelle vorhandene
Veilchengeschichte wurde nur nebenbei mitgenommen, wohl nur
wegen der guten Gelegenheit, die sie für Unflätereien bot, mit denen
der Verfasser nicht sparsam gewesen ist (S. 21 If). Das Publikum
kam dabei auf jeden Fall auf seine Rechnung. Das Gröbste
wurde als das Wirksamste vom Verfasser am liebsten aufgenommen.
So ist zu vermuten, dass er es sich kaum wird haben entgehn lassen,
den Ersatz breit und ausführlich, wenn auch stumm pantomimisch
zu schildern, obwohl er zu dem weggefallenen Anfange gehörte.
Er wird ihn während des Tanzes 192, 12-22 gebracht haben, wenn
auch die Anweisungen darüber schweigen.
Auffällig ist schliesslich der Ritter aus Mailand (191, is), der
als solcher gar nichts im Spiel zu thun hat. Er stellt sich als
Bote der Königin vor und fordert zur Ruhe auf. Wir haben hier
offenbar den Rest des alten ursprünglichen Prologes, dem die
neue Einleitungsfonnel der Spielerbande einfach vorangestellt wurde.
Ähnlich ist es Fsp 128 Nchl. 21(). Dort sind sogar drei Prologe,
aber 21f), 10 ff. ist erst später eingeschoben und hat ganz andre
211
örtlichkeiten als das Stück, das erst 217,» wirklich beginnt
(s. Michels S. 39). Wenn der Ritter aus Mailand hier von der
Herzogin gesandt ist, so erinnert das an den Prolog des GrNSp,
dessen Sprecher der Bote der schönsten Frau ist (393, ao). Jeden-
falls ging einmal auch dieser Prolog vor seiner Verstünunelnng
wie der zweite im StSz und der im GrNSp näher auf den Inhalt
des Spieles ein. Hier ist er jedoch ganz bedeutungslos geworden.
Heimat und AuflnUmmgr.
Michels nimmt S. 114 f Anstoss, das KlNSp nach Nürnberg
zu setzen, ohne seine Meinung einleuchtend machen zu können. — Für
den Reim gruen: sehnen 192, 5 weist er S. 115 f selbst nümbergische
Heimat nach. Vgl. 239, 1 . Bei Hans Sachs kommt diese Form
auch vor. — Die Erwähnung Dingelfingens 194, ao, meint Michels,
spreche für niederbairische Herkunft des KlNSp. Dingolfing, an
der Isar ist jetzt und war schon im Mittelalter eine nicht un-
bedeutende Stadt ^). Ein in ihrer Nähe entstandenes Stück hätte
gerade am allenvenigsten einen Bauern aus der Stadt konmien
lassen, sondern eher ein Dorf im Umkreise genannt. Wenn hier
aber der Bauer aus Dingelfingen kommt, so geht daraus hervor,
dass der Verfasser den Ort gar nicht näher kannte, den er nur
wegen des Klanges seines Namens wählte. — Nach Nürnberg
weist schliesslich das sonst nur bei nürnbergischen Dichtem belegte
Wort hartseid 193, 9^).
Der Stoff ist allerdings nicht nümbergisch, um so mehr der
Stil. Darin weicht das KlNSp ganz bedeutend von den älteren
Spielen ab. Nicht die zum Teil vom Stoffe und von den Quellen
gegebenen Derbheiten, nicht einmal zotige Witze, sondern regel-
rechte Unflätereien finden sich hier, wie sie in nürnberger Stücken
i) Bavaria 1,2 , 1120.
■) Geschrieben wird es hier hart seid. Es findet sich ferner als hart-
seid bei Rosenblüt im Spruch von den Handwerkern Fsp 1138. hartsal steht
bei Ayrer und hartsei bei Hans Sachs. DWBIV, 2,518 f. Unsere Stelle ist dort
nicht verwertet.
212
gang und gäbe sind, in denen „Scheissen** und ^Dreck" die Haupt-
anziehungsmittel bilden *). Mit Behagen werden sie auch im KlNSp
angewandt. Am auffallendsten ist die Sprache Neidharts zur
Herzogin 193,27 und noch mehr der Ton, den die Jungfrauen
193, 7 ff. anschlagen, und deren Bereitwilligkeit, im Drecke buch-
stäblich herumzuwühlen, um das Veilchen hervorzusuchen
(193, 10, 12).
Hier handelt es sich in der That um ein Fastnachtspiel,
wie die Schlussrede 198, is deutlich ausspricht. — Szenerie ist
im KlNSp nicht notwendig; nur ein Veilchen gehört dazu, das vom
Spieler der Neidhartrolle selbst hingelegt wird (192, 1). Ei- ^SETZT
DEN FEIEL HEIMLICH NIDER UND DECKT IN MIT EIM HUTLEIN ZU.-
Der Stoff ist also hier im Zustande seiner gröbsten Entartung
bei derselben kunstlosen Einfachheit der Ausstattung wieder an-
gelangt, von der er ausgegangen war (s. S. 24 u. lH9f), denn die
herumziehenden Gesellen in Nürnberg hatten ebensowenig Zeit
und Gelegenheit, irgend welche Vorbereitungen zu treffen, als die
Fahrenden in den fiallen der Adelshöfe. Zwischen beiden liegen
die umfangreichen Spiele mit ihrer umstilndlichen Ausstattung.
Dem GrNSp und dem StSz gegenüber ist die Spielerzahl sehr
zusammengeschrumpft. Ausser den Sprechern der zwei Prologe
und des Schlusses sind 24 Personen notwendig, nämlich Herzogin,
3 Jungfrauen, Neidhart, sein Knecht, (> Ritter, Engelmar, Adelheid,
Eltschenprecht, Hebenstreit, 6 Bauern, Teufel, Laurin. Wenn
19(), 27 und 197,30 die Bitter und 197, 10,17 die Bauern zu den
bei der gegenseitigen Herausforderung beteiligten Personen gehören
was leicht möglich ist, so vermindert sich die Zahl auf 20. ür-
laubnehmer und die beiden Vorredner konnten im Notfalle Personen
des Stückes sein. —
Die Spieler bilden, was uns in den Neidhartspielen hier zum
ersten Male ])egegnet, eine von Haus zu Haus herumziehende
Bande, die um Lohn ihr Stück aufführt. Es wird nicht nur 198, 3
mit dem Beispiel der Herzogin, die „Essen und trinken und ein
frolichs leben" „zu lone" geben will, dem Zuschauer ein deutlicher
Wink gegeben, für gute Verpflegung zu sorgen, sondern es wird
sogar in der Vor- und Sclilussrede 191, 14, 198, 10 ausdrücklich
^) Weinhold, Goschcs Jahrb. 1,8.
218
die „schenk^ erwähnt. Daraus wird auch die Anspielung auf die
verschlossenen Taschen und Beutel klar (191, 7 f). Überhaupt
sind Einleitung und Schluss der Aufiftthrungsweise angemessen.
Sie sind ganz allgemein gehalten, nur 191,4 erwähnt Neidhart
ganz obenhin, im übrigen stehn diese beiden Abschnitte in gar
keinem Zusammenhange mit dem eigentlichen Spiel. Solch all-
gemeine Einleitungs- und Schlussverse sind häufig. Am auffälligsten
ist das beim Türkenspiel, wo 303, 7 ff die aus Fsp 99, 759, 31 ff
entlehnten derben Gesegenverse des Herolds ganz unpassend dem
ernsten Stücke angehängt sind. Solche Vor- und Nachreden wurden
nach Belieben und ohne Rücksicht darauf, ob sie zum Stücke
passten oder nicht, vor- und nachgesetzt. Sie waren teilweise
geradezu stehende Formeln geworden, womit die Bande sich im
Hause einführte und verabschiedete. Gerade hier sind die Über-
einstimmungen zwischen den einzelnen Spielen besonders häufig.
Vgl.
191, 6 Ob (las ieinant venlrissen wil,
Der schliess tauchen und pcutcl
sein.
198, 12 Ob euch die fasten wurd vil
dest strenger.
Dann euch die fasnacht ist ge-
wesen.
So man den passion tut lesen . . .
Sterz. Sp VI 7 Ains solt ir euch nit
lassn verdriesscn :
seckhl vnd teschen thuet zu-
schliessen,
Das man euch nit grab darein,
vnd nit An gelt gct zu dem wein.
Vgl. VIO.
Fsp 679, 7 Als man zu vasnacht ge-
wönlichen thut,
Das man allweg gern frölicher ist,
Denn in der vasten, so mann
passian list.
— 773, 2, 329, 18, Sterz. SpV859;
vgl. Fsp 92, 2 fr, 98, 1, 223, 6.
stu.
Verwandtschaft mit dem geistlichen Drama.
Die Anklänge an die komischen Szenen des geistlichen Dramas
sind im KlNSp besonders gross. Die Prahlereien der Ritter und
Bauern 194, 15 — 197, 1 erinnern deutlich an die ruhmredigen Grab-
wächter im Osterspiel, nicht nur in ihrer ganzen Art, in der
214
Kühnheit ihrer Vergleiche (Wirth 152 ff), sondern auch wörtlich.
Auch ausserdem zeigen sich Übereinstimmungen.
195, 21 Ritter, wie dankest du dich
also kun?
Wie, ob ich dich allein bestun?
194, 22lchhaneinschopenwol gcdret
Mit panzerringen wol dnrchneet.
195, 5 So pin ich gar ein werder helt;
Wo man die horten eir scbelt . . .
. . . Und wo man scbarpfe schwert
zeucht,
Pin ich der erste, der do fleuht.
196, 8 Darumb wil ich dir widersagen.
Von mir wirst du gar hart geschlagen .
197, 10 Wafen jo und imor wafen!
Wie han ich heut so lang verschlafen.
197, 27 Laurein, du hast mir geholfen
wol.
Des ich dir im er danken sol.
191, 2.') Ist dir der fciol worden kunt.
So weise mir den zu dieser stunt.
193, 4 Sag, Neithart, wie ist dir ge-
schehen ?
Hast du ein dreck für ein feiel ersehen?
193, 14 Und fnnd wir den, so mocht wir
jchen.
Das Neithart hat den feiel gesehen.
Erl y 155 So pin ich ein ritter chnen,
ich torst wol sehen gemuen.
Wirth 155 [zu Erl V 171 vgl. Schön-
bach, Gott. gel. Anz. 1882
n 890].
Wirth 116.
Wirth 112. vgl. S. 199 zn 254, i.
Wirth 107 f; Tir. P. IH 869; Sterx.
Lichtm. Pichler 109; Erl IV 72, HI 907.
Ring 7, 3, 28 ; Suchenw. XXX i ;MichcU
S. 28 Anm. vgl. StSz 253, 3.
Frankf.P.3358 Nicodeme, der sin gefeit
mir wol!
darumb ich dirummerdanckensoL
Künzelsau 271 vinden wir das kintzn
derselbigen s tun dt
wir machen es den lewtten kundt
Koppen 64.
Wirth Ulf.
Wirth 112 f.
Den geistlichen Spielen und den Aufzugspielen entspricht
die Selbstvorstellung (Wirth 153 f.). Ausser dem Bitter aus
Mailand im zweiten Prologe stellen sich auch die Bauern und die
Ritter in den Herausforderungen vor. Hier liegt es sogar so, dass
Engelmar, der schon vorher da war, sich 193, ai noch einmal
vorstellt. — Auch Laurin stellt sich vor.
215
Verwandtsehaft mit der Splelmannsdlehtiuisr.
Michels S. 28 Anm. verweist auf den Laurin wegen des Namens
des Arztes im KlNSp und wegen 195, 28f „Sie müssen lassen
schwere pfant, Den rechten fuss, die linken haut*', wozu er Parallen
giebt. Der Name Laurin begegnet auch Eg 5286, 5322, 5614
als Name eines Soldaten. Hier hat er den ähnlich klingenden
Bubin ersetzt. Die Formel mag eine sicherlich nur unbewusste
Erinnerung an Laurin sein, wo sie unmittelbar aus BA 705 er-
klärt werden kann. Das Motiv vom Abschlagen von Hand und
Fuss hat dagegen das KlNSp aus der Neidhartdichtung (s. S. 8f).
Unser Spiel giebt also eine dem Drucke sehr nahe stehende Form,
welche andre Spiele nicht kennen, wohl aber NF 243, 248, 239.
Dasselbe Motiv findet sich auch sonst noch in der Neidhartschwank-
dichtung. NF 2617: „si hewen ab hend und fiess". Neidh.
210, 31 : „die haut die muoz er mir hie län . . . und dar zuo
den zeswen fuoz". Die Vermittlung giebt MSH HI 278^ 4: „haet
er ouch ein hant im hin gevalzen**. — Ausserdem finden sich
wörtliche Anklänge.
1 92, 19 Wir lind auch mein ackcrtrappcn.
192, 9 Wir wollen daninib tanzen ein
reien
Mit euren juncfrauen in dem mcien.
192, 17 Pfeif auf, mein lieber spielmani
Ich tanz des pesten, das ich kan.
192, 2ii So zaig ich euch den feiel fein.
Der sol, frau, eur aigen sein.
192, 29 Junefrau, irmust den feiel schau-
en,
Mit einem hut verdeckt ich in vor
disen pauren. vgl. 192, 5—8.
192, 2oLafist uns um diesen feiel sappen !
193, 19 Neithart, heb 'dich aus dem
lande !
Du kumst anders in spot und in
schände.
s. S. 152 zu V. 398,4 .
s. S. 150 zu ▼. 403, 7 .
Fsp 584, 3 Pfeuf auf, lieber spilman !
Pfeif mir ains, darnach ich kan!
vgl. Ring 6,2<l , 86. Sterz. Sp V 343,
XXV 1267 u. ö.
NF 316 wolanf ! wer mit mir wöl den
ersten feiel schauwen
der stet dort auf einem grenen rein,
dar über han ich also schon
den meinen hut geseczet. vgl. S.6.
NF 225 und da sach er die pauren
stolcz
fast vmb den veiel sappen.
vgl. S. 18G.
216
193, 25 tmd ander, die mir das lastcr
haben getan.
194, 10 Ir grafen, ritter and knechte,
Wir müssen mit den pauren fechte.
194, 17 Ich will dich schlagen umb den
köpf,
Das dn umblaufest als ein topf.
196, 12 es sei kein tant ( : hant).
195, 2 Und knmcn sie auf diesen plan,
Ich wil die paaren allein bestan.
vgl. 196,24.
195, 7 . . . und schöner frauen pflegen sol,
Do vertrit ich mein stat gar wol.
195,30 Ich wil der paaren kein vermeiden
Und wil in die zersvordem ars ab-
schneiden.
194, 24 (Ich han) . . . auch ein seh wert,
kost mich zwei pfunt,
Darmit mach ich den Ncithart wunt.
197, 22 Ich Laurein hab eingutsgctrank.
Welcherpaur ist wunt und krank
Und trinkt aus (l<'in floschloin, im
wirt pas.
8. S.72 zu 414,39.
NF 233 yU ritter vnd auch knechte,
die worden also schier bereit,
si rüsten sich zefechten.
NF 3735 zwar ich schlach in durch
den köpf,
das er auf dcmangervor mir schei-
belt als ein topf.
MSH 282l> 8, Sterz. Sp IV 372, XVI 173;
Eg 1025, Wien OSp321, 4;
ähnlich Wirth 157.
NF 2083 es ist ein dant ( : hant).
StSp XI 663 Ist indert ainer anff dem
plan,
mit fechtn muest er mich pstann.
StSp XI 729, IX 341, ZfdA 11,
498, 202.
Fsp 259, 17 Secht, so bin ich also ge-
schickt,
Wo mich ein schon frau anplickt.
= 338, 8 .
Erl II 331 ich wil sc nicht vermeiden,
ich wil in di chel absneiden, vgl.
337, 251.
Fsp 319, 7 Dom soltman das geschirr
vonn ars abhauen, vgl.
310, u, 327, 22, 187, 5 ,
220, 1 : Sterz. Sp V 264, XIU
84, XI 262.
MSH m 188*4; NF 2348 der selbig
paur der hat ein swert.
Dos ist eins ganczen pfundes wert
= Bolte, Bauer i. d. Liede
52, 6. NF 2031. vgl. Neidh.
175, 1. Sterz. P. Pichler 46.
FvSp 578, :ioSohaiss ich maister Rubein
Und gib im zu trinken guten wein.
I<^h setz im das fleschlein an den
niunt,
Zu hant so wirt der paur gesunt.
217
196, 31 Und wollen frolich zu euch sprin-
gen.
Ich hoff, uns soll gar wol gelingen.
197, 25 Für ein warheit sag ich das.
Fsp 580, 19 Und wil den ersten reien
springen.
Ich hoff mir schol heut gelingen.
Alsf. 928 vgl. 8. 155.
s. S. 152 Anm. 1.
Ganz besonders beachtenswert sind die Cbereinstimmungen mit
dem GrNSp und dem StSz.
195, i9lchpin ein junger stolzer paur
Undpin ganz auf den Neithart säur,
vgl. 196, 2 .
195, 23 Ich wil das nit longor vertragen,
ich will dich hauen durch deinen
kragen.
192, 15 Ich wil dir ein lockuchen gehen.
192, 24 Gonedigcedlefraue zart,
Nu get mit mir zu dieser fart.
vgl. 196, 27.
1 98,28 Eo ich in das laster wolt vertragen.
Ich wolt ir CO zchen erschlagen.
198, 9 Und lasö euch got mit frcuden le-
ben.
193, 2 Zart allerliebste fraue mein,
Dieser foiel dunkt mich nit der recht
sein.
194, f) So bin ich doch der Kitschen precht
Und bin ein unjjcheiter knecht.
vf(l. 193,3:5.
195, 2»i Ich bin ein ritter vomhirschhorn.
Es tut mir auf den pauren zorn.
s. o. zu V. 195,19.
19(),;MHort,8oheiss ich dcrHcbenstreit.
193, 2(\ Mein genediger heiT das auch
muss wissen.
s. S. 199 zu 247,4.
s. S. 148.
395, 34 Und will euch gehen guoten
lebzelten.vgl.402,9.vgl.Sterz.
Sp XV 286, Fsp 1 1 6, 6 , 480,i5,
Schnorrs Archiv HI 3, 82.
s. S. 181 zu 256, 3.
442, 2 Dasssi niemantz nicht vertragen.
Da mit werden ir vil erschlagen.
394, 25 Mit den sült irin freuden leben.
St 253, 4 Sy,gee hyn, liebe Clara mein.
Es dunnckt mich ganntz gut seyn.
St 246, 1 SoheyssIchderEUschnprecht,
Vndbyn geleich derselbe knecht.
vgl. 240, 1.
St 246,2 So byn Ich ain Ritter wolgeborn.
Und tut Mir auf dich gar zorn.
398, u So haiss ich der Hebenstreit.
422, 28 Für war, genädiger herr, ir das
wist.
Oberelnstimmunsren Im Spiel.
ll)l,2:jHerrNeitliart,lieberdiener mein, i 19l\ 12 Engelmar, lieber man mein.
Wenn print^'ost du mir den feiel fein? ; Lass uns hie umb den tViel fein
vgl. 192,20.
218
192, 14 Tftnien,da8 dankt mich gut und | 192, 21 Mach mir das gatnnddarzii eben!
eben:
Ich wil dir ein lecknchen geben.
193,7 Mit Urlaub, frau, ir sollet wissen,
Die panrcn han auf den fcicl geschis-
sen.
1 97,1 Neithart,wor dich,wann es ist zeit.
194, 32 zn allen Zeiten ( ; streiten).
Ich will dir ein ei zu lone geben. rgL
194,26.
194, 7 Ncithart, du solt hie von mir
wissen,
Das ich den fciel han beschissen, vgl.
193, 26.
197, 3oWolanf,her Neithart, es ist zeit
196, 20 zu dieser zeit ( : streit).
Ausserdem sind einige Fälle dieser Art schon bei den obigen
Zusammenstellungen angemerkt worden.
Terhältnis der STeidhartspiele
zu einander.
•
Was im KlNSp noch vorliegt, ist, wie aus den Erörterungen
S. 207 ff hervorgeht, nur ein kleines, bei einer überlegungslosen
Zusammenstreichung stehen gebliebenes Überbleibsel von einem
umfangreicheren Original. Darum geben gerade die Härten des
Spiels einen guten Wegweiser ab, wenn es gilt, das KlNSp weiter
zurük zu verfolgen. Die wörtlichen Übereinstimraungen ergaben
eine Venvandtschaft des KlNSp mit dem GrNSp sowohl, wie mit
dem StSz. Der Inhalt bestätigt das, besonders nahe stellt sich
danach das KlNSp zum StSz.
Wie dort finden sich zwei Vorläufer, von denen der eine den
Inhalt des Stückes gar nicht berührt. Der Veilchenraub und der
Ersatz war in der Vorlage des KlNSp genauer ausgeführt, nicht
stumm \vie im GrNSp. Dasselbe galt vom StSz (s. S. 18Hflf).
Der Thäter ist beidemal wie NF 14G EUschenprecht *), der sich
offen seiner That rühmt (240, 1,4, 246, 1 : 194, 7). Nicht die
*) Dass Kngeliiiar im StSz wie im KlNSj) als Engelmair erscheint, hat
nicht viel zu sagen, da dies die zeitig allgemein üblich gewordene Form ist.
219
Herzogin selbst hebt den Hut auf, sondern Neidhart (192, 29 : 242, 3).
Im KlNSp ist wie im StSz die Umgebung der Herzogin an der
Handlung beteiligt (193,2fr: 243, 2 ff), und Neidhart wird fOr
seinen vermeintlichen Unfug Landes verwiesen (193,i9 : 244,i ).
Den Verbannten fordert Engelmar mit üppigen Worten heraus
(193,81 : 245, 4). In beiden Spielen wird nicht gleich geprügelt,
sondern Bitter und Bauern treten sich erst drohend und prahlend
entgegen, wobei Elise henprecht nach Engelmars Herausforderung
den Reigen eröffnet (194, 5 : 246, 1). 194, 12 „Nu sagt in ab"
Hess auf das einstige Vorhandensein einer jedenfalls brieflichen
Aufsage schliessen, >vie sie im StSz 249, 1 ff ausgeführt ist. 196, 11
würde dann der Bericht des Knechtes über„ seine Kundschaftung
sein wie 250,3. — Beiden Spielen gemeinsam ist femer der nach
der Prügelei erscheinende heilende Arzt (197, is : 252,2). Kann
demnach das KlNSp vom^StSz nicht getrennt^werden,^ so ist es
von vornherein auch nach unsem Ausführungen nicht zweifelhaft,
welches von beiden Spielen das ältere ist.
Es erinnert aber auch manches ans GrNSp, was dem StSz
fremd ist. Der zweite Prolog 191, is spricht davon, dass der
Ritter von der Herzogin gesandt sei. Dasselbe sagt das GrNSp
von seinem Einschreier, der als Bote der schönsten Frau auftritt
(s. S. Hl) und nach seiner Sprache sich auch als den Hofkreisen
nahestehend erweist. — 193,26 wird der Herzog erwähnt, der nur
noch im GrNSp vorkommt (s. S. 4). Die Erwähnung der Herzogin,
die „Essen und trinken und ein frohlichs leben" zum Lohne
geben will (198,2 ff), wird allein aus dem GrNSp .verständlich,
wo Neidhart nach vollbrachten Streichen mit seinen Rittern zum
Hufe geht, worauf ein fröhlicher Trunk den Schluss bildet (S. 142).
Am auffälligsten ist aber, dass der Teufel 197,8 eingeführt ist
(s. S. 209). Er kann im KlNSp nicht Eigentum des Verfassers
sein, denn dann wäre er besser oder doih ausführlicher gezeichnet'
worden. Er ist ganz farblos, die sechs Verse, die er spricht, sind
nichtssagend und passen gar nicht mit ihrer Erwähnung ^Luzifers
in den Zusammenhang des übrigen Spiels. Selbst der Verfasser
eines so schlechten Spiels, me es das KlNSp ist, konnte, wenn
er einmal auf eigene Faust diese dankbare Figur mit seinem
220
Stücke verflechten wollte, sie nicht so widerspruchsvoll und ver-
schwommen einführen. Die Verwendung des Teufels in dieser
Gestalt kann nur durch ungeschickte Herübemahme aus der Vor-
lage erklärt werden. Wir werden also wieder auf das QrNSp, das
einzige eine Teufelszene enthaltende Neidhartspiel, geführt. Die
Worte des Teufels im KlNSp begleiten nur die Ausführung des
in der Teufel Versammlung des GrNSp 441,85 fr, 444,i3ff gefassten
Entschlusses.
Auch vom GrNSp ist also das KlNSp nicht nur textlich,
sondern auch stofflich nicht zu trennen.
Wenn demnach das KlNSp bald mit dem GrNSp, bald mit
dem StSz eigentümliche Züge gemeinsam hat, wo jene beiden
unter sich keine Übereinstimmung zeigen, ohne dass eine un-
mittelbare Benutzung des GrNSp durch das KlNSp erwiesen
werden kann, und da anderseits das StSz nach S. 179 ff mit dem
GrNSp verwandt ist, so muss zwischen dem GrNSp und den
späteren Spielen noch ein unbekanntes verlornes Neidhartdrama
X gestanden haben, aus dem einmal das StSz geflossen ist, ander-
seits das KlNSp gekürzt hat. Diese Fassung vermittelte beiden
Spielen die Zuge, welche sie mit dem GrNSp gemeinsam haben.
Die Gestalt dieses verlornen Spiels lässt sich teilweise noch
wieder aufbaun. Vielleicht hatte es schon zwei Einschreier; Bitter
und Bauemtanz waren gewahrt, der Veilchenraub war unverblümt
und grob herausgearbeitet. Die Bauern wussten um den Unfug;
sie hatten gemeinsam beraten, was für einen Streich sie ihrem
Feinde wohl spielen könnten. EUschenprecht war der Thäter.
Die Mädchen_ der Bauernburschen waren zu ihren Weibern geworden.
Den im GrNSp selbständigen Tanz der Bauern um den Maien
hatte der Verfasser schon mit dem Eaube zu verbinden gesucht,
indem er die Bauern um das Veilchen oder seinen Ersatz tanzen
liess, wobei der Bauernreie dem Tanze des Hofgesindes gegenüber-
trat. Möglicherweise war ihm aber dieser Versuch nicht geglückt,
woraus sich die schlechte Stellung dieses Bauerntanzes im KlNSp
und im StSz herleiten liesse. Neidhart hob den Hut selbst auf,
nicht die Herzogin, die Jungfrauen waren schon an der Handlung
beteiligt, die Aussöhnung zwisc lien Neidhart und Herzogin bestand
221
noch. Die Prügelei war durch die in Aufzugsform gehaltnen
Prahlreden eingeleitet, wobei Engelmar und Eilst henprccht den
Anfang machten. Vorher war wahrscheinlich ein Absagebrief ge-
schickt worden, womit die Auskundschaftung der Bauern durch
den Überbringer verbunden war. Nach der Prügelei kam ein
Arzt herbei, der die Verwundeten heilte'). — Möglicherweise war
der zwiefache grosse Kampf des GrNSp schon unter Aufgabe der
Spiegelgeschichte vereinfacht worden, jedenfalls aber waren noch
Spuren der alten Zweiheit vorhanden. — Die Vorrede zum zweiten
Teile und die Fassgeschichte mit dem Wirte war beibehalten. —
Ob der Werbetanz der Kitter so genau ausgeführt war wie im
GrNSp, ist fraglich, eine wenn auch nur schwache Erinnerung
an den Herzog war sicherlich übrig geblieben. Das Teufelspiel
bestand noch, wenn auch vielleicht gekürzt. Den Schluss bildete
ein Empfang bei Hofe oder wenigstens ein gemeinsamer Trunk
mit der Hofgesellschaft.
Das Spiel X war noch ein Maispiel. Aus ihm schöpfte das
Sterzinger Maispiel, dessen Rolle wir nur kennen. Es hat das
Teufelspiel und den Schluss bei Hofe weggelassen. Die übrigen
Kürzungen werden wohl auf Rechnung von X zu setzen sein. —
Auf der andern Seite kürzte unter Verrückung des eigentlichen
Scliwerpunktes mit absichtlicher Rohheit das KlNSp für den Bedarf
der herumziehenden nürnberger Spielgesellschaften ^). Trotzdem
blieb auch in ihm dem Tanze noch seine Bedeutung gewahrt
(S. 208), und trotz der Aufführung zur Fastnacht wird noch vom
Mai gesprochen (192, lo). Soviel hat es noch vom alten Maitanz-
spicl geerbt (s. S. 42).
Hält man hierzu das über das Verhältnis von StPSp und
(jfNSp auf S. ()f)f Gesagte, so ergiebt sich unter gleichzeitiger
Berücksichtigung des Hans Sachsischen Spiels folgendes Schema:
*) Wenn X noch die Spiegelgosrhichte hatte, so kann Fsp 66 von hier
aus beeinflusst sein, da in ihm die Zertrümnieruii';^ eines Spiegels mit der
Heilung durch einen Arzt verbunden ist, der keinen Knecht bei sich hat (S.
130 Anm. u. 207). Don würde dann erst das StSz hinzugefügt haben.
'^) vgl. Mone, Schauspiele des MA II 124.
222
StPSp MSH m202^gvi Neidhartschwanke
Rittertan« ] -
"SfeÄ /+ Veilchenspiel d. GrNSp(410,„-415,«)+
GrNSp
X
NF
StSz
KlNSp
Hans Sachs
MG u. Fsp
Hans fiiaehseiiM Ei^eidhartupiel.
Es ist von vorn herein nicht verwunderlich, dass ein Mann
wie Hans Sachs, der für alle Zweige der Litteratur lebhafte Teil-
nahme an den Tag legte, und die Quellen zu seinen Dichtungen
von allen Seiten hernahm, auch der Neidhartüberlieferung sich zu-
wandte, für deren volles Leben wir bis jetzt eine Beihe beredter
litterarischer Zeugnisse kennen gelernt haben.
Er hat sich mehrfach mit diesem StoflFe beschäftigt. Unter seinen
eigenhändig niedergeschrieben Meistergesängen befindet sich in
MG 4 Bl 266' : „Der Neidhart mit seinen listen. In dem hofton
Donhewsers. Ein ritter wont in Östereich usw," worin er die
Geschichte von Neidharts tauber Frau behandelt. Am Schlüsse
steht das Datum: Anno salutis 1538 am 29 tag May. — Ein
anderer Meistergesang aus MG 5 Bl. 14: „Die peschoren rot. In
dem vergessen thon Frawenlobs. Ein dorff in östereich haist
Zeiselmawer usw." behandelt den Schwank von den zu Mönchen
gemachten Bauern. Das Datum am Schlüsse ist: anno salutis
15o9, an 18 tag Januari. — Nach langer Zwischenzeit kommt er
dann MG 15 Bl. 233' noch einmal auf den Neidhartstoff zurück.
Diesmal ist es ein Meistergesang von der Veilchengeschichte. „In
dem Hofton danhewsers. Der Neidhart mit dem feyel. Weil
neidhart war in östereich usw." Am Schlüsse heisst es: anno
salutis 1556 am 31 tag marci. — Ins folgende Jahr fallt endlich
das Fastnachtspiel*): Ein fastnacht spiel mit 8 person: Der
Neidhart mit dem feyhel, hat 3 actus". Die Schlussbemerkung
lautet: Anno salutis 1557, am 9 tag Februari 508 vers.
Die Meistergesänge sind viel kürzer als die entsprechenden
Neidhartschwänke in MSH UI und NF, sämtlich recht trocken und
im knappen Chronikenstile gehalten. Der zweite hat eine aus-
führliche Moral. Anders liegt es im Fastnachtspiel, das recht
gewandt und eingehend scliildert. Es enthält nicht die Veilchen-
^) Die Abschriften aus MG 4 und 5 verdanke ich der Güte dos Hrn.
Priv. Doz. Dr. K. Drescher in Bonn. MG 15 wurde auf meine Bitte bereit-
willig von der Zwickauer Ratsbibl. an die hiesige Stadtbibl. gesandt, wo ich
selbst das Gedicht abschreiben konnte.
3) hrgg. V. Goetze, Hallisthe Neudrucke 63/64 S. 1 IT und Bibl. d. Stutttr.
lit. Ver. Bd. 181 (Hans Sachs 17) S. 198 flf.
224
geschichte allein, sondern Sachs hat mit ihr noch den Schwank
von Neidharts tauber Frau verbunden. Für beide Episoden liat
er seine eignen Meistergesänge aus MG 4 und 15 benutzt. Die
Quelle Sach»jens waren die allbekannten Neidhartschwänke, die ihm
der Druck des Neidhart Fuchs in einer bequemen Sammlung bot.
In den Meistergesängen wie im Fasnachtspiel zeigen sich noch
Anklänge. Die Ausgabe von 156G kann nicht benutzt worden
sein. Käb de bo^) spricht nur von der ersten Ausgabe, die noch
ins 15 Jhd. fällt. Es kommt aber auch noch die von 1537
in Betracht.
Von besonderem Wert für uns ist sein Fastnachtspiel. Manches
offenbart sich darin sofort als sein Eigentum, z. B. die Einteilung
in Akte, die hier zum ersten Male in seinen Fastnachtspielen
begegnet*), die Reimbrechung (s. S. 4G), oder der Dreireim am
Schlüsse eines Abschnittes^). — Bei der liebevollen und ein-
gehenden Schilderung des Bauernveilchens ist der Dichter sicherlich
nicht bloss vom Stoffe gezwungen worden, wie Käb de bo S. 94
meint, sondern eigne Neigung hat ihn dazu geführt, im Stile des
Spiels vom Dreck (Fsp 23) weiter auszumalen, wo die Quelle nur
eine trockne Erwähnung hatte. Allerdings ist er nicht so ge-
schmacklos wie der Dichter des KlNSp(s. S. 211f); bei ihm ergehn
sich vielmehr nur die Bauern und der Narr in groben Unflätereien,
nicht die Hofgesellschaft. — Des Dichters Eigentum sind femer
die Namen der beiden Frauen und die Einführung des Narren. Die
Namen der Bauern sind in der üblichen Weise gebildet (s. S. 81).
Den verscliiedenen Sinneseinschnitton passt sich die Aktein-
teilung gut an. Der erste Akt enthält das eigentliche Veilchensuchen,
der zweite Neidharts Rache, der dritte die Geschichte vom Herzog
und Neidharts Frau. — Auch hier tritt in der Veilchenerzählung,
also in den ersten beiden Akten, die Herzogin allein auf (s. S. 4),
während der Herzog nur v. 295 erwähnt wird. Der Herzog hingegen
*) Heinrich Käb de bo, Die poetische Littcratur der Stadt Wien vom
Beginn des 16. bis zum Schhiss des 18. Jhd. 1. Abt. Die Dichtungen des
Hans Sachs zur Geschichte der Stadt Wien, Wien 1878 S. 97. — vgl. Haupt,
Neidh. v. R. Vllflf; Bobertag, Narrenbuch 143 ff.
^ Sonst nur noch im Fsp 85: Esoplis, der fabeldichter. Goetze, Hallische
Neudrucke 63/64 S. V.
') Hemnaun, Hans Sachs-Festschrift hrgg. v. A. L. Stiefel S. 434 ff.
225
tritt allein im dritten auf, wo die Herzogin nur 456 genannt ist.
An die Quelle erinnert^):
HS 22 0 dw grewlicher, kalter winter,
Der lencz hat dich gedruckt hin hinter.
27Enthatrciff, sehne vnd kalter du eft
43 Der trewcr hoffticner ichpin.
122 Gnedige fraw,ynter dem huet
-9 e
Da stet das majcn plumlein gnet,
Dasvnsdenstimer zaiget on.
150Noidhart,N eidhart, was hastwthon?
Die Schmach thuet mir zv herzen gon.
159Diedatsol dich von herzen rowen.
Ich wil dem fuerstn vber dich kla-
gen;
Wanmiristpey all meinen tagen
Kein grosser arbeis nie geschehen.
164 Ach, gnedige fraw, pegnadet mich!
211Kampt er gleich mit etlichen knech-
ten,
Wol wir mit im schirmen vnd fechten.
227 Das mans in ain korb zam mus
klanbcn.
293 Ir ains dails auf die stelzn gericht.
Wie wol wird gfallen die geschieht
Demherzogn vnd der herzogin
Vnd auch dem andren hoffgesin.
NF llSUrlabhab du winter,
115 vns kompt ein sumer linder.
1 14 reif vnd auch der kalte sehne !
193ewrtrewerdionerwil ich sein.
164 genadige fraw knieget nider
vnd hopt auf den hut,
precht ab den feiol so schone,
der befilt yus den sumer gut.
174herNeithart, was hapt ir getan?
176die schmacheit sol mir zuherczen gan.
177 es mag euch wol gerewen.
180 dem fürsten will ich es sagen.
1 78 bei allen meinen tagen
geschach mir nie sollich schmacheit.
1 92 Gn admir edle frawe mein.
233 vilrittcr vnd auch knechte,
. . . si rüsten sich zef echten.
204 das man in zesamen klauben muss.
256wirhabens auf die stelczen gericht,
.... des ward die horczogine fro
vndvilder schonen frawen.
Aus NF 149,171 hat Hans Sachs auch v. 13,90 u. Anw. nach
116 sein merdrum übernommen.
311 Der Neidhart hat das schonest weih.
2 13 Das w&l wir dem herzogen sagen.
342 Pey meim aid, die schonst aller
frawen.
343 So wil ich sie auch kurzlich schawen.
350 Morgen im alten forste jagen.
402 Herberg uemeninvnserm schlos.
2151 wie sehen der Neithart hatt ein
weib.
2 148 fürst, ich wil euch sagen.
2161 so das wir bald die minigclichen
frawen
2 163 in hocheneren mögen ane schawen.
vgl. 2198.
2205 das ir mich last in ewren forstjagen.
2209 in ewrem schloss glust mich
trincken vnd essen.
^) Vgl. hierzu und zum Folgenden A. L. Stiefel, Ober die QueUen der
Hans Sachsischen Dramen, Germania 37, 2 19 ff.
15
226
328 (Der) Sich an den pawern hat gero- i 263 also wart der feiel gerochen
eben, I allanden öden torpeleiiy.dieinhand
Die im den fcjel habn abprochen. | abgeprocben = 206.
478 Muinherleinistwilprctynd fisch , 265 Damach kam ich gen Wien ans
fürsten tische
Vnd schreit auch so laut vber disch. mangabmirwilpretvnde fisch.
Zu V. 218 s. S. 90; ZU v. 219—223 s. S. 148f, 157»).
Gleich seiner Quelle hat Sachs noch den Natureingang. Wie
jedoch dort der Anfang des Gedichts NF I13if. nicht als Bede
der Herzogin aufzufassen ist (s. S. 2), so hat auch der nürnberger
Dichter keine Aufforderung der Herzogin, sondern er legt ebenfalls
die Frühlingsschilderung dem Neidhart in den Mund. Mit seiner
Quelle schaltete er frei. Vieles hat er geändert, meist zum Vorteil
für sein Stück. — Bisher war nie gesagt worden, warum Neidhart
den Hut aufs Veilchen setzte. Der eigentliche Grund mag wohl
darin gelegen haben, dass der Finder die Blume dadurch leichter
wiederfinden wollte, ausserdem aber darin, dass er damit eine
Eigentumserklärung abgab, um zu verhindern, dass nicht andre
nachträglich, während er die Herzogin holte, das Veilchen als
ihren Fund betrachteten und ihm streitig machten; denn der Tanz
auf dem Anger war notwendig, weshalb der Finder den Frühlings-
boten nicht einfach abpflücken und zum Hofe mitnehmen durfte.
Sachs kannte offenbar die symbolische Bedeutung der Blume nicht
mehr. Er hüft sich 52 ff. damit, dass er Neidhart erklären lässt,
er wolle das Veilchen nicht abbrechen, weil es bald verdorren
würde, sondern lieber die Herzogin herbeiliolen.
Nach der Art der späten Neidhartspi(4e hat er 62 ff. die
Bauernschweinerei ausgeführt, während sie in seiner Quelle nur
trocken erwähnt ist. EngelmajT ist bei ihm der Thäter. Er hat
den suchenden Neidhart beobachtet und will ihm nun die Blume
stehlen. Seinem Genossen genügt das noch nicht; er rät, ein
andres Veilchen an die 'Stelle des alten zu setzen, wozu EngelmajT
gern bereit ist.
Der Grund des Hasses gegen Neidhart ist ein ganz eigenartiger
(v. 96 f). Der Ritter steht hier wie der Grossgrundbesitzer und
*) Der Baucrnrt'ic 'J4!' ist iianz iihnlicb ircbaut wio dor Bauernjfosanjir
Fsp 123 Nchl 4'), 20.
227
Jagdherr dem kleinen Bauern gegenüber. Seine eigentliche Be-
deutung als Bauernfeind ist dabei ganz abhanden gekommen.
Während im MG die Herzogin sich über den Bauemunfug
freut und „der schalckheit lacht," vermeidet das Fsp diese grosse
Härte, indem es dem NF folgend die Herzogin selbst den Hut
aufheben und in bittre Klagen ausbrechen lässt, während Neidhart
sie fussfällig um Vergebung bittet und seine Unschuld beteuert.
Nach der Klage Neidharts folgt das Spiel den Gedichten, die
nur der Druck hat. Wie da und im GrNSp geschieht der Über-
fall während des Tanzens, doch Neidhart ist allein, ohne Ritter,
nur vom Narren begleitet. Die Bauern sind auf drei zusammen-
geschmolzen. Beschränktheit im Spielermaterial mag der Grund
sein. — Nach kurzem Kampfe fliehn die Bauern. Der Narr, der
ihnen nachgelaufen war, kommt bald zurück und erzählt, dass sie
alle drei beim Bader liegen. Wenn Engelmayr v 271 „binden
ein schramn nein** hat, so erinnert das noch an seinen abgeschlagnen
Sclienkel. — Diese Erzählung des Narren ist wie die ganze Rolle
Sachsens volles Eigentum.
Neidliart nimmt 265 flf. wie NF 249 flf. das Veilchen von der
Stange mit der ausdrücklichen Erklärung, es der Herzogin als
Beweis seiner Unschuld bringen zu wollen. Sachs nennt dabei
den Zweck noch deutlicher als NF 252 ff. Die Rückkehr zum
Hofe wird aber nicht ausgeführt.
Frei erfunden ist auch die recht geschickt angebrachte Be-
ratung der verwundeten Bauern über die Wiedervergeltung 299 ff.
Sie ist ganz wie die erste Beratung vor dem Veilchenraube und
giebt einen guten Übergang zum dritten Akte.
Auch hier ist Sachs besser als das Gedicht. Dort fragt 2160
der Herzog den Bauern, wie er mit der Frau Neidharts zusammen
kommen kann, worauf der ihm 2170 umständlich Rat erteilt.
Diese unerhörte Geschmacklosigkeit hat Sachs sich nicht zu
schulden kommen lassen. Engelmayr kommt hier und erzählt nicht
nur von der Schönheit der Frau, sondern richtet sogleich frech
einen Gruss von ihr aus (334 ff), und der Herzog, der „ain groser
pueler" ist (v 388, vgl. 317), ist schnell entschlossen. Der MG
lässt dagegen den Herzog überhaupt nicht erst antworten, sondern
sicli sofort an Neidhart wenden. NF 2179 sieht Neidhart Engelmar
herumstreichen und ahnt darum bald nichts Gutes. Gleich drauf
15*
228
wird er zum Herzog gerufen. Bei Sachs kommt er dagegen
sogleich wie von ungefähr herzu, und der Fürst kündet ihm alsbald
seinen Besuch an. Hierbei ist die Zweideutigkeit v. 350 ebenso
wie schon im MG, der dieselbe Wendung hat, gegenüber NF 2205 f.
verloren gegangen. NF 2212 erzählt Neidhart dem Herzoge ohne
jede Veranlassung, da nur von der Jagd die Rede ist, von seiner
überaus schönen Frau. Hans Sachs hat auch diese Härte beseitigt.
Im M6 äussert der Herzog gleichzeitig mit dem Wunsche, „im
alten forste" zu jagen und auf Neidharts Schloss beherbergt zu
werden, den zweiten, seine Frau, die für die schönste gelte, kennen
zu lernen, worauf Neidhart sogleich seine listige Lüge anbringt.
Im Fsp ist das weiter ausgesponnen. Der Herzog giebt hier zu-
nächst seine Aufträge wegen der geplanten Jagd und der gewünschten
Aufnahme, worauf Neidhart erklärt: „Gnediger her, das wil ich
thon.** Erst dann fragt er ihn, ob er wirklich ein so schönes
Weib habe, wie man sich erzählt, und macht ihn dadurch miss-
trauisch.
Neu ist ferner das kurze Selbstgespräch des Herzogs 3()8flf,
der auf den bevorstehenden Genuss schon gespannt ist, und das
Selbstgespräch Neidharts 386 flf, das hier gut angebracht ist. Es
soll den Zuschauer darüber aufklären, dass Neidhart den Herzog
gleich durchschaut habe, und dass die vorher mit grossem Ernste
behauptete Taubheit seiner Frau eitel Schwindel sei.
Auch die dazwischen liegende Episode mit den sich über
ihren Streich freuenden und seinen Ausgang sich schon ausmalenden
Bauern (372 ff.) ist ein Vorteil fürs Spiel. Im NF und im MG
hört man von ihnen nacli ihrem sclilechten Rate gar nichts mehr.
Auch der Besuch des Herzogs ist besser ausgearbeitet. Als
Neidhart seiner Frau das Vorhaben seines Herrn mitteilt, ergeht
sie sich in grossen Lobreden auf den Herzog und seine Vorzüge,
(405 ff), woraus Neidhart ersehen kann, dass sein Verdacht und
seine Vorsicht doch nicht so ganz unbegründet war. — Viel
schicklicher ist es auch, dass der Herzog die Frau 426 umarmt,
nicht sie ihn wie NF 2248. Im MG geht sie ihm entgegen,
verneigt sich und reicht ihm die Hand.
Das Gedicht weiss nur zu erzählen, dass bei der Einkehr des
Herzogs lautes Geschrei entstand, während Sachs sie sich 426 ff.
eine Reihe von Höflichkeiten sagen lässt. Im MG heisst es auch
229
nur, dass sie schrien „Als ob sie weren hamerschmid'^ (vgl.
Fsp 451).
Der Narr hat seinen Herrn auch ])ei diesem Besuche begleitet
und ist verwundert über da^^ Schrein seines Gebieters. Er will es
der Herzogin berichten; der Herzog zieht es aber vor, ihn durch
das Versprechen eines n(»uen Kolbens 458 f. zur Ruhe zu bringen.
Besonders lustig ist es, wenn er zuletzt 478 flF. gar fürchtet, der
Herzog würde ihm sein Amt und seine Würde streitig machen.
Der Schluss des Spiels, die ernüchterte Umkehr des geprellten
Herzogs, ist eine gelungene Ausführung von NF 2269 f.
Wir sehn also auch hier schon auf beschränktem Gebiete,
z. T. bereits im MO, hauptsächlich jedoch im Fsp, wie das gesunde
poetische Gefühl des wackeren Meisters einer schlechten Quelle
allenthalben reiches dramatisches Leben einzuflössen vermochte
und ihre Härten in Vorzüge verwandelte.
Das dem Schwanke von der tauben Frau Neidharts zu Grunde
liegende Motiv war übrigens auch weiter verbreitet.
Aus demselben Grunde soll Gonella seiner Frau und dem
Herzoge vorgeredet haben, der andre Teil wäre taub ^). Also ganz
so wie hier. — Anders heisst es von Taubmann, dass er der
Kurfürstin von Sachsen vorgeredet habe, seine Frau, und dieser,
die Kurfürstin sei taub. Deshalb schrien die beiden dermassen,
dass man am Dresdner Hofe glaubte, es wäre irgendwo in der
Nähe Feuersnot. Die Kurfürstin fand so viel Gefallen an dem
Unfuge Taubmanns, dass sie vor Lachen zu Bett gehn musste*).
Hier also fehlt das Motiv vom Buhlen des Herzogs um
die schöne Frau eines andern ganz. Zwei Frauen sind die
Opfer eines recht harmlosen Schabernacks. — In derselben Form
wird es von der Frau Brusquets, eines provencalischen Hofnarren
am französischen Hofe, und der Königin erzählt').
Es fragt sich nun, ob Sachs ein andres Neidhartspiel gekannt
und darnach seine Quellen ergänzt habe. Die Möglichkeit, dass
») Flögel, Geschichte der Hofnarren S. 30«i; MSH IV 441«
2) Taubmanniana S. 215 ff; MSH a. a. 0.
») Flögel a. a. 0. S. 358; MJSH a. a. 0.
230
er vor allem in Nürnberg ein solches gesehen haben kann, ist von
vornherein zuzugeben. An das GrNSp, dessen Kenntnis Stiefel
bei Hans Sachs für möglich hält, ist jedoch auf keinen Fall zu
denken. Stiefels Anhaltspunkte ^) sind hinfällig. Gerade an dieses
Spiel erinnert das Sachsische am allerwenigsten. Wenn er meint,
Sachs hätte von diesem „rohen und gemeinen Machwerk" nur
grössere Grobheit übernommen, so lässt sich dem entgegen viel-
mehr behaupten, Hans Sachsens Neidhartspiel wäre wahrscheinlich
zahmer ausgefallen, wenn er jenes Muster vor Augen gehabt hätte.
Aus der Ähnlichkeit zwischen dem GrNSp und seinem Buhlscheid-
liede, auf die Michels S. 27 hinweist, darf man auch nicht
schliessen, Sachs habe das GrNSp gekannt. Die Ähnlichkeit
erklärt sich eher aus gemeinsamer Quelle^).
Für die Bekanntschaft mit einem späteren Neidhart-
spiele spricht die genaue Ausfiilirung der Bauernschweinerei mit
der Schilderung der Beratung der Bauern, wie sie Neidhart einen
Possen spielen könnten, wobei einer das Veilchen rauben will,
aber vom andern noch mit dem Vorschlage, ein neues Veilchen
zu setzen, überboten wird. Das erinnert besonders ans StSz
(s. S. 183 f). — Die Schilderung, welche die Bauern von ihrer
Ausrüstung 228 flf, 233 if geben, mahnt an die Rede des Bauern
von Dingelfingen im KlNSp 1J)4, 22 er.
Möglicli ist es, dass Hans Sachs ein dem verlornen Spiel X
und seinen Nachkommen verwandtes Stück gekannt habe, aber
ausmachen lässt sich darüber nk'Ms Gewisses.
») Germ. 87, 222.
«) vgl. Uhland Schriften III -JOS u. Anin. :MA. s. S. ^lyiX.
Das Yorkominen des Motivs vom
NeidhartYeilclien.
Zeugfnisse bis zu Hans Saehs.
Vom 14. Jhd. bis in die^ zweite Hälfte des 16. konnten wir
das Leben und die Entwickelung des Motives vom Neidhart and
seinem Veilchen verfolgen. Zu den bisher nur benutzten litterari-
schen Zeugnissen treten jedoch noch andre, welche mit jenen
zusammen uns erst recht die allgemeine Verbreitung und den zähen
Bestand der Erzählung vor Augen führen.
Um die Wende des 13/14. Jhd. muss der Stoff schon bekannt
gewesen sein, denn schon im Anfang des 14. Jhd. ist das Veüchen-
abenteuer zu Diessenhofen in der Schweiz in der Herrentrinkstube
des Hauses zur Zinne gemalt worden^). Die Hofgesellschaft ist
mit Neidhart auf dem Anger, ein Bläser spielt zum ßeien auf,
und links, durch einen Strauch verdeckt, ist der Bauer bereits
an der Arbeit. Während die Herzogin vor Erwartung oder Freude
die Hände aufhebt und zwei Ritter, von denen sicherlich der eine
Neidhart ist, nach dem Orte hinweisen, wo das Veilchen stehn
soll, hält sich die Hofdame bereits die Nase zu.
Um die Mitte des 14. Jhd. fällt bereits die erste uns bekannte
dramatische Bearbeitung, das StPSp[^(s. S. 24).
Am Ende des Jhd. treffen wir wieder eine Malerei in der
Schweiz, nämlich das nicht mehr erhaltene Bild zu Winterthur im
Hause zum Grundstein^). 4 Paare haben sich. Mann und Weib
abwechselnd, alle gegenseitig an den Händen gefasst und tanzen
auf dem Anger. Durch eine Längsleiste^ getrennt steht links von
den Tänzern der Adelnde Spielmann. Links von ihm "
^) Wogoli i. (l. Mitteilungen dor antiqnarischoii Gesel
LXIII, Zwei schweizcriHche Bildercyklon ans dem Aiifaii|i
K. Dnrror n. R. WogoH Zürich 1899 8. 273ir,278 (8. '
«; Eb.'nda S. 278 (24) u. Taf. VI; Wackern»«
1,322.
232
Bauer gerade den Hut über die frisch gesetzte Blume, während
neben ihm ein Bauernpaar tanzt.
Ins 14. Jhd. gehört schliesslich noch die Überlieferung des
Gedichtes in s, die noch ein früheres Original voraussetzt (s. S. 3).
Im 15. Jhd. finden wir zunächst zu Anfang das QrNSp (s.
S. Ol). In der Mitte des Jhd. stellt sich neben das StSz (s. S. 175)
und die Handschrift c die in einer Liederhandschrift überlieferte
Beischrift: ^als des neytharts veyel." (MSH IV 441 Anm. 5).
1479 erscheint die erste Grabschrift auf Neidhart Fuchs, die
auf seine Schwanke eingeht, unter denen an erster Stelle die Veilchen-
geschichte genannt wird (s. Meyer ZfdA 31, 77). Da heisst es v. 7flF:
Qualiter in cziselmawr vexaverat ipse colonos,
Quorum quis primam sumpsit ei violam
Ex prato que locum violae cum stecore texit.
Tale nephas neithard reddere curat eis.
Vt monachos, sie rasit eos vestitque cucullis*).
Hos pupugerunt, quas vase retundit, apes,
Ventris de fungis doluerunt, quos dedit illis*),
Vngento demum fecit eos fetidos.
In sporta effigies similes eis attulit ipsis.
Huc sua non scribi singula [facta] queunt.
usw. (Germ. 17, 40).
Am Ende des Jhd. findet sich das KlNSp (s. S. 208 u. 205)
und die älteste Auflage des Druckes o.J. (Haupt VTH, Bobertag 143 f).
Hier ist es wieder die Veilchengeschichte, welche am Schlüsse
NF 3908 flf. besonders hervorgehoben wird.
Aus dem 16. Jhd. ist zunächst das 1515 in Wien heraus-
gegebene Odoeporicon usw. des Riccardus Bartholinus zu nennen.
Hier mvA ein Besuch der Stephanskirche geschildert und der
Sarkophag des sagenhaften Neidhart Fuchs am Singerthore er-
wähnt. Bei dieser Gelegenheit berichtet der Verfasser, was er
über Neidhart in Erfahrung gebracht liaf. Er schildert eingehend
die Erzählung vom Veilchenraube und erwähnt darauf nur kurz
die Geschichte von den zu Mönchen gemachten Bauern ^) und vom
^) Auf diesen Schwank, dessen Bearbeitung durch Hans Sachs S. 223
erwähnt wurde, wird auch von Hennann von Sachsenheim in der Mörin v. 3717
ang:espielt.
2) Vgl. S. 2()(;.
233
Neidhart als Brant (ZfdA 32, 431). — Das ist die «teste Er-
wähnung der Neidhartlegende im Zusammenhange mit dem Orabe
am Singerthore, aus dessen Fussbildern eine lebendige Phantasie
die Darstellung der Überbringung des Veilchens herauszusehen
glaubte *). — Von nun an erscheint die Geschichte öfter in Chro-
niken und Kosmographien (Käb de bo S. 93).
1516 steht die Aufführung eines Neidhartspiels zur Fastnacht
in Eger urkundlich fest^).
In die Mitte des Jhd. fallen dann die Hans Sachsischen Bear-
beitungen. Nachdem er schon 1538 und 39 zwei andre Neidhart-
schwänke verarbeitet hatte, verfasste er 1556 seinen Meistergesang,
1557 das Fastnachtspiel vom Neidhart mit dem Veilchen.
1537 wurde die zweite, 1566 die dritte Auflage des Druckes
vom Neidhart Fuchs veranstaltet.
Erneuerungen des Stoffes.
Bisher haben wir gesehen, wie die Überlieferung vom Neidhart
und seinem Veilchen sich lebendig erhielt und ununterbrochen
fortentwickelte.
In späterer Zeit hat sie auch gelehrte Erneuerungen erfahren.
1795 wurde der Stoff von Salvatore Vigano als Ballet verarbeitet
und unter dem Titel: „Das wiedergefundene Veilchen" am
20. 7. im Kämtnerthortheater aufgeführt*).
Wichtiger ist die Erneuerung durch
Anastasitts Grün.
Im Jahre 1850 erschien der „Pfaff vom Kahlenberg" von
Anastasius Grün (Anton Alex. Graf v. Auersperg), worin auch die
^) Hüttheilungcn der k. k. Central-Commission zur Erforschung und
Erhaltung der Baudenkmale XV Wien 1870 S. XVUIb . — Das that z. B.
Pergcr, Der Dom zu St. Stephan in Wien, Triest 1854 S. 32. vgl. MSH IV 438l> f.
■) Mittheilungen des Vereines für (loschicht«' der Deutschen in Böhmen
33. Jhg. Prag 1895 S.227. — Dass es jedenfalls bedeutend mehr Neidhartdramen
gegeben hat, als wir kennen, geht aus S. 2*20 f hervor: wie verbreitet die
dramatische Darstellung der Vcilchentreschichti* war, erhellt daraus, dass es
niemals heisst: „ein Spiel von Neidhart" oder so ähnlich, sondern immer:
„Das Neidhartspiel'', s. Fsp 190,31, 192, 2. 393, 2, Hans Sachsens Neidhart-
spiel 21, Mitteil. d. Vcr. f. Gesch. d. Deutschen i. Böhmen 33,227.
«) MSH IV 441 Anni. 5: Kab do bo S. 98. — Trotz aller Bemühungen i-'
es mir nicht gelungen, <les Wiener Theater-Almanachcs von 11^
zu werden, wo sich eine eingehende Beschreibung des Ballettt 1
234
Erzählung vom Neidhartveilchen mit behandelt ist (Werke 4,81 ff).
Grün hat in seinem Pfaffen vom Kahlenberge verschiedene Stoffe
zusammengeschweisst. Der Titel weist auf das alte Gedicht
Philipp Frankfurters ^), an welches aber im übrigen nicht \iel er-
innert. Das ganze Werk zerfällt in drei Hauptteile : Nithart, Otto
und Wigand, entsprechend den drei Hauptpersonen, nämlich dem
Dichter, dem Herzog und dem Pfaffen. Die Absicht Grüns ist es,
dem Ideal eines Fürsten als Freunde den freisinnigen Pfaffen, den
Berater des Herrschers in des Wortes schönster Bedeutung, und
den frohen, freien Sänger gegenüberzustellen.
Unter diesem Gesichtspunkte musste natürlich vieles an der
Vorlage verändert werden. Dort herrscht allein die Freude am
derben Schwanke, hier sind selbst die Schwanke, welche aufgenommen
worden sind, dem Gesamtzwecke entsprechend zugestutzt. — Die
Hauptzierde der Dichtung, in der hie und da der begeisterte
Freiheitskämpfer, der Verfasser der „Spaziergänge" und des „Schuttes"
durchschaut, sind die Naturschilderungen und belehrenden Betrach-
tungen, welche hauptsächlich von Wigand an die verschiednen Er-
eignisse und Erscheinungen geknüpft werden; auch die Streiche
des Pfaffen haben durch solche Deutungen ein andres Gewand
bekommen. Sie sind zu Lehren für den Herzog geworden.
Für uns ist besonders der erste Abschnitt von Wichtigkeit,
wo von dem Sänger Nithart gehandelt wird, welcher der Freund
dos Herzogs, nicht sein Diener ist. Von ihm sind einige Spässe
aufgenommen, die allerdings unter der Hand des Dichters sich
ganz erheblich verbessert haben. Nach einer Einleitung ,,Lenzfeier
aller Seelen'' folgt „Das erste Veilchen". Neidhart ist vom Herzog,
der sich selbst als Lehnsträger des Lenzes bezeichnet, beauftragt
worden, den Frühlingsboten zu suchen. Freudig begrüsst er das
Veilchen als den Vasallen des Lenzes, den man feierlich empfangen
soll, um damit den Herren zu ehren, da man den König Lenz
selbst nicht ehren kann.
„Drum was wir dem Herrn nicht bieten können.
Das wollen wir seinem Gesandten gönnen,
In Sammt und Purpur ihn empfangen.
Als käme der König selbst gegangen".
Wo geschieht dos i)farnTs vom Kalonbcrj^' in I^)b(Tt{igs Narrenbucli
235
Während Neidhart zum Hofe geht, kommen die Bauern herbei,
ebenfalls im Begriffe, den Lenz zu feiern. Engelmar erseheint
schon mit dem Stelzbein. Es ist ein Andenken an einen heissen
Tag im Krug, „Draus man ihn wund, doch siegreich trug". Er
meint, Neidharts Veilchensuchen sei ein Eindringen in die Rechte
der Bauern,
„Denn ungehemmt will Fürst und Ritter
Und Pfaft* durch unser Eigen schweifen! . . .
Des Ritters ist der Waflfensaal,
Des Fürsten der Pergamentenbund,
Des Pfaffen ist Brevier und Pokal,
Des freien Bauers der freie^Grund'* !
Und um zu zeigen, dass man die Übergriffe der andern
Stände nicht zu dulden gewillt ist, Tordert er seine Genossen auf,
das Veilchen aus seinem „Kerkerverliess" zu befrein, auf eine
Stange zu stecken und im Reigen zu umtanzen. Nur ein Bauer
bleibt zurück, während die Bauern mit dem Veilchen abziehn.
„Er hob den Hut und liess zurücke.
Was sich nicht singen und sagen lässt".
Nun kommt Neidhart mit der Hofgesellschaft, der Herzog
beginnt „Den Spruch, den Nithart ihm ersann'', doch er kommt
nicht über den Anfang hinaus, da Nithart den Hut emporhebt.
Während der Herzog in gewaltige Entrüstung ausbricht, sieht
Nithart in der Ferne die Bauern mit Engelmar, der die Stange
mit dem Veilchen trägt. Laut schwört er ihnen Rache, stürzt
sich auf die Tanzenden, bringt das Veilchen zurück, um das nun
der Herzog und die Ritter ihren Reigen tanzen.
Daran knüpft sich nun der „Bauernkrieg", der verschiedene
Sclielmereien Nitharts enthält. In dem ersten Stücke dieser Ab-
teilung „Nithart ein Prediger" führt der verkleidet« Ritter ver-
schied(*ne Gruppen von Bauern an. Die einen werden auf seine
Predigt zu Adamiten. Das klingt an ein Motiv aus dem Pfarrer
vom Kaien borg an (v. ri8<>ft*). Andre macht er zu Geisseibrüdern,
nachdem er sich den Rücken mit Brombeeren beschmiert hat, um l)lutijü:
aus/aiselien. An einem dritten Haufen vollführt er den bekannton Uni'u^^
mit den Kutten. Alle drei Gruppen führt er dann an den Herz«>gshot*,
Wo er sie erst durch den Ruf „Die Kühe sind noch ungeniolken''
336
wieder zur Besinnung bringt. — Der nächste Abschnitt „Ein länd-
liches Fest" schildert ein vom Herzog veranstaltetes Kirmessfest
der Bauern, an dem auch Nithart teilnimmt, wo eine grosse Holzerei
das Ende vom Liede ist. Darauf folgt „List gegen List", eine
Bearbeitung der Geschichte vom Herzog und Neidharts Frau.
„Ein Pilger" ist neue Zuthat Grüns. Nithart kommt als Pilger zu
den Bauern und muss sich Engelmars Ausfalle anhören. Ergeht
dann nicht gerade in der besten Absicht in Engelmars Haus.
Angesichts des liäuslichen Friedens aber, der ihm dort entgegen-
atmet, zerfliesst sein Vorhaben. Er kehrt um und findet die
Bauern noch vor der Schenke, gegen ihn Bat pflegend. „Die Joppe"
behandelt dann das aus MSH HI 293** bekannte Gedicht. Doch
ist es verständlicher dargestellt. Die mit Nadeln gefütterte Joppe
soll Nithart zum Geschenk gemacht werden. Zu einer Einleitung
ist z. T. MSH m 259^ xcv^ und die Namenaufzählung Neidh. XXXI
17 ff frei benutzt. „Ein Lied das ihn nicht nennt" ist nach MSH
ni 1S5 gediclitet. Dem „Ungenannten" singt er dann gleich auf
ihn und seine Frau ein neues Schelmenlied unter den Namen
Philemon und Baucis. Der Schluss „die Versöhnung" ist ganz
Grüns Eigentum. Nithart stellt sich tot und liegt in der Kirche
aufgebahrt. Da kommen die Bauern und ven^ünschen ihn.
Engelmar dagegen, der zuletzt kommt, bejammert seinen Tod und
beklagt in gewaltigen Worten den Tod des Dichters, der ihre Arbeit
versüsste und ihre Freuden würzte. Da springt der Aufgebahrt«
auf, umarmt den Widersacher und singt ein Danklied. Der Chor
der Bauern fällt ein.
„Und horch, vom hohen Chore fallen
Jetzt Orgelklänge melodisch ein,
Pfaff Wigand tritt mit Wohlgefallen
Den Balg und greift die Tasten rein,
Dass feierlich die Töne wallen,
Erschütternd durch die Kirchenhallen.
Und wieder horch! Mit Flöten und Geigen
Lockt's durch die Pforte hinaus zum Beigen,
Dass Bauern, Sänger und Orgler es packt;
Herr Wigand endet mitten im Takt,
237
Abbricht das Lied in plötzlich Schweigen.
Zu Ende singt's \ielleicht die Linde
Dem Spätroth und dem Abend winde.**
Es bleibt noch die Frage offen, woher Grün seinen Stoff habe.
Er selbst hat darüber nichts geäussert (s. Käb de bo S. 93 Anm). Das
Motto S. 242 weist auf die Ausgabe des Pf. v. K. von 1550, die ihm
jedenfalls durch vdHagens Narrenbuch bekannt geworden war (dort
S. 336, Bobertag v. 1732 ff). Den Stoff an sich wird er rielleicht
schon aus der wiener Volkssage gekannt haben. Sicher wird die
Benutzung des Hagenschen Narrenbuches durch die Verwertung
des Schwankes von den Totenschädeln (Grün 4,307 ff), der nicht
in dem alten Gedichte steht, sondern von vd Hagen im Anhange
seiner Ausgabe S. 51H Anm. aus Fuggers Ehrenspiegel mitgeteilt
wird.
Im Narrenbuche fand (irün zugleich schon einen eingehenden
Bericht über den sagenhaften Neidhart Fu<*hs, den er dann, wie
das Motto S. 96 zeigt (= MSH III 185M u. 5) aus vdHagens
Ausgabe, also aus MSH III kennen lernte. Auch die Schreibung
des Mottos entspricht der in MSH. Hie und da klingt
noch ein Reim oder eine Wendung deutlich an, doch solche Fälle
sind verhältnismässig selten. Die Begabung des Dichters und der
Gesichtspunkt von dem er sich bei der Verarbeitung seiner Stoft'e
leiten liess, haben dem Ganzen ein ganz andres Aussehen gegeben.
So ist vor allem durch den versöhnenden Schluss der ganze Teil
von Neidhart zu einem einheitlichen in sich geschlossenen Ganzen
geworden, das den alten Erzählungen ganz und gar unähnlich ist.
Der Zusammenhang mit den übrigen Teilen war offenbar der Grund,
dass nicht die Herzogin beim Veilchentanze auftritt, sondern der
Herzog. Das ganze Werk trägt kein irgendwie hervortretend
schwankartiges Gepräge, sondern vielmehr ein philosophisch-didak-
tisches.
Anhang.
Das älteste Gedieht von Neidhart und dem Veilchen.
[s Bl. 47' "I
c Bl. 149 J
1
Urloub hab der winder,
rif unt ouch der kalte siie;
uns kumt ein sumer linder,
man siht anger nnde kle
5 gar sumerllch gestellet.
Ir ritter unt ir vrouwen,
ir sult üf des meien plan
den ersten viol schouwen;
der ist wunniclich getan.
10 diu zit h&t sieh gesellet.
Ir sult den suiner grüezen
unt al sin ingesinde;
er kan wol swaere püezen
unt vert da her so linde.
15 der zit wil ich geruochen:
so wil ich üf des meien plan
den ersten viol suochen;
Gotgeb ez müezmirwolergän,
Sit si mir wol gefellet.
2
Do gienc ich hin und here
unz daz ich vaut daz plüemelin ;
do vergaz ich aller swaere.
zu haut da wolt icli vrölichsin.
5 vil lüt begund ich singen.
Wann üf die selben pluomen
stürzte ich [den] minen huot,
daz ich mich törst<i ruomen;
wann ez dühtemich soguot,
I)if Hdschr. c wurde t*on der Kgl. BihL für mich an die hiettige Stadt-
bihl, geliehen^ wo ich vdllagens Text genau durchprüfen konnte. Über « 8, S.2
Anm. 4 u. S. 04 Anm. 1, NF (i<. S. 1 Anin.) führe ich nach Bohertags Ausgahe
an. — Die Singweiaen in 8 umi c tdnd ron einander ganz verschieden. — Vyol «,
der vovlicll c.
1. 1 du NF. — 2 Tif fehlt 8c: und darzu der«. — 4 und c, uii den«,
der pringt vns plunien vnd kle NF. — 5 bestellet c, ew stellet NF. — 7 ist
sult auif de m. p. s. — 10 ^estoUet NF. — 12 alles «, als c NF. — 13 de
kum' /*, wol kumer NF. — 14 fert fehit s: er ist süss senft vnd linde xVF. —
15 soll wir c. — IG des wil ich A7''; auff den niayon p. a-. — 17 schawen c. —
18 das es mir 8c NF; muss ergan c; ergang NF. — ac NF stellen 16, 17^
18, 15, 19.
2. 1 her s NF.
2 hintz ich .<». — 3 mein nach aller durchstrichen
8', swar *'; zergangen was mein sehwer NF. — 4 fehlt NF; vnd begund da
gar c. — 5 am linken Rande nachgetragen s; wol lantt c; zehand ward ich
frolich singen NF. — (j wann ist wohl <ils Begründung zu c. 4 f. zu fangen.
239
10 mir solte wol gelingen.
Daz sah ein vilzgebüre
hinder mir in einem tal;
ez wart im sit ze süre,
daz er treib so riehen schal.
1 5 ich waen, der ungelinke
zuckte üf den rainen huot,
[er] unt sin bruoder Hinke,
sor er [mir] dar under luot.
do begund mich sorgen twin-
gen.
3
Do gienc ich sunder tougen
üf die pure unt reit also —
die red ist äne lougen — :
Ir sult alle wesen frö,
T) ich han den sumer funden.
Die herzogin von Beiern
die lüort ich an miner haut
mit pfifern, fidlem, fleiern;
fröude was uns wol bekant
10 al zuo der selben stunden.
Do sprachich zuoderfinen:
Kniet nider und hebt üfden
huot;
Ir lät den sumer schinen,
wan daz tunket uns so guot.
15 Die minnecliche reine
die pot dar ir wize haut,
si pürt den huot al eine;
sor si [dö] dar under taut.
min fröude was vers wunden.
yj 4
Dö sprach diu herzoginne:
herNithart, waz habt ir getan?
des ich mich wol versinne,
diu smacheit muoz mir nähet
gän
unt mag iueh wol geriuwen.
Bi allen minen tagen
gesehach mir nie solich leit;
[
8 48
c 149'
0
wann ftfhit NF. — ' 7 sturczt r. do f^csturtzt *, dasturczt NF: iiu'in c NF. —
8 (l»s funds maj? ich mich r. NF. — 9 fehlt NF. — 10 daz ich meint, mir
solt f?. NF. — 1 1 viltzpawr *, filcze paur NF. — 12 hinder mein NF. —
13 8ider e, fehlt NF. — 14 bösen NF. — 15 der Elchenbrocht NF-, un-
jr»dimpfe Ä. — 16 zücket«, zucht c NF; dan fehlt «; denselben NF. — 17 vnd
Enj^elmoirs knecht NF. — 18 sorgen «, ein nierdum NF; sor er dorumb
eriaidt c; layt «, tat NF. — 19 des NF; sorig c.
3. 1 also tauge NF. — 2 pruck «; a so NF. — 6 von Beiern fehlt
NF. — 7 die fehlt c; darauf: da crhnb sich ein tanoz NF. — 8 pfeyrcn «,
flayren «, flaym c; pfeifen, fidlen, florieren NF. — 9 vnd ander fröd was vnss
bekaut NF. — 10 wol NF; de" «, denc. Hierauf in NF: wol mit der herczogin
fürt ich den reien schon vmb den veiel hin vnd her, schier gieng es an ein
zweien (s. S. 8). — 11 rayuen «; Ich sprach: genadige fraw NF. — 13 f. precht ab
den feiel so schone, der bofilt vus deu sumer gut NF. — 15 die myniglich
die rayne c, NF; die miüetlich rainew s. — 16 sehne weise c. — 17 sturczt
c, zuckt NF; wol vmbo c. — 18 sorg sc, ein grossen merdum NF. — 19 r
fr. die sc; da was all ir frod verschwunden NF. —
240
daz ich ez torst gesagen,
ze fröuden pin ich unbereit,
10 min leitdazwil sich niuwen."
Söwäfen über mich ummer!
ich wolt, das ich waere tot;
nü muoz ich liden kummer!
ich kom nie in grözer not!
15 die wol getanen munde
die muoz ich von schulden
klagen,
da ich mich von in künde.
daz leit sol ich armer tragen,
daz habet üf min triuwen.
0
An emem lobetanze
gienc Irrenber unt Irrenfrit
mit irem rösen kränze.
Rözwin, Gözwin unt der smit
5 Die >vurden faste singen,
unt der junge Lanze
unt sin bruoder Uz enger,
Frizper unt Ranze.
„gefatterplattfuoz nutrether,
10 lät niuwe sporn klingen/'
Ir wären zwen unt drizek,
die verlurn ir tenke pein;
einer der hiez Rizek,
wie s6r er ubern bühel grein:
15 „Verfluochet sl der sumer,
den der Nithart erste fant!
Nu müez wir liden kumer.
daz der viol si geschant!
nu müg wir nimer springen.*"
4. 2 her fehU c; das «c. — 3 das wirt ewr vngewin NF, — 4 d. s.
die «; bol mir zu herczon gan JVi^. — 5 es mag iV-F; ew «. — 7 so ic\
schmacheit }iF. — 8 dorste sagii s\ dem forsten wil ich es sagen NF, —
9 ich gelaub, os wcrd soin genadeii leid NF. — 10 dein vngelick soll NF. —
1 1 so fehlt NF; Imm' «, tummen c-, tumen NF. — 12 sprach Neithart, d. i.
w. t. NF. — 13 nu fthU c; laider c; ei, daz er muss erkmmmen NF, —
14 der mich pracht in dise not NF. — 15 wolgemuten c; das selczamliche
wunder NF. — 16 die fthlt c; lat euch edle frawe klagen NF, — 17 das
c; west ich, wer dises kunder NF. — 18 d. 1. s. i. allein tr. c; het her ge-
tragen NF. — 19 meine trewe c; ich wolt im pliuen seinen kragen NF,
5. In NF durch andre Gedichte von den vorausgehenden Strophen getrennt, s.
S,'5 u.U. — 1 lobntantze «, lobentancz (ikruncz : lancz)c; auch kamen zndemdancie
NF. — 2 Peringer vnd J. NF. — 3 mit ires krautes krancze NF, — 4 rosx-
wein, goszwein s. — 4—10 fehlt NF. — 5 fehlt c. — 7 vlzeng' «, Tcieng' e,
— 8 fritzp «, frisper c; ranczer c. — 9 gener pläfusz s; tritt c. — 12 linckes
c; d. V. hend vnd pein NF; d. v. doch sc. — 13 der fehlt NF; reiliig «,
wissigk c, Spleisig NF, — 14 fast NF; vber den «; vberm pr&el c,
prigel NF. — 15 ie v. s. d. feiel NF. — 16 den N. zu dem ersten fand NF,
— 17 n. m. wider s; man schlecht vns wunden vnde peilen NF. — 18 da #.
so c; schier hab wir weder hend noch füss NF. — 19 nun k5nd w. NF,
241
Hans Saehsens Helsterffesangr.
[MG 15 Bl. 233']
In dem Hofton danhewsers
Der Neidhart mit dem feyel
[W]eil neidhart war in östereich
nach hoffelichem sitten
Diener dem herzogn zv wien
Ynd der herzogin sch&ne V
5 Ains tags kam er von dem gejaid
in dem morgen geritten
Da sach er ainen feyel praAn
Auf ainer wissen grüne V.
Neidhart stieg ab ward wolgemAet
10 ob diesem feyel wase
Vnd stuerczt darueber seinen huet
Sas auf vnd rait sein strase
Heim zv der schvnen herzogin
Saget ir zv den stunden
15 gnedige fraw frewt euch ich hab gefundn
Den Ersten feyel dieses jer
Die fuerstin mit dem ganczen
[-•"^^l frawen zimer macht sich aiif fart
Vmb den feyel zv danczen V.
2
Nun het aber in mitler zeit
in der wissen ain pawer
Den feyel hinweck vnterm huet
Ynd an die stat geschissen
5 Den huet wider darueber stuerczt
Vnd het zw Zeisselmawer
im dorflF den feyel aufgericht
Danczten dariimb geflissen V.
Als nun die herzogin von haws
10 mit irem frawen zimer
Ynd dem adel käme hinaAs
1. 4] seh An: grtin s. S. 211. — 9] ward verbeweit 9ß
7. vgl. NF 305. —
2. 1] 8. fsp. 9. — 4] vgl. NF 312. —
242
mit grosen frewden imer
Stiegen sie in der wisen ab
Vnd vmb den sumer raayen
15 betten zirckel rund ain singendn rayen
neidhart drat hoflflich in den ring
Vnd den feyel auf decket
Da lag vnter dem huet ain dreck
Der leichnam uebel schmecket V.
3
Der fuerstin er zv fuesen fiel
Sie vmb genaden pate
Sag das het im zv neid gethon
Haimlich ain grober pawer v.
5 Die herzogin der schalckheit lacht
gnedig verziegen hate
nach dem mit dem adel neidhart
rait ins dorff Zeisselmawer v.
Vnd sach der folen pawren rot
10 Dort \Tnb sein feyel danczen
im ZV schant schaden hon vnd spot
[234'] Da fluecht er in die franczen
Sambt dem adel von leder zueg
Vnd det die paum schlagen
15 Das man ir Etlich must zum pader tragn
Wurt darnach sein lebtag ir feint
thet vil ZV laid den thumen
also noch durch ringe vrsach
thuet grose feintschaft kiimn v.
anno salutis 155f>
am 31 tag» marci.
3. 2] vgl. fsp 164, NF 192. - 12] s. DWB IV l,i 8.60, vorjkH. S. 62 f.
15] vgl. fsp 269.
H. FI eii.cn zu aon. BTenlau. Ohiauoratr R
t;
Germanistische AbiiandiongeD
begründet
von
Karl Weinhold
herausgegeben
von
F'riedlficli >^ogrt
XVIIL Heft
Studien über Heinrich Kaufringer
von
Karl Ealing
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1900
Stndien Ober Heinrich Kanfrioger
von
Karl Eoling
Breslau
Verlag von M. & H. Marcus
1900
Herrn GeheimeD Regierungsrath Professor Dr. Gideon Spicker,
,Dss poetische Talent ist dem Bauer so gut
gegeben alt dem Ritter ; es kommt nur darauf
an, ob Jeder seinen Zustand ergreift und ihn
nach Würden behandelt, und da haben denn
die einfachsten Verhältnisse die grössten Vor-
thelle«. Goethe.
Inhalt.
Seite
Vorwort IX
Einleitung
1
I. Geschichte und Stand der Forschung ...'.... 3
II. Heimat, Persönlichkeit, Zeit des Dichters 6
ni. Poetische Technik 8
1. Verhältnis zu Konrad von Würzbarg 8
2. Verhältnis zu Heinrich Teichner 22
3. Gnomisches 32
4. Verhältnis zur volksmässigen Epik 32
5. Manier 40
IV. Quellen 47
1. Der Einsiedler nnd der Engel 48
2. Der bekehrte Jode 53
3. Der verklagte Bauer 66
4. Der Bürgermeister von Erfurt nnd der KGnig von Frankreich 62
5. Der zurückgegebene Minnelohn 65
6. Das Schädlein 69
7. Der Beichtvater als Postillon d'amour 70
8. Das glückliche Ehepaar 74
9. Cliorherr und Schusterin 74
10. Die zurückgelassene Bruch 77
11. Die drei betrogenen Ehemänner 79
12. Der Zehnte von der Minne 84
13. Die Vergeltung 86
14. Die unschuldige Mörderin 87
15. Weiberlist 91
16. Von den drei Nachstellungen des Teufels 92
17. Die fromme Müllerin 92
Vllt
18. Das üble Weib 93
19. Von der Welt 94
20. Von den vorsprechen 94
21. Der kozze 95
22. Von guten Werken . 95
23. Die uneinigen Eaufleute 95
24. Von Schälken und leckern 96
25. Von sieben Krankheiten, den sieben Todsünden und den
sieben Gaben des heiligen Geistes 97
26. Vom Adel des zeitlichen Leidens 97
27. Von den vier Töchtern Gottes 98
V. Charakteristik 98
Beilage 120
Nachtrag l. zu Heinrich Kaufringer 123
2. zu Kunz Kisteuer 123
Berichtigungen 124
Register 125
-i>— >• •-
VoFWOFt.
Diese in der Hauptsache schon vor einem Jahrzehnt ge-
schriebenen Blätter bitte ich zunächst als den Seite IX meiner
Kaufringer- Ausgabe versprochenen Nachtrag anzusehen und
empfehle sie der Nachsicht, die man auf einem wenig angebauten
Gebiet anzurufen allen Grund hat. Die Bearbeitung der von
Bolte gefundenen Gedichte schien noch keine Eile zu erfordern,
nachdem ein amerikanischer Herausgeber mir zuvorgekommen
ist. Die sprachlichen Probleme dürften wohl nur auf Grund
lokal-mundartlicher Forschung wirklich gefördert werden ; brauch-
bare Vorarbeiten fQr Eaufringers heimatlichen Dialekt fehlen
bis jetzt völlig; ich habe deshalb meine Bemerkungen dieser
Art vorläufig zurückgestellt.
Das Skizzenhafte der folgenden Aufsätze deutet der Titel
an, einige Ungleichmässigkeiten in den Zitaten und etliche
Wiederholungen bedaure ich.
Vielleicht dient die Beschäftigung mit Eaufringers Werken
auch der Kenntnis volkstümlicher Dichtung überhaupt, wenn
man zwei Klippen meidet. Verurteilen und Schönfärben. Leider
trifft Vischers berühmte Definition der Volksdichtung als Kunst
ohne Kunst, deren Grundzug die Unschuld der Schönheit ist,
die nicht sich selbst und ihren heiligen Wert erkennt, durchaus
nicht immer zu. Es ist kein übler Ausweg, wenn in einem
X
liebenswürdigen und begeisterungsvollen Buche über deutschen
Volksgesang an dem berüchtigten Wirtshaus an der Lahn vor-
übergefahren wird, man schaut nur von aussen durchs Fenster.
Aber wollte man überall ähnlich verfahren, so bliebe ein nicht
unbeträchtlicher und nicht unwichtiger Teil volkstümlicher Über-
lieferungen unberücksichtigt, und man würde vor allem über
die wichtige Thatsache wegtäuschen, dass das Volk zu jeder
Zeit der sittlichen und ästhetischen Veredelung bedurft hat.
K« hd»
Einleitung.
Xis ist noch immer Qblich, in dem geistigen Gehalt der beiden
letzten Jahrhunderte des ausgehenden Mittelalters vorwiegend
das Ergebnis eines Zersetzungsprozesses zu sehen und bei der
Beurteilung bewusst oder unbewusst den Massstab des drei-
zehnten Jahrhunderts oder der Renaissance anzulegen; und doch
ist diese Art der Betrachtung recht einseitig.
Nicht nur befriedigender, sondern auch richtiger dürfte
es sein , das einzelne Jahrhundert vom Standpunkt der Gesamt-
entwicklung zu beurteilen und anstatt das Abdorren der aus-
gelebten alten Triebe, die Keime neuen Lebens zu verfolgen.
Übrigens wird man in dem Jahrhundert der deutschen Mystik,
Erwins von Steinbach und Meister Wilhelms, im Jahrhundert
der kräftigsten Erhebung des BQrgertums, wohl keinen Tief-
punkt, sondern einen Höhepunkt deutschen Geisteslebens zu
sehen haben. In der That muss selbst der moderne Gegner
mittelalterlicher Weltauffassung zugestehen , dass diese Periode
des Mittelalters eine einheitliche Kultur besessen hat, die in
ihrer Art vollkommen gewesen ist. Harnack, Dogmengeschichte
3, 392. An Tüchtigkeit der Gesinnung, an Ernst und Tiefe,
an lauterem Streben nach der Wahrheit, das allerdings durch
starren Dogmatismus von vornherein unterbunden war, steht
diese Zeit hinter keiner andern zurQck. Freilich zeigt sie die
, Fehler ihrer Tugenden*. Der ürsprünglichkeit und Frische
entspricht der durchgängige Mangel idealer Schönheit, der
mystischen Tiefe ein fühlbarer Mangel an erfolgreicher Ge-
staltung. Aber selbst der derbe Naturalismus dieser aristopha-
nischen Jahrhunderte bezeichnet dem Konventionalismus der
ersten klassischen Epoche gegenüber einen Fortschritt; er deutet
Eullng, Heinrich Kaafringer. 1
eine über die Mode -Ideale des Bittertams kinansstrebende bohere
Entwicklang an , indem er die Schwäcben der za wenig volks-
tfimlichen, fast ganz inteiiiationalen Standeslitteratar aufdeckt.
Ein neues Schönheitsideal wird geahnt, in dem Volkstom and
fremde Bildung in höherer Weise mit einander verschmelzen
sollten. Die mit der beginnenden Heransbildung der Individualität
verbundene Verinnerlichung des Beobachtens schafft Typen und
Charaktere : es sind die Anfänge der modernen deutschen Eultnr.
Einen Beitrag zur Kunde dieser Zeit zu liefern versuchen
die folgenden Studien über einen bayerischen Dichter aus dem
Ende des vierzehnten Jahrhunderts. Was er hinterlassen hat,
ist besonders dadurch für den Litterarhistoriker anziehend, dass
es einmal einen lehndchen Einblick in die weitschichtige, sonst
wenig hervortretende Litteratur des gewöhnlichen Volkes ge-
währt. Es sei hier an ein Wort Scherers erinnert: „Zu allen
Zeiten", sagt er -(Deutsche Studien I 353), „gibt es Schichten
der geistigen Bildung, und um die unterste Schicht kümmert
man sich viel zu wenig. Ich gestehe, es ist mir immer als ein
grosser Mangel erschienen, dass uns so ziemlich jede authen-
tische Auskunft über die litterarische Nahrung der unteren
Stände fehlt. In gesunkenen Epochen sind das gerade die
herrschenden Mächte der gesamten Litteratur. Und die niedrigen
Gattungen breiten sich wie eine unendliche , gleichmässige Tief-
ebene aus, von der sich nur hier und da vielleicht einzelne
Htigelgruppen abheben". Haupt verglich in seiner Recension
der Wolfram -Ausgabe Lachmanns die altdeutsche Poesie einem
weiten Gebirge voll verborgener Thäler, dessen Durchforschung
noch langer Mühe und Sorgfalt bedürfen werde.
I.
(jeschichte und Stand der Forschung,
Von dem Dasein unsres Dichters, den man, wie die Hand-
schriften ausweisen, im fünfzehnten Jahrhundert in Bayern
wohl zu schätzen wusste, gab zuerst Docen im Jahre 1809
wieder Kunde (Museum 1, 143). Ebenso kurz wie Docen er-
wähnen ihn dann von der Hagen in seinem Grundriss S. 368
und von der H^gen und Büsching im ersten Bande der
Deutschen Gedichte S. XXVII. Ohne sich mit dem Dichter
beschäftigt zu haben, gab Holland in seiner Geschichte der
altdeutschen Dichtkunst in Bayern, S. 324 und 559 ff. bber ihn
und seinesgleichen in Bausch und Bogen sein Verdammungs-
urteil ab. Schon Schmeller, auf den die in der Ausgabe S. IV
(Anmerkung) erwähnten Bemerkungen in der Münchener Hand-
schrift Cgm. 270 zurückzuführen sind, vermutete, dass Kauf-
ringer mehr Gedichte zuzusprechen seien, als die seinen Namen
trugen; eine Beobachtung, die Bartsch in seinen Artikel der
Allgemeinen deutschen Biographie, Band 16, ohne seine Quelle
zu nennen , aufnahm. Da Bartsch aber nicht einmal diejenigen
Stücke wirklich gelesen hatte, die Kaufringers Namen tragen;
so wimmelt jener Artikel von Unrichtigkeiten und unbegründeten
Urteilen.
Dann nahm sich Goedeke in der Neubearbeitung seines
Grundrisses (I* 301) des Dichters an und wünschte die Heraus-
gabe seiner Gedichte. Die Ausgabe auf Grund der damals be-
kanntenlfandschriften erschien 1888 als 182. Publikation des
Litterarischen Vereins in Stuttgart.
Der erste, der nunmehr den Dichter in grösserem Zusammen-
hange besprach, warRiezler, Geschichte Bayerns 3, 856^). In
^) Inbctreff der zweiten Bemerkang, die ich Über Sprache and Ver»-
kunst Heinrich Kaufringers, S. 4, Aumerkang, hinsichtlich seinei
weitere Kreise trug eine Besprechung, die Bechstein der Aus-
gabe im Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes 59, 281 f.
widmete, den Namen des Dichters. Reinhold Köhler, Bolte,
Roethe, Stiefel u. A. erkannten die Bedeutung seiner Werke
für die Stoffgeschichte; auch für metrische und sprachliche
Untersuchungen wurden sie schon von Paul (in der Metrik seines
Grundrisses) und von Arons (in den Beiträgen zur Geschichte
der deutschen Sprache und Litteratur 17, 225ff.), für die Alter-
tümer von Heyne in seinen Deutschen Hausaltertümern, für
die Gnomik von Steinmeyer mit Nutzen herangezogen. Kochen-
dörffer und Martin versuchten, wie mir scheint ohne Glück,
ein Gedicht Kaufringers für die Geschichte des altdeutschen
Badewesens zu verwerten. (Zeitschrift für deutsche Philologie
24, 493 ff.; 27, 54 f.)
Was Kaufringers Stellung in der Geschichte der deutschen
Litteratur betrifft, so stempelte man ihn, ganz mit Unrecht,
einmal zum Schüler Gottfrieds von Strassburg (Arfert, Das
Motiv von der unterschobenen Braut. Rostock 1897. S. 43),
ein andermal zum Bearbeiter älterer Schwanke (Hans Sachs-
Forschungen. Nürnberg 1894^). S. 91.) Musterhaft verflocht
Vogt den Dichter in seinen Abriss der mittelhochdeutschen
Litteratur, Pauls Grundriss II 1, 360 f., und zuletzt hob Golther
in seiner Geschichte der Deutschen Litteratur bis zum Aas-
gange des Mittelalters S. 347 richtig einige Hauptvorzüge in
Kaufringers Erzählungen hervor.
Eine wichtige Ergänzung erfuhr unsere Kunde des Dichters
durch einen glücklichen Fund Johannes Boltes. Im Mai 1893
teilte er mir mit, dass er in der Berliner Handschrift Ms. germ.
fol. 564 unter 233 Nummern Heinrich Teichners 9 weitere Ge-
dichte Kaufringers entdeckt habe, in denen dieser sich am
Schluss selbst nennt. Im Sommer 1894 schrieb ich die neuen
Stücke ab, die sich dann um ein von Bolte übersehenes ver-
mehrten. So ist die Zahl der Kaufringerschen Gedichte auf
27 gebracht, womit aber nach Ausweis der Lücken in Cgm. 270
ortes gegen Riezler schrieb , macht dieser mich freundlich darauf aufmerksam,
dass auch er nicht sicher behauptet habe, Kaufering sei des Dichters Heimat.
^) S. 103 wird er fälschlich ,Kanfering' genannt.
die Produktion des Dichters keineswegs erschöpft ist. Ausgabe
S. n. Aber weitere Bemühungen und öffentliche Anfragen ')
inbetreff noch unbekannter Stücke sind ohne Erfolg geblieben.
Was für \¥ert einem inzwischen erschienenen , angeblich diplo-
matischen Abdruck der neuen Stücke von Schmidt- Wartenberg
(Germanic stndies, edited by the department of germanic
languages and literatures III. Inedita des Heinrich Kaufringer.
Chicago 1897) zukommt, habe ich im Anzeiger der Zeitschrift
für deutsches Altertum 42, 296 ff. anzudeuten versucht.
II.
Heimat, Persönlichkeit, Zeit des Dichters-
Heimat.
Kaufringer war ein Bayer aus dem Bistum Augsburg; die
Lechlandschaft ist seine Heimat. Ausgabe S. VII. Über Sprache
und Verskunst S. 4 ff. Ins Lechthal weist „kuppelig" XXIII 101
(Schmeller, Bayerisches Wörterbuch I* 1272) und wahrscheinlich
das merkwürdige „triflach" XVI 337; vgl. „sechsflach« VI 172
(„sechsfach" ist Druckfehler). Auch die Geschichte der Haupt-
handschrift A (Cgm. 270) bestätigt den Schluss auf die bayerisch-
augsburgische Heimat. Nach München kam sie dem Vermerk
des 16. bis 17. Jahrhunderts auf dem ersten Blatt zufolge aus
dem Kloster Rotten buch, das, wie Steichele (Das Bistum Augs-
burg II, Register) belegt, vielfach im Bistum begütert war.
Vergleiche Bavaria I* (1860) 911, Oberbayerisches Archiv
49, 293. 555. 564. Blatt 186 b der Handschrift hat ein „Hans
Lauginger as Adelzhouen" 1574 unter Beifügung seines Wappens
sich eingetragen. Adelzhofen gehörte früher zum Landgerichte
Landsberg. Bavaria I* 833, 836. Ein Jeremias Lauinger ist
1589 und 1590 Richter zu Landsberg, von dem Verkäufe von
Gütern zu Kaufering bekundet werden. Oberbayerisches Archiv
9, 300. 301. Auf der Innenseite des mit Papier überklebten
Deckels hat sich mit einer Handschrift des 15. bis 16. Jahr-
hunderts Joachim Soyter genannt. Ein Joachim Soiter ist 1535
als Bürgermeister von Landsberg bezeugt (Oberbayerisches
^) Litterarisches Centralblatt 1895, S. 1110, 1151. Alemannia 23, 192.
Archiv 9, 287), der einen Hof zu Kaufering erwirbt. Wenu
Michels Q F. 77, 157 die Handschrift ohne Weiteres aus Augs-
burg stammen lässt, unterscheidet er Stadt und Bistumsgebiet
nicht. Bayern nennt Kaufringer XX 2 an erster Stelle:
„Ain böser sitt ist aufgestanden
In Pairen und in andern landen".
Persönlichkeit.
In Augsburg einen Heinrich Kaufringer nachzuweisen, ist
nicht gelungen, trotzdem ich mich der Unterstützung Riezlers,
Buffs und Radlkofers zu erfreuen hatte. Und zwar bereitet
nicht die Seltenheit, sondern das ungemein häufige Vorkommen
des Namens Verlegenheit. Vier und fünfzig augsburgische
Kaufringer (Kuffringer) enthalten nach Radlkofers Forschungen
allein die Jahrgänge 1390, 1395, 1399, 1405 und 1410 der
Augsburger Steuerbücher: aber keinen Heinrich Kaufringer.
Ebensowenig bieten die Litteralia des Stadtarchivs, Aktenstücke
von 1290 bis 1538, oder die beiden Bände des ürkundenbuches
der Stadt Augsburg einen Heinrich Kaufringer. Auch im Ver-
lauf des fünfzehnten Jahrhunderts ist der Name Kaufringer
oder Kuffringer noch recht häufig. Die aus dem Schluss des^
XIV. Gedichtes bekannte Namensform „der Kaufringer" kehrt
Städtechroniken V 60, Anm. 1 zur Bezeichnung eines Boten
wieder, der nach Buffs Mitteilung auch in den Baumeister-
büchern 140, Bl. 70 erwähnt wird: „Item 1 gülden dem Kuff-
ringer^) gen Ötingen von der von Worms wegen". Doch von
einem Heinrich Kaufringer hat sich, wie gesagt, in der Stadt
Augsburg um jene Zeit keine Spur gefunden.
Wenn ein Heinrich Kaufringer dort um die Wende des
Jahrhunderts wirklich nicht vorhanden war, so erhält hierdurch
der Schluss, dass er Angehöriger des Bistums gewesen sein
müsse, dessen betreffenden Teile politisch zu Bayern gehörten,
nur erwünschte Bestätigung.
Hier sind die Kaufringer ^) seit dem 12. Jahrhundert zu
Hause , die älteren Träger des Namens wahrscheinlich aus dem
'] Gegen die Identificieruug dieses Boten mit unserm Dichter spricht
dessen enger geistiger und geographischer Gesichtskreis.
*) Die Ausgabe S. VII vermerkten Chefringer gehören nach Köfering.
niederen Adel, die des späteren 14. und des 15. Jahrhunderts
meist bürgerlichen Standes; das schliesse ich gegen Dellinger
(im Oberbayrischen Archiv 9, 265) aus dem Umstände, dass
in den benachbarten Städten Augsburg und Landsberg zahl-
reiche bürgerliche Kaufriuger vorkommen, die unmöglich alle
auf die Herren von Kauferingen zurückzuführen sind.
Aus Urkunden des Beichsarchivs und des städtischen
Archivs zu Landsberg sind zwei Heinrich Kaufringer nachzu-
weisen. Der Name kehrt dort auch öfter in der Form Heinrich
der Kaufringer und einmal (Oberbayerisches Archiv 49, 307) in
der Form Heinrich Käufringer wieder. Es handelt sich um Vater
und Sohn. Der ältere Heinrich Kaufringer erscheint seit 1369 ur-
kundlich bezeugt. 1404 wird er als verstorben erwähnt (Ober-
bayerisches Archiv 49, 545). Er war Bürger von Landsberg,
Kirchenprobst und Pfleger der Liebfrauenkirche. Die Urkunden
stehen in den Monumenta Boica XXII 373 und im Oberbayeri-
schen Archiv 2, 274. 9, 264. 49, 297. 299. 303. 304. 305. 307.
308. Sein Sohn, der jüngere Heinrich Kaufringer, verpflichtet
sich am 8. Dezember 1404 zu Stiftungen für das Seelenheil des
Vaters. Oberbayerisches Archiv 49, 545. Weder die eine noch
die andere von diesen Persönlichkeiten kann für den Dichter
gelten ; dem widerspräche das wenig städtische Wesen , wovon
seine Gedichte zeugen, und sein offener Hass gegen Pfaflfe^^
Richter und Herren, wie ihn der gedrückte kleine Mann hegt.
Weitere Nachforschungen in Landsberg waren erfolglos*).
Immerhin beweisen jene Urkunden das Vorhandensein der Fs,-
milie in der Lechlandschaft, wo wir unsern Dichter lokalisieren
mussten. Demnach bleiben wir für die Persönlichkeit Kauf-
ringers auf das angewiesen, was seine eigenen Gedichte über
ihn verraten; und da dies nicht seine äusseren Lebensumstände
betrifft, wird es uns zweckmässig unten im Zusammenhange
mit seiner dichterischen Persönlichkeit zu beschäftigen haben.
„Das wahre Leben eines Dichters", meint Lessing, „sind seine
>) Als Schreiber einer Miscellan- Handschrift des Klosters Fiirstenfeld
vom Jahre 1446 nennt sich ein f rater Heinricus Kaufringer. Catalogiis Co-
dicum ms. Monaceusium III* Nr. 1052, S. 140 f. Daselbst iu einer Hand-
schrift Nr. 1554 aus Jndersdorf (15. Jb.), schnhnässigen Inhalts, ein Jobannes
Kauf ringe r.
8
Gedichte. Nur was vou diesen zu sageu ist, das allein kann
noch jetzt einen wahren Nutzen haben*'.
Zeit.
Über die Zeit des Dichters habe ich im Anzeiger der 2^t-
schrift ffir deutsches Altertum 42, 297 ff. gesprochen. Es ergab
sich, dass seine Gedichte in das letzte Jahrzehnt des vierzehnten
und den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts zu setzen sein
dürften. Wenn Heinrich Teichner, wie Seemüller in derselben
Zeitschrift 41, 230 aus der chronologischen Anlage der Suchen-
wirt- Handschrift A schliesst, zwischen 1372/3 und 1377 ge-
storben ist, ändert das an unserer Datierung nichts.
m.
Poetische Technik.
Wie unser Dichter räumlich einem Grenzgebiet zwischen
Südwest- und Südost- Deutschland angehört, so vermittelt er
thatsächlich auch zwischen der Dichtung und Kultur beider
Gebiete. Er ist ein Epigone der novellistischen Epik und der
Didaktik , mit ausgeprägt volksmässigem Charakter. Sehen wir
von diesem zunächst ab, so bezeichnen zwei Namen aufs kürzeste
die beiden Richtungen, die Eaufringers Dichtung vereinigt:
Konrad von Würzburg und Heinrich Teichner. Und zwar
schliesst sich Kaufringer im allgemeinen in den Novellen mehr
Konradischer Kunst, in den Sprüchen mehr Teichner an.
1.
Verhältnis zu Konrad von Würzburg.
Während in Egenolfs Peter von Staufenberg noch eine
wirkliche Stilcopie Konrads vorliegt, erscheint schon Kunz
Kisteners*) Verhältnis zu Konrad als ein mehr äusserliches ;
der Geist Konradischer Kunst ist längst verflogen, und > ein
anderer, als der höfische, Lebensgehalt geht litterarischer Ver-
körperung entgegen. Geradezu mechanisch verwendet Heinrich
•) Geriu. Abh. 16, 21 fif.
Kaufringer die Mittel der fast ausgelebten und verknöcherten
höfischen Technik, hat aber damit der hereinbrechenden Form-
losigkeit gegenüber noch immer einen Erfolg zu verzeichnen ^).
Indem ich im allgemeinen auf Eunz Eistener S. 18 f. hin-
weise, stelle ich hier zunächst diejenigen stilistischen Eigen-
schaften E auf ringerscher Epik zusammen , die Einfluss Eonrads
von Würzburg verraten. Direkte Einwirkungen der Epen des
mittelhochdeutschen Quintilian ist meist weniger anzunehmen;
die Vermittelung Eonradischer Eunst übernahmen in der Regel
Fortsetzer, wie der des Trojanerkrieges, Schüler und Nach-
ahmer. Diese vergröberten und modifizierten schon, wie sich
bei Eunz Eistener bemerken lässt, Eonrads saubere Manier,
so dass sie dem Verständnis und der Leistungsfähigkeit
geringerer Dichter angenähert wurde. Aus den echten
Werken Eonrads war in vielen Dingen keine massgebende
Norm mehr zu gewinnen , weil man sie schon im 14. Jahr-
hundert in derselben bunten sprachlichen Form las, die den
eigenen Dichtungen der beginnenden Neuzeit ihr äusseres Ge-
präge gibt. Wenn schliesslich manches Formelhafte mit er-
wähnt wird, so hat das allerdings für sich allein gar keine
Beweiskraft; kommen solche Formeln doch sowohl in der vor-
konradischen Litteratur, (ja zum Teil schon in altgermanischer
Epik), als auch nachher, z. B. wieder bei Heinrich Teichner
vor. Aber im Rahmen der Eonradischen Eunst dürfen auch
diese Züge als keineswegs unwesentlich, nicht fehlen, weil sie ,
zur Abrundung des Bildes dienen , das wir uns von seiner Eunst
zu machen haben; überdies lässt sich das mehr oder weniger
Formelhafte nicht immer gut von Individuellem scheiden. Es
handelt sich eigentlich auch nur darum, den Eunstcharakter
der Eaufringerschen Dichtung festzustellen ; direkte Benutzung
nachzuweisen , dazu reichen unsere Mittel nicht aus.
Hinter Eonrads Sprachieichtum steht Eaufringer verhältnis-
mässig wenig zurück, zunächst in Betreff der Fülle an synonymen
Bezeichnungen und Wendungen. Eistener S. 23. Die Wieder-
kehr einzelner Stellen vermerkt später eine besondere Eonkordanz.
I 30 „Der ist vil und oune zaP. 40 „oune pein — oune rew".
») Schüubach iu Seuflferts Vierteyahrschrift 2, 344.
10
82 „der liechte morgen Was komen und aufgegangen" (vergl.
Troj. 11880. Wolffzur Birne 398). 90 „schön und wolgetaun**.
127 „Aus dem haus und von der statt^. 134 „In ain stat weit
und langen." 160 „Ich haun genomen — gestohi". 182 „Er
wolt weder hin noch wider Mit dem cngel nit mer gaun.
Der engel wolt in nie verlaun, Er wolt ie bei im beleiben**.
197 „bös und ring". 211 „puoben und leberschüll." 213 „lagen
und sassen". 246 „ain bös gefert — des tiefeis diener". 256 „alt
und greis". 264 „an frümkait las Und mit dem tiefel be-
strickt". 276 „ist und haist." 292 „Eilen und laffen" (vergl.
Troj. 26195). 294 „peitten und still stan". 343 „wird und er"
(Troj. 9399 formelhaft). 346 „kumer und pein". 381 „frum
und auch guot". 383 „mit recht Ann arge list — schlecht".
392 „guot und rain". 403 „Verdampnet und verlorn". 405
„Nun sag mir — Das beweis mich." 423 „wol und eben";
vergl. V 482, 617 „recht und eben". XI 159 „schon und wol";
V 529. XI 448. XIII 91. XIV 443. (Troj. 597. 7359. 29523.
38982 formelhaft. XI 57 „ser und vast" (Troj. 36140.49552).
443 „vil und ser". VI 205 „vil ser und auch vast".(Troj. 11419
„vil sere und euch vil tiure"). Aus der Unmenge von Belegen, die
Gedicht II bis XXVII bieten , seien hervorgehoben : II 88 „ze laide
und ze pein". 276 „ze allen zeiten stätticlich". 278 f. „gelaichen
noch betriegen". III 23 „oft und dick" (Troj. 13567 formel-
haft, auch z. B. bei Teichner). 95 „nider zetal". 128 „fro
und wolgemuot". 188 „bös und swach". 336 „ ungelimpfs und auch
unfuog". 398 „frölich oun alles lait". 534 „swär und pein".
646 „ain narr und tor". IV 146 „sicherlich für war. „306
„weder pärd noch weis". 352 „nur allain". V 37 „armuot und not-
tikait". 100 „ferr und weit". 111 „sa zehant" (Troj. 13699,
13845. Wolff zur Birne 300, formelhaft). 593 „mächtig und
auch gros". 612 „ser und gar". Vi 87 „gar lieplich und
vil schone". 90 „ietzo zuo diser stunt". 287 „schand und
laster". (Wolff zur Birne 116). VII 12 „mit gscheidkait und
mit cluogem list". 120 „wuochs und ward vil mer". 148 ^iiit
frum noch guot". 222 „nächtig, da es gar was worden nacht
') Die eintönige Wiederholung desselben Etymons b
heit der Fortsetzung von Konrads Trojanerkrieg Klitschl
zu Konrads von Würzburg Trojanerkrieg und ihr Verbältnii
11
245 „lutt und gros". 285 „von wort ze wort er im vorlas und
sagt im genzlich alles das". 326 „erkent und sieht" (vergl.
Troj. 11597, 11635). VIII 184 „tobt und wuot" (Troj. 8410
u. 0. formelhaft. Wackernell zu Montfort 3, 81). 243 „zuckt
und beraubt". 279 „mächtig und auch reich". 293 „mit ganzen
trewen oun gevar. „314 „sinundmuot" (formelhaft). 358 „trew
und on gefär". 421 „gar haimlich und gar leise". 459 „genzlich
gar" (Wolff zur Birne 501 ). IX 68 „das im vergieng des
Hechtes schein, das er ain weil nit ensach". 112 „sorg und
unruo". X 24 „behend und nit las". 64 „dem mag des nicht
werden ratt und wirt im auch nicht anders buos". XI 4 „mit
listen und mit gscheider Icr". 45 „das zehalten und bestaun
darbei". 133 „ungefüg und gros". 242 „mass und auch weis".
300 weines vol und gar trunken". 405 „gar taugenlich und
verholn". 495 „schrai und luot". 508 „erfaren und spehen".
XII 156 „getrew und gewär". 255 „michel unde gros". (Troj.
13665. 13921. 37611. 1772, formelhaft). 258 „streit und kämpf".
XIII 89 „frisch und stark". 126 „gefüg und ciain". 268 „kunst
und sin". 300 „in jamers pein und darzuo in ungemach".
XIV 12 „kumers vil und aribait". 358 „cluog und weise".
398 „weis noch sin". 449 „kumer und auch schmerzen".
515 „getreulich oun argen list". 562 „si was uachett worden
tumb und von iren sinnen komen". 706 „unverschult und oun
gevär". 715 „das valsch was und auch erlogen". 743 „one
zweifei und fiirwar". 753 „pein und swär". XVI 22 „pein und
ser". 24 „hälich und mit stillem sitten". 212 „laug und pauch".
221 „grein und wain". 246 „bös und fraissam". 265 „tuget
und frumkait" (formelhaft). 352 „entran er und engieng".
664 „laug und huot". 725 „schmal und ciain". XVII 121 „lieb
und auch min". 148 „ring und ciain". XVIII 29 „pös und
faig". 31 cluog und auch gerad". XIX 42 „wun und fröud"
(Parton. 8514. Joseph S. 51 f. formelhaft). 150 „slisslich und
auch schon". XX 30 „valsch und tumb". 34 „gevärlich und
Ißh*. XXI 50 „in der truobsal und in ungemach*'. 79 „rauch
XXII 3 „den fürsatz und den wan". 11 „nutz
»i2 „bestett und vest". XXIII 32 „fraidig und
»n krieg und one widerstreben". 101 „kup-
l „zwaiung und stoss". 161 „des graven
12
gnade und sein Imlt^ (formelhaft). XXIV 1 ^die schälk und
auch die läcker^. 2 „unmär und widerzäm^. 87 „läufSg und
gescheidt^ XXV 10 „zeit und frist". 98 „dar und fein«.
209 „erkent und sieht«. 238 „käuschikeit und raines leben«.
240 „lust und süssigkeit«. XXVI 7 „strass und steg« (Jäckel
S. 13). 14 „milt und lind«. XXVII 3 „grundlos (zu Kistener
340) und oun endes zil« (QF. 54, 36). 4 „nicht maint noch
wil«. 26 „die da lebent wider got und nicht behaltent sein
gepot". 47 „mit tugent und mit lautterkait«. 62 „reich und
mächtig«. 109 „rat und 1er« (formelhaft, Burdach, Reinmar
und Walther 28 f.). 112 „lieb und zart« (zu Kistener 259).
Manche von diesen Stellen liefern schon zugleich Bei-
spiele des bei Eonrad ausserordentlich beliebten gepaarten
Ausdrucks.
Kaufringer schwelgt wie Konrad (QF. 54, 28 f.) in Aus-
di-ttcken des Affektes. Z. B. XIV 274 f. hat die Königin „laid,
zorn, grossen unmuot"; 281 „swär"; 285 „grosse not« ; 368
„angst, not«; 372 „kain ruo«; 444 „jamers dol«; 446 „grosse
clag«; 449 „kumer und auch schmerzen« ; 452 „jamers pflicht«;
558 „pein"; 559 „ungemach«; 582 „betrübten sin" ; 583 „herzen
lait« ; 560 „grosser laid ir nie geschach ; si gieng in der kamer
umb, si was nachett worden tumb und von iren sinnen konien«.
Konradischer Sprachreichtum zeigt sich auch in mannig-
faltig wechselnder Bezeichnung der Personen. Kistener S. 23 f.
So heisst dieselbe Persönlichkeit IV 77 „der edel kOnk« ; 84 „der
edel künik reich« ; 90 „der edle herre** ; 92 „jlingling« ; 115 „der
jung küng«; 144, 395 „fttrste«; 148, 431, 462 „der künig« ;
184 „der junge künig wolgetan" ; 199 „der junge man«; 220,
243, 248, 262, 273, 276 „der herre«; 238 „der Student«; 282,
289 „der gast« ; 295 „der werde gast« ; 314 „der gast wolge-
tan«; 333 „lieber gast"; 356 „der gast lobesam" ; 397 „der
fürste hochgeporen« ; 400 „der edel künig guot«. Ebenso
mannigfache Bezeichnung trägt der junge Ritter V 13. 33.
83. 97. 151. 188. 234. 270. 271. 335. 353. 364. 371.
377. 386. 418. 493. 515. 531. 565. 576. 602. 646. 753
(fast dieselbe Liste gibt Jäckel S. 9 für den Ritter von Staufen-
berg. Wolff S. XXXIHf.); die Rittersfrau VI 28. 29. 32. 62.
58. 84. 97. 116. 137. 150. 202. 208. 217. 282 (auch Mer
13
isl ilas Vorfall leii Egeiiulfs, Jäckel S. 9f. zu vergleiclieii) ; die
Mülleiiii XVII 1, 8. 13. 16 (75). 85. 69. {93). 122. 151. 174.
183. 216, und im letzten Gedicht lehit ein Vergleich mit der
Quelle, dem S. IX ff. der Ausgabe abgedruckten Traktat, dass
der Dichter, die beiden eingeklammerten Stellen ausgenommen,
thatsächlich dieses Kuustmittel selbständig zur Belebung und
Veranschaulichung von dem Seinigen hinzugefllgt hat.
Schon oben zeigten sich die synonymen Wendungen oft als
gepaarte Ausdrücke , deren ausserordentliche Häufigkeit und
Regelmässigkeit für Konrad cliaiakter istisch sind. Kistener
S. 24. Hunderte von Belegen dieser Art lassen Kaufringer be-
sonders in der Zeit seiner ausgebildeten Technik als Anhänger
desselben Stilpriuci|)s erkennen. Es genügt flir einpaarigen
Ausdruck aus dem ersten Gedichte anzufüliren : I 7 „der mensch-
lich sin mag greiffen nicht — und mag sein niemand zende
komen". 47 „frum und reich," 99 ,,zierlich und auch dar".
137 ,tugeothaft und reich". 242 „die hohen steg ^ und die
herten tritt". 269 ,,mit bosshait — und mit hcrzenlait". 336
„die wunder und den ungemach". 365 „den meinen zom Über
das selbig kiud verhengt und mit dem scharpfen tod gesprengt".
443 „sich huob zuo got und verschwand". Der Versanfang mit
,,sich Iiuop" ist bei Konrad sehr beliebt. Jäcket S, 91. Doppel-
paarige Ausdrücke sind; 111503 ,,haimlich und auch offenbar,
mit Worten und mit werken gar" {vergl. „stille und offenbar".
Jäckel S. 14, formelhaft). IV 305 „si begerten weder trank
noch speis, si heten weder pärd noch weis". VII 21 „frü und
spatt, oft und dick" (formelhaft). XIV 19 „keusch und frum,
vein und zart". (Jäckel S, 14 ; Klitscher S. 52). Vier Paare
XIX 120f. und XXIII I90f.
Ganze Ketten von Ausdrücken verdanken dieser Vorliebe
für Parallelismus ihre Entstehung: V 5 ,,die in mit ganzen
trewen maint und sich zuo im so veraint, das alles se
guot besorget ist und wol behnot". 27 ,,ain alt
und milt, der hett oft sper unde Schild zerpro'
ritten". Vin 18 „der hett gros wird an
und hochgemuot uud was von geslächt ga
und tugentlich und darzuo gar erentric
schön und züchtig wat«, ainfältig und ta%
14
list hol, darzuo trew oun all gevär. all bosshait waren Ir
unmär. si was kluog und minnecleich und darzuo des guotes
reich." Dreigliedriges Asyndeton, das nach Konrads Art
(Jäckel S. 15; Klitscher S. 52 f.) den Vers fUllt, begegnet:
I 64 „der wirt, die fraw, das ingesind". V 404 „harpfen,
geigen, singen". Ein Asyndeton von 6 Wörtern bietet XIII
138, ein achtgliedriges Troj. 47 267 f. Natürlich fehlen auch
bei Kaufringer die formelhaften gepaarten Ausdrücke nicht,
wie „nacht unde tag" , 168 (Jäckel S. 13); „beide an leib und
an guot", I 79 (Jäckel S. 12; Klitscher S. 40 f.); „ritter und
knecht", III 33 (Jäckel S. 12); „arm und reich*', IV 46
(Jäckel S. 12); „frainden unde magen", IV 298 (Jäckel S. 11);
„an eren und an guot" (Jäckel S. 13) u. s. w. — dass bei Kauf-
ringer die Formeln noch mehr entwickelt sind als bei Kourad,
wird sich nachher zeigen — ; ich verzeichne nur die wichtigsten
AUitterationen dieser Art: I 420 „beicht und buos", IV 347 ,,der
zinss und auch der zol", II 246, V 589 u. o. „leib und leben"
(Jäckel S. 12), VI 100 u. o. „mit wortten noch mit werken",
XI 58 „weder ruo noch rast", XII 218 u. o. „lieb und laid",
XVI 184 „zeit und züg" („zug und tag", Bayerisches Wörter-
buch II* 1C98), 440 „guot und gelt", XXIII 4 „schad und
schand", 44 „gälf und gibling". Bei diesem Wortspiel (ver-
gleiche Buch der Rügen 229ff. Suchenwirt 9, 192. 14, 90.
Minne Falkner 106, 7 und Hätzlerin, S. 202, Vers 35) wäre
aber im Bayerischen Wörterbuch I« 868 auf „kebln" 1216.
1270 zu verweisen gewesen. XXIII 64 „mort und main".
Konradische Breite der Darstellung zeigt sich weniger in
Schilderung und Reden, welche der Dichter dem mehr volks-
massigen Charakter seiner Kunst entsprechend hinter die Hand-
lung zurücktreten lässt, als in massenhaften Wiederholungen,
selbst innerhalb desselben Gedichts. Die eigentlichen Formeln
und die in verschiedenen Stücken wiederkehrenden Verse und
Wendungen sind der Konkordanz überwiesen. Vergleiche I 9
mit 19, 31; 166 mit 286; 182 f. mit 307 f.; II 262 mit 270;
m 66 mit 99; 224 mit 243; 263 mit 293, 333, 421, 429, 440;
284 f. mit 379 f., 413f., 525 f. IV 25 mit 54; 61 mit 99, 123,
139, 365, 383; 97 mit 138; 292 mit 301 f.; 119 mit 326; 204 f.
mit 339; 154 ff. mit 369 ff; V 2 mit 3 (Klitscher S. 42flf.);
15
42 mit 146, 198, 231; 165 mit 171, 451, 457; 344 mit 346
(Kutscher S. 42 ff.); 397 f. mit 401; 183 mit 465; 205 mit 241,
467, 619; 219 f. mit 472 f.; VI 211 f. mit Wiederholung des-
selben Wortes „da"s vergl. XX 81. 82, XII 364 f., IH 700 f.,
IV 42 f., XIV 45 ff., 203 ff. 0.
Der Technik Eonrads, insbesondere aber seiner Nachahmer,
entspricht ferner das Hervortreten subjektiver Elemente in be-
häbigen Phrasen, Beteuerungen und Flickversen. Das meiste
derart ist formelhaft. QF. 54, 31 f. Klitscher S. 60 ff.
Wolff zur Birne S. XXXVIII. Jäckel S. 22 f. Kistener S. 24.
Bei Kaufringer artet dies Verfahren nach Ausweis der Kon-
kordanz zur Manier aus : I 10 „als ich — han vernomen (Aus-
gabe S. Vf. Klitscher S. 61. Wolff zur Birne 340. Jäckel
S. 22), 15 „von dem die red ist angefangen** (Jäckel S. 76),
88 „für war will ich das sagen" (Jäckel S. 23, 79; Buch der
Rügen 928), 151 „als ich ew nun will sagen" (Wolff zur Birne
S. 98), 287 „als ir das vor habt vernomen" (Klitscher S. 60.
Wolff zur Birne S. 158), III 54 „für war ich das sprechen
wil" (vergl. 402, Troj. 4824. 10050. Seifried Helbling 1, 643.
2, 1328), 120 „seit ich die warhait sagen sol" (z. B. Heinrichs
von Freiberg Tristan 4074; vergl. Seifr. Helbling 6, 176. 1, 14.
130. 4, 408. 15, 220. 336. 8, 214. 626. 7, 90; Renner 6201.
GA. 5, 328. Sibotes Frauenzucht 9, öfter bei Suchenwirt.
Neithart Fuchs 1161), 470 „als ir nun schier wert gewar"
(vergl. XIII 252. 246), 685 „das gefeilt mir wol", 722 „das
ratt ich auf die trewe mein" (Troj. 18290; Helmbrecht 504;
Jäckel S. 26; Buch der Rügen 312. 1046; Seifried Helbling
8, 466), V 379 „was („Uns" ist Druckfehler) sol ich nun sagen
mer" (Ausgabe S. IV; Jäckel S. 23; Klitscher S. 61 f., GA.
18, 1657; Seifr. Helbling 7, 578. 1206), V 766 „hie mit die
') Schon der Stricker hat, nach nnserm Stilgefühl lästige Wiederholangen.
Bartsch zu Karl 11521. Lambel za Amis 288. Jensen, Über den Strlek
S. 92 ff. Ebenso der Fortsetzer des Trojanerkriegs (Rutscher S. 14), Bg«
(Jäckel S. 17 ff.), Kistener (S.24), GA. 18, 330, 334; hier Formeln: 978,
1000, 1016, vieles wie bei Kaufringer; Heinrich Teichner, ^^
Vers 80 ff. Am schlimmsten der Bttheler, Diocletian 209B f
Kaufringer vergl. noch VI If. 259 f. XIV 544, 663, 787 i
49. XVII 122, 133, 181. XXin 75, 87. XXV 108, 118.
16
rede endet sich" (Ausgabe S. IV; Jäckel S. 73), XIII 516
„damit die red ain ende hatt** (Staufenb. 1165, Teufelsacht
324, Seifr. Helbling 7, 692), VI 22 „als man davon list", XVII
2 „von der vind ich geschriben das" (Wolff zur Birne 2;
Kh'tscher S. 61; Jäckel S. 22), VII 18 „die (red) will ich
nu vahen an", 372 „das ist war und nit ain mär" (buchstäblich :
IX 262 = X 90 = Troj. 41284 = 45212; vergl. 7642; auch
Teichner in der Berliner Hs. 564, Blatt 130 b), VIII 57 ,,man
sagt von ir auch für war", XI 150 „nun mugt ir geren hören
das" (Wolflf zur Birne 84), 281 „damit lass wir es guot sein",
398 „wir sullen in da lassen staun (XIV 418); wir stillen lenger
nicht gedagen" (zu Kistener 60, QF. 77, 160; Konrad schliesst
sich ein: Klitscher S. 62), XIII 119 „nun merkent, wie es
darnach gieng" (XV 20, Wolflf zur Birne 84), 246 „und von dem
ritter lobesan wil ich nun sagen ftirebas" (Kutscher S. 62),
XIV 8 „wisst für war" (XVI 35; Wolflf zur Birne 84), XVI
216 „als ich ew sag", 278 „als ich ew bettit", 288 „als man
list", 289 „als ich ew ktind", 292 „als ich sag", 345 „als ich
haun gesprochen vor", 491 „als ir hapt vernomen" (Klit45cher
S. 60 flf.; Jäckel S. 23), XVIII 22 „ich sprich von rechter
warhait", 195 „davon sprich ich das fürwar", 55 „ich han das
gehört fürwar", XXIII 54 „wir hören oft sagen und lesen'*
(Klitscher S. 61), XXIV 10 „nun sullent ir des nemen war",
84 „von den kan ich nicht anders schreiben", XXV 38 „davon
ich als lis und schreib", XXVI 52 „als ich beschaid" (zu Kis-
tener 108; Renner 825), 82 „als man schreibt", 157 „das ist
war" (Troj. 41822), XXVII 12 „als ich nu meld", 65 „nun
sult ir merken eben und schier". Prolog und Epilog der No-
vellen sind fast immer persönlich gehalten; dass die morali-
sierenden Sprüche eine andere Technik bedingen, ist selbst-
verständlich. .
In der häufigen Verwendung und Art der oft stehenden
Epitheta schliesst sich Kaufringer zunächst wieder Konrad von
Würzburg an. Zu verzeichnen sind hier diejenigen Epitheta,
die beide Dichter gemein haben: alt, arm, auserkoren, pitter,
böse, edel, faig, fein, fräudenreich , frei, frisch, fro, fram,
fruot, ganz, geheur, gemait, getrew, glänz, grimm, grob, gross,
guot, hailig, hart, hoch, hochgeborn, hochgemuot, hold, hQpsch,
17
jämerlich, junc, kalt, klain, klar, kluog, köstlich, lang, lieb,
Hecht, lind, lobesam, manicfalt, michel, milt, minneclich, öde,
rain, recht, reich, ritterlich, rot, sälig, sauer, scharpf, schön,
streng, senend, stark, stät, stolz, sttess, tief, traut, tugenthaf t, tumb,
ungefüg, ungeheur, ungemuot, weise, weiss, weit, wert, wol-
behuot, wolgestalt, wolgetan, wuniclich, zart. Der Dichter
verfügt über mehr als anderthalb Hundert Epitheta, die er
zum Teil seinen Quellen, sowie der didaktischen und volks-
mässigen Poesie , zum grösseren Teil der Kunsttradition der er-
zählenden Epik verdankt. Und zwar sind auch bei Eaufringer
die Lieblingsausdrttcke Konrads: wert, lobesam, schön, zart,
fein, siiesse, stolz, rot, rein, lieb, hochgemuot, guot, ganz,
gemeit, frum, edel, klar, am häufigsten. Für das kleine Werk
Egenolfs hat Jäckel S. 93 fr. das ähnliche Verhältnis aus-
führlich nachgewiesen. Hier wird bei der Fülle und Belang-
losigkeit des Materials auf vollständigen Abdruck der gesam-
melten Stellen verzichtet und nur angegeben, wo sich die ge-
nannten Epitheta bei Konrad oder seinen Schülern auch in der-
selben Verbindung verwendet finden. „Mit ritterlicher wer"
XIV 387 =Troj. 25 256. 35 258. — „allerschönste weib" VI
29 = Stauf. 295 ; Jäckel S. 35. — „frawe dar" XIV 623. Jäckel
S. 37". — „edel frawe fein" V 214 ebenda.— „ritter edel" V 184
ebenda. — „sorgen frei" IV 154. Jäckel S. 40. — „ward (was)
der rede (kunft) fro" 1 168. Vm 479. -Jäckel S. 41. — „ritter
frum" V 322. 493 u. sehr oft. Jäckel S. 42. — „ganze trew**
XVI 1 u. 0. «ganz" bei Abstrakten Jäckel S. 42. — „gehiur"
als schmückendes Beiwort im Reim VIH 310. Wolff zur Birne 48.
— „gemait" immer im ;Reim (Wolflf zur Birne 69) von Frauen
(zur Birne 88) V 106. 570. VI 137. X 103. XIII 434. XIV 168.
254. 454. — „guot und glänz" VI 146. Troj. 275 „lüter unde
glänz". 1614 „edele unde glänz". Nicht nur Heinrich von Frei-
bei'g verwendet „glänz'' als Lieblingswort (Bechstein zum Trist.
Heinrichs 2523), sondern auch Konrad hat es nicht selten.
Troj. 1634. 1887. 8193. 9343. 9529. 10056. — ,v
132. 305. 433. Jäckel S. 45. — „ritter gac
530. Jäckel S. 45 f. — „ritter her* V dSß
„ritter hochgemuot" V 13. XUI 182. ^
Birne 470. — „holdes herze tru
Eullng, Heinrich KaoMiiffer.
18
IX 7. X 4. Troj. 21590. (48575. 49341.) — Junge man"
V 50. 83. Jäckel S. 48. — ,frawe cluog' VU 9. VHI 225.
Xm 90. XV 3. Jäckel S. 49. — Jieb" ist in der Anrede formel-
haft wie bei Konrad: Jäckel S. 50. Z. B. I 229. 334. II 230.
III 187. 357. V 45. 145. 167. 189. 247. 318. 453. 615. 621.
669. 725. 733. u. s. w. — „mein lieber man" Vm 221. XV 79.
Jäckel S. 50. — ,liechte morgen« I 82. XIV 100. Troj. 11880.
„Hechte sann" V 259. Engelhard 2604. — „lind und süss" XXIV 51.
Parton. 18982. — „ritter lobesam" V84. 234. XIII 246. 462. Jäckel
S. 51. — „michel unde gros" s. oben. — „frawe mineclich" II 247.
Jäckel S. 53. — „ritter milt" V. 27. Jäckel S. 52. — „ain
rechter lantfarer" VI 46. Engelhard 2830. Stanf 608. — „raine
frawe" VI 58. 97. VII 156. VIU 478. XIV 617. „raine weib"
V 196. VI 43. XII 310. XVH 13. 89. Jäckel S. 54. — „roter mund"
(„mundlin") VI 40. XIII 377. XV 99. Jäckel S. 55. Jänicke
zu Stauf. 376 (4); wird bei Teichner und Suchenwirt formel-
haft; ADB 37, 779 „ein lyrisches Motiv" genannt. — „sälig"
von Personen (Wolff zur Birne 498) 111. 156. n 265. VIII 29. —
„frawe schön" V 148. VIII 180 u. o. „schönes weib" IV 183.
u. ö. Jäckel S. 56. — „stolze ritter" V 462. VI 45. „stolzer
leip" XI 238. XIV 177. 208. 333. XVIII 82. Jäckel S 57. —
„süssen rainne" IV 35. 223. Jäckel S. 57. — ■ „ritter auserwelt"
V 353. Troj. 296. Wolff zur Bime 44. ~ „das faige weib"
XI 449. Haupt zu Engelhard 3238. — „frawe fein" V 214.
242. 577. 636. VII 192. IX 33. 38. XII 121. XV 28. Jäckel
S. 59. — „ritter wert", „werde ritter" V 188. 255. 342. 493.
XIII 462. „werde gast" IV 295. V 641. VII 373. VIII
123. XV 82. Jäckel S. 60 f — „als ain weiser man" IV 268.
Troj. 18220 „alsam der wise man". Jäckel S. 62. — „wol-
getan" immer unflektiert dem Substantiv nachgestellt, wie bei
Konrad (Wolfif zur Birne 102) am häufigsten: I 22. 90. 322.
II 160. III 442. 560. 698. IV 92. 184. 314. V 310. 640. 758.
VI 28. 84. 116. 153. VII 158. 300. VIII 87. 111. 130. 476.
IX 21. 42. XI 16. XIII 488. — „frawe zart" V 106. 436.
647. IX 17. XIV 261. Jäckel S. 64.
Die Breite Konradischer Umschreibungen des Begriffi"
sich bei Kaufringer teilweise in einer Ausdehnung, iaaf
völligen Manier geworden ist, wie die unten folget
19
merkungen Über frist, pflicbt, graus, zil, zeit, stund, schall, und
die mit oune gebildeten Ausdrücke zeigen. Ausser diesen mögen
hier folgende Umschreibungen verzeichnet werden: „von art ain
künig« IV 31. Jäckel S. 24. - mit „sitten" XI 326. XHI 16.
192. 497. XIV 491. (Wolff zur Birne 96. Klitscher S. 65.) — mit
„schein" VI19. XIV 194. XXIV 64. XXV 80. Joseph S. 34. —
mit „weise" I 92. VIH 405. XIH 31. XVI 77. (Troj. 42776.
43482.) — „Wassers fluot" I 289. 408. — „wassers (zistern)
grund" I 300. XIV 362. Joseph S. 33. — „herzen grund" II
236. XI 184. XVII 9 (Joseph S. 35. Troj. 4435). — „herzen
gir" IV 238. V 174. — „herzen ger" XIII 382. Jäckel S. 24.
Joseph S. 37. — „minne spil" V 254. VHI 414. XI 268.
XIII 226. 448. Joseph S. 34. Jäckel S. 24. — „fräudenspil"
VIII 203. (Troj. 37704. 44820. 49155.) Sogar „vastenspil"
XVI 738, wird hiernach gebildet (vgl. Troj. 26920.). — „von
der süssen minne strick" IV 35. Joseph S. 35. 36. Troj. 12 188.
14664. 20149. 20336. 20687. 21320. — Jamers pein" I 404.
II 60. V 150. VI 180. 240. VII 34. XHI 300. (Troj. 38196.
24514. 38754 „todes pin".) — „jamers sucht" XII 288.
(Troj. 48311 „tödes sucht".) — Jamers clag" VIII 208. —
„jamers not" V 178. — „des wassers not" I 301. — „des
pittern hungers not" XVII 68. Joseph S. 34. — „in des haiigen
crüzes pogen" II 66. — „der eren krön" V 524. Zeitschrift
für deutsches Altertum 34, 11. — „der milte krön" VIU
493. Jäckel S. 28. — „des opfers sold" IX 387. „reichtums
und gelückes sold" XXII 43. „minne sold" XV 32. Wolff zur
Birne 36. — „der minne zol" XIII 148. Jäckel 28f. — „mit
des starken feures räch" XIV 732. — „mit des unrechten ge-
lauben list" XVI 603. — „umb geltes hört" XX 170. Joseph
S. 34. — „mit Weines kraft" XII 198. Zeitschrift fUr deutsche
Philologie 5, 91 ff. „jamers craft" Troj. 37004. Klitscher
S. 65. — „der sucht mail" XXV 21. — „der Sünden mail"
xxvn 101.
ümschreibangen von Personen sind: „alle roten münde*'
1413. 40305. — mit „herz" III 132. 186.
•» '• ' db" XI 288. XIX 83.
. — Verba werden
?4. 195. VII 708.
2*
20
XVI 140. XXII 9. Jäckel S. 27. — „ze wissen taon" II 149.
240. V 238. vergl. III 180. IV 229. — „bekant (kunt) tuon
(werden)" II 231. IV 249. V 44. VII 301. Klitscher S. 65. —
„ze (in) buosse stan" II 232. II 658. 498. XVI 261. „bei
fräuden stan*' XIV 221. „in truren (trurig) stan" XIV 221.
XIV 330. — „ze herberg was" VII 24.
Während sich der metaphorische Ausdruck noch durchweg
an Konrads Kunst anlehnt, sind Konradische Vergleiche bei
unserm Dichter nicht häufig. Der Grund dafür liegt in der
Volksmässigkeit der Kaufringei*schen Kunst, die in andren
Kreisen ihr Publikum fand, als die geglättete Zierlichkeit des
älteren Modedichters. Nur Folgendes lässt sich als Konradisch
ansprechen: „enztindet von der minne gluot ward ir sendes
herze gar. — das er von ir ward sere wunt mit der süssen
minne stral". IV 218ff. „enzündet ward das herze sein, der
minne straul ward auch darein geschossen ze derselben stunt,
das er ward vil sere wunt". VI 107 ff.
Antithesen, die etwas kunstvoll versteckt, feinsinnige Auf-
merksamkeit des Hörers oder Lesers fordern, sind selten; z. B.
IX 64. „von sorgen ward er fräuden lär". Q.F. 54, 43. 19.
III 346 f. 398. Vm 45 f. Kaufringer hilft der Fassungskraft
seines Publikums sonst kräftig nach: III 622 „mein ros was
weis und nicht ain tor". VII 372 ff. VIII 27. X 24. XII 280.
XIII 423. Martin zur Moerin 4029. Bechstein zu Heinrichs
von Freiberg Tristan 1878. Antithesen mit „hin-her, her-hin"
sind wie bei Konrad (zu Kistener 597) beliebt. I 182. 308.
n 36. V 273. 380. VII 88. VIII 44. 272. 328. 390. X 26.
XI 492. 528. XIV 39. 170. 183. 581. 630. XV 39. XXI 102.
XXIII 19. „auf-ab** VII 20. XII 259. „auf-nider" IV 58.
VII 60. 176. „ein -aus" II 42. „baide in freuntschaft und in
zorn" XVIII 153; zuI395 „krumb oder siecht" : Meyer zur Jolande
680. „ernst - schimpf " III 124. „die weit noch got" III 58.
„got und die weit" III 152. „wol oder übel" VI 232. „guot
oder pein" VIII 7.
In der zu formelhafter Manier ausgebildeten Antiphasis
konnte der Dichter wieder zunächst von Konrad ausgehen.
Jäckel S. 29. Klitscher S. 66. Sie verwendet „lassen" III 248.
644. V 502. Vn 116. 346. VIII 222. IX 56. 132. Xn 243.
21
XIII 284. 297. 474. XIV 352. 513. XXVI 63. „erlan"
VI 262. „beiten" III 396. XIII 130. XIV 138. XVI 104.
XXIII 156. „lassen und beiten** IV 258 ff. „beiten und
sparn'* XVI 94 ff. „sparn*' III 357. IV 82. 204. V 420. 486.
648. XI 12. 522. XIII 230. „verdriessen" VHI 92. „säumen"
1 84. IX 139. „enthalten" XIV 642. „entbern" XIV 344. „über-
heben" III 617. „nit rast haben" XI 306.
Voranstehende Satzteile werden, wie bei Konrad (Jäckel
S. 33), gern durch das Pronomen wieder aufgenommen. I 236.
239. II 32. III 71. 147. XII 66. XIV 481. XVI 75. Roethe,
Reinmar von Zweter 294. Wenn Kaufringer so häufig (I 245.
II 62. 116. ni 416. 680. IV 370. 427. 454. V 147. 580.
623. 709. VI 260. VH 172. 236. 258. 310. VIII 231. XI 90.
XIII 110, XIV 737. XV 27. XVI 73) mitten im Verse den
Satz schliesst, hatte ihm schon der Fortsetzer des Trojanerkriegs
das Vorbild gegeben. Klitscher S. 59. Mit diesem teilt er den
Mangel an Detailmalerei (S. 56) und an Feingefühl bei Wieder-
kehr desselben Reimwortes (IV 15 ff. Klitscher S. 50. I 79.
II 285. IV 8. 424. XI 492. XII 220. XIV 131. XVI 68.
82. XVIII 153. XXII 34. XXIV 66. XXVII 90. 132.), mit
Egenolf den Verzug kürzerer Reden (Jäckel S. 16.). ;,baide
und" wird nicht nur gern, sondern auch wie beim Fortsetzer
des Trojanerkriegs bei mehr als zwei Worten (Hitscher S. 41)
gebraucht: „baide jung, alt, gros und dein" XI 504. Das Ge-
fühl für syntaktischen Parallelismus ist bei Kaufringer, wie
schon bei dem Fortsetzer des Trojanerkriegs, im Schwinden
begriffen. Ich verzeichne nur als Verstösse dagegen: ÜI 461.
472. 534. IV 307. 359. 381. 415. V 7. 37. 66. 91. 140.
689. 732. 744. VI 143. 204. VIII 18. 119. (422.) XII 258.
Die moralisierenden Sprüche stehen noch unter dem Einfluss
Heinrich Teichners und kommen eigentlich für Konrads Technik
nicht in Betracht. Im allgemeinen aber ist der Parallelismus
auch noch bei unserm Dichter in seinen reiferen Dichtungen
Stilprincip. Vergl. Kistener S. 25, und im allgemeinen Meyer,
Die altgermanische Poesie S. 249 ff.
Schliesslich stelle ich folgende Parallelen zusammen. Buch-
stäbliche Entsprechungen mit unsern gereinigten Texten der
Werke Konrads und seiner Nachahmer sind natürlich kai
22
mehr möglich, weil man am Ende des XIV. Jahrhunderts fast
nur vielfach entstellte und modificierte Texte besass und die
Sprachentwicklung die Wortkörper geändert hatte. Wörtlich
sind Kaufringer IX 262=Troj. 41284. 45212, aber formelhaft;
m 722=Troj. 18290, formelhaft; mit Füllung des Verses durch
„der was" Kaufringer VI 46=Engelhard 2830=Stauf 608, und
V 31=Stauf. 165; vergl. Troj. 46681.
Es entsprechen sich die — aber vielfach formelhaften —
Verse: I 31 Welt Lohn 258. — I 82f. Troj. 11880f. —
I 173 Troj. 22830. — I 200Troj. 25542. — 1 249 f. IV 2f. Troj.
49327f.— 1 277. III 167. V 723. XIII 483 Troj. 41389. 44813.
3471. GA. 1, 381. — I 351 Engelhard 568; zu Kistener 154. —
I 447 Troj. 28508. — II 169 Troj. 10487. — IH 28 Troj. 302,
— m 333 f. 421 f. Troj. 5082. — IV 82 Troj. 41752. 43976.
44620. — IV 75 Troj. 7005. 13361. 31891. u. ö. — IV 97 Troj.
24322 IV 422 Troj. 16317. — V 354 Troj. 4582. — V 549 Troj.
46164. 46598. 46790. — V 737 Troj. 24276. — VI 23 Troj.
19293. — VII 239f. Troj.42776. — VIII 479 Troj. 18244. 20384.
29633. — XI 253ff. Troj. 17889 f. — XII 108 Troj. 21795. —
XII 290 Troj. 44345. Vgl. LS. 208, 36. Buch der Rügen
1522. Rosenplüt, König im Bade 123.— XIII 21 f. Troj. 28115. —
Xin 516 Stauf. 1165. — XIV 135 Troj. 13883. 20786. 22528.
43814. 46945. — XIV 205 f. Troj. 7885. — XIV 218 Troj.
31476. - XVII 133 Troj. 49225. — XXI 71 Troj. 3401.
Wie Konrad Troj. 17 738 ff. stellt Kaufringer VI Iff. „schad"
und „schädlin" einander gegenüber. Zu Grunde liegt ein altes
Sprichwort; Formen desselben begegnen bei Schmeller, Die
Mundarten Bayerns (München 1821) S. 509. BWb. II* 870.
Zingerle, Die deutschen Sprichwörter S. 128. Bezzenberger,
Freidank S. 241. Dem Gedanken nach sind zu vergleichen
XIV Iff. und Herzm. 327 f. Stauf. 8 ff. 410ff. GA 68, 690 ff.;
IV 452 ff. und Troj. 17 738 ff.
2.
Verhältnis zu Heinrich Teichner.
Wie Kaufringer in den novellistischen Erzählungen von
Konrads Kunst abhängt, so erkennt man in den geistlichen
23
und den moralisch-didaktischen Dichtungen den entschiedenen
Einfluss Heinrich Teichners.
Es liegt in der Natur der Sache, dass auch für die morali-
sierenden Gedichte Konradischer Einfluss nicht ganz ausge-
schlossen ist — Spuren finden sich freilich kaum, Kaufringer
scheint erst später sich an Konrads Kunst gebildet zu haben — ,
und dass andrerseits auch die Novellen den Einfluss Heinrich
Teichners nicht verläugnen. Selbst dieser hat sich Einwirkungen
Konradischer Technik ebenso wenig entzogen, als sein Be-
wunderer Suchenwirt; z. B. kehrt der Konradische Vers
„gräfen, frien, dienestraan** (Jäckel S. 92) mit seinem chai-akte-
ristischen dreigliedrigen Asyndeton bei Teichner (Karajan
A. 286) wieder. Ausdrücke, wie „holdez herze tragen", „schein
tuon", „rote münde*', „gewaltes craft", Antithesen mit „hin-her",
„auf- ab" u. a. begegnen auch bei Teichner. Aber die Mög-
lichkeit, dass Kaufringer allein durch Vermittelung Teichners
zur Kenntnis Konradischer Kunst gelangt sei, wird durch die
grossere Ähnlichkeit der Kaufringerschen Technik mit der
Konrads ausgeschlossen.
Es ist bezeichnend, dass die Kaufringerschen Sprüche der
Berliner Teichner-Handschrift ganz unbefangen mitten unter
des Meisters Werke gemischt sind. Wahrscheinlich getäuscht
durch den Teichnerschen Eingang: „Ainer fraget mich der
mär" (Kaufringer XVIII 1. XXII 1. Karajan S. 52 u. 72)
und die gleiche Haltung der Kaufringerschen Gedichte, schrieb
man sie mit denen des älteren Meisters zusammen. Übrigens
zeichnet sich die Handschrift durch Mangel an kritischer
Sichtung des Inhalts aus und gibt selbst, wie sich unten
zeigen wird, dem Mutwillen eines parodierenden Schreibers
Raum.
Konrad Müller von Öttingen oder schon seine Vorlage will
den Gesamtinhalt der Handschrift C als Teichners Eigentum
erscheinen lassen, wenn er dem Bande den Titel vorsetzt:
„Hie hebet Sich an das Register dises puochs, das saget uon
Sprüchen gaistlich vnd weltlich, die gemachet hatt der hofflich
tichter der teychner". Blatt la. Ein Bild des Teichners folgt
Bl. 7 b. Schon in Müllers Vorlage müssen die Dichtungen
Kaufringers unter Teichners Flagge gesegelt haben. In der
24
That verdankt Kaufringer seinem Muster so gut wie alles, Idee
und Form dieser didaktischen Sprüche.
Der König vom Odenwald scheint die Gattung der ge-
reimten lehrhaften Rede litteraturfähig gemacht zu haben.
Heinrich Teichner bildet nicht nur die Gattung nach, sondern
hängt auch direkt von ihm ab, wenn er in dem Spruch „Von
den Übeln weyben" (Berliner Handschrift 564. Nr. 80: „Ach
gott, mau leuttet eim Übeln weib, wenn ir sele schaidt von dem
leib"^) genau wie der König vom Odenwald im Spruch „Von
der küewe" (Germania 23, 292 ff.) auffordert, man solle eher
einer guten Kuh läuten, diese sei besser als ein solches Weib.
Ebenso verfährt Teichner auch dem sogenannten Seifried Helb-
ling gegenüber. Karajan S. 26. Seeraüller zu VIII 529. 722.
Dass der König vom Odenwald auch sonst nicht ohne Nachfolge
geblieben ist, lehrt der Spruch „Von einem zornigen Weib" im
Spruchbuch der Hätzlerin S. 219; Vers 37 bis 68 entsprechen
meist wörtlich dem altern Spruch „Vom Übeln weibe" (Ger-
mania 23, 305. Zeitschrift für Volkskunde 6, 296 und 8, 24)
Vers 20 bis 48. Unmittelbar an Heinrich Teichner knüpft unser
bayerischer Dichter in seinen 5 Sprüchen dieser Gattung (XIX,
XXII, XXIV, XXV, XXVII) an. Spruch XVHI, XX, XXI
und XXIII sind Beispiele, wofür schon der Stricker das Vorbild
gegeben hatte und die dann auch Heinrich Teichner (Karajan
S. 67. 72) seinen didaktischen Zwecken dienstbar macht.
Spruch XVI ist eine Predigt Bertholds von Regensburg, XVII
und XXVI versifizierte mystische Traktate. Zu allen genannten
Sprüchen XVIII, XX, XXII— XXVII sind stofflich Parallelen
Heinrich Teichners zu erbringen ; in keinem entfernt sich Kauf-
ringer aus dem Kreise Teichnerscher Anschauungen, die aber
bei Teichner so wenig wie bei Kaufringer subjektiv zu nennen
sein dürften (Karajan S. 40.), sondern meist (was Karajan aller-
dings ganz übersehen hat) Gemeingut der damaligen praktischen
Mystik und Volksbildung waren. Kaufringer handelt im XVIII.
Sprach von bösen Weibern, Teichner unterlässt nirgends, gegen
sie zu Felde zu ziehen (Karajan S. 58 f), vier Sprüche der
Berliner Handschrift sind allein diesem Lieblingsthema gewidmet.
') Ich setze voraus, dass er Teichner gehört.
25
Vgl. Nr. 78. 79 des Cgm. 574, wo es Blatt 83 b heisst: „wann ez
ist aller marter vor, wer mit Übeln wiben umbe gat" und
Blatt 84a „etlich eltiu wib ich kenn, wann man si rösten soll
und brennen, darzuo trug ich gern zuo". Bächtold, Deutsche
Handschriften 75. 77. Flucht vor der Welt (Kaufringer XIX)
empfiehlt der Teichner in Nr. 28 des Cgm. 574 und bei Karajan
S. 91. 70 f. 30. LS. Nr. 64. 208. 210. Mit dem Verfall des
Gerichtswesens (Kaufringer XX) hat sich der Teichner viel
beschäftigt (Karajan S. 90 f.) und die Fürsprecher, wie Kauf-
ringer, besonders behandelt. Karajan S. 82. 25. Hatte Teichner
Cgm. 574 Nr. 4 vor Aufschub der Busse, Beharren im Bösen
und Unterlassung der guten Werke gewarnt, so untersucht
Kaufringer (XXII), was die guten Werke nützen, wenn der
Mensch gesündigt habe. Vergl. Karajan S. 39. Uneinigkeit
der Stände beklagt Kaufringer (XXIII) wie Teichner (Karajan
S. 69). Die Hofleute und Streber werden von beiden gehasst.
Kaufringer XXIV, Teichner bei Karajan S. 69. 81. 82. Die
Todsünden, welche Kaufringer Stoff zum XXV. Gedichte boten,
werden von Teichner öfter behandelt. Cgm. 574, Nr. 50. 51.
64. Karajan an vielen Stellen. Seemüller zu Seifried Helbling
VII 144flF. Das Leiden steht im Vordergrund der praktisch-
mystischen Frömmigkeit bei Kauf ringer (XXVI), wie bei Teichner
(Cgm. 574, Nr. 70. Karajan S. 37. 73). Auch der letzte Spruch
Kaufringers von den vier Töchtern Gottes hat sein Seitenstück
unter Teichners Gedichten Cgb. 564. Nr. 8: „Wie gottes suon die
menschheit an sich nam: Sich huob vor gottes troun ain gespräch
vil schoun". Vergl. „Von des tiuvels drin tochtem**, Karajan
S. 69, und Cgm. 270, 214. In der zuerst genannten Allegorie
wird ausgeführt: Ein König hat einen Sohn, die Weisheit
(x\dam), und 4 Töchter: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtig-
keit, Friede; die 4 Schwestern bitten für den Bruder. Die
Durchführung der Allegorie ist also bei beiden Dichtern ver-
schieden. Seemüller zu Seifried Helbling Vn 186. Im übrigen
ist auf die unten folgende Erörterung der Stoffe zu verweisen.
Im XVI. Gedicht, dem Bertholds Predigt von den dre'
Stellungen des Teufels zu Grunde liegt, schiebt 7
statt eines wahrscheinlich nicht recht verstaP'
in seiner Vorlage „von tftsent liben iu9
26
Teicliner geläufigen Gedanken ein: 619 „ob dann aus jener
weit hernider eur vater und muoter kam lierwider und wölten
eu vom glauben keren, ir sült nit volgen iren leren**. Teichner
bei Karajan S. 45. A. 114. „ich wolt minen vater läzen, wold
er mich unsinnec machen und mich bringen ze tumben Sachen".
Ähnlich LS. Nr. 229. 79ff: Karajan S. 52. 39. Auch die Be-
kanntschaft mit der Aristoteles-Novelle konnte Kaufringer
(X 102 ff.), wenn er nicht GA. 2 oder eine sonstige Überlieferung
(QF. 77, 44. Hertz, Spielmannsbuch 2. Aufl. S. 420.) kannte,
aus Teichner schöpfen. Karajan S. 27.
Die im XVII. Gedichte vorgetragenen Ansichten über die
Bethätigung des äusseren Kirchentums teilt Teichner. Karajan
S. 39. Beide machen für die Verschlechterung der Welt haupt-
sächlich die grossen Herren verantwortlich. Karajan A. 266 ff.
Kaufringer III 700ff. Beide eifern mit Berthold gegen die
Kleiderpracht (Teichner im Cgm. 574, Nr. 23. Kaufringer XVI
402 ff.) und gegen den alevanz (Teichner im Cgm. 574, Blatt 65 b;
Kaufringer III 699. XII 60.) Dieselben Klagen, die Kaufringer
(III. XII. XIII) über böse Pfaffen und Herren erhebt, finden
sich bei dem klerikalen Teichner, A. 251. Der Bauer kann
da zum Pfarrherrn sagen: ,Lieber her, so weiz ich wol, sit ich
allez rüegen sol, ich muoz von erste iuwer schult sagen und
iuwer ungedult. Ir sit der best mit spil, mit wiben. Sol man
den wuocherer vertriben uz der kirchen mit dem ban, so müe-
zent ir von erste dan üz der kirche haben ker*. Vergleiche
Kaufringer III llff mit LS. 231, 118ff Beide lieben Sprich-
wörter. Karajan S. 25. Ausgabe S. VIII.
Ergab sich schon hier, dass Kaufringer besonders in den
Sprüchen XVIII— XX, XXII— XXVII sich in dem Gedankeu-
kreis des älteren Dichters bewegt, so entspricht andrerseits
auch der Aufbau dieser Gedichte dem der Teichnerschen. Die alte
bei dem sog. Seifried Helbling noch mit künstlerischer Feinheit
gehandhabte Gesprächsform des Lucidarius ist auf eine dürre
Formel zusammengeschrumpft, wie sie im mystischen Dialog er-
scheint und wie auch Suchenwirt sie in seiner zweiten Periode dem
Teichner nachschreibt (Zeitschrift für deutsches Altertum 41, 229).
Etwa ein Viertel aller von Karajan gelesenen Gedichte des
Teichners benutzt die Einkleidung des Dialogs mit der stereo-
27
typen Einleitung: „Einer vräget mich der maer''. Karajan S. 72.
Das hat ihm, wie schon oben erwähnt, Kaufringer zweimal
nachgemacht. Vergleiche später noch Hans Sachs 17, 290,
2. u. ö.
Wie Teichner und nach ihm Suchenwirt (Zs. 41, 231) nennt
sich Kaufringer im gleichmässig wiederkehrenden Schlussvers
der Gedichte XVI — XXVII, und zwar entweder mit dem Vor- und
Zunamen, oder noch mit dem Artikel und Zunamen. Die
typischen Schlussreime mit „swär, gewär, mär, lär, — bär**
waren ohne Weiteres dem Teichner abzuborgen. Von Kompo-
sition kann bei gereimten Prosen wie XVI, XVII und wahr-
scheinlich XXII, XXV, XXVI^) kaum die Rede sein; da folgt
der Versifikator einfach der überkommenen Disposition der
Quelle. Der Vergleich mit der nachgewiesenen Quelle im XVI.,
XVII. und XXVI. Gedicht lässt des Dichters Arbeitsweise aufs
deutlichste erkennen. Den Mangel an Komposition, die Weit-
schweifigkeit und die Wiederholungen, wie im XXIV. Gedichte,
hat Kaufringer wieder mit dem älteren Meister gemein. Ka-
rajan S. 68.
In den Anfängen seiner dichterischen Thätigkeit vermag
sich Kaufringer auch der Einwirkung des Teichnerschen Stils
nicht zu entziehen. An wenigen Stellen erhebt sich der öster-
reichische Moralist, dessen Werke für die psychologische Ana-
lyse des Menschen der beginnenden Neuzeit ebenso wichtig
sind, wie für Volkskunde und Altertümer im weitesten Sinne
des Wortes, über die Prosarede. Teichner stellt sich (LS. 2, 551.
7ff. Nr. 151; vergl. Nr. 211; Karajan S. 63) durch starke Be-
tonung des Individuellen in ausgesprochenen Gegensatz zu der
älteren Litteratur, soweit sie wesentlich Übersetzungslitteratur
ist. Eigne Erfindung und selbständige Gedanken fordert er
vom Dichter. Dieser Gegensatz prägt sich bei ihm nicht nur
in der Stofi'wahl, sondern auch in der stilistischen Form seiner
Sprüche aus. Das Künstlerische des Stiles ist ansserord^
*) Im XXVI. Gedicht weicht die Anordnung Ton i
ab; es ist aber fragUeb, ob es nicht anch andre Faasp
Denifle veröfifentlichte.
28
unentwickelt ; der trockne Predigerton waltet vor. So entbehrt
seine Ausdrucks weise fast aller Reize, die Eonrads blühenden
Stil auszeichnen; zunächst des kunstvollen Parallelismus, an
dessen Stelle das dürre Asyndeton der extemporierenden ßede *)
tritt. Als Beispiel führe ich an aus Karajan A. 186 : .,Diu selp liep
hat ein gallen, ist gar tötlich und unst8et'^ Anmerkung 10:
„al die von grözem guot kaemen, vieln in armuot, die solten üf
daz scheff gän**. Anmerkung 15: „wir mttezen uf dem velde
dinsen mit schilt, mit sper, wir edel Hute". Anm. 16: „die
wein nu stechen, wäpen hän**. Ebenso Karajan A. 12. 44. 57.
60. 64. 65. 69. 79. 102. 109. 115. 127. 130. 133. 144. 149.
155. 177. 180. 182. u. s. w. Dieser eintönigen, bequemen Manier
gegenüber sind die ebenfalls zahlreichen und dem Konradischen
Stil schon nicht mehr entsprechenden Asyndeta beim Fortsetzer
des Trojanerkriegs (Klitscher S. 50 ff.) noch immerhin eine Art
Kunstmittel. Teichner fehlt es an Formsinn. Kaufringer ver-
fällt in seinen Anfängerarbeiten nachahmend derselben Stil-
losigkeit. XVI 789. XXV 91. XXVI 3. Später hat er sich
davon losgemacht. Suchen wirt ist nicht frei davon.
Der passiv-beschauliche, nach Innen gerichtete Sinn Teich-
ners prägt sich auch in dem Mangel an lebhaftem Vortrag
aus. Während Konrad in der Apostrophe neben allerlei andern
Wendungen das „seht, d6** liebt (Roth zum Schwanritter 2),
gebraucht Teichner gern das temperamentvolle „nü seht ir wol'*
meist mit abhängigem Satz. Karajan Anm. 236. 286 zweimal.
LS. Nr. 85, 112; 260, 147; 230, 18; 231, 216. In der
Münchener Handschrift, die übrigens, soweit Teichners Text in
Betracht kommt, schon wegen der Bl. 86 a f. von gleicher Hand
abgeschriebenen Urkunde vom 16. Dec. 1368 (Städtechroniken 4,
135ff.) nicht, wie der Katalog angiebt (V 1, 93), 1360
entstanden sein kann, habe ich die Wendung mit geringer Va-
riation 9mal gelesen: Bl. 53b, 54a, 62a zweimal, 73a, 75a,
81a zweimal, 83a. „so seht ir wol*' LS. 149, 38. „nu secht
ir*' LS. 82, 22. „nu seht ir, wie" Karajan A. 74. „seht ir wol*'
154. 279. LS. 77, 80. „wist ir wol*' Karajan 160. (LS. 78,
111.) „daz wist ir wol" 161. „nu wist ir wol" 272. „nu weist
*) Boethe, Reiniuar von Zweter 323.
29
tu wol" LS. 89, 45. Kaufringer entlehnt diese behäbige Wendung
„nu secht ir wol" IV 17. XVI 645.
Bevorzugte Konrad parallele Ausdrucksweise wie ser und
vast (s. oben), so genttgt dem Teichner das blosse Zusammen-
rücken der Wörter; z. B. „unmäzen ser". Karajan Anm. 1.
304. (Cgm. 574, Bl. 33b.) 140 „unmäzen wol"; (aber Konrad
Troj. 24966 riliche und uzer mäzen wol**. vergl. 30924; aller-
dings auch einmal „daz edel gast sin ere so gar unmäzen sere
zerbraeche an sime wirte": Troj. 34343.) 185 „unmäzen we".
192 „unmäzen swaer**. 212 „unmäzen wunderlich". 311 „un-
mäzen kranc". — Dieses prosaische „unmassen" hat auch Kauf-
ringer. XIII 468. XVIII 34 „Unmassen wee*'. XXVII 38 „u. ser*\
XI 305. XVIII 29. 118.
Ebenso prosaisch ist die Teichnersche Verwendung von
„da neben: leben, geben, eben** (z. B. Teichner Karajan Anm.
54. 211. 217. 229. 286. LS. Nr. 85, 217. 88, 91. 140, 22.
50. 150, 118. 147. 152, 39. 231, 186. 252, 50.), die Kauf-
ringer XX 42. XXI 21. 83. XXII 7. 71. 77. XXIII 116.
138. XXV 168. 212. 238. XXVII 19, selten in den späteren
Gedichten (XIV 532. 548), nachahmt.
Zu den Stileigenheiten Teichners, die man aus dem pro-
saischen Charakter seiner Verse ableiten kann, gehört auch der
Gebrauch von „umb daz, daz**. Konrad vermeidet Otte 44 das
Zusammenstossen der beiden „daz**. Frtther ist es nicht so selten.
Teichner bei Karajan Anm. 147. 214. Cgm. 574, Blatt 38 a
„vmbe daz, daz si sint in siner mausz**. (60a „daz er sich be-
sorgt umb daz, wie er got vol danken könn**.) LS. 1, 451 ff.
Nr. 61, 91. Nr. 236, 191. „umb daz** Karajan Anm. 114.
Ähnlich Kaufringer XVI 18. „daz, daz** 283. XVI 167 f.
XVII 2 f.
Auch in andern pedantischen Wendungen dient Teichner
als Vorbild: „ain ieglich mensch erkenn dabei'* II 271. vergl.
XVI 123. XXI 114. XXV 84. Freidank 25, 17. Teichner, Karajan
Anm. 66 „däsulen wir erkennen bi**. 9: „da bi ist ze merken wol**.
LS. 78, 41. Karajan A. HO. 171. 283. 294. Cgm. 574,
Bl. 69a „daby sult ir merken eben**. LS. Nr. 231, 24. „da
by man erkennen sol**. Nr. 88, 14. 85, 210. 65, 9. 69, 27.
„weder diz noch daz** u. ä. Teichner, Karajan Amp
• 30
Kaiifr. XVI 13. — ,,man vint manegen" Teichner Earajan
Anm. 267. Kaufr. IX 248. XX 11. Vergleiche LS. 209, 83.
Freidank 80, 6.
Stilistisches Vorbild konnte Teichner bieten: Cgm. 574,
Blatt 70 a „ez mag sin sinn begriffen nicht" zu Kaufr. I 7
„der menschlich sin mag greiffen nicht*'; vergl. Suchenwirt 41,
101 „daz menschen sin begreiffet nicht*^ — Karajan An-
merkung 227 „da ich triwen mich versan und mich lieplich
lachet an, vor dem muoz ich mich besorgen", (LS. 223, 8ff.) zu
Kaufr. 1266 ff. XXIV 67. — Cgm. 574, 46a„dierainen hab";„daz
vnser herr geben tuet, daz ist allez rain vnd guot" zu Kaufr. 1 392.
III 102. —LS. 189, 59. Karajan GO zu Kaufr. I 438 (Meier zu Jo-
lande 1277. Troj. 2385. 26751). —Karajan Anm. 264 „ist daz
nicht ein groziu gab" zu XXIII 186. — Cgm. 574, 28 b „die sint
mit gesehenden äugen plint" zu Kaufr. III 298 (formelhaft). —
Karajan Anmerkung 206 „die sint rehtes gelouben Iser" zu
III 328 — Cgm. 574, 85b „davon ist min sundrer raut", zu
III 715. — Cgm. 574, 61b „daz get alz in sinen schrin" zu
IV 74. — Cgm. 574, 34a „wer kriegen wil, der bedarf wol pfennig
vil" zu VII 1, 2.*) — Cgm. 574, 80a „ist dann ain fraw also
veraint", LS. 233, 12 zu VIII 75, 69. — Karajan Anmerkung
274 „sie sulen nü die besten sin (im Hintergrunde etwa Walther
57, 1) zu VIII 384. — Cgm. 574, 84 b „also gehört daz weib
geschaut anders nit dann vff den rost" (Cgb. 564, 107 b) zu
XIII 493. — Cgm. 574, 27 b. „daz klagt ein ieglich weiser
sin" zu XVI 317. — Karajan Anmerkung 179 „doch allermeist
von frowen" zu XVI 400. — Cgm. 574, 71b „ez sprach vnser
traechtin" LS. 214, 54, zu XVII 244. — Cgm. 574, 79b „üppig
vnd bedort" zu XIV 66. — Cgm. 574, 64b. „vnd bringt die
in groziu swser" zu XVIII 203. — Cgm. 574, 71a „wa got
ist, da ist sin rieh, da ist auch frid und allez guot" zu XIX 30. —
Cgb. 564, 46 a „wa ich jnn all winkel sich" zu XXIII 2.
XIX 10. XII 12. — Cgm. 574, 67 b. „ich haun besunnen übel
und guot" zu XXV 12. = LS. 142, 15 zu III 696 — LS. 142, 74 ff.
zu XIX 8f. (formelhaft).
») LS. 193, 50. Vergl. Freidank 50, 6.
31
Entlelmungen, wenn nicht konventionelle Formeln, sind:
Kaufringer IX 7 = Cgb. 564, 85 a „den sie holdes hertze truog**.
— IV119 = Cgm. 574, 71b „daz ist ain wunderlich geschieht''. —
XXIV 21, XX VII 80= Cgb. 564, 74b „auf aller diser wellt kraiss'S
Cgm. 574, 82a „hie uff diser weite krais''. — I 51 f. = Cgb. 564,
120 a j.sie gaben mir sänfftlich ruo biss an den andern morgen
fruo'\ — III 98f. = LS. 189, 30f. — XIII 2f. = LS. 214,
79f. — XIX 51 wörtlich = LS. 66, 3; vergleiche 67, 12.
Mit Teichner teilt er die Enthaltung von „geblümter''
Rede (Ehrismann, Beiträge 22, 329; Meyer, Die gereimten
Liebesbriefe 37 f.), ein Merkmal, das seine Kunst von der der
Lyriker, Hadamars von Laber, Suchen wirts und Rosenpltits^)
unterscheidet. Ahnlich wirkte Teichner teilweise auf Suchen-
wirt (Zeitschrift 41, 232). Wortschatz und Wendungen Kauf-
ringers und Teichners decken sich zum grossen Teil; beide
brauchen gern: „behaft, überladen, umgeben, genist", ein
Lieblingswort Teichners, „slinden mail, lab, punt, slag, sucht,
jamers dol" u. a.
Trotz aller Ähnlichkeit mit Heinrich Teichner unterscheidet
sich Kauf ringer auch in seinen moralisch- didaktischen Sprüchen
ziemlich deutlich von seinem Vorbilde. Der wirkliche Ernst
der Österreicher Teichner und Suchenwirt geht ihm ab; sein
Publikum ist ein anderes ; er ist als Didaktiker fast in jeder
Beziehung unbedeutender. Teichner ist tiefer, Kaufringer flach.
Teichner verfügt, wenn auch nicht über plastische Anschaulich-
keit, so doch über einen reichen Schatz von Ausdrücken und
Vorstellungen, während Kauf ringers Kunst fast ganz in Formeln
aufgeht.
Peter Suchenwirt scheint ihm nahe zu stehen; folgende
Stellen wären in Erwägung zu ziehen: Kaufr. I 243. Suchen-
wirt 41, 316. I 393f. 40, 183. IV 5. 41, 331. IV 77. wört-
lich = 18, 96. IX 82. 40, 206 (zu Grunde liegt etwa Renner
20418). XIX 50. 40, 193. XIX 125. 45, 105. XIII 516 -41,
1540 (aber vergl. oben). ~ Zu Kaufr. XIX 155 ff. vergleiche
Teichner LS. 210, 98. Suchen wirt 32, 35.
*) Bekanntlich versuchte er erst in seinen späteren Qedichten .a«^
Weiher der Rhetorik zu fischen''.
32
Wie auch Suchenwirt von Konrad von Würzburg und
Teichner abhängt, wäre einer besondern Untersuchung wert;
Kratochwil, Der österreichische Didaktiker Peter Suchenwirt,
sein Leben und seine Werke S. 52.
3.
Gnomisches.
Freidank- und Rennerverse sind Kaufringer geläufig.
I 115f. = Freidank 1147 f. (Paul); IV 269f. = 463f., wo Grimm,
Bezzenberger und Sandvoss die Quelle, Prov. 12, 16, übersehen
haben; IV 455- 283f., VI lf. = Berliner Freidank [i] S. 243a.
(Bezzenberger S. 241). I If. Renner 4139f. 6615 f. 14060f.
15312f. 20087 f. 21285f. 21931f; 1397. 14181; 1398. 6681;
IV 15ff. 562ff.; VIII 75 f. 291 f. 12926 f.; VIII 462. 16010.
24484.; IX 82. 20418; XVI 687f. 4819ff.; XXVI 134. 3601;
XXVII 100. 1439. Unsichrer ist die Benutzung des Cato;
Vers IV 1 entspricht dem Cato einer Stuttgarter Handschrift
G (Zarncke S. 97) 355, IV 125 dem sog. Seifried Helbling
9, 114, XIII 335 dem Buch der Rügen 430. (Vergl. XI 212
und 1325). Aber die beiden letzten Verse sind nur formelhaft.
4.
Verhältnis zur volksmässigen Epik.
Was den Dichtungen Heinrich Kaufringers ihr eigentliches
Gepräge verleiht, ist die Volksmässigkeit seiner Poesie, die auf
ein andres Publikum weist, als die Erzeugnisse seines öster-
reichischen Kunstgenossen Peter Suchenwirt, als die Lese-
novellen des Hans von Bühel oder selbst die Sprüche des ihm
so nahe stehenden Heinrich Teichner.
Während sich anderwärts schon die Renaissance vorbereitet,
Wissenschaft und Verkehr die Anschauungen zu erweitern streben,
bewegt sich diese lokale Kunst, einfach und dürftig, aber
selbstsicher und unbeirrt noch in altüberkommenen, engbegrenzten
Kreisen, treu dem Konservativismus, den Bayern seit alter
Zeit in der Litteraturgeschichte bethätigt hat. Wenn der alt-
bayerische Dichter auch bei dem höfischen Epos der Epigonen-
zeit und dem halbgelehrten Heinrich Teichner manche Anleihe
gemacht hat, die eigentliche Grundlage seiner Kunst ist das
33
Erbe des Spielmanns. Die epische Tradition dieser bescheidenen
Eunst&bang war in Bayern nicht erloschen, nachdem sie andert-
halb Jahrhundert vorher einen so deutlichen Beweis ihrer
Existenz, wie den Wigamur, geliefert hatte. Die höfische
Dichtung erscheint bei Eaufringer yolksmässig vergröbert und
der Poesie der Fahrenden angenähert.
Zunächst mag auf die stereotypen Wiederholungen hin«
gewiesen werden. Auch das Eunstepos hat Wiederholungen,
Eonrad von Würzburg bildet sie als Stilmittel aus; aber diese
Wiederholungen des Eunstdichters haben es eigentlich auf
virtuose Variation abgesehen, während die Wiederholungen des
Volksepos meist wörtlich und stereotyp sind. Wiederholungen
in diesem Sinne meidet der Eunstdichter. Miklosich, die Dar-
stellung im slavischen Volksepos 6. von Biedermann, Goethe-
Forschungen 3, 244 flf. ühland, Schriften 1 390ff. Vogt, Sal-
man CXXXIVflF. QF. 35, 14 f.
Bei unserm Dichter herrscht die epische Formel in solchem
Masse, dass die formelhaften Verse etwa den 10. Teil der Ge-
samtzahl ausmachen. Fast alle Handlungen und Zustände
finden ihren bestimmten, gleichmässigen Ausdruck. Stereotyp
wird die Rede mit „der . . . zuo dem . . . sprach", die Antwort
mit gleicher Wendung oder der alten Formel „des antwurt im
der . . . .*' eingeleitet. Z. B. die Rede I 48. 160. 174. 223.
229. 242. 263. 293. 309. II 85. V 267. u. s. w., die Antwort
I 70. 255. 317; oder I 344. 379. U 89. IV 148. V 270.
620. VI 94. XIV 217 u. s. w. Stereotyp ist die Antwort mit
„lieber", „liebe" nach dem Schema: „er sprach: Lieber herre
mein**; z. B. I 435. III 519. 533. IV 187. V 145. 615. VI
71. VII 92. XI 119. XIV 318. Übergeleitet wird durch
den in 5 Gedichten sechsmal wiederkehrenden Vers: „da die
red also gcschach" 1 277. Nach diesem Schema sind mit Wechsel
des Substantivs Parallelverse gebildet. Siehe Konkordanz. Die
günstige Wirkung der Rede wird in den formelhaften Ausdruck
„der . . . ward der rede fro"^) oder „die rede gefiel . . .
wol" gefasst; z. B. I 53. H 110. 137. 169. IH 78. V 57.
746. 756. VI 103. 208. XIV 115. und VII 29. VIII 185.
') wie noch Rosenplüt QF. 77, 149.
Euling, Heinrich KaoAringer.
34
XXI 68; das Gegenteil mit Negation desselben Aasdracks z. B.:
m 119. Vin 226. Erschrickt jemand bei dem Gehörten, so
heisst es „des erscbrack . . . do vil ser" z. B. IV 170. V 679.
VI 175. VIII 216. XI 527. XII 67; oder „do er
vernam, vil ser er davon erkam" VIII 445. XII 291. XIII 185.
Ebenso feststehenden Ausdruck haben besonders folgende Be-
griffe: Bitte z. B. I 334. V 733. Dank z. B. IV 421. V 83.
Xm 304. Empfang z. B. I 46. IV 275. V 290. IX 144.
Xn 120. Xin 303. XIV 443. Bemerken z. B. II 29. 194.
256. m 121. 406. IV 186. 266. V 448. 490. 611. VII 66.
132. IX 128. XI 172. (159. 180.) XII 44. 246. Xni 308.
388. XIV 135. 370. XVIH 72. Mitteilen z. B. U 149. 240.
m 64. 180. 474. 476. VI 68. 94. VII 213. VIH 171. 299. 355.
379. XI 73. 289. Überlegen H 56. 222. HI 56. 187. 204. 620.
IV 213. 236. Vm 50. XIV 586. 630. XV 39. XXI 102. Ratlos
sein n 36. XI 492. 528. XIV 170. Betrübt werden HI 186. IV
48. V 663. Vni 442. XII 155. Gegensatz III 200. VIII 123.
s. oben. Eilen I 419. II 202. 226. III 582. VII 146. X 12.
XXVII 141. Gewöhnt sein I 121. III 44. Verschmähen VII 190.
Xni 44. Heilig leben I 250. 447. Selig werden I 448. II 262.
270. m 656. XXI 6. XVII 210; das Gegenteil XIX 98. IH
670. Gewogen sein II 26. IV 239. IX 7. VH 379. X 4. Lohnen
n 142. 177. IX 154. Xm 284. XIV 302. 603. Kummer, Ein-
busse, Strafe erleiden III 6. 602. 662. IV 321. VI 692. Friede
xm 364. XIV 546. XV 50. XVI 106. 537. 658. XVm 144.
XXm 96. Kleinigkeit HI 12. XXIV 45. Gastereien IH 62.
Xin 429. Herrenspeise I 144. IV 316. V 650. XII 220. XIV
458, noch heute übliche Ausdrücke. Stieler, Kulturbilder 121.
Speise und Trank III 451. 461. 670. IV 300. V 573. 644.
Bad IV 260 ff. IX 14 ff. Minnespiel IV 206. VII 178. VIH
414. Xin 226. Sterben XI 68. I 302. XI 152. XIII 338. 367.
Frühzeitiger Tod XI 85. XIII 58. XVHI 18.
Überaus häufig sind die üblichen Beteuerungen, die der
Dichter selbst ausspricht oder den Redenden in den Mund legt ;
z. B. 1 233. m 596. 115. IV 310. V 685. 578. 666. 741. VH 95.
135. 306. VIII 162. 217. 426. 1X57. 236. XI 276. 462. XH 144.
XXIII 107. Siehe Ausgabe S. Vf. und die Konkordanz.
Der Spielmannsdichtung gehören: „vraislich" XI 518, „vrais-
36
sam" Vm 366, XVI 246, „vraissamUch*' II 69, „weigand'*
VI 237 an. Als för liöfiscbe Dichtung veraltet gilt ,tagalt*
V 417. Schilling, De usu dicendi Ulrici de Zatzikhoven S. 90.
In Eaafringers Heimat kommt das Wort auch als Eigenname
vor. Oberbayrisches Archiv 49, 300.
Im Stil des Volksepos, das die stehenden Epitheta festhält,
heisst das Gold rot, Hand und Fuss schneeweiss, der Wein
klar, der Morgen licht. Uhland, Schriften I, 391 ff. Meyer, Die
altgermanische Poesie 492 ff. Miklosich 26 ff. Es begegnen alte
Formeln^), wie „leib unde guot", „man und weib", „arm und
reich*' u. s. w. (vergl. oben S. 14; zum Teil von Konrad von
Würzburg nicht verschmäht) und als formelhafte Zeitbestimmung
I 193 „wann in des tages da zeran", wie im Wigamur Vers 3841:
„wan daz ins tages zeran". QF. 35, 14. Kadke, Die epische
Formel im Nibelungenliede 41. Spielmannsart verraten die
überaus häufigen Anreden an die Zuhörer, Berufungen auf die
Quelle und die Vorausdeutungen. Oben wurden diese Formeln
im Zusammenhange mit Eonrads Kunst erwähnt, ihre Wieder-
kehr vermerkt unten die Konkordanz. Schütze, Das volks-
tümliche Element im Stil Ulrich von Zatzikhovens 3 ff. Beiträge
zur Poetik Otfrieds 36 ff.
Um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln (Vogt,
Salman S. CXXXIXf.), gebraucht Kaufringer folgende Wen-
dungen: ,Nu merkent, wie es darnach gieng!' XIII 119. IV 274.
,Nu merkent das! Als ir des werdent schier gewar^ XIII 220. ,Als
ich ew nun sagen wil' XIV 11. ,Nu merkent, wie es sich ergie!*
XV 20. ,Nun mügt ir geren hören das* XI 150. Die üblichsten
Formeln dieser Art aus den Spielmannsgedichten hat Vogt,
Salman S. GXL f. zusammengestellt und darauf hingewiesen,
dass auch das höfische Epos noch die alte Formel durchblicken
lässt; vgl. Schütze, Das volkstümliche Element im Stil Ulrich
von Zatzikhovens S. 8. Jensen, Über den Stricker als Bei-
spieldichter S. 48. Lichtenstein zu Eilhart CLXXVIII.
Ruhe und Aufmerksamkeit der Zuhörer, um die man früher
mit dem Eingange: ,welt ir ein lutzil gedagen*^ bat, schien
*) Meyer, Die altgermanische Poesie 251 f.
'^) J. Qrimm briugt RA. 53 die Eingangsformeln der Weistümer hiermit
3*
36
kaom mehr erforderlich zu sein. Hermann Fressant von Augs-
burg äussert sich sehr resigniert GA. 3ö, 12 ff. Keiler Erz. 310, 2 ff.
Folz Priamel ö9, 3 meiner Sammlung. Deshalb macht man jetzt
wenig Umstände und sagt: ,Wir sällen länger nicht gedagen^
Kaufr. XI 399. ,Ich mag länger nit gedagen* XV 1. (vgl.
oben S. 16).
Seiner Glaubhaftigkeit versichert er die Hörer und Leser
sehr häufig; die meisten Stellen habe ich in meiner Ausgabe
S. V f. zusammengestellt. Einzel zum Alexander 118 S. 399.
Vogt, Salman S. CXXXVIIff. Schütze S. 4 ff. Mit allerhand
behaglichen Wendungen, wodurch er die Erzählung unterbricht,
sucht er seinen Zuhörern Anteil einzuflössen IV 17. XIV 331.
229. XI 318. Xin 245 ff. XI 543. XI 397 f. 281 ff. VII 173.
V 233. vergl. Schütze S. 6 f. Er sucht auch wohl durch R6-
summ6 die Situation zu vertiefen und hält mit seinen eigenen
Gefühlen besonders am Schlüsse nicht zurück, wie III 676 ff.,
XIV 408—18. (Vgl. Vogt zu Salman und Morolf 399, 3—5 und
521, 4. 5.) XI 532 ff XIV 702 ff VII 393 ff VI 274 ff IH
683 ff.
Er schliesst mit einem Rat an die Zuhörer VIII 495 ff.
EI 715 ff. II 271 ff., oder fordert sie auf, ein Ave Maria zu
beten. (XVI 776.) Gern identifiziert er sich mit dem Hörer
X 86 ff. Vogt CXXXVII. Die vorausgesetzte Ungeduld der
Zuhörer weiss er zu zügeln XIII 220. III 470. Die zu er-
zählende Begebenheit kündigt er an 1 151. VI 25 f. V 9 f. Vogt
GXL. Rückweis auf Erzähltes findet I 287 statt. Die Zuhörer
selbst ruft er als Schiedsrichter in dem Novellenstreit (XI) an,
indem er denjenigen für weise erklärt, der entschiede, welche
Frau den ungraden Heller verdient hätte (551 ff.). Dieser
Schluss kann der Überlieferung angehören. Montaiglon, R6cueil
I, Nr. 15 schliesst ähnlich; dann aber nimmt der französische
Dichter doch das Urteil vorweg.
Volksmässige Übertreibungen laufen mit unter. Die Strass-
burger Rittersfrau ist das allerschönste Weib, „die ie kom zuo
mannes leib" VI 30. Vgl. Bosenplüt, Maler zu Würzburg Fsp. 1180.
in Verbindang. Mit Wackernagel, Litteratargeschichte I § 51, 1 dabei Nach-
ahmang des französischen „Seignenr, or faiteä pais^ anznnebmen, ist an-
nbtig. Vergl. § 54, 6.
87
Ein Becher, der mit Gold and Silber beschlagen ist, kostet bei ihm
12 Mk. (1 141) = 768 Galden, wenn 64 Golden auf die Mark ge-
rechnet werden, eine offenbare Übertreibung. Der teuerste
Becher, den die Stadt Augsburg 1460 auf dem Preisschiessen als
Kleinod aussetzte, kostete, wie Burkard Zink anmerkt, 12 alte
Gulden. Städtechron. 5, 102, 24. Den Ring der Bittersfrau (V 217)
schätzt der Dichter auf 8 Gulden, während der bei derselben
Gelegenheit ausgesetzte kostbare Ring 2 Gulden kostete. Schutze,
Ulrich von Zatzikhoven 11. Poetik Otfrieds 20 ff. Yolksmässig
ist auch die Heranziehung des Teufels^): 1246. 253. 265. 117.
276. XIII 516. XVni ist ganz der Teufelskomik gewidmet.
Vogt zu Salman 333, 3. „Zu des tiefeis kind", l 117, vergl.
besonders Salman und Morolf 514, 2 und Wolfd. A. 40. 4.
Rother 3235 „nu siet zö deme välande man'', vgl. 3374. 3113.
890. 1160. 4273. 4323. Im XVI. Gedichte werden, abweichend
von Berthold, die Teufel ähnlich wie bei Rosenplüt bald die
höllischen Knechte 284, bald die ungetreuen Höllenhunde 325, bald
die Höllenknaben 513. 660, bald die höllischen Mohren 559, bald
das Höllengesinde 610 genannt und so dem Zuhörer lebhaft ver-
gegenwärtigt.
Volksmässig im guten Sinne sind Stoff und Haltung der
XIV Novelle : „Die unschuldige Mörderin", schon derb zu nennen
dagegen die Novellen Xn und XIII, „Der Zehnte von der
Minne" und „Die bestrafte Ehebrecherin", und geradezu von
grotesker Rohheit der Novellenkreis (XI) „Der betrogene Ehe-
mann". Die Schilderungen sind hier sehr realistisch: XI 259 ff.,
wo statt „minnelich": „minneclich^, statt „setzt^ »lait^, statt
„neben" „under", statt „bei** (267) „ob" zu lesen ist; die in
meiner Abschrift enthaltenen Wörter gehören, wie mich Ver-
gleichung der Handschrift lehrte, dem Verstttmmler ^). XITT 496
*) Der Teufel in Verwünschungen: Weinhold, Altdeutsche Verwünschungs-
formein 674.
^) VI 28 lis: am; 32, 122, 238 hett; 38 erhal; 41 gemain; 40 rain;
47 seinen; 51 ain; 61 Des; 62 wart; 66 leiden; 68 Jrem; 90 Jetzo; 93 mü:
tu; 94 ze; 99 essens; 101 hint; 109 Geschossen; 264 tratt; VII 41 götlich;
54 warhait; 61 ttppikait; 62 werlich; 66, 101, 174, 254 des; 119 betruoht;
120 wuochs; 193 genzlich; 198 snochen; 200 suoch; 349 zanns; VIII 6, 10
was; 145 sind; 206 aigenlichen; 212 So; 375 sältsan; 442 allain; XI 49 nun
38
sagt sogar ein Ritter das bekannte volksmässige Wort fQr
„betrogen". Die Bilder^) sind durchweg aus dem Leben ge-
griffen, wie sie dem Gesichtskreis des gewöhnlichen Mannes
nahe liegen: um ein Haar 11 193. HI 85. V 389. Vn 117;
nicht ein Ei HI 156; zu Wind werden HI 682; wand ohne
Schwertstreich IV 172; schachmatt IV 304; ungenetzt geschoren
IX 101; der Minne Zoll und Sold XIII 148. XV 32; es geht
aus unserm Beutel VI 111; über das Seil werfen X 114;
den Halm vorziehen XV 15. GA. 49, 1190; falsch erklärt von
Bechstein zu Heinrichs von Freiberg Tristan 6644, richtig
GA. 55, 1257. Renner 12117.
Ganz in die niedrige Sphäre des bäuerlichen Lebenskreises
deuten die metaphorischen Ausdrucke und Vergleiche: er lief
hin und her wie ein wütender Hund XI 493 (sog. Seifried
Helbling 15, 844. GA. 24, 409. Bühelers Diocl. 5730); er
brüllte wie eine Kuh XI 495; alles, was er gegessen, machte
durch ihn eine Landstrasse XII 262; ich wünsch ihm alles
Unglück zum Leibgeding VI 293; er konnte das Ende der Messe
nicht erwarten VI 111, An wirkliche Messe ist hier virohl
nicht zu denken, sondern das Messehören ist das stehende volks-
mässige Bild für Langeweile und Ungeduld, die der gewöhnliche
des Lateins unkundige Mann besonders bei der Messe empfindet.
Eosenplüt Calender 261, Salman und Morolf 201: Mörolf wider
üf das gestule saz, er fluchte dem heidenschen pfaffen, daz die
r messe s6 lang was; er sprach „verteilter Sarrazin, was macht
du hüte gesingen? daz tüsent tüfel mit dir sin!"
Anschaulich sind die Bilder: der Spiess brennt XXIV 60,
nicht bei Schmeller belegt, aber sehr natürlich, wenn hölzerne
Spiesse benutet werden (vgl. Wander, Sprichwörterlexikon 4,
714, 46 f.); den Angel dauen XXIV 74. Schmeller I«, 445; die
Welt geht den Krebsgang XXIV 94 ; mit wirrem Haar, als ob
komen; 186 stond; 294 hett das; 339 grebnuss; 341 triuget; 475 schnait;
545 stud?; XII 157 von; 300 selbers; XIII 235 für; 270 vleiss; 404 Si sprach
zuo im; 498 aus?; XVI 221 wain; XVII 274 trait.
^) Was zweifellos oder wahrscheinlich den Quellen gehört, ist in Abzng
gebracht; z. B. II 204. XXVII 125; XXV 126 scheint „pettris" angeschickte
Übersetzung für paralysis (paralyticus). In den gereimten Traktaten gehört
dem Dichter wohl so gut wie nichts.
39
ein „windspraus" hineingefahren VIII 370. Schmeller IE 2, 950 f.
Mit einer Reibe von nabeliegenden Beispielen erläatei*t Kauf-
ringer VI 8 ff. XIX 49 ff. das Sprichwort : Besser ein Scbädlein
als ein Schade. Einen glücklich darchgefOhrten hnmoristischen
Vergleich macht IX 90 ff. der Chorherr. Die Angst vor dem
Schuster wird mit der Wirkung des Schweissbades verglichen,
wie XVIII 158 der Schüler Angst schwitzt. Aber von einem
wirklichen Schweissbade ^) erzählt das Oedicht nicht, so dass
unsre Stelle fUr die Geschichte des Badewesens kaum Gewinn
abwirft. Reiber wie Barbier, beides ist der rächende Ehemann.
Kochendörffer meint (Zeitschrift f. d. Phil. 24, 494), indem er
anerkennt, dass Reiben und Rasieren nicht stattgefunden, beide
Handlungen mttssten in einem solchen Bade möglich gewesen
sein, da sie gedacht würden. Aber der witzige Chorherr konnte
diesen Vergleich auch machen, wenn er in jedem beliebigen
andern Verstecke sich verborgen hätte. Eine notwendige, also
wissenschaftlich brauchbare Verbindung dieses Vergleichs mit
einer bestimmten Art des Badens liegt also nicht vor. Übrigens
steht der Zuber nicht in der Kammer, sondern davor IX 31.
Im Anschluss an metaphorische Ausdrucks weise mögen auch
die Wortspiele Eaufringers erwähnt werden, die ein volkstüm-
liches Behagen am einfachsten Witz verraten. Schon oben
sahen wir, dass Ohibellinen und Guelfen zu dem Wortspiel ,gelf
und gibling' herhalten mussten. IX 116 sagt der Dichter für:
er übte Vergeltung: er nahm das Widergeltlingen laid. Aus-
gabe S. VII. Ähnlich spielt er X 97 mit dem Worte „gelt",
VI If. mit „schade", VI 288 mit „wartman", XI 502 mit
„hallär", XII 248 mit „cläffner", wo aber (Ausgabe S. 222)
an CIävener (Haupt zu Engelhard 3894) anzuknüpfen war.
Noch die heutige Mundart liebt solche Spielereien. Schmeller,
Die Mundarten Bayerns 516. Über Wortspiele in der Spruch-
dichtung Roethe, Reinmar von Zweter 228. 334 f.
Ganz im Stil des alten Volksepos wird die Schönheit des
Kindes mit dem Leuchten des Mondes verglichen. Schütze,
Das volkstümliche Element im Stil Ulrich von Zatzikhovens
S. 15 f. Rother 71 f., aber auch Neidhart 58, 23. Nachlässig-
') Zeitschrift f. d. Phü. 27, 54 f.
40
keiten des Stils zeugen für wenig anspruchsvolle Zuhörer. Be-
quemes Anakoluth erscheint IV 38 ff. YII 40 ff., Konstruktion and
xoivov XIV 211. XIII 263. XV 4 f. Eine Art djib xotvov entsteht
durch Auslassung des neuen Subjekts. III 386 (im Vers vorher
ist „es** zu lesen), III 72; ein varegov tiqotsqov XIV 145.
Eaufringer baut seine Sätze, wie der Dichter des Wigamur,
gern parataktisch; z. B. XIV 45 ff. 274 ff. Verwickelte Kon-
struktionen fehlen ganz. Die Anrede ist bald Ihr, bald Da in
den Worten des Bischofs an den Bauren III 407 ff. 412 ff.
Unhöflsch sind Bitterspiele und Feste geschildert; so das
Turnier V 365 ff. Der Vergleich des leidenden Menschen mit
einem tumierenden [Ritter im XXVI. Gedichte gehört Seuse.
Die Feier der Feste wird mit Essen, Trinken, Musik und Tanz
bestritten. Besser als höfisches Wesen kennt er altbayerische
Feldwege (III) und schlechte Herbergen (I). Eine psycholo-
gische Charakterisierung der Personen wird kaum versucht; trotz-
dem gelingt es dem Dichter im XIV. Gedichte, den Hörer in
die Stimmung und Lage der Königin zu versetzen.
Völlig unritterliche Gesinnung und Mangel an tieferer Auf-
fassung lässt die Beurteilung sittlicher Probleme erkennen.
Davon zeugen das IV. und VI. Gedicht. Meist lässt er die
brutalen Thatsachen reden, wie im XIV., V., VIII., XL, XIII.
Gedichte.
Mehr als innere Konflikte liebt er den volkstümlichen
Humor, den wir schon beim Wortspiel und Vergleich wirksam
sahen. Dahin gehören Stellen wie I 173. 228. III 677. VI 237 flF.
XI 390. 529. 543 ff. XIII 306. XX 136. Bittrer Humor spricht
aus Äusserungen wie III 15 ff. Mehrere Novellen sind schwank-
haft gehalten: IX, X, XI, XV, XVIII.
5.
Manier.
Aus der Hinterlassenschaft Teichnerscher Gedanken und
Betrachtungsweise, aus Traditionen der höfischen Epigouendichter,
aus dem Erbe der volksmässigen Spielmannskunst: aus allen
diesen Elementen fügte der bayerische Dichter die Formeln
seiner epischen Technik zusammen und verwendete alsdann die
stereotyp ausgeprägten Wendungen in einer Ausdehnung, wie
^1
sie vielleicht in der ganzen Litteratur dieser Art einzig dasteht.
Hier grenzt die Kunst einerseits an das Kansthandwerk, andrer-
seits erinnert sie an das Verfahren der echten Volksdichtung.
Miklosich, Die Darstellung im slavischen Volksepos 26. Uhland,
Schriften 1, 390 f.
Um von den Wiederholungen eine Vorstellung zu geben,
stelle ich eine Konkordanz der >vichtigsten Entsprechungen zu-
sammen, wobei ich wörtliche und stilistische Wiederholungen
unterscheide. Bei den Wiederholungen der ersten Art ist auf
geringe Abweichungen wie ,er sprach" und „sie sprach" u. ä.
keine Bttcksicht genommen; die Wiederholungen der zweiten
Art grenzen oft an die ersten, ohne dass ein ganz durch-
greifender Unterschied gemacht werden kann, entfernen sich
aber im allgemeinen weiter von einander.
A.
I 57 = m 461. — I 62 = IV 182; vergl. XI 112.
— I 88 = 140; vergl. 168 und oben Beteuerungen. — I
180 = VIII 268. — I 216 = II 212; vergleiche Tagwerden.
— I 277 = III 167 = 571 = IV 331 = V 475 = XIII
483; = XIV 687 = V 723 = X 57. — I 300 = XIV 362. —
I 448 = II 270; vgl. Seeligwerden. — 11 26 = IV 239. — III
54 = XXni 37. — m 76=X 78. — III 220=160. vgl. I
380. XI 511. — III 365 = XUI 335 = XIV 11. — m 389 = XI
93. — III 402 = IV 32 = VHI 122 = V 136 = 492 = VII 102.
— m 462 = XIV 462. — IH 514 = IV 76. — HI 564 = XXI
3. — IV 11 = Vn 339. — IV 26 = XIH 454 = XXQI 68. —
IV 54 = XI 44. — IV 55 = XXIII 118. — IV 56 = XI 34. —
IV 75 = XXIII 113. — IV 187 = V 247 = XIV 197 = XX
124. — IV 239 = VII 379 = IX 7 = X 4. — IV 262 = IX 16.
— IV 275 = IX 144 = Xni 303. — IV 298 = VI 143; vergl.
Vin 404. — IV 340 = V 18 (252) = VI 34 = VIH 122 =
XIV 260; vgl. III 540. 578. VHI 186. — V 174 = XIV 336 = 528.
— V 302 = XI 86; vergl. XIH 247. — V 336 = 412 = VI 106
= 274. — V 379 = VI 201 = VU 385 = XI 318 = XIV 229 =
331. — V 530 = vn 30 = 55 = IX 258 = X 78 = 96 = XI
44 = 284 = XVI 58 = XXI 62 ; vergl. XI 352. — V 752
= XIV 176. — VI 24 = XIII 251; vergl. VI 275. — VI
71 = IX 200. — vn 25 = Xm 144 = XII 214; vgl. III 80.
42
— Vn 100 = 137. — VII 372 = IX 262; vergl. Schlussformeln.
— Vm 4 = 282. — Vm 446 = XII 292 = XIII 186. — IX
68 = XI 168. — IX 262 = X 90. — XI 525 = XIH 339. —
XIII 207 = XVm 47. — XIV 169 = 433. — XIV 318 = 640-
XVI 141 =495. — XVI 792 = XVH 314 = XVHI 204 =
XIX 170 = XX 186 = XXI 122 = XXII 80 = XXHI 196 = XXIV
104 = XXV 258 = XXVI 178 = XXVII 152. — XVHI 1 =
XXII 1. — XX 30 = xxm 30. — xxrv 21 = xxvn so.
vgl. XXVI 172. — Insgesamt über 180 Verse, der mittleren
Länge eines ganzen seiner ersten Gedichte entsprechend.
An Halbversen sind III 685 = XIV 746 = 737; vergl. XX
4. — IV 277 = Xn 239.
B.
Eine noch grössere Fülle von minder genauen, meist
stilistischen Entsprechungen ist an zweiter Stelle zu ver-
zeichnen.
I 9 - 19 . 31 - IV 25 . 54 - 191 - VIII 79 - XIV 650 .
XVn 12. — I 22 . 324. — I 39 » V 333; XIV 176 - XXIH
112. — I 51 . V 512. — I 72 . III 97. — I 76 . 440 . n 16.
I 82 ' XIV 100. — I 172 . III 132. — I 157 • XVH 77. —
I 166 . IV 292 - XIV 239. — 1 190 . V 376 . 641. — I 216 . V
258. — I 233 . ni 115 . 596; vgl. Beteuerungen. — I 237 - IV
119. — l 250 » 447. — I 353 . V 42 . 146 - XXII 29. —
I 438 .- III 493. — II 9 f. . XVII 1 f. — II 67 • VII 353. —
II 117 f. . VI 25 f. — II 193 s III 85 — II 228 - XIV 474.
— II 254 f. « XIX 50 f. — II 272 - XI 88. — IH 5 .
VII 2. — ni 13 . xn 82. — III 28 « VIII 158. — IH 80 - VH
25 . XII 42. — III 99 . xxm 51. — IH 128 • VIU 342. —
III 153 f. . IV 107 f. — III 236 » XIII 86 • 115. — III 298 . XI
437 . 546 - XV 8. (Schmeller, Bayer. Wb. II* 428). — IH
389 » IV 119 . 326. HI 440 - IV 302 . VII 76 « 111 .
XI 369. — III 564 f. . XXI 2 f . — IH 640 . XIII 445 . XIV
38. — III 715 - VIII 449 . 495. — III 722 - XIX 1. — IV
4 * VIII 94 « 170. — IV 34 . VII 382 • VIII 24. — IV 36 . VI
53 . VII 22 . Xn 223 » XXI 33. — IV 55 . XXIII 118. —
IV 89 s V 566 = "V^I 355 . IX 135 » XIII 116 . 122. — tV
98 . VIII 380. — IV 135 - V 20. — IV 151 . VHI 427. —
IV 179 f. . XII 37 f. - Xm 141f. — IV 197 f. - V 533 f. - VH
43
81 f. . Vm 373 f. r XVin 123 f. — IV 237 . IX 11. — IV 338 . V
82. — IV 288 . IX 64 - XI 134. — IV 292 . V 663 • XIV
240. — IV 294 - XIV 610. - IV 295 = V 550 f. — IV 306 . XIV
398. — IV 324 . VI 266. — V 13 . XIH 182. — V 51 - VI 158 .
VII 28 - XI 110. — V64 . VII 56. — V 146 . XI 126. — V
175 . XI 105. — V 176 . VII 378. — V 180 . VIII 246 • XIV
236. — V 189 . 725. — V 231 . 198 • 146 . XIII 378 . 384.
— V 240 . VII 286 ' II 56. - V 255 - XIV 64. — V 334 . XI
255 . XIV 175 . XXIII 111. - V 354 . XIV 25. — V 724 . VI
250. — V 751 . XII 325. — V 766 - VII 406. — VI 25 f. .
98 f. . IX 1 f. . XVI 145 f. - VI 62 . VII 64. — VI 87 t -
XIV 105 f. — VI 192 . XIV 188. — VI 220 . XIV 272. —
VI 224 . VII 193. — VI 226 • XVI 536 . XVHI 144 . XXIH
96. — VI 244 . Xn 290 . Vn 274. — VII 20 . 60 . 88 . 168 -
176. — VII 166 . VIII 119. — VII 246 • XVHI 174. — VII
251 . XIV 757. — Vn 374 . VIII 228. — VII 381 - XIV
237 - 241. — vm 9 - 69 . 75 . 325. — VIH 44 - 328 . XXHI
19. — VIII 80 - 329 . 461. — VHI 384 . XHI 83. —
Vni 468 . Xm 287. — Vni 506 - X 116. — XI 85 - XIII
58. — XI 96 . XVI 670 . XXVH 43. — XI 234 . XHI 215 .
XVm 135. — XI 258 . XX 47. — XI 281 - 549. — XI
399 . XV 1. — XII 12 f. . XIX 10 • XXIH 2. — XII 19 •
XVII 2. — Xn 87 - XIV 302. — XII 102 » 130 * XIH 13 f. —
XII 133 . XVI 109. — XIII 34 - XIV 498 . GA. 14, 872. —
Xni 252 . 220. — XIII 385 f . . XIV 34 f. — XDI 484 . XIV
40. — xm 493 . XIV 251. — Xm 502 - XIV 324. — XIV
2 . XXVI 22. — XIV 29 f. • XVHI 49 f. — XIV 135 - 370 • 376.
— XIV 378 . XXm 75. — 385 . XV 23. — XIV 395 f. - XVII
133 - 181. — XIV 620 - 738. - XVI 42 - XXVI 2. — XVI
781 = XXI 39. — XVII 2 . XXII 31. — XIX 50 . XXV 57 •
81. - XX 28 f. . XXm 28 f. — XX 89 f. - XXI 115 f. —
XXV 114 . 211 . XXVn 20 . 32 - 87 . 99.
Die oben in ihren Hauptzügen charakterisierte Technik
läuft bei Eaufringers eng begrenztem Gesichtskreis in Manier
ans. Wie er in den Umschreibungen des Begriffs an Konrad
von Würzburg anknüpfen konnte, ist S. 18 bemerkt. Hier gilt
es zu zeigen, in welch ungeheuerlichem Masse sich diese Um-
schreibungen zur Manier entwickelten. In erster Linie fallen
44
die Verbindungen mit „one" zur Umschreibung des Adverbiums
auf. Er verwendet on alle dro III 420. IX 190. XV 74. (GA. 15,
79.) — on alle sucht IV 104. — one has IV 160. XH 184.
XIII 352. XVI 409. XIX 78. — one neit XIII 156. — one
pein I 40. III 486. IV 252. — on (all) gevär (gevar) IV 241. 330.
V 96. 626. VII 103. 405. VIII 293. 358. IX 29. X 47. 67.
XII 23. 99. XIV 706. 759. XVII 5. 27. 76. 174. 313. XVHI 2.
— mit gevär VI 151. XIV 46. 658. XVI 107. XX 59. 67.
142. XXUI 101. XXIV 77. — on underlass III 447. IV 350.
Vm 257. Xn 161. XIII 247. 373. XIV 510. 565. 626.
XVII 20. 201. XIX 58. — on widerpart IV 105. — one (alle)
swär IV 263. VIII 408. XI 41. 501. 557. XV 85. 97. XXVH
151. — on endes zil III 552. IV 166. V 398. VIH 32. 65.
84. Xm 344. XIV 506. XVI 344. XXI 28. XXVH 3. — one
rew I 41. — on argen list V 4. VI 85. 221. VII 46. VIH 142.
IX 239. XII 78. 314. XIV 245. 515. 750. XVII 92. XX 164.
XXVII 69. — (mit argem list VII 185. XVI 159. 332.). —
one zal I 30. V 382. XIV 467. — on geprechte V 166. 452.
VII 224. 354. — on schrick VI 54. — on alle wal VIU 241.
XII 106. ~ on alle wer IX 212. — on (alle) missewend IX 206.
XI 77. Xra 258. XIV 212. XVI 632. 693. 765. — on under-
schaid XIH 278. XVII 8. XIX 111. — on widerker XIII 464.
XVII 15. 280. 305. XXII 70. XXIII 70. — on lougen XV 7. —
on argen wan XV 88. (mit a. w. XVI 454). — on allen spot
XVI 316. 459. XVII 44. 159. 180. XIX 29. sunder spot XXVI
103. — on underpind XVII 22. 203. XXIH 60. XXVI 108.
XXVII 85. — on scherzen XVII 129. — on allen wank XVII
131. XXVI 88. — on all gepär XI 182. — on all untrew
XII 112. — on alle sorgen XIU 214. — on mass XXVH 126.
— on alle peit V 92 VI 114. IX 115. XI 202. XU 206.
Xin 108. XIV 427. — one (allen) grauss I 136. IV 160.
IX 40. 194. XI 263. XII 211. 253. XIH 78. 240. 350. XVI
90. 112.
Der Umschreibung des Adverbialbegriffs dienen auch die
zum Teil schon miterwähnten entgegengesetzten Ausdrücke:
,mit gevär, mit argem list' u. s. w. Sie sind nicht so zahlreich
wie die negativen, immerhin aber maniriert häufig. So erscheint
mit (reichem) schaU II 96. 176. 198. XUI 326. 404. XVIH 182.
46
mit eile Y 376. (Rosenpiflt, Vom Pfarrer 111, 16 Fsp. 1115,
71.) Ein adjektivischer Begriff wird gern dnrch „voll" und das
entgegengesetzte „hol, los, lär" umschrieben; z. B. „voll": III
282. V 275. VIII 388. XH 21. XIV 620. 738. 228. XVIÜ
97. XIX 16. 137. XXin 114. XXV 102. XXVII 97. (Rosen-
plUt, Maler 1181, 17. u. ö.) „lär, hol, plos, los": UI 328 (an
Teichner anknüpfend). 376. XH 10. IX 64. XI 134. XH 22.
237. XVI 666. XIX 138. XXHI 13. XXV 101. 232. 267.
Zu Eaufringers Manier gehört die Umschreibung der Zeit-
angaben durch: ze (an) der frist I 113. II 207. 222. 279. 291.
III 21. 46. 100. 113. 429. 618. 673. IV 113. V 12. 70. 671.
VII 86. 222. 268. VH 7. 45. 85. 187. 271 u. o. zuo der (ze
diser) stund III 148. 387. 667. IV 164. 170. 193. 343. 433.
V 43. 161. 270. VI 69. VIII 104. XI 66. 98. 343. Xn 195.
XIII 348. 380. XIV 307. u. o. mit der vert in 260. 672. XI
24. Xra 273. XIV 262. XVUI 106. XX 94. auf (an) der stett
Xn 136. 320. Zuschlag bei Zahlenangaben, wie ihn das Volks-
epos ^) liebt (Schütze, Ulrich von Zatzikhoven 36), ist Eauf-
ringer zur Manier geworden. Ein Znsatz wie „oder mer" fehlt
fast nie. Vgl. II 105. IV 169. 342. V 87. 107. XIII 505. XVI
114. XXII 73. XXin 69. Unnötig häufig ist das breite „der
selbe (selbig)" (Roethe, Reinmar von Zweter 293). I 60. 345.
n 74. 135. III 81. 168. 356. 575. IV 41. V 99. 136. 303 f.
VII 108. Vm 100 IX 10. 24. 118. X 63. XU 7. 43. Xm 125.
446. XIV 18. 31. XVI 695. XVIII 8. XXVII 104. Die Vor-
liebe für das Wort „pflicht" in mannigfachen Verbindungen
streift an Manier. Vergl. U 43. III 418. V 204. 250. 315.
599. VI 64. vm 439. 456. IX 27. 74. X 115. XII 31. 306.
Xin 398. XIV 2. 452. XVI 378. 741. XVII 79. XVIII 190.
XIX 88. 141. XXI 90. XXIII 126. XXVI 22. Endlich möge
auf zahlreiche, oft recht unmotivierte Flickwörter hingewiesen
werden, die als ständiges Füllsel oder bequeme Reimwörter
wiederkehren, gar I 70. II 56. 68. 208. lU 319. 629. IV 65.
242. 406. 443. V 548. VI 182. 229. 234 und sehr oft. genz-
lich II 56. m 307. VI 182. 620. V 240. 296. VII 285. VIII
459. n. 0. gar und ganz m 704. XII 71. XV 96. schon II 132.
>) Auch bei Teichner LS. 84, 86.
46
n 262. V 497. 523. 529. 722. VEI 494. IX 145. 153. 196.
X 73. XI 203. 487. XII 153. 277. Xni 91. 263. 283. XIV
105. 309. 350. 503. 613. 723. u. ö. (Rosenplttt KeUer, Era. 187,
12. u. 0.) eben, vil eben, wol und eben, schon and eben: I 295.
II 245. 288. IV 178. 220. 412. 465. V 212. 704. VH 258.
335. 348. IX 45. 145. 156. 163. u. o. U 123. VII 286. 329.
Vm 487. IX 192 u. ö. I 423. VII 286. 329. VHI 487. IX
192 u. ö. VII 151 (Rosenplttt QF. 77, 149 f. Zu Kistener 302),
vil, vil ser: II 57. 109. V 288. VI 164. 173. 177. VH 260.
365. XI 296. XI 313. zehant II 147. IV 207. 250. V 209.
455. 503. 515. 553. 628. 668. VII 143. 212. 228. 278. 295.
332. 366 u. sehr oft. zwar II 13. 60. 80. 207. Hl 219.
227. IV 145. 329. V 169. 390. 395. 482. 699. und sehr oft.
fürwar II 50. VI 230. VII 99. 172. VIU 57. 65. 316. 417. u. 5.
offenbar I 100. n 13. 30. HI 109. 164. 329. 490. 576. u. o.
behend III 654. IV 439. XI 208. XIV 306. drat XVIH 122.
XX 17. 152. XXI 73. u. ö. gemain III 224. 243. IV 78. 83.
VI 38. Xin 416. XVI 61. 81. XVII 193. XXIV 65. ge-
mainclich XXIH 169. all geleich III 251. 286. X 108. XVI 487.
leise : weise IV 428. V 263. 310. 449. VI 117. VII 39. 239.
368. XI 241. 327. XÜ 43. Xni 231. XIV 153. 355. 521. 589.
XVI 77. 501. XVII 23. XVIII 63. XXIII 99. do : also I 411.
II 89. 103. IV 147. 317. V 141. 227. 607. 673. 695. VI 279.
VII 73. 253. 337. 343. 387. VHI 308. IX 57. 185. 323. XU
295. XIV 35. 217. 691. XV 73. XVII 25. 71. XVm 51. XX
85. XXI 67. XXIII 103.
Den älteren Parallelismus zerstört „und auch": U 113. IV
276. V 117. VI 250. VII 44. XI 242. XH 205. XIII 203.
u. 0. und darzuo: V 39. 51. 117. VII 67. VIH 22. u. o.
Formelwesen und Manier bestätigen die Schlüsse, die aus
der Verskunst auf die Chronologie der Eaufringerschen Sprttche
zu ziehen sind; in den geistlichen und moralisierenden Sprüchen
sind Manier und Formel noch wenig und unvollkommen ent-
wickelt, in den Novellen auf der Höhe ihrer Ausbildung. In
der Verskunst lässt sich dementsprechend eine Entwickelung
verfolgen, die von ziemlich unbeholfenen Anfängen zu einer für
seine Zeit immerhin achtnngswerten Kunstfertigkeit führt. Am
tiefsten steht Nummer XXVI ; der Dichter ringt mit der Sprache
47
und dem Rhythmus. Es herrschen überladene Fttsse und un-
geschickt versetzte Betonung, z. B. 39, 43, 45, 46, 67 f., 69 ff. und
so fort. Pauls Grundriss IT 1, 945. Es reimen noch gelust:
durst XXVI 25, während Kanfringer später derartige grobe
Fälle mundartlicher Freiheit streng verpönt. Über diese Stufe
erheben sich etwas das XXV., XVII. und XVI. Gedicht. Im
XXV. gibt es noch Verse wie : 206 Die gab der gotlichen ver-
stantnuss. 211 Das er mit trunkenheit ist umbgeben. 215 Vinum
et ebrietates aufferunt cor. Über Sprache und Verskunst S. 1 1 f.
Diese Gedichte, denen sich Nr. XXVII, XIX, XXII auschliessen,
sind auch inhaltlich wohl am unselbständigsten. Dann folgen
seine moralisierenden Sprüche und Legenden. Am gewandtesten
sind die Novellen.
IV.
Quellen.
Die folgenden Untersuchungen über die Quellen des Dichters
haben es nicht mit der Stoffgeschichte als solcher zu thun,
sondern mit der Frage nach Eaufringers dichterischer Indivi-
dualität. Seine individuelle Leistung war an der Überlieferung
und an den Quellen zu messen. Dabei kommt es schon im all-
gemeinen nicht auf massenhafte Parallelen an; spätere Über-
lieferung brauchte eigentlich gar nicht herangezogen zu werden,
wenn die frühere reichlich vorhanden war. Fehlte diese aber,
so musste sie aus jener erschlossen werden. Wie ich zu ver-
fahren versuche, habe ich im Anzeiger der Zeitschrift für
deutsches Altertum 41, 56. 267. 269 f. angedeutet. Von dog-
matischen Verallgemeinerungen ist grundsätzlich abgesehen.
Dazu gehört auch die Ansicht von Wilamowitz, der in dem
Novellenschatz des Orients und des Mittelalters das Erbe des
Hellenismus sieht. Rohde hatte sich vorsichtiger darüber aus-
gesprochen. Das Forschen nach einer einzigen Quelle, nach
einer Urheimat dieser oft grundverschiedenen, vielgestaltigen
Überlieferungen beruht auf einer Verkennung ihrer Be-
schaffenheit.
Dankbar gedenke ich der Förderung, die diesem Kapitel
durch den unvergesslichen Reinhold Köhler und Johannes Bolte
48
zu Teil geworden ist. Übrigens gilt ganz besonders für dieses
Gebiet litterarischer Forschung Bacos Wort: Multi pertransibunt
et augebitur scientia.
1.
Der Einsiedler und der Engel.
Heinrich Eaufringer hat sich hier mit Glück in der Dar-
stellung eines Legendenstoffes versucht, der noch heute fortlebt
und sich bis in die ersten Jahrhunderte unsrer Zeitrechnung
zurückverfolgen lässt, wie es mit ebensoviel Geschmack als
Gelehrsamkeit Gaston Paris in der Sitzung der Pariser Aka-
demie vom 12. November 1880 (Comptes rendus des s6ances
de l'annee 1880, IV« s6rie, tome VUI, Paris 1881, S. 427—453)
gethan hat.
Der Stoff ist dem Äbendlande aus dem Osten zugekommen.
Die älteste Gestalt desselben ist von Gaston Paris in einer
jüdischen Erzählung nachgewiesen ; der darin auftretende Josua
ben Levi lebte im dritten Jahrhundert nach Christus. Ihr In-
halt ist folgender:
Elias, der mit dem Rabbi Josua wandert, tötet die Kuh
eines Armen, der die Pilger bewirtet hatte, baut einem un-
gastlichen Reichen über Nacht einen Palast, und einer Stadt,
in der sie ungastliche Aufnahme fanden, verleiht er die Gnade,
dass alle ihre Kinder zu Oberhäuptern werden, während er in
einer gastlichen Stadt nur ein einziges Kind zum Oberhaupt
bestimmt. Endlich erhält der Rabbi Aufklärung über Gottes
geheimnisvolle Ratschlüsse.
Mit dieser Erzählung hat das leider verstümmelte hundertste
Stück der Isländischen Legenden, Novellen und Märchen aus
dem 14. Jahrhundert, die Hugo Gering herausgegeben hat, den
bemerkenswerten Zug gemein, dass die Kuh gastlicher Leute
getötet wird.
Jüdischen Ursprunges sind wohl auch die orientalischen
Versionen und die 18. Sure des Korans (ÜUmann^ S. 246), in
welcher John Dunlop den Keim unserer Legende sah. Dunlop-
Wilson 2, 269. Dunlop-Liebrecht S. 312. Wie in der jüdischen
Version Elias einem ungastlichen Reichen einen Palast baut,
so richtet in der arabischen Erzählung der Prophet AI Chidr,
_49
der Begleiter des Moses, eine den Einsturz drohende Mauer
auf; sonst gehen beide Überlieferungen vielfach auseinander.
Reich entwickelt ist dieser Stoff, abgesehen von der schon
erwähnten nordischen Fassung, in den Bearbeitungen des späteren
Mittelalters. Reinhold Köhler und Hugo Gering zu den Is-
lendzk iEventyri, Band 2, Halle 1884, S. 249. Bächtold, Deutsche
Handschriften 78. Reinhold Köhler, Kleinere Schriften, heraus-
gegeben von Johannes Holte. I 148. 678. 581. Fränkel, Engl.
Stud. 20, 110—116. 21, 186—188. Anzeiger f. d. A. 41, 54 ff.,
Zeitschrift f. d. Phil. 31, 349 ff.
Während sich keine mir bekannte Version genau mit
Kaufringers Überlieferung deckt, steht diese doch dem 220.
(Dick, nach Österleys Ausgabe 80.) Kapitel der Gesta am
nächsten.
Dass Erzählungen der Gesta zu des Dichters Zeit und in
des Dichters Gegend verbreitet waren, lässt sich nachweisen.
Dem 14. Jahrhundert gehören, ausser mehreren Innsbrucker
Handschriften, auf österreichischem Gebiete Handschriften aus
Kremsmtinster und Klosterneuburg an. Österley, Gesta Ro-
manorum, Berlin 1872, Nachtrag S. 751. Von den vier Mün-
clieuer Handschriften, die Wilhelm Dick verglichen hat,
stammen zwei, allerdings im 15. Jahrhundert entstandene, aus
Tndersdorf in Oberbayern, eine vom Jahre 1419 aus Tegern-
see und die vierte, vom Jahre 1457 datierte, aus Gmünd am
Tegernsee.
Auch deutsche Bearbeitungen gab es bekanntlich schon im
14. Jahrhundert; ja Wilhelm Wackernagel war geneigt, solche
schon dem 13. Jahrhundert zuzusprechen, Hess sich aber freilich
wohl von der Voraussetzung täuschen, dass die Gesta Roma-
norum deutschen Ursprungs seien. Gesta - ähnliche deutsche
Erzählungen, die dann, wie die lateinischen (Österley a. a. o.
S. 254 f.), meist ungenau zitiert wurden, gab es jedenfalls schon
im 13. Jahrhundert. Lanzelet V. 8000 heisst es: „nach Roraaere
buochc sage**. Hugo von Trimberg verweist im Renner 22750
auf <lie Bücher ,der Romaere tat'. Heinrich Teichner beruft
sich bei Karajan, Über Heinrich den Teichner S. 25 des Sonder-
druckes Anmerkung 27 für die Sage von Crescentia auf eine
Quelle, die er „der Romaere buoch" nennt, wahrscheinlich die
Euling, Heinrich Kaofrlnger. 4
60
Kaiserchronik. Eine deutsche mttndliche oder schriftliche ^) Oesta-
Erzählung mag Eaafringer benutzt haben ^.
Wenn wir nun das Verhältnis Eaufringers zu der ihm am
nächsten stehenden Fassung dieser Erzählung im Eap. 220 (Dick)
der Gesta Romanorum untersuchen, so ist von vornherein her-
vorzuheben, dass besonders der mündlichen Überlieferung der
weitgehendste Einfluss auf die Gestaltung der Stoffe eingeräumt
und mit der Möglichkeit verlorener Mittelglieder in der Über-
lieferung gerechnet werden muss. Auch im XIV. Gedicht weist
die Stoffüberlieferung auf eine verlorene oder unbekannte Gesten-
Sammlung hin, die mit der englischen Version (The early
English versions of the Gesta Eomanorum. hg. von Herrtage.
London 1879) Verwandtschaft hat. Man wird also nie ohne
Weiteres annehmen können, dass jede Abweichung der beiden
verglichenen Fassungen nur von dem betreffenden Autor her-
rühre. Vergl. Euphorion 6, 464. In der Einleitung der la-
teinischen Fassung wird eine ziemlich unwahrscheinliche und
gesuchte Motivierung für den Wunsch des Einsiedlers, die Welt
zu durchwandeni, gegeben. Einem schlafenden Schäfer sind
seine Schafe gestohlen, der erzürnte Herr tötet den Unschuldigen.
Kaufringer dagegen lässt den Trieb nach Erkenntnis, welcher
den Einsiedler bestimmt, seine Klause zu verlassen, nicht erst
zufällig durch ein äusserliches Ereignis erwachen. Es heisst
I 16 ff.: „Den selben pruoder ward belangen
Nach den wundern, die got tuot.
Er nam im für in seinem muot,
Er wölt ir komen an ain end,
Und huob sich auf gar behend
Und weit all die weit durch gan".
In diesem Punkte schliesst sich Kaufringer an die beiden von
Rohde S. 32 und 34 abgedruckten lateinischen Fassungen bei
Wright und im Codex Sachse an.
Bei der nun beginnenden Wanderung gibt sich in den la-
teinischen Fassungen der Engel sofort zu erkennen, wodurch
^) Nach den Worten Kaufringers 1, 10 „Als ich von ainem haun yer-
nomen'' lässt sich das nicht entscheiden. Vergl. IV 26.
^) Sehr beachtenswert ist, was Hertz, Spielmannsbnch ^ S. 48f. Über das
ursprüngliche Verhältnis von Prosa-Erzählung und Versnovelle sagt.
51
das Moment der Spannung, mit dem wir in der deutschen Er-
zählung dem Schlüsse entgegensehen, vollständig in Wegfall
kommt. Diesen Vorzug hat Kaufringer mit den vorzüglichsten
Bearbeitungen dieses Gegenstandes, mit dem bekannten alt-
französischen conte devote, mit Parnell, Voltaire und vielen
Andern gemein. Rohde S. 28. 49. Die Reihenfolge der Er-
eignisse ist in der Gesta diese: Erwttrgung des Kindes, Ent-
wendung des Bechers, Ertränken des Führers und Verschenken
des Bechers. Offenbar entspricht die Anordnung der deutschen
Legende mehr den Forderungen einer angemessenen Steigerung
und eines wirkungsvolleren Abschlusses, wenn sie das Ver-
schenken des Bechers an dritte Stelle rttckt und das Ertränken
des Fremden bis zum Schluss aufspart.
Vergleichen wir jetzt die einzelneu Ereignisse. In den Gesta
erscheint ein ritter (miles), bei Kaufringer, dem bürgerlichen
Charakter seiner Dichtung entsprechend, ein reicher, frommer
Bürger. Bei dem deutschen Dichter geschieht der Mord morgens
beim Abschied, und der Einsiedler tadelt die That sofort.
Verrät sich hier natürliches Empfinden, so vermissen wir dieses
in der lateinischen Erzählung, die den Mord um Mitternacht
geschehen und den Einsiedler dabei nur im stillen zu sich sagen
lässt: „Iste angelus non est, sed est dyabolus in specie hominis
et opus dyabolicum perpetravit". — „Tamen non fuit ausus de
hoc sibi loqui — " setzt der Erzähler hinzu. Die Reise wird
fortgesetzt, man kommt mit Kaufringer wieder zu einem ein-
fachen Biedermanne, in der lateinischen Erzählung zu einem
alius miles. Hier erfährt man: angelus . . . circa mediam
noctem (wie oben) surrexit et furtive cyphum abstulit et secum
portavit; der Gefährte hat zwar wieder seine eigenen Gedanken,
wagt aber auch jetzt nichts zu sagen. Im deutschen Gedichte
bricht hier ernster Zwist zwischen den Pilgern aus.
Wenn nun in den Gesta ein Armer, der ihnen begegnet
und dann den Weg zeigt, in den Fluss gestürzt wird, der Ein-
siedler aber wiederum kein Wort des Tadels findet, so ist das
unnatürlich. Die Pilger werden dann von einem reichen Manne,
bei dem sie Obdach suchen, in einen Schweinestall gewiesen,
wofür er den Becher erhält. Nun kann der Einsiedler nicht
mehr an sich halten und sagt zu dem Engel: ,Ad deum t^
4*
52
recommendo , amplius tecum expectare volo'. Eine lauge Rede
des Engels mit den nötigen Erklärungen beschliesst das latei-
nische Stück.
Anders der deutsche Erzähler. Der Becher wird an einen
Kneipwirt verschenkt, der Schweinestall uns erlassen, wie im
codex Sachsse und in Wrights Legende. Das Zerwürfnis
zwischen den Wanderern verschärft sich. Endlich, als der
Fremde auf der Brücke ertränkt wird, bricht der Konflikt mit
aller Gewalt los.
I 303: „Der pruoder schrai lutt: Waffen!
Wie ist got so entschlauflfen.
Das er an dir nit rechen wil
Die bosshait, der du tuost so vil!
Zwar ich will mit dir nicht raer
Fürbas gaun weder hin noch her".
Nach kurzem angemessenen Dialog gibt sich der Engel
zu erkennen. Die Erklärungen besagen in der lateinischen Le-
gende: der Hirt sei getötet zur Busse für seine Sünde; das
Kind erwürgt, weil der Vater nach der Geburt des Kindes die
guten Werke unterlassen (,maximus elemosynarius erat'); der
Führer sei ertränkt, weil er im Stande der Gnade gewesen,
aber bald gesündigt haben würde ^); der Becher gestohlen, weil
der miles aus dem Becher sich stets betrunken hätte. Wenn
dagegen Kaufringer motiviert, Vater und Mutter hätten ob ihres
Kindes Gott vergessen und seien ganz in den Sorgen für die
Zukunft des Sohnes aufgegangen, der Becher aber sei ungerecht
erworbenes Gut gewesen und der Kneipwirt habe für das wenige
Gute, das er gethan, doch auch belohnt werden sollen, so
ist es nicht zweifelhaft, welche Motivierung den Vorzug
verdient.
Fassen wir die angedeuteten Momente zusammen, so er-
scheint die farblose Skizze der Gesta bei dem deutschen Dichter '
nicht übel koloriert, vertieft und belebt. Die Vorgänge sind
treffend lokalisiert; vergleiche I 194 ff.; die Charakteristik des
Einsiedlers sowie der andern Personen ist wohl gelungen ; viele
*) Rascher Tod nach der Busse gilt als Glück. Gering, Tslandzk JSven-
tyri Nr. X: der Räuber Yilchin, und die Nachweisuugen dazu. 2, 21fr;
53
individuelle Züge*), psychologische Erwägungen, Sprichwörter
heben die Stimmung der Personen hervor; es fehlt nicht an
Einheitlichkeit, die bei so vielen Bearbeitungen dieses Stoffes
durch Anhäufung der Abenteuer und mangelhafte Anordnung
gestört ist. Man kann nicht umhin, alle Änderungen den Gesta
gegenüber als Verbesserungen zu bezeichnen. Die Betonung
der Treue bei Kaufringer (I 37 flf. 312 flf. vergl. Kunz Kistener,
Jakobsbrüder 33 ff.) scheint ein eigentümlich deutscher Zug zu
sein, welcher den fremden Bearbeitungen fehlt.
2.
Der bekehrte Jude.
Ein Jude, welcher zur Zeit einer allgemeinen Judenbe-
kehrung seinem Glauben hartnäckig treu geblieben ist, über-
nachtet einst, in allen Häusern und Herbergen abgewiesen, in
einer verfallenen Synagoge. Da sieht er gegen Mitternacht zu
seinem Entsetzen, wie die Teufel unter Lucifers Vorsitz sich
daselbst versammeln, um von ihrer Thätigkeit Rechenschaft zu
geben. Nachdem der eine gemeldet, er habe grossen Mord an-
gestiftet, ein anderer, ein Eremit sei durch ihn verführt, sagt
ein dritter, es sei ihm schon zum Teil gelungen, den Papist zum
Umgang mit einer Frau zu verleiten; in einem halben Jahre
werde er ihn vollständig in seiner Gewalt haben. Diesem Teufel
verspricht Lucifer, nach Belohnung der übrigen, seine eigene
Krone und Gewalt. Die furchtbaren Teufelserscheinungen aber
jagen dem versteckten Juden eine solche Angst ein, dass er
sich bekreuzigt. Nun fliehen die höllischen Geister davon. Am
Morgen zieht der bekehrte Jude zum Papste, der ihn tauft, ihn
an seinem Hofe behält und sich selbst bessert.
Diese Legende beruht auf der Verbindung einer Erzählung
des h. Gregor von der Bekehrung eines Juden mit dem Bericht
von einer Teufelversammlung aus den Vitae Patrum. Vergl.
Gaston Paris in der Histoire literaire de la France 28, 200 ff.
') z. B. der ärgerliche Humor I 171:
,Sol ich bei dir nun sein unlange,
So mög wir werden baid erhangen.
Damach ich nie gerungen han'.
Vergl. 228.
54
und Legenda aurea S. 609 ff. Oraesse. Die Eenutnis beider
Stellen verdanke ich einem Nachweise Reinhold Köhlers.
Im 137. Kapitel des Jacobus a Voragine wird nämlich von
Andreas, dem Bischof von Fundi, berichtet, er habe eine geist-
liche Frau bei sich wohnen lassen, und unerlaubte Wflnsche
seien in ihm aufgestiegen. Nun sei ein Jude nach Rom ge-
kommen und habe im Tempel des Apollo dasselbe erlebt, was
die Inhaltsangabe oben andeutete. Bis hierher folgt Jacobos
a Voragine dem Gregorius (Dialogi 37). * Jetzt schiebt er einen
Bericht über die Teuf elsversammlung ^ nach den Vitae patrum
(S. 580. 576. 566.) beispielsweise ein, um seinen Lesern ein
Bild solcher Verhandlungen zu geben. Die Ausführungen in
der deutschen Novelle weichen insofern ab, als statt des hier
auftretenden ei*sten Teufels bei Jacobus, deren zwei erscheinen,
welche mit ganz ähnlichen Thaten wie bei Kanfringer, nach
der Ansicht Lucifers zu lange Zeit hingebracht haben und
deshalb bestraft werden. Der Teufel aber, welcher den Ein-
siedler verführt hat, wird belohnt, trotzdem er vierzig Jahre
darauf verwandt hat. Nunmehr kehrt Jacobus zu Gregors
Berichte zurück. Es folgt die Geschichte des Andreas, die
Entdeckung des Juden, welche mit den Worten: „vere vas*)
vacuum, sed signatum" begleitet wird, die Flucht der Teufel,
die Warnung des Bischofs und Taufe des Juden. Auf der Le-
genda aurea beruht die von Reifferscheid in der Zeitschrift für
deutsche Philologie 6, 433 mitgeteilte Erzählung aus dem
Seelen tröste. Dieselbe Fassung weist G. Paris in Nr. 21 des
Libro de los exeniplos nach. Die eine Legende, in welcher nur
die Macht des Kreuzeszeichens bewiesen werden soll, habe ich
in der Ausgabe S. 239 auch aus Brun von Schonebeck ange-
merkt und abdrucken lassen, da ich damals noch nicht wusste,
dass Fischer in seiner Monographie über Bruns Hohes Lied
S. 121 die Stelle schon ausgehoben hatte. Jetzt s. Brun von
Schonebeck hg. von Fischer 9783 flf. Aus dem Gedichte De
triumphis ecclesiae des Jean de Gallande ist dieselbe Legende
von Gaston Paris a. a. 0. nachgewiesen. Vergleiche noch
») Vergl. Germ. Abb. 17, 109 ff.
») Kaufringer II 204. XVIK 139. 155. Renner 9690.
66
Zeitschrift für deutsche Philologie 6, 441 : ,Vaii ßnen jode*
aus dem Spieghel der leien. Mit dem Kreuzeszeichen kämpft
Parzifal gegen den Teufel im Rappoltsteiner Parz. 726, 16 ff.
741, 24 ff. 745, 27 ff. jedesmal mit überraschendem Erfolg; ebenso
Boors 804, 45 ff. Die Versammlungen des Teufel und ihre
Verhandlungen wurden gern gehört und gelesen. In Kellers
Erzählungen erscheint solchen Inhalts ein Teufelsbuch S. 19 ff.
Ich erinnere ferner nur an die Faustsage und Macbeth. Der
andere Zug der Legende, die Errettung eines frommen Mannes
aus grosser Gefahr für sein Seelenheil, ist auch in der Legenda
aurea Kapitel 2, 9 und in der Erzählung vom Bruder Rausch
V 202 ff. verwandt. Dort ist der heilige Andreas der Retter,
hier ein Bauer, welcher in einem hohlen Baume übernachtend,
dem Teufelrate beiwohnt und dann den Abt des Klosters rettet.
Vollständig in einander verarbeitet, wie bei Kaufringer, sind
beide Motive in der französischen Erzählung Wilhalms bei G.
Paris a. a. 0. S. 201. Von der deutschen Fassung abweichende
Züge sind folgende: Der Jude übernachtet in einem Apollo-
tempel; der erste Teufel stiftet Unfriede bei einer Hochzeit,
wobei die Eheleute erschlagen werden. Der zweite hat in
7 Jahren mehr als 1000 Schiffe zu Grunde gehen lassen. Beide
werden bestraft, da sie nicht genug gethan. Der dritte aber
hat einen Bischof verführt. Von unmittelbarer Abhängigkeit
Kanfringers der französischen Legende gegenüber kann keine
Rede sein. Es ist vielmehr auch hier anzunehmen, dass deutsche
Prosabearbeitungen oder mündliche Überlieferung die Ver-
mittlung zwischen den Quellen und Kaufringers Fassung über-
nommen haben.
Inbetreff der Rauschsage, (Euphorion 4, 756 ff.) die schon
von Gering in den Bemerkungen zu den ^vent^ri XXVI als
eine Sage mönchischen, nicht mythischen Gepräges nachge-
wiesen ist, möchte ich, um den Glauben an die deutsche Heimat
und den germanisch-mythischen Ursprung der Sage noch mehr
zu erschüttern, hinzufügen, dass sie auch im Indischen vor-
handen ist. Ein Drache Hess sich nach dieser Sage in einem
buddhistischen Kloster als Mönch aufnehmen und verursachte
den Mönchen allerlei Ungemach. Landau, Quellen des Deca-
merone 242. Die Heimat der deutschen Sage war für Schade, der
56
im Weimarischen Jahrbuche 5, 380 darüber gehandelt hat, un-
zweifelhaft das frühere Kloster Esrom auf Seeland in der
Diöcese Roschild, obgleich weder die älteste Bearbeitung, das
niederdeutsche Gedicht, noch die dänische Sage oder das eng-
lische Volksbuch den Namen kennen. Nur die hochdeutschen
Bearbeitungen nennen alle Esrom. Die andern von Schade
S. 380 f. angeführten Zeugnisse stammen erst aus dem 17. und
18. Jahrhundert; und wenn in dem von Schade zitierten Werke
Marmora Danica. Hafniae 1739. 1. 198 f. gerügt wird, dass das
gereimte dänische Volksbuch die Sage nach Sachsenland ver-
setze, so klingt das sehr verdächtigt). Auch Hödeken, der
Hildesheimische Kobold, verübt ganz ähnliche Streiche wie
Bruder Rausch. Seifart, Sagen, Märchen, Schwanke und Ge-
bräuche aus Stadt und Stift Hildesheim. Hildesl^eim 1889.
S. 61 If. erste Ausgabe S. 182. vergl. Heinrich Teichner in der
von Karajan S. 106 angegebenen Stelle.
Auf die Fassung der Legende scheint die Zeit der Juden-
verfolgungen und Judenbekehrungen nicht ohne Einfluss gewesen
zu sein. Gerade im 14. Jahrhundert erreichten diese Unruhen
ihren Höhepunkt. Riezler, Geschichte Bayerns 2, 522 ff. 3, 22.
Aus etwas späterer Zeit Städtechroniken 5, 162, 24 ff.
3.
Der verklagte Bauer.
Der Pfaffe und der Richter^) eines Dorfes verabreden unter
sich, einen rechtschaffenen reichen, aber kargen Bauern, welcher
um die Gunst beider sich gar nicht kümmert, gefügig zu machen.
Folgender Umstand kommt ihnen zu statten. Ein fürchterliches
Unwetter hat die Felder verheert und viele Menschen unglücklich
gemacht. Der Bauer aber behauptet öffentlich, dass es ein
*) Heinrich Anz, Euphorion a. a. 0. bleibt bei deutschem bezw. dänischem
Ursprünge. Man wird auch hier den Inhalt nicht als Ganzes zu betrachten,
sondern in seine Grundzüge zu zerlegen haben. Vergl. jetzt Anz im Nieder-
deutschen Jahrbuch 24, 76 ff.
'^) Die Rechtsprechung weist auf oberbajerisches Landrecht, Riezler,
Geschichte Bayerns 3, 687. Über die bischöflichen Hofgerichte Scholz, (be-
schichte der d. Schriftsprache in Augsburg S. 22 f. Die Bauern lebten in
nicht ungünstigen Verhältnissen. Riezler S. 802.
57
I
gutes Unwetter gewesen sei. Der PfaflF hält ihn nun für einen
Ketzer, und als der Bauer am nächsten Sonntag auf dem Kirchhof
während des Gottesdienstes mäht, erklärt der im Gottesdienste
gestörte Pfaffe vom Altar her, dass ein gottloser, ketzerischer
Bauer sich in der Pfarre befinde, den er noch zu strafen ge-
denke. Die Menge eilt hinaus und erkennt den reichen Bauern
als den bezeichneten Übelthäter, der aber lässt sich gar nicht
stören und handelt, als habe der Pfaffe einen andern gemeint.
Einige Wochen darauf, an einem Sonntage, kann der erzUrnte
Pfarrer nicht länger an sich halten; er bringt einen grossen
Stein mit auf die Kanzel und verkttndet am Ende der Predigt,
dass er den Bösewicht vor aller Welt kenntlich machen wolle,
indem er ihn werfe. Sofort duckt sich der Bauer und erkennt
damit gewissermassen seine Schuld an. Jetzt wird er vom Richter
als Ketzer verhaftet. Der Pfarrer redet ihm zu mit Hinweis
auf die ewige Seligkeit; doch der Bauer nimmt nichts von
dem zurück, was er gesagt hat, und fügt hinzu, er habe Himmel
und Hölle in seinem Hause. Auf weitere Vorstellungen ant-
wortet er, der Pfaff möge seine Weisheit nicht verschwenden;
er habe ein Ross. das klüger sei als der Pfarrer.
Wegen dieser drei Äusserungen wird er vom Pfaffen beim
Bischöfe als Ketzer verklagt. Dieser beraumt einen Tag an
auf dem Gute des Bauern, der ein Meyer des Domkapitels, ein
tüchtiger Wirt und prompter Zahler ist. Die erste Äusserung
über das Wetter verteidigt er damit, das Gott nur zulasse, was
für den Menschen gut sei, mit dem Unwetter habe er heilsam
züchtigen wollen. Himmel und Hölle habe er in seinem Hause,
insofern er an seiner alten, seit 32 Jahren bettlägerigen Mutter
Sohnespflicht übe oder nicht. Das {loss endlich sei klüger als
der Pfarrer, weil es einen Graben, in dem es einmal zu Fall
gekommen, nicht wieder habe überschreiten wollen, während
der Pfaff trotz der Prügel, die er schon oft dabei erhalten,
doch immer wieder zu des Richters Weibe gehe.
Der Bauer wird freigesprochen, der Pfaff muss 100 Pfund
Schadenersatz an den Bauer leisten, während der Ricliter die
Zeche des Domkapitals zu bezahlen hat.
Diese, vom Dichter durchaus nicht schwankhaft, sondern
mit Ernst und Nachdruck vorgetragene Erzählung, ein Protest
58
gegen die Missstände im Klerus und im Gerichtswesen, ver-
arbeitet zwei Motive, die ich vor Kaufringer nicht nachweisen
kann, die aber im 16. Jahrh. und später recht häufig schwank-
artig verwandt sind: Der Schuldige verrät sich in der Kirche
selbst, und eine Begründung von rätselhaften Behauptungen.
Bei dem ersten Motive handelt es sich um einen streitbaren
Priester, welcher von der Kanzel aus den Schuldigen zu werfen
droht, um ihn so vor aller Welt kenntlich zu machen. Der
oder die Übelthäter bücken sich dann, wenn der Priester zu
werfen scheint. Vergl. Jörg Wickram in der Vorrede zum
Rollwagenbüchlein, hg. von Kurz, Leipzig 1865, S.6 „Zum gütigen
Leser: — Bitt hiemit ewer gunst und lieb, wan sich zutrug,
dass etwan einer oder eine getroffen, wSUen ewer färb im
angsicht nit verstellen, sunst werden jr von mengklichen in
argwon verdacht vnd wurd man sagen: „wenn man vnder die
hund wirffl, schreit keiner, dann welcher getroffen wirt". In
den späteren Erzählungen ist schon die Wendung eingetreten,
dass sich stets mehrere, oder gar alle Anwesenden schuldig
geben. In der Geschichte, welche Luther (Tischreden, Leipzig
1577 fol. S. 674* ) erwähnt, droht der Prediger mit einem Stein
nach dem Ehebrecher zu werfen. Es ducken sich ihrer zwanzig
unter die Kanzel. An die Stelle des Steines tritt ein Knüttel
in der gleichen Erzählung des Burkhard Waldis (Esopus 4, 98)^)
und in den Bearbeitungen des Hans Sachs Bd. 17. S. 156. A.
Stiefel, Hans Sachs-Forschungen S. 88 ff. Hans Vogels Bear-
beitung in einer Dresdener Handschrift wird sich wohl auch
dieser Überlieferung anschliessen. Verfeinert taucht die Ge-
schichte von Zeit zu Zeit in Zeitungen und Kalendern auf.
Im Jahre 1889 ging folgende Fassung, natürlich als kürzlich
vorgefallene Begebenheit, durch die Zeitungen:
Die Vergnügungssucht des schönen Geschlechts.
Über vorstehendes Thema predigte kürzlich ein in seiner
Gemeinde sehr angesehener Geistlicher. Er eiferte stark, sprach
aber nur im allgemeinen und belobte die Tugendhaftigkeit der
zu seiner andächtigen Gemeinde gehörigen jungen Frauen und
Mädchen. „Nur eine^ — so sagte er weiter — , „nur eine
^) Kurz nimmt also S. 184 irrig nur mündliche Überlieferung als Quelle an.
59
kann ich nicht mit Stillschweigen Übergehen, sie ist unter uns,
ich will sie gerade nicht nennen, aber ich will mit der Mütze
nach ihr werfen" . Er nahm dabei sein schwarzsamtenes Eäppchen
ab, wickelte es fest zusammen und holte aus, als ob er es
zwischen die unter ihm sitzenden Schönen werfen wollte. Schnell
bückte sich Alles, was jung war. Der Pater aber setzte sein
Mützchen wieder auf und fuhr folgendermassen fort: „Ei, ei!
meine Geliebten in dem Herrn, was muss ich sehen! Ich habe
geglaubt, es sei nur Eine, aber siehe da, es sind Alle", und
nun fuhr er fort, den geängstigten Schönen insgesamt tüchtig
die Leviten zu lesen. — Hier ist also aus dem Stein und dem
Knüttel der alten Überlieferung ein Sametkäppchen geworden.
Die Gerichtsverhandlung, bei welcher die drei verfänglichen
Äusserungen des Bauern gerechtfertigt werden, stellt nur eine
andere Form jener Rätselfragen dar, durch deren Lösung sich
ein in Gefahr schwebender zu helfen weiss. Vergl. Lambel,
Erzählungen und Schwanke S. 10 flf. Liebrecht in Pfeiffers Ger-
mania 7, 506. GA. 63. v. d. Hagen S. LXI bis LXXI. Dunlop-
Liebrecht49l. Nicolas de TroyesNouv. XL beiMabilleS. 177. Intro-
duction S. X. Singer in Weinholds Zeitschrift für Volkskunde 2,
296. Für das Volkslied: Uhland, Schriften 3, 381 ff. und Schröer in
Weinholds Zeitschrift für Volkskunde 3, 67 f. Wander, Deutsches
Sprich Wörterlexikon 6, 1165. Holte zu Freys Gartengesell-
schaft 35. Hier hat Bolte S. 229 schon auf eine alte lateinische
und eine jüngere orientalische Tradition der Behauptung hin-
gewiesen, ein Tier sei klüger als der Mensch. Auf älteren Apo-
logen beruhen die Sprüche Freidanks 140, 19 ff. und Hugos:
Renner 6049 ff., vom Esel. Eine spitzfindige Anekdote, die wie
Kaufringer 3, 493 f. und die späteren Schwanke mit logischen
Schlüssen spielt, übersetzte Petrus Alphonsi (Patrologia 157
p. 702 B ff.) aus dem Arabischen. Die Mittelglieder der Über-
lieferung sind noch nicht gefunden. Dass unser Dichter in
diesem Gedichte wie „in seinen sämtlichen Schwänken älteren
Dichtungen nachahmt" wie Stiefel S. 91 meint, dafür haben
sich Anhaltspunkte nicht ergeben; im Gegenteil deutet die Ar-
beitsweise des Dichters, wo sie zu verfolgen ist, auf prosaische
schriftliche oder mündliche Quellen hin. Wie Kaufringer seiner
etwa anzunehmenden Quelle gegenüber verfuhr, lässt sich bei
60
diesem Gedichte nicht angeben, da ältere Zeugnisse über den
Stoff, abgesehen von Spuren, die Bolte ermittelt hat, fehlen.
Übrigens gehört aber diese Erzählung auch zu denjenigen, die
er mit besonderer Vorliebe und eingehender Ausführlichkeit
behandelt hat. Er befindet sich hier eben in seinem Element
Der alte starknackige oberbayerische Bauer, welcher geist-
licher und weltlicher Gewalt trotzt, hat den unbeugsamen Sinn
Meier Helmbrechts geerbt, der den Pfaffen nur ihr „barez reht*
(781) gibt. Obwohl er den Rat befolgt:
„Läze wir die pfaffen varn,
swaz in schadet, swaz in frumt;
swer von in ze rede kumt,
herre, daz ist unwende,
ez nimt so liht niht ende^
(sog. Seifried Helbling 8, 108), so kennt er doch kein schwäch-
liches Zurückweichen vor ihnen:
„An dem gericht hab starken mut.
So man dir unrecht tut"
(Liedersaal 192, 279. Cato 285.) ist sein Wahlspruch. Sogar
an den Wettersegen seines Pfarrers, die Hagelversicherung des
bayerischen Bauern beim Himmel (Preussische Jahrbücher Band 42.
S. 193 ff. FA. Hoeynck, Geschichte der kirchlichen Liturgie des
Bistums Augsburg, A. 1889 S. 171 ff. Wuttke, Der deutsche Volks-
aberglaube, Berlin 1869^ S. 140) glaubt er nicht. Er hat aber
doch zu viel Bauernstolz, um seinen Gesinnungen gegen den
geistlichen Herrn so Luft zu machen, wie andere seiner ober-
bayerischen Landsleute, die nicht eher ruhten, als bis sie ihren
Pfarrer aus der Stelle gestossen hatten, weil er mehrere Hagel-
schläge nicht abgewendet habe; „denn", sagten sie, „er kann
nicht kräftig beten". Preussische Jahrbücher 42, 195. Das
Bild dieses Bauern, eines Prachtexemplars jener Gattung, die
Riehl geistreich als die Pommern Süddeutschlands bezeichnet,
ist Zug um Zug lebenswahr; man lese nur die Schilderungen
eines ihrer besten Kenner, Joh. Schlicht. Vergl. Preussische
Jahrbücher 42, 200 ff. Für solche Darstellungen brauchte
Heinrich Kaufringer natürlich keine andere Quelle als das ihn
umgebende tägliche Leben.
Auch die Lokalschilderung beruht auf eigener Anschauung.
61
Die „graben" und „bösen steig" (III 589) sind wohl jene wilden
Schlucliten des Lechrains, die man da Teufelsküclien nennt.
Karl Freih. v. Leoprechting, Aus dem Lechrain. München 1865.
S. 112. Die Feldwege waren damals bös genug. BurkardZink sagt
(Städtechroniken V) 10, 8 : „Die weg wurden allenthalben so tief
und so bös, dass wol in fünf wuchen niemand zu den andern
möcht komen". Als Albrecht IV. eine Strasse über den Kesselberg
baute, nahm Herzog Ludwig von Landshut Anstoss daran
(Riezler 3, 775 f.), ein Umstand, „bezeichnend für die Schwierig-
keiten, mit denen im Mittelalter Verkehrserleichterungen zu
kämpfen hatten". Und wie genau kennt Kaufringer das
Pfründlstübl, das sich selten in gutem Zustande befindet! (III
546. Leoprechting S. 227); heisst es doch: „Die Stüblleut schickt
einem der Teufel zu, und ein halbes Haus eine ganze HöU".
Vergl. Kaufringers XXI. Gedicht. Nicht weniger sind die sitt-
lichen Zustände im Klerus und die üble Verfassung des Gerichts-
wesens historisch. Bestimmungen einer Salzburger Diöcesan-
synode tadeln z. B., dass manche Priester zum Lesen der
Messe ihre Jagdhunde und Falken mitbrachten. Einige Inhaber
der kirchlichen Jurisdiktion erröteten nicht, Konkubinatsver-
hältnisse zu besteuern. Riezler, Geschichte Bayerns 3, 822.
Die Klagen über das Gerichtswesen waren allgemein. Riezler,
Geschichte Bayerns 3, 661; vergl. Kaufringers XX. Gedicht.
Die Landrichter waren vielfach von niedriger Herkunft, un-
fähige, gewissenlose, habgierige Leute. Riezler ebenda S. 684.
Das Futtersammeln der Gerichtsbehörden (der auf die Bauern
geübte Zwang, die Beamten in den Wirtshäusern frei zu halten),
wurde im Landfrieden von 1352 verboten. Riezler S. 699.
Weil Kaufringers Bauer den Richter nicht „ert" (III 40), zieht
er sich dessen Hass zu. Beispiele solcher vorgeschriebenen
Ehrungen gibt Riezler 3, 759.
Selbst wenn der Dichter bei diesem Gedicht eine jener
wandernden Anekdoten, die oben erwähnt wurden, in irgend
einer Form benutzt haben sollte, darf ihm doch hier eine nicht
zu unterschätzende Selbständigkeit zugesprochen werden, denn
seine Novelle ist nichts weniger als eine leichte Anekdote, viel-
mehr eine lebensvolle Dorfgeschichte, die in manchen Zügi
Michael Kohlhaas erinnert. Z. B. III 28:
BS
,NaD hann ich mir des gedacht.
Wer nit anrecht hett getao.
Der 9ölt sich nit erschrecken Un;
Er sölt ee verderben palt
Vor seinem obersten gewalt.
Vor ritter and Tor knecht,
Oder Tor in werden gerecht*.
Vergl. die bitteren Bemerkungen über das Prozessieren 15
4.
Der Bürgermeister von Erfurt und der Eonig von
Frankreich.
Zu Erfurt hält sich inkognito der Sohn des Königs von
Frankreich Studierens halber auf und erregt durch sein flottes
Leben allgemeine Aufmerksamkeit. Nun machen gerade zu
derselben Zeit geheimnisvolle Diebstähle, die mit besonderer
Raffiniertheit ausgeführt werden, soviel von sich reden, dass
sich der Stadtrat der Sache annimmt und überlegt, wie man
den Thätern auf die Spur kommen könne. Eliner der Senatoren
lenkt den Verdacht auf den flotten Studenten, der das Ver-
mögen eines Fürsten verbrauche, ohne dass man wisse, woher
seine Mittel flössen; wahrscheinlich sei er das Haupt jener
Diebsgesellscbaft. Man beschliesst, dass der Bürgermeister sich
in aller Höflichkeit bei dem Studenten nach seiner Herknnft
erkundigen soll. Bei der Messe führt er seinen Auftrag ans;
der Prinz aber wahrt sein Inkognito und antwortet auf die
Frage, woher sein Aufwand bestritten werde, mit einer mut-
willigen Aufschneiderei. Er beziehe, bindet er dem verblüfften
Bürgermeister auf, für eine selbstverständliche Gegenleistung
alle Woche aus jedem Hause von der Frau ein halbes Pfund
Pfennige und von jedem Hausmädchen die Hälfte. Das bringe
ihm wöchentlich mehr als 100 Pfund ein. Diese Nachricht
versetzt die Väter der Stadt in grosse Bestürzung; sie ver-
wünschen die ganze Angelegenheit.
Kurz darauf sitzt der Bürgermeister mit seiner schönen
Frau am Fenster, als der Prinz über den Marktplatz geht.
Der Bürgermeister lächelt; seine Gattin fragt nach dem Grande
63
and rnht nicht, bis er ihr die Skandalgescbtchte erzählt hat.
Jetzt drückt sie freilich kräftig ihren Abscheu aus und ver-
sichert, ans ihrem Hanse solle er keinen roten Pfennig be-
kommen, aber im stillen wundert sie sich, warum der Vielbe-
gehrte ihr Hans vergessen habe. Sie gewinnt Interesse an ihm,
sie verliebt sich in ihn bis über die Ohren. Zu spät merkt der
Gatte, dass er zuviel gesagt hat, und beschliesst resigniert, der
Sache ihren Lauf zu lassen. Unter dem Vorwande, eine drei-
tägige Reise anzutreten, reitet er davon. Sofort lässt die Frau
den Prinzen durch ihr Hausmädchen zu sich laden. Als die
Liebenden gerade im Bade sitzen, kommt der Gatte zurück
und tritt in die Kammer. Sie erschrecken tödlich ; er aber be-
grfisst den Prinzen und sichert ihm sein Leben zu. Um sich
vor ihm nach Möglichkeit zu schlitzen, verschliesst er heider
Kleidungsstücke. Bald verlässt er die Kammer, nicht ohne
den Riegel fest davorzustossen ; die Liebenden erwarten nnn,
der erzürnte Gatte werde Zeugen rufen und Rache nehmen.
Doch er kehrt zurück mit Speisen und Getränk, heisst sie
zitternd sich ankleiden nnd zu Tische sitzen. Seine Frau fordert
er auf, es am Nötigen nicht fehlen zu lassen. Nnn sagt der
überraschte Prinz: „Wenn Ihr mich hier antreflTt, so braucht
Ilir nicht schlecht von Eurer Gattin zu denken ; Eure Ehre ist
unverletzt". Der Bürgermeister antwortet mit der Bitte, die
Besuche in seinem Hause einzustellen; Zahlung solle doch er-
folgen. Damit erlegt er anderthalb Pfund von Frau und Magd.
Der beschämte Prinz gibt sich nun zu erkennen, nimmt seine
Aufschneiderei zurück und gibt dem Bürgermeister, der nach
Frankreich Handel betreibt, zum Danke wertvolle, später vom
König bestätigte Freibriefe.
In meiner Au^ahe S. 233 vei^nochte ich nur einen alten
Sagenzusammenhang des Königs von Frankreich mit Erfurt
nachzuweisen; ich füge hier über das Treiben der Studenten
in Erfurt eine Stelle des Nikolans von Bibera III 1566 (Ge-
schichtsqaellen der Provinz Sachsen 1. Halle 187Ö. Ü. Abt.)
hinzu, in der auch von Dieben die 1
Bestat adhuc nova res: ibi i
Ex hiiE sunt aliqui 1
Teueru ludentes, in i
64
Disceie nolentes, sed tantom nomen liabentes.
Tales seducuut alios et ad improba dacunt
Et fiant plures decurso tempore fures.
Handel mit Frankreich erwähnt auch Hermann Fressant von
Augsburg einige Jahrzehnte vor unserm Dichter in seiner No-
velle: Von den ledigen wiben (JA. 35, 297:
„hin reit der gehinre
gen Frankrich dem lande,
da er die wirt wol erkande,
und ouch in Flandern überaP.
Zudem studierte mancher Bayer und Keichsstädter zu Paris,
und seitdem Herzog Stephan von München seine Tochter 1385
dem König von Frankreich zur Frau gegeben (Städte- Chroniken 5,
31, 24; Riezier 3, 128), mochte es recht zeitgemäss sein, mit
solchen Stoffen, wie sie Kaufriugers Novelle bietet, aufzu-
treten.
Aber trotzdem die ausgezeichnete Lokalisierung den An-
schein erweckt, man habe es hier mit einer wirklichen Be-
gebenheit zu thun, liegt doch wohl nicht eine solche, sondern
eine wandernde Erzählung zu Grunde. Ich finde sie in dem
Fableau Du foteor. Moutaiglon 1, 304, Nr. 28. Legrand 3^,
284. Ein vagabondierender mittelalterlicher Hochstapler kommt
mittellos nach Soissons, — „un jor vint ä une cite; ge en ai
le num oublie, or soit ainsinc com ä Soissons**, — lässt sich
speisen und beherbergen und gewinnt am andern Tage die
Kosten auf folgende Weise. Er erregt die Aufmerksamkeit
der schönsten Dame von Soissons, deren Gemahl seit 8 Tagen
verreist ist, wird von ihr ins Haus geholt, gibt sich als be-
rufsmässigen foteor oder, wie Legrand übersetzt, als Tröster
der Witwen aus, und verlangt für den Tag 20 Sous, falls die
Witwe schön ist, von der Hässlichen hundert. Magd und Dame
werden seine Kunden, diese für 20, jene für 100 Sous. Doch
im Bade überrascht sie der Ehemann. Der famose Künstler
verleugnet seine Kunst gar nicht, stellt sich aber, als sei noch
nichts vorgefallen, und verlangt seinen Verdienst, der ihm jedoch
schon vorher eingehändigt ist. Der Ehemann zahlt, um den
„Tröster" los zu werden.
Während das leicht geschürzte kurze Fableau fast nur an
65
den pikanten Thatsachen^) Gefallen findet, treten diese in dem
deutschen Gedichte sehr zurück, indem das Anstössige ge-
mildert, die Handlung gut motiviert und mit epischer Breite
geschildert ist.
5.
Der zurückgegebene Minnelohn.
Ein junger Ritter von ausgezeichneten Eigenschaften wird
durch seine Armut gezwungen, sich unthätig zu verliegen, bis
ein Standesgenosse seiner Nachbarschaft, ein alter Ritter, der
selbst nicht mehr auf Abenteuer auszieht, sich erbietet, ihn zu
einer Fahrt zu unterstützen^). Wohl ausgerüstet reitet er
einem Hofe zu, wo ein Turnier ausgeschrieben ist. Eines Abends
überrascht ihn im Walde die Nacht. Während sein treuer
Knappe beim Rosse zurückbleibt, geht er selbst auf Abenteuer
in den Wald hinein. Plötzlich sieht er eine Burg vor sich.
Oben aus einem Turme schimmert ein Licht, von einem alten
Ritter getragen; unten im Burggarten wandelt eine Dame auf
und ab und klagt über Zahnschmerzen. In der That erwartet
sie den Geliebten. Durch die offene Thür gelangt unser junger
Ritter in den Garten, wird von der Dame bewillkommnet und
erlangt die Gunst, welche dem Liebhaber zugedacht war. Zu
spät wird sie des Irrtums gewahr, ist anfangs ganz untröstlich und
fordert schliesslich ein Andenken: Der Ritter aber hat nichts
als 60 Gulden, seine Barschaft, bei sich. Diese nimmt die Dame
an, gibt dem Ritter ihren Ring und kehrt in die Burg zurück,
indem sie ihren Gemahl auf dem Turme mitteilt, die Schmerzen
hätten nachgelassen. Nun ist unser Ritter wieder arm, wie
zuvor, und es bedarf sehr des ermunternden Zuspruches des
Knappen, um sich bewegen zu lassen, auch ohne Mittel die
*) Sehr richtig bemerkt B6dier, Les FabUaux Paris 1895 » S. 347 vom
Dichter der französischen Fableaox im Allgemeinen: „Le po^te est trop press6
pour se soncier da pittoresqne et son colorit reste pftle. Ses narrations sont
trop nues, ses descriptions ^conrt^es'^.
^) Den Mangel an Bargeld, der noch immer hemdv
Sachen, wie dass Albrecht II., als er nach Heidelberg ^m
von zwei Regensburger BQrgem 700 fl. aufiiebmeil
Das ganze Land hatte viele, nahezu 1000 land
Biezler 3, 666.
Euling, Heinrich Kanfrlnger.
66
Reise fortzusetzen. Wieder findet sich, und zwar schon in der
nächsten Herberge, ein wohlthätiger ältlicher Ritter, der ihn
unterstützt. Sie schliessen Freundschaft mit einander und ziehn
zum Turniere. Hier gewinnt der junge Ritter den Ehrenpreis,
und gern sonnt sich der alte Gefährte im Ruhme des jungen
Freundes. Des Abends in der Herberge erzählt man sich gegen-
seitig seine Abenteuer, wobei unser Held sein erstes und ein-
ziges Abenteuer zum Besten gibt unter Vorzeigung des Ringes.
Sein alter Wohlthäter aber, dem diese Erzählung viel Herze-
leid zufügte, ist — der Ritter mit dem Lichte. Auf der Heim-
fahrt kehren beide in der Burg des Alten ein, nicht ohne dass
der junge Abenteurer das Ärgste befürchtet. Auch die Dame
gerät beim Anblick des Ringes in die höchste Bestürzung. Der
Gemahl aber heisst sie, als sie gerade beim Brettspiel sitzt, die
60 Gulden bringen, teilt sie in 3 Teile, gibt nach der Spiel-
regel einen dem Gast als Entgelt für die Darleihung der
Würfel, einen der Frau für die Stellung des Spielbretts und
einen behält er selbst für das Leuchten beim Spiel. Auf
dringende Bitten des Freundes verzeiht er endlich Seiner
Gemahlin und ihm.
Zunächst sind aus dieser Erzählung einige mehr oder
weniger entbehrliche Züge auszusondern, welche zu dem über-
kommenen Novellen-Apparat gehören.
So die Wendung, dass sich ein Weib unter Vorgabe von
ünpässlichkeit Nachts entfernt, um mit dem Liebhaber zu-
sanunenzukommen. Weit verbreitet sind die Erzählungen von
der Nachtigall, deren Gesang angeblich die gesuchte Beruhigung
verschafft, hervorgegangen aus einem Gedichte der Marie de
France, welche wieder ein bretonisches Original benutzte.
R. Köhler zu Warnkes Ausgabe der Lais der Marie de France,
Bibliotheca Normanica 3, S. XC ff. Schon in Aristophanes' Thes-
mophoriazusen 477 ff. erzählt Mnesilochus ungefähr dasselbe. Die
gleiche Wendung erscheint in G A. 57 ; dazu v. d. Hagens Einleitung.
Ferner ist das Motiv vom vermeintlichen Liebhaber, dem
die Frau zu teil wird, viel benutzt worden. Vergl. Landau,
Quellen des Dekamerone 70 ff., 74 ff.; Strauch, Jansen, Enikels
Weltchronik S. 491. Aus dem Indischen führe ich die Ge-
schichte von dem Knecht des Zimmermanns an, die ich aus dem
67
Buch der Beispiele (67, 7 ff.) kenne ; ins Pantschatantra ist sie
nicht aufgenommen. Die italienische Novellistik liefert häufige
Beispiele, wie in Ercole Torelli von Ascanio de Mori. Das
Gegenstück dazu bildet jene Erz&hlungsform, in welcher der
Mann als der Betrogene erscheint. Vergl. Kaufringer XTV.
Endlich finden wir den Zug, dass der glückliche Liebhaber
durch eine sonderbare Verkettung von Umständen veranlasst
wird, dem zunächst beteiligten Ehemanne die Geschichte seiner
Liebschaft zu erzählen, im Orient und Occident, ohne dass man
aber gleich, wie Dunlop-Liebrecht 260, 261, morgenländischen
Ursprung anzunehmen braucht.
Dem ganzen Verlaufe nach ist unsere Novelle zu dem-
jenigen Kreise von Erzählungen zu stellen, welchem als be-
rühmte typische Beispiele das Fableau Du bouchier d'Abevile
(Montaiglon 3, 227), Boccaccios erste Novelle des achten Tages
und die Erzählung des Schiffers in Chaucers Canterbury-Tales
angehören. Verwandt sind die Erzählungen vom Kranich, vom
Häslein und vom Sperber. Dunlop-Wilson S. 124 f., 129 f., Bolte,
Zur Gartengesellschaft Nr. 76. Das gemeinsame Motiv dieses
Kreises ist ein wohlfeiler, das heisst nichts kostender Liebes-
genuss. Die Frau ist hier stets die Betrogene, und der Lieb-
haber bekommt den gegebenen Lohn zurück oder hat thatsäch-
lich nichts gegeben.
Die erste Form liegt unter anderen bei Kaufringer, Claus
Spann (Kellers Erz. 334), Masuccio di Salerno Novelle 45,
Lindener, Rastbüchlein 4, Nicolas de Trojes nouv. 55^) bei
Mabille vor, die letztere in den genannten Stücken des Eustace
d'Amiens, Boccaccio und Chaucer. Bei dem französischen
Dichter ist die Erfindung am meisten verwickelt. Mile stiehlt
dem geizigen Gautiers einen Hammel, mit dem er sich bei
diesem Herberge erkauft. Das Fell verspricht er erst der
Dienerin, dann dem Kebsweibe des Pfaffen für die bekannte
Gegenleistung und lässt sich endlich dasselbe Fell von dem
Pfaffen mit klingender Münze bezahlen. Hier ist das Motiv
des billigen Kaufes fast zu Tode gehetzt. Bei Boccaccio und
Chaucer wie in allen anderen Versionen ist die Erfindung ein-
facher, der Preis eine Geldsumme.
^) Mitteiinng von Reinhold Köhler.
5*
68
Die Frage , ob das französische Fableau Boccaccios Quelle
gewesen sei, was Grässe und Montaiglon 3, 420 annehmen,
Bartoli bestreitet, kann unseres Erachtens wenig bedeuten, da
man an eine anmittelbare Abhängigkeit dieser Erzeugnisse der
Novellistik von vornherein nie glauben darf, wenn nicht schwer-
wiegende Gründe oder Zeugnisse sich beibringen lassen. Und
wenn Hertzberg S. 643 seiner Chaucer-Übersetzung meint, die
Quelle der Erzählung des Schiffers sei ohne allen Zweifel,
wie ihr Schauplatz mit allen seinen Einzelheiten, in Frankreich
zu suchen, so wird die Berufung auf Lokalisierung und Xost&m
einer wandernden Geschichte demjenigen als ganz hinfällig er-
scheinen, der weiss, dass gerade Lokal isieiung, Einkleidung und
Kostüm das Veränderliche einer Novelle sind. Wer vermöchte
aus dem Kostüm der deutschen Novelle von Heinrich Kaufringer
auf einen fremden Ursprung zu schliessen? Ihr auszeichnendes
Verdienst besteht eben darin, dass der Dichter sich den Stoff
völlig zu eigen gemacht hat.
Der Schluss der verglichenen Novellen weist bemerkens-
werte Verschiedenheiten auf. Tragisch enden die italienische
und die spätere französische Erzählung, welche der Herausgeber
Mabille (p. VII der Vorrede) ohne Prüfung des Sachverhaltes
für walir oder volkstümlich hält. In Masuccios Novelle wird
die Schuldige durch Gift getötet, bei Nicolas Verstössen. Ähnlich
will Gautiers die beiden Frauen aus dem Hause jagen. Eine
komische Wendung tritt bei Boccaccio und Chaucer ein; die
Frauen werden um ihren Lohn geprellt, ohne dass ihre Schuld
bekannt wird. Gemütlich, wenn auch heftige Auftritte nicht
vermieden werden, verläuft die Begebenheit bei den deutschen
Erzählern Kaufringer, Spaun und Lindener. Bei Nicolas er-
hält die Frau von ihrem Gemahl nur eine kleine Goldmünze,
un petit blant, bei Lindener nur einen Kreuzer zugesprochen,
bei Claus Spaun aber lässt der Ehemann den Studenten der
Magd ein paar Schuhe, der Frau nach der Sitte der Stadt
dreimal 2 Pfennige und sich selbst 8 Pfennig für den Reihen
bezahlen, den er geschlagen hatte. Vermutlich ist das letztere
eine Erinnerung an jene seltsame Sitte, dass man in Bom den
Ehebrecherinnen zur Schande Musik machte, worüber Liebrecht,
Zur Volkskunde S. 84 f. merkwürdige Zeugnisse beigebracht
69
hat. Dieselbe Masikbegleitang findet bei Lindener statt und
entspricht dem Leuchten des alten Rittei's. Dieses kehrt in
einem später noch za erwähnenden Gedichte des Liedersaales
(3, 1 ff.) sowie im Französischen wieder. Legrand berichtet (4 ^
194) ttber eine abweichende Fassung der dritten Geschichte
bei Haisiau des trois dames qui trouv^rent Tanel (Mon-
taiglon 1, 168 Nr. 15. B6dier, Les Fabliaux« 270. Archiv
fttr neuere Sprachen 93, 212 ff.) Die Frau gibt vor, sie sei
eine Zauberin; die Zauberkönigin werde sie abends besuchen.
Der Ehemann müsse sie würdig empfangen, mit verbundenen
Augen, knieend, ein Licht in der Hand. Der Pinsel führt
alles genau aus, während der Galan die Stelle der Zauber-
königin vertritt. Für die Gewohnheit, demjenigen eine Gebühr
vom Spiele zu zahlen, der die Beleuchtung liefert, ist folgende
Stelle aus dem „Jüngling" von Xonrad von Haslau 363 ff. be-
lehrend: „ein itslich rehter spilaere
hat vierhande guotswendaere,
der Würfel liht und der da zeit
und der ze dem pfände ist erweit;
der vierd von tische und in daz lieht
(deist der wirt)".
Die Bedeutung des Brettspiels erhellt aus Nr. 37 der Kol-
marer Handschrift (Bartsch). Durch den Reichtum des Stoffes,
der auch mit voller Beherrschung verarbeitet ist, sowie die
epische Ausführlichkeit bei der Motivierung nimmt Eauf-
ringers Novelle unter den herangezogenen wohl eine der ersten
Stellen ein.
6.
Das Schädlein.
Die Frau eines Strassburger Bürgers steht weit und breit
im Bufe, das allerschönste Weib zu sein. Ein fahrender Bitter
hört von ihr und beschliesst um ihre Gunst zu werben. Sie
weist ihn strenge ab und klagt ihrem Manne, wie sehr sie
durch die Anträge des Ritters belästigt würde. Der Gemahl
fordert nun die Klagende auf in scheinbarem Nachgeben gegen
die Bitten des Liebhabers diesen in ihre Kammer zu bestellen,
er wolle sich dort bewaffnet verstecken und ihn für immer un-
schädlich machen. (Vergl. Luthers Tischreden S. 427*^.) Alles
70
geschieht nach dieser Verabredung. Der Ritter aber, welcher
sich eingestellt hat, zeigt eine solche ünerscbrockenheit and
fuhrt eine so gute Klinge bei sich, dass der elende Feigling
nicht aus dem Verstecke hervorkommen mag, sondern Zenge
seiner Schande ist. Hinterher äussert er noch dazu, was sie
erlitten habe, sei doch nur ein „schädlein^, dessen sie wohl ge-
nesen würde.
Vermutlich gehört diese Novelle zu dem Kreise, den Benfey,
Pantschatantra 1, 331 herstellt; vergl. Landau, Q. d. D. 86, 303.
Benfey bespricht hier folgende im Hitopadesa eingeschobene
Geschichte: Prinz Tungabala weiss sich listig die Liebe einer
Frau in Gegenwart ihres Mannes, eines habsüchtigen Kauf-
mannes, und gewissermassen mit dessen Bewilligung zu ver-
schaffen. Als Quelle für die Fassung dieser Geschichte im
Sindabadkreise und im Hitopadesa nimmt Benfey den Siddha-
pata, das vermutete sanskritische Original des Sindabad, an.
Als die verbreitetste Bearbeitung dieses Stoffes mag „der
König und des Seneschals Frau", als die beste Boccaccio 3, 5
gelten. Benfey spricht den Grundgedanken aller dieser Er-
zählungen ungefähr so aus: Ein Geizhals liefert seine Frau
selbst ihrem Liebhaber aus, jedoch in der Überzeugung, dass
sie aus irgend welchem Grunde — der sich nach dem Ge-
schmack und Bildungsgrad von Volk, Zeit und Erzähler ändert,
nicht genossen werden könne oder werde". Mittelglieder zwischen
unserer Novelle und anderen Bearbeitungen dieses Stoffes stehen
mir nicht zu Gebote. Kaufringers Schluss hat eine sprich-
wörtliche Pointe; mit einem Witze setzt sich der Ritter über
die Schande seiner Frau hinweg, und dieser Witz ist nicht
feiner als Beinkes Antwort auf die bekannte Klage Giremots.
Über das Sprichwort ist oben schon die Rede gewesen.
7.
Der Beichtvater als Postillon d'amour.
Eine schöne Bürgerfrau zu Augsburg verliebt sich in einen
Jüngling, der alle Tage vor ihren Augen seiner Geliebten den
Hof macht. Um ihn an sich zu ziehen, klagt sie ihrem Beicht-
vater, einem würdigen, fast 80jährigen Mönche, sie werde von
dem Junglinge verfolgt; er möge ihm das wehren. Der Mönch
71
verwartft den jungen Mann, und dieser straft die unglückliche
Frau, welche sich vom Fenster aus bemerklich machen will,
mit Nichtachtung. Eine erneute Klage bei dem Mönche ver-
anlasst den Jüngling, der nach ihm Schmachtenden seine Ver-
achtung zu zeigen. Jetzt übergibt die Liebende dem Beicht-
vater einen Ring mit der Inschrift : „Merk, wie du verstandest
das!" und erzählt dabei voll geheuchelter Entrüstung unter
genauer Angabe vieler erdichteter Einzelheiten, der Jüngling
habe sich hinten ins Haus geschlichen und sie zu überraschen
gesucht, schlieslich nach vergeblichem Bitten ihr den Ring zu-
rückgelassen. Der Mönch eilt mit dem Ringe zu unserm Helden,
stellt ihn über alle jene Einzelheiten, welche besonders den
passendsten Weg in das Haus betreffen, zur Rede und überhäuft
ihn mit Vorwürfen. Jetzt erst merkt der Jüngling die Absicht
der klugen Frau, benützt ihren Wink und stellt sie selbst
sowie den alten Mönch vollständig zufrieden.
Die ursprüngliche Quelle dieser Erzählung mag ein ver-
lorenes altfranzösisches Fableau sein, welches wahrscheinlich
wieder einen alten orientalischen Sagenstoff benutzte. In der
ersten Erzählung des Baitäl Pachisi dient eine Person, welche
die Zeichensprache eines verliebten Mädchens nicht versteht,
als postillon d' amour, wie im Occident der Beichtvater. Landau,
Q. d. D. 101 ^). Dieser erscheint, soviel ich weiss, zuerst in der
tragischen Erzählung vom Schüler zu Paris (GA. 14.), die wohl
dem 14. Jahrhundert angehört. Hier bildet der in der späteren
Novelle absichtlich in den Vordergrund geschobene Dienst des
Beichtvaters keineswegs den Hauptinhalt; auch ist aus diesem
Motiv noch keine selbständige Erzählung herausgesponnen.
Der Barfüsser übergibt dem Schüler ein Kleinod mit dem Auf-
trag der Liebenden und bringt als Gegengabe eine Spange,
mit entsprechenden bildlichen Darstellungen geziert. No-
vellistische Spannung wird erst durch das anfängliche Miss-
lingen und durch successiveu Erfolg des Anschlages in den
Stoff hineingetragen. In hoher Vollendung erscheint die No-
^) In der ähnlichen ersten Erzählung Somadevas (v. d. Leyeu S. 19)
wird auch der Weg durch den Garten gewiesen und Mauer und Baum be-
nutzt wie bei Kaufr. V, 357 ff.
72
velle bei Boccaccio 3, 3, wozu zahlreiche Fassungen durch von
der Hagen I S. CXXVIIlf., Dunlop-Liebrecht 227 f., Liebrecht
im Anschluss an Kellers Erzählungen 232 und 242 in Pfeiffers
Germania 1, 260, Bolte zu Montanus Schwankbüchern S. 626,
Nr. 99, Hans Sachs-Forschungen S. 102 f. nachgewiesen sind.
Kaufringers Erzählung besitzt wieder grosse Selbständigkeit.
Während bei dem Italiener der Mann sofort die Absicht der
Frau errät, kommt dem bisher ahnungslosen deutschen Jünglinge
erst bei der dritten Botschaft der rechte Gedanke in den Sinn.
Statt Börse, Gürtel und Brief, die in andern Darstellungen
eine Rolle spielen müssen, erwähnt Kaufringer nur einen King.
übrigens stimmt sogar die Benutzung des Baumes bei Boccaccio
und Kaufringer überein. Die starke Abhängigkeit Hans Schne-
pergers (Keller 242) von Boccaccio hat bereits Liebrecht Ger-
mania 1, 260 hervorgehoben.
Dieser litterarische Zusammenhang Deutschlands mit Italien,
der für Kaufringer in allen Fällen in Frage kommt, wo er ro-
manische, auf deutschem Gebiet nicht nachgewiesene Über-
lieferungen zu kennen scheint, ist bisher von der deutschen
Litteraturgeschichte fast gar nicht beachtet, und wenn es ge-
schah, seine Bedeutung in der Regel unterschätzt. Vor kurzem
hat erst Schönbach in seiner Studie über die Anfänge des
deutschen Minnesanges (Graz 1898) S. 26 ff. gezeigt, eine wie
bedeutende Vermittlerrolle die deutsche Adelsgesellschaft des
Patriarchats und Friauls schon in älterer Zeit spielte. In den
novellistischen Erzeugnissen beider Länder finden sich frühe
auffällige Übereinstimmungen. Einiges hat Landau hervorge-
hoben (Die Quellen des Decamerone S. 125 f. 153. 160 ff.);
Pio Rajna machte (Romania 3, 13) auf die nahe Verwandtschaft
einer altitalienischen Novelle der Setti Savi mit dem Entlaufenen
Hasenbraten des Vriolsheimers (GA. 30) aufmerksam.
Für Bayern ist italienische Kultur besonders wichtig geworden.
Unser Dichter lebte im Mittelpunkt der späteren Schwank-
dichtung, an der alten Verkehrsstrasse mit Italien, welche be-
sonders gegen Ende des Mittelalters, aber doch schon lange
vor dem Eindringen des Humanismus, das südliche Deutschland
mit dem blühenden Norden Italiens verband. Besonders aus
Kaufringers engerer Heimat führen zahllose Fäden nach Italien.
73
Begensburg and Augsburg sind neben Nürnberg und Ulm die
Träger der lebendigsten Handelsverbindungen mit ober-
italienischen Städten, unter denen Venedig die erste Stelle ein-
nimmt. Hier haben die deutschen Eaufleute das später von
berfihmten italienischen Malern wie Tizian ausgeschmückte
Fondaco dei Tedeschi, ihr eigenes Absteigequartier und Waren-
haus. Hierher senden deutsche Eaufleute ihre Söhne, um sie
die italienische Sprache und die Kaufmannschaft erlernen zu
lassen. Zudem besuchen tausende von deutschen Studenten
die italienischen Universitäten, von denen Bologna im 15. Jahrb.
eine „bayerische Nation" aufweist (Riezler, Geschichte Bayerns 3,
848; vergl. auch 2, 170); und wiederholt knüpfen auch die
Witteisbacher mit italienischen Häusern Familienverbindungen
an. Eiezler, Geschichte Bayerns 2, 200 IT., 3, 771 ff., 160, 192 f.
Germanistische Abhandlungen XVI 7. Eugen Nübling, Ulms
Handel im Mittelalter, Ulm 1899. S. 179 ff. Burkard Zink
erzählt in seiner Selbstbiographie, dass er im Jahre 1431 in die
Dienste Peter Egens getreten sei; der habe ihm erlaubt, nach
Venedig zu reiten, wann er wollte. „Also rait ich", fährt er
fort, „alle jar auf das minst ainest oder zwirend gen Venedig".
An der Fronwage, bei welcher Burkard 7 Jahre beschäftigt
war, mochte er nicht bleiben. „Dann sicher", sagt er, „ich
mocht nit also müessig sein, ich wolt aber lieber arbaiten
und reiten, als ich vormals auch getan hab". Städte-Chro-
niken 5, 133, 7 ff. Unter dem Jahre 1458 erzählt er dann,
wie Hans Kistler, Bürger von Augsburg, nach Conegliano zog,
um reich zu werden. „Nun belib er da bei 2 jaren und ver-
darb und wolt im nit mer schmecken, als er dann vermaint
hett, die leut wolten sich nit laichen lassen, als er dann geren
getan hett ; dann sicher in rechter warhait, er was ain rechter
schalk, nun wolten die kaufleut nit in sein herberg reiten, dann
sie kanten in wol. und als er nun verdorben was, da sprach
er, die kaufleut von Augsburg hetten in verderpt, dann sie
betten ims geratten, er solt gen Kuniglon ziehen, si wolten
all zu im einreiten etc." ebenda 215, 13 ff. In diesem Zu-
sammenhange sind dann auch die alten 13 deutschen Gemeinen
in den veronesischen und die sieben in den viceutinischen Alpen
zu erwähnen, welche schon seit dem 11. Jahrh. angelegt durch
74
die von Deutschen bewohnten Thäler von Folgaria, Terrag^nolo
und Valarsa ohne grosse Unterbrechung mit den übrigen
Deutschen der Tiroler Südalpen zusammenhingen. Im Jahre 1398
ist in der Mark Ancona ein deutscher Schulmeister nachzuweisen.
(Luigi Colini — Baldeschi in Seeligers Viertel Jahrsschrift 2
(alte Folge 10), 618 If.) Bayerische Klosterbibliotheken unterhalten
mit Südtirol und Oberitalien enge Verbindung, die mannigfach
bayerischer Kunst zu gute kamen. (Berthold ßiehl, Studien
zur Geschichte der bayerischen Malerei des 15. Jahrhunderts
S. 17 ff., 60 ff.) Italienische Handschriften sind in bayerischen
Klosterbibliotheken besonders zahlreich, die französischen Hand-
schriften scheinen spärlicher und jünger zu sein (Biehl S. 22 ff.),
Tirol war Durchgangsstrasse und Vermittelungsland für den
Hauptverkehr zwischen Deutschland, Österreich und Italien;
davon zeugt seine Kunst und Litteratur. Semper weist (Ober-
bayerisches Archiv 49, 433 ff.) auf den Zusammenhang der
Kunst dieser Länder hin. Vintler wie Oswald von Wolkenstein,
der Petrarca und Dante kennt (Burdach, Vom Mittelalter zur
Reformation S. VIII), zeugen für den litterarischen Zusammen-
hang ^). Dass bei alledem auch die beweglichsten aller Erzeug-
nisse der Volkslitteratur, die wandernden Erzählungen ihren
Weg nach Bayern gefunden haben müssen, ist mit Sicherheit
zu schliessen.
8.
Das glückliche Ehepaar.
Über dieses Gedicht ist im Euphorion 6, 462 ff. gehandelt.
9.
Chorherr und Schusterin.
In Augsburg lebte eine hübsche Schustersfrau, die sich für
die Einfalt ihres Mannes an einem Chorherrn schadlos hielt.
An einem Maientage ^) sitzt sie mit ihrem Buhlen in der ver-
deckten Badewanne, als der Pinsel aus der Werkstatt vorüber-
geht, um neues Leder zu holen. Sie ruft ihn an, er möge
kommen und sich überzeugen, dass ein stattlicher Chorherr mit
») Vergl. Zeitschrift für deutsches Altertum 35, 227 ff. Herrigs Archiv
93, 224.
^).Zum Maieubad Bolte zu Schnmami S. 411.
76
ihr bade. Als der gutmütige Mann keine Lust dazu bezeigt,
bringt sie ihn, zum Entsetzen des geistlichen Herrn, durch die
höchsten Beteuerungen dahin, dass er sich der Wanne nähert.
Plötzlich spritzt die kluge Frau dem Tölpel derart Wasser ins
Gesicht, dass er nicht sehen kann und gutmütig lachend sich
entfernt, froh, dass sie ihm nicht die Kleider durchnässt hat.
Der halb zu Tode geäugstigto Chorherr macht, als die Gefahr
Yorfiber, gute Miene zum Spiele, beschliesst aber, sich zu
rächen. Morgens früh begab sich die Frau regelmässig zu
ihrem Liebhaber; wie sie dem Manne sagt, zur Messe. Als
beide im Bette liegen, muss der Schuster, den der Chorherr
hat rufen lassen, der eigenen Frau ein Paar Schuhe anmessen.
Der Mann bemerkt mit Verwunderung den kleinen Fuss, wie
ihn nur seine Frau habe, und sagt, er würde die Füsse für
seiner Frau gehörig halten, wenn er sie nicht daheim wüssto
und sie einer Untreue nicht für fähig hielte. Ein junger
Kleriker muss endlich den Schuster erst in den Weinkeller
führen, während die Frau rechtzeitig nach Hause kommt. Bei
den Auseinandersetzungen über das Vorkommnis zieht der Schuster
wieder natürlich den kürzeren.
Unser Dichter sucht diese Geschichte seinen Hörern dadurch
noch anziehender zu machen, dass er gleich in der Einleitung
angibt, sie habe sich erst kürzlich in der „werden" Stadt
Augsburg zugetragen. Bartsch und B6dier (Les Fabliaux^ 284)
haben das geglaubt, wir halten den Stoff für international.
Im 12. Kapitel des „Meeres der Erzählungsströme" von
Somadeva, der im 12. Jahrhundert am Hofe von Kaschmir lebte,
finden sich schon die Grundlinien zu unserer Novelle. Es wird
dort die Rache des Brahmanen Lohajanga erzählt, welcher
von der bösen Makarandanshtra, der Mutter seiner Geliebten,
durchgeprügelt und fortgejagt wird, und dafür die überlistete
Schwiegermutter in komischem Aufzuge auf der höchsten Spitze
eines Tempels dem allgemeinen Gelächter preisgibt. Landau,
Quellen 104. Im Jahrhundert der Novelle, zu Chaucers, Boc-
caccios, Kaufringers Zeit, ist dieser Stoff mit den mannig-
faltigsten Veränderungen in der Ausführung weit verbreitet
Ungefähr gleichzeitig mit Kaufringer bearbeitete ihn Giovaü
Fiorentino in der zweiten Novelle des 2. Tages, die in P*
76
Straparola und dem Verfasser der Cent nouvelles Nouvelles,
Nicolas de Troyes (Mabille p. XIX) u. a. Nachahmer gefunden
hat. Dunlop-Liebrecht 261. Wie Shakespeare diesen Stoff in
den lustigen Weibern benutzt hat, zeigt Simrock, Quellen 1 ^
322. Die Quelle sah Dunlop. ohne ein orientalisches SeiteustQck
zu kennen, in dem altfranzösischen Fableau Des II Changeors,
Montaiglon 1, 245, und in der That, wer die Erzählung von
Ludwig von Orleans und Mariette d'Enghien, der Gattin
Auberts de Cani, in Betracht zieht, die Legrand 4*, 208 als
verbürgt mitteilt, muss zugeben, dass jenes Land, in welchem
solche Dichtungen zur Wirklichkeit werden, an der Ausprägung
des Stoffes hervorragenden Anteil gehabt hat^). Dennoch ist
jene Behauptung Dunlops einzuschränken. Eine unmittelbare
Abhängigkeit ist schon deshalb fraglich, weil in dem Fableau
sich die Frau rächt, bei den Italienern und Eaufringer der
Mann. Ahnliche Umkehrungen, welche allerdings die Identität
des Stoffes nicht in Frage stellen, wohl aber für die Filiation
der Bearbeitungen wichtig sind, liegen in Bocc. 2, 5 und dem
Fableau De Boivin de Provins, Montaiglon 5, 52 Nr. 116, femer
bei den Fableaux Montaiglon 5, 24 Nr. 111 und 3, 81 Nr. 65 vor.
Eaufringer schöpfte wol aus mündlicher Erzählung oder
einer darauf beruhenden Prosa. Auch der Dichter des Fableaus
erzählt den Vorgang als wirklich geschehen :
Qui que face rime ne fable.
Je vous dirai, en lieu de fable,
Une aventure qui avint;
De qui fu f^te et ä qui vint
Vous en dirai bien v6rit6.
II avint en une cit6
Que II chang6ors ....
Die Lokalfarbe ist bei Kaufringer auch in unbedeutenden
Zügen (116. 117.) gewahrt, die Darstellung glücklich : der Chor-
herr hat trotz der ausgestandenen Angst noch Humor genug,
den Vergleich seiner Situation mit einem Schwitzbade auszu-
führen 92—101, und zu scherzen:
*) Auch bei Nicolas de Troyes kehrt die Geschichte wieder. (MabiUe
S. XIX Nr. XXI.) Johannes Bolte verweist mich auf seine Anmerkangen zjx
Wetzel S. 221.
77
„Wie mScht ich werden sein ergetzt
Von dir, liebe frawe mein?
Mich dankt das ain warhait sein,
Deins pads bett icb nicht vil genossen.
Da best mir nachet ze baiss angössen.
Das icb wolt verscbmolzen sein*^.
Vergl. oben S. 39.
Besonders die Motivierang ist in der deutseben Novelle
besser; als in der französischen. Hier lädt nämlicb die Frau,
um Bacbe zu nehmen, den Galan zu einem Bade ein; der aber
will aus Furcht vor dem Ehemanne der Auffordei*ung nicht
folgeleisten, und nur mit Mühe gelingt es der Frau, ihn zum
Kommen zu bewegen. Das Nachspiel der Handlung, die Unter-
redung des Schusters mit der Gestraften, findet sich auch in
der ersten der Cent nouvelles Nouvelles. Legrand 4^, 208,
Dunlop-Liebrecbt 296.
10.
Die zurückgelassene Bruch.
Ein Galan wird bei seiner Geliebten durch den Ehemann
gestört, entkommt mit genauer Not, muss aber seine Bruch
liegen lassen. Der Gatte schöpft daraus sofort Verdacht; die
kluge Frau aber bearbeitet den Ärmsten plötzlich mit der Bruch
so, dass ihm Hören und Sehen vergeht, bis er sich bequemt,
zweimal das Wort „bruoch' auszusprechen. Nachdem er das
gethan hat, wirft die Frau mit den Worten : „Wie diese Bruch
verschwinde, so möge auch die Krankheit, die dich so häufig
plagt, für immer verschwinden!^ das Kleidungsstück dem vor
dem Hause wartenden Liebhaber zu. Dem Manne erkläi*t sie
dann, sie habe, um ihn von der Krankheit zu heilen, ihn plötzlich
erschrecken und eine geliehene Bruch müssen verschwinden
lassen.
Den Kern der weitverbreiteten Novelle bildet der zurück-
gelassene Gegenstand, dessen Vorhandensein in der ver-
schiedensten Weise erklärt wird^). Der Gegenstand selbst ist
bald ein Stab, wie im Sandabar, bald ein Ring, wie im Syntipas
und in den sieben Vezieren, bald, wie im libro de los engaüos
») Bolte zu Frey 87.
78
und in der ergötzlichen Episode in HoflFinanns Kater Muit,
Pantoffeln, bald ein Handschah, wie in einem sicilischen Volks-
märchen, in einer Erzählung von Kaiser Friedrich II. und in einer
Anekdote Brantomes. Landau, Quellen S. 42 ff., Z. f. d. Ph. 4,
308 ff. Bei Apulejus, dessen Anekdote aus den Metamorphosen
XI p. 624—635, Oudendorp, von Legrand P, 351, Dunlop-
Liebrecht 259 und Montaiglon 3, 434, als Quelle dieser Er-
Zählung betrachtet ist, und in der Gomedia Milonis von Matthäus
von Vendome hat der Liebhaber seine Sandalen zurückgelassen.
Um den Verdacht des Ehemannes zu reizen, verbirgt die schlaae
Auberee, wie ein altfranzösisches Gedicht La vielle maquerelle
bei Montaiglon 5, 1 Nr. 110, Legrand 4^ 68, erzählt, einen
Mantel im Bette. Vergl. Dunlop-Liebrecht 258. Einen Schar-
lachmantel lässt der Liebhaber im Fableau vom Chevalier a la
robe vermeille Legrand 2, 228 ^) auf einem Koffer zurück. In
den bekanntesten Fassungen dieser Geschichte, Des brais au
cordelier (Montaiglon 3, 275) und dessen Nachahmungen, welche
man bei Legrand P, 349 ff., Dunlop-Liebrecht 258. 297, Mon-
taiglon 3, 434 und B6dier, Les Fabliaux p. 451 N. verzeichnet
findet, werden die zurückgelassenen Hosen des Liebhabers vor-
gefunden, wie auch bei Heinrich Kaufringer angegeben wird.
Bei Heinrich von Pforzheim heisst die bruch „dez pfaffen banner"
274. LS. 202.
Sehr charakteristisch ist nun die Art und Weise, wie sich
die durch Auffindung jenes Gegenstandes Kompromittierten aus
der Verlegenheit helfen. In den erwähnten orientalischen Ver-
sionen spitzt sich die Verwicklung nicht besonders zu; anders
aber in den wälschen Bearbeitungen und bei Apulejus. Hier
beschuldigt der Liebhaber den Sklaven des Ehemannes, die be-
treffenden Sandalen ihm in einem öffentlichen Bade gestohlen
zu haben; dort werden die Hosen geweiht zur Beförderung
der Fruchtbarkeit, oder als Reliquien ausgegeben, welche z. B.
in der Bearbeitung des Massuccio, Novellino 1, 3 von Mönchen
in feierlicher Prozession zurückgeholt werden. Diese Frivolität
fand in Deutschland keinen Boden; der Ausgang musste anders
lauten. Bei Folz in Kellers Erzählungen 228 müssen, um den
^) Gröber im Qrundriss für romanische Phii. II * 613.
79
erzQrnten Ehemann zu begfitigen, auch die Amme und die Magd
eine Bruch anlegen ; sodann erklärt die Amme, sie alle 3 hätten
ausgemacht, diese Kleidungsstücke 8 Tage lang zum Scherz an-
zulegen, mit dem Beding, dass, wer ohne Bruch betroflfen würde,
ein Viertelmass Wein zahlen sollte. Bei der Untersuchung,
die daraufhin durch den Ehemann stattfindet, hat die Frau
keine Bruch und gibt an, die im Bette liegengebliebene sei die
ihrige. Eine Weiterbildung weist Liebrecht, Germania 1, 270
nach. Vergl. noch Cloetta im Archiv f. n. Sprachen 93, 223 f.
Bei Kaufringer nun eine andre Wendung. Die Frau gibt
nachher an, sie habe den Ritt des Mannes beschwören wollen,
wozu sie den Bruch nötig gehabt. Zunächst habe sie ihn er-
schrecken müssen; der Kranke darf nach dem Volksglauben nicht
wissen, um was es sich handelt. Wuttke^ 482. 483. 498. 499.
508. DM.* 966 Nr. 370. A. 53. 182. Dass der Hahnrei, welcher
sich von seiner Schande überzeugt, für krank, unsinnig und
dergl. ausgegeben wird, ist ein alter Zug. Schon im Pantscha-
tantra 3, 11 gibt das Weib des Zimmermanns an, der Gemahl
würde dem Tode geweiht sein, wenn er sie jetzt berühre. Oft
ist er blind oder leidet an optischen Täuschungen, wie in den
Novellen, die man unter dem Stichworte „Proben der Männer-
geduld^ zusammenfasst. Landau, Quellen 79 ff. Dunlop-Liebrecht
243. Romania III 192. Liebrecht, Zur Volkskunde 135. In der
Novelle Irregang und Girregar GA. 55, 647 wird eine um-
ständlichere Beschwörung des Rittes vorgenommen. Im 176.
Spruche des Liedersaales V. 155 wird der Mann gemessen.
Renner 12183 ff. DM.* 974. Wuttke 506. An den milesischen
Ursprung dieses Stoffes zu glauben, hindern mich die orien-
talischen Parallelen. Ausserdem möchte ich in Kaufringers X.
und XV. Novelle nur verschiedene Ausgestaltungen einer Grund-
form sehen. Vergl. Benfey, Pantschatantra 1, 163 ff.
11.
Die drei betrogenen Ehemänner.
Drei Bäuerinnen, Jütt, Hiltgart und Mächilt, haben ihre Eier
für 7 Häller verkauft und teilen den Erlös. Jede erhält zu-
nächst 2 Häller; wer aber den übrigbleibenden? Nach langem
80
Streite schlägt Frau Hiltgart vor, diejenige solle ihn haben,
welche ihrem Manne den schlimmsten Streich spiele.
Hiltgart lässt unter Vorgabe übelriechenden Atems ihrem
Mann 2 Zähne ausziehen, ihn beichten, fiberredet ihn, er sei
gestorben, und empfiehlt sich dem Knechte Heinz.
Frau Jütt schiert ihrem trunkenen Ehemanne Heinrich eine
Platte und bringt ihn durch Aufbietung aller Überredungskunst
dahin, als PfaflFe das Opfer für den „gestorbenen* Nachbar
Perchtold darzubringen. Frau Mächilt nimmt ihrem Manne
die Kleider von dem Bette fort, heisst ihn in die Kirche eilen,
um beim Opfer für Meier Perchtold zugegen zu sein. Sein
Gewand habe er ja längst angelegt. Nackt geht er zur Kirche,
will dort mit zum Opfer gehn, kann aber seinen Beutel nicht
öfi'nen. Mächilt will ihm behülflich sein und schneidet ihm die
Partie honteuse aus. Auf den Schmerzensschrei stürzt der
falsche Pfarrer vom Altare, wo er in Sorgen gestanden hatte,
eilt mit dem Verwundeten aus der Kirche, alles Volk ihm nach.
Nur Meier Perchtold bleibt auf der Bahre in der Kirche liegen.
Jetzt ruft er: „Was lieg ich hier? Ich bin schändlich betrogen
von meinem Weibe! Der Teufel hole sie!** Wütend eilt er
hinaus, um seine frommen Wünsche an Frau Hiltgard zu ver-
wirklichen ; doch alles flieht vor dem Toten. Die hochkomische
Scene schliesst damit, dass die 3 Betrogenen in den Wald
laufen. Der Dichter lässt dabei in überlegen übermütiger Weise
seinen Humor spielen:
Nun lassen wir die trappen gen
Ze holz, bis das si sich versten.
Das si all gar trunken sind
Und mit schönen äugen plind.
Und sie das erkennen zwar,
So lauflFens wider haim für war
Und laussent es dann guot sein,
Was si geliten haben t pein.
Den sehr beliebten Novellenkreis von den drei Frauen hat
besonders Liebrecht, Zur Volkskunde S. 124 flf. behandelt; vergl.
Pio Rajna in der Romania X 18 ff., H. v. Wlislocki, Germania 32,
442 ff., Liebrecht selbst ebenda 35, 206, Lambel, Erzählungen
und Schwanke, S. XIII., B6dier S. 265. 270. 458, Cloetta S. 213,
81
Gröbers Griiiidriss IV 615, Stiefel, Hans Sachs-Forsclmngeü
S. 105, Bolte zu Wetzel S. 219. Kaufringers Bearbeitung hat
wieder mehrere selbständige Züge und den vorzüglichsten Plan
vor allen anderen voraus. Schon die auf einem geschickt aus-
gesonnenen Vorgang beruhende Einleitung verdient vor dem
monotonen Motiv des gefundenen Gegenstandes (Liebrecht I,
III, IV, Vni, IX, X, XI, XII, XIII La gara delle tre mogli)
oder des ganz unmotivierten Streitens (Liebrecht 11, VI, VII)
gewiss den Vorzug. Nur eine dänische Version bei Liebrecht V
hat eine ähnliche Einleitung, in der 4 Schilling auf 3 Nach-
barinnen verteilt werden sollen. Das Streiten um das ungerade
ist sprichwörtlich. Fsp. 574, 23: „Und gib euch paiden siben
air, Icklichen dreu zu seinem tail. Und das ungerad traget fall".
Vergl. Bolte zu Montanus S. 595. Nr. 14.
Die Überlieferung Kaufringers, welcher später auch Folz
(Haupts Zeitschrift 8, 524) Hans Sachs, der ihn geplündert,
und der ungenannte Dichter in Kellers Erzählungen 210 folgen,
ist in der Anordnung und Motivierung selbständig, während die
vierte deutsche Bearbeitung dieses Novellenstreites im Lieder-
saal Nr. 176 mehr dem französischen Fableau Des III Dames
qui trouverent Tanel (Montaiglon 1, 168, B6dier S. 481. 438)
sich anschliesst. Die erste Novelle des deutschen Dichters deckt
sich mit der zweiten des französischen, die dritte haben beide
gemein. Die im XL Gedichte Kaufringers vereinigten Novellen
betrachten wir zunächst einzeln.
Zwei beliebte Züge liegen dem ersten Schwanke zu Grunde,
der vom übelriechenden Atem und der vom „toten" Ehemanne.
Der erste ist teils zu selbständigen Novellen ausgesponnen, wie
in zwei italienischen von Liebrecht unter Nr. 20 und 1 ange-
zogenen Stücken, teils, wie im XL und XIII. Gedichte Kaufringers,
episodisch verwandt. Landau weist ihn in der Erzählung des
Walter Mapes von Parius und Lausus nach. Nugae curial.
dist. III cap. 3. Q. d. D. 81. Bolte zu Frey S. 277. Dunlop-Lieb-
recht 244. Das Zitat Liebrechts, Zur Volkskunde S. 133:
Boccaccio, Decam. IX, 4 meint die neunte Novelle des siebenten
Tages.
Nachdem so die Bäuerin ihrem Manne zwei Backenzähne hat
ausziehen lassen, tiberredet sie den vom Blutverlust geschwächten,
Eullng, Heinrich Kanfiringer. 6
82
er sei tot, und empfiehlt sich ihrem Knecht Heinz. Wahrscheinlicli
ist diese Erzählung orientalischen Ursprungs. Somadeva erzählt
Cap.'39, wie man einem Dummkopfe glauben machen kann, er
sei gestorben. Landau, Q. d. D. 156. Cloett^ 214. Bedier^
475. Viele occidentalische Versionen hat Liebrecht in seinem
Aufsatze von den drei Frauen analysiert. Dunlop führte die
ihm bekannten Novellen dieser Art auf ein Fableau oder Poggios
Mortuus Loquens zurück (Dunlop-Liebrecht 282, 493); im Fa-
bleau Du villain de Bailleul (Montaiglon 4, 212, Oloetta, Archiv
91, 51), in welchem ein Priester die Stelle des Knechtes über-
nimmt, ist allerdings die für des Bauern Dummheit am meisten
charakteristische Stelle (Vers 117 ff.) der deutschen bei Kauf-
ringer 269 ff. und Folz 41 ff. Kellers Erz. 216. 22 ff. auffallend
ähnlich. Sie lautet:
„Certes, se je ne fusse mors,
Mar vous i fussiez embatuz,
Ainz hom ne fu si bien batuz
Com vous seriez ja, sire prestre''.
In ähnlicher Weise verbindet ein Stichwort drei nordische
Versionen, bei Liebrecht Nr. 15, 17 und 19.
Auch der zweite Schwank von dem falschen Pfaffen, wofür
Liebrecht das Stichwort „der Mönch" gebraucht, hat eine lange
Geschichte hinter sich. Benutzt ist das sehr ausgiebige, uralte
komische Motiv der Verwechselung. Vergl. Benfey, Pantsch. I,
129. Die älteste mir erreichbare Gestalt dieser Novellenform
liegt in einer tibetischen von Liebrecht, Zur Volkskunde 8. 125
beigebrachten Erzählung vor. Die Frau eines Brahmanen schirt
den überlisteten Ehemann kahl, um ihrer Freundin Qavari zu
beweisen, wie sehr sie ihren Mann in der Gewalt habe. Im
Kahlscheeren, woraus später das Plattenscheeren geworden ist,
feiert besondeis in der volksmässigen Komik die Uberlistung
ihren Triumph. Morolf spielt seinen Feinden zweimal diesen
Streich; Salman und Morolf, Str. 290 und 328. Neithart macht
24 Bauern zu Pfaffen. Neith. Fuchs 1246 ff., Gusinde, Germ.
Abhandl. 17, 103 fgg. Im Fastnachtsspiele und in dem Priamel
erscheint das Plattenscheeren als Strafe der Thoren. Keller,
Alte gute Schwanke, Nr. 33. 8, Fsp. 143, 15. Ebenso im afr.
Streitgedicht Des deux bordeors ribaux (Montaiglon, R6cueil I,
83
54): „Pour ce si te devroit on tondre Tantot autresi come un
sof*. DWB. VII 377. Die meisten Beispiele vom unfreiwilligen
Mönchtum des düpierten Ehemannes liefert die Novellistik der
Romanen (Liebrecht, Z. V. 124 Nr. 1); doch scheint mir bemerkens-
wert, dass in ihren Erzeugnissen nie der organische Zusammen-
hang mit den übrigen Novellen dieses Kreises hergestellt ist,
was einen Vorzug der deutschen und nordischen Versionen
(Liebrecht Nr. V. VI. VII) ausmacht. Die Fassung des
Liedersaales steht auch hier für sich und folgt den romanischen
Formen.
Die letzte Geschichte Kaufringers ist im wesentlichen die
von dem unsichtbaren Gewände, deren orientalischen Ursprung
Ferd. Wolf in den Wiener Jahrbüchern 1857, 193 nachgewiesen
hat. Von den Avadäuas, die Stanislas Julien aus dem Chi-
nesischen übersetzt hat, gehört Nr. 39 „Le fou et le fils de
coton" hierher. Vergl. Liebrecht, ZV. S. 113 und 129.
Wenn wir nun das Verhältnis von Kaufringers Novelle zu der
Folzischen und der bei Keller gedruckten betrachten, mit denen
sie nach unserer Bemerkung am nächsten verwandt ist, so zeigt
sich recht deutlich, wie hoch Kaufringer über der Novellistik
des 15. Jahrhunderts steht. In der Kellerschen Erzählung ist
zunäclist die Reihenfolge der Stücke insofern geändert, als die
Geschichte von dem falschen Abte der vom toten Bauern voran-
geht. Sodann finden sich im einzelnen viele Unschicklichkeiten,
die den Stümper in der Erfindung und Darstellung verraten.
So lässt sich Hildegunts Mann auf Zureden willig eine Platte
scheeren; so wird dem Bauer Sweichmuet ohne Veranlassung
eingeredet, er sei tot ; so zieht der Bauer Ocker die alten Kleider
ab, und Radigund legt ihm die unsichtbaren Gewänder an.
Die 3 Personen führt der Dichter gar nicht mehr zusammen,
nachdem der Streich gelungen ist, sondern er verlässt sie mit
ungenügenden Bemerkungen. Knawr meint nur, er sei der
zwölfte Abt geworden, Herbrant, er sei wirklich tot; und
Ocker ging lesterlich zur Kirche, man hielt ihn für ver-
rückt. Noch roher und kunstloser verfährt Folz, dessen No-
velle übrigens dieselbe Reihenfolge der Stücke, wie bei Kauf-
ringer, bewahrt. Die kurze, fast aller Motivierung entbeh-
rende Erzählung nimmt nur 141 Verse ein, während sie*
6
84
lange geistliche Auslegung daranschliesst. Die '3 Frauen
sind das Fleisch, der Teufel und die Welt; die Männer aber
bedeuten die 3 Stände: Fürsten, Geistliche, Bürger. Den Preis
spricht Folz der ersten Frau zu. Sehr matt ist der Schluss,
indem der falsche Pfarrer den Toten aufstehen lässt und wie
im Fastnachtspiel mit den Gesellen zum Weine geht. Hans
Sachs hat Folzens Schwank in 62 Versen wiedergegeben.
Die Vorzüge der Kaufringerschen Erzählung sind nicht nur
in der sorgfältigen Motivierung der Einzelheiten, sondern vor
allem in der Kunst begründet, mit welcher der Dichter die
3 Betrogenen in der Kirche zusammenführt, der Höhepunkt der
Novelle. Freilich ist die Szene von ungeschlachter Rohlieit,
besonders in einem Gotteshause; aber sie ist nicht roher als
ihre Zeit (vergl. Chron. 5, 301, 8flf.), davon abgesehen, äusserst
wirksam und von dramatischer Lebendigkeit.
12.
Der Zehnte von der Minne.
Eine einfältige Bauersfrau lässt sich Fastnacht von ihrem
Pfarrer bereden, auch von der Minne den Zehnten zu bezahlen.
Der Ehemann soll von der ersten Abrechnung nichts merken,
sieht aber den Pfarrer aus dem Hause gehen und erfährt bald
alles. Schrecklich bedroht er nun das Weib, in Zukunft diese
Abgabe nicht mehr zu leisten und fordert ihre Mithülfe zur
Rache. Bei einem zu diesem Zwecke veranstalteten Mahle
wird dem Pfaffen eine nicht näher zu bezeichnende Flüssigkeit
als Wein vorgesetzt. Der Ärmste trinkt, und die Folgen äussern
sich. Der Bauer aber spottet zunächst: Der Wein sei von
demselben Stamme, wovon er kürzlich den Zehnten einge-
nommen; dann aber droht er demjenigen das Schlimmste, der
einen solchen Zehnten fordere. Begütigend erklärt der Pfarrer,
das Weib sei unschuldig, und versöhnt den Bauer.
Die Forderung des Pfaffen, welche dieser Novelle zu Grunde
liegt, gehört nach Gierkes Ansicht (der Humor im d. Recht § 10)
wie die des jus primae noctis, ins Reich der humoristischen
Rechtsübertreibungen, was aber von Liebrecht, Zur Volkskunde
S. 416 ff., 94 entschieden bestritten wird, und ist wahrscheinlich
schon vor Poggios Decimae (Bolte zu Frey 22, 91, 123 und zu
85
Montanas S. 627 Nr. 103) ein pikanter Novellenstoff gewesen.
Abgesehen von unkultivierten Ländern, wo derartige Gebräuche
nicht selten sind, hat Liebrecht, das jus primae noctis für
Frankreich, Spanien und Italien, Schottland, Nordengland
nachgewiesen. Ausserdem wird es nur noch im Westgoten-
recht, in einem Züricher Weistume und aus Holland er-
wähnt. In bayerischen Weistümern wird es angedeutet, Eiezler
3, 788. Es ist auch zu erwägen, dass sich Erzählungen
aus gängigen Redensarten, wie hier ,der minne sold, zoll, zins\
heraus krystallisieren können. Ein gutes Beispiel für solche
sagenbildende Thätigkeit der Volksfantasie liefert Müller-Frau-
reuth, Die deutschen Lügendichtungen S. 29. Bei Valentin
Schumann ist die hier in Betracht kommende Bedeutung des
,zins* recht häufig; s. Boltes Register S. 439.
Der Stoff erscheint somit schon als ein vorzugsweise ro-
manischer, wenig deutscher. Die Vergleichung der Frau mit
einem Acker liegt vielen griechischen und lateinischen Ausdrücken
zu Grunde. Liebrecht, ZV. 217: aus einem neugriechischen Volks-
liede: Nr. 278. Die Witwe sagt zum Knechte: „Ich habe dir den
Acker zum Besäen und Ernten gegeben ; du hattest aber einen
schlechten Pflug und eine stumpfe Pflugschar". Der Koran
schreibt in der 2. Sure (Ullmann^ S. 25) vor: „Die Weiber
sind euer Acker; kommet in euren Acker, auf welche Weise
ihr wollt, weihet aber zuvor eure Seele". Landau, Q. d. D. 43.
Für die Volksmässigkeit dieser Vorstellung im Deutschen liefert
ein Schweizerischer Reimspruch den Beleg:
Wenn i emol es Fraueli ha,
So weiss i was i mache:
I legge-n-em e Kummet a
Und fare mit em z' Acher ^).
Das Bild eines Weinberges ist in der Comoedia Milonis und in
einer arabischen Erzählung gebraucht, in welcher von einer
Quelle mit süssem Wasser die Rede ist, die der Löwe (König)
besuche. Landau a. a. 0. Andere spätere Bearbeitungen dieses
Stoffes geben Dunlop-Liebrecht 296 zur Nr. 32 der cent nou-
') Tobler, Schweizerische Volkslieder 1, 208. Weinholds Zeitschrift ftr
Volkskunde 4, 159.
^6
velles Nouvelles^) und Bolte a. a. 0. an. Von dieser ist dann
wahrscheinlich die ungedruckte 50. Erzählung im Grand Parangon
des nouvelles Nouvelles von Nicolas de Troyes abhängig, wie die
Inhaltsangabe bei Mabille S. XXV andeutet: „Des cordeliers d'un
convent qui faisoint payer la dime aux femmes de la ville de cela
que leurs marys leur faisoint de nuit, et corament il fut sceu
par Tune des femmes, dont ils füren t griefement pugnit, car
ils avoint bien merite".
13.
Die Vergeltung.
Ein Pfaffe weiss von der ßittersfrau, zu welcher er ein
buhlerisches Verhältnis unterhält, es zu erlangen, dass sie ihm
zwei Stockzähne des Ehemanns verschafft. Die List, mit der
sie den zweiten Zahn bekommt, ist dieselbe wie jene in der
XI. Novelle.
Aus diesen Zähnen lässt nun der übermütige Pfaffe zwei
Würfel in köstlichster Arbeit herstellen, und in trunkener Laune
vertraut er einst beim Spiel dem Ritter, das Elfenbein der
Würfel habe noch jüngst im Munde eines Ritters gestanden.
Eine Turnierfahrt vorschützend entfernt dieser sich, kehrt aber
Abends heim, versteckt sich in der Kammer und verstümmelt
den Ehebrecher in schrecklicher Weise, ohne sich in der Dunkel-
heit zu erkennen zu geben. Die abgeschnittenen Hoden lässt er
dann als Knöpfe an einem kostbaren Beutel verarbeiten, den
er dem kranken Pfaffen schenkt mit der Erklärung, woher die
Knöpfe stammten. Nur unter der Bedingung aber lässt er den
Elenden leben, dass dieser der Ehebrecherin die Zunge ausbeisst.
Auch das geschieht, und der Ritter verstösst die ungetreue
Gemahlin in Gegenwart ihrer Verwandten.
Über den ersten Teil der Novelle, in dem der Zahn eine
Rolle spielt, ist schon oben bei der XI. Novelle gesprochen.
Die im zweiten Teile vollzogene Strafe findet sich besonders
häufig in wälschen Erzählungen. Vergl. Nicolas de Troyes
Nr. 42, Mabille S. 184, Nr. 20, Mabille S. 87, ferner S. XXX
Nr. 85, XL. IV Nr. 165. Liebrecht, Zur Volkskunde S. 94 ff.
weist diese Entmannung aus Sicilien, Wales und vielen bar-
^) Mitteilung von R. Köhler.
87
barischen Ländern nach. Bolte zu Schumanns Nachtb. S. 386
und Nachträge (LV. 209) S. 277. Zu Montanus S. 620 Nr. 106.
Zeitschrift für vergl. Litteraturgeschichte (Neue Folge) 7, 465.
Eine französische bezw. italienische Überlieferung mag die
Quelle für Kaufringer gewesen sein. Wie ich mir seine Ar-
beitsweise denke, habe ich schon früher ausgeführt.
14.
Die unschuldige Mörderin.
Eine schöne Jungfrau aus gräflichem Geschlechte wird von
einem Könige aus der Nachbarschaft zur Gemahlin begehrt.
Jenem Könige dient ein Ritter, welcher von einem bösen Knecht
veranlasst wird, die Gunst der Braut seines Herrn noch vor
dem morgenden Hochzeitstage sich zu erwerben. Der Anschlag
gelingt. Unter der Angabe, er sei der König und habe Wich-
tiges mit seiner Braut zu verhandeln, wird der Ritter nachts
in die Burg der Gräfin eingelassen, während der König, ihr
Bruder und alle Reisigen zum Hofe des Königs aufgebrochen
sind. Unerkannt von der Braut gewinnt der Verräter deren
Gunst. Doch eine unvorsichtige Äusserung macht die Gräfin
stutzig, und als der vermeintliche Gatte fest entschlafen, stiehlt
sie sich von ihm, zündet eine Kerze an und entdeckt den un-
erhörten Betrug. Schnell entschlossen sucht sie ein Messer und
schneidet dem Räuber ihrer Ehre das Haupt ab. Wo aber soll
sie den Leichnam nun verbergen? In ihrer Not macht sie den
Pförtner der Burg zum Mitwisser ihres Geheimnisses und erfleht
seine Hilfe. Doch dieser stellt nun dafür eine Zumutung, gegen
welclie das unglückliche Weib sich sträubt, die sie aber doch
endlich erfüllen muss. Jetzt schleppt er die Leiche in eine
Zisterne; die Gräfin folgt ihm mit dem Haupte des Getöteten,
und als der Pförtner sich niederbeugt, um den Körper lautlos
fallen zu lassen, stösst sie den Elenden mit rascher Geistes-
gegenwart in die Tiefe. Indessen wird der im Walde wartende
Knecht des getöteten Ritters, weil er mit dem leeren Rosse
betroffen ist, aufgegrifi'en und als Pferdedieb gehängt. So zeigt
sich der Dichter vertraut mit der Kunst der Episode. Des
Morgens wird die Braut von ihrem Bruder zum Hofe des Kör'
geführt, wo man die Hochzeit feiert. In der 1
88
wegt die Gräfin eine ihrer Jungfrauen, heimlicli ihren Platz beim
Könige einzunehmen. Doch nachdem der König eingeschlafen,
weigert sich die Jungfrau, der Königin den Platz wieder zu
überlassen, und diese nimmt zu einem verzweifelten Mittel ihre
Zuflucht. Sie zündet das Bett an, rettet den König und lässt
die Ungetreue verbrennen. 32 Jahre leben nun König und Königin
in ungetrübten Glück, bis eines Tages die Königin, im Gedanken
bei jenen fürchterlichen Ereignissen verweilend, Thränen ver-
giesst, die des schlafenden Königs Antlitz netzen. Er erwacht,
fragt nach der Ursache und erfährt die Wahrheit, nachdem er
ihr wegen des zu Erzählenden seine Gunst nicht zu entziehen
versprochen hat. Gerührt von den Leiden und der Stand-
haftigkeit des Weibes, schliesst er sie in seine Arme und spricht:
„Du hast mich um einen teuren Preis erworben; ich will dii-s
vergelten".
Die französischen, eine englische, eine irische und eine
persische Bearbeitung dieses von unserm Dichter mit sichtlicher
Vorliebe behandelten Novellenstoifes hat Reinhold Köhler, wie
er mir seiner Zeit mitteilte, in zwei Aufsätzen der Romania XI.
581 flf. und XV, 610 if., besprochen. An der Ausbildung des
Stoffes hat wohl wieder der Orient hervorragenden Anteil, wie
die von Köhler Komania XI, 583 f. ausgehobene Erzählung aus
dem persischen Bahar-Danush beweist. Abweichend ist nur
der Anfang der orientalischen Novelle. Eine Königstochter
führt ihren Geliebten heimlich mit in den Palast ein, wird von
dem Vater überrascht und verbirgt den Geliebten in einem Ver-
stecke, wo er erstickt. Um die Leiche fortzuschaffen^) wird
sie das Opfer eines Negers, den sie später von den Zinnen des
Palastes stürzt. Bald darauf vermählt sie der König mit einem
Fürsten. Die irische Version aus dem 12. Jahrh. folgt zu An-
fang der persischen. Der Körper aber wird von einem „vigoureux
rustre" fortgebracht, welchen die Prinzessin dann von einem
Felsen stösst. Die in der orientalischen Fassung erzählten
Vorgänge der Hochzeitsnacht entsprechen genau den in der
deutschen Novelle, während nach dem irischen Livre de Leinstre
die stellvertretende Jungfrau dadurch aus dem Wege geräumt
') Vergl. Bedier, Les fabliaux S. 240. A. 1.
89
wird, dass die Prinzessin sie ertränkt. Der langausgesponnene
Schluss ist erbaulichen Inhalts: Der Gemahl stirbt, die Witwe
weist Anträge ihres Beichtigers zurück und stirbt selig. Die
Erzählung wurde auch den Gesta Romanorum einverleibt und
hat sich in einer englischen Version derselben erhalten. The
early English Versions of the Gesta R. hg. v. Herrtage. S. 394.
Köhler, Romania XI, 582. Hier ist schon statt des Geliebten
der treulose Ritter eingeschoben, den wir auch bei Kaufringer
treffen. Ferner ist nach der Gesten-Überlieferung zwischen
dem Könige und seiner Braut eine nächtliche Zusammenkunft
verabredet, der Ritter aber rät ihm ab. In der deutschen Er-
zählung musste dafür, dass jenes geplante Zusammentreffen
wegfiel, eine Person mehr, der Knecht, eingeschoben werden.
Dem Neger im Bahar-Danush und dem vigoureux rustre im
Livre de Leinstre entspricht in den englischen Gesta „a stränge
ribalde", der im Dienst ihres Vaters ist. Der Brunnen tritt
an die Stelle der Zinnen des Palastes oder des Felsens. Sonst
herrscht Übereinstimmung bis auf den Schluss; die englische
Erzählung nämlich endigt, wie die französischen, mit einem
albernen legendenhaften Wunder, wodurch der bei der Ent-
deckung ausbrechende Zorn des Gatten beschwichtigt wird.
Die deutsche Version schliesst sich am nächsten der orientalisch-
irisch-englisclien an, während die französischen eine Gruppe für
sich ausmachen. Man darf sich Bayern keineswegs als von
der Welt abgeschnitten vorstellen; am Hofe Albrechts 11. zu
Straubing erscheint, wie Helttampts Rechnungen ausweisen,
sogar ein Sprecher des Herzogs von Lancaster. Vergleiche
die Beilage. Dass auch deutsche Gestensammlungen diese Ge-
schichte enthielten, ist recht wahrscheinlich, und dass Kauf-
ringer Erzählungen der Gesta Romanorum kannte, habe ich
schon beim ersten Gedichte wahrscheinlich zu machen gesucht.
In der deutschen Gestalt weist die Erzählung bemerkenswerte
Verbesserungen auf. Aus dem Neger oder dem stränge ribalde,
wie ihn die englischen Gesta nennen, ist der Pförtner der Burg
geworden. Gerade so wurde aus einem Neger der orientalischen
Märchen in der 8. Novelle Kaufringers ein Bauer. Euphorien 6,
465. Der Schluss, welcher in der persischen Fassung noch zu
fehlen scheint, in den andern Überlieferungen aber entw
90
abstossend oder albern ist, hat sich zu einem menschlichen und
poetischen Zuge ausgestaltet: der König verzeiht nicht nur der
Schwergeprüften, sondern lernt sie mehr schätzen und lieben.
Warme Anteilnahme an dem Geschick der Heldin geht durch
das ganze Gedicht, das beste Kaufringers, welches auch am
Ende seinen Namen trägt.
In der französischen Litteratur ist aus unserm Stoflfe, wie
in der irrischen Überlieferung, eine Legende, le conte „de la
roine que Nostre Dame delivra que ele ne fust arse por romicide
qu' ele avoit fet", oder „de la royne qui ocist son seneschaP,
und ein Mirakelspiel geworden mit dem Titel: „Cy comraence
un miracle de Nostre Dame, comment la femme du roy de Por-
tigal tua le seneschal du roy et sa propre cousine, dont eile
fu condampnee a ardoir, et Nostre Dame Ten garanti". Köhler
a. a. 0., Legrand V ^, 147. Das conte devot verlegt die Handlung
nach Ägypten, die irische Erzählung nach Griechenland. Allen
französischen Bearbeitungen ist die Figur des Seneschals, das
Fehlen der dem Neger entsprechenden Person eigen; dafür tritt
als Helferin beim Fortschaffen der Leiche eine Nichte der
Königin auf, welche später auch die Stellvertretung in der
Hochzeitsnacht übernimmt. Zu den von Köhler behandelten
französischen Fassungen ist jetzt noch die zweite Erzählung
der Kaiserin im Roman de Marques de Rome S. 114 f. der
Ausgabe von Alton nachzutragen. Hier handelt es sich nur
um den Betrug und die Strafe des treulosen Seneschals; die
Kapitelüberschrift aus Hs. G. lautet: Comment Tempereriz compta
a l'empereur et aux barons, quMl fu I empereur a Romme,
qui moult se fioit eu son seneschal, le quel seneschal degut
l'empereur et la femme, qu'il avoit fiance. Alton S. XIX.
Die Strafe des Verbrechers ist von ausgesuchter Grausamkeit.
Der Kaiser lässt ein spitziges Eisen (une estrenchant) bringen,
auf dem der Seneschal, mit Steinen an beiden Füssen beschwert,
reiten muss, bis nach zwei Tagen die Spitze ihm bis zum Nabel
in den Leib gedrungen ist und er stirbt. Über die Umgestaltung
des Stoffes in dieser Erzählung spricht der Herausgeber S. XL
Nach der Überschau über den Stoff und seine Bearbeitungen,
wie sie eben angestellt ist, bleibt es nicht zweifelhaft, dass die
Erzählung bei Kaufringer in ihrer vollendetsten Gestalt erscheint.
91
Das Gegeiistl'ick zu iinsrer Erzählung bildet „Das grösste
Opfer" der Vetalapaucavincatika, v. d. Leyen Nr. 8. Siegt hier
weiblicher Heroismus über die Macht zweier Verführer, so
unterliegt er dort dem Betrug und der Gewalt.
In seiner Dissertation über das „Motiv von der unter-
schobenen Braut" hat P. Arfert (Rostock-Schwerin 1897) S. 42
auf Boltes Anregung auch unserer Erzählung gedacht. Er be*
handelt sie unter den Brangäne-Erzählungen. Aber das Motiv
der Substitution ist bei Kaufringer ein nur nebensächlicher Zug;
von ihm allein aus kann man unserer Novelle nicht gerecht
werden. Was Arfert als Thema der Brangäne-Erzählungen
5. 39 vorträgt, trifft Kaufringers Novelle gar nicht, weil von
Busse keine Rede ist. Der Zusammenhang mit Gottfrieds
Tristan, den Arfert S. 43 herstellt, ist nicht vorhanden: „die
fast wörtlichen Übereinstimmungen" beschränken sich auf einige
sachliche Züge (wie Tristan 12589, Kaufr. 14, 484; 12598,
14, 519), die weder Entlehnung noch Nachwirkung der Tristan-
sage begründen können. Mit Recht aber hebt er S. 42 Kauf-
ringers Selbständigkeit hervor. Zur Motivkunde vergl. Singer
im Anzeiger für deutsches Altertum 24, 290 ff.
15.
Weiberlist.
Eine kluge Frau rettet ihren Buhlen, der bei ihr ruht,
dadurch vor dem in die Kammer tretenden Ehemanne, dass sie
diesem mit ihrem Schlafpelze das Haupt verdockt, ihn lebhaft
umarmt und an sich drückt, bis der Buhle entwischt ist.
Diese Novelle kommt zuerst im Hitopadesa vor. Die
6. Fabel desselben erzählt, wie die junge Frau den alten
Hahnrei, der sie mit ihrem Buhlen überrascht hatte, mit Lieb-
kosungen überhäuft und seinen Kopf so lange zwischen den
Händen hält, bis der Buhle sich in Sicherheit befindet. Ohne
erkennbaren Zusammenhang mit der indischen Novelle erwähnt
sie Aristophanes in den Thesmophoriazusen 499 ff. In die übrigen
europäischen Litteraturen aber gelangte die altindische Novelle
auf dem gewöhnlichen Wege über Spanien. Zwei Fassungen
gibt Petrus Alphonsi; X 6— 8, wohl bezeichnet als Frau des
Einäugigen, und XI 1—4, wo eine Decke oder ein Laken die
92
Stelle des deutschen Schlafpelzes vertritt. Beide Versionen
sind als Kapitel 122 und 123 in die Gesta übergegangen. Wie
gross die Verbreitung dieses Stoffes ist, lehren die reichen
Nachweise bei Legrand IV ^ 188, Dunlop-Liebrecht 198, Osterley
zu den Gesta 122, v. d. Hagen GA. II, S. XXVII, B6dier,
Les Fabliaux^ 119, 466 f. Trotzdem ist auch hier die un-
mittelbare Quelle Kaufringers, soviel ich sehe, nicht nachzu-
weisen. Recht nahe steht schon die nicht lange vorher ent-
standene alemannische Novelle : Von dem Ritter mit den Nüssen
GA. 39; auch der Übermut der Frau, die ihrem Mann die An-
wesenheit des Liebhabers geradezu verrät, findet sich, aller-
dings noch ausgelassener, hier. Nur ist die Haltung des
Ganzen den ritterlichen Verhältnissen entsprechend, während bei
Kaufringer durchweg bürgerliche Verhältnisse an die Stelle
treten.
16.
Von den drei Nachstellungen des Teufels.
Über diese Versifizierung der Bertholdschen Predigt Von
den drien lägen glaube ich, was den Stoff betrifft, mit hin-
reichender Vollständigkeit S. XII— XVI, 224—232 der Ausgabe
gehandelt zu haben. Die Verbreitung der Bertholdschen
Predigten im südöstlichen Deutschland bezeugt für seine Zeit
auch Heinrich Teichner, der ihn kennt und zitiert. Vergl.
Karajan S. 108. A. 36.
17.
Die fromme Müllerin.
Der mystische Traktat, den Kaufringer im 17. Gedichte
in Verse gebracht hat, ist noch weiter verbreitet gewesen, als
die bisherigen Nachweisungen (Ausgabe S. IX und Über Sprache
und Verskunst S. 12) erkennen Hessen. Auch in einer Wiener
Handschrift (Nr. 259. Hoffmann S. 352) und in zwei von
Schmeller BWb. I^, 908 erwähnten Münchener Handschriften
(Cgm. 466, 84; 411, 93; nicht 401) findet sich das Stück. In
einer andern Münchener Handschrift, aus welcher Bartsch in
der Germania 18, 195 Sprüche und Verse deutscher Mystiker
mitteilte, wird zunächst (Bartsch S. 196 f.) eine ganz ähnliche
63
gereimte Erzählung von einer seligen Dorfmagd wiedergegeben
und dann Fragmente des Traktates von der Müllerin, und zwar
in mitteldeutscher Fassung.
Während es sich in allen diesen Fällen um einen mystischen
Traktat handelt, gehören Erzählungen, wie „Von den eschen-
grüdel vnd mucio" (Pauli 690, R. Köhler, Jahrb. f. rom. Litt. 14,
28 ff.), worauf Johannes Bolte aufmerksam macht, der rein er-
zählenden ünterhaltuDgslitteratur an.
18.
Das üble Weib.
Ein junger Mann, den sein altes Weib fast zu Tode ge-
quält, soll von dem Teufel gerochen werden. Dieser versucht
es nun ohne Erfolg, mit ihr zu leben. Er muss fliehen und
verbindet sich mit einem fahrenden Schüler, damit dieser als
Teufelsbanner sein Glück macht, wenn der Genosse in einen
Menschen gefahren ist. Das Opfer ist eine Königstochter.
Aber der Teufel, der sich in der Jungfrau vor seinem bösen
Weibe am meisten sicher glaubt, will auf die Beschwörungen
des Schülers nicht weichen, bis der Fahrende die List gebraucht,
ihm vorzuspiegeln, sein Weib käme heran, um wieder Besitz
von ihm zu nehmen.
Das Thema ist alt. Von Biblischem mag abgesehen werden.
Als „Vagantenpoesie" hat Hoffmann von Fallersleben, Ger-
mania 12, 61 Rätsel veröffentlicht, deren eins lautet: Quid est
molestius demoue? Mala mulier ^). Die novellistische und dra-
matische Poesie des Mittelalters hat den Stoff früh aufgegriffen*).
Eine ältere entsprechende Quelle Kaufringers ist nicht bekannt.
Nahe steht ihr eine kui'ze anekdotenhafte lateinische Fassung
bei Stiefel S. 130, der ohne Beweis orientalischen Ursprung an-
nimmt. Erzählungen über betrogene Teufel spielen, wie die
KQvnTadia lehren, noch heute in der Volksüberlieferung eine
wichtige Rolle.
*) Eoegel behandelt diese Rätselfragen in seiner Litteratnrgeschichtel* l^
2) Weinhold, Die deutschen Frauen II * 5. Schmidt-Wartenbf
Stiefel, Hans Sachs Forschungen S. 128 ff. Bolte zu Freys Garl«^
Nr. 45 S. 232.
&6
(Zeitschrift für deutsches Altertum 42, 298), erzählt Kauf-
ringer ein Beispiel.
Mehr als 30 Kaufleute werden von 6 Räubern tiberfallen
und lassen sich dazu bewegen, einzelne von sich auszuliefern,
worauf sie alle überwältigt werden. Hätten sie gemeinsam
Widerstand geleistet, so wären sie stärker gewesen als die Feinde.
Strickers Beispiel von dem Türsen und 12 Männern (Wacker-
nagels Lb. I 559) konnte als Vorbild dienen. Dass, wie Schmidt-
Wartenberg S. XIV will, ein von Wehrmann Nd. Jb. 6, 5 ge-
nanntes Fastnachtspiel einen ähnlichen Gegenstand behandelt
haben soll, ist reine Willkür. Der Titel des Stückes von 1514
lautet: „wor frede, leve unde eendracht is, dar so is ene Stadt
wol vorwareth". 1492 war auch ein Stück „von der eendrachf
aufgeführt. Der Inhalt ist vollkommen unsicher.
24.
Von Schälken und leckern.
Ein kurzer Spruch klagt über die schälke und lecker, die
jetzt in der Welt besonders bei vornehmen Herren zu Ehren
gekommen sind und habgierig, rachsüchtig und untreu, guten
Leuten schaden. Der Schluss erhebt sich zu einem Ausblick
auf die trostlose Lage der Welt. Zeitschrift für deutsches
Altertum 42, 298. Satire^) kann man diese allgemeinen Rüge-
sprüche wohl kaum nennen. In dieser Form sind sie schon im
13. Jh. beim Stricker üblich. Vergl. die Klage bei Hahn Nr. 12,
129ff., ADB. 36, 582, Roethe, Reinmar von Zweter 22, 219 ff.
Gegen die schälke am Hofe wendet sich der Unverzagte HMS. 3,
44b, ADB. 39, 323. Hugo von Trimberg (17212 ff.), Teichner
und Suchenwirt hassen die falschen Hofleute.
Über Teichner ist schon oben die Rede gewesen; Suchen-
wirt sagt 12, 59: er tet nicht als di losen,
di smaichleich chunnen chosen
und sneiden mit ir zungen grat.
21, 53: die losen unde smaichen,
veder lesen, straichen
chuennen paide spatt und vrae.
*) Scherer, Deutsche Studien 1, 313.
_^7
21,61: artzechen und hoffgallen,
vipprig snabelgallen,
sie verwerren manigen man.
38, 137: huet dich vor den hofegallen.
25.
Von sieben Krankheiten, den sieben Todsünden und
den sieben Gaben des heiligen Geistes.
Sieben Krankheiten werden zu den sieben Todsünden in
Beziehung gesetzt und für jede als Heilmittel eine Gabe des
heiligen Geistes bezeichnet. Die direkte Quelle ist unbekannt.
Die mystische Litteratur ist reich an Traktaten über dieses
Thema. Cgm. 2 handelt von den sieben Haupttugenden und den
ihnen entgegengesetzten Lastern.
Die Todsünden behandelt ein Gedicht des 12. Jahrh., Mones
Anzeiger 1839, 58, Altdeutsche Blätter 1, 362 ff., Ps.-Marner
(HMS. 2, 257, 42.) Strauch S. 77, der sogenannte Seifried
Helbling (Seemüller zu VII 144 ff.), Hugo von Trimberg 5215 ff.,
nach ihm das Gedicht vom Meister Reuaus (Wagners Archiv I
15 ff.). Teichner (s. oben), Suchenwirt im 40. Gedicht. Vergl.
Lassbergs LS. I S. 367. Schmeller BWb. II ^ 703. Z. 44, 189 ff.
Die allegorische Einkleidung ist die gewöhnliche. Im Meister
Reuaus sind die sieben Todsünden sieben verschiedene Salben.
Sünde und Krankheit werden von jeher verglichen.
26.
Vom Adel des zeitlichen Leidens.
Kaufringer hat hier ein Kapitel aus Seuses Buch der
Weisheit versifiziert (II 14. Seuse, hg. von Denifle S. 311 ff.).
Da er sich in der Reihenfolge nicht genau an Seuses Text, wie
er bei Denifle vorliegt, gehalten hat und auch aus andern
Partien des Seuseschen Buches Stellen einflicht, so könnte er
eine Überarbeitung vor sich gehabt haben. Im einzelnen vergl.
Kaufringer 7 f. mit Seuse 51 f.; 32 ff. mit 311 ff.; 47 ff mit
310; 67 ff mit 311, 314, 312; 80 mit 313; 89f. mit 314, 313:
102 mit 314; 107 mit 315; 114 ff mit 184; 129 mit 316.
142 ff mit 315.
Eullng, Ueinrich Kaufringer.
98 _
Die Selbständigkeit am Anfang und am Schluss ist sehr
gering.
27.
Von den vier Töchtern Gottes.
Allegorisch werden vier Tugenden als vier Töchter Gottes
bezeichnet, die Gott vier Arten von Menschen in die Ehe gibt.
Die sogenannten vier Töchter Gottes sind nach Teuber (Paul
und Braunes Beiträge 24, 334 f.) durch den Verfasser des
84. Psalms in die Litteratur eingeführt; es sind vier Tugenden:
Misericordia, Veritas, Justitia, Pax. Aber erst der im Jahre 1126
verstorbene Wernerus, Abt von St. Blasien, hat in seinen
Deflorationes ss. patrum (Migne 157, 1039) diese vier Tugenden
zu Töchtern Gottes gemacht. Hugo von St. Victor und der
h. Bernard eignen sich diese Auffassung an. Die mystische
Litteratur kennt vier oder mehr Töchter Gottes (Bartsch, Alt-
deutsche Handschriften zu Heidelberg S. 89. Bartsch, Erlösung
S. IX; vergl. Bollstätters Fortsetzung in der Berliner Hand-
schrift 6), sieben Töchter „der eytlen glory" (Wiener Hand-
schrift Nr. 269, S. 308 bei Hoffmann). Die sieben Gaben des
heiligen Geistes werden in einem Gedicht des Liedersaales I
S. 367 mit sieben Weibern verglichen.
Fassen wir zusammen. Kaufriugers Quellen sind die Predigt,
die reich entwickelte mystische Litteratur, das ihn umgebende
Leben, Zeitgeschichte und gleichzeitige Kulturzustände, und vor
allem wandernde Novellen- und Legenden-Stoffe, die teils durch
Gesta-Sammlungen, teils durch mündliche Überlieferung wahr-
scheinlich meist aus dem romanischen Süden nach Bayern ge-
kommen waren.
V.
Charakteristik.
Und wenn wir unterschieden haben,
Dann müssen wir lebendige Gaben
Dem Abgesonderten wieder verleihen
Und uns eines Folge-Lebens erfreuen.
Goethe.
„Sicherlich lebt bei vielen die Meinung, dass unser bay-
risches Hochland, welches bis in die letzten Generationen so
89
abgeschieden war, in den früheren Jahrhunderten vollends eine
wilde Einsamkeit gewesen sei, wo eigentlich nur der rauschende
Wind über die Thäler dahinzog und wo die Sonne herabsah
auf ein Volkstum voll rauhester, elementarer Kraft. Gleich-
wohl ist diese Vorstellung vollkommen irrig, denn gerade unser
bayerisches Hochland zeigt uns schon im frühen Mittelalter eine
Ära kulturgeschichtlicher Blüte, lebendigen geistigen Verkehrs,
die geradezu mitbestimmend wird für die Physiognomie der
älteren bayerischen Geschichte**. Die Ansicht, wogegen Karl
Stieler in diesen Worten seines trefflichen Vortrags „Alter und
neuer Verkehr im bayerischen Hochland** ^) polemisiert, hat auch
derjenige längst aufgegeben, der jene beliebten und meist sehr
durchsichtigen Übertreibungen von der Kulturblüte des aus-
gehenden Mittelalters nicht teilt. In der That wird der Einfluss
der im 14. Jahrhundert noch ziemlich hoch entwickelten ma-
teriellen Kultur Oberbayerns auf Litteratur und Bildung wohl
eher unter- als überschätzt.
Lebhafte Verkehrsstrassen ^) nach Norden und Osten sowie
die stete Verbindung mit Augsburg und München bewahrten
selbst das Oberland und Vorland der bayerischen Berge vor der
Isolierung, in die sie später fast künstlich hineingedrängt
wurden. Trotzdem die Herzöge durch die Landes teilungen zu
politischer Ohnmacht herabgesunken waren, förderten sie doch
kräftig Handel und öffentliche Sicherheit^).
Für den Wohlstand der Städte haben wir das Zeugnis
Veit Arnpecks und Enea Silvios, der Märkte das Beispiel von
Mitten walde; die Lage der Bauern war hier und in Österreich
günstiger, als fast überall sonst *). Die Kultur der Märkte und
^) Kulturbilder aus Bayern. Mit einem Vorwort von Theodor Heigel.
Stuttgart 1885. S 187.
'^) Verkehrswege im Lechrain bei Steichele, Das Bistum Augsburg, n
414 u. ö. Bavaria I '' 879. QF. 77, 3.
^) Manfred Mayer, Bayerns Handel im Mittelalter und in der Neazeit.
München 1892. S. 18 f. Riezler III 836.
*) Hagel Stange, Süddeutsches Banemleben im Mittelalter. LeiiNii«^
S. 38. 49, zu berichtigen durch Kiezler, Qeschichte Bayernt "^"^
Zu erinnern ist auch an W. H. Riehls Schildeningen: LtOM^
der 5. Auflage.
100
Landstädte erhob sich allerdings wenig über die bäuerliche;
es herrschten in mancher Beziehung auch in grösseren Städten
ländliche Zustände^). Hof und Bürgertum traten sich nahe.
Die Gemahlin Wilhelms III. spielt auf dem Münchener Rathaus
mit geladenen Bürgerfrauen Karten, und Herzog Ernst macht
ein Fest im Rathaus zu Landsberg mit ^). Am Mittwoch nach
Conversionis Pauli 1389 werden die Bürgerinnen «von Straubing
zu einem Tanz zu Hof geladen und bewirtet „dacz dem Jacob".
Helttampts Rechnungsbuch B1.31 b. Aventins klassische Schilde-
rung des gemeinen Mannes in Altbayern hat man sogar auf noch
ältere Zeit anzuwenden versucht, sicher passt sie auf das
Volk des beginnenden 15. Jahrhunderts, wenn er Werke 4, 1,
42 sagt:
„Das baierisch volk (gemainlich davon zu reden) ist geist-
lich schlecht und gerecht, get, läuft gern kirchferten, hat auch
vil kirchfart; legt sich mer auf den ackerpau und das viech
dan auf die krig, denen es nit vast nachläuft; bleibt gern
dahaim, raist nit vast auss in frembde land; trinkt ser, macht
vil kinder, ist etwas unfreuntlicher und aiumüetiger als die
nit vil auss kommen, gern anhaims eralten, wenig hantierung
treiben, fremde lender und gegent haimsuechen. — Der gemain
man, so auf dem gä und land sitzt, gibt sich auf den ackerpau
und das viech, ligt demselbigen allain ob, darf sich nichts on
geschaft der öbrikait understen, wird auch in kainen rat ge-
nomen oder landschaft ervodert; doch ist er sunst frei, mag
auch frei ledig aigen guet haben, dient seinem herren, der sunst
kain gewalt über in hat, jerliche güld, zins und scharwerk,
tuet sunst was er wil, sitzt tag und nacht bei dem wein,
schreit singt tanzt kart spilt; mag wer tragen, schweinspiess
und lange messer. Grosse und überflüssige hochzeit, totenmal
und kirchtag haben ist erlich und unsträflich, raicht kainem zu
nachtail, kumpt kainem zu übel".
Was nun die geistige Nahrung^) dieser Bevölkerung in
ihren höheren Schichten betrifft, so nehmen ja auch sie, wenn
^) Riezler, Geschichte Bayerns III 758.
2) Riezler III 761. Bavaria V 880.
^) Ich kann mich auch hier im aUgemeinen am besten anf Band 3,
Kapitel 4, iu Biezlers Geschichte beziehen.
JOl _
schon in bescheidenem Masse, an der Förderung des geistigen
Lebens teil, die durch Universitäten und die sich vorbereitende
Renaissance herbeigeführt wird; aber für den Konservativis-
mus Bayerns^) ist es doch wieder bezeichnend, dass hier jenen
Strömungen bahl eine auf Wiederbelebung des vaterländischen
Altertums gerichtete Bewegung parallel läuft. Von unverlier-
baren religiösen Bedürfnissen des Volkes zeugen sowohl die
Opfer der Ketzergerichte als zahlreiche Handschriften praktisch-
religiösen Inhalts, von geschichtlichem Interesse viele zum Teil
wertvolle Denkmäler der Historiographie. Die Dichtung bewegt
sich wesentlich in alten Bahnen; die Arbeit der Aneignung
überkommenen Erwerbs nahm die bürgerlichen Träger der
Litteratur noch vollauf in Anspruch. Die Litteratur dringt tief
in die untersten Schichten des Volkes ein. Über die Dichtung,
welcher die Teilnahme höherer Stände gewidmet war, sind wir
hier, wie fast überall, auch in diesem Zeitraum leidlich unter-
richtet, wenn wir aus etwas späteren Erzeugnissen auf den Ge-
schmack der vorangehenden Jahrzehnte schliessen dürfen. Man
liest nach Ausweis der um die Wende des 14. Jahrh. entstandenen
Handschriften am häufigsten den Teichner, Suchenwirt, Suchen-
sinn und ältere Epen; im 15. Jalirh. wenden sich an diese
Kreise Johann Holland aus Eggenfelden, Pütrich, Wilhelm
Sunneberg, Ulrich v. Füetrer. Diese Namen bedeuten ja nicht
viel für die Geschichte unserer Litteratur in ihrem Gesamt-
verlauf; aber ihre Erzeugnisse lassen erkennen, wie die social
höher gestellten in Altbayern ihre littorarischen Bedüi'fnisse
befriedigten, was man hörte oder las.
Von der Litteratur der untersten Stände wissen wir fast
nichts. Und doch, wer wird den unleugbaren künstlerischen
Instinkt, die volkskünstlerische Bildung*), welche den sttd-
bayerischen Bauern und Marktbürger unsres Jahrhunderts so
hoch über seine norddeutschen Landsleute stellt, früheren
Generationen dieser Bevölkerung absprechen können? Lebte
sie doch bis vor nicht langer Zeit noch in ähnlichen Verhält-
nissen wie früher. Aber nur selten treten in der Geschichte
') Koegel, Geschichte der deutschen Litteratur P 122. 192.
') W. H. Biehl, Land und Leute, Kapitel 6. Stieler, Kultnrbilder 8. 2U
102
des geistigen Lebens Spuren der breiten litterarischen ünter-
strömungen zu Tage, die man in der Regel als nicht vorhanden
bei Erwägung der bestimmenden Faktoren der Entwicklung
auszuschalten pflegt. Tauchen sie einmal auf, dem Litterar-
historiker bemerkbar, so verdienen sie um so mehr Beachtung.
Ein Beispiel dieser wenig bekannten Litteraturgattung in Bayern
bietet für das XIII. Jahrhundert der Wigamur^), für das XIV.
und XV. Jahrhundert die Dichtung Heinrich Kaufringers.
Es ist die Zeit, da der fahrende Sprecher in Bayern sein
Publikum fand. Einen Einblick in das Leben und Treiben
dieser Leute gestatten uns erhaltene Rechnungen vom Hofe
Albrechts II. von Niederbayern - Straubing, der Liber Rationis
Walfardi Helttampt, protonotarii illustris principis Alberti juni-
oris inferioris Bavariae^), eine schätzbare kulturgeschichtliche^)
Quelle, die längst eine vollständige Herausgabe verdient hätte.
Für die Fahrenden Leute ist immer eine besondere Nach-
weisung angelegt, meist unter der Überschrift: „Varend laut*
(Bl. 36b), „Item varenden läuten" (50a), „Varenden läuten**
(68b), „Nota. Varenden läuten" (98b)*), aber auch unter den
sonstigen Einträgen finden sich Posten für Fahrende aller Art.
Neben Landfahrern, Gauklern, Bachanten, Vaganten, Fiedlern,
Pfeifern, Lautenschlägern, fahrenden Schülern und Fräulein,
Herolden, Knechten, Spielleuten begegnen uns auch vornehme
Singer. Wenn die Höhe des Honorars einen Massstab für die
^) Sarrazin QF. 35. Zeitschrift für deutsches Altertum 24, 89 flf.
^) K. B. allgemeines Reichsarchiv. Fürstensachen. Bayer. Nachtrag.
Nr. 1. M. Freiherr von Freyberg hat in seiner Sammlung historischer Schriften
und Urkunden II 81 ff. die auf das Jahr 1392 bezüglichen Stellen nicht ohne
Versehen abdrucken lassen. Die Rechnungen laufen vom Herbst 1389 bis
zum Jahre 1303, aber der letzte Teil der Handschrift ist durch Wasser g^nz
verdorben, der Text verlöscht.
*) Zum Beispiel bezeugen die Rechnungen schon für ihre Zeit (1391)
das Laufen mit Schemhaupten um Weihnachten. Blatt 90a: ,Itero in die
nativitatis Christi den schulem, die mit den schemhauppten laufent, zu
trinkchgelt 12 Pf.' Schmeller, BWb. II « 418. QF. 77, 98 ff. Reicke, Ge-
schichte der Reichsstadt Nürnberg 254 ff. Hampe, Mitteilungen des Vereins für
Geschichte der Stadt Nürnberg 1?, 96 ff.
*) von Freyberg 146. Roethe hätte, nicht (ADB. 37, 103): „Nota Va-
render läuten" schreiben sollen.
103
Wertschätzung der Leistungen gibt, so steht obenan Liendlein,
der Singer des Römischen Königs, dem der Herzog einmal ein
Pferd für 32 Gulden (8 Pfund) schenkt (Bl. 73b; 1390)^). Dieser
Mann erweckt auch dadurch Interesse, dass er die Zeugnisse
des Mittelalters für die Beteiligung von Juden*) an der Kunst
vermehrt. Liendlein, der Jude, (Bl. 28 a), des Romischen kunig
Singer, erscheint 1389—93 als verhältnismässig häufig wieder-
kehrender Gast und erhält bald ein Pferd (Bl. 28 a, 73b), bald
einen Narrenkittel (32a), bald ein Geldgeschenk (144b, Frey-
berg 147), bald allein, bald mit Gesellen. Auch der bekannte
Suchensinn ist nicht nur einmal bei Hofe gewesen; sondern
schon 1390 hat der in Albrechts Dienst stehende Pfeifer Liebel
24 Pfennig mit ihm verbadet ^). Im Jahre 1392 logierte Suchen-
sinn (Freyberg 148) in derselben Herberge*) „bei dem Huner-
mair", wie 1390 der Weihbischof, der allerdings höher, mit
2 Pfund, ausgelöst wird (Bl. 65 b).
Die zahlreichen Sprecher, die am Hofe ihr Glück versuchen,
erhalten in der Regel nur ein Pfund, noch immer ein an-
ständiges Honorar, wenn man für 4 Pfund ein mittelwertiges
Reitpferd kaufte^). Es sind nicht nur bayerische und öster-
reichische Sprecher, die hier erscheinen, sondern auch Sprecher
aus Holland, Polen, Böhmen und England*). Genannt werden
ausser den schon bekannten Sprechern Sorgnicht, Irrgankch,
*) Suchensinn hatte 1392 4 Pfund für sich und seine Qesellen erhalten.
Voreilig sagt Roethe (ADB. 37, 103): „Die ungewöhnliche Höhe der Gabe,
die in Helttampts Bechnungsbuche unter der langen Rubrik N. V. 1. ihres
Gleichen nicht hat (?), deutet wohl darauf hin, dass S. das geschätzte Haupt
eines ganzen Kreises von Fahrenden war".
') Zs. f. d. A. 38, 201 fif. Es ist also aus allgemeinen Gründen die An-
nahme Arnolds gar nicht so weit abzuweisen, dass der Besitzer des berühmten
Lochheimer Liederbuchs auch ein Jude gewesen sei. Chrysanders und Beller-
manns Bedenken (Jahrbücher für musikalische Wissenschaft 2, 231) schlagen
nicht durch.
*) Schraeller, BWb. I * 207. Die Texte sind in der Beilage abgedruckt.
*) Zappert brachte (Wiener Sitzungsberichte 13, 151) solche Eintragungen
ohne Grund mit lockerem Herbergslebeu und dessen entsittlichendem Einfluss
in Zusammenhang.
*) Freyberg 146. 154.
•) Siehe die Beilage.
104
Wunnsam, Lobdenfrumen ^) besonders und, zum Teil als mehr-
mals bedacht, ein Sprecher Uli Unrw, vom Herzog von Tek
gesandt (36b), Utz und Kunz Irrganck^) (68b), Hannsy von
Tottenaw (68 b, 98 b), Albrecht Vestt (68 b), der Stachler (98 b).
Die meisten sind namenlos oder mit Angabe ihres Herrn auf-
geführt. Einmal kommt ein Sprecher mit einem Kinde zu
Hof (68 b).
Den Besuch der Höfe musste ein Mann von so bescheidener,
volksmässiger Kunst, wie Heinrich Kaufringer, den Meistern
der geblümten Rede überlassen. Sein Wirkungskreis reichte
kaum bis in die gesellschaftliche Sphäre des halb gebildeten
Bürgersmannes.
Kleinbürgerliche Leute, Markt- und Landbewohner seiner
engeren Heimat bilden sein Publikum^). Ihrem Gesichtskreis ver-
steht er sich anzupassen; darüber geht er nirgends hinaus. Seine
ganze Geographie besteht aus dem Lechgebiet und Oberbayern,
die er gründlich kennt. Von Frankreich, Erfurt, Strassburg
weiss er nur durch Hörensagen oder seine Quellen. Das alt-
testamentliche Gaba hat er durch Berthold kennen gelernt.
Böhmen und Apulien kennt er als Vaterland der Diebe und
Räuber, Rom als Sitz des Papstes. Sein Weltinteresse ist das
des kleinen Mannes ^). Nur gedämpft und bis zur Unkenntlich-
keit entstellt dringt in diese Kreise die Kunde politischer Zu-
stände und geschichtlicher Ereignisse % des Städtekrieges oder
des Hoflebens; undeutlich verallgemeinert und mit um so
deutlicherer praktisch -moralischer Lehre mundgerecht gemacht,
entspricht derartiger aktueller Stoff dem Geschmack und der
Fassungsfähigkeit dieser Volkskreise ^). Und wenn der Vor-
») Für Tirol vgl. Zs. f. d. Altertum 31, 177 ff.
*) Wahrscheinlich identisch mit dem bei 1392 bei Freyberg erwähnten
Irrgankch.
') XII 13. Ausgabe S. VII f. Über den bäuerlichen Charakter der Be-
völkerung in den Märkten Riezler III 667.
*) Riehl, Land und Leute S. 256: „Im allgemeinen ist auf der bayerischen
Lechseite noch viel grössere Abge-schlossenheit des Volkslebens, ältere Sitte,
minder bewegliche Entwicklung wahrzunehmen als auf der schwäbischen*.
^) Über den Mangel an historischem Sinn in der Volksdichtung: Böckel,
Volkslieder aus Oberhessen Vf.
•) XXIII. XXIV.
lOB
tragende in seine Legende oder einen frommen Spruch einen
lateinischen Satz einflicht ^), so that das ja auch, wie noch heut,
der Dorf- Pfarrer in seiner Predigt, und ausser Lesen und
Schreiben, das man schon auf dem Dorfe lernen konnte, lernte
man günstigen Falles auch vom Pfarrer und in Klosterschulen
etwas Latein ^). Obwohl er sich kaum einer Existenz erfreute,
die wert schien, in Urkunden oder Aufzeichnungen andecer Art
Spuren zu hinterlassen, war der Kaufringer doch in seiner
Umgebung ein Beispiel verhältnismässig ausgezeichneter volks-
tümlicher Bildung. Aus Bertholds von Regensburg Predigten
wählt er eine wirksame „von den drien huoten" sich zur Grund-
lage eines Spruches (XVI) aus. Ein Kapitel aus Heinrich
Seuses Buch der Weisheit verarbeitet er zu einem andern Ge-
dicht (XXVI), und einen namenlosen weitverbreiteten mystischen
Traktat von einer frommen Müllerin versifiziert er im XVII.
Spruch. In dem Vorstellungskreise praktisch-erbaulicher Fröm-
migkeit bewegt er sich mit leidlicher Sicherheit (XIX, XXII,
XXV, XXVII). Die religiöse Dichtung weckt seine ersten Ver-
suche, stark beeinflusst durch den beliebten Heinrich Teichner,
eine Gattung, die noch in des Teufels Netz 8011 ff. eine be-
sondere Empfehlung erhält. Während sonst die Sprecher schon
bald mit den Gauklern zusammen genannt werden '*), die immer
voll, nie nüchtern, alle in den Schlund der Hölle fahren (Netz
11981. 11973. Seifried Helbling II 1447), vergleicht der Ver-
fasser jener Satire die frommen Spruchsprecher sogar mit den
Aposteln :
„Aber die guoti ding tuond sprechen,
An den tuon ich mich nit rechen,
Sam gaistlich ding singen und sagen
Und sich damit betragen . . .
Also mocht ain man noch sprechen und leren,
Ob sich ieman daran wolt keren
Und von siner uppkait lan,
') I 4. XXV 216. Renner 20143 ff.
^) Riezier III 847 f. Ein Chunrat Schulmeister zu Landsberg: Oberbayer.
Archiv 49, ö48. Allerdings ist die mittelalterliche „Volksschule"^ eine moderne
Legende.
») Netz 1 1 978. Voce, bei SchmeUer U « 699. Wackemagel-Martin § 44, 17.
106
Der waer wol ain saelig man.
Der taet ettwas den zwelflFbotten glich,
Die bekarten baide arm und rieh.
Wer den gaeb, daz waer wol angelait,
Es waer pfenning oder klait.
Die tuon ich zuon buben nit zellen".
So verkündet denn Heinrich Kaufringer seinen Zuhörern
Eitelkeit und Elend dieser Welt (XIX), die verderbt und un-
rein ist, das Land des Todes. Nur Flucht vor der Welt rettet
die Seele. In überkommenen barocken, aber nicht unwirksamen
Bildern variiert er sein Thema. Wie der Wein, soll er nicht
verderben, in ein anderes Fass abgezogen werden muss, so soll
der Mensch sich ein anderes Gefäss suchen, worin die unreine
Hefe der Welt nicht liege. Mit Judaskuss verrät sie den
Menschen an die Teufel; sie küsst mit Wohlergehn und Ehre.
Wie die Figuren nach geendetem Schachspiel durcheinander
geworfen werden, die schweren Bauern oben, die Könige unten
liegen, so macht*s der Tod mit uns; ein böser König kommt
ganz zu Unterst in den tiefen Sack der Erde. Was für einen
Lohn hat die Geige, die den ganzen Tag süss gesungen? Das
Geld nimmt Abends der Musikant, sie wird in einen alten Sack
gesteckt, wie der Tote in sein Sterbehemd, nur die guten
Werke folgen ihm nach. Selbst, wenn man gesündigt hat, soll
man die guten Werke nicht unterlassen (XXII); ihr Verdienst
lindert die Höllenpein, gibt ein Anrecht auf Glück in dieser
Welt und befördert die Rückkehr zu Gott. Nichts ist aber
dem Menschen heilsamer als Leiden und Verachtung vor der
Welt (XXVI). Mit Leiden fängt Gott seine Freunde. Sieht
er, dass es ihnen wohlergeht im Weltleben, so bestreut er ihre
Strasse mit Leiden, sperrt ihnen den Weg durch Dornen und
schliesst alle Lücken mit Widerwärtigkeit. In holperigen Versen
singt der Dichter dem mystischen Minnesänger das Hohelied
vom Leiden nach^); „höre das süsse Saiteuspiel der zerdehnten
Saiten eines gottleidendeu Menschen, wie herrlich es tönet, wie
^) Das Lob der Armut ist ein Thema der Poesie der Bettelorden, das
Lob der Arbeit feiert in ähnlicher Überschwänglichkeit Rosenplüt im Müssig-
gener, ein Priamei das Leiden (Göttinger Beiträge 2, Nr. 83).
107
sfissiglich es erkliuget" (Dcnifle S. 386). Leiden ist ein Hort,
den niemand kaufen, dessen niemand wttrdig werden kann.
Leiden tibertriflft an Wert das rote Gold; Leiden ist eine
Labung der Seele, Leiden ist eine Hüterin der Reinheit, eine
Bringerin der Seligkeit, Leiden eine Erlöscherin göttlichen
Zornes, eine Erwerberin seiner Huld; Leiden ist ein gesunder
Trank, ein heilsames Kraut ob allen Kräutern des Paradieses;
von Leiden ergrünt die Seele wie die schöne Rose im Maien-
tau. Die lang ausgesponnenen anaphorischen Reihen enden in
zwei naiv ausgemalten Vergleichen: der gednldig Leidende
gleicht einem turnicrenden Ritter ^) ; wie das Publikum gespannt
ihm zuschaut, so gaflft das gesamte himmlische Heer vergnügt
zu diesem „aufdringenden Wunder" hernieder; denn die Himmels-
knaben sind ja Sachverständige des geistlichen Turniers, weil
sie selbst das Leiden früher versucht haben ^). Im Himmel
wird er herrlich empfangen und singt dort in süssem Ton einen
neuen Reihen vor, den alle guten Engel doch nicht singen
können, weil sie nie Leid empfunden haben. Die verworfenen
armen Mitbrüder sind die seligen Himmelskinder. Im XXV.
Gedicht werden trocken und ungewandt die 7 Hauptkrankheiten,
7 Todsünden und 7 Gaben des heiligen Geistes abgehandelt.
Blähungen und Geschwulst sind die Hoffart, der heilige Geist
gibt als Mittel dagegen das Pflaster göttlicher Furcht. Dem
Aussatz entsprechen Neid und Hass; Gegenmittel Güte und
Milde. Die dritte Krankheit heisst Frenesis ; das ist der Zorn ;
zu heilen durch göttliche Kunst. Paralisis gleicht der Trägheit,
wogegen die Stärke des heiligen Geistes hilft. Ydropisis be-
deutet Geiz, Gegenmittel ist die Gabe des Geistes. Der fressende
Wolf wird der Unmässigkeit und dem Trunk gleichgestellt;
dagegen hilft die Einsicht. Schüttler und Ritt bedeuten die
Unkeuschheit und sind durch die Gabe der Weisheit zu ver-
treiben. Im XXVII. Spruch erscheint die beliebte Allegorie
von Töchtern Gottes, die an vier Geschlechter der Menschen
verheiratet sind. Den Reichen gibt Gott die Barmherzigkeit,
») Vergl. Seuse S. 218 ff.
^) So kleidet das Mittelalter den Gedanken Seuecas: Ein tapferer Geist
im Kampf mit der Widerwärtigkeit ist ein anziehendes Schauspiel selbst für
die Götter.
108
den Armen die Geduld, den Sündern die Reue, den Guten die
Gottesfurcht zur Frau.
Alle diese kurzen, ungeschickten Sprüche verraten den
Anfänger^); aber die Beschäftigung mit solchen Fragen ent-
spricht doch auch der „tief beschaulichen Natur" des heutigen
gemeinen Mannes in Oberbayern, der es liebt, in seiner Art zu
philosophieren ^).
Den Übergang zu weltlichen Stoffen bezeichnen zwei Ge-
dichte, in denen Rügen allgemeiner Zustände in Teichnerscher
Manier zum Ausdruck gelangen : ein Spruch gegen die Schälke
und Lecker (XXIV) ohne Anschaulichkeit, und eine Rüge der
Uneinigkeit mit einem Beispiel nach Strickers Art (XXIII).
Mit diesem noch mangelhaften Versuch einer Erzählung betritt
er das Gebiet, auf dem er eigentlich zu Hause ist. Erweitert
wird die Erzählung schon in dem Gedicht von den Vorsprechen
(XX), die bis ins 16. Jh. beliebte Geschichte von der tergiver-
satio eines Advokaten behandelnd. Während dieser und der
XXI. Spruch, die alte Erzählung von dem Kozzen, noch ganz
ernst gehalten sind, ist der XVIII. ohne Zweifel Kaufringers
erster Schwank: Vom bösen Weibe, vor dem sogar der Teufel
die Flucht ergreift. Aber wie abhängig er auch hier äusser-
lich noch von dem Teichner ist, zeigt die steife von diesem
entlehnte Dialogform des Eingangs.
Schon bedeutend gewandter sind seine beiden Legenden,
von dem Einsiedler und dem Engel (I) und vom bekehrten
Juden (II); sie zeigen schon Einfluss besserer Muster der
Erzählungskunst und bemerkenswerte Ansätze zu abgerundeter
Gestaltung. Freilich stehen sie hinter der gediegenen Leistung
Kunz Kisteners doch erheblich zurück, übertreffen aber die
Legendenversuche Teichners ganz bedeutend. Dem Teichner
fehlt es an dem rechten epischen Talent; die Legende von der
bekehrten feilen Frau (LS. Nr. 143) besteht zur Hälfte aus
Moralisation.
Voll entwickelt sich Kaufringers Individualität in der
^) Zar Beurteilung der Didaktik des Mittelalters vergl. Boethe, Eeinmar
von Zweter 260.
^) Stieler, Kulturbilder 28 f.
109
Novelle (III— XV). Derselbe Mann, der erbauliche Sprüche
und Legenden schreibt, in völliger Entsagung und willigem
Leiden (XIX, XXV) das einzige Heil findet, der im XVII.
Spruch die höchsten Fragen mystischer Spekulation erörtert,
der am Schluss des XVI. Gedichtes (774 ff.) wie ein Kirchhofs-
prediger seine fromme Zuhörerschaft auffordert, ein Ave Maria
zu beten: derselbe Mann erschöpft in 13 Novellen fast alle
poetischen Formen des Ehebnichs^), des tragischen wie des
komischen, in Darstellungen, die z. T. allerdings von einem
gewissen sittlichen Ernst getragen sind (VI, VIII, XIII, XIV),
aber häufiger doch das Pikant-Mutwillige mit Behagen bis zu
grotesker Roheit steigern (XI). Welcher Widerspruch! Und
doch dürfte dieser Widerspruch mehr für den modernen Be-
urteiler bestehen, als er für die Zeitgenossen d6s Dichters vor-
handen gewesen sein wird. Mit dem in der Geisteskultur des
Mittelalters einmal gegebenen Dualismus des Göttlichen und
Weltlichen^) ist eben immer zu rechnen. Das Heiligste und
das Uuheiligste lag in der naiven Anschauung des niederen
Volkes im ausgehenden Mittelalter dicht beieinander; wer nur
wenige Handschriften dichterischer Erzeugnisse dieser Zeit in
die Hand nimmt, findet dort oft das Gemeinste wie das Edelste
in harmlosem Gemisch durcheinander, ohne dass der Geschmack .
des Schreibers, des Lesers oder Käufers daran Anstoss ge-
nommen hätte. Der Geschmack verlangte Abwechslung. Die
Pfafien wollen sich auf die Kosten der Bauern, diese auf Kosten
der Pfaff'en unterhalten'^) lassen, wie in des Teufels Netz 80370".
bitter beklagt wird:
Und wenn si komend zuo den pfaffen.
So tuons die buren hinderclafi'en
Und redend von in so schamlich,
Dem nit kau werden gelich.
Und wenn si denn komend zu den buren,
So land si sich des nit beduren,
^) Rosenkranz, Studien I 56 ff.
*) von Eicken, Geschichte und System der mittelalterlichen Weltan-
schauung S. 346 u. 0.
*) Noch Kriegk, Deutsches Bürgertum, N. F. 1871, 193 leugnet eine
Uuterhaltungslitteratur im Mittelalter.
HO
Sie redend von priestern so swache,
Das sie allsamen werdent lachen^).
Die Frage, ob die laxe Moral, welche aus einigen Novellen
Kaufringers gefolgert wird ^, individuell ist, fällt zunächst fast
ganz mit der Frage nach seineu Quellen zusammen*). Er hat
wohl nichts erfunden, sondern in jedem Fall bestimmte Quellen
benutzt. Es ist wiederholt bemerkt, dass die ungemein freie
Darstellung des Weiblichen mit den Stoffen eigentlich aus ganz
anderen Kulturverhältnissen auf die deutschen übertragen zu
sein scheint; eine Nachwirkung jener Verhältnisse, in denen
das Weib eine ganz andere Stellung als in Deutschland ein-
nahm, ist schwerlich zu leugnen. Man braucht nicht soweit
zu gehen, mit Holland von faul gewordenem Leben zu reden;
dagegen spräche schon die gesunde Entwicklung der alten Kunst
und ihre zum Teil glänzenden Denkmäler.
In der IV. Novelle milderte Kaufringer das Anstössige des
Fableau du Fot6or, indem er (323 flf.) die Ehre des Bürger-
meisters als unverletzt bezeichnet*) und seine, anfangs zwei-
deutige, Höflichkeit als weise Mässigung billigt. Wenn durch
das Alter oder die Tölpelhaftigkeit des Mannes und die Jugend
oder die Überlegenheit der Frau echte Sittlichkeit der Ehe von
vornherein aufgehoben ist, so setzt sich die poetische Behand-
lung einer Verfehlung und Strafe der Frau, wie im V. und IX.
(X., XI. und XV.) Gedicht, nicht ohne weiteres dem Vorwurf
der ünsittlichkeit aus^). Erfunden hat Kaufringer auch die
V. Novelle nicht. Was an derartigen Vorkommnissen das Leben
bot, zeigt das Beispiel Kaiser Ludwigs (Riezler III, 225) und
für später so manches Blatt der Zimmerischen Chronik ®). Wo
Mangel an persönlichem Mut etwas Unmoralisches verschuldet
*) Teichner bei Karajan Anm. 247.
«) Vogt in Pauls Grundriss II * 360.
*) Vergl. Lachmann, Kl. Schriften I 407: „Dem Dichter, dem Verfasser
einer einzelnen poetischen Erzählung, gehört von der Fabel und ihren Personen
und Begebenheiten nichts Wesentliches eigentümlich zu, ebensowenig als der
Glaube oder die sittlichen Ansichten, auf die er fusst" ; aber auch QF. 77, 164;
vor allem Rohde, Der griechische Roman S. 299.
*) was allerdings zu 252 ff. wenig stimmt.
*) Rosenkranz S. 84 ff.
®) Vergl. Germania 36, 45 ff.
111
(VI), spricht sich Kaufringer im Epilog mit grosser Schärfe
gegen die Moral des ohne Zweifel anders ^) überlieferten Stoffes
aus, ohne den sich nun ergebenden Gegensatz zu dem Prolog
zu bedenken. Der Vorwurf laxer Moral triflft mit Recht ausser
der vierten die VIL, IX., X., XI., XV. Novelle Kaufringers,
aber ebenso seine Zeit als ihn persönlich^), und mehr noch
seine Quellen. In allen andern Stücken (III., VIII., XII., XIII.,
XIV.) stellt Kaufringer das 'Unmoralische mit entschieden sitt-
licher Tendenz dar. Man übei-sehe den Abstand nicht, der
Kaufringers Darstellungen von der in den Städten des 15. Jhs.
beliebten Pornographie trennt.
Trotzdem in allen seinen Novellen immer der Ehebruch
eine (mehr oder weniger wichtige) Rolle spielt, zeichnen sie
sich doch durch eine überraschende Mannigfaltigkeit des Stoffes
aus, die gar nicht zu verstehen wäre, wenn man nicht bedenkt,
dass seine Heimat ein wichtiges Durchgangsgebiet mittelalter-
licher Kultur war.
Er bezeichnet seine Novellen ohne Unterschied als spruch,
rede, abentiur und märe. Zunächst bereichert er die Gattung
der altbayerischen Dorfgeschichte um drei sehr beachtenswerte
Stücke (III, XI, XII). Die älteste deutsche Dorfgeschichte,
Nummer 17 und 18 des Ruodlieb, führt in das Vorland der
bayerischen Berge; nicht minder der klassische Meier Helm-
brecht. Unsere Zeit mit dem Verfall der traditionellen Sitt-
lichkeit ist dem Genrehaften günstig^), und „von grozen herren
tihten" hat Kaufringer nie gekonnt^). Das erste Gedicht der
Art (III) stellt einen Inquisitionsprozess gegen einen Bauern
dar, der als Meier auf einem Domkapitelshof sich durch seine
karge Rechtlichkeit mit dem Pfarrer und dem Dorf richter *)
verfeindet. Dieser ein habgieriger Hahnrei, jener ein aufge-
blasener ^) Galan im Priesterrock, bilden einen wirksamen Gegen-
0 Rosenkranz 8. 87/88.
^) „Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die sicli
meist uubewusst bewegen". Goethe bei Loeper, Werke 19 S 14.
8) üosches Archiv für Lg. 1, 171.
*) Teichner bei Karajan Anm. 201.
*) Vergl. Stieler S. 196.
•) III 528.
112^
satz zu dem charaktervollen Mann, den sie verderben wollen.
Altbayerische Rechts- und Sittenzustände, bisweilen mit satiri-
scher Bitterkeit geschildert (III 15 flf., vgl. 677), kommen lebens-
voll zur Geltung.
Von dramatischer Lebendigkeit ist der bekannte Novellen-
kreis von 3 klugen Bauerweibern (XI). Für den baju warischen
Realismus der Darstellung und die Roheit des Stoffes, die aber
von der Gemeinheit^) eines Hermann von Sachsenheim wohl zu
unterscheiden ist ^) und durch satirisch angehauchte Schilderung
gemildert wird, entschädigt ein bedeutendes Geschick in der
Komposition.
Von der bigotten Einfalt einer braven, hübschen Bäuerin
zeugt die dritte Geschichte dieser Art: der Dorfpfarrer zieht
den Zehnten von der Minne ein und erleidet eine ekelhafte
Strafe. Hier wird die Fastnachtsfeier auf dem Lande erwähnt
(37 flf. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben S. 235). Merk-
würdig ist die Erzählung der gewaltthätigen Entführung eines
Bauern (VIII). Freilich entbehren diese Darstellungen bäuer-
lichen Lebens der durchdachten Feinheit Wernhers des Gärtners,
der beweglichen Beobachtungsgabe des Strickers und der Geni-
alität Heinrich Witten weilers; aber unter den Dorfgeschichten
I nehmen sie, abgesehen von ihrem Gehalt, insofern eine besondere
! Stellung ein, als sie von einem in bäuerlichen Kreisen stehenden
Verfasser für eben diese Kreise gedichtet sind, während sonst
fast immer, in der höfischen Dorfpoesie, im komischen Epos
wie im Fastnachtspiel die bessere oder sich besser dünkende
Gesellschaft an der Karikatur bäuerlichen Wesens sich erfreut^).
Dass der „Helmbrecht" wirklich auf ein bäuerliches Publikum
berechnet war, lässt die mehr höfische Haltung des Ganzen
*) Bei der Beurteilung der Novellenlitteratur ist so häufig übersehen,
dass, wie Schüler an Goethe schreibt, das Gemeine nur in der Behandlung,
nicht in der Wahl des Stoffes liegt. ^Die litterarische Komik konnte in ihren
Anfängen nicht schon sittlicher Humor oder ästhetischer Witz sein". Gröber,
Grundriss IP 611.
^) Kaum anders dürften die Leistungen des tou Bächtold (Germ. 33,
257) herausgegebenen Schweizer Dichters zu beurteilen sein ; z. B. Nr. 3 = Frej's
Gartengcsellschaft 83.
^) „Sehr selten wird die natürliche Tüchtigkeit des Bauern anerkannt*^.
Gosche I 223.
113
doch als sehr zweifelhaft erscheinen ^). Kaufringer verteilt Licht
und Schatten so, dass seine Sympathien offenbar auf Seite der
Bauern stehen. Er reiht sich den Dichtern an, die den Bauern-
stand in seiner Kraft und Bedeutung mitempfindend würdigen *).
In die leise Satire, welche schon der XI. Spruch heraus-
fühlen lässt, mischt sich glücklicher Humor, wenn es gilt,
schwankhafte Stoffe zu gestalten. In der Erzählung vom Beicht-
vater als Postillon d'amour (VII) geschieht es auf Kosten eines
Mönches, in drei anderen (IX, X, XV) auf Kosten einfältiger
Ehemänner. Der beinahe vom Schuster im Bad überraschte
Chorherr führt einen sehr gelungenen humoristischen Vorgleich
seiner Lage mit dem Schwitzbad durch (IX 89 — 107). Ein-
kleidung und Haltung dieser leichtgeschürzten Stücke sind ge-
schickt und launig (IX 263, X 79 ff.). Er ist auch sonst ein
Freund humoristischer und satirischer Bemerkungen (III 448,
VI 237, XI 532 ff, XIII 306, XI 238 parodiert die Formel des
Volksepos, XII 253 ff. vielleicht den Weinschwelg).
Am besten gelingt ihm die volksmässigc Erzählung einer
ernsthaften merkwürdigen Begebenheit oder was man wenigstens
dafür nahm. Welchen Wert er auf die beste Novelle dieser
Art (XIV) legte, bezeugt die sonst in keiner einzigen späteren
Novelle erfolgte Nennung seines Namens. Dem Geschmack
seines niederen Publikums entspricht die stark hervortretende
Vorliebe für das Ungewöhnliche des Stoffes und die kräftig-
grelle Sinnlichkeit der Darstellung. Das wunderliche Gemisch
von natürlicher Roheit und naivvolkskünstlerischer Bildung,
das noch heute den südbayerischen Bauer zu einer höchst an-
ziehenden Charakterfigur macht ^), zeigt sich auch hier. Eine
seltsam büssende Frau, eine unschuldige Mörderin, vier Leichen
in 764 Versen, gräuliche Verstümmelungen, wunderbare Ver-
wickelungen und Peripetieen, grosse Bösewichter, gefährliche
Intriganten, ein geheimnisvoller Gefangener, unerkannte Fürsten
neben den herkömmlichen leichtsinnigen Weibern und lüsternen
Pfaffen: solche Gegenstände, an die der späteren Volksbücher^)
^) So auch Schönbach in der Deutschen Litteraturzeituug 1891, 1455.
») Gosche I 225.
«) Riehl, Land und Leute S. 277.
*) Kohde, Der griechische Roman S. 414 f.
Euling, Heinrieb Kauflringer.
114
erinnernd, übten ohne Zweifel anf derartige Zuhörer grossen
Reiz aus. Wer solche Erzeugnisse vom Standpunkt einer fort-
geschrittenen Kultur zu verurteilen geneigt ist, lese erst noch
einmal Riehls Erlebnis im Markte Weiden: Land und Leute 270.
Der Fassungskraft seines altbayerischen Publikums kommt
der Dichter durch eindringliche Wiederholungen und ausge-
dehnten Gebrauch der fast „ festgefrorenen " epischen Formel
entgegen. Wenn er häufiger am Schluss seiner Novellen einen
allgemeinen Gedanken oder die Nutzanwendung gibt, so ent-
spricht auch das dem Charakter volkstümlicher Poesie. Goethe
sagt in seiner Recension der Allemannischen Gedichte Hebels:
„Wenn der höher Gebildete von dem ganzen Kunstwerke die
Einwirkung auf sein Inneres erfahren und so in einem höheren
Sinne erbaut sein will, so verlangen Menschen auf einer niederu
Stufe der Kultur die Nutzanwendung von jedem Einzelnen, um
es auch sogleich zum Hausgebrauch benutzen zu können^.
Ausserdem war die Moralisatio bereits in der vorbildlichen
episch-didaktischen Diclitung stark entwickelt. Von breiten
moralisierenden Sprüchen voll mystischer Speculation geht Kauf-
ringer zu Beginn seiner dichterischen Thätigkeit aus; das auf-
dringliche Moralisieren schwindet immer mehr, im XV. Gedicht
fehlt es völlig. Die meisten sind dreiteilig gebaut. Ein kurzer
Prolog eröffnet das Stück meist mit einem allgemeinen Ge-
danken, von dem er ungezwungen zum Thema übergeht, oder
mit einer Formel des fahrenden Sprechers, und ein Epilog
schliesst mit Nutzanwendung, persönlicher Meinungsäusserung
oder Formel.
In seinen besten Gedichten herrscht Einheit des Stoffes
und der Idee, wie im XIV. Spruche, der seine Kunst und Vor-
tragsweise am anschaulichsten zeigt.^
So volksmässig diese Kunst des fahrenden Sprechei's auch
ist, sie arbeitet dennoch mit den Errungenschaften der höfischen
Epigonendichtung. Kaufringer lernte diese Muster erst später
kennen. Die frommen Reimereien sind von den Novellen durch
einen grossen Abstand der Technik getrennt. Während er
früher sklavisch nach den Vorlagen arbeitete, wird er sich
später davon freigemacht haben. Leider scheint der unmittel-
bar benutzte Bericht für keine der Novellen erhalten zu sein.
115
Mündliche Überlieferung hat ihm zweifellos öfter als Quelle
gedient.
In der Litteratur wie in der Sprache vermittelt Heinrich
Kaufringer, wie wir sahen, zwischen Osten und Westen, baye-
risch-österreichischem und alemannischen Wesen. Diesem
verdankt er die Form seiner Erzählungskunst, jenem die fromm-
didaktische Richtung seiner religiösen Sprüche. Von Heinrich
Teichner scheidet ihn der Mangel an eigenen Gedanken und
der Vorzug grösseren Kompositionstalentes, von Konrads von
Würzburg Schule die Volksmässigkeit seiner Kunst. Steht er
so in feinerer Auffassung und Durchbildung des Lebens hinter
seinem städtischen Landsmann Hermann Fressant zurück, so
übertrifft er ihn an wahrer Natürlichkeit, Kraft und Lebens-
fülle, ohne dabei der Gemeinheit Heinrichs von Landshut zu
verfallen. Die wandernden Motive verarbeitet Kaufringer noch
mit wirklicher epischer Kunst; die spätere Zeit bringt Reime-
reien, in denen das roheste Stoffinteresse alle Zuthat verschmäht.
Für die Stoffgeschichte sind Kaufringers Gedichte eine wichtige
Quelle, für einige Fälle die älteste deutsche Bearbeitung. In
Bayern bezeugt er ein lebhaftes künstlerisch-litterarisches Be-
dürfnis in Kreisen, über deren Teilnahme an der Litteratur
sonst die Quellen zu schweigen pflegen; und wenn auch die
Stoffe seiner Novellen sämtlich den wandernden zugehören, so
ist doch so viel kulturgeschichtlich Merkwürdiges darin ver-
arbeitet, dass ihr Wert auch in dieser Beziehung bestehen bleibt.
Voltaire will jede Poesie gelten lassen, nur die langweilige nicht;
es gibt nicht viel Gedichte, die es weniger sind, als die Er-
zeugnisse dieser Erzählungskunst Heinrich Kaufringers.
Er fand auch Nachfolge. Ein schwäbischer Landsmann,
der die deutschen Gesta Romanorum bearbeitete, nahm sich den
Kaufringer zum Muster. Die lehrreichen Fragmente dieses
Dichters, früher zum Deckelschutz eines „Evangelibuch, Augs-
burg 1500** verwendet, hat Friedrich Keinz in den Altdeutschen
Kleinigkeiten I (Zeitschrift für deutsches Altertum 38, 445 ff.)
veröffentlicht; er hat der beinahe vollständig erhaltenen Er-
zählung den Titel: „Der Harnisch des toten Ritters" ßr«-
geben. Die Abhängigkeit ergibt sich aus folgender Zur
Stellung :
116
77: „in meinem sin so dunckt
mich,
under zwaien Übeltat
ist das alwegen mein rat,
ob man aintweders muos be-
staun,
man sol das merer übel laun,
davon sol man alzeit fliehen
und sich zuo (Hs. von) dem min-
dern ziehen".
118: „wan der ain hauss
brinen sech,
der es zuo stund derniderbrech
und Hess das fuir nit für bass
gaun,
der hette daran wol gitaun,
das wer dann vil bosser zwar
wan daz die ganz stat schaden
empfieng,
do das fuir den über gieng".
5: „do si also in trübsal warn,
do kam ain ritter ain gefarn".
Kaufringer VI 2:
„under zwaien übeltatt
ist das allweg wol mein ratt,
ob man aintweders müste lian,
das merer übel sol man lau
und sol das minder übel
haben" ^).
XIX 43: „wer sein hauss vast
prinnen säch**,
VI 12: „und das er nider
werffen solt
sein haus und das erzerren gar,
das das feuer nicht fürbas far,
e das die statt würd gar ver-
prant".
V 631: „da si in den kumer
waren,
da komen die jager gevaren*.
Stil, Technik und Wortmaterial decken sich in manchen
Punkten; man vergleiche die Epitheta „vil guot, gemaid, ausser-
welt, hochgeborn, kune (wigant), werd, wolgetan, reich" ; „nuo
secht ir wol, ir secht hie wol"; die Formeln „ich wil das für
war sagen, das ist war"; die Wörter „gewär, vol, diser weit
schein" (Kaufriuger XVIII 3).
Das umgekehrte Verhältnis, eine Abhängigkeit Kaufringers
von dem schwäbischen Dichter, ist nicht anzunehmen, da dieser
mit seiner mangelhaften Metrik und Ausdrucksweise kein Vor-
bild für Kaufringer abgeben konnte.
Dagegen ist Heinrich Kaufringer mit Unrecht im Zusamnien-
hang mit einem bis dahin nicht veröffentlichten Spruch genannt,
*) Karl Stieler, Kulturbilder, S. 29: „Denn von zwoa Übel muass ma'
do' AU weil dös kloaner' nehma*.
117
mit dem es eine eigne Bewandtnis hat; ich meine „Conrad
Volstatter's (!) Gedicht von des TeufePs (!!) Töchtern" im Journal
of germanic philology, edited by G. E. Karsten. Volume I. Bloo-
mington, Ind. ü. S. A. 1897, S. 249 ff. Obgleich, wie sich zeigen
wird, Conrad Volstatter zu den litterarischen Gespenstern ge-
hört^), erhalten wir in der amerikanischen Zeitschrift Beiträge
zu seiner Biographie und Beurteilung. „Die schülermässige
Behandlung des Stoffes, der Mangel an Verstechnik und poeti-
scher Gestaltungskraft erlauben uns den Schluss, dass sein
Ruf die engsten lokalen Kreise nicht überschritten hat. Es
scheint das Beweis genug, Volstatter Baiern als Heimatland
zuzuweisen, dem Lande, dem auch der Teichner (!) und Heinrich
Kaufringer sowie der Copist angehörten".
„Der Dichter spricht ganz in dem Tone des Kaufringer
und wird wie dieser wohl dem bäuerlichen Stande angehört
haben".
Ich möchte Bayern vor der Ehre in Schutz nehmen, ein
solches Ungeheuer eines „Dichters" hervorgebracht zu haben,
der in 24 Knittel- Versen „gehabt" auf „gewallt", „wuocher"
auf „ser" reimt. Wenn der Vater dieses Poeten für dessen
bayerische Abstammung keine besseren Zeugnisse hat, als er für
die Behauptung ins Feld zu führen haben dürfte, Heinrich
Teichner sei auch ein Bayer gewesen, so könnte man diesen
Versuch, Bayerns Litteraturgeschichte zu bereichern, wohl auf
sich beruhen lassen. Aber die Sache hängt auch noch etwas
anders zusammen. Die fragliche Reimerei ist nichts als mut-
willige Schreiberversifikation, die an das voraufgehende Teich-
nersche Gedicht von den 3 Töchtern des Teufels angeklebt ist.
Blatt 53 a der Berliner Handschrift endet das Gedicht Heinrich
Teichners so:
„Geyttikait, sein dritte maydt,
Hiess er notturft, speyss und claidt.
Die bestatt er auch zuo handt.
Nun ist wenig yemant im landt,
Er welle der töchter aine han
Durch iren namen wolgetaun.
^) Yergl. Roethe, Reinmar 167 und Keinz, Z. f. d* A.
118
Da ist ettleicher bey,
Der sie lieb hatt all drey.
Wie gar recht böss der werden mag,
Bey dem die dritt tochter lag,
Die geyttikait genennet ist,
Der wünscht dannocht zuo aller frist,
Das er newr sein notturft hiett.
Ob er all die wellt erstritt,
Dennoch wer er notturft lär:
Also sprach der Teychnär".
An die Erwähnung der geyttikeit knüpft der geistreiche
Besserwisser an:
„So hatt der teufel die geyttikait
Zuo der ee genomen in der cristenhait.
Bei der hatt er acht töchter gehabt".
Und aus dem Teichner parodierenden Schluss klingt der
Mutwille: „das ist auch war on alles gevär. also sprach
Conrad Bollstätter". So nämlich, nicht Vollstatter, heisst der
Mann, dessen Leistung Bayerns Litteraturgeschichte im Mittel-
alter auszuschmücken bestimmt war.
Bollstädt ist das bekannte Pfarrdorf im Landkapitel Donau-
wörth auf dem Bergzuge zwischen Hohenaltheim und dem oberen
Kesselthal, wo nach unverbürgter Tradition Albertus Magnus
geboren sein soll. Steichele, Das Bistum Augsburg, in, 605 f.,
fühlt eine ganze Reihe Träger des Namens Bollstätter an.
Bis nach Nürnberg scheinen die Spuren Kaufringerscher
Erzählungskunst zu leiten. Es ist möglich, dass sie Hans
ßosenplüt, der später so ganz andre, eigne Wege ging, gekannt
hat. In Betracht kommen hier einige Schwanke, in denen der
Mangel frappant Rosenplütscher Züge, d. h. seiner späteren
Kunst, bemerkt worden ist^).
Die allgemeine Verwandtschaft in formelhaften Reimen
(QF. 77, 151 f.), in Eingangsformeln (160), Schlüssen und
andern Punkten der poetischen Technik und Stilistik drängte
sich bereits gelegentlich bei Kaufringers poetischer Technik
>) ADB. 29, 230. QF. 77, 148.
119
auf. Mehr als eine ganz allgemeine Verwandtschaft dürften
folgende Stellen bezeugen:
Keller, Erz. 112, 17 f. : Kaufr. V, 422; 113, 15 f. :
I, 250 f.; 117, 11 : II, 55; 118, 18 flf. : XI, 384 ff. (118, 21
: XI, 387); 366, 13 und König im Bade D 2 b : VI, 227;
Fsp. 1182, 126 b, Zeile 20 f. : I, 123 f.; 1187, 277, 5 f. :
XII, 128 f.
Wenn die angefahrten Entsprechungen hinreichen sollten,
die Verwandtschaft Rosenplütscher Kunst mit der Kaufringers
wahrscheinlich zu machen, so hätten wir die interessante
litterarhistorische Thatsache festzustellen , dass Augsburger
Dichtung nach Nürnberg wanderte und Nürnberger Dichtung
nach ein oder zwei Menschenaltern wieder auf Augsburger
Produktion zurückwirkt. QF. 77, 143 f., 160. Die novellistische
Epik Bayerns und Schwabens arbeitet noch über ein Jahr-
hundert mit der Technik Heinrich Kaufringers. Die Stufen
dieser Entwicklung zu verfolgen, ist hier nicht möglich; es
gentige der Hinweis, dass ein wirkliebes historisches Verständ-
nis der Kunst des Hans Sachs noch auf die Technik wird
zurückkommen müssen, die Heinrich Kaufringer geschaffen hat.
■>■♦<
Beilage.
Aus dem Reclmungsbuch Helttampts, das schon oben S. 102 fif.
benutzt wurde, kommen folgende Belege für den Verkehr der
Fahrenden, der Dichter, Sprecher und Singer am Hofe Herzog
Albrechts II. in Betracht. Bei der offiziellen Bezeichnung des
Aktenstückes: „Königlich Bayerisches Allgemeines Reichs-Archiv,
Fürstensachen , Bayerischer Nachtrag Nr. 1 : Herzog Alberts
in Niederbayern Rechnung von 1390 bis 1392" ist übersehen,
dass die ersten Einträge schon aus dem Jahre 1389, die letzten
vom Jahre 1393 stammen.
Herbst anno 1389:
(Blatt 28 a): *Item an montag nach Reminiscere Liendl
dem Juden, des Romischen kunig singer, geben zu zerung umbe
einen maiden und sust zerung, darumb man in von dem Jacobe
lost, schuf mein herre und sein viztumb 3 Pfd. 10 /^\
(Blatt 28 b) auf einer Reise nach Böhmen zum Römischen
König, seiner Juden zu Regensburg wegen : 'Item einem Sprecher,
des von Rosenberg knecht, geben 1 schockch groschen; macht
3 ß /9i .
(29 a) : 'Item des Romischen kunig singern, dem Chunezen,
Liendl und iren gesellen 3 schockch groschen; facit 18 ß /^\
(32 a): 'Item an demselben tag' (d. h. Freitag nach
Scolastice) 'dem Liendl, des Romischen konnigs singer, umb
einen narrenkchitl 27 /^\
(36 b): 'Varendläut von dem herbst anno 1389.
Item an montag nach Michaelis einem Sprecher schaf mdii
herre 60 a; facit 36 /^.
121
Item eodem die des von Osterrich spreclier geben sclmf
mein herre 1 Pfd. amb. ; facit 72 ^.
Item in die omtiium sauctorum einem Sprecher des vorf
Meissaw von Osterrich schuf mein herre 16 amb.; faeit 36 .^.
Item an siintag vor Lucie knmen 4 Sprecher für meinen
herren; den wart geschaft S ß ^.
Item in der ersten vastwochen zn Lanndaw ward meinem
herren ein Sprecher gesant, genant VII Vnrw, vom herzöge von
Deckche; dem ward geschaft 6 ß amb.; macht 3 ß 18 'S/.
(37 a) : Item zu weinahten einem Polaniscben Sprecher
geben schuf mein herre 60 .^.
Item an erclitag in den weinabtveiertagen dem Maienplüd
and dem EQne paukker, lierzogen Friderich knechten, 1 Pfd. .^'.
1390.
(44 b ZQ Landshut) : 'Item der cappelen und Liendl singer
von 7 pferden stalmiet zum WurfTl 3 /3amb. ; facit 14 ^\
(50a zu Wien): 'Item varenden läuten 25 Pfd. ^.
(68 b): Varenden läuten anno domini 1390.
Item an mittwochen nach Letare dem MayenplUd and
herzog Friderich paukker geben 2 Pfd. ^.
Item annunciacionis beate virginis Marie herzogen Friderich
dem Utzen selbander und Chnnczen Irrgankch geben 2 Pfd. ^.
Item eodem die (d. h. in die Pasce) einem Sprecher geben
60 amb.; facit 36 ^.
Item eodem die aucli einem Sprecher mit einem kind geben
60 amb.; facit 36 ^.
Item, do mein herre zu Dingelfingen was, nach der pfingst-
wochen, einem Sprecher geben 36 ^.
Item Haimsy von Tottenaw Sprecher geben 60 amb.;
facit 36 -Sj.
(69a): Item an sinitag vor Margarete zwahi fidlern von
Tekkeiidorf und Hannsy, des Stadelüicr Sprecher, ^eben 1 Pfd. .
Item lioselben (d. \i. in die ftgWiBMWtoBig beate
Marie) einem Sprecher gebuu 80 J^a
Item zu Lanndaw an sunt^Jl^^Q^^^^^iyUA Sprecher
122
Item in die 11000 virginum Albrechten Vestt, des von
Osterrich Sprecher, geben 1 Pfd. ^.
(69 b): Item an samptztag vor circumcisionis domini einem
Sprecher geben 60 /^.
Item eodem die Liebl dem pfeiflfer geben, di er mit dem
Suchensin verpadt het, 24 /^.' (Dieser Liebl gehört zum Ge-
sinde des Herzogs; von Freyberg 94. 146, 152. S. besonders
unten Bl. 148 b.)
'Item eodem die (d. h. Montag nach circumcisionis) des
herzogen von Langchastl zu Engellannde Sprecher geben 60 /? /^.
Item in die Anthoni dem Waidenlich lauttner und singer
schuf mein herre her herzog 1 Pfd. ^,
Item in die Vincencii dem Maienplüd geben 1 Pfd. /^.
Item doselben (d. h. in die conversionis Pauli) einem Sprecher
geben 36 /^.
(73 b): Item Liendlein, des Romischen kunig singer, kauft
einen maiden umb 32 gülden; macht 8 Pfd. /^.'
1391:
(98 b): 'Nota. Varenden läuten.
Item dem Waidenlich geben, di mein herre mit mir schuf
zu Nurmberg, do er ein gein Hollande reiten wolt, 60 ^,
Item grafen Conradis von Freiburg Sprecher schuf mein
herre in die omnium sanctorum, genant Hanns von Tottenaw,
1 gülden; facit 60 /^.
Item (an erchtag nach Nicolai) dem Stachler Sprecher
geben 60 ^,
Item am erchtag darnach des von Osterrich geben 4 gülden ;
macht 1 Pfd. ^\
1393.
(144 b zu Heidelberg) : 'Item Liendel, des Romischen kungs
singer, 2 gülden.
(148 b): Item eodem die (d. h. pfincztagesnacht) Liebel
dem pfeiffer geben zu Haidlberg, davon er von meins herren
wegen ausrichten solt all spilläut zu dem hof, 7 gulden\
Nachtrag.
1. Zu Heinrich Kaufringer.
Vergleiche ra S. 1: Stod. z. deutsch Knnatgescb. 21, 2ff. 190; zu S, 37:
21, 221 ff.; zaS.6ü ADnierknng2: BQcher, Arbeit und Rhythmus, zweite Anfliige,
S. 296. Zu Nr. XVIII: Modertl Lang, Notes 13, 487. — Die [Anz. 42, 297)
EU Eaafringer XXV 37 vorgetragene Vermutung wird dnrch Schmellers
BWb. I' 660 widerlegt. — Zu XIV 234 (Ausgabe S 339. Über Sprache
und Versknoat S. 9): .Da' steht in der HanddchrifL — Zu XIV 672.761
siud die Anmerkiuigen der Ausgabe S. 223 scn streichen. — VI 213 ist
,DaB' gegen die S. 232 der Ausgabe aasgesprochene Vennntiing beizu-
behalten: .sein will" steht in der Hb. ~ Zu Ausgabe S. III; Dass der
Schreiber das QeschSft des Verzieren» der Handschrift selbst besorgte,
war nicht üblich. Burdach, Vom Hittelalter zar ßefonnation S. 130 f. —
S. rV, Zeile 11 lis statt „aleniHnuiscb' : .bajeriach-ostschwäbisch'. — S. VIII:
III 448 ist kein Sprichwort. ~ 3. IX, Zeile 2: Zur blossen Lektüre scheinen
die SprUche ursprünglich nicht beslimmt zu sein. — Über Sprache nnd Vers-
kanst S. 12, Zeile 3 lis XVI statt 111 — S. 16, Zeile 8 von unten lis: Vorarl-
bergers. — 3. 8, Zeile 8 von nnten: siehe DWb. IV 1, 3108 „gelflben" und
Kanfr. XVIII 106, XXVII 102, 133. — 3. 16: Die Reime ei : ei und ai : ai
sind in Cgm. 270 korrekt auseinandergehalten. — Im Texte ist V 227 eq
lesen: „manne', 254 Variante , liebe", 377 .Zanmpt", VI 287 .rauos". VII
66 .fnogklich', 77 .gefölgig*, 137 „half, 141 „muoss", 217.273 .fllgen',
338 „handlen", 359 .kriechpanm', VIII 251 „Darauss*, 331 „trunken", XIII
46 Anm. .fluichstu".
2. Zu Kunz Kistener (Germ. Abb. XVI).
Wilhelm Wackemagel hat in seinen von Toischer ans dem Nachlasse
herausgegebenen Vorlesungen über den Armen Heinricii S. 1H8 lii'^i^iulre
BeciehungeQ des h. Jncubus zu Siechonlmusem aiigeuumneu und redet ä. 2U1
von , Bezögen des Pilgerweseits und des b, .Tacubus auf den J
der Schweiz", sagt er, , hatten öfter mit Rücksicht auf die I
Compostella pilgerten (Kisteners Jakobs brUder), die Blechen
zum Schutzpatron, der selbst als Pilger dargestellt wanle>.j|
Es ist aber wegen der Ansteckungsgefahr an n
wahrscheinlich, dass Pügerberbergcn mit Leprui
124
wären, und ans den von Wackernagel zitierten Belegen geht das auch nicht
hervor. Er verwies nämlich (S. 188) anf eine Abhandlung von D. A. Fechner,
Basels Anstalten zur Unterstützung der Armen und Kranken während des
Mittelalters, im 4. Bande der Beiträge zur vaterländischen Geschichte, heraus-
gegeben von der historischen Gesellschaft zu Basel 18öO, S. 388. Hier wird
nur ausgeführt, dass ein Leprosarium von St. Leonhard nicht lange vor 1265
ausserhalb der Stadt nach St. Jakob an der Birs verlegt wurde.
Die Verbindung ist hier blos äusserlich, St. Jakob tritt an die Stelle
des ursprünglichen Patrons St. Leonhard. Im übrigen ist beachtenswert, was
Fechner S. 395 sagt: „Hatten ursprünglich die Spitäler die Bestimmung,
hülflose Fremde, namentlich fromme Pilger aufzunehmen, so gestaltete sich
im Laufe der Zeit ihr Zweck allmählich insofern anders, dass sie vorzüglich
arme Kranke der Gemeinde aufnahmen''. So ist auch St. Jakob in Basel
scheinbar Patron der Aussätzigen geworden, und ähnlich mag es in St. Jakob
an der Siehl bei Zürich und sonst der Fall gewesen sein. Arch. f. Schweiz.
Gesch. 15, 186.
Dass diese sehr fraglichen Beziehungen des h. Jacobus zu den Aus-
sätzigen etwa die in den Jakobsbrüdem vollzogene Verbindung der Freund-
schaftssage mit der Jakobussage vermittelt haben sollten, ist daher recht
unwahrscheinlich.
Auch in Bayern ist der h. Jakob nicht Patron der Aussätzigen. Höfler,
Die Kalenderheiligen als Krankheitspatrone beim bayerischen Volk. Weinholds
Zeitschrift für Volkskunde 1, 300.
Zur Bechergeschichte vergleiche die reichen Nachweisnngen Böckeis,
Deutsche Volkslieder aus Oberhessen S. Vlllff.; zum Jakobsliede S. LXVn
und CXXXVIII, Daux, Le pelerinage k Compostelle 310 ff.; zu den Wall-
fahrten Renner 10239 ff. Martin und Lienhart, Wörterbuch der Elsässischen
Mundarten 1, 405. Anz. 26, 159 f. Heute sucht man die Wallfahrten
wieder zu beleben. Anton Mayr, Eine Fahrt durch Frankreich nach
Spanien und Portugal. Mit einem Vorwort von H. Geiger. Badolfzell,
1878. Im Texte der Jakobsbrüder ist hinter Vers 965 der Punkt zu
tilgen, hinter 971 Komma zu setzen; in der Anmerkung zu Vers 379 hinzu-
zufügen: Kellers Erzählungen 374, 15. Luther bei Reinhold Köhler in der
Germania 6, 369. Braut NS. 104, 59.
Ein Komhändler Heinze Kisteuer kommt im StUB. 6, 726, 18 (1398) vor.
Berichtigungen.
S. 9, Zeile 7 lis: , Einwirkung '^ ; S.51, Zeile 1 „mit der wir'; Zeile 7: ,iu
den Gesta"; S. 52, Zeile 1: „nolo"; S. 57, Zeile 14 von unten: „dass''.
-•—.♦•»«•
Register.
AdelzhoTen Seite 5.
Albrecbt IL, Herzog v. Niederbayern-
Straubing 102 ffl, 120 ff.
Augsburg 6 ff.
Badeweseu 4, 39.
Der verklagte Bauer 56 ff., Ulf.
Beichtvater als postillon d'amour 70 ff.
Bertbold von Regensburg 25, 37, 92,
105.
Bollstätter, Conrad 98, 116 ff.
Brettspiel 69.
Bruch zurückgelassen 77 ff.
Der Bürgermeister von Erfurt und der
König von Frankreich 62 ff., HO.
Chorherr und Schusterin 74 ff.
Herzog von Deckche 121.
Dingelfingen 121.
Dorfgeschichte 111 ff.
Ehemänner betrogen 79 ff.
Das glückliche Ehepaar 74.
Einsiedler und Engel 48 ff., 108.
Englischer Sprecher 122.
Fahrende 102 ff., 120 ff.
Gerichtswesen 56, 61.
Handschriften A 5 f., 0 23 f.
Hans V. Tot tenaw, Sprecher 104, 121.
Hannsy, des Stadekker Sprecher 121.
Heidelberg, Hof zu H. 65, 122.
Walfard Helttampts Rechuuugsbuch
89, 102 ff., 120 ff.
Helmbrecht 112 f.
Humor 40, 53, 80, 113.
Irrgankch, Chuncze 103 f., 121.
Italien und Bayern 72 ff.
Jude als Singer 103, 120 ff.
als Besitzer des Lochheimer Lieder-
buches 103 Anm. 2.
Der bekehrte Jude 53 ff.
Die uneinigen Kaufleute 95 f.
Kaufering 4, 7.
Kaufringer, Heinrich der ältere (Käuf-
ringer) 7.
der jüngere 7.
Frater Heinricus Kaufringer 7.
Kaufringer, der, Heinrich, der Dichter
Heimat 5 f.
Persönlichkeit 6 ff.
Zeit 8.
Verskunst 46 f.
Poetische Technik 8 ff.
Quellen 47 ff.
Verhältnis zu Gottfrieds Tristan 4,
91.
Beurteilung 3 ff., 110 ff.
Nachahmer 115 ff.
Cheffringer 6.
Kistener, Kunz 8, 123.
König vom Odenwald 24.
Konrad von Freiburg, Graf 122.
Konrad von Würzburg 8 ff.
Der kozze 21.
Kuffringer, der, ein Bote 0.
Chuncze, :Singer 120.
136
ICö.
LküdAw 121
Liiidsh'it 121.
Vom Adrl de- Leidens 97 ff.
LifcUI, Pfeifer 103, 122.
Liendl. tin^er de* RozLis'jiieii konig«
l'>3, 120 ff.
LitU;ratar^e»c Lichte des 14. Jabrhim- ■
den 1. lOtJff . 123.
Der Maiei;plQl 121. 122.
De« Toii Jlei-isaw Sprecher 121.
Minne lohn zurüik;;e};ebeD ^35 ff.
MoraliUt l<i9ff
Die unschuldige HOrderin Si ff.. Il3f.
31iiller. Conrad von «»tiiutfen 23. ';
Die fromnie Müllerin 92 ff.
Mvstik 24, 92, 94. 97.
y.n icUkikcB vBd lecken 96 f.
SdMBkiqtfftafai 106.
HeiAiicji SettK 97, 106.
Skben iLnakiieiie&, siebea T*>l5findeii,
sieben *>alKB des heiligen Geistes
aneer 120.
Singer nnd Uattaer 122.
^lirecber lQ2ff., 120 2.
Sortier, Joachim 5.
Der Suchler, Sprecher 122. .
Scchensinn 103, 122.
Snchenwin 31, 96. 101.
Teichncr. Heinrich, 8, 22 «F.. 101, H3a
115.
seine Stoffe 24 ff.
sein Stil 27 ff.
Töchter Gottes nnd des Tenfcls 98 f..
107 f.
Unrw, Uli. Sprecher 121.
Der üu 121.
Drei Nachstellungen des Teufels 92. ^.^ Vergeltung 86 ff.
1 Vestt, Albrecht, Sprecher des Ton
, Osterrich 122.
Quellen 47 ff. ^^" ^^^ vorsprechen 94 ff.
Polanij»'.her Sprecher 121.
liruder Rau-ich 55 1.
De« von Rosenberg Sprecher 120.
Rosenplüt 37, 118 f.
Rottenbuch, Kloster 5.
Haus Sachs 27, 119.
Satire 113.
Das üble Weib 93 ff.
Weiberlist 91 ff.
Weideulicb, lauttner und singer 122.
Von der Welt 94.
Von guten Werken 95.
Der Zehnte von der Minne 84 ff.
lluch<li-ucki;rct MarcUk« 4 Martin, Trebuits in Sdilea.
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Stanford UniTersity Libraries
Stanford, California
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